Psiram http://blog.psiram.com Realismus als Chance Fri, 28 Nov 2014 10:41:55 +0000 de-DE hourly 1 Phantastische Neutrino-Beleuchtung beim Bundespresseballhttp://blog.psiram.com/2014/11/phantastische-neutrino-beleuchtung-beim-bundespresseball/ http://blog.psiram.com/2014/11/phantastische-neutrino-beleuchtung-beim-bundespresseball/#comments Fri, 21 Nov 2014 07:00:51 +0000 http://blog.psiram.com/?p=15128 “Ein hohes Maß an Phantasie”, um sich Vorschüsse für Immobilienprojekte zu erschwindeln, bescheinigte die Staatsanwaltschaft dem Angeklagten im Betrugsprozess, der schließlich zu einer Haftstrafe von vier Jahren und vier Monaten führte. Selbst vermögende Persönlichkeiten wie “Alexander von Reich” oder “Goldberg” entsprangen seiner Phantasie, waren aber dennoch nützlich, um an das Geld anderer Leute zu kommen.

Geldadel auf dem BundespresseballIrgendwann beschloss der Immobilienhändler, auf die komplizierte Abwicklung von Projekten, “die nie verwirklicht wurden” (Göttinger Tageblatt, 1.9.2003), zu verzichten und sich dem Kapitalmarkt zuzuwenden. Hier bestand die Chance, hohe Provisionen für die Vermittlung von “Krediten bis in dreistellige Millionenhöhe” zu kassieren. Es blieb allerdings bei leeren Versprechungen, was den Finanzjongleur 2006 vor das Stuttgarter Landgericht brachte, welches ihn wegen “gewerbsmäßigen Betruges” zu sechs Jahren und sechs Monaten verurteilte.

Mega NFC, Golden Tower, Royal Consulting Austria, Royal Art Capital, The Principal, Genuin Grundbesitz, OstInvest, SCF Immobilien, NOAH Industries Holding & Fine Art Investment, Healing Hotels of the World – an Phantasie mangelt es Holger Thorsten Schubart nie, wenn es darum geht, neue Geschäftsmodelle und klangvolle Firmennamen zu erfinden. Dabei verfolgt er immer nur ein Ziel: Möglichst schnell an möglichst viel Geld zu kommen. Je höher, größer und teurer die versprochenen Luftschlösser sind, desto besser. Wenn ihm nicht gerade jemand mit adlig oder wichtig klingendem Namen zur Seite steht, lässt er sich mit berühmten Persönlichkeiten fotografieren, um sie anschließend als Mitstreiter zu präsentieren.

Holger Schubart mit Michail GorbatschowNeutrino Inc.” oder auch “Projekt Neutrino” heißt sein jüngster Coup. Nach eigenen Angaben widmet sich Neutrino Inc. “einem der visionärsten Projekte unserer Zeit: Der Erforschung elektrisch neutraler Elementarteilchen, sogenannter Neutrinos, als jederzeit und überall nutzbare Energiequelle.” Dass daraus nichts wird, liegt allerdings nicht alleine an den interaktionsunwilligen Neutrinos, sondern auch an fehlendem Personal. In Deutschland wird das Projekt durch einen Anwalt für “notleidende Kredite” vertreten, am Standort USA findet sich statt eines Neutrino-Labors nur ein gewöhnliches Wohnhaus. Selbst Michail Gorbatschow, der gerade von Schubart als Aushängeschild missbraucht wird, verfügt nach aktuellem Kentnisstand über zu wenig Erfahrung in Teilchenphysik, um daran etwas zu ändern.

Was also ist das Ziel von “Projekt Neutrino”? Ein Blick in die zugehörige Präsentation lässt erahnen, wohin die Reise geht:

  • Funds provided by investors shall be invested into marketing and brand-building with the support of highly-respected, top-tier international agencies in order to compete for the neutrino technology, as well as to increase the value of the brand, with the aim to generate licensing fees.
  • Investors shall participate in the Neutrino Project through shares in (ii) Neutrino, Inc.,an US stock corporation or (ii) Neutrino Ventures GmbH, and thereby also participate in the innovations developed by the Neutrino Project.
  • In the current financing phase, investors will acquire the shares at a preferential price, and therefore may see significant increases in the value of their shares following the IPO.

Um die passenden Investoren zu ködern, begibt sich Holger Schubart dort hin, wo sich das große Geld trifft: Zum Bundespresseball. Als einer von drei Hauptsponsoren. Knapp 500 Euro Eintritt. 2000 betuchte Besucher werden erwartet. Der Bundespresseball wird vom Verein Bundespressekonferenz veranstaltet. Von Deutschlands “besten” Journalisten. Florian Freistetter nennt das den “Mehrwert” der journalistischen Recherche.

Wie seinerzeit schon Jean-Jacques Rousseau erachtet Projekt Neutrino die öffentliche Presse als vierte Säule der Demokratie (H. T. Schubart, 2014)

 

Teil 1: Der geheimnisvolle Mr. Neutrino – Durchbruch bei Elektroautos?

Teil 2: Kühlschränke für Eskimos und Strom aus Neutrinos

Psiram-Wiki: Neutrino Inc.

Psiram-Wiki: Holger Thorsten Schubart

GWUP-Blog: Bundespresseball: Bühne frei für Mr. Neutrino

Ruhrbarone: Wie käuflich ist der Bundespresseball?

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Kühlschränke für Eskimos und Strom aus Neutrinoshttp://blog.psiram.com/2014/11/kuehlschraenke-fuer-eskimos-und-strom-aus-neutrinos/ http://blog.psiram.com/2014/11/kuehlschraenke-fuer-eskimos-und-strom-aus-neutrinos/#comments Thu, 20 Nov 2014 07:00:40 +0000 http://blog.psiram.com/?p=15097 “Wenden Sie sich von kaufmännischen Tätigkeiten ab, machen Sie lieber etwas anderes”. Diese Worte gab der Richter der Wirtschaftsstrafkammer dem damals 39-jährigen Angeklagten mit auf den Weg, als er ihn in vier Fällen wegen “besonders schweren Betruges” zu vier Jahren und vier Monaten Haft verurteilte. Das war im September 2003, nachdem der Immobilien- und Kredithändler bereits einige Monate in Untersuchungshaft verbracht hatte.

