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Masernepidemie in Wales, Wakefield gibt Impfstoff die Schuld

Als Andrew Wakefield vor 15 Jahren mit seiner betrügerischen Arbeit an die Öffentlichkeit trat, säte er eine fruchtbare Saat der Angst, für die wieder einmal die Ernte eingefahren wird.

Wakefield hatte damals einen Zusammenhang zwischen Autismus und dem Masernimpfstoff behauptet, der sich aber in zahlreichen Studien nicht nur nicht bestätigen lies: im Nachhinein wurde auch festgestellt, dass Wakefield vor der Veröffentlichung 55.000 £ von Anwälten erhalten hatte, die Eltern autistischer Kinder bei einer Klage gegen Impfstoffhersteller vertraten.

Doch im ersten Moment veröffentlichte die renommierte Zeitschrift Lancet sein Papier, die Medien sprangen an und in Folge dessen gingen die Impfraten zurück. Auch wenn Andrew Wakefield heute restlos diskreditiert und seine „Forschung“ im Mülleimer der Geschichte gelandet ist, wird er noch immer von diversen Impfgegnern als Held gefeiert. Denn natürlich war nicht er der Bestechliche, nein: alle anderen sind korrupt und unterdrücken seine Forschungsergebnisse.

mmr_graph In der Folge sanken die Impfraten und fielen schließlich bis 2004 auf 80%. Das mag nicht so wenig scheinen, aber es bedeutet, dass 2004 100.000 Kinder nicht geimpft wurden und das mit dieser niedrigen Impfrate die wichtige Herdenimmunität nicht gewährleistet ist – heißt, die Krankheit sich recht gut verbreiten kann.

Und wo gesät wird, dort wird geerntet.

Mit dem Rückgang der Impfraten kehrten auch die Masern wieder zurück. Oh, Großbritannien hatte immer einige wenige Fälle, aber 2012 wurde mit 2.016 Fällen der bei weitem höchste Wert seit 18 Jahren erzielt. Und wie es aussieht, wird dieser zweifelhafte Rekord dieses Jahr noch einmal überboten.

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In der Region Swansea in Wales sind in den letzten Monaten bereits mehr als 1.000 Fälle von Masern diagnostiziert worden und ein 25-jähriges Todesopfer ist wahrscheinlich schon zu beklagen. „Wahrscheinlich“ deshalb, weil der Mann auch unter schwerem Asthma litt und bis dato kein endgültiges Autopsie-Ergebnis veröffentlicht wurde. Die Masern sind keine harmlose Krankheit, wie viele meinen, auch heute noch gibt es immer wieder Todesfälle zu beklagen.

Jedenfalls klettern die Fallzahlen bei jedem neuen Bericht in den englischen Medien und die Geschichte findet auch schon international Resonanz. Auf Youtube liegt ein schöner Bericht des australischen Senders ABC vor, mit dem Titel „Wakefield MMR fraud comes home to roost in Wales“

Menschen erzählen, dass sie durch die Wakefield-Behauptungen verunsichert wurden und im Nachhinein ist die Reue groß.

Väter und Mütter berichten, dass sie sich wünschten, ihre Kinder geimpft zu haben. Ein Vater, dessen drei Kinder nun an den Masern erkrankt sind, fordert Eltern auf, ihre Kinder impfen zu lassen.

Eine Autorin beim Guardian schreibt, dass sie sich einerseits schämt, ihre Tochter 2011 nicht geimpft zu haben (erst als sie später an Keuchhusten erkrankte, bereute sie die Entscheidung), aber sie schreibt auch, dass die Unsicherheit trotz aller rationalen Gedanken noch immer da sei, eine schlechte Vorahnung gegenüber der Impfung.

Solange die Krankheit nur eine ferne Erinnerung war, musste man über die Entscheidung von damals nicht mehr nachdenken, hatte sie vielleicht vergessen. Jetzt, wenn ihre Kinder krank werden, vermeidbar krank, ärgern sich die Leute, dass sie nicht impfen ließen. Es ist keine rationale Entscheidung nicht zu impfen, es ist meist eine Entscheidung aus dem Bauch heraus.

Großbritannien unternimmt jetzt alle Anstrengungen und startet erneut eine Impfkampagne, um des Problems Herr zu werden. Die Impfkampagne von 2008 hatte leider nur mäßigen Erfolg, aber vielleicht sind die Menschen jetzt wieder etwas wachgerüttelt.

