Sie versprechen reichere Ernten, Kompost, der in Rekordzeit verrottet, Stallluft ohne Fliegen, schimmelfreie Keller nach der Flutkatastrophe, einen gereinigten Darm und – warum eigentlich nicht – eine bessere Welt. Die Rede ist von den „Effektiven Mikroorganismen„, kurz EM: ein Cocktail aus Milchsäurebakterien, Hefen und weiteren Mikroben, den der japanische Gartenbau-Professor Teruo Higa in den 1980er Jahren populär machte. Heute steckt die geheim gehaltene Mischung in Gießkannen, Putzmitteln, Nahrungsergänzungsprodukten, Keramikperlen und Schokoriegeln. Ein weltweiter Markt – und wissenschaftlich betrachtet ist fast alles daran Unsinn. Warum, das lohnt sich genauer anzusehen. Denn EM sind ein Lehrstück darüber, wie Pseudowissenschaft aussieht, wenn sie in Gummistiefeln und mit Gartenhandschuhen daherkommt.
Hinweis: Dieser Beitrag ist auch als Podcast verfügbar, falls man lieber hört als zu lesen (siehe unten). Dort stehen auch ein paar Hinweise zu diesem Beitrag, die aber nicht vom Lesen abhalten sollen ;)
Häufig werden pseudowissenschaftliche und esoterische Erklärungen angeführt, um eine Wirksamkeit der EM-Produkte zu suggerieren. Aus Sicht der Mikrobiologie sind die meisten der vorgebrachten Behauptungen unplausibel und können in wissenschaftlichen Studien nicht belegt werden. Beobachtbare Effekte beruhen nachweislich auf dem zuckerhaltigen Nährlösungs-Substrat (Melasse), in der die Mikroorganismen suspendiert sind. Die folgenden Abschnitte dokumentieren, woran das liegt – und warum das Konzept gleich in mehrerer Hinsicht in die Kategorie Esoterik gehört.
Die Theorie: ein Drei-Parteien-Parlament im Boden
Higas Grundidee klingt zunächst plausibel. Der Boden, so seine These, beherberge drei Sorten von Mikroben: positive, aufbauend-regenerative, negative, abbauend-degenerative – und opportunistische, die sich jeweils an die dominante Gruppe anhängen. Kippt das Gleichgewicht ins Negative, komme es zu Verrottung, Krankheit, Schädlingsbefall. Bringt man aber eine kleine Menge dominanter „positiver“ Mikroben ins Milieu, folgen die Opportunisten wie Wähler einer klaren Mehrheit – und das ganze System kippt ins Aufbauende. Boden, Wasser, Darm, Wohnzimmer: immer dieselbe Logik.
Das Problem: Diese Dreiteilung existiert in der Mikrobiologie nicht. Bodenökosysteme sind keine Parlamente mit Regierungsfraktion und Opposition, sondern hochkomplexe, ständig wandelnde Netzwerke aus Tausenden Arten, die miteinander konkurrieren, kooperieren, sich gegenseitig fressen. Die Vorstellung, eine Handvoll harmloser Käse- und Bierhefebakterien könne in einem solchen etablierten Ökosystem die Herrschaft übernehmen, widerspricht allem, was man über mikrobielle Gemeinschaften weiß. Eingeführte Stämme müssen sich gegen die ansässige Konkurrenz behaupten – und unterliegen dabei fast immer. Nicht einmal Higa selbst konnte die Wirksamkeit je belastbar nachweisen; er räumt ein, dass die schlechte Reproduzierbarkeit der Ergebnisse einer wissenschaftlichen Anerkennung im Weg steht.
Was wirklich wirkt: der Zucker
Der entscheidende Punkt – und der Grund, warum die Geschichte so lehrreich ist – liegt woanders. Nicht die Mikroben bringen den Effekt, sondern die Flüssigkeit, in der sie schwimmen. EM-Produkte werden in einer zuckerhaltigen Melasse-Nährlösung verkauft, und bei der „aktivierten“ Variante (EM-A) kommt noch mehr davon dazu: Die Stammlösung wird mit Melasse angesetzt und rund eine Woche warm stehen gelassen. Das zugeführte Substrat ist zugleich ein vollwertiger organischer Dünger.
