Psiram http://blog.psiram.com Realismus als Chance Wed, 23 Jul 2014 20:33:17 +0000 de-DE hourly 1 Fairtrade: Offiziell als schädlich zertifizierthttp://blog.psiram.com/2014/07/fairtrade-offiziell-als-schaedlich-zertifiziert/ http://blog.psiram.com/2014/07/fairtrade-offiziell-als-schaedlich-zertifiziert/#comments Fri, 18 Jul 2014 20:02:30 +0000 http://blog.psiram.com/?p=14481 NovoArgumente Logo

Wir bedanken uns beim Onlinemagazin NovoArgumente für die Erlaubnis zur Übernahme des Artikels.
Zu dessen Selbstverständnis geht es: hier.
Zum Inhaltsverzeichnis der aktuellen Printausgabe: hier

Von Rossa Minogue

Eine neue Studie entlarvt Fairtrade als das, was es ist – ein Projekt westlicher Eitelkeiten, das diejenigen verarmen lässt, denen es nützen soll. Es verhindert Entwicklung, hält die Bauern in Abhängigkeit und ist ökonomisch mehr als fragwürdig, meint Rossa Minogue.

Die ethisch bewussten Konsumenten der Welt sind immer noch erschüttert über die Ergebnisse einer letzte Woche veröffentlichten Studie, die aufzeigt, wie wenig Fairtrade-Programme den Bauern in Entwicklungsländern nützen.

Veröffentlicht wurde der Bericht von der School of Oriental and African Studies (S.O.A.S.) der University of London. Die dazugehörige Studie[1] wurde von der Regierung finanziert und über einen Vierjahreszeitraum in Uganda und Äthiopien durchgeführt. Sie zeigt, dass Arbeiter auf Farmen, die Teil von Fairtrade-Programmen sind, in der Regel geringer bezahlt werden und schlechteren Arbeitsbedingungen ausgesetzt sind als diejenigen, die auf großen konventionellen Farmen und sogar kleinen Nicht-Fairtrade-Farmen arbeiten. Professor Christopher Cramer, der Hauptautor der Studie, sagte dazu: „Fairtrade ist kein effektiver Mechanismus, um das Leben von Lohnarbeitern, der ärmsten ländlichen Bevölkerung, zu verbessern.“ Außerdem werde laut Studie die in den Preis von Fairtrade-Produkten integrierte „Sozialprämie“, die eigentlich dazu genutzt werden soll, um die Infrastruktur in ärmlichen Gemeinden zu verbessern, oft falsch verwendet.


„Fairtrade ist ein egoistisches Projekt selbsternannter Weltverbesserer.“

In einem Fall entdeckten die Forscher, dass moderne Toiletten, die mit Mitteln aus der Prämie gebaut wurden, nur Führungskräften der Farm zur Verfügung standen. Der Bericht dokumentiert außerdem Beispiele von durch Sozialprämien gegründeten Gesundheitskliniken und Schulen, deren Gebühren zu hoch für die Arbeiter sind, denen sie eigentlich zu Gute kommen sollten. Natürlich brauchte niemand die klugen Menschen der S.O.A.S. für diese Erkenntnisse.

Von Anfang an beruhte das Konzept von Fairtrade auf niedrigen, „nachhaltigen“ Erwartungshorizonten für die Verbesserung der Lebensbedingungen der Armen. Die Urheber dieses Konzepts halten die Bedürfnisse der Menschen in Afrika und anderen Orten der Dritten Welt offenbar für grundverschieden von unseren westlichen. Die Fairtrade-Bewegung hat ihren Ursprung nicht bei mittellosen Bauern in Entwicklungsländern, sondern bei westlichen NGOs. Mit ihren Armeen von Freiwilligenjahr-Weltverbesserern sind sie versessen darauf, ihre rückwärtsgewandte „Small is beautiful“-Ideologie einem Afrika aufzudrücken, das sich verzweifelt nach jeglicher Art von Veränderung sehnt. Im Fairtrade-Weltbild sind die ärmlichen Kleinbauern der Welt im Grunde ganz glücklich mit ihrem Schicksal und wünschen sich lediglich einen stabilen, wenn auch niedrigen, Preis für ihre Erzeugnisse. Sobald dieser garantiert werden kann, können sie ihr einfaches, idyllisches Dasein genießen. Das Vorbild des Westens, durch schnelle Industrialisierung und Verstädterung extreme Armut überwunden zu haben, lasse sich nicht auf Afrika übertragen, wird argumentiert. Stattdessen ist es von höchster Bedeutung, dass Fairtrade „die kulturelle Identität und traditionellen Fähigkeiten von Kleinproduzent(inn)en (…) fördert, schützt und [an]erkennt“.[2] Sie sollten genug Geld erhalten, um nicht verhungern zu müssen, aber nicht genug, um sich einen Auslandsurlaub zu leisten oder ein Kind zur Universität schicken zu können, oder überhaupt irgendwelche der Dinge zu tun, an denen wir im Westen uns erfreuen, damit ihre kulturelle Identität nicht in Gefahr gerät.


„Weder sozial noch ökonomisch sinnvoll.“

Westliche Unternehmen, die mit der ethischen Korrektheit ihrer Marken werben wollen, nahmen das Konzept von Fairtrade begeistert auf – jetzt konnten sie ihren Kunden erzählen, dass diese durch den Kauf ihrer Waren die Welt zu einem besseren Ort machen würden. Es wurde zu einer der erfolgreichsten Marketing-Kampagnen der Geschichte. In Wahrheit aber war die Idee von ethisch korrekten Konsumenten, die die Welt durch ihr Konsumverhalten verändern, immer ein Märchen. Ja, Fairtrade-Bauern ist ein Mindestpreis für ihre Güter garantiert, für den Fall, dass der Preis ihrer Ware abstürzt. Allerdings wird von ihnen im Gegenzug erwartet, sich an strikte Vorschriften zu halten, die oft den Ausbau oder die Weiterentwicklung ihrer Betriebe behindern. So werden, als Resultat von Fairtrade, viele Farmer in Armut gehalten.

Grundsatz 10 der Fairtrade-Charta beispielsweise verpflichtet die Farmer zum „Schutz der Umwelt“. In der Praxis läuft dies darauf hinaus, den Einsatz künstlicher Dünger, Pestizide und mechanischer Werkzeuge zu behindern – den drei Dingen, die moderne Landwirtschaft möglich machen. Stattdessen betont Fairtrade die Wichtigkeit „traditioneller Fertigkeiten“, was nichts anderes bedeutet als zermürbende Knochenarbeit. Das Endresultat von all dem ist, dass die Bauern gezwungen sind, größere Mühen für geringere Erträge hinzunehmen. Es ist keine Überraschung, dass die Farmbesitzer die ökonomischen Beschränkungen an ihre Arbeiter weitergeben – in Form niedriger Löhne. All dies ist schon lange bekannt.

