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Goldener Reis – Fluch oder Segen? Ein Faktencheck

Vor kurzem hat uns jemand von „March against Monsanto“ auf einen Text hingewiesen, der uns über Goldenen Reis sozusagen aufklären soll. Eine österreichische Politikerin hat einen Text mit dem Titel Goldener Reis – Fluch oder Segen? geschrieben.

Nun, wir haben ihn gelesen und ein paar Anmerkungen. Leider sind gar keine Quellen angegeben, nicht einmal eine Jahreszahl, von wann der Text stammt. Wir zitieren im Folgenden einige Passagen in der im Text vorkommenden Reihenfolge.

Weltkarte mit farbiger Darstellung der betroffenen GebieteVitamin A ist essentiell für die menschliche Gesundheit, darunter für Wachstum, Sehschärfe und Immunsystem, aber Vitamin-A-Mangel betrifft laut WHO immerhin 190 Millionen Vorschulkinder weltweit.

Dank der Anstrengungen von Hilfsorganisationen wie UNICEF und der Helen-Keller-Foundation werden inzwischen jedes Jahr über 500 Millionen Vitamin-A-Kapseln verteilt (2005: 520 Millionen), um die Auswirkungen zu lindern.

Die Erfolge sind klar dokumentiert: laut einem Cochrane Review wurde durch die Supplementierung mit Vitamin A die Kindersterblichkeit um 24% gesenkt!

Golden Rice hat zum Ziel, Supplementierung unnötig zu machen und der erwähnte Text kritisiert ihn heftig. In der Einleitung wird dazu Folgendes angemerkt:

Arme Menschen sollen kostenlos Provitamin-A-hältigen Reis, der auch noch Eisen enthält, bekommen. Sicher ist das ein kleiner Beitrag zur Verbesserung ihrer Gesundheit. Und sie haben nicht einmal darum gebeten. Aber vielleicht hätten sie um ganz etwas anderes gebeten, wenn man sie gefragt hätte.

Die Frage erscheint uns zynisch. Arme Menschen haben zweifellos noch weitere, tägliche, brennende Sorgen, werden das oben verlinkte Cochrane Review nicht gelesen haben und sich daher wohl kaum Gedanken um den Vitamin-A-Gehalt ihrer Nahrung machen. Sie wissen nur, dass ihre Kinder Sehschwächen bekommen und oft krank werden.

Danach wird die Technologie erklärt; allerdings scheint der Text auf dem Prototyp zu basieren. Der erste für uns wichtige Punkt ist dieser:

Zwei Gene stammen von Narzissen. Narzissengene sind bereits durch ihr Allergierisiko bei ihrer Verwendung für die Genmanipulation von Nahrungsmitteln aufgefallen.

Das galt nur für den Prototyp. Die aktuelle Variante enthält keine Gene der Narzisse; ein Gen wurde durch ein Maisgen ersetzt, ein weiteres stammt von einem Bakterium und dient ebenfalls der Biosynthese von Carotinoiden.

Etwa zehn Jahre hat die Entwicklung des Golden Rice gedauert und ca. 100 Millionen Dollar verschlungen. Da ist aber die Entwicklung eines in Südostasien anbaubaren Reises nicht mitgerechnet.

Diese Zahl kursiert schon seit 15 Jahren, korrekt waren damals 2,6 Millionen für die Entwicklung des Prototyps, die zu 52% von ETH Zürich/Schweizer Mitten, 15% von der EU und 33% von der Rockefeller Stiftung stammten.

Mit Stand 2008 wurden tatsächliche Entwicklungskosten von etwa 10 Millionen US Dollar angegeben (Anmerkung: Angaben im Text sind anteilig für Indien) sowie weitere 2,5 Millionen Dollar für die spätere Zulassung in Indien geschätzt.

Kosten/Nutzenanalysen fielen auf dieser Basis wenig überraschend sehr positiv aus, wie man anhand der jährlichen Kosten von ca. 500 Millionen Dollar für Supplementierung wohl intuitiv folgern wird.