Genau hier setzt die eleganteste Kontrollgruppe der Forschung an: Forscher verglichen EM-A mit sterilisiertem EM-A – dieselbe zuckerhaltige Nährlösung, nur eben ohne lebende Mikroben. Das Ergebnis, mehrfach und unabhängig reproduziert: Die sterilisierte Lösung wirkte genauso gut wie die lebende. Eine vierjährige Feldstudie des Schweizer Forschungsinstituts Agroscope im ökologischen Landbau (Kartoffeln, Gerste, Weizen, Alfalfa) fand keinerlei Effekt von EM auf Boden oder Ertrag, der sich nicht durch die reine Düngerwirkung des Substrats erklären ließ; auch eine Veränderung der Bodenmikrobiologie blieb aus. Ein Topfversuch mit fermentierter Gülle kam zum gleichen Befund: keine Unterschiede zwischen EM-Gülle und ganz normaler Gülle. Wer also im Garten EM ins Gießwasser kippt und üppigeres Wachstum beobachtet, düngt – mit Zucker. Das funktioniert mit Melasse aus dem Supermarkt genauso gut und ist dort erheblich billiger.
Gelegentlich fällt das Ergebnis sogar negativ aus: So brachte Basilikum im Topf nach EM-Behandlung weniger Ertrag, und die Studienautoren rieten von EM in der Topfkultur ab. Und die holländische Untersuchung zu den berühmten „Mudballs“ – Schlammkugeln mit EM, die Gewässer von Blaualgen befreien sollen – ergab das Gegenteil der Behauptung: Die Kugeln förderten das Algenwachstum, weil sie die Algen schlicht düngten. Nur in absurden Konzentrationen hemmten sie die Blüte – und zwar durch die Trübung des Wassers, nicht durch „positive“ Mikroben.
Die Studienlage: ein Lehrstück in Pseudo-Evidenz
„Es gibt Studien!“ – wer mit EM-Anhängern diskutiert, hört diesen Satz früh. Er stimmt sogar. Aber ein Blick in diese Studien ist aufschlussreich. Eine peruanische Arbeitsgruppe veröffentlichte 2007 eine Übersichtsarbeit mit dem programmatischen Titel „Effective Microorganisms: Myth or reality?“ – ihr Fazit: Die positive Literatur stammt überwiegend aus nicht begutachteten Berichten, Tagungsbänden und Herstelleraufträgen, dokumentiert die Versuchsbedingungen mangelhaft und kann den Effekt fast nie von der Düngewirkung des mitgelieferten Substrats trennen. Genau dieses Muster zeigt sich bis heute, auch in der 2021 erschienenen Übersichtsarbeit zu Umweltanwendungen von EM: Die Mischung wird geheim gehalten, Kontrollen mit sterilisierter Lösung fehlen meist.
Besonders hübsch ist die Sorte Evidenz, die der deutsche EM e.V. auf seiner Studienseite sammelt. Dort wird eine Arbeit beworben, wonach EM und EM-Bokashi den Zerfall von radioaktivem Cäsium-137 in Tschernobyl-kontaminierten Böden „um das bis zu Vierfache“ beschleunigen könne. Abgesehen davon, dass ein beschleunigter radioaktiver Zerfall langlebiger Nuklide durch Bakterien den Grundlagen der Kernphysik widerspricht – Chemie und Biologie ändern keine Halbwertszeiten –: Die „Studie“ erschien im Journal of Condensed Matter Nuclear Science. Das ist kein bodenkundliches Fachorgan, sondern das Publikationsorgan der Kalte-Kernfusion-Szene, in der es regelmäßig um Physik-„Wunder“ geht. Wenn das die stärkste Evidenz ist, hat die Sache schlicht keine.
Dazu passt das ökonomische Umfeld: Positive Studien aus dem deutschsprachigen Raum stammen bevorzugt aus Auftragsarbeiten der Hersteller – etwa von der Universität für Bodenkultur Wien im Auftrag des österreichischen Anbieters Multikraft. Unabhängige, methodisch sauber konzipierte Studien hingegen liefern seit zwanzig Jahren dasselbe Bild: keinen spezifischen EM-Effekt.
Die Esoterik im Keller
Wer der Spur folgt, landet unweigerlich im Esoterikregal. Da wären die EM-Keramikperlen für Waschmaschine und Teich: Dem Ton werden EM-Kulturen beigemischt und dann eingebrannt. Die Mikroben sterben dabei naturgemäß ab – bei Brenntemperaturen von vielen Hundert Grad überlebt keine Mikrobe. Die behauptete Wirkung wird deshalb mit „feinenergetischen Resonanzen“ begründet, die von den Mikroben auf die Keramik übergegangen sein sollen. Das ist keine Wissenschaft mehr, sondern Esoterik in Kügelchenform.