Bereits im Jahr 2005 zeigte der britische Dokumentarfilm „The Bitter Aftertaste“[3] die Kluft zwischen den trostlosen Verhältnissen der Arbeiter auf Fairtrade-Kleinbauernhöfen und den selbstgerechten Weltverbesserern im Westen, die ihnen zu helfen glaubten. Fast ein Jahrzehnt später sieht es aus, als hätte sich wenig geändert. Vor allem linksliberale Medien, wie der Guardian, verteidigen das Konzept trotz aller Kritik weiterhin. Der Grundtenor dabei ist meistens gleich: Trotz aller negativen Aspekte für die Entwicklungsländer müsse Fairtrade nur reformiert statt komplett abgeschafft werden.

Dieser Haltung ist bedauernswert. Fürsprecher von Fairtrade, wie der Guardian, akzeptieren, dass alle Menschen in Entwicklungsländern ein Leben kurz oberhalb der Existenzgrundlage verdient haben, und dass es unsere Aufgabe im Westen ist, ihnen das zu ermöglichen – mehr aber nicht. Es ist an der Zeit, dass diese herablassende Einstellung einer positiveren Betrachtung weicht, die ökonomische Entwicklung als besten Weg zur Verbesserung der Lebensumstände der Menschen begreift. Die Veränderung der Lebensbedingungen im ländlichen Afrika durch wirtschaftliche Entwicklung sollte nicht beklagt, sondern gefeiert werden. Afrikanische Bauern brauchen keine Fairtrade-Vorschriften und -Restriktionen, sie brauchen die Freiheit, ihre Gesellschaften in moderne Volkswirtschaften zu entwickeln, mit großen, effizienten, modernen Farmen, in denen die Arbeiter eine Chance haben könnten, einen angemessenen Lohn für ihre Arbeit zu fordern.

Aus dem Englischen von Fridjof Krenz.

Rossa Minogue ist fester Autor bei Spiked. Dieser Artikel ist zuerst beim britischen Novo-Partnermagazin Spiked Online erschienen.

Verwandte Artikel

Gerd Spelsberg: Gentechnik: Greenpeace bitte übernehmen! Greenwashing wird immer dreister
Martin Lewis: Bevölkerungswachstum: Wie Elektrizität, Entwicklung und Fernsehen die Fruchtbarkeit reduzieren
Georg Keckl: Welthunger: Brot für die Welt und Brösel für Afrika

Buchempfehlung

imageBen-Ami, Daniel: Ferraris for All: In Defence of Economic Progress. Bristol: The Policy Press 2010.


Martin Sturmer: Afrika!: Plädoyer für eine differenzierte BerichterstattungMartin Sturmer: Afrika!: Plädoyer für eine differenzierte Berichterstattung. UVK Verlagsgesellschaft; Auflage: 1. Auflage (23. Januar 2013).


Anmerkungen

1 Die Studie wurde vom Forschungsprojekt „The Fair Trade, Employment and Poverty Reduction Project“ der School of Oriental and African Studies durchgeführt und vom britischen Entwicklungsministerium (UK Department for International Development) finanziert. Der Bericht zur Studie wurde im April 2014 unter dem Titel „Fairtrade, Employment and Poverty Reduction in Ethiopia and Uganda” auf der Webseite des Forschungsprojektes veröffentlicht.
2 Grundsatz 3: „Faire Handelspraktiken“ der Charta der World Fair Trade Organization.
3 The Bitter Aftertaste – A Film about Fair Trade. Regie: Philip Thompson. UK 2005.

]]>
http://blog.psiram.com/2014/07/fairtrade-offiziell-als-schaedlich-zertifiziert/feed/ 26
Die gesammelten Klehr-Reportagenhttp://blog.psiram.com/2014/07/die-gesammelten-klehr-reportagen-2/ http://blog.psiram.com/2014/07/die-gesammelten-klehr-reportagen-2/#comments Thu, 17 Jul 2014 20:23:55 +0000 http://blog.psiram.com/?p=14544 Anlässlich des letzten Blogs von Markus Kompa, Dr. Nikolaus Klehr – Klagen, bis der Arzt kommt (20) – Klehr verliert gegen das ZDF, in dem er den letzten verlorenen Prozess des selbsternannten Krebsbehandlers Klehr dokumentiert, haben wir uns gedacht, wir stellen die drei wichtigsten Reportagen zum Krebsscharlatan Klehr noch einmal zur Verfügung.

Man kann das Ganze natürlich auch in unserem Wiki nachlesen, aber es macht doch Eindruck, wenn man die Opfer (bzw. Witwen und Angehörige) sprechen hört.

Am Ende der Seite stehen auch Downloadlinks von verschiedenen Versionen der Videos zur Verfügung.

Im ersten Beitrag hat sich das ZDF-Magazin WISO ein wenig mit Klehr und seinen Praktiken beschäftigt:

Auch Panorama hat sich der wirkungslosen Methode schon angenommen:

Zuletzt wurde bei Quer über Klehr und seine Toten berichtet:

Zum direkten Download:
WISO-Beitrag als MP4
WISO-Beitrag als Ogg Theora
WISO-Beitrag als Flash Video

Panorama-Beitrag als MP4
Panorama-Beitrag als Ogg Theora
Panorama-Beitrag als Flash Video

Quer-Beitrag als MP4
Quer-Beitrag als Ogg Theora
Quer-Beitrag als Flash Video

Weitere lesenswerte Artikel zum Thema:

]]>
http://blog.psiram.com/2014/07/die-gesammelten-klehr-reportagen-2/feed/ 2
LMU: Eine Uni wird geräucherthttp://blog.psiram.com/2014/07/lmu-eine-uni-wird-geraeuchert/ http://blog.psiram.com/2014/07/lmu-eine-uni-wird-geraeuchert/#comments Tue, 15 Jul 2014 17:25:01 +0000 http://blog.psiram.com/?p=14501 Eröffnet Hogwarts an der Oder eine Filiale an der Isar? Man möchte es fast meinen, vernimmt man den GWUP-Blog. Kopfkratzend liest man dort Bernd Harders Artikel “Heiler und Medizinmänner: Wird die LMU München zur Schwitzhütte?”. Es geht um den “Weltkongress der Ganzheitsmedizin”, veranstaltet von “Infomed – Institut für Ganzheitsmedizin” und man fragt sich, was das an einer Uni, und dann auch noch an der renommierten Ludwig-Maximilians-Universität (LMU ) zu suchen hat. “Nichts”, meint sinngemäß auch der Dekan der Medizinischen Fakultät, welchen die GWUP um Stellungnahme bat:

Wir haben die LMU angeschrieben und vom Dekan der Medizinischen Fakultät, Herrn Prof. Dr.med. Dr.h.c. Maximilian Reiser, persönlich eine Antwort erhalten.
Demnach ist ein “Weltkongress der Ganzheitsmedizin” der Hochschulspitze nicht bekannt und den Hinweis auf die Fakultät erachte man als “rufschädigend”.

 

Segeln unter falscher Flagge

IM_LMUWenn diese Veranstaltung nun nichts mit der LMU zu tun hat, warum wirbt man dann mit dem Logo der LMU und einem Text, der genau den gegenteiligen Eindruck erweckt?

