Psiram http://blog.psiram.com Realismus als Chance Mon, 20 May 2013 20:58:31 +0000 de-DE hourly 1 Monsanto vs. Bowman oder der Wert der Innovationhttp://blog.psiram.com/2013/05/monsanto-vs-bowman-oder-der-wert-der-innovation/ http://blog.psiram.com/2013/05/monsanto-vs-bowman-oder-der-wert-der-innovation/#comments Sat, 18 May 2013 18:10:59 +0000 YorkTown http://blog.psiram.com/?p=12298 Monsanto hat sich ja gerade wieder unbeliebt gemacht, weil es den armen Bauern Vernon Bowman verklagt und gewonnen hat. Die Tagesschau sprach von “David gegen Goliath”, ein Vergleich, den auch andere aufgegriffen haben. Auch wenn “David” verlor.

Uns ist klar, dass wir uns wohl mit einem Blog zum Thema auch unbeliebt machen, denn so trivial, wie viele es gerne sehen würden, dass Monsanto der Antichrist ist, der einen armen, alten, unschuldigen Bauern fertiggemacht hat, ist es nicht. Im Endeffekt geht es nicht einmal um Monsanto, sondern um Gesetze und Patente. Es ist ein Grundsatzurteil, das den Wert von Patenten untermauert.

Aber beginnen wir mit dem Fall und seiner Geschichte.

Monsanto vs. Bowman

Seit 1999 hat der Landwirt Bowman jedes Jahr Roundup Ready® Sojabohnen für seine Erstaussaat(*) erworben. Im Rahmen des Kaufes unterzeichnete er eine Vereinbarung, dass er die Samen nur für eine Pflanzung verwendet und die Ernte nicht wieder aussäen wird. Herr Bowman ist nicht dumm, ihm ist klar, dass das recht teuer ist. Also fragt er bereits 1999 bei Monsanto nach, ob es gegen eine Gebühr möglich sei, die Ernte doch zur Aussaat weiterzuverwenden.

Monsanto lehnt in einem Schreiben, in dem es die Patentbestimmungen erneut erläutert, ab.

Vernon Bowman hat daraufhin eine Idee, wie er die Patentbestimmungen umgehen kann. Er kauft für die erste Aussaat ganz normal bei einem lizenzierten Händler ein. Für die zweite Aussaat(*) kauft er dagegen für die Fütterung (oder ähnliches) bestimmtes Soja. Dieses ist nicht für die Aussaat gedacht, da der Bauer ja nicht weiß, welche Sorten sich in dem gekauften Gemisch befinden (in der Praxis 95% Roundup Ready®).

Er sät diese Bohnen aus und besprüht die Pflanzen zwei bis drei mal mit Glyphosat. Die Roundup-Ready-Bohnen überleben, der Rest stirbt ab. Herr Bowman züchtet sich also quasi RR-Soja selbst. Einen Teil der Ernte aus diesen Bohnen bewahrt er für die Aussaat im nächsten Jahr auf, den Rest verkauft er.

Im Wesentlichen wiederholt er diese Prozedur jedes Jahr, bis er 2007 schließlich von Monsanto verklagt wird. Er habe gegen die Lizenzbestimmungen verstoßen. Ein U.S. District Court in Indiana spricht Monsanto $84.456,20 an Schadenersatz zu. Die nächste Instanz bestätigt 2011 das Urteil und jetzt auch der Supreme Court.

Herr Bowman hat versucht das Gesetz zu beugen, um einen höheren Profit zu erzielen. Die Idee hinter Patenten ist es, dass es anderen verboten ist, eine Erfindung selbst herzustellen.

Instruktiv sind die Bemerkungen der Richter zum Urteil:

Chief Justice Roberts:
“Why in the world would anybody spend any money to try to improve the seed if as soon as they sold the first one anybody could grow more and have as many of those seeds as they want?”

Justice Kagan:
“… a patent would plummet in value after the first sale of the first item containing the invention.”

Dass es beim Urteil grundsätzlich um das Patentrecht und seine Schutzwirkung ging, sieht man auch an der breiten Unterstützung, die Monsanto in den USA aus diversen Bereichen der Industrie erhielt: viele Universitäten, viele Firmen, Organisationen und auch die Regierung haben sich hinter die Klage von Monsanto gestellt. Nicht hinter Farmer Bowman.

Man meldet seine Erfindung beim Patentamt und wenn es etwas innovativ Neues ist, hat man die Verwertungsrechte für die Erfindung. Man mag nun einwenden, wie es auch Bauer Bowman getan hat, dass Sojabohnen sich ja ohnehin selbst replizieren und kein menschlicher Eingriff nötig ist. Aber auch dieser Einwand wurde von den Richtern weggewischt:

Justice Kagan:
“Bowman was not a passive observer of his soybeans’ multiplication,” she wrote, adding: “Put another way, the seeds he purchased (miraculous though they might be in other respects) did not spontaneously create eight successive soybean crops.”

Er hat durch den Anbau und die regelmäßige Anwendung von Glyphosat wissentlich und in voller Absicht selbst Roundup-Ready-Sojabohnen für den Anbau geschaffen und damit gegen das Patent verstoßen.

“Ich hätte mir nie vorstellen können, dass die sich um meine zweite Aussaat scheren”, sagt Bowman und beteuert, er habe das Saatgut im Frühjahr stets für den vollen Preis bei Monsanto geordert.

Patente und ihr Wert

Man mag nun der Meinung sein, dass im Patentwesen selbst das Problem steckt und wenn man z.B. in Klagewellen wegen runder Ecken und ähnlichem die Smartphone Hersteller aufeinander losgehen, wenn man sieht, wie Patenttrolle mit absurden Patenten im Softwarebereich Millionen verdienen, dann fühlt man sich wohl in dieser Meinung bestärkt.

Nur muss man unserer Meinung nach achtsam unterscheiden zwischen Trivialpatenten, z.B. auf Smileys und einem Patent auf ein Produkt, das in jahrelanger Forschung entwickelt wurde. Die Grenze zu ziehen ist sicher in vielen Fällen schwierig, aber gerade in diesem Fall doch recht klar.

Interessant ist es zu bemerken, obwohl es im Elektronik/Consumer-Bereich um Beträge und Giganten geht, neben denen sich Monsanto wie ein “Kleinbetrieb” ausmacht (Umsatz in Mrd. Dollar: Monsanto 12, Apple 156, Samsung 143), interessieren diese Streitereien eigentlich wenig.

Der Grund ist vermutlich, dass es im Grunde um einen “unwichtigen” Streit ums Geld geht, bei Patenten im Bereich Nahrungsmittelerzeugung und Medizin auch ethische Bedenken hineinspielen. Patente in diesem Bereich verteuern Nahrungsmittel, verteuern Medikamente. Das führt zu einem schwerwiegenden Dilemma.

Man wünscht sich in dem Bereich, dass alle Innovation frei ist und die Menschheit weiterbringt. Man wünscht sich aber natürlich auch, dass möglichst viel Geld investiert wird, möglichst viel Innovation stattfindet. Und man stellt fest, dass es schwer ist, diese Dinge unter einen Hut zu bringen.

Innovation und Forschung muss etwas Wert sein, sonst wird niemand Geld in die Forschung investieren. Und Forscher müssen sicher sein, dass sie und ihre Erfindung durch ein Patent auch geschützt werden. Wäre ein Patent “nichts wert”, könnten Typen wie Andrea Rossi zu Recht behaupten, ihre Erfindung “geheim” halten zu müssen. Ehrliche Erfinder müssten das sogar. Was zu noch stärkerer Geheimhaltung von Innovation führen würde, als wir sie schon haben.

Und alle Geheimhaltung, zu der sie gezwungen wären, würde in dem Augenblick nutzlos werden, in dem sie das Produkt auf den Markt bringen. Sofort würde das Produkt kopiert werden. Man braucht also den Schutz der Rechte des Erfinders.

Man versucht natürlich, Wege aus diesem Dilemma zu finden, aber wie man sich vorstellen kann, ist es nicht so leicht.

Viele “lieben” Monsanto nicht und halten es für grundsätzlich bedenklich, dass solche Bio-Patente existieren. Aber die Abschaffung von Patenten ist auch nicht zielführend. Wir müssen Unternehmen die Möglichkeit geben, aus ihrer Innovation Nutzen zu ziehen.