Die offiziellen EM-Vereine propagieren einen Mondkalender zum Ausbringen der Mittel; Higa selbst hat in seinem Buch „Eine Revolution zur Rettung der Erde“ EM kurzerhand zur Lösung der Weltprobleme erklärt – inklusive einer besseren, friedlicheren Menschheit. Die Kombination aus Wunderversprechen, Geheimrezept, Sündenbock-Erzählung (die „negativen“ Mikroben) und Erlösungsnarrativ ist ein klassisches pseudowissenschaftliches Muster: Die Theorie ist so gebaut, dass sie gegen Widerspruch immun ist. Schlägt das Mittel fehl, lag es an der falschen Anwendung, am Mond, an „negativen Energien“.
Die Wurzel der Bewegung ist dabei älter – und religiöser –, als die Werbung glauben macht. EM wurde 1982 mit dem sogenannten Kyusei Nature Farming verschmolzen, einem Landbaukonzept, das auf den japanischen Religionsgründer Mokichi Okada zurückgeht. Okada, von seinen Anhängern „Meishū-sama“ („Herr des Lichts“) genannt, fühlte sich 1926 vom Schöpfergott zum Messias berufen, heilte fortan mit „göttlichem Licht“ (Jōrei) und gründete 1935 die Sekai Kyūsei-kyō – die „Kirche der Weltmessianität“, die durch Ausmerzung von Krankheit, Armut und Konflikt das irdische Paradies errichten will. Ausgerechnet das Internationale Nature-Farming-Forschungszentrum, bei dem Higas zentrale Texte erschienen, beschreibt die Symbiose ungeniert: Okadas „Prinzipien und Philosophie“ wurden 1982 mit Higas Technologie „verbunden“ – das sei die Geburt des Kyusei Nature Farming. Die EM-Zentren in Asien – etwa das Trainingszentrum im thailändischen Saraburi – liefen unter der Regie der Sekai Kyūsei-kyō, die ab 1989 auch den Aufbau des APNAN-Netzwerks unterstützte, über das EM in der asiatisch-pazifischen Region verbreitet wurde. Wer sich also wundert, warum ein Bodenverbesserungsmittel mit Weltfrieden und einer „friedlicheren Menschheit“ beworben wird: Das ist kein Marketing-Ausrutscher. Es ist der Programmtext.
Der wirtschaftliche Unterbau ist dabei alles andere als alternativ-natürlich-spirituell: EMRO sicherte sich die Markenrechte und vergibt Herstellerlizenzen nur an wenige auserwählte Partner, um einen Preiskampf zu vermeiden – ein Zustand, den man als kartellähnliche Struktur beschreiben könnte. Gegen schwarze Schafe, die ohne Lizenz „EM“ auf die Flasche schreiben, wird mit Abmahnungen und Vergleichen vorgegangen.
EM im Katastrophenschutz? Der Ahrtal-Fall
Am nachdrücklichsten zeigt sich das Problem im Juli 2021. Nach der Flutkatastrophe im Ahrtal verteilten der EM e.V. und EM-Händler nach eigenen Angaben tausende Liter EM-Lösung an Flutopfer – als Wundermittel gegen Modergeruch und Schimmel in den vollgelaufenen Kellern und Wohnzimmern. In der Not griffen viele Betroffene zu. Die wissenschaftliche Grundlage dafür? Fehlanzeige. „Es gibt keine wissenschaftlichen Belege, dass das funktioniert, und alle Fachleute, mit denen ich gesprochen habe, sind recht skeptisch“, bilanzierte die Wissenschaftsjournalistin Verena von Keitz im Deutschlandfunk; der Hygiene-Experte Dirk Bockmühl von der Hochschule Rhein-Waal erinnerte daran, dass es „sehr schwierig ist, Mikrobenarten zu finden, die andere verdrängen, die in einer bestimmten Umgebung natürlich vorkommen“.
Was nach Hochwasserschäden wirklich gegen Schimmel hilft, ist unpopulär und teuer: Trocknen, Trocknen, Trocknen – und bei Befall professionelle Sanierung. Ein zuckerhaltiges Feuchtmittel auf dauerfeuchten Wänden zu sprühen, kann das Problem im Zweifel sogar verschärfen, weil die Nährlösung auch allen ohnehin anwesenden Schimmelpilzen ein Festmahl serviert.
