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Archiv für die Kategorie ‘Wissenschaft’

Wissenschaft, Verschwörung und Demokratie

1. April 2017 81 Kommentare

Noch stehen wir ratlos der Vorstellungswelt gegenüber, die sich der freidrehende menschliche Intellekt schaffen kann, wenn er losgelöst von der Wirklichkeit und wider die simpelste Einsicht in die Natur der Dinge und der Menschen agiert. Der mächtigste Mann der Welt ist nebenbei Impfgegner, und zu seinen Kumpanen hat er beispielsweise

  • einen Klimawandel-“Skeptiker“ als Umweltminister (vorher bekannt als der erbittertste Feind des Umweltministeriums im Sold der Industrie),
  • einen Energieminister gleichen Zuschnitts (er hat gerade verboten, dass in den Texten seines Ministeriums Worte wie „Klimawandel“, „Emissionsreduktion“ oder „Pariser Abkommen“ erscheinen, hier),
  • eine Gegnerin der öffentlichen Schulbildung als Bildungsministerin (sie sagt, Waffen gehören in die Schulen, falls die Grizzlybären angreifen, hier),
  • einen Justizminister mit rassistischer Vorgeschichte (er hat Wahlhelfer der Schwarzen in Alabama verfolgen lassen),
  • einen menschenscheuen Außenminister (seine Unterstellten sind angewiesen, ihm nicht in die Augen zu schauen, hier),
  • usw.

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Wie sieht es mit dem Goldenen Reis aus?

16. März 2017 32 Kommentare

Vor einigen Wochen wurde eine Studie zum Goldenen Reis mit dem schönen Titel „Molecular and Functional Characterization of GR2-R1 Event Based Backcross Derived Lines of Golden Rice in the Genetic Background of a Mega Rice Variety Swarna“ veröffentlicht, die innerhalb von kurzer Zeit zu diversen „Goldener Reis ist ein Fehlschlag“ Meldungen auf gentechnikfeindlichen Webseiten führte. Im deutschen Raum geschah das zum Beispiel durch Christoph Then von Testbiotech, der einmal mehr bewies, dass ein Tierarzt, der seine Dissertation über Homöopathie schrieb, auch zur Gentechnik Nichts zu sagen hat.

Wir wollen das zum Anlass nehmen, das Thema erneut zu beleuchten. Einem Leser, dem das Thema unbekannt ist, sei zum Einstieg der Artikel Goldener Reis – Fluch oder Segen? Ein Faktencheck empfohlen. In Kürze: Beim Goldenen Reis handelt es sich um eine gentechnisch geschaffene Sorte, die helfen soll, den in Südostasien verbreiteten Vitamin-A Mangel zu beseitigen.

Ein auf einem Auge erblindetes indisches Mädchen

Wenn der Reis erfolgreich ist, könnte damit einfach und kostengünstig ein erheblicher Teil des Vitamin-A Bedarfs der Kinder Asiens gedeckt werden. Und das ohne das Risiko einer Vitamin-A Vergiftung, die bei Supplementierung mit Tabletten besteht, da der Reis nur Beta-Karotin enthält, eine Vitamin-A Vorstufe, wie man sie eben von Karotten und anderem Gemüse kennt. Seit 20 Jahren verteilen Hilfsorganisationen jährlich Hunderte Millionen Vitamin-A Tabletten, was Kosten von 500 Millionen Dollar pro Jahr verursacht. Dennoch wurden zum Beispiel 2014 in Bangladesh nur 62,1% der Kleinkinder mit Supplemtierung erreicht.

Eine bessere Lösung wäre daher wünschenswert. Ethisch betrachtet muss man daher jeder guten Idee die Daumen drücken und kann nur hoffen, dass Goldener Reis ein Erfolg wird. Mehr…

In memoriam Hans Rosling – Danke!

7. Februar 2017 Keine Kommentare

Hans Rosling ist verstorben. Laut der Gapminder Foundation litt er an Pankreas-Krebs, der ihn heute, am 7. Februar 2017 besiegt hat.