Fazit

Um diesen gordischen Knoten zu zerschlagen, wurde bisher kein Rezept gefunden; die Vorteile der Patente überwiegen. Alles was wir tun können, ist Open Data und Open Science zu fördern.

Jede Technologie, die im Besitz der öffentlichen Hand ist, frei verfügbar ist, ist ein Gewinn für uns alle. Eine interessante Idee ist in diesem Sinne auch der sogenannte Health Impact Fund. Wenn wir Monsanto ablehnen, sollten wir im Bereich Gentechnik mehr forschen und selbst entsprechende Produkte auf den Markt bringen.

Bitter muss man allerdings bemerken: Forschung, speziell im Bereich der Grünen Gentechnik, interessiert in Deutschland nicht. Stattdessen überlassen wir den Konzernen lieber das Feld, stecken den Kopf in den Sand und vernichten Lehrprojekte wie HannoverGEN und zerstören lieber Versuchsfelder.

Wir können uns übrigens in diesem Sinne einen kleinen Seitenhieb gegen Greenpeace und Konsorten nicht verkneifen – zitiert aus dem Tagesschau-Artikel:

“Keine Frage”, gesteht Bowman, “die gentechnisch veränderten Sojabohnen haben die Arbeit viel leichter und besser gemacht.”

*
Erste und zweite Aussaat: In Teilen der USA ist es möglich, in einem Jahr zweimal auszusäen. Man sät dazu auf einem Feld Weizen an und erntet, danach erst sät man Sojabohnen an. Die Zeit reicht gerade für eine zweite Ernte. Diese ist zwar weniger ertragreich als die Erstaussaat an Sojabohnen, die die ganze Saison reifen kann, der kombinierte Wert von Sojabohnen und Weizenernte bringt allerdings insgesamt Gewinn. Da der Aufwand relativ hoch und das Zeitfenster sehr kurz ist, schafft der Landwirt mit dieser Methode nur eine begrenzte Fläche.

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Wort + Geisthttp://blog.psiram.com/2013/05/wort-geist/ http://blog.psiram.com/2013/05/wort-geist/#comments Thu, 16 May 2013 10:02:37 +0000 admin http://blog.psiram.com/?p=12207 Bei Psiram wird uns ja oft – und vielleicht ja auch zu Recht – vorgeworfen, zu negativ zu sein. Wir wollen heute daher mal jemanden vorstellen, der ein echter Heiler und Heiliger ist, bescheiden und zurückhaltend – Helmut Bauer von Wort und Geist.

Schon von Anfang an zeigte sich die segensreiche Wirkung des Heiligen Geistes, als er in bestehende Gemeinden eindrang, verkrustete Strukturen aufbrach und viele Seelen aus ihren nur scheinbar gläubigen Familien herausreißen und retten konnte. Retten in einem sehr realen Sinne, denn wie gesagt ist er ein großer Heiler, der viele Menschen zum Absetzen ihrer Medikamente bewegen konnte. Natürlich gibt es da einige, die nicht fest genug im Glauben sind und daher doch nicht geheilt werden. Andere, die wie Ingrid Z. dem Heilungsdienst angehörten, ziehen einer Heilung (in ihrem Fall Krebs der Bauchspeicheldrüse) dann doch die ewige Glückseligkeit vor. Alle aber können sich trösten, dass der Obolus, den sie dafür gespendet haben (man redet von 8.000-12.000 € pro Heilgottesdienst, die dem Völkerapostel und fleischgewordenen Christus Bauer cash im Umschlag zugesteckt werden), sicher einem guten Zweck zugute kommt. Die Finanzen von Wort und Geist sind zwar nicht besonders transparent (Geschätzte Einnahmen der Bibelschule allein, also ohne Spenden laut NDR: 3,6 Mio € / Jahr), aber an dem großen Audi A8 (geht bei 75.000 € los), den Bauer fährt, sieht man doch, dass das Geld gut in den Aufschwung angelegt wird.

Natürlich wird ein solcher Streiter Gottes viel verleumdet, aber die absolute Selbstlosigkeit seines Handelns zeigt sich unwiderlegbar daran, dass er seine von Gott höchstpersönlich gegebenen Heilfähigkeiten ausschließlich seinen spendenden Anhängern zur Verfügung stellt, selbst aber ein Jahr lang tapfer an einer Borreliose leidet.

Auch zeichnet ihn große Zurückhaltung aus, und anstelle von Inquisition und Scheiterhaufen begnügt er sich damit, gottlose Kritiker wegen des Satzes “Bei uns hat sich Wort und Geist benommen, wie eine Terrororganisation” von seinen Anwälten auf 250.000 € verklagen zu lassen. Damit aber nicht genug, hat er in seiner demütigen Bescheidenheit doch alle Predigten seiner Anhänger aus dem Netz entfernen lassen. Wir bei Psiram haben aber noch Kopien dieser MP3s gefunden und wollen sie hiermit selbstlos der Netzöffentlichkeit zur Verfügung stellen, damit man sich mit den Worten seiner Anhänger ein Bild der Lehren des Völkerapostels und fleischgewordenen Christus Helmut Bauer machen kann. Viel Vergnügen und ein paar erbauliche Stunden den Lesern. Vielleicht wird der eine oder andere gottlose Leser dieses Blogs doch noch hellhörig und gerettet. Er bedenke dann, dass ein Audi A8 auch sehr viel Benzin verbraucht, das man teuer bezahlen muss. Wir verstehen uns.

 

Amen.

Für Genießer:

Alex Thomsen- Der Apostel

Helmut Bauer – Die Sohnschaft ist sichtbar

NN – Folgt dem Apostel nach

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Bienensterben, Neonicotinoide und die Faktenhttp://blog.psiram.com/2013/05/bienensterben-neonicotinoide-und-die-fakten/ http://blog.psiram.com/2013/05/bienensterben-neonicotinoide-und-die-fakten/#comments Wed, 15 May 2013 10:31:33 +0000 Mr. Bojangles http://blog.psiram.com/?p=12278 Vor kurzem wurde durch die EU eine Gruppe von Pestiziden namens Neonicotinoide verboten, da man sie im Verdacht hat, ein massives Bienensterben zu verursachen, das man als Colony Collapse Disorder CCD bezeichnet. Der grundsätzliche Effekt ist, dass die erwachsenen Arbeitsbienen aus dem Stock “verschwinden”, z.B. von der Pollensuche nicht zurückkehren.

Das Verbot wurde speziell in Österreich heftig diskutiert, der zuständige Minister Berlakovich geriet wegen seiner Gegenstimme unter heftigen Beschuss. Wir wollten uns das trübe Gewässer, in dem die Diskussion dazu stattfindet, auch mal etwas ansehen. Es ist, wie man schnell feststellt, nicht trivial.

Der Begriff Colony Collapse Disorder für diese mysteriöse Form von Bienensterben ist recht neu und wurde 2006 in einer Studie eingeführt. Aber das Phänomen an sich ist bereits seit 1869 bekannt. Damals wurde als Ursache Schimmelpilz ausgemacht (ob korrekt, weiß man nicht).

Zwischen 1905 and 1919 verlor man 90% der Bienen auf der Isle of Wight mit unklarer Ursache, bzw. die untersuchenden Forscher konnten sich nicht einigen, was denn schuld sei. Im Distrikt Stawell in Australien verlor man 1910 59% der Stöcke und viele wurden durch Verluste schwer angeschlagen.

Im Laufe der Jahrzehnte trat das Phänomen immer wieder auf, die oben genannte Arbeit listet 18 Fälle, und führte zu einer Vielzahl an Theorien. Es wurde an alles mögliche gedacht, von Viren über Milben bis hin zu Pestiziden und mehr. Mobilfunk und Gentechnik wurden untersucht, manche Dinge verworfen, andere kamen in die engere Wahl. Komplett abstruse Ideen wurden natürlich auch geäußert, wie z.B. dass es Gottes Strafe sei, da US-Bundesstaaten mit Pro-Homosexuellen-Gesetzgebung stärker unter CCD litten.

Das Problem ist: man ist bisher daran gescheitert, es auf eine Ursache zurückzuführen. Man findet in diesem Zusammenhang Erwähnungen von vielen Effekten, die zumindest zum Problem beitragen:

Die Varroamilbe
Nosemose (ein Parasit)
Israel Acute Paralysis Virus
Habitatverlust
Überzüchtung
Neonicotinoide
Pestizide im Allgemeinen
Mangelernährung
usw.

