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Artikel Tagged ‘Wissenschaft’

Walachsche Methodenlehre für Anfänger (Teil 1)

31. Mai 2013 9 Kommentare

Die Speerspitze der Aufklärung [1], im Rang einer päpstlichen Autorität [2], hat sich kürzlich in der Rubrik „Methodenlehre für Anfänger“ [3] grundsätzlich zur Legitimität der Kritik an der „Komplementärmedizin“ geäußert. Wie zumeist in solchen Fällen ist der erste Gedanke des Lesers, dass es zu einer konkreten Widerlegung der Kritik, insbesondere der Kritik an dem Vordenker selbst, wohl nicht gereicht hat. Gelegenheiten dazu hätte es ja in jüngster Zeit genug gegeben [4, 5, 6]. Was hat er nun den methodologischen Anfängern stattdessen mit auf den Weg zu geben?

Zuerst: die Wissenschaftlichkeit der „jungen Blogger“ ist nur eingebildet, denn:

„Es handelt sich dabei um die Annahmen eines generellen Materialismus in dem Sinne, dass man davon ausgeht, einzig Materie sei wirklich, alles andere davon abgeleitet. Diese Aussage selbst ist eine philosophische oder religiöse, aber keine wissenschaftliche.“

Es ist nämlich nicht so, dass einzig die Materie wirklich sei. Es gibt ja schließlich auch noch den Geist, der sich aus ihr nicht ableiten lässt, und wenn man den nicht in Betracht zieht, dann ist man, so der O-Ton, „fundamentalreligiös“.

„Häufig verwechseln Autoren die Voraussetzungen, die eine bestimmte Form von Wissenschaft macht – und machen muß [sic] –, mit den Ergebnissen und mit den Möglichkeiten von Wissenschaft schlechthin. Ob Komplementärmedizin in diesem Sinne ‚wissenschaftlich‘ ist oder nicht, ist nicht geklärt.“

Es gibt nur eine einzige Voraussetzung, von der die Wissenschaft ausgeht: es existiert eine Realität, und sie kann untersucht werden (eine Realität, die nicht untersucht werden könnte, deren Eigenschaften nicht bestimmbar wären, das wäre schon formallogisch ein leerer Terminus [7]). Mit welchen Ergebnissen der Wissenschaft könnte diese Voraussetzung „verwechselt“ werden? Was sind die „Möglichkeiten von Wissenschaft schlechthin“, die darüber hinausgehen könnten? Was hat die „Komplementärmedizin“ mit alldem zu tun? Wir werden es wohl nicht erfahren, und es ist ja ohnehin uninteressant, denn es handelt sich dabei nur um „krypto-religiöse“, „szientistische“ Weltanschauung. So schnell kann man gar nicht gucken, wie hier mit dem Inhalt von Begriffen jongliert wird. Der geschickteste Hütchenspieler würde vor Neid erblassen.

Was bietet uns die Methodologie noch, außer dieser Parterre-Akrobatik?

„Meist sind sie [die komplementärmedizinischen Verfahren] älter und traditionell überliefert und haben daher einen gewissen Vorsprung im Sinne einer allgemeinen ,Erfahrungsmedizin‘“

Das ist natürlich kein Vorsprung, sondern ein Zurückbleiben. Es sollte zutiefst misstrauisch machen, wenn sich eine Methode über Jahrzehnte und Jahrhunderte nicht ändert, mit anderen Worten: wenn sie einer Kritik nicht zugänglich ist.

„Dass auch diese Verfahren solide wissenschaftlich untersucht gehören, darüber sind sich die meisten Proponenten der Komplementärmedizin einig.“

Warum eigentlich? Unterwerfen sich die Proponenten damit nicht der Fundamental- oder wenigstens der Krypto-Religion?

Noch ein weiteres Schein-Argument der jungen Blogger gilt es zu dekonstruieren:

„Sozial: Häufig ist mit „unwissenschaftlich“ „den Konsens der Mehrheit der Fachleute verletzend“ gemeint.“

Die Kritiker meinen also, die wissenschaftliche Wahrheit werde per Mehrheitsbeschluss festgestellt? Dafür hätte man doch gern brauchbare Belege – aber die zu fordern wäre vermessen, weil:

„das selten explizit erwähnt wird.“

Pech gehabt. „Es wird sich doch irgendwie eine Schikane herausklauben lassen“ (Schopenhauer). Welche, das werden wir uns in Teil 2 ansehen.