Ausriss Göttinger Tageblatt vom 5.9.2003 mit Passfoto von Holger Schubart

“Es gibt Leute, die in der Lage sind, mitten im Winter einem Eskimo auf einer stromlosen Eisscholle auf Südkurs einen Kühlschrank zu verkaufen und ihm dabei auch noch das Gefühl zu vermitteln, er habe ein Schnäppchen gemacht.” So zitierte das Göttinger Tageblatt damals einen Zeugen des Betrugsprozesses. Unser Wiki ist prall gefüllt mit Personen und Geschäftsmodellen, die nach diesem Prinzip arbeiten: Überzeugendes Auftreten, die Ausnutzung von Gier und Hoffung mehr oder weniger argloser Opfer und großartige Versprechungen, die bei genauerem Hinsehen eben doch zu schön sind, um wahr zu sein.

Diese Geschichte lässt sich bis in das Jahr 1996 zurück verfolgen. Im Sommer jenes Jahres, das Finale der Fußball-WM Fußball-EM fegte gerade die Straßen leer, ging folgender Anruf bei der Göttinger Polizei ein: “Sie sollten sich mal den Sportpalast heute Abend oder morgen anschauen. Es könnte sein, dass er abbrennt”. Der Anrufer war ein Geschäftsmann, der zur gleichen Zeit ein Sportstudio in der ehemaligen Zieten-Kaserne am Rande Göttingens plante. In den Jahren zuvor waren zwei seiner eigenen Gebäude Brandstiftungen zum Opfer gefallen, die nie aufgeklärt wurden.

Etwa zu dieser Zeit wurde in Göttingen die Immobilienfirma SCF AG gegründet. Nicht nur den Verantwortlichen der Stadt blieb diese längst liquidierte Firma bis heute in Erinnerung, verloren sie doch durch Geschäfte mit der SCF einige Millionen Mark. Zwar ging die Immobilienfirma in Konkurs, während deren Gläubiger auf Ansprüchen von etwa 70 Millionen sitzen blieben. Der Firmengründer jedoch, der damals bereits an einem Geflecht von mehreren Unternehmen beteiligt war, strebte nach Höherem und verschwand zunächst im Ausland.

Sommer 2002. An der sonnigen Küste Südfrankreichs stürmen französische und deutsche Ermittler eine Luxusvilla und verhaften deren Bewohner, einen lange gesuchten Immobilien- und Kreditbetrüger. Der Verhaftete versucht noch, die Polizisten von seinem Diplomatenstatus zu überzeugen, kann sich aber nicht erinnern, welches Land er repräsentiert. Nach einigen Monaten in Auslieferungshaft wird er nach Deutschland überstellt, wo ihn Gerichtsverfahren wegen Betruges, Fälschungen und Konkursverschleppung erwarten.

Screenshot Sponsoren Bundespresseball mit Neutrino IncDie Geschichte des gewandten Millionenbetrügers wird fortgesetzt und es gibt noch einige spannende Details zu berichten. Eines aber können wir bereits verraten: Sie nimmt ein gutes Ende und am kommenden Freitag werden wir in strahlende Gesichter schauen, während Holger Thorsten Schubart im Blitzlichtgewitter die Hände der Reichen und Mächtigen beim Bundespresseball auf dem Berliner Tempelhofgelände schüttelt. Schließlich ist seine neue Firma Neutrino Inc., die Strom aus Neutrinos gewinnen will, einer der Hauptsponsoren dieser Veranstaltung.

Vielleicht hat er den Rat des weisen Richters ja beherzigt.

The Neutrino Project is dedicated to the entire global population; its basic altruistic aim is to supply the world with free energy. (H. T. Schubart, 2014)

 

Teil 1: Der geheimnisvolle Mr. Neutrino – Durchbruch bei Elektroautos?

Teil 3: Phantastische Neutrino-Beleuchtung beim Bundespresseball

Neutrino Inc. im Psiram-Wiki: http://www.psiram.com/ge/index.php/Neutrino_Inc

GWUP-Blog: Bundespresseball: Bühne frei für Mr. Neutrino

Psiram-Wiki: Holger Thorsten Schubart

Ruhrbarone: Wie käuflich ist der Bundespresseball?

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Der geheimnisvolle Mr. Neutrino – Durchbruch bei Elektroautos?http://blog.psiram.com/2014/11/der-geheimnisvolle-mr-neutrino-durchbruch-bei-elektroautos/ http://blog.psiram.com/2014/11/der-geheimnisvolle-mr-neutrino-durchbruch-bei-elektroautos/#comments Wed, 19 Nov 2014 10:00:49 +0000 http://blog.psiram.com/?p=15067 Der “Focus” berichtete am 6. November groß darüber in seiner Online-Ausgabe: “2.000 Kilometer ohne Nachladen: Diese Firma verspricht das Elektroauto-Wunder”. Wenn jemand ein Wunder verspricht, das zu schön klingt, um wahr zu sein, interessiert sich Psiram natürlich ganz besonders dafür.

Focus über Neutrino Inc.Eine spezielle Batterie sei von der Firma Neutrino Inc. entwickelt worden, heißt es, über die Firmenchef Schubart zu berichten weiß, dass sie mit Hilfe einer speziellen Folie in der Lage sei, Energie aus Neutrino-Strahlung zu gewinnen.

Erinnern wir uns: Neutrinos sind unvorstellbar kleine und fast masselose Teilchen, die eben wegen ihrer geringen Masse in der Lage sind, sich nahezu mit Lichtgeschwindigkeit durch das All zu bewegen. Ein neutrales Teilchen mit so geringer Masse interagiert naturgemäß auch so gut wie nie mit anderer Materie. Riesige Eisblöcke oder Wassertanks sind notwendig, um überhaupt mit planbarer Wahrscheinlichkeit solche Interaktionen zu beobachten. Florian Freistetter erklärt in einem aktuellen Blog-Beitrag, wo Neutrinos entstehen können und wie sich ihre Existenz mit viel Aufwand feststellen lässt.

Mr. Neutrino, mit bürgerlichem Namen Holger Thorsten Schubart, muss also ein Mann mit enormen Fähigkeiten und respektablem Wissen auf dem Gebiet der Teilchenphysik sein, um überhaupt auf den Gedanken zu kommen, diese unscheinbaren Allbewohner in einer Autobatterie von etwa 500 kg einfangen zu können und ihnen dort ihre winzige Energiemenge zu entlocken.

Schubart mit Gesine Schwan auf der Cinema for Peace GalaGrund genug, sich mit Herrn Schubart genauer zu beschäftigen:
Wer im Web nach Spuren des großen Erfinders sucht, wird schnell feststellen, dass unser Genie bis 2012 sehr schweigsam war und nie über seine Entdeckungen berichtet hat. Mehr noch: Er scheint einfach nicht existiert zu haben. Von 2012 bis heute fällt er dagegen eher als Liebhaber luxuriöser Karossen und edler Kunstgegenstände auf.

