Vandana Shiva: Bauern-Selbstmorde in Indien

Wir haben uns vor ein paar Jahren schon einmal mit den angeblichen 250.000 Selbstmordbauern in Indien befasst. Das Thema wurde ja schon gefühlt endlos zerpflückt, was aber die Verbreiter nicht weiter stört; die Behauptung wird weiter munter wiederholt, Jahr für Jahr.

Vandana Shiva, die die Behauptung jedes Jahr wie ein Mantra wiederholt, hat im Jänner nochmal nachgelegt. Beim Lesen ihres Textes wurde klar, dass es eigentlich mehrere Artikel braucht. Dieser hier beschäftigt sich daher nur mit der Frage der angeblichen Bauernselbstmorde in Baumwollgebieten wegen gentechnisch modifizierter Samen.

Vandana Shiva schreibt:

All studies that try and disconnect suicides in the cotton areas from Monsanto’s seed monopoly take the aggregate national data, not the figures of the regions and states where cotton cultivation and cultivation of Bt cotton is concentrated.

Tatsächlich ist das ein sehr guter Einwand. Die Selbstmordraten indischer Bauern sind statistisch höher als der Durchschnitt; BT-Baumwolle wird aber nur in einem Teil Indiens angebaut, man sollte sich also auf diese Gebiete konzentrieren. Diagramme wie dieses sind eigentlich nicht genau genug:

Diagramm: Komplett auseinanderlaufende Kurven Selbstmordraten Indien + GMO Anbau
Quelle: Nature, Mai 2013

Im ganzen Land könnten ja die Selbstmordraten sinken, während sie nur in den entsprechenden Gebieten steigen. Könnte ja sein. Also, theoretisch.

Umgekehrt möchten wir in dem Sinne Frau Shiva dann nahelegen, vielleicht nur die Selbstmorde in den relevanten Gegenden und nicht in ganz Indien zu zählen?

Nun, es wird Frau Shiva freuen, dass sich schon jemand mit dieser Frage beschäftigt hat. In einer Studie „Indian farmer suicides: Is GM cotton to blame?“ hat sich Professor Plewis in Manchester mit den Anbaugebieten auseinandergesetzt.

Wichtig ist anzumerken: Frau Shiva und viele andere schreiben gern absolute Zahlen hin. Diese sind aber grundsätzlich schwer vergleichbar. Wie in dem Scherz, der den Begriff „relativ“ erklärt: 3 Haare in der Suppe sind relativ viel, 3 Haare auf dem Kopf sind relativ wenig.

In Deutschland geschehen insgesamt pro Jahr etwa 10.000 Selbstmorde; in Indien (offiziell) etwa 130.000, davon etwa 16.000 Bauern jährlich. Aber wie soll man das vergleichen? In Indien leben 1,2 Milliarden Menschen, in Deutschland gerade 80 Millionen.

Das geht aber, wenn man auf „pro 100.000 Einwohner“ normalisiert. Dann hat Deutschland eine Selbstmordrate von 12,4 und Indien von 11,2 Selbstmorden pro 100.000 Einwohner. Landwirte in Indien haben nach offiziellen Angaben dagegen eine Selbstmordrate von 16,3.

Laut einer Lancet-Studie sind die offiziellen Suizidraten des National Crime Records Bureau überall viel zu niedrig; in der Studie werden daher für 2010 eher 187.000 Selbstmorde in Indien geschätzt. Weiters sind Selbstmorde in den südlichen Regionen viel häufiger als in den nördlichen.

Professor Plewis hat die Lancet-Studie in seiner Arbeit berücksichtigt, kommt damit also zu wesentlich höheren Suizidraten als offiziell durch die indische Regierung dargestellt. Das hat für den Vergleich GMO – Nicht-GMO keine Auswirkungen, die Suizidraten werden einfach höher, liefert aber wohl ein ehrlicheres Bild der Situation in Indien.

Aufgrund der Verwendung von Selbstmordraten statt absoluter Zahlen kann man nun Staaten, Regionen, Berufsgruppen etc. vergleichen und es stellt sich natürlich die Frage, wie hoch eigentlich die Selbstmordraten von Bauern in den Anbaugebieten von BT-Baumwolle im Vergleich zum Durchschnitt sind.

Selbstmordraten nach GMO-Staaten aufgeschlüsselt:

Suicide_rates_GMO_states

Wie man sieht, sind die Raten stark schwankend, und nur in Maharashtra (MAH) begehen Landwirte wesentlich häufiger Selbstmord als andere Berufsgruppen. Aber insgesamt begehen Landwirte in den entsprechenden Regionen nicht häufiger, sondern sogar seltener Selbstmord als andere Berufsgruppen.

Wie sieht es aber zeitlich aus? Begehen Landwirte häufiger Selbstmord, seit BT-Baumwolle eingeführt wurde? Auch dieser Frage geht die Studie nach.

Selbstmordraten in den GMO Staaten pro Jahr:

Diagramm: Fallende Selbstmordraten bei Landwirten in GMO-Anbaugebieten

Maharashtra hat also die höchste Selbstmordrate, aber auch dort ist sie bei Landwirten gefallen, nicht gestiegen. Aber warum ist sie überhaupt so hoch?