Ein ähnliches Bild zeigt sich beim Putzen: Die Rhein-Waal-Forscher um Bockmühl testierten sieben handelsübliche EM-Reiniger und stellten fest, dass sich die zugesetzten Mikroben nicht dauerhaft auf den behandelten Flächen ansiedeln – die Reinigungswirkung stammt von den ganz konventionellen Wirkstoffen im Produkt. Das Bayerische Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten empfiehlt entsprechend Zurückhaltung und weist darauf hin, dass die in Sporenform zugesetzten Mikroben inhalativ aufgenommen werden können und ein Restrisiko nicht ausgeschlossen ist. Man kauft also einen Allzweckreiniger mit Wirkstoff-Zusatz „Esoterik“ – zum Aufpreis.
Und der Darm?
Natürlich darf die letzte Grenze nicht fehlen: der menschliche Körper. EM wird als trinkfertiges „Darmflora“-Getränk verkauft, das Immunsystem stärken und die Verdauung ordnen soll; das zugehörige Konzept ist die im 19. Jahrhundert wurzelnde „Symbioselenkung„. Auch hier: keine belastbaren Belege. Die Quarks Science Cops haben 2023 für ihre Folge „Wundermittel oder Unsinn?“ die Studienlage durchforstet und – nichts gefunden. Keine kontrollierte Studie am Menschen, die irgendein einziges der beworbenen Wunder belegt.
Das ist besonders erwähnenswert, weil in der Probiotika-Forschung seit Jahren untersucht wird, wie stark die Besiedlung des Darms durch zugeführte Kulturen von Person zu Person variiert – selbst etablierte Probiotika besiedeln den Darm bei vielen Menschen nicht dauerhaft. Eine Geheimmischung aus Photosynthese-Bakterien und Hefen, von denen die meisten keine Darmbesiedler des Menschen sind, hat diese Hürde erst recht zu nehmen. EM-Getränke sind letztlich teurer, verdünnter Melassesirup mit Mikroben-Aufguss – ein fermentiertes Getränk, ja, aber kein Medikament.
Was wir daraus lernen können
Effektive Mikroorganismen sind ein Paradebeispiel für Pseudowissenschaft im Öko-Gewand: erfolgreiche Vermarktung, eine vage Theorie und ein Geschäftsmodell, das genau so lange funktioniert, wie niemand etwas belegen muss. Sie sind in den meisten Anwendungen nicht gefährlich – die enthaltenen Mikroben stammen aus der Lebensmittelproduktion und gelten als harmlos –, aber sie sind ein Lehrstück dafür, wie Menschen an unwirksame Mittel glauben: durch die plausibel klingende Hülle („Mikroben statt Chemie“), durch persönliche Erfahrungsberichte („Bei mir hat es gewirkt!“), durch die Unauffälligkeit der echten Ursache (Zucker wirkt) und durch das Versprechen, Teil einer Bewegung zu sein, die die Welt rettet. Wer EM im Garten ausprobiert hat und begeistert ist, macht deshalb nichts Schlimmes – er hat nur den falschen Grund für einen echten Effekt kennengelernt.
Die eigentliche Ironie: Mikrobiologie im Pflanzenbau ist eine der spannendsten Forschungsrichtungen der Gegenwart. Rhizobakterien, Mykorrhiza-Pilze und maßgeschneiderte Mikrobiome könnten die Landwirtschaft tatsächlich verändern – aber mit definierten Stämmen, veröffentlichten Genomen, Kontrollgruppen und sterilisierten Vergleichen. Die EM-Bewegung schadet dieser echten Forschung, indem sie sie in den Geruch des Kuriosen zieht. Wer die Welt mit Mikroben retten will, sollte denen vertrauen, die zeigen, was drin ist – und die geben zu, wenn es nicht funktioniert.
Dieser Blogbeitrag wurde mit Hilfe von KI erstellt. Er beruht auf einem Wiki-Eintrag zum Thema und wurde überwiegend daraus erstellt.
Eine Faktensammlung erreicht die, die ohnehin nachsehen; ein gut geschriebener Text erreicht auch die, die sonst nicht hinhören. Genau darin liegt für uns der ehrliche Nutzen von KI – Inhalte werden nicht erfunden, sie werden zugänglicher. Jede Behauptung trägt ihren Beleg als Link und ist nachprüfbar, die genaue Zusammensetzung ist öffentlich.
Und auch der Podcast, der auf dem Blog-Text beruht, ist mit einer KI erzeugt – anders wäre das für uns nicht machbar. Und wir hätten noch so viel Material…