In seiner knappen Freizeit handelt Schubart mit Immobilien und Nahrungsergänzungsmitteln, die Website eines angeblichen Prinzen führt ihn als Geschäftsführer für den Bereich Kunsthandel und beim Bundespresseball am kommenden Wochenende engagiert er sich als einer von drei Hauptsponsoren. Außerdem lässt er sich sehr gerne mit berühmten Persönlichkeiten fotografieren. Meldungen zu seiner Neutrino-Technologie sind durchweg jüngeren Datums.

Was also hat Holger Schubart gemacht, bevor er in seiner Nebentätigkeit als Neutrinoforscher die Welt revolutionierte? So viel sei dazu jetzt schon verraten: Seine Talente sind vielen Juristen in Deutschland sowie im europäischen Ausland gut bekannt.

Mehr dazu gibt es an dieser Stelle in den nächsten Tagen.
Sachdienliche Hinweise zu “Holger S. aus G.” nehmen wir natürlich jederzeit gerne entgegen.

Einige Ergebnisse wurden möglicherweise aufgrund der Bestimmungen des europäischen Datenschutzrechts entfernt.

 

Teil 2: Kühlschränke für Eskimos und Strom aus Neutrinos

Teil 3: Phantastische Neutrino-Beleuchtung beim Bundespresseball

Neutrino Inc. im Psiram-Wiki: http://www.psiram.com/ge/index.php/Neutrino_Inc

GWUP-Blog: Bundespresseball: Bühne frei für Mr. Neutrino

Ruhrbarone: Wie käuflich ist der Bundespresseball?

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Wissenschaftlicher Berater der EU? Nee, wollen wir nicht.http://blog.psiram.com/2014/11/wissenschaftlicher-berater-der-eu-nee-wollen-wir-nicht/ http://blog.psiram.com/2014/11/wissenschaftlicher-berater-der-eu-nee-wollen-wir-nicht/#comments Tue, 18 Nov 2014 16:45:24 +0000 http://blog.psiram.com/?p=15054 Wir haben uns schon im August über einen offenen Brief einiger äh – “wohlmeinender” Gruppierungen wie Greenpeace geärgert, in dem sie die Abschaffung des sogenannten “obersten wissenschaftlichen Beraters” (chief scientific adviser) der EU forderten.

Sie taten das mit schönen, klaren Worten:

We hope that you as the incoming Commission President will decide not to nominate a chief scientific adviser and that instead the Commission will take its advice from a variety of independent, multi-disciplinary sources, with a focus on the public interest.Wir hoffen, dass Sie als künftiger Kommissionspräsident sich dafür entscheiden werden, keinen wissenschaftlichen Berater zu nominieren und die Kommission sich stattdessen von einer Auswahl unabhängiger, multidisziplinärer Quellen, mit einem Fokus auf das öffentliche Interesse, beraten lassen wird.

So ein wissenschaftlicher Berater ist so “unabhängigen, multidisziplinären Quellen” wie Greenpeace und anderen offenbar ein Dorn im Auge. Ein Schelm, der bei dieser Formulierung Böses denkt …

Das Ganze hatte natürlich einen konkreten Anlass, der in in der Person, die die Position zur Zeit ausfüllt, begründet liegt: Professor Anne Glover.

Die Mikrobiologin hatte sich nämlich einerseits offen für Biotechnologie und Gentechnik eingesetzt, andererseits war sie auch grundsätzlich sehr unbequem. Sie hatte nämlich offen die “Beweisfindungs-Strategie” der (EU-)Politiker kritisiert.

Wenn ein politischer Wunsch auftaucht, wird der Wissenschaft oft gesagt: “Findet für uns Beweise, die unseren Standpunkt unterstützen.” Anne Glover war dieses Vorgehen ein Dorn im Auge und sie sah die Pflichten ihrer Position auch darin, es zu bekämpfen: Wissenschaftlern zu ermöglichen, jegliche Debatte unabhängig von politischem Druck zu führen.

Ein hehres Ziel, aber natürlich ziemlich idealistisch, um nicht zu sagen utopisch, wie die Realität nun auch bewiesen hat.

In Bezug auf ihre Standpunkte nahm sie kein Blatt vor dem Mund, wie jeder selbst anhand einer sehr offenen Rede, die sie im August hielt, nachprüfen kann. Die Behauptung von Greenpeace, dass sie bzw. ihre Position nicht “transparent” sei, muss an dieser Stelle mit offener Verblüffung kommentiert werden.

Und so kommt es wenig überraschend, dass Professor Anne Glover mit Ende Jänner 2015 ihren Hut nehmen darf, trotz unterstützender Briefe vieler wissenschaftlicher Institutionen und hunderter namhafter Wissenschaftler.

Und nicht nur das: es wurde nicht nur die unbequeme Anne Glover abgesägt – nein, der ganze Posten des “chief scientific adviser” hat damit aufgehört zu existieren.
Auf der Webseite des Science Media Centre hat man diverse “begeisterte” Kommentare, wie z.B. von Professor Sir Paul Nurse, Präsident der Royal Society, gesammelt, der die EU Kommission auffordert, falls es einen plausiblen Plan gibt, wie sie wissenschaftliche Evidenz in Zukunft nutzen will, diesen schnell offenzulegen.

Lesenswert auch die Artikel beim englischen Guardian 1, 2, 3 und des englischen Autors und Journalisten Mark Lynas.

Wir dagegen kommen nicht umhin, den diversen Lobby- und Spenden-Erzeugungs-Organisationen herzlich zu gratulieren:

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Der sinnlose Tod der kleinen Kinderhttp://blog.psiram.com/2014/11/der-sinnlose-tod-der-kleinen-kinder/ http://blog.psiram.com/2014/11/der-sinnlose-tod-der-kleinen-kinder/#comments Sun, 16 Nov 2014 17:47:18 +0000 http://blog.psiram.com/?p=15042 Es macht einen wütend. Wütend ob der Sinnlosigkeit, weil es einfach nicht notwendig wäre. Wenn man in der Zeitung von kleinen Mädchen wie Aliana oder Angelina, vier und acht Jahre alt, lesen muss, die an SSPE, einer Langzeitfolge der Masern, erkrankt sind und einen sehr frühen Tod sterben werden, versteht man es einfach nicht.

Die Masern waren in unseren Breiten praktisch besiegt; die WHO hatte gehofft, sie bis 2015 auszurotten. Aber leider erkranken noch immer jedes Jahr 20 Millionen Menschen daran, was jede Stunde 16 Todesopfer fordert. Man kann hier leicht mit nackten Zahlen operieren, die Verhältnisse darlegen – wir haben es hier im Blog auch schon oft gemacht.

Aber besonders eindringlich verspürt man die Notwendigkeit, die Masern auszurotten, wenn man die Gesichter der Opfer vor Augen hat.

