Coole Forschung gegen Krebs

Wir haben ja vor kurzem berichtet, dass 47 von 53 Krebsstudien nicht replizierbar seien und im Artikel auch erklärt, warum das sowohl tragisch als auch kein Problem für die Wissenschaft an sich ist.

Als Gegensatz möchten wir einen kurzen Blick darauf werfen, woran gerade (hoffentlich erfolgreich) geforscht wird. Man bekommt ja vielleicht einen negativen Eindruck, wenn man Schlagzeilen wie die obige liest. Dem wollen wir ein wenig entgegenwirken und schreiben über:

* Impfungen, die „direkt“ gegen Krebs wirken
* Viren, die nur Krebszellen töten
* durch HIV genetisch modifizierte T-Zellen, die Leukämie bekämpfen

Forschung ist einfach cool!

Man wird uns also hoffentlich vergeben, wenn wir die Skepsis ein wenig zur Seite legen und die folgenden Forschungsergebnisse einfach toll finden. Es ist fantastisch, mit welchen Ideen geforscht wird, welche Wege beschritten werden. Viele sind eine Sackgasse, nicht alles davon wird funktionieren, möglicherweise schwere Seiteneffekte haben, aber allein die Ideenvielfalt ist bewundernswert.

Impfung gegen Krebs
Sehr spannend ist eine relativ aktuelle Meldung, die uns vor allem auch deswegen berührt, weil es sich um eine Impfung gegen Krebs handelt. Es geht dabei um Mucin-1 (von mucus: Schleim), ein Protein, welches bei Krebszellen sehr häufig auftritt. Es wird daher schon lange vor allem bei Brustkrebs als Tumormarker eingesetzt.

Die Idee ist nun, dass man dem Immunsystem beibringt, dass es Zellen, die diesen Marker tragen, als „feindlich“ einstuft. Wenn das Immunsystem solche Zellen nun angreift, wird das Tumorwachstum zumindest gebremst. Die Impfung wird dabei Kranken verabreicht, nicht wie üblich zur Prävention (wobei auch das bei Risikofällen angedacht ist).

In der angesprochenen Meldung geht es um ImMucin, einen Impfstoff auf dieser Basis, der von einer israelischen Firma gerade in Versuchen der Phase I/II am Menschen getestet wird.

Die ersten (nicht publiziert, nicht peer-reviewed!) Ergebnisse sind vielversprechend. Fünfzehn Patienten mit einer Form von Knochenmark-Krebs werden zur Zeit behandelt. Sieben Patienten haben die Behandlung abgeschlossen – alle mit reduzierter Anzahl von Tumormarkern, drei der Patienten sind in Remission.

Einige Kommentatoren haben zwar schon den Begriff Wundermedikament fabuliert, was im aktuellen Stadium der Versuche leider völlig übertrieben ist, aber die Technologie ist doch sehr vielversprechend.

So wird von der Konkurrenz z.B. Stimuvax bereits in Phase III getestet. In Phase II konnte gezeigt werden, dass in der Gruppe der Patienten, die zusätzlich zur bestmöglichen Versorgung den Impfstoff erhielten, nach 3 Jahren mehr als doppelt so viele am Leben waren.

Viren gegen Krebs
Auf der anderen Seite hat man begonnen daran zu arbeiten, Viren gegen Krebs einzusetzen. Man spricht hier von onkolytischen Viren und versucht diesen im Endeffekt „beizubringen“, nur Krebszellen zu befallen. Viren werden auf neue Ziele ausgerichtet, bewaffnet und vor dem Immunsystem geschützt.

Es konnte mit Pockenviren nachgewiesen werden, dass solche speziell konstruierten Viren sich nur in Krebszellen ausbreiten und dort auch zumindest bei 25% der Patienten das Tumorwachstum gebremst haben. Ziel dieser Studie war es übrigens nicht, die Wirksamkeit im Sinne einer Krebsheilung, sondern nur die prinzipielle Funktionalität sowie die Sicherheit einer solchen Behandlung nachzuweisen.