  1. http://www.taz.de/!95412/
  2. „Unter Kollegen gilt Walach als ‚Methodik-Papst’“, http://www.psychophysik.com/h-blog/?p=9380, „… dass ich sogar seine Heiligkeit den Papst im Rennen ums Finale [für das Goldene Brett] ausgestochen habe“, http://harald-walach.de/2012/10/22/harald-walach-zur-verleihung-von-das-goldene-brett-2012/
  3. http://harald-walach.de/methodenlehre-fuer-anfaenger/11-wie-wissenschaftlich-ist-die-komplementaermedizin-oder-vom-hirsch-im-blaetterwald/
  4. https://blog.psiram.com/2012/10/von-langen-nadeln-und-einem-goldenen-brett/
  5. http://scienceblogs.de/kritisch-gedacht/2013/02/14/cam-media-quatsch-professor-walachs-marchenstunde/
  6. http://scienceblogs.com/insolence/2012/12/14/its-not-just-homeopathy-its-quantum-homeopathy-which-is-so-much-better/
  7. Wessel H: Logik und Philosophie, Logos Berlin 1999

Der Anfang der Wissenschaft

30. Dezember 2012 25 Kommentare

katze

Vielleicht denkt ihr, liebe Leser, euch jetzt: „Ja, spinnen die jetzt völlig bei Psiram? Ist denen die ständige Beschäftigung mit Eso-Spinnern aufs Hirn geschlagen? Ein Bild von einem Kind, das eine Katze gemalt hat; was soll denn sowas mit Wissenschaft zu tun haben?“

Auf den ersten Blick hat es wirklich nicht viel miteinander zu tun. Und als ich vom berühmt-berüchtigten „Psiram-Kernteam“ den Auftrag erhielt, dazu etwas zu schreiben, dachte ich mir auch: „Hä? Was soll das denn jetzt?“

Bei genauerer Betrachtung gibt es jedoch deutliche Parallelen. Und damit meine ich nicht etwa die Tatsache, dass auch im Wissenschaftsbetrieb gelegentlich die eine oder andere Tafel mit (zumindest auf dem ersten Blick) kaum verständlichem Gekritzel gefüllt wird. Mehr…

New Scientist

16. Oktober 2012 17 Kommentare

Lieber New Scientist!

Eigentlich bist Du ein britisches Erzeugnis. Auch wenn Du keine wissenschaftliche Zeitung mit Peer Review bist, genießt Du durch die sorgfältige Auswahl deiner Autoren ein hohes Ansehen in Wissenschaftskreisen. Und weil Du dir Mühe gibst, bist Du aber trotzdem auch für Nicht-Fachleute verständlich. Wie schreibst Du selbst: „New Scientist wird für all jene Männer und Frauen herausgegeben, die sich für wissenschaftliche Entdeckungen interessieren und für deren industrielle, kommerzielle und soziale Folgen.

Wissenschaftjournalismus in Deutschland ist ein hartes Brot. Die Versuche reichen vom unsäglichen PM bis zum guten, aber trockenen Spektrum der Wissenschaft. Du hast dir da also viel vorgenommen, vor allem wenn man bedenkt, dass alles auch im Web stattfinden und man damit Geld verdienen muss. Immerhin – wir haben deinen Blog  überflogen und niemanden entdeckt, den wir auf Anhieb der Impfgegner-Geistheiler-Einsteingegner oder sonstwie Spinnerszene zuordnen dürfen. Daher setzen wir große Hoffnungen in dich! Wirst Du in Zukunft sachgerecht informieren, wenn das ZDF titelt, dass Genmais Krebs macht? Wirst Du klar Stellung beziehen, wenn wissenschaftliche Standards verletzt werden und die Publicity wichtiger ist als die Sache? Wir sind gespannt!

Enttäusch uns nicht!

Viel Glück!

 

Ein Blogportal für Skeptiker

12. Juli 2012 13 Kommentare

Manchmal sind es gerade die einfachen Dinge, auf die man nicht kommt, die aber doch irgendwie das Leben erleichtern.