Bild der kleinen Aliana. Verlinkt ist eine Reportage bei RTL

Aliana in einer RTL Reportage

Aliana erkrankte wohl mit drei Monaten an den Masern. Eine seltene Langzeitfolge davon ist eine entzündliche Erkrankung des Gehirns, die nach Jahren auftritt. Aliana war vor wenigen Monaten noch ein fröhliches Kind; inzwischen verschlechterte sich ihr Zustand zusehends: sie kann weder stehen noch sitzen, spricht nicht mehr und wird über eine Sonde ernährt. In einer Reportage bei RTL kommen die Eltern zu Wort, man kann den Bericht nur mit Mitgefühl ansehen.

Die Eltern haben eine eigene Facebook Gruppe eingerichtet, in der man dem Schicksal der kleinen Aliana folgen kann.

Angelina, 8 Jahre Quelle: Facebook

Angelina, 8 Jahre Quelle: Facebook

Angelina steckte sich im Alter von sieben Monaten mit Masern an. Leider war sie zu dem Zeitpunkt zu jung für eine Impfung. Bis zu ihrem 5. Lebensjahr war sie ein normales Kind, dann begannen die ersten Symptome. Innerhalb von acht Wochen verlor Angelina alles, was sie in ihren fünf Lebensjahren gelernt hatte. Laufen, sitzen, schlucken und schließlich auch das Sprechen.

In einer interessanten Reportage von Akte kann man sich ein direktes Bild verschaffen.

Die Reportage geht auch der Frage nach, wie es um den Impfschutz der Bevölkerung bestellt ist. Zugegeben, die Reportage geht dabei nicht gerade streng wissenschaftlich vor und befragt einfach die Bewohner eines Hauses, wie es bei deren Impfschutz aussieht, aber man bekommt doch ein gutes Bild. Im Endeffekt ist die Aussage klar: Es sind zu wenig Erwachsene geimpft, um für einen sogenannten Herdenschutz zu sorgen.

Das Prinzip ist einfach: Wenn alle geimpft sind, gibt es niemand, der die Krankheit übertragen kann. Und damit können sich Kleinkinder, die noch nicht geimpft werden dürfen, auch nirgends anstecken. Wir haben das in einem Blog schon mal genauer erklärt.

Dies sind zwei Schicksale, die durch die Masern gezeichnet sind. Aber es sind nicht die einzigen. Weltweit sterben immer noch 16 Menschen jede Stunde an den Masern, natürlich vor allem in Ländern mit schlechteren medizinischen Bedingungen. Aber auch wenn wir mit ausgezeichneten Krankenhäusern gesegnet sind, ist trotzdem jeder Fall in Europa eigentlich unnötig.

Warum musste Deutschland 2013 1771 Masernfälle haben?

Die Antwort ist ganz einfach: Notwendig wäre eine Impfrate von 95% und Deutschland bleibt konsequent weit darunter. Ein Problem, das aber leicht lösbar wäre.

Liebe Eltern, lassen Sie sich nicht durch Impfgegner verunsichern. Die Masernimpfung ist gut verträglich und die Masern beileibe keine harmlose Kinderkrankheit. Informieren Sie sich nicht im Internet, glauben Sie auch uns nicht. Informieren Sie sich beim Robert-Koch Institut und der Ständigen Impfkommission (STIKO).

Vielleicht schaffen wir es wenigstens bis 2020. Informieren Sie sich, dann ist das kein unrealistisches Ziel.

Zum Weiterlesen sei hier noch auf den Blog der GWUP verwiesen, die eine Menge Links zum Thema gesammelt haben.

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Tradition, Tradition … heute: Traditionelle Chinesische Medizin (TCM)http://blog.psiram.com/2014/11/tradition-tradition-heute-traditionelle-chinesische-medizin-tcm/ http://blog.psiram.com/2014/11/tradition-tradition-heute-traditionelle-chinesische-medizin-tcm/#comments Tue, 11 Nov 2014 20:26:47 +0000 http://blog.psiram.com/?p=15025 nine_dragons
Kürzlich hat uns unser Agent Mark Twain einen Eindruck von den sanften, ganzheitlichen Heilmethoden der Traditionellen Westlichen Medizin verschafft. Da ist es nun an der Zeit, auch die uralte Weisheit der TCM ein wenig zu beleuchten. Wir entsenden dazu einen Missionar namens Dugald Christie, der in der ehemaligen mandschurischen Hauptstadt Mukden (heute Shenyang) Ende des 19. Jhd. ein Hospital aufbaut. Er berichtet über die dort übliche Diagnostik:

… Krankheit wird über den Puls diagnostiziert, von dem es ebenso fünf Arten gibt. Der linke zeigt den Zustand von Herz, Leber und Nieren an, der rechte den von Lunge und Magen sowie den des “Tors des Lebens”. Wenn ein Patient zum ersten Mal das Sprechzimmer betritt, erwartet er nicht, befragt zu werden.

Soviel zur ausführlichen Erhebung der Krankengeschichte in der Traditionellen Chinesischen Medizin.

Schweigend streckt er nacheinander beide Arme aus, und der Doktor soll durch Tasten der Pulse mit drei Fingern die Art und den Sitz der Krankheit erkennen. Anfangs brachte ein freundlicher einheimischer Doktor gewöhnlich Patienten mit, um zu sehen, wie ich sie untersuchen und behandeln würde. Eines Tages erschien ein Mann, der aufgrund einer Anomalie keinen Puls an der üblichen Stelle hatte. Ich bat meinen chinesischen Freund, diesen Kasus mit seiner Methode zu untersuchen, aber er war völlig konsterniert, überhaupt keinen Puls zu finden, und war interessiert und erstaunt ob meiner Erklärung.