 

LUDWIG MAXIMILIAN UNIVERSITÄT MÜNCHEN
Der Weltkongress der Ganzheitsmedizin findet in der Medizinischen Fakultät der Universität statt. Die Wiege der Schulmedizin, wo alle unsere Mediziner ihre Ausbildung erfahren haben, ist der richtige Ort das Wissen aller Heilsysteme unserer Welt zu verbinden und gemeinsam mit den Vertretern ursprünglicher Kulturen neue ganzheitliche Wege für Gesundheit und Heilung für die Welt zu erforschen und zu entwickeln.

Nun könnte man einwenden, was denn Schlimmes daran sei, Heilverfahren alter Ethnien zu erforschen und der modernen Medizin gegenüber zu stellen, ev. Anregungen zu besseren Verfahren zu geben? Nichts wäre daran schlimm. Wenn es sich tatsächlich um Forschung handelte. So, wie es schön wäre, wenn es sich bei volkstümlicher Musik um Volksmusik handelte. Oder Heizdeckenverkäufer tatsächlich an Energiesparen interessiert wären.

Schauen wir uns die Qualifikationen des 50-köpfigen Teams an: Unter all den Politikwissenschaftlerinnen, Kunst- und Tanzpädagoginnen, Heilpraktikerinen, Reiki-Lehrern, Ethnologiestudentinnen, Schülerinnen, Klangschamanen, Homöopathen, Energiearbeitern, Visionshüterinnen etc. findet sich exakt eine Person (Fachärztin für Allgemeinmedizin und Geriatrie), der man zumindest theoretisch fachliche Kompetenz bezüglich moderner Medizin unterstellen könnte. So weit, so schlecht. Aber eigentlich keiner größeren Aufregung wert. Den allermeisten Teammitgliedern kann man wohl frei nach Hanlons Razor unterstellen, dass sie in bester Absicht handeln und gar nicht merken, welchem Lobbyverein sie da angehören.

 

Gefahr durch Anhnungslosigkeit und Ignoranz

Ein wichtiger Grund, warum wir uns des Themas auch nochmal angenommen haben ist, dass neben harmlosem Tamburinklopfen, Voodoopuppen häkeln und mondbeschienener Suche nach Füllmaterial für den leeren Kopf auch richtig gefährliche Sachen dabei sind. Exemplarisch seien zwei Personen genannt:

IM_StorlWolf Dieter Storl

Der eigentlich nicht unsympathische, kauzige Waldschrat verbreitet z.B. gemeingefährlichen Unfug zum Thema Borreliose, wir berichteten bereits 2008 darüber.

 

 

 

 

 

 

 

 

IM_WilleeWillee Regensburger

will u.a. Krebs heilen durch Auflösung diverser psychischer “Ansammlungen”:

Die Spuren der Unwirklichkeit finden akumulativ in der Zeit und in der Menge der Einwirkung Ausdruck in psychischen und materiellen Ansammlungen von Spannung, Verhärtung, Einlagerung, Wucherung. Krankheitsbilder dazu sind: Lipome, Melanome, Krebs, Sarkosidose, Autoimmunerkrankungen, Besetztsein, Störungen der Ichkonstanz usw. Unter Anleitung des Heilers entfernt der Klient selbst im Körper oder der Heiler übernimmt die Operation der Unwirklichkeit selbst und entfernt die Ansammlung geistiger oder materieller Produkte der Unwirklichkeit.

Im Prinzip nichts anderes als die Germanische Neue Medizin des Ryke Geerd Hamer. Leid und Leichen pflastern seinen Weg des Wahns.

 

Kultur-Kolonialismus

IM_CirkusEs genügt ja nicht, ethnische Minderheiten auszugrenzen und sie materiell auszubeuten. Nein, auch deren Bräuche und Spiritualität lassen sich gewinnbringend vermarkten.

Wie sehr es den Veranstaltern an tatsächlichem ethnologischem Wissen mangelt, zeigen auch folgende Griffe ins Klo, was die geladenen Referenten angeht – wir haben schnell einmal unseren Plastikschamanendetektor in Gang gesetzt; es liest sich stellenweise wie ein Who is Who unseres Wikis:

Pablo Russell
Jorge Guadarrama sen. und jun.
“Angaangaq” Jens Lyberth
Alle vier Personen sind keine genuinen Medizinpersonen und Heiler; bei den Guadarramas ist zudem die ethnische Zugehörigkeit unklar.
Fabio Alberto Ramirez – propagiert seit Jahren im esoterischen Umfeld “Heilungen” mit Ayahuasca.
Sabina Tschudi – Mitglied des Deer Tribe, bietet auch im ZEGG Seminare an.
Pedro Guerra Gonzales – propagiert ebenso Ayahuasca, ist Mitglied im Karin Tag “Council of World Elders”

und so weiter. Über die Methoden möge sich der interessierte Leser auf den Seiten der Veranstalter selbst ein Bild machen, der Autor dieser Zeilen muss erstmal sein Einhorn umparken, es steht im Halteverbot. Der Vollständigkeit halber sei aber noch erwähnt, dass die Werbeveranstaltung erstmal das Universitätsgebäude rituell reinigt – möge die Vernunft schwinden und die Energieausgleiche fließen:

RÄUCHERN MIT WOLF DIETER STORL, KULTURANTHROPOLOGE & ETHNOBOTANIKER AUS DEM ALLGÄU
Am Samstag, den 1.11.2014, brechen wir gemeinsam vor dem Morgengrauen um 6:00 Uhr in der Früh auf um das Universitätsgebäude rituelle zu reinigen und zu räuchern. Zu diesem Ritual sind Sie als Teilnehmer herzlich willkommen, und wenn Sie aktiv mitwirken wollen, bringen Sie Ihr eigenes Räucherwerk und Instrumente mit. Für Rückfragen stehen wir zur Verfügung unter info@institut-infomed.de

Den Teilnehmern wünschen wir viel Glück, und möchten ihnen noch einen Sinnspruch mitgeben: Altes Wissen ist vor allem eines: alt.

Nachtrag: Die Organisation von Infomed e.V. nimmt in einem Kommentar  im GWUP-Blog Stellung:

Sehr geehrte Damen und Herren,
 gerade haben wir Ihren Eintrag hier entdeckt. Der Weltkongress der Ganzheitsmedizin an der LMU ist eine Kongress-Reihe, die seit fast 30 Nahen an dieser Fakultät stattfindet und hat nichts mit Esoterik zu tun. Seit Jahrzehnten in der Uni bekannt, seinerzeit entstanden aus den Aktivitäten von Prof. Schiefenhöfel und Eibl-Eibesfeldt des Max-Planck-Instituts für Humanethnologie, also Verhaltensforschung. Diese Forschung ist als unterkulturell [sic!], international und interdisziplinär fortgeführt worden. Es sprechen Ärzte, Psychologen und Wissenschaftler auf diesem Kongress und dazu sind Heiler und Schamanen eingeladen. Rituale werden demonstriert und exempelweise praktiziert. Der Großteil der Teilnehmer stammt aus Heilberufen, die hier sind um sich auszutauschen und ihr Spektrum erweitern wollen. Alles andere ist hier von Ihnen herein-interpretiert. Organisiert wird der Kongress von INFOMED e.V., einem anerkannten wissenschaftlichen Verein. Beste Grüße, die Organisation von INFOMED e.V.