Der größte Hohn in der aktuellen Situation kommt aber von Andrew Wakefield selbst, der seinen eigenen Kommentar ins Internet gestellt hat. In aller Kürze zusammengefasst:

Er findet es völlig unpassend, dass man ihm die Schuld gibt. Er ist nicht schuld. Die Regierung ist schuld, denn er hat eine viel einleuchtendere Erklärung, wie es zur Epidemie kam.

Der Impfstoff hat versagt. Denn würde der Impfstoff wirken, gäbe es nicht so viele Fälle. Er hat zwar keine Beweise, aber glaubt, dass es so sein könnte. Die Regierung ist schuld, weil sie nur auf den MMR-Impfstoff gesetzt hat. Und der ist natürlich nicht nur gefährlich, sondern könnte ja sogar versagen. Sie hätten lieber den von ihm empfohlenen Einzelimpfstoff zulassen sollen, der seiner Meinung nach viel besser war. Außerdem hätte er gerne eine Fernsehdebatte darüber, warum alle so gemein zu ihm sind.

Chuzpe oder Wahnvorstellungen, fragt man sich da. Wakefield empfohl damals statt dem bösen MMR einen Einzelimpfstoff einzusetzen, „völlig überraschend“ stellte sich später bei Nachforschungen heraus, dass er Patente dazu angemeldet hatte und ganz zufällig ein Vermögen verdient hätte, wäre MMR diskreditiert worden. Was natürlich nichts damit zu tun hatte, dass er MMR später mit Autismus in Verbindung brachte. Purer Zufall.

Böse Zungen, wie der Scienceblogger Orac, der bei Wakefields Gewäsch ein Würgegefühl kaum unterdrücken kann sowie der Autor Michael Fitzpatrick (Defeating Autism: A Damaging Delusion, MMR and Autism: What Parents Need to Know) nehmen auch die Forderung nach einer Fernsehdebatte nicht sehr ernst. Seit 2003 hat sich Wakefield keinem kritischen Publikum mehr gestellt und sich nur mehr auf Impfgegnerveranstaltungen beweihräuchern lassen.

  1. MagicGuitar
    4. Mai 2013, 00:38 | #1

    Ja ne, wie typisch. Ist ja schon beinahe langweilig. Es sind immer die anderen schuld und immer werden die anderen bestochen. Aber Gott bewahre, ich doch nicht. Natürlich verschwört sich regelmäßig die Mehrheit gegen eine kleine Minderheit.
    Ich hoffe das rüttelt mal wieder ein paar Leute wach und holt sie in die Realität zurück.
    Ansonsten hielte ich eine Impfpflicht gar nicht mehr für ausgeschlossen.

  2. Monika
    4. Mai 2013, 09:04 | #3

    Grrrrrr… dieser Wakefield, der Typ hat durch sein unredliches, unverantwortliches Handeln bereits sovielen Menschen Leid zugefügt, unglaublich!

    @MagicGuitar ist es nicht traurig, dass eine Impfpflicht als eine wünschenswerte Alternative zu sehen ist?

  3. steffen
    4. Mai 2013, 10:04 | #4

    Impfpflicht braucht es nicht, es würde schon ausreichen wenn
    1) Kindergärten nur betrieben werden dürfen wenn in den entsprechenden Statuten / Hausregeln drin steht dass nur geimpfte Kinder aufgenommen werden
    2) für Tagesmüttereinrichtungen die selben Regeln gelten wie für Kindergärten
    3) Schulkinder nur mit gültigem Impfschutz Schulen betreten dürfen.
    (wenn es stichhaltige Gründe gibt warum ein Kind aus medizinischer Sicht nicht geimpft werden kann dann ist es natürlich von dieser Regelung ausgenommen).

    Nun, schlagt mal diese drei Punkte beim Zuständigen Amt vor und schaut Euch die Reaktion an.

    Btw. habe schon einen Kindergarten erlebt der nur geimpfte Kinder aufgenommen hat (Impfpass wurde zur Einsicht gefordert).

  4. Hex
    5. Mai 2013, 14:32 | #5

    @ steffen

    Wir haben Schulpflicht in Deutschland. Wenn du eine allgemeine Impfpflicht an Schulen einführst, kannst du auch gleich eine allgemeine Impfpflicht einführen, wenn das Kind keiner Risikogruppe angehört.

    Ich bin über den Scienceblog-Link zum Youtube-Video mit dem Interview gegangen und mein Gott, da treiben sich wieder unglaublich viele Spinner rum.