Nichtsdestotrotz verkauften die ForscherInnen 2001 die kommerziellen Rechte an ihrem Endprodukt, dem Golden Rice, an Syngenta, dem derzeit größten Agrokonzern der Welt. Syngenta will Profite machen und den Golden Rice an die BäuerInnen im Norden und die GroßbäuerInnen im Süden verkaufen und dort Patentgebühren kassieren, während arme BäuerInnen, die weniger als 10.000 Dollar pro Jahr verdienen, ihn gratis erhalten sollen.

Zur Erforschung von Goldenem Reis wurden diverse patentierte Technologien genutzt. 2001 wurde eine Vereinbarung mit Zeneca (wurde später durch Fusion zu Syngenta) ausgehandelt, um notwendige Unterstützung für das humanitäre Projekt „Goldener Reis“ in Entwicklungsländern zu bekommen. Die relevanten Patente wurden an Zeneca lizenziert, die wiederum die Freigabe der restlichen, notwendigen Patente von Firmen wie Bayer, Monsanto, Novartis, Orynova usw. erreichten.

Syngenta hält also zwar die kommerziellen Rechte, aber es gibt keine Pläne, ein kommerzielles Produkt zu schaffen und es wäre auch ein Mysterium, wie man damit Geld verdienen will. Das Problem des Vitamin-A-Mangels existiert nur in armen Ländern und diese sind durch die humanitäre Lizenz abgedeckt.

Die 10.000-Dollar-Grenze ist durchaus großzügig. Da der Goldene Reis zunächst auf den Philippinen zugelassen werden soll: Das Durchschnittseinkommen eines Bauern beträgt dort nur 450 US Dollar jährlich. Praktisch alle Bauern dürfen daher frei über den Reis verfügen, ihn aufbewahren, tauschen, verkaufen oder ihn im nächsten Jahr wieder anbauen. Er darf auch in lokale Sorten eingekreuzt werden (siehe Lizenzbedingungen).

Das Geschäftsmodell, an die reichen Bauern zu verkaufen, existiert einfach nicht.

Aber dann tritt nicht nur Vitamin A Mangel auf, sondern eine Reihe von Mängeln wie etwa Mangel an Vitamin C und D, Folsäure, Riboflavin, Kalzium, Selen, Eisen, Jod und Zink.

Dass auch andere Mangelerscheinungen auftreten, ist sicherlich richtig. Warum darf eine Maßnahme nicht nur ein Problem in Angriff nehmen, warum muss sie sofort alle Defizite beheben. Man könnte mit dem gleichen Argument auch die Supplementierung ablehnen oder Maßnahmen wie Impfungen. Die Masernimpfung hilft ja schließlich auch nicht gegen Malaria.

In Südostasien war die Mangelsituation nicht immer so trist wie heute. [… Grüne Revolution …]

In diesem Absatz wird erklärt, dass die Grüne Revolution am aktuellen Zustand „schuld“ sei. Obwohl die Diskussion der Grünen Revolution unseren Blog komplett sprengen würde, so ganz unwidersprochen wollen wir das nicht stehen lassen.

Vor der Grünen Revolution war einfach nicht genug Reis da, um den Hunger der Filipinos zu decken. (Der Einbruch im Diagramm 1973 wird in der Quelle durch Taifune, Überflutungen und Krankheiten erklärt; wir haben es nicht nachgeprüft.)

Die Philippinen hatten Probleme, ihren Bedarf zu decken; Mangelernährung war da kein Thema. Wenn man nichts zu Essen hat und verhungert, interessiert einen nur die rohe Kalorie. Man dachte damals, dass die Welt 4 Milliarden Menschen nicht ernähren könne (Stichwort Die Bevölkerungsbombe). Die Grüne Revolution bewies das Gegenteil (siehe auch IRRI and the Green Revolution in India).

Asien 2002 - 2014, Hunger (gelb), Bevölkerung (grün)

Asien 2002 – 2014, Hunger (gelb), Bevölkerung (grün)

Wir stehen heute bei 7 Milliarden und werden vermutlich 11 Milliarden erreichen. Hunger gibt es noch heute, es ist noch viel zu tun. Siehe International Food Security Assessment, 2014. Zumindest in Asien sieht man das Licht am Ende des Tunnels und heute denkt man neben den notwendigen Kalorien eben auch an das, was noch fehlt.