Kurz bevor das alte Esowatch-Forum seinen Geist aufgab, stellte merdeister folgende Frage:

Brächte es das kritische Denken im deutschsprachigen Raum weiter, wenn es eine Plattform gäbe, auf der ein Großteil der Beiträge zum Thema zu finden ist?

Tja, täte es das? Auf jeden Fall wäre es praktisch, all die vielen Blogs, die sich mit wissenschaftlichen und skeptischen Themen beschäftigen, übersichtlich auf einer Seite zu haben. Mehr…

EteRNA – Spielen für die Menschheit

11. Dezember 2011 Keine Kommentare

Wir haben hier ja schon einmal über Foldit berichtet, bei dem Computerspieler Proteine falten und das schon eine wissenschaftliche Arbeit über ein Protein, das in der AIDS Forschung von großem Nutzen sein dürfte, veröffentlicht hat.

Ein quasi Nachfolge- oder Schwesternprojekt ist EteRNA, bei dem es darum geht, RNA und die Faltung von RNA zu verstehen. Einige der Mitarbeiter an EteRNA haben auch an Foldit mitgewirkt.

RNA ist ein wichtiger Baustein, der in vielen Anwendungen genutzt werden kann. RNA ist für die Umsetzung von genetischer Information in Proteine und als Informationsüberträger ein zentraler Bestandteil des Lebens. Und damit für Forschung und Medizin immens wichtig. (HIV ist z.B. ein RNA-Virus.) RNA ist (in der Regel) im Gegensatz zur DNA einsträngig und bildet dabei eine Kette von Nukleotiden (Adenin, Guanin, Cytosin, Uracil), die dann eine 3-dimensionale Form bilden. (Ähnlich einem Wollfaden, der zu einem Knäuel zerknüllt wird.)

Das Problem ist bei EteRNA ein grundsätzliches; man möchte die Regeln herausfinden, nach denen RNA eben die zugehörige dreidimensionale Struktur bildet. Der Übergang (Folding, Faltung) vom „Bauplan“ zum „fertigen Objekt“ ist mit dem derzeitigen Wissensstand nicht vorhersagbar. Es gibt zwar Software, aber die benötigt immense Rechenkraft, um zu Ergebnissen zu kommen.

Wenn jedoch die Regeln verfeinert werden können oder sogar exakt bekannt wären, könnte man sie in Software abbilden und wenn man ein „Bauteil“ braucht, statt wie jetzt lange nach einer passenden Formel zu suchen, spuckt es die Software sofort aus.

Dazu versucht man, sich der Macht der Masse zu bedienen. Tausende Spieler bauen RNA-Modelle und stellen die zum Testen ein. Die besten Entwürfe werden jede Woche gewählt und im Labor gefaltet. Je besser das Endergebnis, desto mehr Punkte bekommt man. EteRNA hat das Motto: „Played by Humans, Scored by Nature„.

Die wichtigste Frage dabei ist, wie werden die besten Entwürfe ausgewählt? Spieler können abstimmen, die letzte Auswahl treffen aber dann Wissenschaftler. Man erhielt zu Beginn des Projekts eine überaus präzise Erklärung, nach welchen Kriterien man bewerten solle: „Honestly, we don’t know“.

Inzwischen hat sich eine gewisse Wissensbasis gebildet, man weiß z.B., dass sich öfter wiederholende Sequenzen instabil sind. Nach Angaben der Erfinder haben Spieler schon unglaubliches Wissen gesammelt und klare Strategien dokumentiert, die alles bisherige übertreffen.

Langfristiges Ziel ist auch, dass Wissenschaftler ein RNA-Bauteil „einreichen“ können und tausende Menschen versuchen, dafür die perfekte Formel zu finden. Um dann vielleicht Speicher für biologische Computer zu entwerfen, Nanomotoren zum Laufen zu bringen und Krebszellen zum leuchten.

Und hier geht’s zum Spiel: Registrierung EteRNA

Das Scifund Experiment – Crowdfunding Wissenschaft

20. November 2011 6 Kommentare

Open Science ist spannend und wir haben auch schon darüber geschrieben, dass sich Wissenschaft verändern wird/muss.

