Archiv

Artikel Tagged ‘Wissenschaft’

Homöopathie – „nur“ ein Irrtum?

1. November 2018 45 Kommentare

Im letzten Wochenrückblick haben wir eine Diskussion darüber angeregt, welchen Aufwand man betreiben sollte, um unwissenschaftliche und irrationale Behauptungen, speziell die Homöopathie, zu kritisieren. Udo Endruscheit hat diese Herausforderung angenommen und uns dazu einen umfangreichen Beitrag geschickt, für den wir uns sehr herzlich bedanken und den wir hier veröffentlichen dürfen:

Der Teaser zum Psiram-Wochenrückblick 43/2018 konstatiert völlig zu Recht ein grundlegendes Problem der Kritik an Pseudomedizin, speziell der Homöopathie: Wieder und wieder müssten Berge falscher Behauptungen widerlegt werden, obwohl die Causa faktisch längst geklärt ist. Psiram warf die Frage auf, ob sich das lohnt. Könnte man nicht ebenso gut Bullshit mit Gegenbullshit kontern?
Anbei eine persönliche Stellungnahme dazu.

220 Jahre Homöopathie – es nervt…

Die Homöopathiedebatte nervt beide Seiten – die Kritiker der Methode wie auch die Homöopathielobbyisten. Sie ist aber dennoch wichtig bis unverzichtbar, weil diese „Methode“ als „Medizin“ öffentliche Reputation genießt, obwohl sie seit ihrem Bestehen – seit 1796 ! – keinen belastbaren Wirkungsnachweis erbringen konnte. Die Liste der failed trials ist sehr lang – sie zieht sich von ersten dokumentierten Versuchen in den 1810er Jahren bis zu den neun systematischen Reviews der Studienlage zwischen 1991 und 2018, von denen kein einziges eine belastbare Evidenz für eine spezifische Wirkung der Homöopathie ergeben hat.

Nicht bloß eine Methodendebatte

Ein großes Problem besteht in der Desinformation. Die Privilegierung durch das Arzneimittelgesetz verschafft der Homöopathie (noch?) einen Vertrauensbonus. Sie braucht keinen Wirkungsnachweis zu erbringen, ihre gesetzliche Arzneimitteleigenschaft und den Marktzugang erhalten die Mittelchen ausschließlich durch einen innerhomöopathischen Meinungskonsens.

Ein anderes Problem findet noch viel zu wenig Beachtung: Die weit verbreitete unkritische Überzeugung von der Wirksamkeit der Homöopathie rüttelt an den Grundfesten rationalen Denkens und ignoriert die Notwendigkeit intersubjektiver Maßstäbe.

Homöopathie ist keine Meinungssache. Sie ist auch kein Streitgegenstand unter Wissenschaftlern. Homöopathie ist schlicht irrational. Warum?

Mehr…

Ulrich Kutschera: ein Mann sieht rosa

1. August 2017 41 Kommentare

Man kennt das: ein Mensch redet sich in Rage und vertritt am Ende einer Diskussion, in der er sich entweder bedrängt oder bejubelt fühlt, Positionen, die er, hätte er klaren Kopf und einen Rest an Selbstreflektion behalten, zu Anfang niemals vertreten hätte. Selbst ein Jörg Meuthen soll ja einmal ein – konservativer, aber durchaus raisonabler – Nationalökonom gewesen sein.

Ein weiteres Beispiel lässt sich an dem an der Gesamtuniversität Kassel lehrenden Botaniker und Evolutionsbiologen Ulrich Kutschera studieren. Mit seinen kritischen Anmerkungen zu den um sich greifenden Gender-Theorien und Gender-Ideologien erlangte er eine gewisse Popularität. In der Tat sind viele seiner Bemerkungen in diesem Zusammenhang bedenkenswert, nicht obwohl, sondern gerade weil sie die Objektivität biologischer Fakten gegen die Subjektivität gesellschaftlicher Urteile und Zuschreibungen verteidigen. So weit, so gut – wäre da nicht die Verlockung der falschen Gefolgschaft, die unverhoffte Schützenhilfe wittert; der Reiz, die Dosis der Provokation, die schon einmal für frenetischen Beifall sorgte, noch einmal zu erhöhen. Und so musste es wohl kommen, dass der widerborstige Hochschullehrer der Verlockung, einmal als Tribun des gesunden Volksempfindens aufzutrumpfen, nicht widerstehen konnte. Die sogenannte „Homo-Ehe“ war der Aufhänger, das ultrareligiöse Medium „kath.net“ das Sprachrohr.

