Psiram http://blog.psiram.com Realismus als Chance Fri, 12 Dec 2014 17:04:24 +0000 de-DE hourly 1 Lieber Prinzipien reiten als Menschenleben retten oder: Der Streit um die E-Zigarette, die WHO und das Deutsche Krebsforschungszentrumhttp://blog.psiram.com/2014/12/lieber-prinzipien-reiten-als-menschenleben-retten-oder-der-streit-um-die-e-zigarette-die-who-und-das-deutsche-krebsforschungszentrum/ http://blog.psiram.com/2014/12/lieber-prinzipien-reiten-als-menschenleben-retten-oder-der-streit-um-die-e-zigarette-die-who-und-das-deutsche-krebsforschungszentrum/#comments Fri, 12 Dec 2014 17:04:24 +0000 http://blog.psiram.com/?p=15255 Aufbau-eZigarette(3)

Lasst uns ein Gedankenexperiment machen. Man stelle sich vor, jeder Raucher in den USA würde auf E-Zigaretten umsteigen. Was wären die Folgen? Eine E-Zigarette ermöglicht es im Wesentlichen, nikotinsüchtig zu sein (Nikotin ist nicht krebserregend), das haptische Erlebnis des Rauchens zu haben, ohne sich 60 und mehr krebserregenden Stoffen oder anderen hunderten giftigen Chemikalien auszusetzen, die beim Verbrennen von Tabak entstehen. Wenn alle US-amerikanischen Raucher “dampften” anstatt zu rauchen, könnten ca. 480.000 Todesfälle jährlich verhindert werden. Wir werden natürlich nicht zu einer solchen vollständigen Veränderung kommen, aber es ist eine Tatsache, dass der Zusammenhang zwischen Rauchen und Sterben an Krebs und anderen Krankheiten sehr klar vorhanden ist.

(Frei übersetzt aus einem Artikel von Daniel Sarewitz, Nature 512, 349 (28 August 2014) doi:10.1038/512349a) [1], [2]

Jeder wird sie inzwischen vermutlich kennen: Die E-Zigarette. Die weltweite Forschergemeinschaft ist sich zwar in ihrer Mehrheit einig, dass sich durch die E-Zigarette das hohe Risiko des Tabakrauchens drastisch verringern lässt. Trotzdem tobt bei der WHO gerade ein Kampf darum, wie man mit der E-Zigarette umgehen soll. Es gingen jeweils kontroverse Aufrufe an die WHO Generaldirektorin Margaret Chan.[3][4] Etwas flapsig, aber wohl zutreffend ausgedrückt, streiten sich die Pragmatiker mit den Prinzipienreitern. Das Deutsche Krebsforschungszentrum mit seiner für diesen Bereich Verantwortlichen Martina Pötschke-Langer gehört definitiv zu Letzteren, und wir sind der Meinung, dass man statt Prinzipien und Bedenkenträgerei zu reiten, lieber die Chancen, viele Menschenleben pragmatisch zu retten, wahrnehmen sollte. Ja, sogar dann, wenn die Tabakindustrie auch auf den Zug mit aufspringt. “Es droht eine Epidemie wie bei Tabakzigaretten”[5] prophezeit Martina Pötschke-Langer in einem Spiegel-Interview. Wie das bei einem Suchtstoff vonstatten gehen soll, bei dem lediglich die Zufuhr auf eine deutlich weniger schädliche Art erfolgt, kann sie nicht glaubhaft belegen. Mit welcher Argumentation das DKFZ versucht, die E-Zigarette zu verhindern, sei im Folgenden beispielhaft für die weltweite Diskussion angerissen, ebenso einige Fakten zum grundsätzlichen Verständnis dargestellt.

Tabak rauchen

Es gibt wohl kein Genussmittel auf dieser Welt, das einerseits allgemein zugelassen ist, andererseits aber ein derart hohes Schadenspotential hat wie das Rauchen von Tabak. Ein lebenslanger Raucher hat ein 50%iges Risiko, an diversen Folgeerkrankungen vorzeitig zu sterben.[6] Ursache ist nicht etwa der Suchtstoff Nikotin, sondern ein schier unüberschaubarer Cocktail an Schadstoffen, der durch das Verbrennen von Tabak entsteht. Dazu hat das DKFZ reichhaltige Literatur zusammengetragen [7].

Die Sucht

Sucht heißt Sucht und nicht “schlechte Angewohnheit”, weil sie eben viel mehr als das ist: Man hat ein Verlangen nach dem Stoff, das nicht mehr ohne Probleme vom Verstand beherrschbar ist. Wer nie süchtig war, kann sich diesen Zustand kaum vorstellen. Sprüche wie “Man muss nur aufhören wollen!” oder “Also für mich war das kein Problem!” signalisieren dem betroffenen Süchtigen, dass sein Gegenüber kaum Ahnung hat, wovon er spricht. Was das Rauchen angeht, fasst es Mark Twain treffend zusammen: “Mit dem Rauchen aufzuhören ist kinderleicht: ich habe es schon hundert Mal geschafft.” Wer süchtig ist, ist in diesem Bereich nicht mehr Herr über sich selbst.

Die Tabaksucht

In der öffentlichen Diskussion wird so gut wie nie unterschieden zwischen Nikotin- und Tabaksucht – bisher war das auch weitgehend überflüssig. Es ist zwar richtig, dass in beiden Fällen Nikotin die Hauptrolle spielt, aber man muss differenzieren, will man einen wichtigen Unterschied zwischen Rauchen und Dampfen verstehen: Ein entscheidender Faktor, wie schnell und ob überhaupt ein Stoff süchtig macht, ist die sogenannte Anflutungsgeschwindigkeit des Stoffes im Körper. Je höher diese ist, umso stärker ist der “Kick”, das unmittelbare Spüren der Wirkung. Ein bekanntes Beispiel ist MPH (auch als Ritalin bekannt). Wird es in Tablettenform genommen, geht die Suchtgefahr gegen Null; würde man es spritzen, könnte recht schnell eine dem Kokain ähnliche Abhängigkeit entstehen.[8] Der Zigarettenindustrie ist dies seit langem bekannt. Entsprechend wurden in jahrelangen Forschungen Zigaretten auf eine möglichst schnelle Abhängigkeit hin “optimiert”, indem man z.B. betäubende / schmerzstillende Stoffe wie z.B. Menthol beimengte, die den Hustenreiz verminderten und so auch schon dem Anfänger bald tiefe Lungenzüge ermöglichten. Gleichzeitig werden die Lungenbläschen gereizt, und in dieser Kombination wird dann das Nikotin sehr schnell zu seinem Wirkungsort transportiert, der gewünschte Kick ist da. Weitere Stoffe, die in diese Richtung gezielt wirken, beschreibt das DKFZ.[9]

In den letzten Jahren wird zudem verstärkt darüber diskutiert, ob Nikotin der alleinige Grund für die Tabaksucht ist. Vieles deutet darauf hin, dass noch andere Stoffe eine wichtige Rolle spielen, z.B. Acetaldehyd. Der Stoff gilt als Monoaminooxidase-Hemmer (MAO-Hemmer).[10] Er vermindert den Abbau von Serotonin, Noradrenalin und Dopamin. Dies hat eine antidepressive Wirkung; MAO-Hemmer waren die ersten Medikamente, die gegen Depression eingesetzt wurden. Man diskutiert noch, ob wirklich Acetaldehyd dafür verantwortlich ist und nicht ein Gemisch von Kondensatprodukten. Für die Praxis ist das eher egal, der Effekt ist vorhanden.

Wollte man der Zigarettenindustrie wirklich ernsthaft an den Karren fahren, sollte man zuerst Zusatzstoffe verbieten, statt Bildchen auf Zigarettenpackungen zu drucken. Ein gepflegter und ausgiebiger Hustenanfall würde dann beim ersten Ausprobieren so manchen Jugendlichen zum Spontanverzicht bewegen. Die Suchtgefahr durch gezielte Regulierung der Zusatzstoffe zu reduzieren, wurde schon länger empfohlen[11], aber nie wirklich umgesetzt.

All dies ist beim Dampfen nicht so; der Dampf lässt sich weitgehend reizfrei ohne Präparierung mit dubiosen Stoffen inhalieren. Nun könnte man sagen: umso schlimmer. Das wäre so, wenn die Anflutungsgeschwindigkeit vergleichbar wäre. Sie ist aber messbar deutlich langsamer, es entsteht kein scharfer Kick wie bei der Tabakzigarette. Da das Liquid aus nur wenigen Inhaltsstoffen besteht, bestünde hier die Möglichkeit, per Gesetz so einzugreifen, dass dies auch zukünftig so bleibt.

Nikotin

Das Alkaloid Nikotin gehört wie sein Mitalkaloid Coffein zu den stimulierenden psychotropen Substanzen. Nikotin ist nicht krebserregend und wird innerhalb der üblichen Dosierungen gut vertragen. Neben einigem anderen stimuliert Nikotin die Ausschüttung von Dopamin (“Glückshormon”). Der genauere Wirkweg und Wirkung sind natürlich etwas komplexer.[12]

Wikipedia schreibt: “Trotz der in hoher Dosierung toxischen Wirkung zeigt Nikotin, auch über viele Jahre in niedrigen Dosen genommen, nur geringe chronische Schädigungen des Organismus. Nicotin wird im Körper schnell zu Cotinin und anderen Stoffen abgebaut, eine chronische Nikotinvergiftung kann also nicht auf einer Kumulation des Wirkstoffes beruhen. Weil sich das Nicotin so schnell im Körper verteilt und sehr schnell wieder abgebaut wird, ist Nicotinkonsum nicht an sich schädlich”.[13] Die genaue Dosierung ist bei Nikotin besonders wichtig. Zu wenig hat kaum Wirkung, etwas zu viel ist zwar nicht bedrohlich, doch wird einem leicht übel, schwindlig. Erhöhten Puls und Schweißausbrüche wünscht man sich auch nicht. Rauchen ist bezüglich der gezielten Dosissteuerung zwar ein sehr schädlicher, aber trotzdem ein sehr effektiver Weg. Das Dampfen kommt dem nahe, im Gegensatz zu kontinuierlich Nikotin abgebenden Pflastern z.B.

Da Nikotin bisher hauptsächlich in Verbindung mit Tabak untersucht wurde, gibt es bisher keine epidemiologischen Studien mit reinem Nikotin bezüglich Abhängigkeit und Langzeitfolgen.

Ein weiterer interessanter Aspekt ist, dass es zudem eine genetische Disposition für die Wirksamkeit von Nikotin zu geben scheint. Punktmutationen in Subtypen der Nikotinrezeptoren, die dies bewirken, wurden lokalisiert.[14] Erstaunlicherweise gibt es anscheinend auch einen Gegenspieler, der eine Abneigung gegen Nikotin fördert.[15] Muss man sich jetzt nicht alles merken, nur: Die Genetik spielt eine Rolle. Es wäre auch eine schöne Erklärung dafür, warum manche so viel, anderer kaum Mühe mit dem Aufhören haben.

Die E-Zigarette

Wikipedia gibt Auskunft: “Das Konzept einer elektrischen Zigarette wurde 1963 von Herbert A. Gilbert patentiert. Seine Idee einer rauch- und tabakfreien Zigarette mit erhitzter, befeuchteter und aromatisierter Luft als Ersatz für die konventionelle Zigarette ging allerdings niemals in Produktion.

2003 erfand der Chinese Hon Lik die heutige Version und brachte sie ein Jahr später in China auf den Markt. Das Unternehmen, für das er arbeitete, änderte seinen Namen von „Golden Dragon Holdings“ in Ruyan und exportierte ab 2005/2006 elektrische Zigaretten. Diese „Verdampfer“ basieren auf der Technologie, mit der in Diskotheken Nebel erzeugt wird. Mittlerweile wird diese Art der elektrischen Zigaretten weltweit hergestellt und vertrieben.

Logischerweise gibt es inzwischen ein großes Hauen und Stechen um Patente und Schutzrechte, denn dass der potentielle Markt riesig ist, haben auch die großen Konzerne erkannt.

Wer es genauer wissen will, dem sei der Artikel im Economist: E-cigarette patent wars. A case of the vapers empfohlen.

Sehr smart ist allerdings eine Tatsache: Niemand kann jemandem verbieten, eine Flüssigkeit zu verdampfen. So hat sich bereits eine Art Subkultur entwickelt, die sich mit dem Selbstbau von Verdampfern befasst.

Schädlichkeit der E-Zigarette

Neben dem Fluid sind inzwischen vor allem seitens der ablehnenden Fraktion alle möglichen und unmöglichen Bedenken formuliert worden, was nicht grundsätzlich verkehrt ist. Lieber eine Gefahr zu viel vermutet, als eine übersehen. So wurde bereits festgestellt: Metallbestandteile können vom Verdampferdraht in den Dampf geraten. Die möglicherweise verchromte Zigarettenspitze kann abblättern. Der Akku könnte explodieren. Beim Befüllen des Tanks könnte man Fluid verschütten, welches auf die Haut gelangen könnte. Wer in der EU wohnt, sollte seine Bedenken zurückstellen: es wird dazu eine Verordnung geben, so wie es zu Badeenten auch eine gibt.