(Mit den „Fünf Arten des Pulses“ sind natürlich nicht die klinisch verwertbaren tatsächlich tastbaren Änderungen des Pulses bei verschiedenen Erkrankungen gemeint, sondern mythologische Zuordnungen zu den 5 Elementen usw.).
Bis hierhin unnütz, wenn auch harmlos. Kommen wir aber zur Therapie:

Die Vorstellungen über die Lage und die Funktion der inneren Organe sind äußerst vage und ungenau, und die modernen chinesischen Ärzten räumen ein, dass sie überhaupt nichts von Chirurgie verstehen. Sie können keine Arterie abbinden, keinen Finger amputieren oder auch nur die einfachste Operation durchführen. Die einzige angewendete Methode, die chirurgisch genannt werden könnte, ist die Akupunktur, die bei allen Arten von Leiden angewendet wird. Die Nadeln haben neun verschiedene Formen und werden häufig glühend verwendet, und manchmal werden sie für Tage im Körper belassen. Da sie über kein praktisches Wissen über Anatomie verfügen, schieben die Ärzte häufig Nadeln in große Blutgefäße oder wichtige Organe, was mitunter unmittelbare Todesfälle zur Folge hatte. Ein kleines Kind, das ins Krankenrevier gebracht wurde, bot einen mitleiderregenden Anblick. Der Doktor hatte den Eltern mitgeteilt, dass ein Überschuss an Feuer im Körper sei, den herauszulassen er kalte Nadeln benötige. Dabei hatte er an mehreren Stellen tief in den Bauch eingestochen. Der arme kleine Leidende verstarb kurz danach. Bei Cholera werden die Arme genadelt. Bei einigen Kinderkrankheiten, besonders bei Krampfanfällen, werden die Nadeln unter die Fingernägel gestochen. Bei Augenkrankheiten werden sie oft im Rücken zwischen den Schultern bis in eine Tiefe von mehreren Zoll vorgeschoben. Es sind Patienten zu uns gekommen, deren Rücken aufgrund exzessiver derartiger Behandlungen mit nicht allzu sauberen Instrumenten großflächig verschorft waren.

Christie berichtet von weiteren traditionell chinesischen Methoden, das Los der Kranken zu verschlimmern, erwähnt die Krankheitstheorien des Volkes (unheilvolle Tage, böse Geister etc.) und fährt dann fort:

Ein gepflegt aussehender alter Mann brachte seine Tochter im Endstadium einer Lungenschwindsucht in die Sprechstunde. Sie war so schwach, dass sie sich kaum aus der Sänfte in den Untersuchungsraum begeben konnte. Als dem Vater die Art der Krankheit erläutert wurde, erwiderte er höflich aber bestimmt: „Sie irren sich. Das ist keine Krankheit der Lunge. Ich bin auch ein Arzt von nicht geringem Ruf, aber ich bin kein Chirurg. Ich habe meine Tochter zu Ihnen gebracht, weil ich von Ihren Fähigkeiten mit dem Skalpell gehört habe, damit sie das üble Ding entfernen, das meiner Tochter das Leben raubt.“ Dann erklärte er, dass seit vielen Monaten eine Schildkröte in ihrem Bauch wachse, die inzwischen groß wie eine Hand sei. Sie lebe vom Blut der Kranken und trinke es dreimal täglich. „Sehen Sie“, sagte er, „Sie können sie mit der Hand fühlen, wie sie sich gerade unter dem Herzen bewegt. Können Sie sie entfernen?“
Der arme alte Vater! Die “Schildkröte” war nichts als die pulsierende Aorta, die in dem ausgezehrten, dünnen Körper leicht zu tasten war.

Als Tuberkulosekranker durfte man unter gewissen Umständen also auf ein natürliches Ende hoffen. Bei neurologischen oder psychiatrischen Krankheiten standen die Chancen schlechter:

Geisteskrankheit, Epilepsie und schwere Hysterie werden üblicherweise als von teuflischer Besessenheit verursacht angesehen. Um den bösen Geist auszutreiben, wird ohne weitere Untersuchung der Ursachen zu den grausamsten Methoden gegriffen, wie den Patienten barfuß auf glühendes Eisen zu stellen, und stets wird hart und gnadenlos zugeschlagen. Zum Glück für die armen Leidenden kann man solche extreme Foltern nicht lange überstehen, und der Tod bringt Erlösung [meine Hervorhebung]. Ein siebzehnjähriges Mädchen wurde zu mir gebracht, offensichtlich ein Fall von schwerer Hysterie. Nachdem die Hexendoktoren erfolglos verschiedene grausame Methoden versucht hatten, stießen sie ihr endlich einen glühenden Schürhaken in den Schlund, um den Dämon auszutreiben. Das Mädchen starb kurz danach. Die elektrische Batterie wurde von den Chinesen als die ausländische Kur für die Besessenheit erkannt, und viele „böse Geister“ sind so gebannt worden.

Da vergeht einem der Spott. Die Medizin prähistorischer Zeiten kann nicht unmenschlicher gewesen sein als diese Traditional Chinese Medicine (TCM) am Ende des 19. Jahrhunderts.

Quelle: Thirty years in Moukden, 1883-1913: being the experiences and recollections of Dugald Christie / ed. by his wife. London: Constable, 1914.
https://archive.org/details/thirtyyearsinmo00chrigoog

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Die Krankenkassen und die Paramed… äh, Alternativmedizin (2) – Dürfen die das?http://blog.psiram.com/2014/11/die-krankenkassen-und-die-paramedizin-2-duerfen-die-das/ http://blog.psiram.com/2014/11/die-krankenkassen-und-die-paramedizin-2-duerfen-die-das/#comments Tue, 04 Nov 2014 18:14:54 +0000 http://blog.psiram.com/?p=14965 krankenkassen

Wie steht es eigentlich um die gesetzlichen Grundlagen für solche Exzesse der Irrationalität? Versuchen wir, uns zunächst an das Sozialgesetzbuch zu halten.

§ 12 SGB V – Wirtschaftlichkeitsgebot

(1) 1 Die Leistungen müssen ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich sein; sie dürfen das Maß des Notwendigen nicht überschreiten. 2 Leistungen, die nicht notwendig oder unwirtschaftlich sind, können Versicherte nicht beanspruchen, dürfen die Leistungserbringer nicht bewirken und die Krankenkassen nicht bewilligen.

Was ist notwendig? Das, was nachgewiesenermaßen wirksam ist, sollte man meinen. Wer prüft, ob der Nachweis dafür erbracht und somit eine Leistung von den Kassen zu übernehmen ist? Ein mächtiges, in der Öffentlichkeit aber eher selten thematisiertes Gremium: der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA). Abgesehen von seiner blamablen Entscheidung, die Akupunktur als Kassenleistung anzuerkennen, weil die Schein-Akupunktur doch so gut wirksam sei, ist dieses Gremium eigentlich nicht dafür bekannt, sich besonders für paramedizinische Verfahren zu erwärmen.