Hans Rosling war einer der Superstars der Vernunft und der Zuversicht, dass die Welt eine bessere wird. Es gelang ihm, Statistik zum Leben zu erwecken und uns einen einzigartigen Blick auf die Welt zu schenken. Wir wünschten, er hätte uns noch viele, viele Jahre mit seinem Wissensschatz beglücken können und diese Zukunft sehen können, die er voraussah.

Hans Rosling auf Twitter: @HansRosling


Thank you industrialization,
Thank you steel mill,
Thank you power station,
Thank you chemical processing industry,
that gave us time to read books.

Gender Studies und die Wissenschaft

24. Oktober 2016 168 Kommentare

Einigermaßen naiv und am Rande hatten wir kürzlich in unserem Wochenrückblick einen Artikel verlinkt, der sich kritisch zu Gender Studies äußert. Einfach so, zur Kenntnisnahme. Eine Reaktion ließ nicht auf sich warten:

Verschwörungstheorie … Anekdoten ohne Quellenangabe … keine Ahnung hat, was „Gender“ bedeutet (sowohl als wissenschaftliches Konzept als auch wörtlich) … wilde Behauptungen, Anekdoten und die Selbstinszenierung als Underdog, ohne irgendwelche für das Thema relevanten inhaltlichen Argumente … obskurer „Männerrechtler“ … das gehört doch in Trumps Umkleidekabine. … es verschlägt einem die Sprache … ungebildeter Wirrkopf … Altmänner-Rants

(bei „Altmänner-Rants“ fehlt übrigens: weiße alte Männer). Kräftige Worte. Helfen nur nicht dabei herauszufinden, worum es bei Gender Studies nach Ansicht ihrer Befürworter eigentlich geht. Wenn man nach kennzeichnenden Texten fragt, so wie ein Kommentator bei uns:

Verlinke mal bitte die drei geilsten, peer reviewten Paper aus der Genderwissenschaft, die Du so kennst. Die würden mir beim Debattieren und Meinung bilden sehr helfen.

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Abschied von Professor Walach

29. Mai 2016 13 Kommentare
Eines Tages setzte sich Nasrudin Hodscha verkehrt herum auf seinen Esel, nämlich mit dem Gesicht nach hinten. Die Menschen, die ihm begegneten, fragten ihn verwundert: „Hodscha, warum reitest du falsch herum auf deinem Esel?“ Der Hodscha antwortete ihnen: „Das ist ganz leicht zu erklären. Ich möchte nicht in dieselbe Richtung schauen wie der Esel!“

Eines Tages setzte sich Nasrudin Hodscha verkehrt herum auf seinen Esel, nämlich mit dem Gesicht nach hinten. Die Menschen, die ihm begegneten, fragten ihn verwundert: „Hodscha, warum reitest du falsch herum auf deinem Esel?“ Der Hodscha antwortete ihnen: „Das ist ganz leicht zu erklären. Ich möchte nicht in dieselbe Richtung schauen wie der Esel!“

Professor Harald Walach, Speerspitze der Aufklärung, bisher Institutsleiter an der Universität Viadrina, hat seinen Hut genommen oder in die Hand gedrückt bekommen. Wie konnte es nur dazu kommen? Genaueres weiß man nicht, nur eben dass er am 19.04.2016 an der Viadrina eine als Abschiedsvorlesung bezeichnete öffentliche Vorlesung gehalten hat. Nun ist das schon ein wenig her, aber es ist uns kürzlich ein akustischer Mitschnitt dieser Veranstaltung zugegangen.

Zur Vorlesung selbst möchten wir uns nicht weiter äußern, weil unsere Kenntnisse mittelalterlicher Mystik dazu nicht ausreichen. Wir haben aber Verständnis für das Bedauern, dass ihre Rezeption im späten 19. Jhd. [1] nicht zu einer Revision der späteren Wissenschaft geführt hat. Anders die Vorrede des Fakultätsvorsitzenden, quasi die Verabschiedung. Sie ist ein wissenschaftstheoretisches und -politisches Juwel von zeitloser, unvergänglicher Brillanz. Deshalb schätzen wir uns glücklich, unseren Lesern einen Eindruck von ihr vermitteln zu können. Leider ist das Audiofile des Mitschnitts von technisch schlechter Qualität, so dass wir die Rede nicht komplett transkribieren können. Einige Fragmente können wir aber überliefern. Mehr…