Funktionsweise

Wir bemühen noch einmal Wikipedia:

“Eine E-Zigarette besteht aus einem Akku, einem Docht und einem Heizwiderstand. Die zu verdampfende Flüssigkeit, das Liquid, gelangt durch Kapillarwirkung des Dochtes vom Tank (auch direkt aufgetröpfelt) zu der Heizspirale (englisch: Coil), die vom Akku mit Energie versorgt wird. Durch die Hitze der Heizspirale verdampft das Liquid. In der Nähe zur Heizspirale befindet sich eine Luftzugöffnung oder ein Luftzugkanal. Sobald der Benutzer am Mundstück zieht, wird die Heizspirale von einem Luftstrom umflossen und der Dampf kann mit diesem Luftstrom eingeatmet werden.”[16]

Einzelne Inhaltsstoffe und ihre Risiken

Im Gegensatz zu Tabakrauch sind die Inhaltsstoffe des Liquids zur Freude aller Pharma- und Toxikologen sehr überschaubar. Umfangreiche Stoffgemische sind in ihrer Wirkung und Giftigkeit aufgrund der vielen möglichen Wechselwirkungen oft schwer einzuschätzen. Liquids bestehen aus Propylenglycol, Glycerin, Wasser, Nikotin, Aromastoffen in jeweils je nach Liquid unterschiedlichen anteilen. Es gibt auch Liquids ohne Nikotin und Aromastoffen.

Propylenglycol und Glycerin begegnen uns überall im Alltag – in Lebensmitteln, Hautcremes, als Bühnennebel (Propylenglycol) etc. Kritiker führen an, Propylenglycol könnte als Nebel die Lunge reizen. Mag sein, nur: bei E-Zigaretten geht es in den allermeisten Fällen um einen Ersatz zu Zigarettenrauch und nicht um den Einstieg ins Rauchen.

Über Wasser brauchen wir nicht zu sprechen, über Nikotin haben wir das oben extra getan.

Es gibt allerdings einen Bestandteil, den man kritisch betrachten muss: Die Aromen. Hier können sich theoretisch alle möglichen Schadstoffe tummeln, wie das halt so üblich ist bei Duftölen, Aromakerzen etc. dubioser Herkunft (meist aus asiatischem Raum) und ohne chemische Analyse. Hier sollte man Wert auf geprüfte Qualität legen oder ganz verzichten, was problemlos möglich ist. Freilich gibt es auch Kritik. Diese solle allerdings fundiert sein, um nicht kontraproduktiv zu wirken.

Ein paar Beispiele, wie das DKFZ versucht, eine Schädlichkeit herbeizureden

Formaldehyd

Im Spiegel-Interview sagt Pötschke-Langer:

Dieser Streit wird sich bald legen, weil neue Studien zeigen, dass beispielsweise die Innenraumluft durch E-Zigarettendampf belastet wird. Zwar nicht so stark wie bei einer herkömmlichen Zigarette – aber dass der Raum überhaupt belastet wird, spricht gegen die Zulassung einer E-Zigarette in geschlossenen Räumen.

[5]

Sie meint damit u.a. Formaldehyd, wie dies auch dem Bericht des DKFZ[17] zu entnehmen ist. Formaldehyd ist bekanntermaßen ein krebserregender Stoff. Entsprechend vorsichtig muss damit umgegangen werden. Ein paar Werte für Raumluft:

  1. 0,370 mg/m³ MAK (maximale Arbeitsplatzkonzentration)
  2. 0,030 mg/m³ angestrebte strengste Forderung der Arbeitsgemeinschaft ökologischer Forschungsinstitute bei der Bauplanung (in der Praxis wohl kaum erfüllbar)
  3. 0,124 mg/m³ “safe level” (laut BfR)
  4. 0,086 mg/m³ Raumluft nach Rauchen einer herkömmlichen Zigarette (Standardraum 8m³)
  5. 0,008 – 0,018 mg/m³ Raumluft nach Dampfen einer E-Zigarette (Standardraum 8m³)

Die Werte (E-Zigarette) hat das DKFZ aus einer Studie von Schripp et al, in der es heißt:

This might be caused by the person in the chamber itself, because people are known to exhale formaldehyde in low amounts (Riess et al., 2010) and the increase was already observed during the conditioning phase

Auf deutsch: Schripp ist sich noch nicht einmal sicher, ob die Spuren von Formaldehyd nicht schon durch die normale Ausatemluft der Versuchsperson verursacht wurde. Was auch nicht weiter verwunderlich wäre, denn Formaldehyd ist ein normales Zwischenprodukt im menschlichen Stoffwechsel und wird u.a. über die Ausatemluft abgegeben. All dies erwähnt der Bericht nicht.

Um dieses äußerst magere Ergebnis trotzdem irgendwie gefährlich zu machen, wird flugs darauf verwiesen, dass es für krebserregende Stoffe keine Untergrenze gebe. Theoretisch richtig, praktisch geht das völlig an der Realität vorbei. Wollte man streng nach dieser Aussage handeln, wäre selbst eine Tasse Kaffee nicht mehr akzeptabel. Beim Formaldehyd und in der Logik des DKFZ müsste man damit eigentlich den Menschen vor sich selbst als krebserregend warnen.

Wir gehen mit jeglicher Tätigkeit ein bestimmtes Risiko ein. Die Kunst besteht in der vernünftigen Abwägung, die wiederum eine höchst individuelle Entscheidung sein kann. Auch das BfR hat sich dieser Problematik angenommen, kommt aber im Gegensatz zum DKFZ in seiner Stellungnahme “Toxikologische Bewertung von Formaldehyd, Stellungnahme des BfR Nr. 023/2006 vom 30. März 2006” zu einer pragmatischeren Aussage, die deutlich weniger alarmistisch ausfällt. Es sieht in den vorliegenden Konzentrationen kein Risiko.[18]

Giftigkeit von Nikotin

Auch hier wird versucht, eine Gefährlichkeit herbeizureden, die in der Realität nicht relevant ist. In jedem Haushalt gibt es Stoffe, angefangen von Medikamenten über Putzmittel bis hin zu Kochsalz, die bei falscher Anwendung schädlich, giftig und auch tödlich sein können. Dass die allermeisten Menschen eine entsprechende Sorgfalt im Umgang mit diesen Stoffen an den Tag legen, speziell wenn sie kleine Kinder haben, kann vorausgesetzt werden. Die Dosierung, die das DKFZ bei Nikotin als tödlich angibt, ist im Übrigen falsch.
 

The discrepancy between the 60-mg dose and published cases of nicotine intoxication has been noted previously  (Matsushima et al. 1995; Metzler et al. 2005), but nonetheless, this value is still accepted without scrutiny and taken as the basis for worldwide safety regulations of tobacco and other nicotine-containing products. Nicotine is a toxic compound that should be handled with care, but the frequent warnings of potential fatalities caused by ingestion of small amounts of tobacco products or diluted nicotine-containing solutions are unjustified and need to be revised in light of overwhelming data indicating that more than 0.5 g of oral nicotine is required to kill an adult.  [19]

Oder kurz gesagt: die tödliche Dosis ist vermutlich so um den Faktor 10 höher als gemeinhin behauptet.

Es gibt keine Langzeitstudien

Wie soll es die auch geben bei einer neuen Technologie. So wie von Martina Pötschke-Langer formuliert, klingt das aber so, als könne man deswegen die Sache überhaupt nicht einschätzen. Gerade bei der E-Zigarette ist das nicht der Fall, da es zu den wenigen Einzelkomponenten durchaus Langzeiterfahrungen gibt und eines nun wirklich sicher zu sagen ist: Das Dampfen ist um Größenordnungen weniger schädlich. Wer fehlende Langzeitstudien als relevante Argumentation einführt, sei es bei Impfstoffen, Gentechnik, Handyfunkmasten etc., will in der Regel nur eines: Die neue Technik grundsätzlich verhindern.

Dies alles sei nur beispielhaft erwähnt. Der Bericht des DKZF [17] führt noch mehr bedenkliche Substanzen auf wie Acrolein, Acetaldehyd, Nitrosamine etc. All dies wurde gemessen – und wie selbst das DKFZ zugeben muss, in sehr geringen Dosen. Messen kann man aber heutzutage in jedem Produkt fast alles. Die Aussagekraft des reinen Aufzählens geht allerdings gegen Null, sofern man die gemessenen Werte nicht in einen vergleichenden Bezugsrahmen setzt. Man zögert es auszusprechen, aber so wie das DKFZ hier argumentiert, tun das Impfgegner auch: Sie verweisen auf fehlende Langzeitstudien und zählen giftige Substanzen auf, ohne sie in Relation zu setzen. So waren oder sind in Impfstoffen z.B. Formaldehyd und Quecksilber/-salze enthalten – bei ersterem allerdings in einer Menge, die weit unter den sowieso bereits sehr vorsichtigen empfohlenen Grenzwerten lag, bei letzerem entsprach die Menge  etwa derjenigen, die man aufnimmt, wenn man ein Stück Hering isst.

Die E-Zigarette als Einstiegsdroge

Es ist ja alles ganz einfach. Wer dampft, wird kurz danach rauchen. Wer raucht, trinkt auch Alkohol. Beides zusammen führt zu Cannabis. Kurz danach stirbt man auf dem Bahnhofsklo am Goldenen Schuss. So zumindest nach Ansicht mancher Vertreter der Gateway-Theory. Der deutsche Begriff der “Einstiegsdroge” leitet sich daraus ab. Was irgendwie schon einleuchtend klingt – dass das eine das andere nachziehen kann -, hat nur den kleinen Nachteil, dass es dafür weder handfeste Belege noch einen eindeutigen Urheber der Theorie gibt. Zu diesem Schluss kommen jedenfalls Bell und Keane in ihrer Arbeit “All gates lead to smoking: The ‘gateway theory’, e-cigarettes and the remaking of nicotine”.[20]

Woran es der unspezifischen Gateway-Theory grundsätzlich mangelt, soll an einem Beispiel erläutert werden. Wenn ein Mensch gerne spazieren geht, dann hat er eine höhere Wahrscheinlichkeit, durch Regen nass zu werden. Ist nass werden überhaupt schlimm? Kommt darauf an: manchmal ist es sogar als Abkühlung erwünscht, aber unter anderen Umständen kann es eine tödliche Gefahr durch Auskühlung darstellen. Wie oft wird man denn nass? In der Wüste eher selten, im Regenwald eher dauernd. Kann man etwas dagegen tun? Ja, mit entsprechender Ausrüstung. Die wiederum kann das Nasswerden gut oder weniger gut verhindern. Kommt halt darauf an. Man sieht, allgemeine Aussagen müssen nicht falsch sein, sind aber für die Praxis ohne Berücksichtigung vieler anderer, weit wichtigerer Umstände nicht relevant, schon gar nicht als Argument für oder gegen etwas.

Wie sieht es mit den Fakten aus? Im British Journal of General Practice [21] schreiben die Autoren West und Brown, dass es für die E-Zigarette kaum Hinweise gebe, dass sie als Einstiegsdroge fungiere. Zwar sei ein Anstieg beim Dampfen zu verzeichnen, aber eben gleichzeitig allgemein ein Rückgang beim Rauchen. Der Anteil der 16-25-Jährigen, die je geraucht haben, sei konstant bei 30% geblieben. Sie berufen sich dabei auf die “Smoking Toolkit Study”[22], die monatlich das Rauchverhalten der Engländer festhält. Weiter stellen sie fest, dass die Auffassung der E-Zigarette im Sinne der Gateway-Theory als “Einstiegsdroge” am Thema vorbei geht. Man kann nicht einfach die Zahl der Einsteiger mit der Zahl derer vergleichen, die am Schluss an harten Drogen hängen und daraus schließen: hätten sie nicht angefangen, wäre das nicht passiert. Es gibt eine große Zahl anderer Faktoren, die in eine “Suchtkarriere” mit hineinspielen. Untersucht wurde das z.B. in der Studie “Evaluating the drug use “gateway” theory using cross-national data: consistency and associations of the order of initiation of drug use among participants in the WHO World Mental Health Surveys”[23] .

Dies alles ist unter Berücksichtigung der oben erwähnten genetischen Disposition zu Nikotin sehr plausibel, vor allem, wenn man noch eine Zahl hinzunimmt, die ebenfalls in der “Smoking Toolkit Study”[22] erwähnt wird: Der Anteil der aktuellen E-Zigaretten-Anwender, die vorher nie geraucht haben, liegt bei 0,2%. Die alarmistischen Meldungen eines starken Zuwachses liegt einfach in der Fragestellung begründet: “Haben Sie die E-Zigarette schon mal probiert?” (Klar, wer will da nicht mal daran gezogen haben) ist etwas ganz anderes als “Dampfen Sie regelmäßig?”.

E-Zigarette als Mittel zum Entzug

Nikotinersatzprodukte wie Nikotinpflaster, Kaugummis, Sprays gelten nicht gerade als erfolgreich bei der Raucherentwöhnung. Was auch nicht weiter verwundert, ist doch der Suchtmechanismus des Rauchens nicht alleine auf die Nikotinzufuhr beschränkt. Nichtstoffliche Faktoren spielen eine Rolle: wie der Ritus des Rauchens, die Konditionierung, Rauchen mit Pause zu verbinden, die “Anflutungsbooster” im Tabakrauch, die das Nikotin erst so richtig knallen lassen, das Sensorische des Duftes, die genetische Disposition – ein komplexes Ineinandergreifen von Bedingungen. In der Gesamtbetrachtung dieser Faktoren könnte man vermuten, dass die E-Zigarette da eigentlich recht gut abschneiden müsste: Sie liefert Nikotin (nicht so schnell, aber deutlich schneller als Pflaster u.ä.), der “rituelle” und sensorische Aspekt wird abgedeckt, oft noch mehr als bei der Tabakzigarette.