Aber kein Effekt kann überall alles erklären.

Man hat also wohl zwei Möglichkeiten:
- Es gibt ein bisher unbekanntes Grundproblem.
- Man hat unter dem Begriff CCD mehrere im Grunde nicht zusammenhängende Probleme unter einem Dach zusammengefasst.

Ersteres scheint aufgrund der Menge an Studien und heutigen diagnostischen Möglichkeiten unwahrscheinlich. Zweiteres klingt plausibler. Das würde aber bedeuten, dass man mehrere Probleme hat, die sich nur zufällig mit den selben Auswirkungen äußern. Und dass man “die eine Ursache” gar nicht finden kann. Das würde auch die historischen Vorfälle, bei denen unterschiedliche Ursachen vermutet wurden, erklären.

Sehr lesenswert sind unserer Meinung nach die Artikel des Biologen und Bienenexperten Randy Oliver, der ein regelmäßiger Autor im American Bee Journal ist. Auf seiner Homepage “Scientific Beekeeper” findet man zwei hochinteressante Artikel, auf die wir an dieser Stelle verweisen möchten:
Neonicotinoids: Trying To Make Sense of the Science
Neonicotinoids: Trying To Make Sense of the Science – Part 2

Er listet viele Studien zum CCD und zu Neonicotinoiden und schreibt, dass etliche mit einer gehörigen Portion Voreingenommenheit in die eine oder andere Richtung behaftet sind. Manche spielen die Wirkung der Neonicotinoide hinunter, andere versuchen zu beweisen, dass diese Giftstoffe die zentrale Schuld am Bienensterben tragen.

In einem spannenden Artikel von April 2013, bei dem er sich vor allem damit auseinandersetzt, was “dieses Frühjahr mit den Bienen geschah”, vergleicht er die Bienenverluste mit der Verwendung von Neonicotinoiden. Er findet dabei eine Korrelation von 2006 bis 2009, aber 2010 dreht sich der Trend: mehr Neonicotinoide als im Vorjahr werden eingesetzt und wesentlich weniger Bienen verenden.

Randy Oliver meint insgesamt, dass die Antwort Neonicotinoide zu trivial und falsch ist. Man muss anmerken, dass er Pestizide und Neonicotinoide grundsätzlich mit dieser Einschätzung nicht freispricht. Er betrachtet nämlich auch “consistently lucky beekeepers”, die selten Bienen verlieren. Diese geben ihren Bienen, nachdem sie mit Pestiziden in Berührung gekommen sind, “eine Erholungszeit”.

Was ist nun das Fazit aus all diesen Studien? Man kann nachweisen, dass Neonicotinoide giftig für Bienen sind, aber es reicht bei weitem nicht, um das Ausmaß der weltweiten Verluste zu erklären. Oliver spricht auch das Problem des Ersatzes für die Neonicotinoide an. Bei einem Verbot werden einfach andere Pestizide eingesetzt werden. Wer sagt, dass diese nicht weit schädlicher sind? Teilweise weiß man das sogar. Stimmt diese Einschätzung, könnte sich daher dieses Verbot zum Pyrrhussieg entwickeln.

Das aktuelle, auf 2 Jahre befristete Verbot kann man als Test sehen. Die Daten sprechen zwar nicht dafür, aber vielleicht verbessert sich das Problem tatsächlich massiv dadurch. Es wäre wünschenswert, eine so einfache Erklärung zu finden, aber wetten würden wir nicht darauf.

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Ein Lob an “Der Standard” und die Austria Presse Agenturhttp://blog.psiram.com/2013/05/ein-lob-an-der-standard-und-die-austria-presse-agentur/ http://blog.psiram.com/2013/05/ein-lob-an-der-standard-und-die-austria-presse-agentur/#comments Sun, 12 May 2013 11:46:15 +0000 YorkTown http://blog.psiram.com/?p=12132 Wir hatten hier im Blog die österreichische Tageszeitung “Der Standard” ja schon des öfteren “zu Gast”. Kein schlechtes Blatt, aber in der Gesundheitsredaktion wurden über lange Zeit immer wieder zweifelhafte Beiträge gebracht: so durfte sich z.B. 2011 Michael Frass über die “Verächtlichmachung der Homöopathen” aufregen. Oder in jüngerer Vergangenheit ein dümmlicher Artikel, in dem Harald Walachs verdiente Auszeichnung mit dem Goldenen Brett (vor dem Kopf) relativiert wurde.

In den letzten Monaten weht aber offenbar ein frischer Wind aus skeptischer Richtung und die Redaktion hat sehr viele interessante Artikel veröffentlicht. In diesem Zusammenhang muss man auch die APA (Austrian Presse Agentur) erwähnen, von der der Standard oft Artikel übernimmt. Die APA ist eine Genossenschaft, an der einige österreichische Zeitungen sowie auch der ORF beteiligt sind und damit der führende Informationsdienstleister Österreichs.

Im Blog der GWUP findet man eine ausführliche Übersicht über das tolle Pressedossier der APA zur Pseudowissenschaft. Damit haben viele österreichische Tageszeitungen in ihrer geteilten Datenbank eine Grundlage für weitere Artikel zur Hand, was hoffentlich die Autoren zum Nachdenken anregt.

Der Standard hat eine Rubrik Parawissenschaften eingeführt, aus der wir einige Beispiele nennen wollen.

Im aktuellsten Artikel dreht es sich um das Wünschelrutengehen und das Aufspüren von sogenannten Wasseradern. Die Fähigkeit ist quasi ein Klassiker, seit Jahrzehnten immer und immer wieder erfolglos getestet, was die angeblichen Anwender nicht daran hindert, weiter mit ihren Fähigkeiten zu werben.

Sehr interessant auch der Artikel zu Quantenheilmethoden, dazu auch ein schönes Interview mit dem Quantenphysiker Florian Aigner. Sehr schön wird auf die Schwurbelei, mit der diverse Methoden wie Matrix Energetics “erklärt” werden sollen, eingegangen.

Auch die Schüßler-Salze werden kritisch gewürdigt und die nutzlosen Farbspielereien der Aura Soma Therapie werden beleuchtet.

Im Gegensatz dazu steht der jüngste Jubelartikel zu diesem Thema in der Kronenzeitung: ein unkritischer, schlecht geschriebener “Ferienaufsatz”, der eigentlich als Werbung hätte deklariert werden müssen.

Sehr “befremdlich” ist der Artikel zu Braco, der mit “gebendem Blick” einfach nur auf der Bühne steht – und dafür wird 5 Euro pro Person kassiert. Da steht also ein Typ und schaut. Das ist alles, was man für sein Geld bekommt. Klar, für alte Hasen im Geschäft nichts neues, aber im Forum zum Artikel gab es eine Menge witziger Kommentare dazu.

Sehr lesenswert sind die Artikel zur Bioresonanz, speziell der zweite, der einen Test durch den Verein für Konsumenteninformation . Dieser hatte sechs Bioresonanz-Therapeuten in Wien getestet, die allesamt falsch diagnostizierten. Es wurden Unverträglichkeit gegen Erdnüsse und Walnüsse, von Instantkaffee und Saccharin bis hin zu Milcheiweiß und Weizen festgestellt.

Die richtige Diagnose fand keiner, für die Erstkonsultation wurden bis zu 168 Euro verrechnet. Auch wenn der Test vom Umfang her klein war, demonstriert er doch eindeutig, wie nutzlos die Bioresonanz sowohl als Diagnose als auch als Therapie ist.

Insgesamt eine schöne Artikelserie und ein wunderbares Dossier der APA, das da entstanden ist. Weiter so!

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MLPDhttp://blog.psiram.com/2013/05/mlpd/ http://blog.psiram.com/2013/05/mlpd/#comments Thu, 09 May 2013 15:44:47 +0000 admin http://blog.psiram.com/?p=12218  

Vor kurzem ging eine Meldung über die MLPD durch die Medien, dass diese Jungs eine “Politsekte” seien bzw. dass diese Aussage durch ein Gerichtsurteil als freie Meinungsäußerung gedeckt sei.