Es gibt mehrere Ansätze, von mehreren Forscherteams, auf der Basis verschiedener Viren. So werden z.B. Masernviren getestet, die einfach nur neue „Zielvorgaben“ bekommen. Gefährlich sind sie selbst genug. Manche dieser Verfahren sind schon im Stadium der Phase III, z.B.: OncoVEX und REOLYSIN.

HIV modifizierte T-Zellen gegen Krebs
Besonders interessant, aber leider auch mit sehr schwacher Datenbasis ist ein Erfolg, den Forscher in Pennsylvania veröffentlicht haben. Sehr, sehr frühes Stadium, trotzdem so spannend, dass man es erwähnen muss.

Bei dem experimentellen Verfahren wurde eine harmlose Variante von HIV genutzt, um Gene in weiße T-Zellen einzufügen. Ziel war es, diese so zu verändern, dass sie Krebszellen angreifen. Eine „kleine“ Menge dieser genetisch modifizierten Zellen wurde den Patienten injiziert und vermehrte sich. Mit Chemotherapie wurden vorher die normalen T-Zellen reduziert, um „Raum“ für die modifizierte Variante zu schaffen.

Als die Forscher anstrebten, ihren Versuch in der Praxis zu testen, wurde von der pharmazeutischen Industrie und dem National Cancer Institute abgewinkt bzw. nicht finanziert. Mit Geldern einer Krebsstiftung konnte das experimentelle Verfahren doch noch an insgesamt drei Patienten mit Leukämie durchgeführt werden.

In der New York Times wurde das Ergebnis anhand des ersten Patienten besprochen. Der Krebs war weit fortgeschritten, der Mann hatte nach eigener Aussage „nichts mehr zu verlieren“.

Zehn Tage nach der Injektion mit den genetisch modifizierten Blutkörperchen traten schweres Fieber und weitere grippe-ähnliche Symptome bei dem Mann auf, er wurde auf die Intensivstation gebracht und man befürchtete sein Ableben. Aber das Fieber verschwand wieder und dabei nahm es die Leukämie mit. Weder im Blut noch im Knochenmark konnten Krebszellen nachgewiesen werden.

Bei einem weiteren Patienten war der Effekt ähnlich, beim dritten wurden nur 70% der Krebszellen vernichtet. Der dritte Patient wurde in dem fraglichen Zeitraum auch mit Steroiden behandelt. Ob diese einen Einfluss hatten oder andere Faktoren die Wirksamkeit reduzierten, ist unklar.

Man muss wohl einschränkend explizit erwähnen, dass dies nur drei Patienten waren, es somit kaum mehr als Anekdoten sind und die Forscher noch nicht einmal sicher wissen, warum es so gut funktioniert hat. Es wird daher noch Jahre dauern, bis solide Erkenntnisse da sind.

6 Gedanken zu „Coole Forschung gegen Krebs“

  1. Der gesamte Artikel war wirklich sehr spannend zu lesen (besonders der NYTimes Link). Da möchte ich als Zaungast aus der Geisteswissenschaft gleich eine (vieleicht blöde?) Frage stellen: Wie findet ihr solche Artikel? Beinharte Recherche? Oder gibt es da vieleicht (mir nicht bekannte) Blog, Newsportale, Communities (wie Esowatch) die einem die Suche hier erleichtern. Ich will mehr von solchen Storys lesen 🙂

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  2. @Thorsten:
    Ehrlich gesagt, keine Ahnung, wo der Link zum NYT Times Artikel und ImMucin herkommen. Bei dem NYT Artikel habe ich mich erinnert ihn im Herbst gelesen zu haben und dann habe ich nach Schlagwörtern gesucht.

    Ich fürchte, es ist eine Mischung aus Twitter, zufällig gesehen, Research, manchmal auch ein Link aus dem Forum.

    @Horst: Stimmt, tolle Seite

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  3. Pingback: Psiram » Die Regenbogenfahrt der Kinderkrebshilfe

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