Soweit die Überlegung, aber gibt es Daten? Wenig. Da es hier nur um einen Nebenaspekt der E-Zigarette geht (sie wurde nicht primär als Entwöhnungsmittel erfunden), sei auf lediglich eine (große und aktuelle) Studie verwiesen: “ ‘Real-world’ effectiveness of smoking cessation treatments: a population study”.[24] Es geht hier zwar nicht explizit um die E-Zigarette, sondern um den Vergleich verschiedener Entzugsmethoden, z.B. ohne Hilfsmittel aufzuhören versus Unterstützung mit verschreibungspflichtigen Medikamenten und verhaltenstherapeutischer Betreuung versus frei erwerbbare Nikotinersatzprodukte. Die Erfolgsquoten unterscheiden sich im niedrigen einstelligen Prozentbereich, alles nicht so der Knüller. Wichtig nur in diesem Zusammenhang: Die E-Zigarette ist, was Entwöhnung angeht, jedenfalls nicht kontraproduktiv. Sie lässt auch ein Ausschleichen durch entsprechend schwächer dosierte Fluids zu. Und schließlich sollte man nicht vergessen, dass die E-Zigarette nicht erfunden wurde, um mit der “Nikotinsucht” aufzuhören, sondern um vom sehr schädlichen Tabakqualm wegzukommen.

Fazit

Radikale oder ideologisch motivierte Empfehlungen bezüglich der öffentlichen Gesundheit sind kontraproduktiv. Die Empfehlungen des DKFZ sind radikal, indem sie behaupten, mangels Langzeitstudien sei überhaupt nichts absehbar. Ideologisch sind sie, weil sie einen idealisierten Zustand der völligen Suchtfreiheit anstreben. Dass so etwas nicht funktioniert, hat spätestens die Prohibition in den USA gezeigt. Epidemiologische Empfehlungen können und müssen pragmatischer Natur sein, die in der Bevölkerung auf einen allgemeinen Konsens stoßen. Schon gar nicht dürfen solche Empfehlungen moralisch-ethische Beurteilungen transportieren, z.B. die Ansicht, dass “SüchtigSein” grundsätzlich etwas ist, was keinem Menschen zuzugestehen sei. Nikotin ist eine Droge, die Menschen weder körperlich noch sozial gefährdet oder ruiniert; im Gegenteil, sie hilft vielen, die dafür disponiert sind, in den wünschenswerten geistigen Zustand des Wohlbefindens und besserer Konzentration zu gelangen – wie z.B. auch mit Coffein. Es gibt zwar kein Recht auf Sucht oder Drogen, aber es gibt erst recht keine Begründung, die Nutzung sozial und gesundheitlich unschädlicher Drogen verbieten zu wollen. Das würde jedem freiheitlichen-demokratischen Grundsatz, der von einem mündigen Bürger ausgeht, widersprechen.

Gesetzliche Regelungen sind sinnvoll, was die Reinheit und Sicherheit der Stoffe angeht. Speziell aromatisierende Zusätze können tatsächlich ein Risiko darstellen. Ebenso muss die Sicherheit der technischen Eigenschaften der Geräte – wie bei allen anderen elektronischen/elektrischen Geräten auch – sichergestellt sein. Bis auf Letzteres dürften im Prinzip die rechtlichen Vorschriften, die für Lebensmittel gelten, ausreichend sein. Eine Vorschrift, die die bisherige Einfachheit der Zusammensetzung sicherstellt, wäre zu begrüßen, um suchtsteigernde Zusätze Richtung Tabakzigarette zu verhindern (schnellere Anflutung z.B.). Eine den Tabakprodukten entsprechende Altersfreigabe wäre zu überlegen; Studien belegen, dass der frühe Beginn mit Rauchen vermehrt zur Sucht führt. Dies kann beim Dampfen (diesmal wirklich mangels Langzeitstudien) nicht ausgeschlossen werden, insofern wäre eine Altersfreigabe eine eventuell verhältnismäßig sinnvolle Sache.

Man kann Frau Pötschke-Langer sicher zu Gute halten, dass ein jahrelanger Kampf gegen die Tabakindustrie, der in vielen Bereichen sicher zu Recht geführt wird, zu einer gewissen Radikalisierung der Positionen führen kann; eine Legitimierung für z.T. völlig falsche Aussagen ist dies jedoch nicht. Im Gegensatz zu Frau Pötschke-Langer sind wir der Meinung, dass die E-Zigarette nicht Teil des Problems, sondern Teil der Lösung ist.

oder wie  Daniel Sarewitz im Wissenschaftsmagazin Nature sagt [1]:

MAKE SMOKING UNCOOL, EXPENSIVE  AND STUPID,

AND VAPING COOL AND SMART.


  1. http://www.nature.com/news/allow-use-of-electronic-cigarettes-to-assess-risk-1.15766

  2. Let’s do a thought experiment. Imagine that every smoker in the United States changed to e-cigarettes. What would be the consequences? An e-cigarette, in essence, allows you to be addicted to nicotine (which is not carcinogenic), and to enjoy the tactile pleasures of smoking without exposing yourself to the 60 or more cancer-causing agents, or to most of the hundreds of other toxic chemicals, that are released from burning tobacco. If all US smokers ‘vaped’ (the verb coined to distinguish inhaling e-cigarette vapours from inhaling tobacco smoke) instead of smoked, about 480,000 deaths might eventually be avoided per year. We may never approach such a full transition, but the point is that the causal relationship between inhaling tobacco smoke and dying from cancer and other diseases is very robust.

  3. http://nicotinepolicy.net/documents/letters/MargaretChan.pdf

  4. https://tobacco.ucsf.edu/sites/tobacco.ucsf.edu/files/u9/Chan-letter-June16%20PST%20FINAL%20with%20129%20sigs.pdf

  5. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/e-zigarette-who-verhandelt-ueber-tabak-regulierung-a-996105.html

  6. Mortality in relation to smoking: 50 years’ observations on male British doctors
    http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC437139/

  7. http://www.dkfz.de/de/tabakkontrolle/Gesundheitliche_Folgen_des_Rauchens.html

  8. “… When administered intravenously, MPH like cocaine has reinforcing effects (euphoria) at doses that exceed a DAT blockade threshold of 60%. When administered orally at clinical doses, the pharmacological effects of MPH also exceed this threshold, but reinforcing effects rarely occur. …”
    Serum and brain concentrations of methylphenidate: implications for use and abuse.
    http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/14624806

  9. “… Durch das Zusetzen von Ammoniumverbindungen, die in der Glutzone der Zigarette Ammoniak freisetzen, wird das im Tabakrauch enthaltene Nikotin schneller aufgenommen und zu den Schaltstellen des Gehirns weitergeleitet, die für das Auslösen positiver Empfindungen zuständig sind. Dieses schnellere Anfluten des Suchtstoffs Nikotin und die damit verbundene schnelle Bedürfnisbefriedigung führt dazu, dass Raucher schneller abhängig werden.
    Ein weiterer häufig dem Zigarettentabak zugesetzter Stoff ist Menthol, was nicht nur den sogenannten Menthol-Zigaretten, sondern auch den meisten anderen Zigarettensorten zugesetzt wird. Wegen seines schmerzlindernden und kühlenden Effektes vermindert es die beim Rauchen oft anfangs deutlich spürbaren ungangenehmen körperlichen Empfindungen. Dies Menthol-Wirkung erleichtert das tiefe Inhalieren des Tabakrauchs, wodurch wiederum der Einstieg zu gewohnheitsmäßigem und schließlich abhängigem Tabakkonsum gefördert wird. Möglicherweise hat das Menthol als solches bereits ein eigenständiges Abhängigkeitspotential.”

    http://www.dkfz.de/de/rauchertelefon/Zusatzstoffe.html


  10. http://nicotinepolicy.net/documents/research/Fager%20Determin%20Renaming%20FTND.pdf

  11. Reducing tobacco addiction through tobacco product regulation
    http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC1747873/pdf/v013p00132.pdf

  12. “ The nicotine then enters the arterial circulation and moves quickly from the lungs to the brain, where it binds to nicotinic cholinergic receptors (ligand-gated ion channels that normally bind acetylcholine). The binding of nicotine at the interface between two subunits of the receptor opens the channel, thereby allowing the entry of sodium or calcium.5 The entry of these cations into the cell further activates voltage-dependent calcium channels, allowing more calcium to enter. One of the effects of the entry of calcium into a neuron is the release of neurotransmitters.
    The nicotinic cholinergic receptor consists of five subunits.6 The mammalian brain expresses nine α subunits (α2 through α10) and three β subunits (β2 through β4). The most abundant receptors are α4β2, α3β4, and α7, the latter of which are homomeric. The α4β2 receptor (the asterisk indicates that other subunits may be present in this receptor) is the principal mediator of nicotine dependence.“
    http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2928221/

  13. http://de.wikipedia.org/wiki/Nicotin#Pharmakologische_Wirkung_auf_Mensch_und_Wirbeltiere

  14. http://www.nature.com/ng/journal/v42/n5/abs/ng.571.html#/



  15. http://de.wikipedia.org/wiki/Elektrische_Zigarette#Funktion

  16. Rote Reihe, Tabakprävention und Tabakkontrolle, Elektrische Zigaretten – ein Überblick, Band 19, Deutsches Krebsforschungszentrum, Heidelberg, 1. Auflage 2013, Verantwortlich für den Inhalt: Deutsches Krebsforschungszentrum, Stabsstelle Krebsprävention und WHO-Kollaborationszentrum für Tabakkontrolle, Leiterin: Dr. med. Martina Pötschke-Langer
    http://www.dkfz.de/de/tabakkontrolle/download/Publikationen/RoteReihe/Band_19_e-zigaretten_ein_ueberblick.pdf
  17. http://www.bfr.bund.de/cm/343/toxikologische_bewertung_von_formaldehyd.pdf


  18. Mayer, B. How much nicotine kills a human? Tracking back the generally accepted lethal dose to dubious self-experiments in the nineteenth century, Arch Toxicol 2013; DOI 10.1007/s00204-013-1127-0
    http://link.springer.com/article/10.1007%2Fs00204-013-1127-0

  19. All gates lead to smoking: The ‘gateway theory’, e-cigarettes and the remaking of nicotine
    Social Science & Medicine; Volume 119, October 2014, Pages 45–52
    http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0277953614005334

  20. http://bjgp.org/content/64/626/442

  21. http://www.smokinginengland.info/latest-statistics/

  22. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/20060657?access_num=20060657&link_type=MED&dopt=Abstract

  23. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/24372901?access_num=24372901&link_type=MED&dopt=Abstract
]]>
http://blog.psiram.com/2014/12/lieber-prinzipien-reiten-als-menschenleben-retten-oder-der-streit-um-die-e-zigarette-die-who-und-das-deutsche-krebsforschungszentrum/feed/ 84
Die WHO und die Paramed… äh, Traditionelle Medizinhttp://blog.psiram.com/2014/12/die-who-und-die-paramed-aeh-traditionelle-medizin/ http://blog.psiram.com/2014/12/die-who-und-die-paramed-aeh-traditionelle-medizin/#comments Mon, 08 Dec 2014 16:40:21 +0000 http://blog.psiram.com/?p=15213 who2

Seit langem bemüht sich die Weltgesundheitsorganisation um die „Integration“ der mit Ehrfurcht und Respekt behandelten anderen Medizin. Bereits in der Deklaration von Alma-Ata von 1978 habe die WHO „dazu aufgerufen, die traditionelle Medizin in die Grundversorgung einzubeziehen“ [vgl. hier], wenn auch zunächst nur in einem Halbsatz: auch traditionelle Heiler sollten wenn nötig im „health team“ mitarbeiten. Später aber verhinderte erst die hartnäckige Obstruktion durch engstirnige, konventionelle Mediziner, dass eine Würdigung der Homöopathie durch die WHO beschlossen werden konnte. Seine königliche Hoheit der Prince of Wales etc. etc. war 2006 eingeladen, seine Vorstellungen zur „integrativen Medizin“ der Weltgesundheitsversammlung zu unterbreiten, was von der arroganten Medizinerzeitschrift Lancet als Beispiel für eine irrationale Entscheidungsfindung der WHO bedauert worden war [1]. Die Deklaration von Beijing von 2008 stellte einen weiteren Meilenstein auf dem Weg zu einer „integrativen Medizin“ dar.

Im Sommer 2014 beschloss die WHO ihre Richtlinie zur „Traditional Medicine Strategy (2014 – 2023)“ als eine „Anleitung für Regierungen, Planungsverantwortliche und Praktisch Tätige betreffend die Effektivität, Qualität, Verfügbarkeit, Bewahrung und Regulierung der traditionellen und komplementären Medizin“. Die ersten beiden Sätze des Vorworts von Margaret Chan, Generaldirektor der WHO, lauten:

Überall auf der Welt ist die traditionelle Medizin (TM) entweder die Hauptsäule des Gesundheitssystems oder fungiert als Ergänzung. In einigen Ländern wird die traditionelle oder nicht-konventionelle Medizin auch als Komplementärmedizin (complementary medicine, CM) bezeichnet.

Und sofort macht sich Verwirrung breit. Die traditionelle Medizin kann die Hauptsäule der Gesundheitsversorgung sein, aber wie kann etwas traditionell sein, das gleichzeitig unkonventionell ist? Warum kann etwas, das in dieser Weise unklar ist, gleichzeitig in anderen Ländern als ergänzend, als Gegenstück bezeichnet werden? Als Gegenstück zu was eigentlich? Die im Weiteren verwendete Abkürzung ist „TM and CM (T&CM)“, was ebenso dafür spricht, dass diese Begriffe vielleicht nicht synonym, aber doch nahe verwandt sind.