Juristische Windungen

Dennoch ist bei Stiftung Warentest zu lesen: „Doch jede Kasse darf Extraleistungen anbieten“ – aber wo steht das eigentlich? In welchem Gesetz, in welchem Paragraphen kann man diese Regelung finden, die sich ganz offensichtlich in einem schreienden Gegensatz zum Sozialgesetzbuch befindet? Solche „Extra-“ oder „Zusatzleistungen“ heißen offiziell eigentlich „Satzungsleistungen“. Das Bundesgesundheitsministerium sagt, dass eine Krankenkasse sog. Satzungsleistungen „zusätzlich zu den gesetzlich festgeschriebenen Leistungen gewähren“ könne, und das stehe im GKV-Versorgungsstrukturgesetz von 2012. Dort [1] findet sich zum einen der neue Passus, dass bei „regelmäßig tödlicher Erkrankung“ und „nicht ganz fern liegender Aussicht auf spürbare positive Einwirkung auf den Krankheitsverlauf“ die Kosten übernommen werden dürften, zum anderen – ebenso harmlos wie menschenfreundlich -, dass einige „Leistungen der medizinischen Vorsorge und Rehabilitation“ bis hin zu „Leistungen von nicht zugelassenen Leistungserbringern“ (d. h. von jedermann) erstattungsfähig seien. Seffaständlich hätten die Krankenkassen „in ihren Satzungen hinreichende Anforderungen an die Qualität der Leistungserbringung zu regeln“ – man kann sich bildlich vorstellen, wie diese Bestimmung inzwischen mit Leben erfüllt worden ist. So wird gern betont, man bezahle nur diejenigen homöopathischen Behandlungen, die ein Arzt erbringe, der die Zusatzbezeichnung Homöopathie führe und Mitglied im DZVhÄ sei. Soll dies die Hinwendung von Ärzten zu witzlosen Fortbildungen fördern? Was wäre denn der Unterschied zwischen selbst angelesener Homöopathie und im DZVhÄ vermittelter Homöopathie?

Ein weiterer Aspekt sollte noch ergänzend berührt werden. Bevor die Krankenkassen die Kosten für Arzneimittel übernehmen können, müssen diese zunächst als solche zugelassen werden. Erfolgreiche anthroposophische Lobbytätigkeit in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts hat es zuwege gebracht, die „besonderen Therapierichtungen“ (Phytotherapie, Anthroposophie, Homöopathie) von dieser Überprüfung auszunehmen [2]. Auch die Homöopathen zehren noch heute ungefährdet davon. In der „Sachverständigenkommission D“ des BfArM, die mitunter tagt , werden solche Dinge besprochen wie:

Es wird über die Notwendigkeit einer eindeutigen Begriffsbestimmung mit Abgrenzung der Erstverschlimmerung gegenüber unerwünschten Arzneimittelwirkungen diskutiert.

Da wäre man doch gerne Mäuschen gewesen. Gemach, gemach: „In der nächsten Sitzung soll dieses Thema erneut aufgegriffen und ein Vertreter der Abteilung Pharmakovigilanz eingeladen werden.“ Das war am 10. April 2013; die nächste Sitzung sollte in einem Jahr stattgefunden haben. Verf. hofft, dass ein Beschluss noch zu seinen Lebzeiten veröffentlicht wird.

Fazit

Die Legalität dieser halb- bis viertelseidenen Krankenkassenaktivitäten ist zweifelhaft, weil die Gesetzgebung inkonsistent ist – noch vor dem Wirtschaftlichkeitsgebot (§12) kommt der Freibrief für die Bezahlung der Wunderheiler zu Lasten aller Versicherten (§11). Wenn der G-BA bisher für die Erstattungsfähigkeit sein musste, genügt es nun, wenn er nur keine Gelegenheit hatte, dagegen zu sein (vom G-BA „nicht ausgeschlossene Leistungen“, sagt das Versorgungsstrukturgesetz). Und wo kein Kläger ist, da ist kein Richter. Alle sind zufrieden (bis auf die gierigen Ärzte, die die Marketing-Gelder der Kassen lieber selbst verbraten würden und die „nicht zugelassenen Leistungserbringer“ nicht an die Fleischtöpfe lassen wollen, hier). Das Ministerium ist jedenfalls unschuldig – nirgendwo steht ausdrücklich im Gesetz, dass die Kassen die Freiheit hätten, Unfug zu bezahlen. Herr Minister, gibt es nicht doch Handlungsbedarf?

Anhang. Kritische Stimmen:


  1. Bundesgesetzblatt Teil I 2011 Nr. 70 vom 8.12.2011, zu erreichen via BGM-Link
  2. „Nicht zuletzt Kienles [Gerhard Kienle, „einer der wirksamsten und erfolgreichsten Anthroposophen nach dem Zweiten Weltkrieg“] wissenschaftlichen Gutachten und Argumenten war die methodenpluralistische Fassung des Arzneimittelgesetzes von 1976 zu verdanken, das den Herrschaftsanspruch der Hochschulmedizin relativierte, aber auch wesentliche weitere Entwicklungen (wie beispielsweise hinsichtlich der Approbationsordnung für Ärzte oder des Krankenpflegegesetzes) gingen auf seine Interventionen zurück.“
    http://biographien.kulturimpuls.org/detail.php?&id=175
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Die Krankenkassen und die Paramed… äh, Alternativmedizin (1) – Wo kommt das her und wie wird man das los?http://blog.psiram.com/2014/11/die-krankenkassen-und-die-paramedizin-1-wo-kommt-das-her-und-wie-wird-man-das-los/ http://blog.psiram.com/2014/11/die-krankenkassen-und-die-paramedizin-1-wo-kommt-das-her-und-wie-wird-man-das-los/#comments Tue, 04 Nov 2014 18:13:21 +0000 http://blog.psiram.com/?p=14963 krankenkassen

Der Wettbewerb ist die Triebkraft der Entwicklung hin zu mehr Effizienz in unserer Gesellschaft, und der Verzicht auf ihn würde letztlich Stagnation bedeuten, die man sich in reaktionären Utopien vergolden oder in Dystopien schwarzmalen kann. Aber der Wettbewerb ist auch blind, und seine Ergebnisse können nicht immer begrüßt werden. Wie dem zu begegnen ist, das ist eine der großen Fragen unserer Zeit.

Nehmen wir nur einmal die Krankenkassen. Der Leistungsumfang der gesetzlichen Krankenkassen ist festgeschrieben und für alle Kassen, für alle Versicherten im Prinzip gleich. Diese Gleichheit ist eine Spätfolge der Französischen Revolution (welche von manchen verdächtigt wird, Gott abgeschafft und so Hitler und Stalin hervorgebracht zu haben), und in den USA gälte sie als finsterster Sozialismus. Wir halten sie für eine soziale Errungenschaft, um das klar auszusprechen.