Vor 3 Wochen ist das SciFund Projekt als Experiment angelaufen. Es geht darum herauszufinden, ob man über Spenden Wissenschaft finanzieren kann und man testet das einfach mal in der Praxis aus. Für den Anfang wurden 49 kleinere Forschungsprojekte aus diversen Bereichen ausgewählt, die zusammen Gelder in Höhe von 250.000$ benötigen. Die Einzelsummen schwanken von unter Tausend bis über 10.000 Dollar. Diese Vorgehensweise zu Geldbeschaffung nennt man Crowdfunding, Finanzierung durch die Masse der Internetnutzer.

Man findet das ganze bei Rockethub, einer Crowdfunding Plattform unter der Rubrik SciFund. Im Prinzip kann jeder bei RocketHub Projekte einreichen und hoffen, dass jemand interessiert genug ist sie zu finanzieren. Viele Künstler machen das schon lange. SciFund hat dabei aber seine eigene Kategorie, die die Projekte gruppiert.

Wichtig ist vielleicht zu erwähnen, dass es nicht darum geht konventionelle Finanzierung von Wissenschaft abzulösen, sondern sie zu ergänzen. Manche Projekte sprengen einfach die Möglichkeiten und Größenordnungen, die für Crowdfunding realistisch scheinen. Welche Rahmenbedingungen realistisch sind, muss man natürlich noch herausfinden. Aber gerade für kleinere Projekte könnte sich das als interessante neue Möglichkeit erweisen.

Hier eine stündlich aktualisierte Fortschrittsgrafik der Spenden:
Die Summe der bisher eingelangten Beiträge, stündlich aktualisiert

Über 50.000$ wurden also innerhalb von weniger als 3 Wochen gesammelt, einige wenige Projekte wurden dabei ordentlich überfinanziert, andere kämpfen mit extrem geringer Beteiligung

Als Spender erhält man je nach Spende kleine Goodies, Postkarten, namentliche Erwähnungen, Gedichte, und viele Dinge mehr. Die Wissenschaftler haben sich kreativ gezeigt und jeder bietet diverse kleine Belohnungen an.

Es sind viele spannende Forschungsprojekte dabei, zu Krebs, Impfung, wissenschaftlicher Publizistik, Landwirtschaft, Energiegewinnung,Artenschutz und viele, viele mehr.

Es ist sogar ein Nobelpreis verdächtiger Beitrag dabei, bei dem es um Erektionen bei Enten geht. Es bleibt zu hoffen, dass dieser Beitrag Finanzierung findet und damit 2012 vielleicht im Bereich Biologie nominiert wird. 😉

Über das zugehörige Blog findet man auch die Gedanken der Schöpfer zu SciFund, ihrer Erwartungshaltung und den Gründen diese Initiative zu starten.

Auf RocketHub findet man übrigens auch diverse andere Projekte, besonders mutig vielleicht der Versuch 1,2 Millionen Dollar für die Basisfinanzierung für den Bau einer Mondbasis aufzutreiben….

Wir würden es schön finden, wenn die Idee weiterverbreitet würde, wenn mehr Menschen davon erfahren und möglichst viele Projekte so finanziert werden könnten. Warum sollte Wissenschaft in der Hand von Firmen und Staaten liegen, warum sollten wir nicht selbst Anteil haben an der Generierung von weiterem Wissen?

Reinventing Discovery – Der Weg der Wissenschaft in die Zukunft

15. November 2011 2 Kommentare

Vor einer Weile habe ich mir „Reinventing Discoveries – The new Era of Networked Science“ gekauft. Das Buch stammt von Michael Nielsen, einem der führenden Wissenschaftler im Bereich der Quantencomputer. Er schrieb auch das Buch „Quantum Computing an Quantum Information“, das wohl mit Fug und Recht, obwohl 10 Jahre alt, als eines der besten Bücher in dem Bereich betrachtet werden kann. Kleine Einschränkung: Wenn man mit Grundbegriffen der Linearen Algebra wie Vektor, Matrix, Kern einer Abbildung, Kreuzprodukt, Pauli-Matrix nichts anfangen kann, ist das Buch ein ziemlicher Brocken. Etwas Wissen über Informatik, die Geschichte mit den Nullen und Einsen, ist ebenfalls hilfreich. 😉