Wir haben uns die Webseite dieser Stählernen  mal angesehen und sind entzückt: Die Kämpfer gegen das bourgeoise Großkapital machen Werbung für Amazon (Screenshot). Auf den ersten Blick irritierend , aber auf den zweiten Blick hat diese Dialektik uns begeistert und sie ist natürlich völlig im Sinne des bekannten Lenin-Zitats: “Die Kapitalisten werden uns auch noch den Strick verkaufen, an dem wir sie aufhängen …”

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Neues von der Ministerin für Homöopathiehttp://blog.psiram.com/2013/05/neues-von-der-ministerin-fur-homoopathie/ http://blog.psiram.com/2013/05/neues-von-der-ministerin-fur-homoopathie/#comments Mon, 06 May 2013 16:13:51 +0000 pelacani http://blog.psiram.com/?p=12160 Frau Ministerin Barbara Steffens (unsere Leser werden sich erinnern) hat sich am 06.03.2013 bei abgeordnetenwatch.de grundsätzlich zu den Fragen von Stephan Dörner geäußert:

  • Begründet sich Ihre Überzeugung, dass Homöopathie politisch gefördert werden sollte, auf mehr als Anekdoten?
  • Kennen Sie die Arbeit von Prof. Edzard Ernst und anderen, die sich wissenschaftlich mit der Homöopathie befasst haben?
  • Setzen Sie sich für eine Reform ein, damit auch “alternativmedizinische” Präparate ihre über die Wirksamkeit eines Placebos hinausgehenden Wirkung in Doppelblindtests beweisen müssen?

Steffens geht auf die Fragen nicht direkt ein. Man sollte ihr das nicht übel nehmen; das gilt ja in der Politik durchaus nicht als schlechter Stil. Dennoch greifen wir das Gespräch noch einmal auf (die folgenden Zitate sind ihrer Antwort entnommen):

… weshalb ich für ein verstärktes, ideologiefreies Miteinander unter Vertreterinnen und Vertretern unterschiedlicher Heilmethoden werbe

Löblich, aber aussichtslos. Wie sollten sich Astronomie und Astrologie „ideologiefrei“ begegnen können?

Vielfalt in der Herangehensweise und im Zugang zu Patientinnen und Patienten kann nur hilfreich sein.

Die Widersprüchlichkeit dieses Satzes wird klarer, wenn man „Vielfalt“ durch den angemesseneren Begriff „Willkür“ ersetzt.

Ein “Entweder-oder” in Bezug auf konventionelle, integrative oder komplementäre Verfahren muss überwunden werden zugunsten eines “Sowohl-als-auch”.

Wenn man Fantasie in die Realität mischt, macht das die Fantasie nicht realer. Wenn man Kuhmist in den Kuchen rührt, macht das den Kuhmist nicht wohlschmeckender. Es macht den Kuchen schlechter. (Mark Crislip)

Die Behandlung von Patientinnen und Patienten erfordert immer die ganzheitliche Betrachtung der Person. Darauf sollten sich alle Beteiligten im Gesundheitssystem stärker fokussieren: Wenn Ursachen für Erkrankungen wieder mehr in den Blick rücken und die Symptombehebung nur als Teil eines Gesamtprozesses gesehen wird

Die Definition von „Ganzheitlichkeit“ ist: alles hängt mit allem zusammen. Die „Ursachen für Erkrankungen“ sind aus dem Blick gerückt – nur: bei wem? Bei der wissenschaftlichen Medizin oder bei den Akupunkteuren, Homöopathen und Bachblüten-Anwendern?

Natürlich müssen die Wirkungen und eventuellen Nebenwirkungen alternativer Verfahren ebenso erforscht und beachtet werden wie die Auswirkungen konventioneller Therapien.

Es ist reine Ressourcenverschwendung, die alternativen Verfahren, die bereits ausreichend geprüft oder die von vornherein absurd sind, wieder und wieder zu „erforschen“. Die Homöopathie ist für beides das Beispiel par excellence. (Die „alternativen“ Verfahren berufen sich übrigens häufig auf ein hohes Alter und sind somit viel konventioneller als wissenschaftlich geprüfte Verfahren).

So können sie [die alternativen Verfahren] etwa in der Krebstherapie dazu beitragen, die Lebensqualität der Erkrankten zu verbessern und eine belastende Chemo- oder Strahlentherapie besser durchzustehen.

Wo ist dafür der überzeugende Beleg? Die Landläufigkeit dieser Behauptung reicht als ein solcher nicht aus. Wie man sich das mit der Lebensqualität konkret ausmalen kann, hat David Weinberg unter dem Titel „Integrative Brandbekämpfung“ sehr schön beschrieben.

Grundsätzlich brauchen wir in der onkologischen Behandlung die Schulmedizin mit allen ihren Facetten, müssen uns aber darüber im Klaren sein, dass auch in diesem Bereich nur ein geringer Teil der Verfahren streng evidenzbasiert ist.

Wo es an harten Daten fehlt, müssen Entscheidungen nach biologischer Plausibilität, nach Ockhams Rasiermesser und nach dem Grundsatz primum nihil nocere (vor allem nicht schaden) fallen. Das bedeutet nicht, dass man in solchen Fällen einen Freibrief für Beliebigkeiten hat. Die Behauptung, die amerikanischen Leitlinien für Krebstherapie und kardiologische Erkrankungen stützten sich nur zu 6% bzw. 11% auf hochwertige Evidenzen, müssen wir leider unkommentiert lassen, weil keine Quelle angegeben ist.

57 Prozent der Bundesbürger haben laut einer Allensbach-Umfrage im Jahr 2009 selbst schon mindestens einmal bewusst homöopathische Mittel genommen

Das muss ein Wahlkämpfer natürlich beachten. Aus den im Netz kursierenden Kurzfassungen dieser Befragung wird weder der Auftraggeber noch der genaue Wortlaut der Fragen klar. Übrigens hielten 47% der Befragten Homöopathie für ein „Naturheilmittel“, aber nur 17% hatten von „Verdünnungsprinzip und/oder Ähnlichkeitsprinzip“ gehört. Die Homöopathie segelt also unter falscher Flagge.

Nach einer großen Versorgungsstudie (Beobachtungsstudie der Universitätsklinik Charité in Berlin über acht Jahre mit rund 4000 Patientinnen und Patienten…) gelingt allein durch homöopathische Therapie eine Reduktion der klinischen Symptome im Durchschnitt um etwa die Hälfte.

Bei wie vielen dieser Patienten wären die Beschwerden, statt unter Placebo, mit beruhigender Aufklärung oder ganz von allein zurückgegangen? Frau Steffens und Frau Witt wissen es nicht, aber wir haben guten Grund zu der Annahme: bei allen.

Ferner besteht die Möglichkeit, Therapieansätze differenziert auch mit anderen wissenschaftlichen Methoden [als denen der evidenzbasierten Medizin] zu betrachten.

Das ist der durchsichtige Versuch, die lästige Wissenschaft nicht zu ergänzen, sondern loszuwerden. In Wahrheit ist es nicht die zu geringe Aussagefähigkeit der randomisierten Studie, sondern ihre Überzeugungskraft, ihre Potenz zur Scheidung der Fiktion von der Wirklichkeit, wegen welcher sie angegriffen wird.

Und zu guter Letzt darf eines nicht fehlen:

Der einfache Satz “Wer heilt, hat recht”,

dem zuzustimmen ist. Wer heilt, dem sollte es doch ein Leichtes sein, seine Heilerfolge unter ähnlichen Bedingungen zu wiederholen, nach vorher festgelegten Kriterien zu bewerten und die Nachuntersuchungen jemandem zu überlassen, der nicht weiß, ob der Patient mit der bewussten Methode oder einer Vergleichsmethode behandelt worden ist.

Nun können wir den Part von Frau Ministerin übernehmen und uns die Fragen selbst beantworten: Nein, sie stützt sich auf nicht mehr als auf eine Vielzahl von Anekdoten; nein, sie nimmt die Arbeiten von Edzard Ernst und anderen Kritikern nicht zur Kenntnis; und nein, sie wird sich nicht für Doppelblindtests alternativmedizinischer Präparate einsetzen.