Wie eben an den Vitamin-A-Mangel. Natürlich war der prinzipiell lange bekannt, aber erst Sommer et al. wiesen 1986 nach, dass allein die Supplementierung von Vitamin A die Kindersterblichkeit um 34% senken kann. Die Studie stieß damit auf große Skepsis und Unglauben.

Hier sei das Buch von Dr. Semba (The Vitamin A Story, Lifting the Shadow of Death) erwähnt, das das Thema „Vitamin-A-Mangel“ historisch aufarbeitet.

Unabhängig davon, was man von der Grünen Revolution hält: der Ist-Zustand ist nun mal, dass Hunderte Millionen an Mangelernährung leiden. Und im Kampf gegen Hunger und Armut sollte jedes Werkzeug rational eingeschätzt und, wenn sinnvoll, genutzt werden!

Wir möchten auch betonen, dass es ja nicht die einzige Maßnahme ist, um die Lebensumstände der Farmer zu verbessern, auch die Vergrößerung der Anbau-Vielfalt ist ein wichtiges Ziel (lesenswert!).

GM Reis ist wie die Hochleistungssorten der Grünen Revolution auf Monokulturen, chemische Inputs und Bewässerung angewiesen und wird daher die damit verbundenen Problem der Grünen Revolution reproduzieren

Seit den 1960ern haben die Philippinen 75 Hochertragssorten in Einsatz gebracht. Laut Ricepedia sind nur mehr 3% traditionelle Sorten im Einsatz. Dieses Argument geht völlig an der Realität vorbei, da praktisch jede eingesetzte Sorte heute eine Hochertragssorte ist.

Die Technologie der Grünen Revolution, die von den öffentlichen internationalen Landwirtschaftsforschungszentren wie IRRI mit wahrlich hehren Zielen ausging, hat zur einer Verschlimmerung der Ernährungssituation der Armen in den Reisgegenden geführt.

Erste Studien zeigten, dass kleine Bauern kaum profitiert haben bzw. die Ungleichheit in der Gesellschaft wuchs.

Eine Meta-Analyse, Freebairn (1995), kommt zu einem eher durchwachsenen Ergebnis, langfristige Studien wie Hazell und Ramasamy (Indien 1991, allerdings nicht in der Meta-Analyse berücksichtigt), Hayami und Kikuchi (in China, 2000) sowie Jewitt und Baker (Indien, 2007) zeigen deutlich positive Auswirkungen.

Verkürzt kann man sagen: Großbauern haben zuerst die neuen Sorten genutzt und daher stärker und vor allem früher profitiert, was die Einkommensspanne vergrößert hat. Daher wurde aus vielen Studien gefolgert, dass sich die Situation von Kleinbauern verschlechtert hat (siehe dazu Hazell 1991).

Langfristig profitierten auch die Kleinbauern.

Wird Golden Rice Saatgut den armen BäuerInnen jährlich gratis zur Verfügung gestellt, oder nur einmal, wie das oft üblich ist, um BäuerInnen für den
Anbau von patentierten Saatgut zu gewinnen? Oder dürfen sie ihr Golden Rice Saatgut selbst nachbauen, mit NachbarInnen tauschen, regional vermarkten, was bei patentiertem Saatgut generell verboten, für KleinbäuerInnen aber lebensnotwendig ist? Wie sollen arme BäuerInnen die notwendigen Inputs auf Dauer finanzieren?

Wie schon oben erwähnt: Saatgut für Goldenen Reis darf nicht zu einem höheren Preis verkauft werden als konventionelles. Bauern dürfen Saatgut nachbauen, regional vermarkten, tauschen … (siehe FAQ Golden Rice).

Weil es zum Bereich Patente passt: Auch weitere, zukünftige Verbesserungen unterliegen dieser humanitären Lizenz.

Was ist mit ganz armen, landlosen Menschen? Wie soll verhindert werden, dass Frauen, die durch die Grüne Revolution stark marginalisiert wurden, nicht weiter ausgegrenzt und entwurzelt werden?