Es war dem habilitierten Biologen erklärtermaßen wichtig, seine prinzipiell atheistische und naturwissenschaftlich-materialistische Ausgangsposition in dem Interview vom 3. Juli 2017 klarzustellen:

Als atheistischer Evolutionsforscher bin ich dem christlichen Glauben gegenüber offen und tolerant eingestellt, ohne jedoch Schöpfungsmythen, über Adam und Eva als das erste Menschenpaar, in mein naturalistisches Weltbild aufnehmen zu können. Die offensichtliche Ablehnung der sogenannten „Ehe für alle“, eine Weiterführung des Begriffs „Homo-Ehe“, teile ich.

Weshalb dieses Medium, das Kutscheras Ausgangsposition sonst völlig ablehnt, trotzdem die Chance ergriff, gerade ihn zum Plausch zu bitten, war ihm anscheinend keine Überlegung wert. Und so warf er auf der Woge wohlfeiler Anfeuerungsrufe alle eigentlich angebrachten Bedenklichkeiten auch in sachlicher Hinsicht über Bord. Das Interview geriet genau zu dem Desaster, als das es wahrgenommen wurde.

Mehr…

Walachsche Methodenlehre für Anfänger (Teil 1)

31. Mai 2013 9 Kommentare

Die Speerspitze der Aufklärung [1], im Rang einer päpstlichen Autorität [2], hat sich kürzlich in der Rubrik „Methodenlehre für Anfänger“ [3] grundsätzlich zur Legitimität der Kritik an der „Komplementärmedizin“ geäußert. Wie zumeist in solchen Fällen ist der erste Gedanke des Lesers, dass es zu einer konkreten Widerlegung der Kritik, insbesondere der Kritik an dem Vordenker selbst, wohl nicht gereicht hat. Gelegenheiten dazu hätte es ja in jüngster Zeit genug gegeben [4, 5, 6]. Was hat er nun den methodologischen Anfängern stattdessen mit auf den Weg zu geben?

Zuerst: die Wissenschaftlichkeit der „jungen Blogger“ ist nur eingebildet, denn:

„Es handelt sich dabei um die Annahmen eines generellen Materialismus in dem Sinne, dass man davon ausgeht, einzig Materie sei wirklich, alles andere davon abgeleitet. Diese Aussage selbst ist eine philosophische oder religiöse, aber keine wissenschaftliche.“

Es ist nämlich nicht so, dass einzig die Materie wirklich sei. Es gibt ja schließlich auch noch den Geist, der sich aus ihr nicht ableiten lässt, und wenn man den nicht in Betracht zieht, dann ist man, so der O-Ton, „fundamentalreligiös“.

„Häufig verwechseln Autoren die Voraussetzungen, die eine bestimmte Form von Wissenschaft macht – und machen muß [sic] –, mit den Ergebnissen und mit den Möglichkeiten von Wissenschaft schlechthin. Ob Komplementärmedizin in diesem Sinne ‘wissenschaftlich’ ist oder nicht, ist nicht geklärt.“

Es gibt nur eine einzige Voraussetzung, von der die Wissenschaft ausgeht: es existiert eine Realität, und sie kann untersucht werden (eine Realität, die nicht untersucht werden könnte, deren Eigenschaften nicht bestimmbar wären, das wäre schon formallogisch ein leerer Terminus [7]). Mit welchen Ergebnissen der Wissenschaft könnte diese Voraussetzung „verwechselt“ werden? Was sind die „Möglichkeiten von Wissenschaft schlechthin“, die darüber hinausgehen könnten? Was hat die „Komplementärmedizin“ mit alldem zu tun? Wir werden es wohl nicht erfahren, und es ist ja ohnehin uninteressant, denn es handelt sich dabei nur um „krypto-religiöse“, „szientistische“ Weltanschauung. So schnell kann man gar nicht gucken, wie hier mit dem Inhalt von Begriffen jongliert wird. Der geschickteste Hütchenspieler würde vor Neid erblassen.

Was bietet uns die Methodologie noch, außer dieser Parterre-Akrobatik?

