Die Krankenkassen und die Paramed… äh, Alternativmedizin (1) – Wo kommt das her und wie wird man das los?

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Der Wettbewerb ist die Triebkraft der Entwicklung hin zu mehr Effizienz in unserer Gesellschaft, und der Verzicht auf ihn würde letztlich Stagnation bedeuten, die man sich in reaktionären Utopien vergolden oder in Dystopien schwarzmalen kann. Aber der Wettbewerb ist auch blind, und seine Ergebnisse können nicht immer begrüßt werden. Wie dem zu begegnen ist, das ist eine der großen Fragen unserer Zeit.

Nehmen wir nur einmal die Krankenkassen. Der Leistungsumfang der gesetzlichen Krankenkassen ist festgeschrieben und für alle Kassen, für alle Versicherten im Prinzip gleich. Diese Gleichheit ist eine Spätfolge der Französischen Revolution (welche von manchen verdächtigt wird, Gott abgeschafft und so Hitler und Stalin hervorgebracht zu haben), und in den USA gälte sie als finsterster Sozialismus. Wir halten sie für eine soziale Errungenschaft, um das klar auszusprechen.

Konkurrenz belebt das Geschäft

Bei den Krankenkassen handelt es sich um Versicherungen, deren natürliches Bestreben es sein muss, die Ausgaben (Risiken) zu vermindern. Die unausweichliche Folge ist: wenn die Krankenkassen nicht über die Leistung konkurrieren können (etwa indem sie sie billiger als die Mitbewerber einkaufen oder teurere Leistungen ausgrenzen), dann müssen sie in anderer Hinsicht konkurrieren. Das heißt auch: am besten könnte eine Krankenkasse wirtschaften, wenn sie nur Gesunde versichert. Die sind finanziell leistungsfähiger (höhere Beiträge) und kosten nichts. Wie kommt man an diese jungen, gesunden, finanzstarken aber versicherungspflichtigen Leute heran? Indem man sie bauchpinselt und ihnen ein Wellness-Gefühl zu vermitteln sucht.

Auf den Webseiten der Krankenkassen ist keine Phrase zu hohl, kein Unsinn zu flach, kein Klischee zu altbacken, um nicht für diesen Konkurrenzkampf dienstbar gemacht werden zu können. Die Barmer GEK etwa präsentiert sich als „ganzheitlich denkende Krankenkasse“. Andere schwärmen von „immer mehr Menschen …“, von der „sanften Art der Medizin“ oder wollen die „Selbstheilungskräfte fördern“. Die Kaufmännische Krankenkasse KKH verweist gar auf „geistige Methoden“, die „einen festen Platz im Erfahrungsschatz alter Kulturen“ hätten. Einzelne Kassen (z. B. die IKK Brandenburg und Berlin) gehen so weit, nach der sog. Hufelandliste zu bezahlen. Wer mit diesem Begriff nichts anzufangen weiß: es handelt sich um „eine Abrechnungshilfe für naturheilkundlich tätige Ärzte“. Das klingt jetzt nicht so sehr dramatisch, aber ein Blick in das Inhaltsverzeichnis sollte riskiert werden: „Ganzheits-Zell-Regenerations-Therapie, Mineralsalztherapie nach Dr. Schüßler, Nosoden, Spagyrik, Isopathie“ u. v. a. m. Die volle Breitseite eben. Und es ist ernst gemeint: „die Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen für Osteopathie [haben sich] 2013 binnen eines Jahres auf rund 110 Millionen Euro mehr als verdreifacht“ (Dt. Ärztebl.).

Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Ein Versuch, das herauszufinden

Der eine oder andere mag auf den Gedanken verfallen, dass er mit seinen Beiträgen also auch die Scharlatane finanzieren hilft. Dies legt Bemühungen um eine individuelle Lösung nahe, und so hat einer unserer Leser eine Anfrage per Serien-Mail an 98 Krankenkassen gestellt, ob es ein Tarifangebot gäbe, in dem man diese „Leistungen“ abwählen könnte.

Von 98 gesetzlichen Kassen ist bei 95 klar, dass sie mindestens eine paramedizinische „Leistung“ bezahlen. Auf Nachfrage antworteten 58 Kassen schriftlich, und aus dem Telefonat mit der AOK Bayern gewann unser Schlapphut den Eindruck, dass diese zögerlich mit der Kostenerstattung sein würde. Die BKK Vital hat das sogar ausdrücklich ausgeschlossen, zumindest telefonisch. Keine einzige Kasse bietet einen kostengünstigeren Tarif an, der die Erstattung solcher Leistungen ausschließt.

Die eingangs gestellte Frage kann also beantwortet werden: es gibt so gut wie kein Entkommen, jedenfalls nicht für den gesetzlich Versicherten. (Ein unvollständiger Überblick zum Download, Stand August 2014: PDF hier)

Noch ein paar Details

Der ganzheitlich denkenden Barmer GEK übrigens ist natürlich vollkommen bewusst, dass die Vorstellung einer „Kostenersparnis durch Vermeidung teurer schulmedizinischer Behandlungen“ (Zitat aus der Antwort einer Krankenkasse) eine Illusion ist [1]. Sie hat einen anderen Weg gefunden, die Kosten zu senken, den gewöhnlichsten der Welt: Ausdünnung der Beratungsstellen vor Ort. Die sind ja auch nicht mehr zeitgemäß; Antragsformulare kann man schließlich genauso gut aus dem Internet herunterladen. Und wenn die älteren, kranken Versicherten damit nicht so zurechtkommen, dann können sie ja zur – selten so erwünschten – Konkurrenz abwandern. Wie lautet gleich das Motto dieser Kasse?

Service ist unser Markenzeichen: Mit unserem Engagement verfolgen wir ein Ziel ganz besonders. Genau dann für Sie da zu sein, wenn Sie uns brauchen – und das in jeder Lebensphase.

Anderenortes ist man bei gezielter, weniger öffentlicher Nachfrage nach Sinn und Unsinn noch ein wenig unverfrorener, soweit das möglich ist. Da heißt es dann beispielsweise:

„Die BKK [Name d. Red. bekannt] bietet auch alternative Heilmethoden an, da mittlerweile meines Wissens empirische Belege für die Wirksamkeit verschiedener Behandlungsmethoden vorliegen. Ohne diese Nachweise würde der Gesetzgeber nicht zulassen, dass Krankenkassen derartige Leistungen in Ihre Satzungen aufnehmen könne [sic]. Von den von Ihnen aufgezählten Methoden übernehmen wir Kosten in den Bereichen Homöopathie, Anthroposophische Medizin und Osteopathie.“

Kaum glaublich, wenn es da nicht schwarz auf weiß stünde. Zugunsten dieser Krankenkasse ließe sich allenfalls vorbringen, dass der/die Mitarbeiter/in von der eigenen Propaganda überwältigt gewesen sein muss; das Schicksal vieler guter Verkäufer. Aber eines lässt aufhorchen: Leistungen müssen empirisch belegt wirksam sein, damit sie von den Kassen übernommen werden dürfen? Damit werden wir uns in Teil 2 beschäftigen.

(Hier noch einmal der Krankenkassenvergleich, Stand August 2014: PDF)


  1. Teichfischer P, Forsch Komplementmed 2012;19:311–318, DOI: 10.1159/000346001: „Another argument often used is that CAM treatments are much cheaper than those found in COM [“conventional medicine”] and thus their implementation in basic health care would lead to a general cost reduction, but this seems not to be tenable at all [44]. On the contrary, private insurance companies that included acupuncture and homeopathy in their benefits catalogue reported increased costs [20].“

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