Hütchenspiel mit Definitionen

Gut, wenn sich Laien wie wir einem Fachtext nähern, dann sollten sie nicht verblüfft sein, dass sie nicht sofort alles verstehen. Möglicherweise hilft die Definition weiter, die in Kapitel 1 hervorgehoben zu finden ist.

whotcm1

TM: Traditionelle Medizin hat eine lange Geschichte. Sie ist die Gesamtsumme des Wissens, der Fähigkeiten und der Praktiken, die auf den Theorien, Glaubensvorstellung und Erfahrungen basieren, die – ob erklärlich oder nicht – in verschiedenen Kulturen bodenständig sind, die zur Erhaltung der Gesundheit sowie zur Prävention, Diagnostik, Linderung oder Behandlung körperlicher und psychischer Krankheiten eingesetzt werden.

Traditionelle Medizin ist also schlicht alles. Selbstverständlich hat auch die wissenschaftliche Medizin eine lange Geschichte (empirische Anweisungen finden sich schon in den ältesten ägyptischen Papyri, und der erste kontrollierte Therapieversuch wurde um die Mitte des 18. Jhd. unternommen), und sie beruht ebenso selbstverständlich auf den Theorien und Erfahrungen von einheimischen oder „anderen“ Kulturen, sie ist „erklärlich oder nicht“ (eher natürlich ersteres), und sie wird zur Behandlung von Krankheiten eingesetzt (zu was sonst). Aus dieser Formulierung wird also zunächst nicht ersichtlich, wogegen die „Traditionelle Medizin (TM)“ abzugrenzen ist.

CM: Die Begriffe „komplementäre Medizin“ oder „alternative Medizin“ beziehen sich auf ein breites Spektrum von Praktiken der Gesundheitsfürsorge, die nicht Teil der Tradition oder der konventionellen Medizin des betreffenden Landes und nicht voll in das dominierende Gesundheitssystem integriert sind. In einigen Ländern werden sie synonym mit dem der traditionellen Medizin verwendet.

Die „komplementäre Medizin“ ist also diejenige traditionelle Medizin, die nicht Teil der Tradition des jeweiligen Landes ist – gut, dass das geklärt ist.
Sie ist „nicht voll integriert“ in das „dominierende Gesundheitssystem“ – wiederum eine Definition durch Abgrenzung von etwas, das rätselhaft bleibt. Die im Vorwort des Papiers ausgelöste Verwirrung wird durch die Inspektion der Definitionen nicht behoben, sondern verstärkt.

Was heißt „dominant“? Wenig später (S. 27) wird über Afrika berichtet, dass dort ein „traditioneller Heiler“ auf 500 Einwohner und ein Arzt auf 40.000 Einwohner komme und daher für Millionen Menschen in ländlichen Gebieten die medizinischen Versorgung von den einheimischen Heilern realisiert werde. In diesen Ländern wäre also die Traditionelle Medizin dominant, und die Medizin aus anderen (z. B. „westlichen“) Kulturen sollte in die magischen Praktiken integriert werden? Wie könnte man sich das konkret vorstellen? Es gibt erste Ansätze: die Homöopathen versuchen, sich in Afrika auszubreiten. Aber es bleibt doch unklar, was die eine indigene Methode der anderen voraus hat, und die Position der WHO in dieser Frage ist kontraproduktiv.

Worum geht es also?

Genug. Was in diesem Feuerwerk der Begrifflichkeit sorgfältig gemieden wird, das sind diejenigen Termini, die für Klarheit sorgen könnten. In Wirklichkeit geht es natürlich nicht um den Gegensatz zwischen „T&CM“ oder „CAM“ und „konventioneller Medizin“, sondern um den zwischen empirisch geprüften Maßnahmen und magischen Praktiken, zwischen evidenzbasierter Medizin und unkontrollierter aber lukrativer Spekulation, zwischen Wissenschaft und Glauben. Die wissenschaftliche Medizin ist aus dieser „traditionellen Medizin“ erwachsen, wie die Astronomie aus der Astrologie oder die Chemie aus der Alchemie. Es gibt lehrreiche Beispiele für die „Integration“ solcher Methoden. In einer Rede am 26. Juni 1965 in Peking erklärte der Große Vorsitzende Mao [zit. n. Frühauf, hier]:

Die medizinische Ausbildung muss reformiert werden – es ist völlig unnötig, so viel zu studieren. Wie viele Jahre formeller Ausbildung hatte Hua Tuo schließlich? Und wie viele Li Shizen? Es ist nicht erforderlich, die medizinische Ausbildung auf Menschen mit Hochschulreife zu begrenzen; Mittelschüler und Grundschüler mit drei Jahren Studium reichen aus. Das wirkliche Lernen wird in der Praxis stattfinden. […] Studieren ist für einen Arzt ein dummes Unterfangen.

Details mögen sich geändert haben, aber das Ziel wurde seither nicht mehr aus den Augen verloren. Passend fordert der Ethnopharmakologe, man möge doch nicht zu viel Wert auf die konventionellen [d. i.: wissenschaftlich geprüften] Arzneimittel legen [2].

Was tun? Brennende Fragen unserer Bewegung

Aber zurück zur aktuellen WHO-Agenda. Im Vorwort der Generaldirektorin heißt es weiter:

TM mit erwiesener Qualität, Sicherheit und Wirksamkeit trägt dazu bei, das Ziel einer Gesundheitsversorgung für alle Menschen zu erreichen.

Ist dies die Beschreibung des Ist-Zustandes oder ist dies ein Programm? Als Programm ist es die Quadratur des Kreises: wenn es im Einzelfall gelingt, die Qualität, Sicherheit und Wirksamkeit von Praktiken der „traditionellen Medizin“ zu belegen, dann geht dieses Verfahren in den Kanon der wissenschaftlichen Medizin über, so wie die Mehrzahl der einst aus Pflanzen gewonnenen Wirkstoffe.
Aber so schlimm wird es nicht werden. Diesem Aspekt der „T&CM“ widmet das siebzigseitige Papier der WHO lediglich einen einzigen Satz (S. 39), in dem es noch dazu heißt, dass kontrollierte Untersuchungen ja nun nicht das Alleinseligmachende wären:

Gewiss sind kontrollierte klinische Studien aussagefähig, aber andere Evaluationsmethoden sind ebenfalls wertvoll.

Das ist eine Aussage, die so recht nach dem Geschmack von Frau Professor Witt oder Frau Barbara Steffens sein dürfte; wer denkt da nicht sofort an die „Versorgungsforschung“ für Homöopathie oder an die zirkuläre Evaluation des Herrn Professor Walach. Deutlich mehr Aufmerksamkeit zollt die WHO dagegen dem Problem, wie das geistige Eigentum der indigenen Völker an ihrer jeweils besonderen Spielart des Schamanentums geschützt werden könne.

Kennzeichnend auch, welche Beispiele die WHO für gelungene „Integrationsleistungen“ anführt.

whotcm2

In den unwegsamen Bergen und Wüsten der Mongolei haben es die nomadischen Hirten oft schwer, ein regionales Krankenhaus zu erreichen. 2004 wurde ein Projekt begonnen, das einen Satz ausgewählter traditioneller Hausmittel für 150.000 Einwohner bereitstellt. Eine Auswertung ergab, dass 74% der Antwortenden meinten, die Auswahl sei unkompliziert anzuwenden, und dass die Medizin wirke, wenn sie nach Anleitung angewendet wurde. Die verwendeten Inhaltsstoffe kosten etwa 8 US-Dollar pro Familie und Jahr.

Im „Mongolia workshop report“ wird das Projekt ausführlich vorgestellt [3], und man erfährt auch, welche Mittel genau ganze Familien für acht Dollar pro Jahr gesundheitlich über Wasser gehalten haben (nicht nur das: unerwarteter Weise konnte auch das liebe Vieh damit kuriert werden). Es waren Sorool-4-Extrakt oder der Norov-7-Absud oder das Shijed-6-Pulver [4]; Pflanzliches gegen Bauchschmerzen oder Fieber oder gynäkologische Erkrankungen.

Es bleibt abzuwarten, ob die Gesundheitsbehörden anderer Länder an einen Import der verwendeten Mittel denken. Solcherart Reserviertheiten werden von der WHO natürlich vorhergesehen, weshalb auch auf andere Beispiele für gelungene Integration verwiesen wird. Für Europa wird beispielsweise der „HTA Report“ zur Homöopathie von Bornhöft und Matthiessen angeführt, der sich bei näherer Betrachtung als ein Paradebeispiel für wissenschaftliches Fehlverhalten entpuppt. Aber Wissenschaft, in diesem Fall die kritische Sichtung der eigenen Quellen, ist ja schließlich nur eine kulturimperialistische Ideologie, die daran hindert, „die richtige Heilung vom richtigen Heiler zur rechten Zeit“ (Margaret Chan) zu gewährleisten, nicht wahr?

Was ist „T&CM“ nun wirklich?

Die propagierten Definitionen erweisen sich als vollkommen unangemessen und vernebelnd, aber – um das Gebiet des gesicherten Wissens ein wenig zu verlassen -: das macht sie nutzbar für die Agenda der WHO. Ein nach heutigen Maßstäben funktionierendes Gesundheitswesen hat sich in vielen Regionen als nicht finanzierbar herausgestellt. Damit das aber auf‘s Auge nicht so schlimm wirkt, wird das, was ohnehin schon da ist, als heilsam und förderungswürdig propagiert. Es mag ein paar klarblickende Zyniker in der WHO geben, aber einigen Vertretern in der Weltgesundheitsversammlung wird eine illusionäre Strategie recht sein, die einerseits dem jeweiligen Nationalstolz, andererseits den real begrenzten Möglichkeiten entgegenkommt. In Indien, wo 8% der Müttersterblichkeit durch Abtreibung verursacht sind, ist vorgesehen, staatlich anerkannte Ayurveda- Siddha- Unani- und Homöopathie-Heiler mit Abtreibungen zu betrauen (s. hier). Gleichzeitig hat man 16 Mio $ übrig, die Genetik der ayurvedischen prakriti (Körpertypen) zu erforschen. Praktischerweise werden die Ergebnisse gleich in den Journalen veröffentlicht, bei denen die Forscher die Herausgeber sind, was den Peer-Review-Prozess sicherlich vereinfacht (hier).

Es ist nun an der Zeit, sich nach brauchbareren Definitionen für „T&CM“ oder „CAM“ umzusehen. Wie wir kürzlich festgestellt haben, kann es überraschend schwierig sein, das Wesen der Paramedizin im Vergleich zur wissenschaftlichen Medizin zu charakterisieren. Da ist zunächst der Aspekt der Abgrenzung:

Alternative medicine is basically an anti movement – anti-establishment, anti-science.
Alternative Medizin ist im Wesentlichen eine Gegenbewegung – gegen das etablierte System, gegen die Wissenschaft. [Edzard Ernst]

Und als solche ist sie nicht integrierbar. Zu beachten ist, dass der Begriff bei näherem Hinsehen historisch sein muss: ein unterscheidendes Merkmal der wissenschaftlichen Medizin ist, dass sie sich entwickelt, und entsprechend verändert sich, was als Paramedizin zu gelten hat. Die Berufung auf eine jahrhundertealte Volksweisheit™ ist deshalb schon von vornherein verdächtig, und die Bezeichnung „Traditionelle Medizin“ eigentlich desavouierend. Die Anwendung von Strophantin bei Herzschwäche beispielsweise entsprach lange Zeit dem Stand der Wissenschaft – heute ist das Quacksalberei. Es ist insofern auch unpassend, den Begriff „CAM“ auf die offenkundig absurden Verfahren (wie Homöopathie oder Reiki) zu beschränken. In den Kern einer Begriffsbestimmung gehört die Bewertung als Überschätzung im Lichte der verfügbaren wissenschaftlichen Evidenz, welche sich übrigens, wenn auch unreflektiert, wie ein roter Faden durch die WHO-Strategie zieht. Kimball Atwood formulierte das wie folgt:

“[Die Paramedizin ist] ein Spektrum von nicht plausiblen Glaubensannahmen und Ansprüchen betreffend Gesundheit und Krankheit. Dieses Spektrum reicht vom Nicht-Überprüfbaren und Absurden bis zum Möglichen aber nicht Faszinierenden. In allen Fällen übersteigt der Enthusiasmus ihrer Vertreter die wissenschaftlich begründbaren Aussichten um Größenordnungen.”


  1. WHO’s mixed priorities, The Lancet Oncology, 2006, Vol 7 July 2006, 525
  2. Hack-Seang Kim: Do not put too much value on conventional medicines. Journal of Ethnopharmacology 100 (2005) 37–39, Abstract hier
  3. WHO 2009, PDF hier, S. 9-12 und S. 43-61. Zu den Bedingungen für die Teilnahme an dem von einer japanischen Stiftung initiierten Programm gehörte, dass es sich um „große Familien mit Kindern, Eltern und Großeltern“ handeln sollte; mit den 8 $/Jahr konnten also jeweils fünf bis 10 Menschen versorgt werden, zuzüglich des Viehs. Sinnvoll ist natürlich die Bereitstellung von Pflastern und Verbandmaterial (im Wert von etwa 1 US-Dollar).
  4. Es scheint sich vor allem um Kräutermischungen zu handeln. „Sorool-4“ beispielsweise wird weithin in der mongolischen Volksmedizin verwendet. Es ist eine Mischung aus Sternmiere (Stellaria dichotoma L.), Süßholzwurzel (Glycyrrhiza uralensis), Schellack (Laccifer lacca – wäre zumindest physiologisch unbedenklich) und Knöllchen-Knöterich (Polygonum viviparum) (s. hier). Zu letzterem weiß der Volksmund: „Wenn die Kühe verhext waren und keine Milch mehr gaben, verfütterten die Sennen dieses Kraut und die versiegte Milch floss wieder (daher die Namen ‘Bring ma’s wieder’, ‘Wiederkumm’ und ‘Verloren-Kehrwieder’).“ „Gurgum“ wird gelegentlich mit Safran übersetzt, aber der Preis spricht gegen eine Identität. „Sugmel“ scheint Kardamom zu sein, und „Sugmel-7“ lässt Mäuse länger schwimmen und mehr Urin produzieren (s. hier) (Gegen welche Krankheiten es hilft, haben wir nicht herausgefunden).
]]>
http://blog.psiram.com/2014/12/die-who-und-die-paramed-aeh-traditionelle-medizin/feed/ 21
Lebensfreude-Messe in Hamburg im November 2014 – nicht nur ein Anschlag auf die Lebensfreudehttp://blog.psiram.com/2014/11/lebensfreude-messe-in-hamburg-im-november-2014-nicht-nur-ein-anschlag-auf-die-lebensfreude/ http://blog.psiram.com/2014/11/lebensfreude-messe-in-hamburg-im-november-2014-nicht-nur-ein-anschlag-auf-die-lebensfreude/#comments Sat, 29 Nov 2014 16:36:33 +0000 http://blog.psiram.com/?p=15169 Vom 21. bis 23. November 2014 fand in Hamburg erneut die Lebensfreude-Messe statt: eine Veranstaltung, auf der Eso-Anbieter an Ausstellungsständen und mit Vorträgen dem Publikum viel Schwurbel und Scharlataneriemethoden nahebringen können. Unter anderem waren Anbieter indigener Zeremonien bei der Messe vertreten. Der NDR hat offenbar erst jetzt die Saure-Gurken-Zeit und berichtete in einer regionalen Fernsehsendung.