Es tut uns leid. Aber es ist Reis. Nur Reis. Er wird die Probleme der Welt nicht lösen. Es handelt sich um eine technische Lösung für ein sehr spezifisches Problem.

Uns ist aber klar, woher dieser Punkt kommt:
Durch den technologischen Wandel sank der Wert der Arbeitskraft der Frau in Ländern wie Bangladesh. Aber man darf nicht vergessen, dass es nicht die neuen Sorten waren, sondern Technologie wie die Einführung von Reismühlen, die diese Auswirkung hatte. Es ist keine Frage der Reissorten.

In die Umwelt freigesetzte GM-Pflanzen bedrohen die pflanzengenetische Vielfalt generell. Diverse Studien und Erkenntnisse der letzten Zeit deuten mit Nachdruck auf die Gefahren hin.

Dazu hätten wir gerne eine Quelle.
Generell: Nein. Siehe auch Keine Gesundheits- und Umweltrisiken durch Grüne Gentechnik (biosicherheit.de). Und European Commission: A decade of EU-funded GMO research

Was Goldenen Reis angeht, wird ein möglicher Einfluss auf die Biodiversität als sehr gering eingeschätzt.

Die inherente Instabilität von transgener DNA macht Kontamination der Pflanzen in der näheren und auch weiteren Nachbarschaft nicht nur möglich, sondern wahrscheinlich

Mit diesem Satz haben wir unsere liebe Mühe. Mit Instabilität ist üblicherweise gemeint, dass der Herstellungsprozess fehlerhaft verlaufen kann. Die hergestellte Pflanze vererbt dann zum Beispiel ihre neue Eigenschaft nicht, es treten andere Mutationen auf oder die Eigenschaft wirkt nicht wie erwartet. Solche Linien sind natürlich unerwünscht und werden soweit möglich bereits im Labor aussortiert.

Damit eine Sorte dann zugelassen wird, muss die eingereichte Linie in mehrjährigen Tests ihre Stabilität beweisen. Prof. Potrykus hat dazu übrigens vor einigen Jahren eine etwas erboste Arbeit geschrieben: dass die Regulatorien, die eben unter anderem instabile Linien verhindern sollen, die Einführung von Goldenem Reis um 10 Jahre verzögert hätten: „Lessons from the ‘Humanitarian Golden Rice’ project: regulation prevents development of public good genetically engineered crop products“.

Goldener Reis hat übrigens in dieser Hinsicht einen besonderen Vorteil: Die eingefügten Gene bedingen nicht nur den β-Karotin Gehalt, sondern auch die gelbe Farbe. „Verschwindet“ diese, so wird das jedem Züchter/Konsumenten sofort auffallen.

Warum aus dem ersten Satzteil dann der zweite folgen soll, ist uns unklar. Zum Thema „Kontamination“ kommen wir gleich noch, wir möchten hier auch auf folgendes Interview verweisen: Horizontaler Gentransfer: Erklären wir die Friedhöfe zum Sperrgebiet!.

Bereits im November 2001 wurde die genetische Kontamination eines der Zentren der genetischen Vielfalt von Mais in Mexiko bekannt, obwohl seit 1998 ein Moratorium auf den Anbau von GM-Mais in Kraft ist. Die wissenschaftliche Gemeinschaft ist sich schon lange einig, dass in den Zentren der pflanzengenetischen Vielfalt der wichtigsten Nahrungspflanzen kein GM-Saatgut angebaut werden sollte. Golden Rice würde entgegen diesem dringenden Rat der WissenschafterInnen im Zentrum der Reisvielfalt in Südostasien angebaut werden. Mit Sicherheit ist dann mit einer Kontamination der noch vorhanden vielfältigen Reissorten zu rechnen, einem nicht wieder gut zu machenden Schaden an der biologischen Vielfalt. Die IRRIs Genbank mit der weltgrößten Sammlung an Reissorten ist dann ebenso wie derzeit die Maisgenbank in Mexiko gefährdet.

Worum geht es hier? Wir versuchen mal das Wesentliche zu erklären, was es mit Mexiko auf sich hat.

Bei uns ist Mais eine importierte Pflanze und eigentlich nicht heimisch, es gibt keine lokalen Sorten, er ist vor allem eine Futterpflanze.