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Was Sie schon immer über Statistik wissen wollten, aber nie zu fragen wagten.http://blog.psiram.com/2013/05/was-sie-schon-immer-uber-statistik-wissen-wollten-aber-nie-zu-fragen-wagten/ http://blog.psiram.com/2013/05/was-sie-schon-immer-uber-statistik-wissen-wollten-aber-nie-zu-fragen-wagten/#comments Sat, 04 May 2013 16:53:21 +0000 Groucho http://blog.psiram.com/?p=12136 Eine Empfehlung für einen Vortrag von Gerd Gigerenzer, den er am 2.7.2007 beim Chirurgie-Symposium hielt.

Illusion der Gewissheit

betitelt Gigerenzer seinen Vortrag, und er beginnt mit einem Zitat von H.G. Wells:

Wenn wir mündige Bürger in einer modernen, technologischen Welt möchten, dann müssen wir ihnen drei Dinge beibringen: lesen, schreiben und statistisches Denken.

Dass gerade letzteres, der Mangel an “statistischem Denken”, ein Metakonflikt in der Auseinandersetzung mit Pseudomedizin und Quacksalberei bei uns ist, wird den regelmäßigen Leser hier nicht überraschen.

Überraschend ist aber, dass Gigerenzer diesen Mangel gerade bei Medizinern anprangert, die es eigentlich besser wissen müssten, sind doch gerade in der Medizin Entscheidungsfindungen idealerweise sehr stark an diese Fähigkeit gekoppelt, mit Unsicherheiten und Risiken vernünftig umzugehen. Und mangelt es an dieser Fähigkeit, kann man bei Patienten sehr viel Schaden anrichten.

Der Vortrag beginnt mit gar lustig banalen Beispielen:

Ein Wettermann sagt, dass es am Samstag und Sonntag zu jeweils 50% regnen wird, also sei die Wahrscheinlichkeit, dass es am Wochenende regne, 100%. Man lacht darüber. Aber wer weiß eigentlich, warum? Wir empfinden bei dem Beispiel intuitiv, dass diese Aussage Unsinn ist. Das Problem ist nur: Dieser Unsinn pflanzt sich fort in Bereiche, die wesentlich gravierender sind und in denen der Unsinn als solcher nicht mehr wahrgenommen wird.

So ist es z.B. erschütternd, dass manche Ärzte keine Ahnung haben, was es bedeutet, wenn ein Patient (keine Risikogruppe) erstmalig positiv auf HIV getestet wird. Der Test ist zu 99,9% sicher. Wie hoch ist nun die Wahrscheinlichkeit, tatsächlich mit HIV infiziert zu sein? Viele Berater und Ärzte meinen, das sei so gut wie 100% sicher. Zu solchen Aussagen kommt man, wenn man von Statistik wenig Ahnung hat, nicht unbedingt weiß, was Prävalenz bedeutet, aber vor allem auf die Form der bedingten Wahrscheinlichkeit hereinfällt und die natürlichen Häufigkeiten vergisst. Tatsächlich bedeutet ein solches Ergebnis grob, dass die Wahrscheinlichkeit ca. 50% ist. Welches Leid mit solchen Fehlinterpretationen angerichtet werden kann, mag sich jeder selber vorstellen.

Um hier bösen Kommentaren zuvorzukommen: Viele Ärzte wissen das. Aber nach den Umfragen eben zu viele auch nicht. Es ist dieses unglaubliche Defizit, das angeprangert wird, denn es bedarf keiner intellektuellen Höchstleistung, um “statistisches Denken” zu verinnerlichen; wer lesen und schreiben kann, kann auch dieses, es wird nur viel zu wenig gelehrt, es wird die elementare Wichtigkeit verkannt. Zu einer realistischen Entscheidungsfindung in einer sehr komplexen Welt ist dies aber unabdingbar.

“Man sieht nicht die Wette, die unser Hirn bei der Wahrnehmung eingeht, wir halten es für Gewissheit”, sagt Gigerenzer sinngemäß. Diese Tatsache ist bei den Themen und Diskussionen bei Psiram Alltag, und es ist schwierig bis unmöglich, z.B. einem überzeugten Homöopathen zu erklären, dass genau da sein Problem liegt.

Unser menschliches Hirn hängt in einem Dilemma fest. Einerseits bedarf es manchmal schneller Entscheidungen, bei denen gedankliche Schleichwege und Abkürzungen, die sogenannte Denkökonomie (man kann auch Vorurteile dazu sagen) lebenswichtig sind, um nicht ins Gegenteil der Endlosschleife des Hinterfragens zu verfallen, was zu einer Handlungsunfähigkeit führen würde. Wie in den griechischen Sagen ist das der Weg zwischen Skylla und Charybdis, man muss sich der jeweiligen Situation anpassen. “Statistisches Denken” ist ein Werkzeug, dass uns in dieser schwierigen Navigation hilft.

Aber Gigerenzer kann das viel besser zeigen, deshalb ja hier die Empfehlung, sich diesen Vortrag anzuschauen – er ist auch für Leute interessant, denen die Problematik an sich bekannt ist. Dauert ca. 50. min.

Hier nochmal der Link.

 

 

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Masernepidemie in Wales, Wakefield gibt Impfstoff die Schuldhttp://blog.psiram.com/2013/05/masernepidemie-in-wales-wakefield-gibt-impfstoff-die-schuld/ http://blog.psiram.com/2013/05/masernepidemie-in-wales-wakefield-gibt-impfstoff-die-schuld/#comments Thu, 02 May 2013 19:56:58 +0000 YorkTown http://blog.psiram.com/?p=12111 Als Andrew Wakefield vor 15 Jahren mit seiner betrügerischen Arbeit an die Öffentlichkeit trat, säte er eine fruchtbare Saat der Angst, für die wieder einmal die Ernte eingefahren wird.

Wakefield hatte damals einen Zusammenhang zwischen Autismus und dem Masernimpfstoff behauptet, der sich aber in zahlreichen Studien nicht nur nicht bestätigen lies: im Nachhinein wurde auch festgestellt, dass Wakefield vor der Veröffentlichung 55.000 £ von Anwälten erhalten hatte, die Eltern autistischer Kinder bei einer Klage gegen Impfstoffhersteller vertraten.

Doch im ersten Moment veröffentlichte die renommierte Zeitschrift Lancet sein Papier, die Medien sprangen an und in Folge dessen gingen die Impfraten zurück. Auch wenn Andrew Wakefield heute restlos diskreditiert und seine “Forschung” im Mülleimer der Geschichte gelandet ist, wird er noch immer von diversen Impfgegnern als Held gefeiert. Denn natürlich war nicht er der Bestechliche, nein: alle anderen sind korrupt und unterdrücken seine Forschungsergebnisse.

mmr_graph In der Folge sanken die Impfraten und fielen schließlich bis 2004 auf 80%. Das mag nicht so wenig scheinen, aber es bedeutet, dass 2004 100.000 Kinder nicht geimpft wurden und das mit dieser niedrigen Impfrate die wichtige Herdenimmunität nicht gewährleistet ist – heißt, die Krankheit sich recht gut verbreiten kann.

Und wo gesät wird, dort wird geerntet.

Mit dem Rückgang der Impfraten kehrten auch die Masern wieder zurück. Oh, Großbritannien hatte immer einige wenige Fälle, aber 2012 wurde mit 2.016 Fällen der bei weitem höchste Wert seit 18 Jahren erzielt. Und wie es aussieht, wird dieser zweifelhafte Rekord dieses Jahr noch einmal überboten.

measles_cases

In der Region Swansea in Wales sind in den letzten Monaten bereits mehr als 1.000 Fälle von Masern diagnostiziert worden und ein 25-jähriges Todesopfer ist wahrscheinlich schon zu beklagen. “Wahrscheinlich” deshalb, weil der Mann auch unter schwerem Asthma litt und bis dato kein endgültiges Autopsie-Ergebnis veröffentlicht wurde. Die Masern sind keine harmlose Krankheit, wie viele meinen, auch heute noch gibt es immer wieder Todesfälle zu beklagen.

Jedenfalls klettern die Fallzahlen bei jedem neuen Bericht in den englischen Medien und die Geschichte findet auch schon international Resonanz. Auf Youtube liegt ein schöner Bericht des australischen Senders ABC vor, mit dem Titel “Wakefield MMR fraud comes home to roost in Wales”

Menschen erzählen, dass sie durch die Wakefield-Behauptungen verunsichert wurden und im Nachhinein ist die Reue groß.