    Hochgefährliches Quecksilber in den Impfstoffen, Wakefield sei ein guter Kerl der sich gegen die Pharma-Lobby stellt, weil ja so viel Geld mit den Impfstoffen umgesetzt wird (sollte sie mal wegen seiner finanziellen Interessen fragen) und in den Impfstoffen ist natürlich alles mögliche drinn, um uns in willenlose Anhänger des Systems zu verwandeln.

    Dann noch der Tip, durch Impfstoffe ausgelöster Autismus sei mit MMS heilbar und der Kommentar, dass das eigene, gesunde Kind innerhalb eines Tages nach einer Impfung autistisch geworden sei.
    Es ist wirklich erstaunlich wie sehr sich die Kommentare in zwei ähnlichen Videos so stark unterscheiden können .-.

  5. The Doctor
    6. Mai 2013, 08:26 | #6

    steffen :Btw. habe schon einen Kindergarten erlebt der nur geimpfte Kinder aufgenommen hat (Impfpass wurde zur Einsicht gefordert).

    Ist bei unserem genau so (wobei wir unsere Jungs auch erst dorthin geschickt haben, als sie alle wichtigen Impfungen bereits hatten). Und das, obwohl wir uns nahe einer Hochburg der Pseudomedizin befinden. Weshalb die Impfpflicht bei manchen Eltern auch immer wieder für wütendes Protestgeschrei sorgt. (Ich wurde ja schon mal von einer entsprechenden Mutter bedrängt, als Hausarzt ihrem völlig gesunden Kind ein Attest auszustellen, dass es derzeit noch nicht geimpft werden kann – habe ich natürlich nicht gemacht.)

  6. Monika
    6. Mai 2013, 19:42 | #7

    @The Doctor, eiwei, da praktizierst Du ja unter erschwerten Bedingungen!
    Aber gut, dass Du auf dem Boden der Evidenz bleibst, das machen leider nicht alle Ärzte. Einen Allgemeinmediziner und eine Frauenärztin habe ich schon gefeuert, die wollten mir homöopathisches Zeugs andrehen. Und ja, ich habe beiden erklärt, warum ich gehe, sie haben beide etwas säuerlich gekuckt, nicht mein Problem…

  7. The Doctor
    7. Mai 2013, 15:39 | #8

    @ Monika:

    Für mich ist es das wichtigste, morgens noch mit gutem Gewissen in den Spiegel schauen zu können. Ich bin mir durchaus des Umstands bewusst, dass ich mit Voodoo-Medizin viel mehr Kohle scheffeln könnte. Aber meine Integrität ist mir wichtiger. Und dafür nehme ich zur Not auch in Kauf, immer wieder Patienten zu verlieren, die von mir nicht bekommen, was sie wollen.

    Immerhin bin ich mit dieser Strategie bislang noch nicht pleite gegangen.

  8. inci
    9. Mai 2013, 01:05 | #9

    Hex :@ steffenWir haben Schulpflicht in Deutschland. Wenn du eine allgemeine Impfpflicht an Schulen einführst, kannst du auch gleich eine allgemeine Impfpflicht einführen, wenn das Kind keiner Risikogruppe angehört

    Ich wurde 1963 eingeschult, und da kam in Grundschule 1x pro Jahr der Schularzt nebst Krankenschwester und dann wurden wir durch die Bank weg alle angeguckt. Unabhängig davon, ob die Eltern regelmäßig mit dem Kind beim Hausarzt waren oder nicht.

    Und da bekamen wir z.B. auch Schluckimpfung gegen Polio und gegen Pocken auch.

    Ach so, das war nicht im sozialistischen Osten, aka DDR, sondern im katholischen Rheinland. Und im Rest der „Bonner Republik“ ebenfalls.

  9. Monika
    9. Mai 2013, 10:04 | #10

    @inci
    Ich bin 1963 geboren… und auch bei uns hatten wir regelmäßig Besuch vom Schularzt und vom Schulzahnarzt, nicht nur in der Grundschule, auch auf dem Gymnasium. An die Pocken Impfung kann ich mich auch noch gut erinnern. Zur Schluckimpfung (Polio) war ich mit meiner Mutter.
    Keine Ahnung, ob es heute noch sowas wie Schulärzte gibt, aber es wäre eine gute Idee, Prävention kostet weniger als die Behandlung einer schlimmen Krankheit.

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