Ethikrat und Hirntod

23. Mai 2016 107 Kommentare

Wie unsere treuen Leser wissen, greifen wir gelegentlich das Thema „Hirntod“ auf, weil uns scheint, dass hier in der öffentlichen Wahrnehmung viel im Argen liegt. Vor einiger Zeit hatten wir Dr. Matthias Mindach für einen Gastbeitrag gewinnen können. Inzwischen haben sich sowohl der Deutsche Ethikrat als auch die Bundesärztekammer erneut positioniert. Das war uns Anlass nachzuforschen, ob es dazu Stellungnahmen gibt. Wir freuen uns, dass wir einen weiteren Gastbeitrag von Dr. Mindach präsentieren können.


Der Deutsche Ethikrat hält in seiner Stellungnahme „Hirntod und Entscheidung zur Organspende“ vom 24. Februar 2015 am Hirntod als Voraussetzung („Kriterium“) der Organentnahme fest. Doch nimmt die These von einer Nicht-Identität von Tod und Hirntod in der Stellungnahme breiten Raum ein. Der Rat stellt dazu eine Reihe von ethischen, juristischen und philosophischen Überlegungen an. Aus klinischer Sicht ist dieser These zu widersprechen. Außerdem ist zu konstatieren, dass solche Überlegungen nur wenig dazu beitragen können, die Verunsicherung und Desorientierung weiter Teile der Bevölkerung in der Frage des Hirntodes abzubauen.
[Dies ist eine erweiterte, überarbeitete Fassung eines zuerst in Fortschr Neurol Psychiatr. 2015 publizierten Beitrags (Volltext hier). Die Druckfassung ist in „Aufklärung und Kritik“, Heft 1, 2016 erschienen (Volltext hier); dort auch die vollständigen Literaturangaben.]

Einleitung

Der Deutsche Ethikrat hat im Februar 2015 seine Stellungnahme zu Hirntod und Organspende veröffentlicht. Nötig sei sie geworden, weil seit einer Veröffentlichung durch den US-amerikanischen President’s Council on Bioethics über die Kontroversen zum Hirntod von 2008 eine vertiefte Diskussion erforderlich sei. Am Tag ihres Erscheinens wurde die Stellungnahme von den medizinischen Fachgesellschaften begrüßt, da sie im Ergebnis am Konzept des Hirntods als Kriterium für die Organentnahme festhalte; aber es sei ein genauerer Blick auf dieses Papier mit einem Umfang von 200 Seiten gestattet.

Aus fachlicher Sicht stellt sich der geschichtliche Ablauf ein wenig anders dar. Seit seiner Etablierung im Jahr 1968 hatte sich das Hirntodkonzept international durchgesetzt. Im Jahr 1998 veröffentlichte A. Shewmon eine Serie von 175 Fällen, davon 56 mit ausreichender Verlaufsinformation, des „Überlebens“ Hirntoter für länger als eine Woche nach der Hirntoderklärung. Damit war klar, dass die alte Vorstellung, der Hirntod sei der Tod des Menschen, weil der Körper danach unausweichlich zerfalle, nicht zutrifft. In der nachfolgenden Fachdiskussion zeigte sich, dass es andere überzeugende Gründe gibt, den Hirntod als sicheres Zeichen des Todes anzusehen. Das White Paper des President’s Council ist eine Reaktion auf diese Diskussion, nicht deren Ursache. Die Rezeption dieses Papiers in Deutschland ist aber der Grund für das erneute Tätigwerden des Ethikrates. Wie dem auch sei, festzuhalten ist, dass die wesentlichen empirischen Befunde im Grundsatz seit 1998 bekannt sind. Die Frage im Untertitel des Forums Bioethik 2012 „Hirntod und Organentnahme. Gibt es neue Erkenntnisse zum Ende des menschlichen Lebens?“ wäre korrekt zu beantworten gewesen mit: „Nicht in den letzten dutzend Jahren“.
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Ein hundertster Todestag und ein Denkfehler.