Konkurrenz belebt das Geschäft

Bei den Krankenkassen handelt es sich um Versicherungen, deren natürliches Bestreben es sein muss, die Ausgaben (Risiken) zu vermindern. Die unausweichliche Folge ist: wenn die Krankenkassen nicht über die Leistung konkurrieren können (etwa indem sie sie billiger als die Mitbewerber einkaufen oder teurere Leistungen ausgrenzen), dann müssen sie in anderer Hinsicht konkurrieren. Das heißt auch: am besten könnte eine Krankenkasse wirtschaften, wenn sie nur Gesunde versichert. Die sind finanziell leistungsfähiger (höhere Beiträge) und kosten nichts. Wie kommt man an diese jungen, gesunden, finanzstarken aber versicherungspflichtigen Leute heran? Indem man sie bauchpinselt und ihnen ein Wellness-Gefühl zu vermitteln sucht.

Auf den Webseiten der Krankenkassen ist keine Phrase zu hohl, kein Unsinn zu flach, kein Klischee zu altbacken, um nicht für diesen Konkurrenzkampf dienstbar gemacht werden zu können. Die Barmer GEK etwa präsentiert sich als „ganzheitlich denkende Krankenkasse“. Andere schwärmen von „immer mehr Menschen …“, von der „sanften Art der Medizin“ oder wollen die „Selbstheilungskräfte fördern“. Die Kaufmännische Krankenkasse KKH verweist gar auf „geistige Methoden“, die „einen festen Platz im Erfahrungsschatz alter Kulturen“ hätten. Einzelne Kassen (z. B. die IKK Brandenburg und Berlin) gehen so weit, nach der sog. Hufelandliste zu bezahlen. Wer mit diesem Begriff nichts anzufangen weiß: es handelt sich um „eine Abrechnungshilfe für naturheilkundlich tätige Ärzte“. Das klingt jetzt nicht so sehr dramatisch, aber ein Blick in das Inhaltsverzeichnis sollte riskiert werden: „Ganzheits-Zell-Regenerations-Therapie, Mineralsalztherapie nach Dr. Schüßler, Nosoden, Spagyrik, Isopathie“ u. v. a. m. Die volle Breitseite eben. Und es ist ernst gemeint: „die Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen für Osteopathie [haben sich] 2013 binnen eines Jahres auf rund 110 Millionen Euro mehr als verdreifacht“ (Dt. Ärztebl.).

Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Ein Versuch, das herauszufinden

Der eine oder andere mag auf den Gedanken verfallen, dass er mit seinen Beiträgen also auch die Scharlatane finanzieren hilft. Dies legt Bemühungen um eine individuelle Lösung nahe, und so hat einer unserer Leser eine Anfrage per Serien-Mail an 98 Krankenkassen gestellt, ob es ein Tarifangebot gäbe, in dem man diese „Leistungen“ abwählen könnte.

Von 98 gesetzlichen Kassen ist bei 95 klar, dass sie mindestens eine paramedizinische „Leistung“ bezahlen. Auf Nachfrage antworteten 58 Kassen schriftlich, und aus dem Telefonat mit der AOK Bayern gewann unser Schlapphut den Eindruck, dass diese zögerlich mit der Kostenerstattung sein würde. Die BKK Vital hat das sogar ausdrücklich ausgeschlossen, zumindest telefonisch. Keine einzige Kasse bietet einen kostengünstigeren Tarif an, der die Erstattung solcher Leistungen ausschließt.

Die eingangs gestellte Frage kann also beantwortet werden: es gibt so gut wie kein Entkommen, jedenfalls nicht für den gesetzlich Versicherten. (Ein unvollständiger Überblick zum Download, Stand August 2014: PDF hier)

Noch ein paar Details

Der ganzheitlich denkenden Barmer GEK übrigens ist natürlich vollkommen bewusst, dass die Vorstellung einer „Kostenersparnis durch Vermeidung teurer schulmedizinischer Behandlungen“ (Zitat aus der Antwort einer Krankenkasse) eine Illusion ist [1]. Sie hat einen anderen Weg gefunden, die Kosten zu senken, den gewöhnlichsten der Welt: Ausdünnung der Beratungsstellen vor Ort. Die sind ja auch nicht mehr zeitgemäß; Antragsformulare kann man schließlich genauso gut aus dem Internet herunterladen. Und wenn die älteren, kranken Versicherten damit nicht so zurechtkommen, dann können sie ja zur – selten so erwünschten – Konkurrenz abwandern. Wie lautet gleich das Motto dieser Kasse?

Service ist unser Markenzeichen: Mit unserem Engagement verfolgen wir ein Ziel ganz besonders. Genau dann für Sie da zu sein, wenn Sie uns brauchen – und das in jeder Lebensphase.

Anderenortes ist man bei gezielter, weniger öffentlicher Nachfrage nach Sinn und Unsinn noch ein wenig unverfrorener, soweit das möglich ist. Da heißt es dann beispielsweise:

„Die BKK [Name d. Red. bekannt] bietet auch alternative Heilmethoden an, da mittlerweile meines Wissens empirische Belege für die Wirksamkeit verschiedener Behandlungsmethoden vorliegen. Ohne diese Nachweise würde der Gesetzgeber nicht zulassen, dass Krankenkassen derartige Leistungen in Ihre Satzungen aufnehmen könne [sic]. Von den von Ihnen aufgezählten Methoden übernehmen wir Kosten in den Bereichen Homöopathie, Anthroposophische Medizin und Osteopathie.“

Kaum glaublich, wenn es da nicht schwarz auf weiß stünde. Zugunsten dieser Krankenkasse ließe sich allenfalls vorbringen, dass der/die Mitarbeiter/in von der eigenen Propaganda überwältigt gewesen sein muss; das Schicksal vieler guter Verkäufer. Aber eines lässt aufhorchen: Leistungen müssen empirisch belegt wirksam sein, damit sie von den Kassen übernommen werden dürfen? Damit werden wir uns in Teil 2 beschäftigen.

(Hier noch einmal der Krankenkassenvergleich, Stand August 2014: PDF)


  1. Teichfischer P, Forsch Komplementmed 2012;19:311–318, DOI: 10.1159/000346001: „Another argument often used is that CAM treatments are much cheaper than those found in COM [“conventional medicine”] and thus their implementation in basic health care would lead to a general cost reduction, but this seems not to be tenable at all [44]. On the contrary, private insurance companies that included acupuncture and homeopathy in their benefits catalogue reported increased costs [20].“
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Die Bibel und die Relevanzhttp://blog.psiram.com/2014/11/die-bibel-und-die-relevanz/ http://blog.psiram.com/2014/11/die-bibel-und-die-relevanz/#comments Sun, 02 Nov 2014 20:40:25 +0000 http://blog.psiram.com/?p=14960

Eigentlich handelt der ganze Abschnitt des 3. Buch Mose 20, 10-21 davon, dass Gott Blutschande und jede Art von unmoralischer sexueller Beziehung verbietet: Ehebruch, Unzucht und sexuellen Verkehr mit Tieren. Es ist überflüssig, über den Schaden für die menschliche Gesundheit und den zerstörenden Einfluss auf die Menschen überhaupt zu diskutieren.
Wohl deshalb erscheint Gottes gnadenloser Zorn über jede Art von Verstoß gegen diese Regeln verständlich. „Wenn ein Weib sich irgend zu einem Vieh tut, daß sie mit ihm zu schaffen hat, die sollst du töten und das Vieh auch; des Todes sollen sie sterben; ihr Blut sei auf ihnen.“ (3. Mose 20, 16)
Diese Prinzipien der Sexualmoral sind offenbar noch immer relevant, wenn man bedenkt, dass die Freizügigkeit ein allgemeines soziales Problem geworden ist und dass Geschlechtskrankheiten zu einer der wichtigen Bedrohungen der Volksgesundheit geworden sind.