Das mag ja seinerzeit eine interessante Idee gewesen sein. Es geht aber um das Hier und Jetzt. Und da spricht die Liste der Vortragenden eine deutliche Sprache. Die Veranstalter bekommen es nicht auf die Reihe, Plastikschamanen und Snakeoildealer von authentischen Personen (die eine oder andere könnte es zufällig sein) zu unterscheiden. Ob aus Absicht oder Unfähigkeit wissen wir nicht, es ändert jedenfalls nichts an der Situation.

Diese quallige Rechtfertigungsrede zeigt im Übrigen, dass man von Hogwarts an der Oder alias IntraG an der Viadrina noch etwas gelernt hat – nämlich wie man Veranstaltungen über abwegigen Hokuspokus in öffentliche Universitäten einschmuggelt: man tarne sie ganz einfach als Kulturvergleichung, und plötzlich öffnen sich die Pforten der  Fakultäten fürs Trommeln, Streuen und Weihen. Die Universitäten sollten sehr wachsam sein, wenn sie sich nicht ständig solche fünften Kolonnen des Obskurantismus ins Haus holen wollen.

Interessant finden wir auch, dass das Institut im Jahr 2013 seinen Namen änderte – zuvor war es das “Institut EthnoMed”, das Institut für Ethnomedizin, ebenfalls als gemeinnütziger “e.V.”, aber mit Umsatzsteuernummer.

]]>
http://blog.psiram.com/2014/07/lmu-eine-uni-wird-geraeuchert/feed/ 17
Causa Mollath – die Wiederaufnahmehttp://blog.psiram.com/2014/06/causa-mollath-die-wiederaufnahme/ http://blog.psiram.com/2014/06/causa-mollath-die-wiederaufnahme/#comments Mon, 30 Jun 2014 20:28:29 +0000 http://blog.psiram.com/?p=14455 Gustl Mollath ist in den Stand der Unschuld zurückversetzt, unter anderem ein Triumph der Volksexpertise. Der Beginn des Wiederaufnahme-Prozesses ist für den 7. Juli geplant. Die Sache ist ganz klar so, wie sie der verdienstvolle Kritiker der Macht Wilhelm Schlötterer in seinem Buch „Wahn und Willkür“ antizipiert hat:

Nachdem wir die mehrfachen Sicherheitsschleusen wieder passiert hatten, stand für uns alle fest: Hier wurde ein völlig normaler Mensch durch einen brutalen Willkürakt in der Psychiatrie gefangen gehalten – allein wegen seines gefährlichen Wissens um die Schwarzgeldverschiebungen. Wir waren erschüttert und sahen uns aufgerufen, alles ins Werk zu setzen, um die Freilassung dieses Mannes zu erreichen.


Bei der Überprüfung der Einzelheiten blieb aber die eine oder andere Frage offen, auch wenn der berühmte Anwalt Dr. h. c. Strate „keinerlei Hinweise“ auf eine psychische Erkrankung des Herrn M. finden konnte, aber dafür allerlei Hinweise auf die Selbstbeweihräucherung der Psychiatrie allgemein, die es sogar fertig gebracht habe, Sponsorengelder für die Ausrichtung von Kongressen auszuweisen (wie jede andere medizinische Fachgesellschaft auch), statt in Sack und Asche zu gehen.

Was nun die Schwarzgeldverschiebungen angeht, da stellte der (ungern zitierte) Abschlussbericht des Untersuchungsausschusses im Bayerischen Landtag fest:

Behauptungen werden nicht deswegen stichhaltiger, weil sie fortlaufend in selben und wechselnden Worten wiederholt werden, ohne darüberhinausgehende [sic], neue Angaben zu machen. Letztere hat der Zeuge Mollath – trotz wiederholter Nachfragen – gerade nicht gemacht, obwohl er angibt, „ganz genau unterscheiden [zu können] zwischen Beweisen, zwischen Indizien und Vermutungen“. Auch über die Vielzahl seiner Verteidiger, inklusive seiner aktuellen Verteidiger Rechtsanwälte Dr. Strate und Lorenz-Löblein, wurden trotz einer Fülle von Schriftsätzen weder in den Jahren 2003 bis 2006 noch in der jetzigen Phase des Verfahrens neue Indizien oder Beweise für die Schwarzgeldverschiebungen angeführt. Es hätte dem Zeugen Mollath zu jedem Zeitpunkt freigestanden, inhaltlich Neues vorzutragen. Dies hat er nicht getan.
Weiterführende Erkenntnisse waren und sind deshalb nicht zu erwarten. Darüber hinausgehendes Wissen hatte und hat der Zeuge Mollath offensichtlich nicht, wie auch seine Zeugenvernehmung vor dem Untersuchungsausschuss belegt. Trotz mehrfacher Nachfrage nach der Benennung neuer Fakten oder konkreter Indizien oder Beweise konnte der Zeuge Mollath keine Angaben dazu machen, obwohl er selbst angibt, immer zu versuchen, „Ross und Reiter zu nennen“.

Wenn, wie angekündigt, die Nebenklägerin Frau M. von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch machen wird, dann sieht es vermutlich mit den Beweisen für die eigentlich angeklagten Taten (gefährliche Körperverletzung u. a.) schlecht aus. Sollte es zu einem Freispruch mangels Beweisen kommen, wird wohl auch keine erneute psychiatrische Begutachtung im Gerichtssaal erforderlich sein.

Weder wird es möglich sein, die “wahnsinnigste Schwarzgeldverschiebung” endlich aufzudecken, noch wird es zu neuen Erkenntnissen über die “Rechtsbeugung” kommen. Allenfalls wird sich das eine oder andere Detail zu früheren Verfahrensfehlern klären lassen (es werden weit weniger sein, als sich nach dem Wiederaufnahmeantrag des Dr. Strate vermuten ließe).

Aber das macht nichts: der Fall ist bereits in die Folklore eingegangen. Die Zeitungskommentare werden anschließend feststellen, dass es wieder einmal nicht gelungen sei, die mafiösen Strukturen in (Zutreffendes je nach persönlicher Vorliebe einsetzen:) Justiz/Bankenwesen/Psychiatrie/Politik zu zerschlagen.

Wetten?

]]>
http://blog.psiram.com/2014/06/causa-mollath-die-wiederaufnahme/feed/ 133
Séralini – Eine wertlose Studien-Neuveröffentlichunghttp://blog.psiram.com/2014/06/seralini-eine-wertlose-studien-neuveroeffentlichung/ http://blog.psiram.com/2014/06/seralini-eine-wertlose-studien-neuveroeffentlichung/#comments Sun, 29 Jun 2014 19:30:20 +0000 http://blog.psiram.com/?p=14438 Einige Medien berichteten kürzlich, dass der durchaus umtriebige Gilles-Éric Séralini bezüglich seiner Schrottstudie von 2012 “in die Offensive” gegangen sei. So schreibt etwa der österreichische Standard unter weitgehender Übernahme eines Textes der österreichischen Presseagentur:

Im Streit um ihre Studie zu möglichen Krebsgefahren durch gentechnisch veränderten Mais ist das zuvor kritisierte Forscherteam in die Offensive gegangen: Die Untersuchung, die 2012 veröffentlicht und dann von einem Fachmagazin wieder zurückgezogen worden war, wurde nun in der Online-Fachzeitschrift “Environmental Sciences Europe” der Springer-Gruppe erneut publiziert, so die Wissenschafter am Dienstag in Paris.