12. Mai 2016 1 Kommentar

SchwarzschildDen Todestag zuerst: am 11. Mai vor 100 Jahren starb im Alter von nur 42 Jahren Karl Schwarzschild, ungemein vielseitig interessierter Physiker, einer der Gründerväter der modernen Astrophysik, Pionier der Weiterentwicklung von Albert Einsteins Allgemeiner Relativitätstheorie. Astronomisch interessierte Zeitgenossen denken bei seinem Namen sogleich an die „Schwarzschild-Lösung“ zur relativistischen Beschreibung eines ruhenden, sphärischen Schwarzen Lochs und, im Zusammenhang damit, an den „Schwarzschild-Radius“; Fotografen fortgeschrittenen Alters kennen auch noch den „Schwarzschild-Exponenten“, der das Schwärzungsverhalten fotochemischer Emulsionen beschreibt und so den Astronomen erstmals eine exakt kalibrierte Fotometrie ermöglichte.

Karl Schwarzschild starb an den Folgen der damals so genannten „Blasensucht“, dem „Pemphigus Vulgaris“, einer Autoimmunerkrankung der Haut, die damals – 1916 – weder verstanden noch behandelbar war.

Heute sind die Erscheinungsformen des Pemphigus Vulgaris durchaus behandelbar, und zwar durch den Einsatz von Glukokortikoiden und Immunsuppressiva. Und damit sind wir mitten in dem anderen Thema – das uns für gewöhnlich in anderem Zusammenhang begegnet, meistens bei der Diskussion von Nebenwirkungen moderner Krebstherapien. An dem Beispiel des Pemphigus Vulgaris und aus Anlass des Gedenkens an einen bedeutenden Gelehrten lässt sich der immer wiederkehrende Denkfehler, der in komplementär- oder alternativmedizinischen Kreisen so verbreitet ist, einzigartig klar demonstrieren, denn dieser Fall treibt das Thema in der Tat auf die Spitze.

Pemphigus Vulgaris verläuft, wegen der Begleitsymptome an den befallenen Hautpartien, unbehandelt tödlich, und dies binnen weniger für den Erkrankten qualvoller Jahre. Die Symptome sind allerdings auch so offensichtlich und unverkennbar, dass es jedenfalls in Industrieländern praktisch keine unbehandelten Fälle mehr gibt. Dafür fordert die Therapie ihren Tribut: 10 bis 20 % der behandelten Patienten sterben an den Nebenwirkungen der Medikamente. Nur die 80 bis 90 % der behandelten Patienten, die diese Rosskur überleben Behandlung auf sich nehmen, werden wieder gesund  haben die Aussicht auf eine mehr oder weniger lange Lebenserwartung.  Praktisch alle Todesopfer unter den Pemphigus-Patienten sterben mithin nicht an der Krankheit, sondern an deren Behandlung.

Glücklicherweise ist die Erkrankung ein seltenes Phänomen. Trotzdem: eine Therapie, die bis zu einem Fünftel der Behandelten dahinrafft – ist das nicht ein Horrorszenario? Wer erinnert sich da nicht an die wohlfeilen Vorwürfe, Chemotherapien in der Krebsbehandlung setzten den Erkrankten schlimmer zu als die Erkrankung selbst?

Was dabei – hier wie dort – übersehen wird: ohne die spezifische Therapie überlebt niemand. Es mag sein, dass heute alle Opfer der Blasensucht auf das Konto der Medikamente geht; aber umgekehrt gibt es unter den Überlebenden auch keinen, der die Behandlung nicht durchgemacht auf sich genommen hätte. Der Denkfehler, mit dem man dem Medikament den schwarzen Peter zuschieben will, verwechselt  die Bedeutung dieser beiden Aussagen. Denn richtigerweise muss das Risiko der Nebenwirkungen mit dem Risiko der Nichtbehandlung abgewogen werden. Nicht aber mit einem stillschweigend vorausgesetzten Fall, in dem irgendwie alles wieder gut wird.