Correia da Silva

Correia da Silva

Einer dieser Anbieter war der Brasilianer Naldo Correia da Silva, der seit einigen Jahren offenbar regelmäßig die Lebensfreude-Messen in Hamburg, Kiel und Lübeck beschickt. Correia betreibt in Hamburg eine Shiatsu-Praxis und gibt an der Paracelsus-Schule Kurse für angehende Heilpraktiker. Correia hatte nicht nur einen Stand, an dem er Shiatsu vorstellte, sondern hielt auch Werbevorträge für von ihm angebotene Reisen nach Brasilien und weitere „schamanische“ Praktiken. Dazu gehört z.B ein Telefon-Orakel, zu dem der „Schamane“ das Geburtsdatum und den Familiennamen braucht. Wir erkennen: es kann sich wohl kaum um traditionelle indigene Orakel handeln – in indigenen Kulturen gab es keine Familiennamen und auch keine Geburtsdaten nach europäischen Kalendern. Dazu erfahren wir noch, dass der „Schamane“ seinen Sitz in Sao Paulo hat.

Bei der dreiwöchigen Reise nach Brasilien, für die Correia auf der Messe werben durfte, handelt es sich um ein Camp mit Ayahuasca-Konsum. Der Beschreibung nach (Flug nach Rio de Janeiro, Weiterfahrt in einen 20 km entfernten Ort) wohnt die „Schamanin“, deren „Schüler“ Correia nach eigener Aussage ist, nicht gerade in einer Region, in der Ayahuasca traditionell von indigenen Völkern verwendet wurde – dazu müsste man ein ordentliches Stück den Amazonas hinauf. In den indigenen Kulturen, die Ayahuasca kennen, wird es außerdem nicht von den Hilfesuchenden konsumiert, sondern von den Medizinleuten, denen es als diagnostisches Hilfsmittel dient. Wer also seiner Kundschaft mit ein paar Ayahuasca-Trips etwas Gutes (und Teures) tut, gibt sich wenigstens deutlich als Plastikschamane zu erkennen. Da Ayahuasca in Deutschland unter das BTM-Gesetz fällt, ist der Werbevortrag auf der Messe – auch wenn Ayahuasca offenbar nur dezent nebenher erwähnt wird – nach dem Motto „legal – illegal – völlig egal“ zu sehen.

Weiter soll bei diesem Aufenthalt „nach den Riten des afrikanischen Candomblé gearbeitet“ werden. Hierbei handelt es sich um eine afro-brasilianische Religion, in der sich Elemente der traditionellen Religionen mehrerer afrikanischer Ethnien mischen. Um den Gemischtwarenladen auch ordentlich mit Angebot zu füllen, kommt noch eine Obstkiste dazu: „Darüber hinaus wird die Methode eines amerikanischen Anthropologen vorgestellt, der weltweit die schamanischen Traditionen studierte. Er entwickelte eine Brücke zwischen den Grundelementen des Schamanismus und der westlichen modernen Kultur.“ Bei dem hier so diskret ohne Namensnennung beschriebenen Amerikaner handelt es sich um Michael Harner und seine Foundation for Shamanic Studies, die Harners angebliche Lehre des Core Shamanism in teuren Seminaren anbietet. Vereinfacht gesagt mischt Harner eine Vielzahl indigener Religionen aus diversen Regionen, die er alle als Schamanismus bezeichnet, dessen „Kern“ er herausgearbeitet haben will. Die FSS verkauft insbesondere Zeremonien der Lakota wie Schwitzhütte und Visionssuche und propagiert, ihre Schüler könnten andere Bewusstseinszustände auch ohne entsprechende Drogen erreichen, die in einigen Kulturkreisen von Schamanen, Medizinleuten etc. eingenommen werden. Wie aus der Kurzvorstellung von Correia auf der Webseite der Paracelsus-Schule hervorgeht, hat Correia Seminare bei Harner bzw. bei der FSS absolviert.

Bei Correias Reisebeschreibung fällt ein weiterer Satz auf: „Um jegliche äußere Ablenkung zu vermeiden, werden die Teilnehmer im spirituellen Zentrum der Schamanin Suely in dafür vorgesehenen Schlafräumen untergebracht.“ Dies lässt vermuten, dass das Etablissement sehr abgelegen liegt und den Teilnehmern kein Kontakt mit der Außenwelt möglich ist, den die Veranstalter nicht kontrollieren können. Auffällig und nicht in Übereinstimmung mit indigenen Usancen ist auch, dass für beide Plastikschamanen keine indigene Ethnie genannt wird, der sie angehören.

In Correias Angebot sind mehrere deutliche Anzeichen dafür, dass sein Angebot auf den Esoterikmarkt zugeschnitten ist: er bietet eine breitere Palette verschiedener Praktiken aus unterschiedlichen Kulturen an, wie die angeblichen Schamanen, mit denen er zusammenarbeitet, er hat selbst bei falschen Schamanen gelernt und er ist in den Markt der exotischen Drogen eingestiegen.

darmstaedter

Birgit Darmstädter

Eine weitere Anbieterin aus Dortmund, Birgit Darmstädter, nennt ihre „schamanische“ Praxis „Indian Hope“. Auf ihrer Webseite stellt sie ihr Angebot folgendermaßen vor: „Die alten Heilweisen der Indianer – Der Pfad des Medizinrades. Ganzheitliches Heilen für Mensch & Tier nach alten, überlieferten indianischen Bräuchen und Riten“.

Eine genauere Auflistung schließt sich an, in der es um „Medizin der Mutter Erde“ geht, um „Behandlung mit Heilsteinen, Heilenergien und Edelsteinwasser“, um „Entstörung und Aufladen ihrer Heilsteine, Licht- und Energiearbeit, spirituelle und hellsichtige Lebensberatung, Channeling: Kontakt zur geistigen Welt, Jenseitskontakt, Karma, Chakrenarbeit, Aurareinigung & Blockadenauflösung, … Tierbehandlung & Tierkommunikation“, etc. – das volle Programm des esoterischen Gemischtwarenladens, es ist aber nur wenig Indigenes dabei.

Das Angebot ihres Messestandes gestaltete sich laut Programm entsprechend: „Indian Hope: Licht-Heilenergie, Heilsteine, Indianerschmuck, Mineralien, Ketten, Armbänder, Mandalas, Dreamcatcher, Devas, Räucherwerk, Energietöpfchen, Auralesen“. Bei diesem Angebot möchte man der Dame zurufen: „Wrong India!“

Auch Darmstädter ist regelmäßig auf den Lebensfreude-Messen vertreten. Tatsächlich scheint ihre Hauptaktivität im Beschicken esoterischer Messen zu liegen, da sie für 2014 im Zeitraum von März bis November insgesamt 25 Messen abreist. Auf ihrer Webseite findet sich ebenfalls kein Hinweis darauf, bei welchen Lehrer sie ausgebildet wurde (sofern überhaupt). Obwohl sie Tarife für Gruppenbehandlungen angibt, bleibt dafür wohl bei ca. 2,5 Messen pro Monat nicht allzuviel Zeit übrig. Das freut doch irgendwie.

Einen weiteren Stand hatte die Wildnisschule Native Spirit. Hier wird es nun katastrophal: Der Betreiber dieser Schule ist nicht damit zufrieden, an gut zahlende Stadtmenschen den Unfug weiterzugeben, den er bei seinem „Tracking“-Lehrer Tom Brown Jr. gelernt hat. Brown gibt vor, an seinem Wohnort in New Jersey von einem alten Apachen namens Stalking Wolf das Überleben in der Wildnis gelernt zu haben. Da ist schon ein guter Teil des Tannenbaums am Warnleuchten. New Jersey ist nicht gerade in der Nähe der Gebiete, in denen Apachen leben. Hätte Brown tatsächlich einen solchen Lehrer gehabt, würde er nicht pauschal von „Apache“ sprechen, sondern müßte die Teilethnie, den Clan, die Familie kennen. „Stalking Wolf“ ist kein Name, wie er in diesen Ethnien vorkommt, sondern bei einigen Plainsethnien. Unsere Freunde bei NAFPS (New Age Frauds and Plastic Shamans) kennen Brown auch, haben sogar in einige seiner zahlreichen Bücher geschaut und kritisieren, dass Brown sich die Welt hübsch säuberlich in Schubladen verpackt: Weiß ist gleich „zivilisiert und modern“, indianisch ist gleich „primitiv und unzivilisiert“.

Gelernt hat Brown offenbar nicht von indigenen Lehrern, sondern aus von Weißen geschriebenen Büchern, aus denen er nur erfahren konnte, wie Weiße sich das Überleben der Indianer „in der Wildnis“ vorstellen. Er hat also Schwurbelkram im Angebot, den er nochmals verdünnt an zahlende Schüler weiterreicht, die dann eigene Schulen aufziehen und den Schwurbelkram ein weiteres Mal verdünnen. Beim europäischen Endkunden kommt „irgendwas mit Wildnis“ in recht homöopathischen Dosen an. Trotzdem werden Brown und auch seine Schüler als authentisch wahrgenommen.

kirschner

Peter Kirschner

Im Fall der Schule „Native Spirit“ verrührt (oder verschüttelt) der Inhaber, Peter Kirschner, das Spurenlesen und Schmalspur-Survival zusätzlich mit indigenen Zeremonien und verkauft Schwitzhütten, Visionssuchen und Lehrgänge zur Schamanenausbildung. Kirschner bietet zwei Ausbildungskurse an: im einen erwirbt die zahlende Kundschaft den klingenden Titel eines „Indigenen Wildnistrainers“ mit dem Schwerpunkt auf Wildnis- und Survival-Wissen. Ja – bitte, wie? Sollen die Kunden tatsächlich glauben, sie seien dann sowas wie „geprüfte Indianer“? Vermutlich ja, denn sonst hätte der schlichte „Wildnistrainer“ ja gereicht.

Welche Sicht indigener Menschen dahinter steckt, ist deutlich genug, und diese Richtung wird bereits auf der Eingangsseite eingeschlagen, auf der es heißt, Kirschner betreibe eine „wiedererweckte Schule der Steinzeit am Fluss Inn“, die sich „dem Wissen aus dem Wurzelgedächtnis der Kulturen“ widmet.

Der zweite Kurs ist die „schamanische Ausbildung zum Erinnerer“. In beiden Kursen müssen die Kunden übrigens Teile der jeweils anderen „Ausbildung“ absolvieren, d.h. auch beim „Wildnistrainer“ geht es in die Schwitzhütte. Die „schamanische Ausbildung“ wird sogar gefährlich: Kirschner lässt die Kunden vier Schwitzhütten absitzen, darauf folgt die Mithilfe als „Feuerhüter“ bei einer Schwitzhütte und im nächsten Schritt werden die Kunden bereits zu Schwitzhüttenleitern und Lehrern „eingeweiht“. Den Kunden wird also suggeriert, sie wüssten nunmehr genug, um selbst Schwitzhütten durchzuführen und zu leiten. Dies erfordert im indigenen kulturellen Kontext eine jahrelange Ausbildung – es lässt sich daher vorstellen, wie wenig dagegen Kirschners Schüler bei ihm lernen. In von solchen noch nicht einmal halb ausgebildeten Personen geleiteten Schwitzhütten besteht für deren Kundschaft Lebensgefahr (z.B. weil diese „Leiter“ nicht erfahren genug sind, um den Gesundheitszustand der Schwitzenden im Auge zu behalten – sofern ihnen das als Aufgabe des Schwitzhüttenleiters überhaupt vermittelt wurde, oder aufgrund falscher Auswahl der Steine etc.).

Weiterhin bietet Kirschner auch noch eine „Pfeifenzeremonie nach Stalking Wolf“ an, die er ein paar Absätze darunter jedoch mit einer (falsch geschriebenen) Bezeichnung aus der Lakota-Sprache belegt. Der Lakota-Begriff ist insofern folgerichtig, als es eine solche Zeremonie bei den Apache gar nicht gibt.