Michael Nielsen hat übrigens eine kleine Serie von 5-10 Minuten Online-Videos zum Thema Quantum Computing in seinem Blog, die wirklich sehenswert sind (Auch hier wird Lineare Algebra als Basiswissen vorausgesetzt). Es lohnt sich reinzuschnuppern. Quantengeschwurbel ist ja im Esoterikbereich weit verbreitet, es scheint manchmal fast, als gebe es einen Preis für die unsinnigst mögliche, aber wohlklingende Satzkonstruktion die das Wort „Quantenphysik“ enthält.

Jedenfalls ist das neue Buch „Reinventing Discoveries“ sehr gut und ich hatte mir vorgenommen, eine Rezension darüber zu schreiben. Das kann ich mir aber im Wesentlichen sparen, da der Autor Michael Nielsen einen TED Talk hält, der vor allem den Geist und die Aussage wundervoll präsentiert. Mehr…

Gentechnik: Blut & Reis

14. November 2011 Keine Kommentare

Man kann zwar kein Blut aus Steinen, aber es scheint, dass man wohl Blut aus Reis pressen kann. Nun, zumindest ein wichtiges Blutprotein, genannt Albumin oder HSA1. Albumin ist ein wertvolles Protein, das bei Blutverlust, schweren Verbrennungen, Operationen und vielem mehr eingesetzt wird und es werden jährlich mehrere hundert Tonnen davon in Krankenhäusern benötigt. Weltweit wird an diversen Gewinnungsmöglichkeiten für das Problem geforscht, oft mit Hilfe der Gentechnik. Dass Albumin knapp wird, ist keine Seltenheit!

Die Methode zur Gewinnung aus Reis wurde von Wissenschaftlern an der Wuhan Universität in China und Kollegen vom National Research Council in Canada und dem Zentrum für Functional Genomics der University Albany, New York entwickelt. Es gelang ihnen gentechnisch modifiziertem Reis zu schaffen, der HSA1 produziert. Danach entwickelten sie eine Methode, das Protein vom Reis zu trennen und dabei 2,75g pro Kilo zu gewinnen – was zur Zeit die beste Quote ist, die man geschafft hat. Und kostengünstig genug für die Massenproduktion.

Das Protein muss natürlich noch ausgiebig getestet werden, bevor es „auf den Markt kommt“. Erste Tierversuche waren vielversprechend und ein Unterschied zu vom Menschen stammenden Protein konnte nicht festgestellt werden.

Bedeutsam ist, diese Reissorte verwischt die Grenzen zwischen medizinischer Anwendung und landwirtschaftlicher Anwendung besonders stark. Reis ist eines der wichtigsten Nahrungsmittel der Welt und eine neue Sorte davon ist nun auch medizinisch interessant. Können wir uns zurücklehnen, die landwirtschaftliche Anwendung von Gentechnik verteufeln und die medizinische Umarmen? Ich denke nicht. Die Grenzen sind fließend.

Wir müssen ein Umfeld schaffen, in dem Forschung möglich ist, ein Umfeld, in dem gentechnisch modifizierte Produkte kein Teufelswerk, sondern ein Produkt wie jedes andere sind. Ein Produkt, das rational auf Sicherheit und Verträglichkeit getestet wird, ein Produkt, dass bei Erfolg genutzt wird. Gentechnik ist ein wundervolles Werkzeug, dass unser Leben verbessern kann. Vorsicht hat ihren Sinn und Platz. Irrationale Angst nicht.

Zum dem Thema Gentechnik und Landwirtschaft sei noch dieser schöne Artikel in der Zeit empfohlen:

Landwirtschaft – Verwirrspiel auf dem Acker

Und natürlich unsere beiden Interviews mit Professor Wolfgang Nellen:

Der Zug für Grüne Gentechnik ist in Deutschland abgefahren

Horizontaler Gentransfer: Erklären wir die Friedhöfe zum Sperrgebiet!