Interessant an dieser Stelle zu bemerken, dass man die APA-Original-Formulierung ” … heftig kritisierte Forscherteam …” wie gezeigt kürzt. Das Wörtchen “heftig” hat offenbar gestört.

Klar, es ist natürlich sinnvoll und sogar erwünscht, solche Kurzmeldungen nachzubearbeiten, aufzufetten und mit echtem Inhalt zu versehen. Aber offenbar fehlte dann die Zeit, mehr als nur den ersten Satz zu editieren und irgendetwas im Sinne von Recherche zu ergänzen. Im Prinzip muss man aber noch froh sein über diese Subtilität: andere Zeitungen haben die Artikel mit typischen Greenpeace-Photoshop-Bildern von “Horrormais” garniert und genauso auf weitere Recherche verzichtet.

Wir wollen mal ein wenig dabei helfen. Es ist ja wohl offensichtlich so, dass Zeitungen keine Zeit mehr dafür haben, sondern (dubiose) Pressemeldungen einfach übernehmen.

Die Studie wurde tatsächlich nach ganz, ganz, ganz heftigem Peer Review im jungen Journal “Environmental Sciences Europe” veröffentlicht. Mit anderen Worten:

ESEU conducted no scientific peer review, he adds, “because this had already been conducted by Food and Chemical Toxicology, and had concluded there had been no fraud nor misrepresentation.”“ESEU hat keinerlei wissenschaftliches Peer Review durchgeführt”, fügte er hinzu, “da dieses bereits von Food and Chemical Toxicology durchgeführt wurde, und kam zu dem Schluss, dass es keinen Betrug oder Falschdarstellungen gegeben habe.”

Das junge Journal ESEU hat einzig geprüft, ob der Text tatsächlich (im Wesentlichen) 1:1 übernommen wurde. Dass das ursprüngliche Journal die Arbeit inzwischen zurückgezogen hat, weil es sich um eine Schrottstudie handelt – macht nichts; die ESEU sieht offenbar keinen Grund, an der Qualität der Arbeit zu zweifeln.

Ok, an der “Qualität” der Arbeit zweifelt wohl tatsächlich keiner.

Die Studie wurde breitflächig verrissen, zerrissen und als reiner Publicity-Stunt betrachtet.

Und auch diese “Wiederveröffentlichung” ist nur ein erneuter Publicity-Stunt. Genau wie die Studie kann auch die Kritik praktisch 1:1 von vor 2 Jahren übernommen werden. Der Schüleraufsatz, der in der Hauptschule eine Fünf kassierte, wird zwar in der Volksschule genommen. Als Literatur wird er aber nie gelten.

Séralini behauptet, dass man sich mit der Neuveröffentlichung gegen Zensur wehre, um die Studie wieder zugänglich zu machen (nachdem sie unterdrückt wurde, logischerweise). Das Problem an dem Argument: Die Studie wurde nie gelöscht oder ähnliches, sondern nur mit dem hübschen Wort “Zurückgezogen” markiert. Sie genügte den Standards nicht und war dem Journal wohl im Endeffekt auch peinlich.

Was macht man da? Einfach: Man sucht sich ein Journal, bei dem die Messlatte tiefer hängt.

Es gibt allerdings einen Aspekt, der neu ist. Es wird angegeben, dass die Rohdaten veröffentlicht worden seien. Man fragt sich an der Stelle, ob Herr Séralini weiß, was das ist. Vielleicht kann er es ja mal nachschlagen: Wikipedia Primärdaten

Das Problem: da wurden zwar Daten veröffentlicht, aber in der Datei finden sich nur aufaggregierte Summensätze. Unter Rohdaten würde man die Daten pro Ratte verstehen – aber gut, wir wollen hier mal keinen bösartigen Willen annehmen. Wie sagt man so schön: “Schreibe nichts der Böswilligkeit zu, was durch Unfähigkeit hinreichend erklärbar ist.”

Auch im lesenswerten Blog von David Tribe fragt man sich “Where’s the new data?”

In einem Artikel zum Thema beim Genetic Literacy Project finden sich eine Menge Reaktionen von Wissenschaftlern; die kürzeste Zusammenfassung lautet wohl: “Bah!”

Der Informationsgewinn durch die Neuveröffentlichung geht also gegen Null.

Séralini hätte die vergangenen 2 Jahre Zeit gehabt, sein Experiment sauber neu aufzusetzen, mit mehr Tieren, ordentlicher Randomisierung und ordentlicher Verblindung. Er hätte versuchen können, den Nachweis zu führen, dass sein Experiment, korrekt durchgeführt, zu ähnlichen Ergebnissen kommt.

Wenn er denn vorgehabt hätte, wissenschaftliche Arbeit zu leisten. Aber darum geht es offenbar nicht. Es geht darum, Schlagzeilen zu machen.

]]>
http://blog.psiram.com/2014/06/seralini-eine-wertlose-studien-neuveroeffentlichung/feed/ 9
SPIEGEL, ALS und Ayurvedahttp://blog.psiram.com/2014/06/spiegel-als-und-ayurveda/ http://blog.psiram.com/2014/06/spiegel-als-und-ayurveda/#comments Fri, 27 Jun 2014 15:47:38 +0000 http://blog.psiram.com/?p=14410 SPIEGEL ONLINE berichtet am 27.06.14 von einem Eishockey-Profi, der seit zwei Jahren an Amyotropher Lateralsklerose (ALS) leidet. Dank Ayurveda geht es ihm besser:

… plötzlich hat er Energie. Die Muskelzuckungen sind weniger geworden. Das Ungleichgewicht ist weg, das Gefühl, dass es kein nach Vorne sondern nur ein zu Ende gibt. Neun Kilo hat er mittlerweile abgenommen. Sein altes Spielergewicht, sagt L[...] fröhlich.

Die bittere Wahrheit ist, dass bei dieser Erkrankung die Kräfte stetig nachlassen und es keine Therapie gibt, die den Verfall aufhalten kann. Der Median der Überlebenszeit (d. h. zu diesem Zeitpunkt ist die Hälfte der Erkrankten verstorben) liegt bei ca. anderthalb Jahren nach Diagnosestellung. Gewichtsverlust im Krankheitsverlauf ist gewöhnlich [1]. Glücklicherweise ist die ALS selten.

Es ist unausweichlich, dass sich die Betroffenen bei diesem schicksalhaften Verlauf mit der düsteren Prognose nicht anfreunden können – das hieße Übermenschliches zu erwarten. Die verklausulierte oder offene Mitteilung der Lebenserwartung löst regelhaft die Suche nach erfolgversprechenden Behandlungsmethoden aus.