In Mexiko ist das anders. Dort wächst Teosinte, der ursprüngliche Mais – die Form, die über Jahrtausende zum heutigen Mais domestiziert wurde. Maistortillas sind praktisch ein Nationalgericht, Mais hat einen ungleich höheren Stellenwert.

Man hat nun Sorge, dass sich GMO-Mais mit lokalen Sorten kreuzt und wild zu wachsen beginnt. Als dann in freier Wildbahn entsprechende GMO-Sorten entdeckt wurden, der Verdacht einer Einkreuzung aufkam, war die Aufregung groß.

Eine solche Sorte könnte, sofern sie einen evolutionären Vorteil hat, lokale Sorten verdrängen. Man hat in dieser Hinsicht vor allem bei Pflanzen mit „eingebauter“ Insektenabwehr wie BT-Mais Bedenken.

Insektenschutz ist offensichtlich ein evolutionärer Vorteil.

Aber es gibt in diesem Punkt im Gegensatz zur Behauptung keine Einigkeit; man kann die Frage des Einsatzes von GMO-Mais in Mexiko eher als umstritten bezeichnen. Sorten wie CIEA-9, die 20% weniger Wasser benötigen und besser mit Hitze zurechtkommen, wären sehr nützlich.

Man muss auch sagen, „Kontaminierung“ wird bei weitem nicht als das Riesenproblem gesehen, es ist ja im Grunde nur „Pflanzensex“. Der Begriff der Kontaminierung versucht irgendwie zu suggerieren, dass solcher Pflanzensex bei GMO-Pflanzen grundsätzlich schlimm sei.

Die Gentechnik ist aber keine Schwarze Magie, auch wenn oft so getan wird. Ihre Produkte sind keine „X-Men“; sie sind den gleichen Gesetzen unterworfen wie alle anderen Pflanzen.

Die Beurteilung in dieser Hinsicht sollte strikt auf der Basis erfolgen, ob die Pflanze einen evolutionären Vorteil mitbringt und eventuell an die Wildsorten weitergibt bzw. diese verdrängt.

So, zurück zum Reis.

Es gibt weltweit mehr als 100.000 Reissorten. Wäre bei Reis Pollenflug ein Problem, würde diese Vielfalt nicht existieren. Da Reis nahezu gänzlich Selbstbestäuber ist, können verschiedene Sorten auch problemlos nebeneinander existieren. Das ist eine prinzipielle Eigenschaft aller Reissorten.

Aber selbst wenn man annimmt, dass sich Goldener Reis mit einer lokalen Sorte kreuzt: wo liegt das Problem? Man hat einfach eine weitere, neue Sorte.

Und auch hier gilt, wenn eine neue Sorte auftritt, dann verbreitet sie sich, wenn sie einen evolutionären Vorteil hat. Vitamin-A-Gehalt stellt den wohl kaum dar. Wenn man also Sortenreinheit nicht als Ziel fordert, existiert das Problem einfach nicht.

Zusammengefasst: Laut IRRI ist durch Goldenen Reis kein „Schaden an der biologischen Vielfalt“ zu erwarten .

[Narzissengene noch einmal] So wurden etwa im Golden Rice unerwartete Substanzen gefunden, von denen man nicht wissen kann, wie sie sich langfristig auswirken. Klar ist jedenfalls, dass sich potentielle negative Effekte bei mangelernährten Menschen stärker auswirken werden als bei Menschen in gutem Gesundheitszustand.

Die nicht vorhandenen Narzissengene hatten wir ja schon, die „unerwarteten Substanzen“ sind uns unklar. Wir wissen nicht, was damit gemeint sein könnte.

Gibt es andere Lösungswege?
Sollte man sich nicht angesichts so vieler Probleme und Fragen um andere Lösungswege umschauen? Und sollte man nicht von vorne herein bei der Wurzel des gesamten Problems ansetzen und nicht nur bei einem Symptom? … Es waren vor allem Frauen, die traditionell für die Versorgung der Familien mit ausgewogener Nahrung zuständig waren – durch Mischanbau und Gemüseanbau in Gärten. Hausgartenprojekte mit Frauen in Thailand und Bangladesh haben eindrucksvolle Ergebnisse erzielt.