Kirschner nimmt zwar Bezug auf zahlreiche Medizinpersonen, bei denen er gelernt haben will, drückt sich aber auf seiner Seite sowie auch in Interviews in der Regel um genauere Angaben herum. Dennoch lässt sich eine Veröffentlichung finden, gegenüber deren Autor Kirschner offenbar behauptete: „Peter Kirschner hat bei den Mapuche-Schamanen in Chile, Maya-Schamanen in Guatemala, Sufi-Meistern in der Türkei und bei den Crees in Nordamerika gearbeitet und gelernt. Er ist auch von der Veden, Buddhistischen Traditionen und Erfahrungen mit Peruanischen Schamanen beeinflusst, folgt in seiner Philosophie aber vor allem der Erzählung Lightningbolts.“ Ferner wird betont, dass sich Kirschner den populären Lehren der Deer Tribe Métis Medicine Society von Harley Reagan sowie denen von Vincent LaDuke alias Sun Bear entzogen habe.[1] Statt dessen wird aus der Nennung des Namens „Lightningbolt“ deutlich, dass Kirschner offenbar Schüler von Charles Storm alias Hyemeyohsts Storm ist, der wie Reagan und LaDuke einer der am längsten etablierten Plastikschamanen auf dem Eso-Markt ist und als Lehrer von H. Reagan gilt. Wie Reagan behauptet Storm eine indigene Herkunft, die umstritten ist, und wie Reagan und LaDuke hat er ein Konstrukt von „Lehren“ zusammengestellt, das auf gut zahlendes, weißes, esoterisches Publikum aus den USA und Europa zugeschnitten ist. In unserem oben bereits verlinkten Artikel zu Storm ist genauer nachzulesen, welche Rezeption Storms Bücher bei indigenen Amerikanern hatten und haben – in den USA dürfen Storms Bücher nicht mehr als Sachbücher, sondern nur noch als Romane verkauft werden.

Lebensfreude jedenfalls kann angesichts solch teils gefährlicher Schwurbel- und Scharlatanerieangebote eigentlich nur dann aufkommen, wenn man diesen Zusammenrottungen von Anschlägen auf Gesundheit, Intelligenz und Portemonnaie sorgfältig aus dem Weg geht.


[1]Wolfgang Dietrich: Variationen über die vielen Frieden: Band 2: Elicitive Konflikttransformation und die transrationale Wende der Friedenspolitik, Wiesbaden 2011. S. 127 f. In der englischsprachigen Übersetzung des Werkes heißt es an der entsprechenden Stelle zweideutig: „However, Peter Kirschner never played a role in Harley Swiftdeer Reagan’s disputed Deer Tribe Metis Medicine Society“; jedoch wird Kirschner in der Fußnote eine Nähe zu Reagans Lehren attestiert. vgl: Wolfgang Dietrich: Elicitive Conflict Transformation and the Transrational Shift in Peace Politics, London 2013 S. 50

]]>
http://blog.psiram.com/2014/11/lebensfreude-messe-in-hamburg-im-november-2014-nicht-nur-ein-anschlag-auf-die-lebensfreude/feed/ 3
Phantastische Neutrino-Beleuchtung beim Bundespresseballhttp://blog.psiram.com/2014/11/phantastische-neutrino-beleuchtung-beim-bundespresseball/ http://blog.psiram.com/2014/11/phantastische-neutrino-beleuchtung-beim-bundespresseball/#comments Fri, 21 Nov 2014 07:00:51 +0000 http://blog.psiram.com/?p=15128 “Ein hohes Maß an Phantasie”, um sich Vorschüsse für Immobilienprojekte zu erschwindeln, bescheinigte die Staatsanwaltschaft dem Angeklagten im Betrugsprozess, der schließlich zu einer Haftstrafe von vier Jahren und vier Monaten führte. Selbst vermögende Persönlichkeiten wie “Alexander von Reich” oder “Goldberg” entsprangen seiner Phantasie, waren aber dennoch nützlich, um an das Geld anderer Leute zu kommen.

Geldadel auf dem BundespresseballIrgendwann beschloss der Immobilienhändler, auf die komplizierte Abwicklung von Projekten, “die nie verwirklicht wurden” (Göttinger Tageblatt, 1.9.2003), zu verzichten und sich dem Kapitalmarkt zuzuwenden. Hier bestand die Chance, hohe Provisionen für die Vermittlung von “Krediten bis in dreistellige Millionenhöhe” zu kassieren. Es blieb allerdings bei leeren Versprechungen, was den Finanzjongleur 2006 vor das Stuttgarter Landgericht brachte, welches ihn wegen “gewerbsmäßigen Betruges” zu sechs Jahren und sechs Monaten verurteilte.

Mega NFC, Golden Tower, Royal Consulting Austria, Royal Art Capital, The Principal, Genuin Grundbesitz, OstInvest, SCF Immobilien, NOAH Industries Holding & Fine Art Investment, Healing Hotels of the World – an Phantasie mangelt es Holger Thorsten Schubart nie, wenn es darum geht, neue Geschäftsmodelle und klangvolle Firmennamen zu erfinden. Dabei verfolgt er immer nur ein Ziel: Möglichst schnell an möglichst viel Geld zu kommen. Je höher, größer und teurer die versprochenen Luftschlösser sind, desto besser. Wenn ihm nicht gerade jemand mit adlig oder wichtig klingendem Namen zur Seite steht, lässt er sich mit berühmten Persönlichkeiten fotografieren, um sie anschließend als Mitstreiter zu präsentieren.

Holger Schubart mit Michail GorbatschowNeutrino Inc.” oder auch “Projekt Neutrino” heißt sein jüngster Coup. Nach eigenen Angaben widmet sich Neutrino Inc. “einem der visionärsten Projekte unserer Zeit: Der Erforschung elektrisch neutraler Elementarteilchen, sogenannter Neutrinos, als jederzeit und überall nutzbare Energiequelle.” Dass daraus nichts wird, liegt allerdings nicht alleine an den interaktionsunwilligen Neutrinos, sondern auch an fehlendem Personal. In Deutschland wird das Projekt durch einen Anwalt für “notleidende Kredite” vertreten, am Standort USA findet sich statt eines Neutrino-Labors nur ein gewöhnliches Wohnhaus. Selbst Michail Gorbatschow, der gerade von Schubart als Aushängeschild missbraucht wird, verfügt nach aktuellem Kentnisstand über zu wenig Erfahrung in Teilchenphysik, um daran etwas zu ändern.

Was also ist das Ziel von “Projekt Neutrino”? Ein Blick in die zugehörige Präsentation lässt erahnen, wohin die Reise geht:

  • Funds provided by investors shall be invested into marketing and brand-building with the support of highly-respected, top-tier international agencies in order to compete for the neutrino technology, as well as to increase the value of the brand, with the aim to generate licensing fees.
  • Investors shall participate in the Neutrino Project through shares in (ii) Neutrino, Inc.,an US stock corporation or (ii) Neutrino Ventures GmbH, and thereby also participate in the innovations developed by the Neutrino Project.
  • In the current financing phase, investors will acquire the shares at a preferential price, and therefore may see significant increases in the value of their shares following the IPO.

Um die passenden Investoren zu ködern, begibt sich Holger Schubart dort hin, wo sich das große Geld trifft: Zum Bundespresseball. Als einer von drei Hauptsponsoren. Knapp 500 Euro Eintritt. 2000 betuchte Besucher werden erwartet. Der Bundespresseball wird vom Verein Bundespressekonferenz veranstaltet. Von Deutschlands “besten” Journalisten. Florian Freistetter nennt das den “Mehrwert” der journalistischen Recherche.

Wie seinerzeit schon Jean-Jacques Rousseau erachtet Projekt Neutrino die öffentliche Presse als vierte Säule der Demokratie (H. T. Schubart, 2014)

 

Teil 1: Der geheimnisvolle Mr. Neutrino – Durchbruch bei Elektroautos?

Teil 2: Kühlschränke für Eskimos und Strom aus Neutrinos

Psiram-Wiki: Neutrino Inc.

Psiram-Wiki: Holger Thorsten Schubart

GWUP-Blog: Bundespresseball: Bühne frei für Mr. Neutrino

Ruhrbarone: Wie käuflich ist der Bundespresseball?

]]>
http://blog.psiram.com/2014/11/phantastische-neutrino-beleuchtung-beim-bundespresseball/feed/ 11
Kühlschränke für Eskimos und Strom aus Neutrinoshttp://blog.psiram.com/2014/11/kuehlschraenke-fuer-eskimos-und-strom-aus-neutrinos/ http://blog.psiram.com/2014/11/kuehlschraenke-fuer-eskimos-und-strom-aus-neutrinos/#comments Thu, 20 Nov 2014 07:00:40 +0000 http://blog.psiram.com/?p=15097 “Wenden Sie sich von kaufmännischen Tätigkeiten ab, machen Sie lieber etwas anderes”. Diese Worte gab der Richter der Wirtschaftsstrafkammer dem damals 39-jährigen Angeklagten mit auf den Weg, als er ihn in vier Fällen wegen “besonders schweren Betruges” zu vier Jahren und vier Monaten Haft verurteilte. Das war im September 2003, nachdem der Immobilien- und Kredithändler bereits einige Monate in Untersuchungshaft verbracht hatte.

Ausriss Göttinger Tageblatt vom 5.9.2003 mit Passfoto von Holger Schubart

“Es gibt Leute, die in der Lage sind, mitten im Winter einem Eskimo auf einer stromlosen Eisscholle auf Südkurs einen Kühlschrank zu verkaufen und ihm dabei auch noch das Gefühl zu vermitteln, er habe ein Schnäppchen gemacht.” So zitierte das Göttinger Tageblatt damals einen Zeugen des Betrugsprozesses. Unser Wiki ist prall gefüllt mit Personen und Geschäftsmodellen, die nach diesem Prinzip arbeiten: Überzeugendes Auftreten, die Ausnutzung von Gier und Hoffung mehr oder weniger argloser Opfer und großartige Versprechungen, die bei genauerem Hinsehen eben doch zu schön sind, um wahr zu sein.

Diese Geschichte lässt sich bis in das Jahr 1996 zurück verfolgen. Im Sommer jenes Jahres, das Finale der Fußball-WM Fußball-EM fegte gerade die Straßen leer, ging folgender Anruf bei der Göttinger Polizei ein: “Sie sollten sich mal den Sportpalast heute Abend oder morgen anschauen. Es könnte sein, dass er abbrennt”. Der Anrufer war ein Geschäftsmann, der zur gleichen Zeit ein Sportstudio in der ehemaligen Zieten-Kaserne am Rande Göttingens plante. In den Jahren zuvor waren zwei seiner eigenen Gebäude Brandstiftungen zum Opfer gefallen, die nie aufgeklärt wurden.

Etwa zu dieser Zeit wurde in Göttingen die Immobilienfirma SCF AG gegründet. Nicht nur den Verantwortlichen der Stadt blieb diese längst liquidierte Firma bis heute in Erinnerung, verloren sie doch durch Geschäfte mit der SCF einige Millionen Mark. Zwar ging die Immobilienfirma in Konkurs, während deren Gläubiger auf Ansprüchen von etwa 70 Millionen sitzen blieben. Der Firmengründer jedoch, der damals bereits an einem Geflecht von mehreren Unternehmen beteiligt war, strebte nach Höherem und verschwand zunächst im Ausland.

Sommer 2002. An der sonnigen Küste Südfrankreichs stürmen französische und deutsche Ermittler eine Luxusvilla und verhaften deren Bewohner, einen lange gesuchten Immobilien- und Kreditbetrüger. Der Verhaftete versucht noch, die Polizisten von seinem Diplomatenstatus zu überzeugen, kann sich aber nicht erinnern, welches Land er repräsentiert. Nach einigen Monaten in Auslieferungshaft wird er nach Deutschland überstellt, wo ihn Gerichtsverfahren wegen Betruges, Fälschungen und Konkursverschleppung erwarten.

Screenshot Sponsoren Bundespresseball mit Neutrino IncDie Geschichte des gewandten Millionenbetrügers wird fortgesetzt und es gibt noch einige spannende Details zu berichten. Eines aber können wir bereits verraten: Sie nimmt ein gutes Ende und am kommenden Freitag werden wir in strahlende Gesichter schauen, während Holger Thorsten Schubart im Blitzlichtgewitter die Hände der Reichen und Mächtigen beim Bundespresseball auf dem Berliner Tempelhofgelände schüttelt. Schließlich ist seine neue Firma Neutrino Inc., die Strom aus Neutrinos gewinnen will, einer der Hauptsponsoren dieser Veranstaltung.

Vielleicht hat er den Rat des weisen Richters ja beherzigt.

The Neutrino Project is dedicated to the entire global population; its basic altruistic aim is to supply the world with free energy. (H. T. Schubart, 2014)

 

Teil 1: Der geheimnisvolle Mr. Neutrino – Durchbruch bei Elektroautos?

Teil 3: Phantastische Neutrino-Beleuchtung beim Bundespresseball

Neutrino Inc. im Psiram-Wiki: http://www.psiram.com/ge/index.php/Neutrino_Inc

GWUP-Blog: Bundespresseball: Bühne frei für Mr. Neutrino

Psiram-Wiki: Holger Thorsten Schubart

Ruhrbarone: Wie käuflich ist der Bundespresseball?

]]>
http://blog.psiram.com/2014/11/kuehlschraenke-fuer-eskimos-und-strom-aus-neutrinos/feed/ 4
Der geheimnisvolle Mr. Neutrino – Durchbruch bei Elektroautos?http://blog.psiram.com/2014/11/der-geheimnisvolle-mr-neutrino-durchbruch-bei-elektroautos/ http://blog.psiram.com/2014/11/der-geheimnisvolle-mr-neutrino-durchbruch-bei-elektroautos/#comments Wed, 19 Nov 2014 10:00:49 +0000 http://blog.psiram.com/?p=15067 Der “Focus” berichtete am 6. November groß darüber in seiner Online-Ausgabe: “2.000 Kilometer ohne Nachladen: Diese Firma verspricht das Elektroauto-Wunder”. Wenn jemand ein Wunder verspricht, das zu schön klingt, um wahr zu sein, interessiert sich Psiram natürlich ganz besonders dafür.