Tatsächlich finden 70% der Selbstmorde in Vidarbha, einer relativ kleinen Region statt. Um ein Gefühl zu bekommen, Maharashtra hat etwa 85% der Größe Deutschlands, mit 112 Millionen Einwohner. Vidarbha ist fast 1,5x so groß wie Bayern, mit 23 Millionen Einwohnern.

Dabei aber 70% der Selbstmorde unter Landwirten! Und laut einem Artikel im Hindu sind die noch sehr geschönt. Frau Shiva hat eine Grafik dazu in ihrem Artikel:
Selbstmordraten in Vidarbha, die sich 2006 mehr als  verdoppeln

Eine sehr interessante Zeitlinie der Ereignisse findet man in einem Artikel in India Together. Der Text zeigt wie die Bauern in der Region in einen Teufelskreis der Verschuldung gerieten.

Ab Mitte der 1990er schlitterte die Baumwoll-Föderation in Maharashtra (in keinem anderen Bundesstaat gab es soetwas) durch Misswirtschaft und Korruption in die Krise. Die Föderation garantierte, solange sie funktionierte, relativ stabile Preise. Als sie zahlungsunfähig wurde, begann der Untergang, Bauern mussten Kredite aufnehmen. Die Monopolstellung der Föderation wurde abgeschafft, was aber die Situation noch verschlimmerte.

2004/2005 fielen die internationalen Baumwollpreise drastisch, dazu kam eine Dürre.  Unter ersten zwei Aussaaten (Juni/Juli 2004) gab es viele Missernten, die Produktion war gering.

Tollerweise erklärte die Baumwoll-Föderation Anfang Dezember, dass es eine Rekordernte gäbe. Die Preise fielen in den Keller, schlaue Händler kauften die Ernten billig auf. Erst Ende Dezember korrigierte die Föderation ihren Fehler.

Die indische Regierung versprach danach vor den Wahlen 2005 den Minimalpreis für Baumwolle zu erhöhen und senkte ihn stattdessen  – nach den Wahlen. Es gab auch ein Hilfspaket über 450 Millionen Euro. Damit haben sich laut Berichten einige Hundert Beamte „saniert“.

Game over.

In diesem Kontext war die Einführung der BT Baumwolle ein zweifelhaftes Unterfangen. Die Hoffnungen, die geweckt wurden, konnte es gar nicht erfüllen. Wie auch? Sie wirkt zwar gegen die Baumwolleule, aber benötigt auch sehr viel Wasser und hat höhere Anfangskosten (Saatgutpreis). Damit erhöht sich das Risiko der Bauern; gibt es weniger Regen, steigt logischerweise die Wahrscheinlichkeit einer Missernte. Und das in einer kritischen Situation,

Absurderweise wurden 2006 dann 350.000 Hektar durch exzessiven Regen/Überflutungen in Mitleidenschaft gezogen.

Man findet zwar auch Berichte, die sich sehr positiv äußern, aber statt neues Saatgut einzuführen, wäre Hilfe durch die Politik notwendig gewesen. Und natürlich, aus dem furchtbaren Spezialfall Vidarbha kann man auch nicht auf ganz Indien interpolieren.

Weitere Anmerkungen:
Zu Vandana Shiva, „Öko-Göttin“ oder „gefährliche Fabuliererin“, gibt es einen interessanten Artikel bei Forbes.

Als weiterführende Literatur zum Thema Selbstmord in Indien sei vielleicht diese allgemeine Studie Suicide: An Indian perspective empfohlen. Interessant ist, dass in der indischen Mythologie Selbstmord oft als Ausweg, um Schande und Entehrung zu entgehen, glorifiziert wird.

Besonders unangenehm fiel bei der Recherche der indische Bundesstaat Chhattisgarh mit etwa 25 Millionen Einwohnern auf. Für die Betrachtung der BT-Baumwolle zwar eigentlich irrelevant, da dort keine angebaut wird, aber in diesem Bundesstaat hat 2011 angeblich kein einziger Landwirt Selbstmord begangen. 2012 gab es offiziell immerhin 4 Selbstmorde.

Eine dermaßen freche Datenfälschung irritiert auch die Times of India. Nach „historischen“ Daten lag die Selbstmordrate unter Landwirten dort übrigens immer etwa 50% höher als sogar in Maharashtra.

6 Gedanken zu „Vandana Shiva: Bauern-Selbstmorde in Indien“

  1. ein sehr interssanter Artikel den man auch versteht wenn man sonst nicht so viel Ahnung von diesem Thema hat, und ich finde es super, dass sich auch Leute mit diesem Thema beschäftigen!!!!
    Ein Lob an den Autor!!!

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  2. Pingback: Jamie Oliver unterstützt Monsanto und Bill Gates?
  3. Die Mär der Monsanto-induzierten Bauernselbstmorde in Indien hat es mittlerweile als Randnotiz ins Unterhaltungsprogramm der ARD geschafft.

    Und zwar im ersten Teil des Thrillers (naja – was die ARD für einen Thriller hält…) „Tödliche Geheimnisse“, der am Donnerstag wiederholt wurde (Erstaustrahlung November 2016) als Vorbereitung auf den zweiten Teil, der gestern Abend erstausgestrahlt wurde.

    Ein bemerkenswert kritischer Kommentar dazu von Bernd Matthies:
    http://www.tagesspiegel.de/politik/matthies-meint-toedliche-geheimnisse-und-die-gruene-filterblase/20241648.html

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