Väter und Mütter berichten, dass sie sich wünschten, ihre Kinder geimpft zu haben. Ein Vater, dessen drei Kinder nun an den Masern erkrankt sind, fordert Eltern auf, ihre Kinder impfen zu lassen.

Eine Autorin beim Guardian schreibt, dass sie sich einerseits schämt, ihre Tochter 2011 nicht geimpft zu haben (erst als sie später an Keuchhusten erkrankte, bereute sie die Entscheidung), aber sie schreibt auch, dass die Unsicherheit trotz aller rationalen Gedanken noch immer da sei, eine schlechte Vorahnung gegenüber der Impfung.

Solange die Krankheit nur eine ferne Erinnerung war, musste man über die Entscheidung von damals nicht mehr nachdenken, hatte sie vielleicht vergessen. Jetzt, wenn ihre Kinder krank werden, vermeidbar krank, ärgern sich die Leute, dass sie nicht impfen ließen. Es ist keine rationale Entscheidung nicht zu impfen, es ist meist eine Entscheidung aus dem Bauch heraus.

Großbritannien unternimmt jetzt alle Anstrengungen und startet erneut eine Impfkampagne, um des Problems Herr zu werden. Die Impfkampagne von 2008 hatte leider nur mäßigen Erfolg, aber vielleicht sind die Menschen jetzt wieder etwas wachgerüttelt.

Der größte Hohn in der aktuellen Situation kommt aber von Andrew Wakefield selbst, der seinen eigenen Kommentar ins Internet gestellt hat. In aller Kürze zusammengefasst:

Er findet es völlig unpassend, dass man ihm die Schuld gibt. Er ist nicht schuld. Die Regierung ist schuld, denn er hat eine viel einleuchtendere Erklärung, wie es zur Epidemie kam.

Der Impfstoff hat versagt. Denn würde der Impfstoff wirken, gäbe es nicht so viele Fälle. Er hat zwar keine Beweise, aber glaubt, dass es so sein könnte. Die Regierung ist schuld, weil sie nur auf den MMR-Impfstoff gesetzt hat. Und der ist natürlich nicht nur gefährlich, sondern könnte ja sogar versagen. Sie hätten lieber den von ihm empfohlenen Einzelimpfstoff zulassen sollen, der seiner Meinung nach viel besser war. Außerdem hätte er gerne eine Fernsehdebatte darüber, warum alle so gemein zu ihm sind.

Chuzpe oder Wahnvorstellungen, fragt man sich da. Wakefield empfohl damals statt dem bösen MMR einen Einzelimpfstoff einzusetzen, “völlig überraschend” stellte sich später bei Nachforschungen heraus, dass er Patente dazu angemeldet hatte und ganz zufällig ein Vermögen verdient hätte, wäre MMR diskreditiert worden. Was natürlich nichts damit zu tun hatte, dass er MMR später mit Autismus in Verbindung brachte. Purer Zufall.

Böse Zungen, wie der Scienceblogger Orac, der bei Wakefields Gewäsch ein Würgegefühl kaum unterdrücken kann sowie der Autor Michael Fitzpatrick (Defeating Autism: A Damaging Delusion, MMR and Autism: What Parents Need to Know) nehmen auch die Forderung nach einer Fernsehdebatte nicht sehr ernst. Seit 2003 hat sich Wakefield keinem kritischen Publikum mehr gestellt und sich nur mehr auf Impfgegnerveranstaltungen beweihräuchern lassen.

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Astral quantenbeschränkt: Schon wieder Homöopathie. Sorry.http://blog.psiram.com/2013/05/astral-quantenbeschrankt-schon-wieder-homoopathie-sorry/ http://blog.psiram.com/2013/05/astral-quantenbeschrankt-schon-wieder-homoopathie-sorry/#comments Wed, 01 May 2013 14:22:26 +0000 admin http://blog.psiram.com/?p=12063 ein Post des Foristen ajki, den wir als Blog gerne etwas prominenter wiederholen möchten.

Im Prinzip ist zu Homöopathie  seit Jahrzehnten alles Notwendige gesagt – und im Unterschied zu anderen Themen auch schon von praktisch jedem (doppelt und dreifach). Theoretisch könnte man es also zugunsten des allgemeinen Wohlbefindens dabei belassen, wie es eben derzeit ist: landauf, landab können sich Konsumenten bergeweise mit Kügelchen beliebiger Art und Form eindecken und/oder bei einem reichhaltigen Dienstleistungsangebot an Schamanen, Heilpraktikern, Therapeuten, Ärzten, Instituten und Kliniken ein Rundum-Sorglospaket an strikt (neben-)wirkungsfreien Produkten einkaufen. Und wenn tatsächlich mal was schiefgeht, steht ein machtvoller Apparat an EBM-Hilfe unmittelbar zur Verfügung. Alles ist bestens: das BIP wird auch durch Wundermittel wirkungsvoll gesteigert, solange die Wunderwaren und -dienstleistungen genügend bepreist sind (das zumindest steht ohnehin völlig außer Frage) und selbst die Doppelnamen-Oberstudienrätin (gesch., selbstverständlich) sollte sich eigentlich mit dem erreichten Stand der Dinge zufrieden geben können.

Aber das mit dem Zufriedengeben scheint der Anhängerschaft paralleler Dimensionen nicht möglich zu sein. Denn es fehlt irgendwie am Entscheidenden: der “fairen” und “gerechten” Gleichstellung zur schrecklichen, Menschen verachtenden Apparate”medizin”. Und die drückt sich anscheinend dadurch aus, dass in entwickelten Sozialsystemen die Krankenkassen gefälligst auch “alternative”, “komplementäre”, sprich: echte Heil-Leistungen durch berufene Apostel und Apostelinnen bezahlen sollen. Nein – nicht nur einfach “sollen”, sondern gefälligst mindestens “müssen”. Und an dieser Stelle zeigt sich die Impertinenz, der gottungefällige Hochmut (Todsünde!) und die Arroganz der sogenannten(!) “Wissenschaften”, die immer und immer wieder der doch so selbstverständlichen, sanften Heilung durch falsche Normen, Standards und generell durch Unbequemlichkeit im Denken entgegenstehen.

Aber es wäre doch gelacht, wenn solche Widerwärtigkeiten den astral Quantenbeschränkten dauerhaft Steine in den Weg (zur Kontenmehrung durch Abrechnungsfähigkeit) legen könnten – denn die Mittel zur eigenen Bekämpfung liefert das (sogenannte!) wissenschaftliche System gleich mit. Ein bißchen Formalkram, ein bißchen Chi-Quadrat (das gute Chi ist ja naheliegend), ein bißchen T-Test und schwupps kann man mit probaten und systemeigenen Mitteln das System selber “gamen”. Immerhin ist gelernt gelernt und zu irgendwas muss die jahrelange akademische Folter des Dr. homoeop. ja gut gewesen sein. Heraus kommt dann die gemäß Bayrischem Rundfunk “belastbare” “klinische Studie”, die bei einer psychischen Belastung von Kindern/Jugendlichen die Wirksamkeit von homöopathischen Mitteln (nun aber endgültig endgültig) “nach- und beweist”. Obwohl das an sich ja nicht nötig ist, weil: wer heilt, hat ja sowas von sowieso recht.

In einem Punkt betonen die ganzheitlichen Sanften auf jeden Fall etwas ganz und gar für jeden Nachvollziehbares: “Alles hängt mit allem zusammen“, sagen sie immer und nicken dabei weise mit sanft lächelnder Miene. Vor allem hängt das feinstofflich Verwobene direkt zusammen mit dem genauso virtuellen Finanzsystem. Und deshalb lohnt sich also anscheinend der Kampf um die Meinungen, obwohl das homöopathische Verkaufssystem selbst schon lange blendende Erfolge feiert. Die Überprüfung, ob “alles mit allem zusammenhängt“, kann man auch anhand einiger Inhalte der BR-Sendung durchführen und dann wird sich die Wahrheit schon erweisen.

Die Geschichte kann man von vorne (ab etwa 1998) oder von hinten (ab etwa dieser Tage) erzählen, aber da es hier um Wohlfühldinge geht, wird es aus Gründen der Vermeidung von Stress aufgrund Spannung besser sein, beim “grad neulich” zu beginnen. Grad neulich also ist auf Angelsächsisch erschienen:

Homeopathy in Healthcare – Effectiveness, Appropriateness, Safety, Costs. An HTA report on homeopathy as part of the Swiss Complementary Medicine Evaluation Programme“, G. Bornhöft/P.F. Matthiessen et.al., Springer, 2011.