In diesem Absatz werden politische Maßnahmen beschrieben – Ideen, wie man das Problem der Mangelernährung angehen kann. Ohne im Detail darauf einzugehen: Was hindert irgendjemand daran, das zu tun? Warum gibt es den Anspruch, dass man nur Goldenen Reis einsetzen kann und deswegen, zum Beispiel, die Rolle der Frau nicht stärken darf?

Man geht ja tatsächlich schon heute viele Wege: Auf den Philippinen setzte sich in der Vergangenheit die Vorstellung durch, dass polierter Reis „modern“ und Brauner Reis „schmutzig“ sei. Polierter, weißer Reis zeichnet sich durch größere Haltbarkeit aus, beim Schälen gehen allerdings einige wertvolle Elemente verloren. Heute fördert die Regierung, dass wieder mehr Brauner Reis gegessen wird.

Ist diese Maßnahme nun auch gut oder schlecht für die Rolle der Frau?

Brauner Reis ist nahrhafter, das ist gut.
Brauner Reis erfordert höheren Aufwand beim Kochen, was vor allem den Frauen mehr Arbeit macht. Das ist wohl schlecht.
Aber es steigert wieder den Wert der Arbeitskraft der Frau. Das ist dann wohl (siehe oben) wieder gut, oder?

Wir wollen mit diesem Beispiel nur zeigen, dass man durch geeignete Interpretation einiges behaupten kann.

Unabhängig davon:
Die Beweislage ist eindeutig in der Frage, wie wichtig eine Stärkung der Position der Frau ist. Maßnahmen in diese Richtung sind zweifellos wünschenswert.

Aber warum folgert man daraus, dass man nur das tun darf? Warum sind andere Werkzeuge verboten, warum muss eine Reissorte auch dieses Problem lösen?

Täglich 200 g Gemüse (z.B.: 50 g Cassava-Blätter, 72 g grünes Blattgemüse, 78 g Süßkartoffel-Blätter) könnten den täglichen Provitamin A-Bedarf
eines erwachsenen Menschen decken. Hingegen könnte Golden Rice Schätzungen zufolge nur etwas mehr als 20 Prozent dieses Bedarfs decken. Warum also nur einen winzigen Teil
eines Problemkomplexes mit hohem Aufwand und vielen negativen Nebenwirkungen in Angriff nehmen, wenn das gesamte Problem relativ leicht zu lösen ist?

Wir spielen hier ja nur ungern Spielverderber, aber leicht zu lösen ist es, zumindest auf diese Weise, leider nicht. Wenn es einfach wäre, müssten Hilfsorganisationen nicht jedes Jahr 500 Millionen Dollar für die Versorgung mit Vitaminpillen ausgeben. Für dieses Geld sollten sich doch leicht andere Möglichkeiten finden/umsetzen lassen, oder?

Historisch, auf alten Annahmen basierend, ist die Logik mit dem Blattgemüse nicht falsch. Aber wie sich in Studien gezeigt hat, sind grüne Blätter leider sehr ineffektiv. Nahrung bzw. Goldener Reis enthält ja nicht direkt Vitamin A, sondern β-Karotin, eine Vorstufe. Der entscheidende Faktor ist, wie viel Karotin in Vitamin A umgewandelt wird. Bei Goldenem Reis ist dieser Faktor 3,8 bei Erwachsenen und bei Kindern sogar 2.3.

Dieser Wert ist sehr gut; Karotten haben zum Beispiel 15, das oben empfohlene Blattgemüse leider nur einen Faktor von 24-28. Vernünftiger wäre Spinat, der immerhin einen Faktor von 7 aufweist.

Ein Nahrungsmittel muss genug Vitamin A für den Körper bereitstellen, um den Mangel zu beseitigen. Man findet übrigens im Internet einige Behauptungen, dass unrealistisch hohe Mengen an Goldenem Reis nötig seien. Aber wie man vielleicht schon aufgrund der guten Bioverfügbarkeit erahnt, stimmen diese Zahlen nicht.