 

Der Zug für Grüne Gentechnik ist in Deutschland abgefahren

26. Oktober 2011 12 Kommentare

Wolfgang NellenProfessor Wolfgang Nellen vom „Department of Genetics“ der Universität Kassel war vor kurzem bereit uns ein paar Fragen zum breiten Thema Gentechnik und der diesbezüglichen Situation in Deutschland zu beantworten. Prof. Nellen hat den Lehrstuhl für Genetik bereits seit 1995 inne, betreibt Grundlagenforschung und hat eine lange Liste von Publikationen veröffentlicht. Da die Antworten sehr umfangreich ausgefallen sind, werden wir den Text in 2 Teilen veröffentlichen.

 

 

Herr Professor Nellen, können Sie uns kurz erklären, womit Sie sich beruflich beschäftigen, woran Sie hauptsächlich arbeiten?

Ich bin Molekulargenetiker und meine Abteilung arbeitet an Mechanismen der Epigenetik. Wir benutzen den Modellorganismus Dictyostelium (eine einzellige Amöbe) um zu verstehen, wie die genetische Information z.B. durch die Verpackung der DNA in der Zelle beeinflusst wird. Dabei ergeben sich interessante, vermutlich generell gültige Erkenntnisse, wie z.B. die Umwelt Einfluss auf die Nutzung der genetischen Information nimmt und wie sich Zellen gegen molekulare Parasiten (z.B. Viren) wehren. Das ist reine Grundlagenforschung, die zum grundsätzlichen Verständnis, wie Leben funktioniert, beiträgt.

Inwieweit unterscheiden sich Züchtungen von Genmanipulierten Pflanzen? Oder anders gefragt: Ist Genmanipulation nur gezielte Züchtung?

Zunächst eine Korrektur: der Ausdruck „Genmanipulation“ wurde von Interessengruppen geprägt. Lassen Sie Ihr Auto manipulieren, wenn Sie in der Werkstatt die Zündung einstellen lassen? Gehen Sie zum Zahnmanipulator, wenn Sie sich ein Implantat machen lassen? Der negative Beigeschmack scheint beabsichtigt zu sein.
Gentechnische Veränderungen sind keine gezielte Züchtung. Durch die universelle Gültigkeit des genetischen Codes ist es möglich, Gene aus anderen Organismen in ein Genom einzusetzen. Das geht nicht durch Züchtung. Das bekannteste Beispiel dafür ist der Bt Mais, der ein Gen des Bakteriums Bacillus thuringiensis enthält.
Man kann aber auch z.B. Gene in einem Organismus ausschalten, um unerwünschte Eigenschaften loszuwerden. Ein wenig bekanntes, aber eindrucksvolles Beispiel ist eine Sonnenblume mit deutlich erhöhtem Anteil an ungesättigten Fettsäuren. Dabei wurde gezielt ein Gen ausgeschaltet, das normalerweise zur Sättigung der Fettsäuren führt. Dieser Effekt wurde auch durch Züchtung mit vorgeschalteter Mutagenese erzielt – also ohne Gentechnik. Mutagenese bedeutet, dass durch erbgutschädigende Substanzen (radioaktive Bestrahlung, krebserzeugende Gifte) ungerichtet Veränderungen erzeugt werden. Die Behandlung erfolgt so, dass mindestens 90% der Organismen (hier Sonnenblume) durch massive Erbgutänderungen sterben. Unter den Überlebenden wird nach solchen Veränderungen gesucht, die man sich wünscht – und die man oft auch findet. Ein Problem dabei ist, dass es durchschnittlich ca. 20 weitere Mutationen in einem solchen Organismus gibt. Von denen hat man keine Ahnung wo sie sind und was sie bewirken. Durch umfangreiche Rückkreuzungen mit dem Ausgangsstamm versucht man diese Mutationen auszukreuzen – ganz sicher kann man dabei aber nie sein.
In diesem Fall entspricht die gentechnische Veränderung im Ergebnis einer Züchtung – Gentechnik hat dabei jedoch den Vorteil, dass andere, unbekannte Mutationen wesentlich unwahrscheinlicher sind.

Ist es gesundheitsschädlich „Genetisch Modifizierte Organismen(GMO)“ zu essen? Gibt es irgendwelche Hinweise dafür/dagegen?