In dieses zutiefst menschliche Bedürfnis springt die Paramedizin ein mit ihren sorgsam abgestimmten „ganzheitlichen“ Angeboten, mit ihren Ritualverschreibungen, die geeignet sind, eine scheinbar gerichtete Aktivität zu erzeugen und die Illusion einer Kontrolle zu wecken. Sicher, rational sagt sich der Betroffene, vielleicht nützt es nichts, aber vielleicht, ein kleines bisschen Hoffnung …

Offenbar hat die „Ayurveda-Medizin“ bei Herrn L. zu einer zeitweiligen psychischen Stabilisierung beigetragen:

Das Insichkehren während der Meditation und die Gespräche mit den Therapeuten haben ihm geholfen, sein Schicksal zu akzeptieren, nicht ständig nach dem “Warum” zu fragen. Im Moment zu leben.

Das sollte man nicht kleinreden. Aber es ist bestenfalls naiv, schlimmstenfalls zynisch, dieses bestmögliche Ergebnis einer Behandlung als „Heilversuch“ zu deklarieren, wie es SpON zu suggerieren sucht. Es wird nur wenige Betroffene geben, die sehenden Auges 5000 EUR für vierzehn Tage Behandlung ausgeben, um allein diese Erfahrung zu machen – wenn ihnen vorher gesagt wird, dass der Verlauf der Erkrankung, die Prognose, davon natürlich nicht beeinflusst werden wird. Die Menschen wollen überleben, gesund werden, nicht nur sich zeitweise besser fühlen. Kein “Ayurveda-Experte”, kein Verticker Anbieter “alternativer Heilmethoden” wird widersprechen, wenn beim potentiellen Kunden der Eindruck entstanden ist oder erzeugt wird, dass die Therapie zur Heilung führen könnte, dass die Therapie dem scheinbar unausweichlichen Ende doch noch etwas entgegenzusetzen hat. Und es muss nicht bei 5000 EUR bleiben. Erfahrungsgemäß sind solche Behandlungen erst zu Ende, wenn das Geld der Familie zu Ende ist.

SPIEGEL ONLINE trägt kräftig dazu bei, diesen Eindruck der heilenden Potenz von Ayurveda hervorzurufen, auf den allein es ankommt. SpON muss sich vorwerfen lassen, mit solch einem schwärmerischen Bericht zum Zutreiber für Abzocker geworden zu sein. Mag sein, dass das nicht justiziabel ist, aber es ist ein moralisches Versagen.

]]>
http://blog.psiram.com/2014/06/spiegel-als-und-ayurveda/feed/ 10
Jim Humbles tödliche Geschäftehttp://blog.psiram.com/2014/06/jim-humbles-toedliche-geschaefte/ http://blog.psiram.com/2014/06/jim-humbles-toedliche-geschaefte/#comments Fri, 06 Jun 2014 15:24:19 +0000 http://blog.psiram.com/?p=14380 Adrian Jones: Freut sich, mit tödlichen Ratschlägen Geld zu verdienen.

Adrian Jones: Freut sich, mit tödlichen Ratschlägen Geld zu verdienen.

Der Jim Humble Verlag

Über Jim Humble und sein MMS haben wir oft berichtet, wie auch im letzten Blogartikel. Dazu noch eine “unbedingte” Anseh-Empfehlung: Kontraste: Ätzende Alternativmedizin – Angebliche Wundermittel gefährden Patienten. Das “unbedingt” in Anführungszeichen, da man eine Kotztüte bereit halten sollte. Die lebensgefährlichen Ratschläge, die die Journalisten von Jim Humble und Andreas Kalcker erhalten, lassen einem die Haare zu Berge stehen.

Es wird auch über die bei uns schon dokumentierte Einlauf-Folter von autistischen Kindern berichtet; im Bericht haben offenbar auch schon einige Darmverätzungen davongetragen.

Die Eltern sind trotzdem begeistert: seit sie das machen, stehen die Kinder brav “bei Fuß” und rennen nicht mehr munter umher. Wie merkwürdig muss man drauf sein, wenn man kleinen Kindern die Bedeutung von Begriffen wie Folter und (elterlichem) Terror beigebracht hat und das auch noch als Erfolg wertet?

Was weniger bekannt ist (im Bericht allerdings auch thematisiert wird): Der selbsternannte Bischof promotet in seinem Verlag auch “schwarze Salbe” (Adrian Jones: Schwarze Salbe, das natürliche Skalpel).

Was in Jim Humbles Kopf vorgeht, darüber kann man spekulieren; was medizinisches Wissen angeht, kann man aufgrund der Interviews davon ausgehen, dass es gegen Null tendiert. Aber eines drängt sich auf: er scheint ein pervers-sadistisches Interesse daran zu haben, andere leiden und sterben zu sehen.

Schwarze Salbe

Als wären die Heilsversprechen durch MMS nicht schon absurd genug, soll die “Schwarze Salbe” gegen Brustkrebs helfen. Hier wird es wirklich tödlich. Nimmt man MMS in genügender Verdünnung ein, ist es bestenfalls völlig wirkungslos, ansonsten wird es einem schlecht, zerstört u.U. einige DNA-Stränge und langfristig die Nieren nebst anderer Kleinigkeiten – man stirbt nur selten unmittelbar daran. Man muss ja bei solchen Quacksalbereien bescheiden und schon mit wenig zufrieden sein.

Behandlungsergebnis mit Schwarzer Salbe

Behandlungsergebnis mit Schwarzer Salbe

Mit “schwarzer Salbe” ist man da besser dran. Gegen Brustkrebs eingesetzt, hat man gute Chancen auf einen zügigen und schmerzhaften Tod. Was ist das nun für ein Zeug? Im Wesentlichen eine aggressive Stoffmischung, welche die Haut stark angreift und zerstört. Der sich nach Anwendung bildende Schorf soll die aus dem Inneren herausgezogenen Krebszellen enthalten. Näheres dazu im Psiram-Wiki.

Die Salbe ist in ihrer die Haut zerstörenden Wirkung hoch gefährlich, entsprechend wurde sie auch von den Behörden in USA und Deutschland verboten. Was natürlich die skrupellosen Abzocker nicht daran hindert, das per Büchern, Kursen und Rezept-Anleitungen zu vermarkten. Für die verblödete Kundschaft ist ein Verbot natürlich der Beleg dafür, dass das besonders gut wirksam sein muss. Ist es ja auch. Nur etwas anders, als gedacht.

bei Brustkrebs schmerzhaft bis tödlich

Besonders tragisch ist die Sache nun bei Brustkrebs, der häufigsten Form von Krebs bei Frauen; die Prävalenz (also die Wahrscheinlichkeit, daran zu erkranken) liegt bei 10%. Tragisch deswegen, weil Brustkrebs heutzutage in ganz vielen Fällen heilbar ist. Wenn man sich rechtzeitig in Behandlung begibt, liegt die Chance auf Heilung inzwischen bei ca. 90%. Und das bei inzwischen einigermaßen erträglichen Behandlungsmethoden, bei denen man sich nicht mehr fragt, ob man nicht doch lieber tot sein möchte.