Woher stammt dieser Text?
Aus einem theologischen Traktat des 17. Jahrhunderts?
Aus der Predigt eines Evangelikalen?
Aus den Tagebucheintragungen eines christlichen Apokalyptikers?

Nein.
Er stammt aus einer wissenschaftlichen medizinischen Zeitschrift, die „peer reviewed“ ist (d. h., die Beiträge werden vor Veröffentlichung von ausgewiesenen Fachvertretern geprüft), und die in allen bedeutenden medizinischen Datenbanken und Indizes gelistet ist.

Es handelt sich um das „Journal of Integrative Medicine“ (www.jcimjournal.com/jim), welches nach eigener Beschreibung eine internationale Plattform für die Publikation hochrangiger Arbeiten über komplementäre und alternative Medizin (CAM) ist.
Der Original-Text mit dem Titel

Medical implication in the Bible and its relevance to modern medicine
Medizinische Aspekte der Bibel und ihre Bedeutung für die moderne Medizin

ist frei zugänglich.
http://www.jcimjournal.com/articles/publishArticles/pdf/jintegrmed2013052.pdf

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Vier Frauen und ein Scharlatanhttp://blog.psiram.com/2014/10/vier-frauen-und-ein-scharlatan/ http://blog.psiram.com/2014/10/vier-frauen-und-ein-scharlatan/#comments Mon, 27 Oct 2014 21:15:21 +0000 http://blog.psiram.com/?p=14946 Ein satirischer Esothriller von Eva S. Bernauer.

vier_frauenNormalerweise schreibt Eva S. Bernauer Krimis. Mit Esoterik im Allgemeinen und ihren Methoden im Speziellen hielt sie es – so ist zu vermuten – wie die Meisten in unserer Gesellschaft, die nicht besonders viel damit anfangen können: Das sind vielleicht etwas spleenige Leutchen, aber was solls, die Welt ist bunt und leben und leben lassen. Dass “leben lassen” noch eine ganz andere, unschöne Bedeutung in diesem Zusammenhang haben kann, nämlich ein flottes Dahinsiechen und Sterben, wurde ihr klar, als sie selbst an Krebs erkrankte und von manchen Seiten Ratschläge der “alternativen” Richtung als die einzig wahren Heilmethoden angepriesen wurden. Auch die “Germanische Neue Medizin” des vermutlich inzwischen völlig wahnsinnigen Ryke Geerd Hamer, die behauptet, ein psychischer Konflikt sei Ursache von Krebs jeglicher Art und dessen Auflösung brächte die Heilung – eine sehr schnell tödliche Annahme.

Zum Buch

Bei den ersten Sätzen meint man, sich in einem Groschenroman zu befinden und stellt schon Vermutungen an, ob nicht in der Buchbinderei etwas schief gelaufen sei. Falscher Innenteil mit falschem Umschlag oder etwas dieser Art. Spätestens aber, wenn rührselig der Sarg aus 1000-jährigem Wurzelholz beschrieben wird, muss man schmunzeln, und es kommt das zum Vorschein, was vorn drauf steht: Satire.

Die Handlung ist im Wesentlichen unspektakulär und absehbar: Vier Frauen, die sich regelmäßig treffen, hängen einem Guru an und entwickeln dessen Methode zufällig in einer Art weiter, wie das wohl nur gelangweilten, alleinstehenden Frauen mittleren Alters gelingt, was den Guru begeistert. Der wohl jedem bekannte Effekt der Entzauberung durch Nähe und Wissen tritt auch hier zuverlässig ein. Bei manchen jedenfalls. Aber mehr sei nicht verraten.

Was das Buch sehr lesenswert macht, ist weniger die Handlung, als die Beschreibung der Innensicht der Protagonisten, ihre Denkweisen und Handlungen, die in ihren Einzelschritten nachvollziebar und in ihrer eigenen Logik verständlich sind – bis das Gesamtpaket mit der Realität kollidiert. Wie im richigen Leben also.

Psychologische Forschung bestätigt: Die Gruppenzugehörigkeit steht tendenziell über der “Wahrheit”, d.h. glaubt die Gruppe Unsinn, neigt der Einzelne dazu, diesen ebenso zu glauben, da die Gruppenzugehörigkeit einen höheren Wert als die Tatsachen der blanken Realität darstellt.

An diesem Umstand scheitern so manche Bemühungen von Skeptikern, wenn sie mit Fakten um sich werfen, um dann frustriert festzustellen, dass dann oft ein “Ja aber …” folgt und im Zweifelsfall einfach fröhlich ignoriert wird.

Das macht das Besondere an diesem Buch aus: Es kann von beiden Seiten gelesen werden. Der harmlose Esoteriker findet sich darin zwar wieder, aber satirisch so zugespitzt, dass er selber darüber lachen kann: “Also so arg bin ich auch nicht drauf, man kann ja alles übertreiben …”. Und der Skeptiker schmunzelt: “Genau so sind sie, exakt!” Auch für den profunden Kenner der Esoszene ist das Buch vor allem aus zwei Gründen lesenswert. Erstens: das Psychogramm des Gurus, mit welcher Banalität und Raffinesse sein Dasein konstruiert ist. Als skeptischer Mensch tut man sich in der Regel schwer, sich da hineinzudenken. Zweitens: es ist ein lustiges Buch, man kann schmunzeln, lachen – und auch mal mit dem Kopf den Tisch malträtieren – es langweilt auf keiner Seite. Also alles, was eine gute Geschichte auszeichnet. Legt das Buch unter den Weihnachtsbaum oder in die Spaghettischüssel! Vorher kaufen und lesen natürlich.

 

Leseprobe: http://www.alibri-buecher.de/docs/probe182.pdf

Interview: http://hpd.de/artikel/10258

Homepage: http://vierfrauenundeinscharlatan.wordpress.com/

Fb-Seite: https://www.facebook.com/VierFrauenundeinScharlatan

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