Focus über Neutrino Inc.Eine spezielle Batterie sei von der Firma Neutrino Inc. entwickelt worden, heißt es, über die Firmenchef Schubart zu berichten weiß, dass sie mit Hilfe einer speziellen Folie in der Lage sei, Energie aus Neutrino-Strahlung zu gewinnen.

Erinnern wir uns: Neutrinos sind unvorstellbar kleine und fast masselose Teilchen, die eben wegen ihrer geringen Masse in der Lage sind, sich nahezu mit Lichtgeschwindigkeit durch das All zu bewegen. Ein neutrales Teilchen mit so geringer Masse interagiert naturgemäß auch so gut wie nie mit anderer Materie. Riesige Eisblöcke oder Wassertanks sind notwendig, um überhaupt mit planbarer Wahrscheinlichkeit solche Interaktionen zu beobachten. Florian Freistetter erklärt in einem aktuellen Blog-Beitrag, wo Neutrinos entstehen können und wie sich ihre Existenz mit viel Aufwand feststellen lässt.

Mr. Neutrino, mit bürgerlichem Namen Holger Thorsten Schubart, muss also ein Mann mit enormen Fähigkeiten und respektablem Wissen auf dem Gebiet der Teilchenphysik sein, um überhaupt auf den Gedanken zu kommen, diese unscheinbaren Allbewohner in einer Autobatterie von etwa 500 kg einfangen zu können und ihnen dort ihre winzige Energiemenge zu entlocken.

Schubart mit Gesine Schwan auf der Cinema for Peace GalaGrund genug, sich mit Herrn Schubart genauer zu beschäftigen:
Wer im Web nach Spuren des großen Erfinders sucht, wird schnell feststellen, dass unser Genie bis 2012 sehr schweigsam war und nie über seine Entdeckungen berichtet hat. Mehr noch: Er scheint einfach nicht existiert zu haben. Von 2012 bis heute fällt er dagegen eher als Liebhaber luxuriöser Karossen und edler Kunstgegenstände auf.

In seiner knappen Freizeit handelt Schubart mit Immobilien und Nahrungsergänzungsmitteln, die Website eines angeblichen Prinzen führt ihn als Geschäftsführer für den Bereich Kunsthandel und beim Bundespresseball am kommenden Wochenende engagiert er sich als einer von drei Hauptsponsoren. Außerdem lässt er sich sehr gerne mit berühmten Persönlichkeiten fotografieren. Meldungen zu seiner Neutrino-Technologie sind durchweg jüngeren Datums.

Was also hat Holger Schubart gemacht, bevor er in seiner Nebentätigkeit als Neutrinoforscher die Welt revolutionierte? So viel sei dazu jetzt schon verraten: Seine Talente sind vielen Juristen in Deutschland sowie im europäischen Ausland gut bekannt.

Mehr dazu gibt es an dieser Stelle in den nächsten Tagen.
Sachdienliche Hinweise zu “Holger S. aus G.” nehmen wir natürlich jederzeit gerne entgegen.

Einige Ergebnisse wurden möglicherweise aufgrund der Bestimmungen des europäischen Datenschutzrechts entfernt.

 

Teil 2: Kühlschränke für Eskimos und Strom aus Neutrinos

Teil 3: Phantastische Neutrino-Beleuchtung beim Bundespresseball

Neutrino Inc. im Psiram-Wiki: http://www.psiram.com/ge/index.php/Neutrino_Inc

GWUP-Blog: Bundespresseball: Bühne frei für Mr. Neutrino

Ruhrbarone: Wie käuflich ist der Bundespresseball?

]]>
http://blog.psiram.com/2014/11/der-geheimnisvolle-mr-neutrino-durchbruch-bei-elektroautos/feed/ 2
Wissenschaftlicher Berater der EU? Nee, wollen wir nicht.http://blog.psiram.com/2014/11/wissenschaftlicher-berater-der-eu-nee-wollen-wir-nicht/ http://blog.psiram.com/2014/11/wissenschaftlicher-berater-der-eu-nee-wollen-wir-nicht/#comments Tue, 18 Nov 2014 16:45:24 +0000 http://blog.psiram.com/?p=15054 Wir haben uns schon im August über einen offenen Brief einiger äh – “wohlmeinender” Gruppierungen wie Greenpeace geärgert, in dem sie die Abschaffung des sogenannten “obersten wissenschaftlichen Beraters” (chief scientific adviser) der EU forderten.

Sie taten das mit schönen, klaren Worten:

We hope that you as the incoming Commission President will decide not to nominate a chief scientific adviser and that instead the Commission will take its advice from a variety of independent, multi-disciplinary sources, with a focus on the public interest.Wir hoffen, dass Sie als künftiger Kommissionspräsident sich dafür entscheiden werden, keinen wissenschaftlichen Berater zu nominieren und die Kommission sich stattdessen von einer Auswahl unabhängiger, multidisziplinärer Quellen, mit einem Fokus auf das öffentliche Interesse, beraten lassen wird.

So ein wissenschaftlicher Berater ist so “unabhängigen, multidisziplinären Quellen” wie Greenpeace und anderen offenbar ein Dorn im Auge. Ein Schelm, der bei dieser Formulierung Böses denkt …

Das Ganze hatte natürlich einen konkreten Anlass, der in in der Person, die die Position zur Zeit ausfüllt, begründet liegt: Professor Anne Glover.

Die Mikrobiologin hatte sich nämlich einerseits offen für Biotechnologie und Gentechnik eingesetzt, andererseits war sie auch grundsätzlich sehr unbequem. Sie hatte nämlich offen die “Beweisfindungs-Strategie” der (EU-)Politiker kritisiert.

Wenn ein politischer Wunsch auftaucht, wird der Wissenschaft oft gesagt: “Findet für uns Beweise, die unseren Standpunkt unterstützen.” Anne Glover war dieses Vorgehen ein Dorn im Auge und sie sah die Pflichten ihrer Position auch darin, es zu bekämpfen: Wissenschaftlern zu ermöglichen, jegliche Debatte unabhängig von politischem Druck zu führen.

Ein hehres Ziel, aber natürlich ziemlich idealistisch, um nicht zu sagen utopisch, wie die Realität nun auch bewiesen hat.

In Bezug auf ihre Standpunkte nahm sie kein Blatt vor dem Mund, wie jeder selbst anhand einer sehr offenen Rede, die sie im August hielt, nachprüfen kann. Die Behauptung von Greenpeace, dass sie bzw. ihre Position nicht “transparent” sei, muss an dieser Stelle mit offener Verblüffung kommentiert werden.

Und so kommt es wenig überraschend, dass Professor Anne Glover mit Ende Jänner 2015 ihren Hut nehmen darf, trotz unterstützender Briefe vieler wissenschaftlicher Institutionen und hunderter namhafter Wissenschaftler.

Und nicht nur das: es wurde nicht nur die unbequeme Anne Glover abgesägt – nein, der ganze Posten des “chief scientific adviser” hat damit aufgehört zu existieren.
Auf der Webseite des Science Media Centre hat man diverse “begeisterte” Kommentare, wie z.B. von Professor Sir Paul Nurse, Präsident der Royal Society, gesammelt, der die EU Kommission auffordert, falls es einen plausiblen Plan gibt, wie sie wissenschaftliche Evidenz in Zukunft nutzen will, diesen schnell offenzulegen.

Lesenswert auch die Artikel beim englischen Guardian 1, 2, 3 und des englischen Autors und Journalisten Mark Lynas.

Wir dagegen kommen nicht umhin, den diversen Lobby- und Spenden-Erzeugungs-Organisationen herzlich zu gratulieren:

]]>
http://blog.psiram.com/2014/11/wissenschaftlicher-berater-der-eu-nee-wollen-wir-nicht/feed/ 12
Der sinnlose Tod der kleinen Kinderhttp://blog.psiram.com/2014/11/der-sinnlose-tod-der-kleinen-kinder/ http://blog.psiram.com/2014/11/der-sinnlose-tod-der-kleinen-kinder/#comments Sun, 16 Nov 2014 17:47:18 +0000 http://blog.psiram.com/?p=15042 Es macht einen wütend. Wütend ob der Sinnlosigkeit, weil es einfach nicht notwendig wäre. Wenn man in der Zeitung von kleinen Mädchen wie Aliana oder Angelina, vier und acht Jahre alt, lesen muss, die an SSPE, einer Langzeitfolge der Masern, erkrankt sind und einen sehr frühen Tod sterben werden, versteht man es einfach nicht.

Die Masern waren in unseren Breiten praktisch besiegt; die WHO hatte gehofft, sie bis 2015 auszurotten. Aber leider erkranken noch immer jedes Jahr 20 Millionen Menschen daran, was jede Stunde 16 Todesopfer fordert. Man kann hier leicht mit nackten Zahlen operieren, die Verhältnisse darlegen – wir haben es hier im Blog auch schon oft gemacht.

Aber besonders eindringlich verspürt man die Notwendigkeit, die Masern auszurotten, wenn man die Gesichter der Opfer vor Augen hat.

Bild der kleinen Aliana. Verlinkt ist eine Reportage bei RTL

Aliana in einer RTL Reportage

Aliana erkrankte wohl mit drei Monaten an den Masern. Eine seltene Langzeitfolge davon ist eine entzündliche Erkrankung des Gehirns, die nach Jahren auftritt. Aliana war vor wenigen Monaten noch ein fröhliches Kind; inzwischen verschlechterte sich ihr Zustand zusehends: sie kann weder stehen noch sitzen, spricht nicht mehr und wird über eine Sonde ernährt. In einer Reportage bei RTL kommen die Eltern zu Wort, man kann den Bericht nur mit Mitgefühl ansehen.

Die Eltern haben eine eigene Facebook Gruppe eingerichtet, in der man dem Schicksal der kleinen Aliana folgen kann.

Angelina, 8 Jahre Quelle: Facebook

Angelina, 8 Jahre Quelle: Facebook

Angelina steckte sich im Alter von sieben Monaten mit Masern an. Leider war sie zu dem Zeitpunkt zu jung für eine Impfung. Bis zu ihrem 5. Lebensjahr war sie ein normales Kind, dann begannen die ersten Symptome. Innerhalb von acht Wochen verlor Angelina alles, was sie in ihren fünf Lebensjahren gelernt hatte. Laufen, sitzen, schlucken und schließlich auch das Sprechen.

In einer interessanten Reportage von Akte kann man sich ein direktes Bild verschaffen.

Die Reportage geht auch der Frage nach, wie es um den Impfschutz der Bevölkerung bestellt ist. Zugegeben, die Reportage geht dabei nicht gerade streng wissenschaftlich vor und befragt einfach die Bewohner eines Hauses, wie es bei deren Impfschutz aussieht, aber man bekommt doch ein gutes Bild. Im Endeffekt ist die Aussage klar: Es sind zu wenig Erwachsene geimpft, um für einen sogenannten Herdenschutz zu sorgen.

Das Prinzip ist einfach: Wenn alle geimpft sind, gibt es niemand, der die Krankheit übertragen kann. Und damit können sich Kleinkinder, die noch nicht geimpft werden dürfen, auch nirgends anstecken. Wir haben das in einem Blog schon mal genauer erklärt.

Dies sind zwei Schicksale, die durch die Masern gezeichnet sind. Aber es sind nicht die einzigen. Weltweit sterben immer noch 16 Menschen jede Stunde an den Masern, natürlich vor allem in Ländern mit schlechteren medizinischen Bedingungen. Aber auch wenn wir mit ausgezeichneten Krankenhäusern gesegnet sind, ist trotzdem jeder Fall in Europa eigentlich unnötig.

Warum musste Deutschland 2013 1771 Masernfälle haben?

Die Antwort ist ganz einfach: Notwendig wäre eine Impfrate von 95% und Deutschland bleibt konsequent weit darunter. Ein Problem, das aber leicht lösbar wäre.

Liebe Eltern, lassen Sie sich nicht durch Impfgegner verunsichern. Die Masernimpfung ist gut verträglich und die Masern beileibe keine harmlose Kinderkrankheit. Informieren Sie sich nicht im Internet, glauben Sie auch uns nicht. Informieren Sie sich beim Robert-Koch Institut und der Ständigen Impfkommission (STIKO).

Vielleicht schaffen wir es wenigstens bis 2020. Informieren Sie sich, dann ist das kein unrealistisches Ziel.

Zum Weiterlesen sei hier noch auf den Blog der GWUP verwiesen, die eine Menge Links zum Thema gesammelt haben.

]]>
http://blog.psiram.com/2014/11/der-sinnlose-tod-der-kleinen-kinder/feed/ 5
Tradition, Tradition … heute: Traditionelle Chinesische Medizin (TCM)http://blog.psiram.com/2014/11/tradition-tradition-heute-traditionelle-chinesische-medizin-tcm/ http://blog.psiram.com/2014/11/tradition-tradition-heute-traditionelle-chinesische-medizin-tcm/#comments Tue, 11 Nov 2014 20:26:47 +0000 http://blog.psiram.com/?p=15025 nine_dragons
Kürzlich hat uns unser Agent Mark Twain einen Eindruck von den sanften, ganzheitlichen Heilmethoden der Traditionellen Westlichen Medizin verschafft. Da ist es nun an der Zeit, auch die uralte Weisheit der TCM ein wenig zu beleuchten. Wir entsenden dazu einen Missionar namens Dugald Christie, der in der ehemaligen mandschurischen Hauptstadt Mukden (heute Shenyang) Ende des 19. Jhd. ein Hospital aufbaut. Er berichtet über die dort übliche Diagnostik:

… Krankheit wird über den Puls diagnostiziert, von dem es ebenso fünf Arten gibt. Der linke zeigt den Zustand von Herz, Leber und Nieren an, der rechte den von Lunge und Magen sowie den des “Tors des Lebens”. Wenn ein Patient zum ersten Mal das Sprechzimmer betritt, erwartet er nicht, befragt zu werden.