Kleine Korrektur: „genetisch modifiziert“ sind wir alle denn wir unterscheiden uns in unseren Genen. Diese genetische Varianz ist durch natürlich auftretende Mutationen entstanden. Sie meinen „gentechnisch modifizierte Organismen“, d.h. eine gezielte, technische Modifikation der DNA.
Schädigungen der Gesundheit sind bei zum Verzehr zugelassenen GMOs nicht bekannt. Es gibt immer wieder Berichte über Rinder, die an „Genmais“ gestorben oder erkrankt sind. Ein ursächlicher Zusammenhang ist aber nicht gegeben. Das wäre auch erstaunlich denn in USA werden Rinder fast ausschließlich mit GV Mais gefüttert. Es hätte auffallen müssen, wenn die alle sterben.

Gibt es Gefahren/Risiken bei der Verwendung von Tiergenen in Pflanzen und wenn ja welche?

Wenn Gene zwischen sehr verschiedenen Arten ausgetauscht werden, muss sorgfältig darauf geachtet werden, wie sie in das „genetische Umfeld“, z.B. den Stoffwechsel des Empfängers eingreifen und welche Effekte sie dort haben. Ein Allergen aus einer Nuss in eine Sojabohne zu setzen ist keine gute Idee. Ein für den Menschen tödliches Toxingen aus einer Schlange in die Kartoffel zu setzen, ist mit größter Wahrscheinlichkeit gesundheitsschädlich. Ein Gen für Frostresistenz aus einem Fisch in eine Erdbeere zu setzen kann einen Vorteil haben. Es müssen umfangreiche Untersuchungen durchgeführt werden, wie das Genprodukt sich in der Erdbeere verhält und ob es sich auf andere Eigenschaften der Erdbeere auswirkt – und ob diese Auswirkungen schädlich für den Verbraucher sind. Ein Handicap seriöser Wissenschaftler ist, dass sie niemals niemals sagen sollten. Negative Effekte können nie zu 100% ausgeschlossen werden. Nach einer ordentlichen Analyse halte ich die Risiken jedoch für geringer als bei der oben genannten „natürlichen“ Sonnenblume, die noch eine unbekannte Zahl an Mutationen unbekannter Wirkung enthält und die weitgehend ungeprüft als „Naturprodukt“, möglicherweise mit Biosiegel, vermarktet werden kann.

Führt an der Gentechnik überhaupt ein Weg vorbei?

Langfristig wohl kaum. Züchtung hat lange zu gewaltigen Ertragssteigerungen geführt. „Natürlich“ sind unsere Lebensmittelpflanzen seit fast 10.000 Jahren nicht mehr. Jetzt scheinen aber die Grenzen der konventionellen Züchtung erreicht zu sein. Gentechnisch ist es möglich, Pflanzen an die Eigenarten der Standorte anzupassen (Trockenresistenz, Salzresistenz usw.) um z.B. auch den Folgen des Klimawandels zu begegnen. Der Wettlauf mit Schädlingen wird schwieriger und Ernteverluste müssen eingedämmt werden. Teilweise könnte man diese Ziele vielleicht auch durch Kreuzung erreichen, aber gewiss nicht alle und es würde viel länger dauern.

Sie sind ja auch am Science Bridge(http://www.sciencebridge.net/) Projekt beteiligt, worum geht es dabei?

Science Bridge ist eine unabhängige „non-profit“ Organisation (gemeinnütziger Verein). Unabhängig bedeutet, dass wir von keinen Sponsoren aus der Wirtschaft abhängig sind und uns ausschließlich aus (moderaten) Kursgebühren und Mitgliedsbeiträgen finanzieren. Wir liefern in erster Linie Schulen Experimente zu Molekularbiologie und Gentechnik – zunächst also reine Wissensvermittlung und Experimentiererfahrung. Dabei versuchen wir möglichst wertfrei Information zur Gentechnik zu geben.
Weiterhin informieren wir in öffentlichen Veranstaltungen zur Gentechnik. Information ist jedoch eine Sache, sie alleine kann die Resistenz gegen Argumente (bedingt durch sehr erfolgreiche PR Aktionen verschiedener NGOs) nicht beheben. Wir versuchen deshalb, eigene Erfahrungen durch Laborkurse für interessierte Bürger zu vermitteln und danach zu diskutieren. Die Ergebnisse sind interessant: obwohl wir nicht versucht haben, Pfarrer, Journalisten oder auch Greenpeace-Gruppen zu „hirnmanipulieren“ gingen sie meistens sehr nachdenklich aus den Kursen nach Hause und alle meinten, dass sie die Sache jetzt etwas differenzierter sehen (ohne gleich zu flammenden Gentechnikbefürwortern zu werden!).