Wer im Falle einer positiven Diagnose auf die schwarze Salbe setzt, tut genau das, was am Schlimmsten ist – er unterlässt eine rechtzeitige Behandlung. Die Salbe hat zudem noch den “Vorteil”, dass sie durch ihre schmerzhafte, hautzerstörende Wirkung ev. krebsbedingte Schmerzen kaschiert, frau also geneigt ist, noch länger zuzuwarten.

Dass Menschen mit einer lebensbedrohenden Erkrankung manchmal zu irrationalem Handeln neigen und zu Strohhalmen greifen, die keine sind, ist verständlich und kann vermutlich fast jedem geschehen. Schwer erträglich ist allerdings, dass empathielose Monster genau darauf ihr Geschäftsmodell aufbauen.

 

Zum Schluss noch ein Zitat von dieser Quackseite:

Frauen mögen keine Untersuchungen an Ihren Brüstem [sic!], und eine Brustoperation wäre das schlimmste, das einer Frau passieren kann.

 

Nein, das Schlimmste ist, wenn die Tumore aufbrechen und man in kurzer, aber umso schmerzhafterer Zeit bei lebendigem Leib verfault.

]]>
http://blog.psiram.com/2014/06/jim-humbles-toedliche-geschaefte/feed/ 37
Miracle Mineral Supplement – der Wahnsinn geht weiterhttp://blog.psiram.com/2014/05/miracle-mineral-supplement-der-wahnsinn-geht-weiter/ http://blog.psiram.com/2014/05/miracle-mineral-supplement-der-wahnsinn-geht-weiter/#comments Sun, 25 May 2014 13:30:05 +0000 http://blog.psiram.com/?p=14358 Ein Gastbeitrag von Mela Eckenfels, der zuerst hier auf ihrem Blog erschien. Wir sind der Meinung, dass man diese deutlichen Worte einer Betroffenen gar nicht oft genug weiter verbreiten kann. Die Spinner, die meinen, man könne neuronale Verschaltungen im Hirn (und auch sonst so gut wie alles) mit einem Desinfektionsmittel “heilen”, fühlen sich in der Vermarktung zusehends gestört. Recht so – und wir bleiben dran.


 

We didn’t start the fire – Eine Botschaft an den MMS-Mob

 

Es ist wirklich ganz einfach, liebe MMS-Anhänger. Ihr stört euch daran, dass Aufklärungsseiten wie MMS – die Fakten existieren und ihr mögt die dort gesammelten Informationen nicht?

Dann hört auf Eltern, die hoffen, ihr autistisches Kind würde irgendwann mit irgendeinem Wunder wieder normal, einzureden, dass MMS das Mittel der Wahl sei.

Ihr wollt ein Rudel sauwütender Autisten vom Arsch haben, die alle legalen Schritte unternehmen werden, um euch das Handwerk zu legen? Und ich wiederhole: wirklich alle legalen Schritte. Dann nehmt eure “Autismus heilen”-Scheißbücher und werft sie auf den Müll. Verpisst euch aus unseren Foren. Verpisst euch aus unseren Kommentarspalten. Schrubbt das Wörtchen “Autismus” aus all euren Publikationen. Meldet “Autism One”, dass ihr leider mit verätzter Lunge im Krankenhaus liegt und deswegen dort nicht sprechen könnt. Vergesst, dass es Autismus überhaupt gibt.

Und googelt doch mal “Spezialinteresse”. Was glaubt ihr, wieviele Autisten mit Spezialinteresse “MMS verbieten lassen” ihr in den letzten Wochen und Monaten herangezüchtet habt. Googelt bei der Gelegenheit auch, wie Autisten zu Ungerechtigkeit stehen. Sogar Hans Asperger stellte bei ‘seinen’ Autisten ein starkes Gerechtigkeitsempfinden fest. Was denkt ihr also was passiert, wenn wir davon erfahren, dass Sektenheinis[1] Autismus als neuen Spielplatz für ihren Mist entdeckt haben? Genau. Wir sind wütend und unsere Wut wird nicht schnell verlodern. Sie brennt auf kleiner Flamme, aber dafür besonders heiß und lange.

Wir mögen nicht die größten Kommunikatoren sein, aber wir sind hartnäckig. Und wir haben ein definiertes Ziel: Wir schützen Kinder, die so sind wie wir damals auch waren, vor gewissenlosen Geschäftemachern. Vor euch.

Wir sind gute Beobachter und wir beobachten euch. Es wird keinen Rechtsverstoß geben, der uns nicht auffällt, dem wir nicht hinterherrecherchieren und an die Behörden weitermelden. Und versucht es gar nicht erst mit Drohungen, ausser ihr wollt unser Gerechtigkeitsgefühl noch mehr reizen, noch deutlicher zeigen, welchen Geistes Kinder ihr seid und euch noch angreifbarer machen.

Ihr mögt euren Glauben haben, aber wir haben Wissen, Können und dazu noch das Recht auf unserer Seite. Ihr habt uns nichts entgegenzusetzen. Schluckt euren Scheiß solange ihr wollt. Lasst Autisten aus dem Spiel.

Wir sind viele. Rechnet mit uns.

——

[1] Jim Humble war nach eigenen Aussagen Scientologe. Zum Vertrieb des Mittels MMS gründete er eine eigene ‘Kirche’.


Zum Weiterlesen:

MMS im Psiram-Wiki

MMS-Erfinder Jim Humble im Psiram-Wiki

Der Spiegel zum “Wundermittel” MMS

Das Bundesinstitut für Risikobewertung zu MMS (PDF)

Die Verbraucherzentrale NRW zu MMS

Bereits 2008 warnen wir im Psiram-Blog vor MMS

Psiram-Blog 2012 zu MMS bei Autismus”behandlung” per Einlauffolter

Natriumchlorit bei Wikipedia

]]>
http://blog.psiram.com/2014/05/miracle-mineral-supplement-der-wahnsinn-geht-weiter/feed/ 14
Walachsche Methodenlehre für Anfänger (Teil 3)http://blog.psiram.com/2014/05/walachsche-methodenlehre-fuer-anfaenger-teil-3/ http://blog.psiram.com/2014/05/walachsche-methodenlehre-fuer-anfaenger-teil-3/#comments Mon, 19 May 2014 10:45:14 +0000 http://blog.psiram.com/?p=14334 Prof. Walach, die Speerspitze der Aufklärung, unternimmt einen neuerlichen Versuch, den Rest der im Dämmer des Halbwissens satt, aber tumb dahinvegetierenden Menschheit darüber zu unterrichten, was die Élite des Geistes an Einsichten zu vermitteln hat (exklusive Berichte über die bisherigen Bemühungen z.B. hier, hier). Er klärt die staunende Mitwelt über die irreführende Magie der Statistik, über den Unterschied zwischen Signifikanz und Relevanz auf. Es geht um dieses unreflektierte Vorurteil:

Normalerweise ist der Durchschnittsbürger und Durchschnittswissenschaftler zufrieden, wenn er hört, ein Forschungsergebnis sei „statistisch signifikant“ gewesen … Deswegen glaubt z.B. der Durchschnittsarzt, -journalist und -bürger die Bioresonanz sei als unwirksam belegt und Homöopathie ist Placebo

Eingedenk der Tatsache, dass derartige Ansichten in der Allgemeinheit weit verbreitet sind, erwies es sich für Prof. Walach in der Langfassung seiner “Power-Analyse” (hier) zunächst als erforderlich, seitenlang über Null-Hypothese, Alpha-Fehler und Beta-Fehler grundstürzende Erkenntnisse zu verkünden, die man seit 50 Jahren in jedem Anfänger-Lehrbuch für medizinische Statistik nachlesen kann. Insbesondere geht es um den sog. Beta-Fehler, kurz gesagt: um die Möglichkeit, dass eine Studie keinen Zusammenhang nachweist, obwohl einer besteht.