Hätte die moderne Therapie mit Glukokortikoiden und Immunsuppressiva schon 1916 zur Verfügung gestanden, wäre Karl Schwarzschild nicht unausweichlich dem einem so frühen Tode geweiht gewesen, sondern er hätte eine Überlebenschance Chance von 80 bis 90 % gehabt, die Krankheit zum Stillstand zu bringen. Er hätte mit hoher Wahrscheinlichkeit mit seiner legendären Begabung beim Auffinden methodischer Lösungen auch komplexester Probleme die Welt der Physik noch unendlich befruchten können und, ganz nebenbei, die Veröffentlichung seiner Arbeit über die nach ihm benannte „Schwarzschild-Lösung“,  die er mehr oder weniger auf dem Sterbebett entwickelte, noch erleben können.

Zweifelt jemand, wie sich Karl Schwarzschild entschieden hätte?

 

Post scriptum:

 

Über FB erreichte uns ein sachlich völlig richtiger Hinweis, den wir natürlich zur Berichtigung eingearbeitet haben:

 

„Nur die 80 bis 90 % der behandelten Patienten, die diese Rosskur überleben, werden wieder gesund.“ stimmt so nicht.

Pemphigus vulgaris ist als Autoimmunerkrankung behandelbar, aber nicht heilbar. Das bedeutet, niemand wird gesund.

Durch die Behandlung ist der Krankheitsverlauf nahezu zum Stillstand zu bringen, das nennt man Remission.

„… diese Rosskur überleben …“ impliziert, dass es sich um eine zeitlich begrenzte Therapie handelt, nach der man, sobald sie abgeschlossen ist, übern Berg sei. Auch das ist nicht richtig. Die 10-20% der Todesfälle sind die Folgen der langfristigen Dauertherapie mit Glukokortikoiden und Immunsuppressiva. Wer die Therapie fünf Jahre „überlebt“ hat, hat keine Garantie, dass er das auch noch weitere fünf Jahre schafft. In Anführungszeichen deshalb, weil es keine Alternative gibt.

Der Verzicht auf die einzig existierende Therapie führt in 100% der Fälle zum Tod, darum geht es ja im Artikel auch.

Dennoch ist jedes Jahr für einen Patienten ein geschenktes Jahr. Wenn die Erkrankung in Remission gebracht werden kann, sogar ein weitgehend beschwerdefreies Jahr. Daher kann man einfach nicht sagen „Rosskur überlebt, Patient gesund!“

 

Herzlichen Dank an FB-Userin Mia Paulsen!

Ihr wollt es doch so. Von Drüsen, Kälbern und der Arzneimittelzulassung.

27. Februar 2016 2 Kommentare

thymosand

Im Board „Unzufrieden mit einem Psiram-Artikel?“ war eine Beschwerde eingegangen. Ein User namens „thymosand“ zeigte sich unerfreut ob unseres Wiki-Artikels zu … wer hätte es ahnen können? … „Thymosand”. Nachdem wir die Paralyse ob der narzisstischen Kränkung, bei einem inhaltlichen Fehler erwischt worden zu sein, mehr schlecht als recht überwunden hatten, begann die Diskussion. Sollten wir den Fehler korrigieren? Einen Ruf haben wir dahingehend ja nicht zu verlieren, und wenn das einreißt? Wenn da jetzt alle kommen? Nach langen, ermüdenden Grabenkämpfen trug die Fraktion derjenigen, die vor ihrem Taxischein mal eine Einführungsveranstaltung zum Thema „Wissenschaftliches Arbeiten“ abgesessen hatten, einen Sieg davon. Fehler haben korrigiert zu werden. Jetzt ging es also darum, heraus zu finden, worin der Fehler genau gelegen haben soll. Wofür sich ein paar unerschrockene Recken wieder in den Thread begaben und thymosand um Erleuchtung baten.

Ist Thymosand ein Arzneimittel?