Soviel zur ausführlichen Erhebung der Krankengeschichte in der Traditionellen Chinesischen Medizin.

Schweigend streckt er nacheinander beide Arme aus, und der Doktor soll durch Tasten der Pulse mit drei Fingern die Art und den Sitz der Krankheit erkennen. Anfangs brachte ein freundlicher einheimischer Doktor gewöhnlich Patienten mit, um zu sehen, wie ich sie untersuchen und behandeln würde. Eines Tages erschien ein Mann, der aufgrund einer Anomalie keinen Puls an der üblichen Stelle hatte. Ich bat meinen chinesischen Freund, diesen Kasus mit seiner Methode zu untersuchen, aber er war völlig konsterniert, überhaupt keinen Puls zu finden, und war interessiert und erstaunt ob meiner Erklärung.

(Mit den „Fünf Arten des Pulses“ sind natürlich nicht die klinisch verwertbaren tatsächlich tastbaren Änderungen des Pulses bei verschiedenen Erkrankungen gemeint, sondern mythologische Zuordnungen zu den 5 Elementen usw.).
Bis hierhin unnütz, wenn auch harmlos. Kommen wir aber zur Therapie:

Die Vorstellungen über die Lage und die Funktion der inneren Organe sind äußerst vage und ungenau, und die modernen chinesischen Ärzten räumen ein, dass sie überhaupt nichts von Chirurgie verstehen. Sie können keine Arterie abbinden, keinen Finger amputieren oder auch nur die einfachste Operation durchführen. Die einzige angewendete Methode, die chirurgisch genannt werden könnte, ist die Akupunktur, die bei allen Arten von Leiden angewendet wird. Die Nadeln haben neun verschiedene Formen und werden häufig glühend verwendet, und manchmal werden sie für Tage im Körper belassen. Da sie über kein praktisches Wissen über Anatomie verfügen, schieben die Ärzte häufig Nadeln in große Blutgefäße oder wichtige Organe, was mitunter unmittelbare Todesfälle zur Folge hatte. Ein kleines Kind, das ins Krankenrevier gebracht wurde, bot einen mitleiderregenden Anblick. Der Doktor hatte den Eltern mitgeteilt, dass ein Überschuss an Feuer im Körper sei, den herauszulassen er kalte Nadeln benötige. Dabei hatte er an mehreren Stellen tief in den Bauch eingestochen. Der arme kleine Leidende verstarb kurz danach. Bei Cholera werden die Arme genadelt. Bei einigen Kinderkrankheiten, besonders bei Krampfanfällen, werden die Nadeln unter die Fingernägel gestochen. Bei Augenkrankheiten werden sie oft im Rücken zwischen den Schultern bis in eine Tiefe von mehreren Zoll vorgeschoben. Es sind Patienten zu uns gekommen, deren Rücken aufgrund exzessiver derartiger Behandlungen mit nicht allzu sauberen Instrumenten großflächig verschorft waren.

Christie berichtet von weiteren traditionell chinesischen Methoden, das Los der Kranken zu verschlimmern, erwähnt die Krankheitstheorien des Volkes (unheilvolle Tage, böse Geister etc.) und fährt dann fort:

Ein gepflegt aussehender alter Mann brachte seine Tochter im Endstadium einer Lungenschwindsucht in die Sprechstunde. Sie war so schwach, dass sie sich kaum aus der Sänfte in den Untersuchungsraum begeben konnte. Als dem Vater die Art der Krankheit erläutert wurde, erwiderte er höflich aber bestimmt: „Sie irren sich. Das ist keine Krankheit der Lunge. Ich bin auch ein Arzt von nicht geringem Ruf, aber ich bin kein Chirurg. Ich habe meine Tochter zu Ihnen gebracht, weil ich von Ihren Fähigkeiten mit dem Skalpell gehört habe, damit sie das üble Ding entfernen, das meiner Tochter das Leben raubt.“ Dann erklärte er, dass seit vielen Monaten eine Schildkröte in ihrem Bauch wachse, die inzwischen groß wie eine Hand sei. Sie lebe vom Blut der Kranken und trinke es dreimal täglich. „Sehen Sie“, sagte er, „Sie können sie mit der Hand fühlen, wie sie sich gerade unter dem Herzen bewegt. Können Sie sie entfernen?“
Der arme alte Vater! Die “Schildkröte” war nichts als die pulsierende Aorta, die in dem ausgezehrten, dünnen Körper leicht zu tasten war.

Als Tuberkulosekranker durfte man unter gewissen Umständen also auf ein natürliches Ende hoffen. Bei neurologischen oder psychiatrischen Krankheiten standen die Chancen schlechter:

Geisteskrankheit, Epilepsie und schwere Hysterie werden üblicherweise als von teuflischer Besessenheit verursacht angesehen. Um den bösen Geist auszutreiben, wird ohne weitere Untersuchung der Ursachen zu den grausamsten Methoden gegriffen, wie den Patienten barfuß auf glühendes Eisen zu stellen, und stets wird hart und gnadenlos zugeschlagen. Zum Glück für die armen Leidenden kann man solche extreme Foltern nicht lange überstehen, und der Tod bringt Erlösung [meine Hervorhebung]. Ein siebzehnjähriges Mädchen wurde zu mir gebracht, offensichtlich ein Fall von schwerer Hysterie. Nachdem die Hexendoktoren erfolglos verschiedene grausame Methoden versucht hatten, stießen sie ihr endlich einen glühenden Schürhaken in den Schlund, um den Dämon auszutreiben. Das Mädchen starb kurz danach. Die elektrische Batterie wurde von den Chinesen als die ausländische Kur für die Besessenheit erkannt, und viele „böse Geister“ sind so gebannt worden.

Da vergeht einem der Spott. Die Medizin prähistorischer Zeiten kann nicht unmenschlicher gewesen sein als diese Traditional Chinese Medicine (TCM) am Ende des 19. Jahrhunderts.

Quelle: Thirty years in Moukden, 1883-1913: being the experiences and recollections of Dugald Christie / ed. by his wife. London: Constable, 1914.
https://archive.org/details/thirtyyearsinmo00chrigoog

]]>
http://blog.psiram.com/2014/11/tradition-tradition-heute-traditionelle-chinesische-medizin-tcm/feed/ 13
Die Krankenkassen und die Paramed… äh, Alternativmedizin (2) – Dürfen die das?http://blog.psiram.com/2014/11/die-krankenkassen-und-die-paramedizin-2-duerfen-die-das/ http://blog.psiram.com/2014/11/die-krankenkassen-und-die-paramedizin-2-duerfen-die-das/#comments Tue, 04 Nov 2014 18:14:54 +0000 http://blog.psiram.com/?p=14965 krankenkassen

Wie steht es eigentlich um die gesetzlichen Grundlagen für solche Exzesse der Irrationalität? Versuchen wir, uns zunächst an das Sozialgesetzbuch zu halten.

§ 12 SGB V – Wirtschaftlichkeitsgebot

(1) 1 Die Leistungen müssen ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich sein; sie dürfen das Maß des Notwendigen nicht überschreiten. 2 Leistungen, die nicht notwendig oder unwirtschaftlich sind, können Versicherte nicht beanspruchen, dürfen die Leistungserbringer nicht bewirken und die Krankenkassen nicht bewilligen.

Was ist notwendig? Das, was nachgewiesenermaßen wirksam ist, sollte man meinen. Wer prüft, ob der Nachweis dafür erbracht und somit eine Leistung von den Kassen zu übernehmen ist? Ein mächtiges, in der Öffentlichkeit aber eher selten thematisiertes Gremium: der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA). Abgesehen von seiner blamablen Entscheidung, die Akupunktur als Kassenleistung anzuerkennen, weil die Schein-Akupunktur doch so gut wirksam sei, ist dieses Gremium eigentlich nicht dafür bekannt, sich besonders für paramedizinische Verfahren zu erwärmen.

Juristische Windungen

Dennoch ist bei Stiftung Warentest zu lesen: „Doch jede Kasse darf Extraleistungen anbieten“ – aber wo steht das eigentlich? In welchem Gesetz, in welchem Paragraphen kann man diese Regelung finden, die sich ganz offensichtlich in einem schreienden Gegensatz zum Sozialgesetzbuch befindet? Solche „Extra-“ oder „Zusatzleistungen“ heißen offiziell eigentlich „Satzungsleistungen“. Das Bundesgesundheitsministerium sagt, dass eine Krankenkasse sog. Satzungsleistungen „zusätzlich zu den gesetzlich festgeschriebenen Leistungen gewähren“ könne, und das stehe im GKV-Versorgungsstrukturgesetz von 2012. Dort [1] findet sich zum einen der neue Passus, dass bei „regelmäßig tödlicher Erkrankung“ und „nicht ganz fern liegender Aussicht auf spürbare positive Einwirkung auf den Krankheitsverlauf“ die Kosten übernommen werden dürften, zum anderen – ebenso harmlos wie menschenfreundlich -, dass einige „Leistungen der medizinischen Vorsorge und Rehabilitation“ bis hin zu „Leistungen von nicht zugelassenen Leistungserbringern“ (d. h. von jedermann) erstattungsfähig seien. Seffaständlich hätten die Krankenkassen „in ihren Satzungen hinreichende Anforderungen an die Qualität der Leistungserbringung zu regeln“ – man kann sich bildlich vorstellen, wie diese Bestimmung inzwischen mit Leben erfüllt worden ist. So wird gern betont, man bezahle nur diejenigen homöopathischen Behandlungen, die ein Arzt erbringe, der die Zusatzbezeichnung Homöopathie führe und Mitglied im DZVhÄ sei. Soll dies die Hinwendung von Ärzten zu witzlosen Fortbildungen fördern? Was wäre denn der Unterschied zwischen selbst angelesener Homöopathie und im DZVhÄ vermittelter Homöopathie?

Ein weiterer Aspekt sollte noch ergänzend berührt werden. Bevor die Krankenkassen die Kosten für Arzneimittel übernehmen können, müssen diese zunächst als solche zugelassen werden. Erfolgreiche anthroposophische Lobbytätigkeit in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts hat es zuwege gebracht, die „besonderen Therapierichtungen“ (Phytotherapie, Anthroposophie, Homöopathie) von dieser Überprüfung auszunehmen [2]. Auch die Homöopathen zehren noch heute ungefährdet davon. In der „Sachverständigenkommission D“ des BfArM, die mitunter tagt , werden solche Dinge besprochen wie:

Es wird über die Notwendigkeit einer eindeutigen Begriffsbestimmung mit Abgrenzung der Erstverschlimmerung gegenüber unerwünschten Arzneimittelwirkungen diskutiert.

Da wäre man doch gerne Mäuschen gewesen. Gemach, gemach: „In der nächsten Sitzung soll dieses Thema erneut aufgegriffen und ein Vertreter der Abteilung Pharmakovigilanz eingeladen werden.“ Das war am 10. April 2013; die nächste Sitzung sollte in einem Jahr stattgefunden haben. Verf. hofft, dass ein Beschluss noch zu seinen Lebzeiten veröffentlicht wird.

Fazit

Die Legalität dieser halb- bis viertelseidenen Krankenkassenaktivitäten ist zweifelhaft, weil die Gesetzgebung inkonsistent ist – noch vor dem Wirtschaftlichkeitsgebot (§12) kommt der Freibrief für die Bezahlung der Wunderheiler zu Lasten aller Versicherten (§11). Wenn der G-BA bisher für die Erstattungsfähigkeit sein musste, genügt es nun, wenn er nur keine Gelegenheit hatte, dagegen zu sein (vom G-BA „nicht ausgeschlossene Leistungen“, sagt das Versorgungsstrukturgesetz). Und wo kein Kläger ist, da ist kein Richter. Alle sind zufrieden (bis auf die gierigen Ärzte, die die Marketing-Gelder der Kassen lieber selbst verbraten würden und die „nicht zugelassenen Leistungserbringer“ nicht an die Fleischtöpfe lassen wollen, hier). Das Ministerium ist jedenfalls unschuldig – nirgendwo steht ausdrücklich im Gesetz, dass die Kassen die Freiheit hätten, Unfug zu bezahlen. Herr Minister, gibt es nicht doch Handlungsbedarf?

Anhang. Kritische Stimmen:


  1. Bundesgesetzblatt Teil I 2011 Nr. 70 vom 8.12.2011, zu erreichen via BGM-Link
  2. „Nicht zuletzt Kienles [Gerhard Kienle, „einer der wirksamsten und erfolgreichsten Anthroposophen nach dem Zweiten Weltkrieg“] wissenschaftlichen Gutachten und Argumenten war die methodenpluralistische Fassung des Arzneimittelgesetzes von 1976 zu verdanken, das den Herrschaftsanspruch der Hochschulmedizin relativierte, aber auch wesentliche weitere Entwicklungen (wie beispielsweise hinsichtlich der Approbationsordnung für Ärzte oder des Krankenpflegegesetzes) gingen auf seine Interventionen zurück.“
    http://biographien.kulturimpuls.org/detail.php?&id=175
]]>
http://blog.psiram.com/2014/11/die-krankenkassen-und-die-paramedizin-2-duerfen-die-das/feed/ 2