Es geht also schon wieder oder immer noch (oder besser, wie im Verlauf deutlich werden wird: immer und immer wieder) um die berühmte “Schweiz” (der Staat samt dem dort wuchernden Berg- und Bankvölklein). Und zwar hier um ein anscheinend ganz superwichtiges, hochoffiziöses, überparteiliches, strikt objektives und ganz bestimmt “belastbares” “HTA” = “Health Technology Assessment” (= “Bewertungsbericht” im Sinne einer Literaturbewertung im Schweizer Amtsdeutsch).

Und sofort wird es ein bißchen grobstofflich lästig, weil man sich ein paar Namen einprägen sollte, die hier zunächst als Autoren und im Folgenden immer wieder und wieder und dann noch ein paar Mal auftauchen: der Herr Prof. Dr. Matthiessen (Zentrum für Integrative Medizin, UniversitätWitten/Herdecke GmbH), Frau Dr. Bornhöft (?), Frau Dr. Maxion-Bergemann, Herr Dr. Righetti, Herr Dr. von Ammon (KIKOM), Herr Dr. Baumgartner (KIKOM), Frau Prof. Dr. Wolf (KIKOM), Herr Dr. Thurneysen

(und, um das vorweg zu nehmen: Herr Prof. Dr. Frei-Erb, auch vom hochlöblichen KIKOM, sowie die PD/Prof/Dr. Doppel-Dres. Kleijnen, Linde, Walach, Egger und Shang + noch einige).

Dieser Meilenstein homöopathischer Grundlegung ist endlich dort angekommen, wo er programmatisch mit nichts als sich selbst die größte Wirkung entfalten kann: im englischen Sprachraum. Und die Wirkung entfaltet sich reichlich. Natürlich im Rahmen der Erstverschlimmerung (zu erwarten!) bei den üblichen Miesepetern und Kritikastern:

dem besonders lästigen Edzard Ernst, der im Unruhestand mehr Ärger macht als vorher

und einigen (bestimmt grundlos übelwollenden) Anderen. Darunter eine wirklich gemein bösartige Rezension von Herrn Dr. Shaw in der Swiss Medical Weekly, 2012, mit der fiesen Überschrift:

The Swiss report on homeopathy: a case study of research misconduct

Im germanischen Idiom, das angeblich auch im Schweizerischen teilweise verstanden werden soll:

Der Bericht der Schweiz über die Homöopathie: eine Fallstudie des Forschungsfehlverhaltens

Den Artikel als Totalverriss des oben genannten Büchleins zu bezeichnen, wäre ein ungerechtfertigter Euphemismus. Herr Dr. Ernst im oben bezeichneten Link weist mit berechtigtem Stolz darauf hin, dass er viel, viel netter mit dem Büchlein umgegangen ist als Herr Shaw.

Aber das ist nicht die einzige Reaktion auf Herrn Shaw und seine Vorwürfe. Es meldet sich kritisch/klarstellend auch eine offizielle Schweizer Behörde in Person des Herrn Dr. Gurtner unter dem hoch interessanten Titel zu Wort:

The report “Homeopathy in healthcare: effectiveness, appropriateness, safety, costs” is not a “Swiss report” (Swiss Medical Weekly, 2013)

Ja Kreuzdonner, was ist denn hier los? Der wahnsinnig wichtige offizielle Schweizer Bericht ist gar kein “Schweizer Bericht”? Was läuft hier eigentlich?

Die Auflösung des Rätsels beweist den Spruch “alles hängt mit allem zusammen“. Denn worüber hier, heute und jetzt geschrieben, gestritten und gesprochen wird, ist immer wieder die gleiche uralte Klamotte, die in jedem gottverdammten Forengezank zwischen Anhängern des heiligen Hahnemann und dem Rest der Welt immer wieder und wieder ad infinitum durchgehechelt wird.

Das englische Büchlein ist die Übersetzung des deutschen Originals

Homöopathie in der Krankenversorgung. Wirksamkeit, Nutzen, Sicherheit und Wirtschaftlichkeit, Bornhöft/Matthiessen, AVS, 2006 [Amazon-Link, man beachte die kommentierenden Jubelschreie]

bei dem, wie Dr. Gurtner feinsinnig anspielt, der in der englischen Version so prononcierte Untertitel “Swiss Report” schon mal fehlt. Das liegt daran, dass es sich bei dem Werk um eine breit aufgemotzte und damit keineswegs mehr originale, NICHT-offizielle Version eines Teils einer breit angelegten Untersuchung der Schweizerischen Gesundheitsbehörde (BAG) handelt, die im Jahr 2005 mit einem Abschlussbericht und einer interessanten Empfehlung abgeschlossen wurde.

Diese Evaluation lief unter dem schönen Namen “Programm Evaluation Komplementärmedizin” (PEK) und verfolgte zwischen 1998 und 2005 den Zweck, bestimmte “komplementäre Gesundheitsleistungen”, zu denen neben “homöopathischen” Leistungen auch “TCM“, “anthroposophische Medizin“, “Neuraltherapie” und “Phytotherapie” gehörte, daraufhin zu evaluieren, ob die öffentlichen Krankenversicherungssysteme der Schweiz diese Leistungen dauerhaft in ihren Leistungskatalog aufnehmen sollten oder nicht. Die Evaluation wurde notwendig, weil in den Jahren vor 1998 die “komplementärmedizinischen” Dienstleister es zwar erfolgreich schafften, die angesprochenen Leistungen im Leistungsumfang der Krankenkassen unterzubringen, aber die 1998 erfolgte Einbindung an eben diese Evalution gebunden wurde.

Damit war in der Schweiz das Spielfeld bereitet, die Spieler auf dem Platz und das Ziel definiert: es ging um den K(l)assenerhalt und damit um den ganz großen Einsatz für die kontemplativen Komplementären. Und dass es auf diesem Spielfeld hoch hergehen würde, war allen Beteiligten von Anfang an klar. Der Spiel… äh, Abschlussbericht enthält zum mörderischen Fight ein paar wundervolle Passagen, z.B.:

“… Die Suche nach einem Konsens zwischen den komplementärmedizinischen Methodenvertretern und den Hochschul- sowie konventionellen Standesvertretern gestaltete sich ausserordentlich schwierig. Eine Vielzahl sehr heterogener Vorstellungen über die „richtige“ Evaluationsstrategie unter den jeweiligen Methodenvertretern und eine zeitweise paradigmatisch geführte und „verhärtete“ Methodologie-Diskussion führte in den Jahren 1999 – 2000 zu erheblichen Projektzeitverlusten. Erschwerend kam hinzu, dass sich die konstante Besetzung mit autorisierten Fachvertretern schwierig gestaltete und eine vertrauensvolle Gesprächskultur und Informationskontinuität unter den beteiligten Akteuren sich nicht zufrieden stellend entwickeln konnte …” (Abschlussbericht Bundesamt für Gesundheit, S. 19)

Da kann man sich gleich gut vorstellen, wie auf dem Platz die Fetzen flogen.

Entsprechend des komplizierten Auftrags hat das BAG dann schlussendlich verschiedene Teilaufgaben definiert, die Teilaufgaben an geeignete Expertengruppen delegiert und jeweils abschließende Teilberichte (HTA) eingefordert. Eine Expertengruppe hat allen möglichen Empiriekram erarbeitet (rund 10% des Schweizer Bergvölkleins ist scharf auf das komplementäre Zeug etc.), eine weitere Gruppe hat eine Riesen-Metastudie gebastelt, die im folgenden unter “Shang-Studie”, “Egger-Studie”, “Egger/Shang-Studie” oder “Lancet-Studie” EIGENTLICH dem Unfug ein endgültiges Ende hätte bereiten sollen und eine andere spezielle Expertengruppe berichtete, worum es sich bei dem ganzen komplementären Kram eigentlich genau dreht. Diese letzte Gruppe bestand und besteht aus denjenigen, die sich im “Komplementärbereich” prima auskennen – also z.B. den Damen und Herren der KIKOM, der Witten/Herdecke GmbH und – oh welch’ Überraschung – Herr Walach und andere (s.o.: handelnde Personen). Es wird niemanden überraschen, dass DIESE Experten zu ausgesprochen günstigen Beschreibungen und Urteilen über die “komplementären” Verfahren kamen.