Thymosand ist ein Arzneimittel, auf so viel konnten wir uns einigen. Es wird aus der Thymus-Drüse von Kälbern gewonnen, so viel ist unbestritten. Es soll „die Immunabwehr stärken“, so viel behauptet der Hersteller, die Sanorell Pharma GmbH & Co. KG aus Bühl in Baden. Es sticht unter den dutzenden von Produkten mit diffusen Wirkmechanismen und unbelegten Wirksamkeitsversprechen im Wiki nicht nennenswert heraus, über so viel waren wir uns einig. Alles andere scheint aber Diskussionsstoff zu bieten. Ist Thymosand ein Frischzellenpräparat? Ist Thymosand ein zulassungspflichtiges Fertigarzneimittel? Sind Ärzte „Verbraucher“ im Sinne des Arzneimittelgesetzes? Ist es falsch, wenn wir im Wiki-Artikel sagen, dass Thymosand nicht zugelassen ist? Und vor allem: Ist Thymosand wirklich verkehrsfähig? Mehr…

Vorsicht: „normales Bier enthält mehr Alkohol als alkoholfreies Bier“ oder: Wie die Grünen einen Lebensmittelskandal brauen wollen

26. Januar 2016 29 Kommentare

Ein neuer Lebensmittelskandal erblickt das Licht der Welt: eine Studie will festgestellt haben, dass konventionell hergestellte Lebensmittel bis zu 3000 mal höher mit Pestiziden belastet sein sollen als Produkte aus dem Ökolandbau. Darüber hinaus seien Produkte aus der konventionellen Landwirtschaft gar nicht geeignet, um als Säuglingsnahrung verkauft werden zu dürfen. Ein genauerer Blick auf die Details zeigt, dass der Skandal keiner ist und es sich bei der ganzen Aktion um eine mehr oder weniger geschickte Kampagne handelt.

Ein Experte für Kampagnen

Die Studie wurde von einem sich selbst als Pestizidexperten bezeichnenden Herrn namens Lars Neumeister im Auftrag der Grünen erstellt. Lars Neumeister beschreibt sich selbst in seiner Vita als Aktivist gegen die konventionelle Landwirtschaft, war oder ist Mitglied beim Pesticide Action Network (PAN), einer Organisation, die gegen eine moderne Landwirtschaft unter Verwendung von synthetischen Pflanzenschutzmitteln (PSM) und Gentechnik agiert. Da können sich die Grünen schon mal darauf verlassen, dass die Studie in ihrem Sinne durchgeführt wird und man sich erwartungsgemäß empört zeigen kann. Mehr…

Glyphosat, die BOKU und der Regenwurm

5. September 2015 44 Kommentare

Kein durch Glyphosat mutiertes Monster, sondern ein Riesenregenwurm aus Ecuador (Quelle: http://www.projectnoah.org/spottings/426166028)

Aktuell tobt geradezu eine mediale Schlacht um eine einzelne Substanz, die als Symbol für alles Widernatürliche und Schädliche herhalten muss: das Glyphosat.

Ein Molekül als Bösewicht

Das Unkrautmittel (Totalherbizid), das einst von Monsanto als Roundup auf den Markt gebracht wurde, heute aber aufgrund ausgelaufener Patente meist von anderen Herstellern und Vertreibern vermarktet wird, muss EU-weit bis Ende des Jahres neu zugelassen werden. Kann diese Zulassung verhindert werden, so wäre das ein Sieg für alle Ideologen, die eine Welt ohne künstliche Substanzen wollen und vor allem für alle Gentechnikgegner, ist das Glyphosat doch auch ein Sinnbild einer modernen Pflanzenbaumethode.

Einigen Nutzpflanzen wurde ein Resistenz-Gen eingebaut, so dass diese eine Herbizidbehandlung überleben, während störende Unkräuter vom Acker verschwinden. Prinzipiell sind gentechnisch modifizierte Pflanzen in der EU zwar zugelassen, werden aber mit sehr wenigen Ausnahmen nicht angebaut. Glyphosatresistente Pflanzen sind momentan in der EU nicht zugelassen, mehrere Antragsverfahren laufen schon seit Jahren. Nichts desto trotz wird auch hier Glyphosat zur Unkrautbekämpfung verwendet; es gilt als sehr wirksam, für Nichtzielorganismen unschädlich, verlagert sich im Boden kaum (Richtung Grund- und Oberflächenwasser) und ist gut biologisch abbaubar. Mehr…