Wahrscheinlich wollte die Spitzenkraft den Durchschnittswissenschaftler nicht überfordern. Das tut sie aber mit dieser Feststellung:

Wenn wir kein Elektronenmikroskop oder kein immunologisches Assay haben können wir die winzigen Viren nicht sehen und behaupten, es gäbe keinen Grund für eine Erkrankung. Wir machen dann einen Beta-Fehler, wenn in Wirklichkeit Viren Krankheitsauslöser sind, die wir aber aufgrund fehlender Instrumente nicht entdecken können.

Denn für den Rest der Menschheit war bisher klar: wir könnten in einem solchen Fall nur sagen, wir hätten die Ursache nicht gefunden, aber nicht, es gäbe keine Ursache.

Und es wäre auch ein Fehler zu sagen, Viren gibt es nicht, nur weil sie mit Lichtmikroskopen nicht zu sehen sind.

In der Tat, das wäre ein Fehler – sogar wir können das einsehen.

All das sind Beispiele für Beta-Fehler. Sie alle demonstrieren: je kleiner der Effekt, umso größer der Aufwand, den wir treiben müssen.

Aber hier klemmt es. Virale Erkrankungen haben durchaus klinisch sehr bedeutsame Effekte. Die Nicht-Identifizierbarkeit von Viren mit dem Lichtmikroskop hat absolut nichts mit einem Beta-Fehler zu tun. Andererseits aber:

Wenn wir also sagen würden, Bioresonanz-Therapie ist eine Placebo-Therapie, obwohl diese Behauptung in Wirklichkeit falsch ist, dann würden wir einen Fehler der zweiten Art oder einen Beta-Fehler machen.

Der naheliegende Schluss aus dieser neuen Einsicht – nicht vorsagen, wir kommen von selbst drauf – wäre also: Viren sind im Lichtmikroskop nicht sichtbar – aha, ein Beta-Fehler; Bioresonanz und Homöopathie sind nicht wirksam, – aha, noch ein möglicher Beta-Fehler; Viren gibt es aber, also sind Bioresonanz und Homöopathie vermutlich wirksam. Man kann kaum widersprechen:

Jeder Effekt, egal wie groß er ist, kann, wenn er tatsächlich und systematisch vorhanden ist, mit einer Stichprobe, die groß genug ist, sichtbar gemacht werden.

Danke, Speerspitze! Nun fühlen wir uns gleich über den dumpfen Durchschnitt der Wissenschaftler hinausgehoben.

Es bleiben nur zwei kleine Schönheitsfehler. Selbst die allergrößte Stichprobe lichtmikroskopischer Untersuchungen könnte die winzigen pathogenen Viren nicht nachweisen. Und auch wenn wir alle Überlegungen zu Plausibilität, Wirkmechanismus usw. von Bioresonanz und Homöopathie beiseite ließen: wenn man riesige Stichproben bräuchte, den Effekt einer Therapiemethode sichtbar zu machen, dann muss die Effektgröße zwangsläufig klinisch unbedeutend sein – es lohnt also nicht, diese Studien aufzulegen. Die ausführliche Darstellung der Effektgrößen bei ASS und bei den Lipidsenkern ist irreführend, weil sie die Primärprävention, d.h. die Behandlung von Gesunden, gedanklich mit Therapie-Methoden, d.h. der Behandlung von Kranken, gleichsetzt. Hier gelten sehr unterschiedliche Anforderungen.

Im Ernst: Die “Power-Analyse” des Professors Harald Walach ist der Taschenspielertrick eines Zauberei-Anfängers. Da muss er noch ein bisschen üben.

]]>
http://blog.psiram.com/2014/05/walachsche-methodenlehre-fuer-anfaenger-teil-3/feed/ 9
Endlich bewiesen! Akupunktur wirkt bei Reizdarmhttp://blog.psiram.com/2014/05/endlich-bewiesen-akupunktur-wirkt-bei-reizdarm/ http://blog.psiram.com/2014/05/endlich-bewiesen-akupunktur-wirkt-bei-reizdarm/#comments Mon, 05 May 2014 10:55:18 +0000 http://blog.psiram.com/?p=14305 Endlich bewiesen! Wirkt. Seriös dokumentiert, höchste Evidenzklasse.

Guan-Qun Chao und Shuo Zhang veröffentlichen eine Meta-Analyse zu diesem Thema:

Effectiveness of acupuncture to treat irritable bowel syndrome: A meta-analysis

(Volltext ist verfügbar).
Die Take-Home-Message ist, klar:

CONCLUSION: Acupuncture exhibits clinically and statistically significant control of IBS symptoms.

Wie sind sie zu diesem Schluss gekommen?

METHODS: We searched MEDLIINE [sic], PubMed, Scopus, Web of Science, and Cochrane Central Register of Controlled Trials from 1966 to February 2013 for double-blind, placebo-controlled trials

Was haben sie für Studien mit dieser Suche gefunden?

Six randomized, placebo-controlled clinical trials met the criteria

Und was stellt sich heraus, wenn man auch nur einen flüchtigen Blick auf die Daten wirft? Die einzige Studie, die ein positives Ergebnis hatte, ist zugleich die größte und geht mit dem höchsten Gewicht in die Meta-Analyse ein. Es ist diese:

Study: Macpherson et al [19] United Kingdom
Time: 12 wk
Acupuncture: Offer 10 weekly individualized acupuncture sessions plus usual care
Control treatment: Usual care only

[Tabelle 1]

Das sollte man sich auf der Zunge zergehen lassen. Eine Gruppe der Patienten wurde “mit der üblichen Behandlung” versorgt, und die andere, die “Verum”-Gruppe, mit der üblichen Behandlung und zusätzlich mit Akupunktur. Also: nix mit verblindet, nix mit Placebo. Man glaubt zu träumen. Eine solche Dreistigkeit ist selbst für eine Fachpresse, in der zu solchen Themen notorisch getrickst wird, selten.

Wie passend, gerade sagt Mark Crislip:

And like all the published literature, when writing a meta-analysis, those with an axe to grind will grind it.

PS. Wir wollen uns hier nicht mit fremden Federn schmücken. Edzard Ernst war natürlich schneller, ist kompetenter und hat den größeren Überblick. Wir haben seinen Blog-Beitrag hier nur noch einmal kurz nachvollzogen – aber selten war das so einfach möglich.

]]>
http://blog.psiram.com/2014/05/endlich-bewiesen-akupunktur-wirkt-bei-reizdarm/feed/ 107