Welche Internetseiten können Sie empfehlen um sich zum Thema „Grüne Gentechnik“ zu informieren?
Wenn es bei der theoretischen Auseinandersetzung mit der Thematik bleibt, empfehle ich die XING Gruppe „Grüne Gentechnologie“ und die Infoseite von Transgen. Etwas Informationsmaterial haben wir auch auf der Science Bridge Seite unter Informationsmaterial Grüne Gentechnik. Ich hatte übrigens NABU und Greenpeace angeboten, dort auch ihre Sicht der Dinge einzustellen – wollten sie aber nicht.

Zur Fortsetzung:
Horizontaler Gentransfer: Erklären wir die Friedhöfe zum Sperrgebiet!

Foldit – Oder wie Computerspieler wissenschaftliche Paper schreiben…

19. September 2011 1 Kommentar

Ok, der Titel ist etwas übertrieben, aber nur ein klein wenig. Tatsächlich gelang es mit Hilfe von Computerspielern ein Problem der Proteinfaltung innerhalb von 3 Wochen zu lösen, an dem Wissenschaftler seit 15(!) Jahren verzweifeln. Das Ergebnis war das zweite Paper, das auf der Basis von Foldit Erkenntnissen im Nature Magazin veröffentlicht wurde. Die Spieler (bzw. die Spielergruppen) werden als Co-Autoren gelistet.

Screenshot of Foldit software aus Wikipedia

Screenshot(Quelle: Wikipedia)

Bei Foldit handelt es sich um ein experimentelles Computerspiel, bei dem es darum geht, Proteinfaltung durchzuführen. Wie bei vielen Computerspielen löst man Probleme, allerdings haben die Probleme in diesem Fall eine „reale“ Qualität. Es geht darum, Proteine möglichst gut zu falten, ähnlich wie es auch Projekte wie Folding@Home und Rosetta@homeautomatisiert tun. Aber wo rohe Rechenkraft ins Leere läuft, macht menschliche Intuition den Unterschied.

Im konkreten Fall konnte die Struktur des Enzyms M-PMV retroviral protease durch den Mix aus Zusammenarbeit und Konkurrenz der Spieler von Foldit sehr schnell entschlüsselt werden. Es handelt sich dabei, wie auch Geograffitico nebenan bei den Scienceblogs berichtet um ein Protein, dass in der AIDS Forschung von großem Nutzen sein könnte, es löst das Äquivalent von AIDS in Rhesus-Affen aus.

Es wird zur Zeit intensiv daran geforscht, Proteine wie dieses mit Medikamenten zu blockieren, jedoch kämpfte man bisher damit, dass man nicht wusste, welche geometrische Struktur das Protein hat.

Es gelang den Spielern Modelle zu erarbeiten, die es innerhalb weniger Tage erlaubten, die Struktur des Enzyms zu bestimmen. Und nicht nur das, es gelang außerdem lohnende Ziele an der Oberfläche auszumachen, die als Ziele für Medikamenten dienen könnten. Laut der Foldit Homepage hat man noch weitere Erkenntnisse auf Lager, die man in Kürze veröffentlichen wird. Man darf also gespannt sein. Um Seth Cooper, einen der Schöpfer von Foldit zu zitieren:

Games provide a framework for bringing together the strengths of computers and humans. The results in this week’s paper show that gaming, science and computation can be combined to make advances that were not possible before.

Jedenfalls finden wir die Meldung cool und das Spiel durchaus interessant. Da soll noch einer sagen, Computerspielen ist zu nichts nutze. 😉 Man kann nur hoffen, dass die Publicity weitere Spieler anlocken wird. Und es scheint, von außen betrachtet, zu funktionieren, die Foldit Seite ist zur Zeit sehr zäh.

Bleibt wohl nur die Frage, wann integriert das ganze jemand in World of Warcraft?