Eine Portion von etwa 50g Reis (ungekocht) deckt bei Kindern (4-8 Jahre) etwa 90% der notwendigen und 60% der empfohlenen Vitamin-A-Dosis. Auf den Philippinen isst eine Person im Schnitt pro Tag ca. 330 Gramm Reis.

Anmerkung: Mit β-Karotin besteht keine Gefahr einer Überdosis.

Der Vorwurf, den sich Goldener Reis anhören musste, dass er nicht genügend Vitamin A pro Mahlzeit liefere, konnte durch Messung also inzwischen entkräftet werden. Umgekehrt wurden alte Annahmen, dass Blattgemüse toll sei, leider – ja: leider – nicht bestätigt.

Tatsächlich gibt es übrigens ein Projekt, bei dem Cassava mit Vitamin A angereichert wurde, da diese Pflanze in manchen Gegenden eine sinnvolle Möglichkeit darstellt.

Abschließend:
Wir halten Goldenen Reis für ein sehr brauchbares Werkzeug. Wir verlangen nicht, dass er sämtliche Probleme der Welt löst und den Hunger an sich beseitigt. Wir hoffen allerdings, dass Goldener Reis einen Beitrag zur Versorgung mit Vitamin A leisten kann. Nicht mehr, nicht weniger!

Und wenn ein besserer, billigerer, klügerer Weg gefunden werden kann? Gerne! Ideologische Überlegungen sollten bei der Beurteilung keinen Raum finden.

  1. knorke
    22. Mai 2015, 14:46 | #1

    Vielen Dank für diese sehr sachliche, faktenbezogene und unaufgeregte Darstellung. Es ist schade, dass Menschen häufig glauben, ihre ablehnende Meinung damit begründen zu müssen, dass es ja noch ganz viele andere Probleme gibt.
    Als ob das die Lösung eines bestimmten Problems irgendwie entwerten würde.

  2. Cliff
    24. Mai 2015, 17:50 | #2

    Dass die Dame Politikerin bei den Grünen sein musste war beim Lesen irgendwie klar. Dass sie aber auch studierte Biochemikerin ist, hätte man sich anhand des äußerst mangelhaft recherchierten und geschriebenen Textes wohl eher nicht erwartet.

  3. Holperbald
    26. Mai 2015, 21:49 | #3

    Dass Sie bei den GrünInnen ist, hab ich beim ersten Binnen-I gemerkt, dass den Lesefluss gestört hat. Danach habe ich nicht mehr weitergelesen..

  4. Martin
    8. Juni 2015, 13:09 | #4

    @knorke
    Yep, das ist wirklich die absolut dümmste und fadenscheinigste Argumentation überhaupt.
    Wer so argumentiert ist entweder strunzdumm oder will absichtlich irreleiten.

    Man braucht dann ja eigentlich auch keine Vitaminpillen, denn das Problem des Verhungerns wird damit ja auch nicht gelöst.
    Und die Benutzern dieser Art der Argumentation braucht man eigentlich auch nicht aus dem Wasser zu ziehen, wenn sie ertrinken oder sonstige Nothilfe leisten, wenn sie einen Unfall erleiden. Denn das löst ja das Problem der Umweltverschmutzung oder von Vulkanausbrüchen oder Erdbeben auch nicht. Kann man also gleich lassen usw. usf.

  5. Thomas
    11. Juni 2015, 14:01 | #5

    Die gute Frau war/ist Gentechnik Sprecherin der Grünen in Oesterreich. Sie hat ihren eigenen Blog ,der von einer eigentümlichen Mischung an vollkommener Inkompetenz und totaler Selbstüberschätzung durchdrungen ist. Wirklich amüsant wird es wenn sie zum Beispiel den Kollegen von „Dialog Gentechnik“ jegliche Kompetenz abspricht, weil die nicht einer Meinung mit ihr sind.

  6. biobio
    29. Dezember 2015, 15:23 | #6

    Hello, could you write down source of this WHO map? I mean tittle of article, I need this for my batchelor work… thanks in advance:)

  7. biobio
    31. Dezember 2015, 02:03 | #8

    thanx, danke 🙂