Wäre man Schweizer, hätte man eigentlich ein Dienstaufsichtsverfahren wegen Verschwendung von Steuergeldern einreichen müssen, weil man sich den Aufwand bei dieser Gruppe auch bestens hätte sparen können und direkt in den Abschlussbericht ein “+1″ hätte eintragen können. Im Sinne einer äußerst ungerechten Analogie hätte man hier auch einen Strassendealer fragen können, ob sein Stoff auch wirklich nicht verschnitten ist. Auf der Grundlage der verschiedenen HTA wurde dann (vermutlich auch wieder mit Hauen&Stechen) eine Schlussbewertung vorgenommen:

“Krankenversicherung: Fünf komplementärmedizinische Leistungen werden nicht in die Grundversicherung aufgenommen” [BAG, Pressemeldung 3.6.2005]

Hat das die armen, gequälten Schweizer endgültig von der lebenswichtigen Heilversorgung durch Smarties und Beten abgeschnitten? Aber nein! Nach dem geringfügigen Rückschlag war es dann mal wieder das typische eidgenössisch-urdemokratische Volk, das ein Rückspiel in Form einer Volksabstimmung erzwang:

“Fünf Methoden der Komplementärmedizin werden unter bestimmten Bedingungen während sechs Jahren provisorisch vergütet” [BAG, 12.1.2011]

Und wieder stehen die Spieler (siehe oben: handelnde Personen) auf dem Platz – diesmal bis 2017. Man kann sicher sein, dass schulmedizinische Betreuung neben dem Platz zur Erstversorgung bei Schlag-, Stich- und Schusswunden gewährleistet ist.

So.

Wie hängt also nun “alles mit allem zusammen“? Ganz einfach in diesem speziellen eidgenössischen Fall: es ist alles ein und dieselbe Sache. Seit 1998 (mit Vorlauf) und bis 2017 (und danach).

Die eine Seite (die “Komplementaristen”) wollen endgültig und dauerhaft an die Fleischtöpfe der öffentlichen Sozialsysteme und in die akademischen Institutionen. Die “andere” Seite (die im Grunde keine Seite ist, sondern normale Leutchen mit naturwissenschaftlichem Hintergrund) hat nichts gegen neue Kollegen, die Bezahlerei aus öffentlichen Kassen ist ihnen auch egal (daraus werden sie ja selbst alimentiert), will sich aber nicht mit falschen Begründungen verarschen lassen. Und den Effekt dieses Schlachtgetümmels kann man sich dann in Internetforen oder Zeitungskommentaren anschauen – z.B. in den Kommentaren bei der SZ unter dem Titel “Homöopathie ist ein reiner Placeboeffekt” mit über 1.800 Kommentaren (and counting…), darunter solch typische Perlen wie “homöodingens is quatsch – siehe shang” oder “NEUESTE SCHWEIZER STUDIEN belegen EINDEUTIG und ENDGÜLTIG die Wirksamkeit – siehe [obigen Springer-Link zur Witten/Herdecke GmbH]“.

Oder natürlich im heilerischen und voll verstrahlten Bayrischen Rundfunk [GWUP] in sanften Dokus, voll mit “belastbaren” Studien.

 

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Kinderlähmung – Endspielhttp://blog.psiram.com/2013/04/kinderlahmung-endspiel/ http://blog.psiram.com/2013/04/kinderlahmung-endspiel/#comments Tue, 30 Apr 2013 05:56:23 +0000 YorkTown http://blog.psiram.com/?p=12085 Beim Schach versteht man unter dem Endspiel die letzte Phase der Partie, in der man mit reduziertem Material gegeneinander ringt. Nur mehr wenige Figuren sind auf dem Brett, aber die Komplexität hat nicht etwa abgenommen. In dieser Situation kann jeder kleine Fehler entscheidend sein.

Beim Kampf gegen die Kinderlähmung sind wir inzwischen auch im Endspiel angelangt; die letzten Züge werden gemacht, das Ende der Partie ist in Sicht. Und auch wenn der Sieg zum Greifen nahe ist, kann jetzt noch jeder Fehler die Partie verderben.

Momentan stehen wir bei 22 Fällen dieses Jahr; letztes Jahr zählte man im Vergleichszeitraum noch 48 Fälle. Wenig, nicht wahr? Trotzdem sollen in den nächsten Jahren 5,5 Milliarden US-Dollar in diesen Kampf fließen. Im Rahmen des “Impfgipfels 2013″, der letzte Woche in Abu Dhabi stattfand, wurde darüber gesprochen, wie man das Geld zusammenbekommt, um in diesem Endspiel der Krankheit keine Chance zu lassen. Bill Gates hat dazu dem Spiegel ein Interview gegeben, in dem er einige Fragen zur Zielsetzung und Umsetzung beantwortet.

Wir haben es zwar schon mal gebloggt, aber hier ein schönes Video zum Thema:


(Auf TED gibt es Untertitel in 24 Sprachen)

5,5 Milliarden US-Dollar sind eine Menge Geld. Eine ordentliche Menge Geld. Im Interview und auch grundsätzlich muss man die Frage stellen: Ist es das wert? Man könnte mit den Ressourcen einiges machen, eine solche Ausgabe muss man begründen. Und das kann man.

Dazu muss man zuerst einmal sagen, dass es nicht um diese wenigen Fälle geht, die jetzt noch vorhanden sind. Durch den stetigen Kampf gegen die Kinderlähmung wurden mehrere Hunderttausend Fälle pro Jahr auf einige wenige reduziert. Wenn man jetzt aufhört und sich zurücklehnt, wird die Krankheit wieder aufflammen, ähnlich wie z.B. die Masern in Europa. Auch hier schien ein masernfreies Europa in der nahen Zukunft zu liegen.

Aus den wenigen Fällen würden schnell wieder Hunderte und dann Tausende werden. All die harte Arbeit der letzten Jahrzehnte wäre schnell zunichte. Es geht also um die Millionen Menschen, denen in den letzten Jahrzehnten die Folgen dieser Krankheit erspart wurden, nicht um 22 Fälle.

Umgekehrt, wenn man jetzt noch einmal mit aller Kraft in den Endspurt geht, das Letzte gibt, ist die Kinderlähmung Geschichte. Ähnlich wie die Pocken Geschichte sind. All die Ausgaben der letzten Jahrzehnte hätten ihr logisches Ziel erreicht.

Der Nutzen ist aus ethischer Sicht trivial, davon abgesehen wird auch der Traum jedes Impfgegners wahr: die Impfung gegen die Kinderlähmung wird tatsächlich mit einem Schlage nutzlos, jeder Pharmafeind kann sich die Hände reiben, weil den bösen, bösen Pharmakonzernen nicht mehr jedes Jahr ein Vermögen für diesen Impfstoff in den Rachen gestopft wird.

Natürlich, heutzutage hat man es vor allem mit Kombinationsimpfstoffen zu tun, die unter anderem den Impfstoff gegen Polio enthalten, man spart also nicht exakt “einen Impfstoff” ein; nichtsdestotrotz trägt der Impfstoff zu den jährlichen Gesundheitsausgaben des Staates bei. Es ist also auch im ökonomischen Interesse eines jeden von uns, diesen Kampf zu unterstützen. Daher hat Deutschland auch 150 Millionen Dollar (laut Spiegel 155 Millionen) für diesen Kampf zugesagt.

Dazu kommt, dass mit dem Geld auch eine Infrastruktur und Grundversorgung geschaffen wird. Ärzte suchen die ärmsten Gegenden der Welt auf, untersuchen die Kinder und die Erwachsenen die dort leben, schaffen ein Netzwerk, auf das man für weitere Versorgung bauen kann. Das Geld ist also nicht “verloren” bzw. dient nicht nur dem einen Zweck, diese eine Krankheit zu besiegen. Ist die Kinderlähmung erst besiegt, wird man sich dem nächsten großen Feind, der Malaria, mit aller Kraft zuwenden.

Es ist ein Endspiel, dass wir gewinnen müssen. Es gibt kein Unentschieden in diesem Fall. Es gibt nur Sieg oder Niederlage.

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