„Meist sind sie [die komplementärmedizinischen Verfahren] älter und traditionell überliefert und haben daher einen gewissen Vorsprung im Sinne einer allgemeinen ,Erfahrungsmedizin‘“

Das ist natürlich kein Vorsprung, sondern ein Zurückbleiben. Es sollte zutiefst misstrauisch machen, wenn sich eine Methode über Jahrzehnte und Jahrhunderte nicht ändert, mit anderen Worten: wenn sie einer Kritik nicht zugänglich ist.

„Dass auch diese Verfahren solide wissenschaftlich untersucht gehören, darüber sind sich die meisten Proponenten der Komplementärmedizin einig.“

Warum eigentlich? Unterwerfen sich die Proponenten damit nicht der Fundamental- oder wenigstens der Krypto-Religion?

Noch ein weiteres Schein-Argument der jungen Blogger gilt es zu dekonstruieren:

„Sozial: Häufig ist mit „unwissenschaftlich“ „den Konsens der Mehrheit der Fachleute verletzend“ gemeint.“

Die Kritiker meinen also, die wissenschaftliche Wahrheit werde per Mehrheitsbeschluss festgestellt? Dafür hätte man doch gern brauchbare Belege – aber die zu fordern wäre vermessen, weil:

„das selten explizit erwähnt wird.“

Pech gehabt. „Es wird sich doch irgendwie eine Schikane herausklauben lassen“ (Schopenhauer). Welche, das werden wir uns in Teil 2 ansehen.

  1. http://www.taz.de/!95412/
  2. „Unter Kollegen gilt Walach als ‘Methodik-Papst’“, http://www.psychophysik.com/h-blog/?p=9380, „… dass ich sogar seine Heiligkeit den Papst im Rennen ums Finale [für das Goldene Brett] ausgestochen habe“, http://harald-walach.de/2012/10/22/harald-walach-zur-verleihung-von-das-goldene-brett-2012/
  3. http://harald-walach.de/methodenlehre-fuer-anfaenger/11-wie-wissenschaftlich-ist-die-komplementaermedizin-oder-vom-hirsch-im-blaetterwald/
  4. https://blog.psiram.com/2012/10/von-langen-nadeln-und-einem-goldenen-brett/
  5. http://scienceblogs.de/kritisch-gedacht/2013/02/14/cam-media-quatsch-professor-walachs-marchenstunde/
  6. http://scienceblogs.com/insolence/2012/12/14/its-not-just-homeopathy-its-quantum-homeopathy-which-is-so-much-better/
  7. Wessel H: Logik und Philosophie, Logos Berlin 1999

Der Anfang der Wissenschaft

30. Dezember 2012 25 Kommentare

katze

Vielleicht denkt ihr, liebe Leser, euch jetzt: „Ja, spinnen die jetzt völlig bei Psiram? Ist denen die ständige Beschäftigung mit Eso-Spinnern aufs Hirn geschlagen? Ein Bild von einem Kind, das eine Katze gemalt hat; was soll denn sowas mit Wissenschaft zu tun haben?“

Auf den ersten Blick hat es wirklich nicht viel miteinander zu tun. Und als ich vom berühmt-berüchtigten „Psiram-Kernteam“ den Auftrag erhielt, dazu etwas zu schreiben, dachte ich mir auch: „Hä? Was soll das denn jetzt?“

Bei genauerer Betrachtung gibt es jedoch deutliche Parallelen. Und damit meine ich nicht etwa die Tatsache, dass auch im Wissenschaftsbetrieb gelegentlich die eine oder andere Tafel mit (zumindest auf dem ersten Blick) kaum verständlichem Gekritzel gefüllt wird. Mehr…

New Scientist

16. Oktober 2012 17 Kommentare

Lieber New Scientist!

Eigentlich bist Du ein britisches Erzeugnis. Auch wenn Du keine wissenschaftliche Zeitung mit Peer Review bist, genießt Du durch die sorgfältige Auswahl deiner Autoren ein hohes Ansehen in Wissenschaftskreisen. Und weil Du dir Mühe gibst, bist Du aber trotzdem auch für Nicht-Fachleute verständlich. Wie schreibst Du selbst: “New Scientist wird für all jene Männer und Frauen herausgegeben, die sich für wissenschaftliche Entdeckungen interessieren und für deren industrielle, kommerzielle und soziale Folgen.

Wissenschaftjournalismus in Deutschland ist ein hartes Brot. Die Versuche reichen vom unsäglichen PM bis zum guten, aber trockenen Spektrum der Wissenschaft. Du hast dir da also viel vorgenommen, vor allem wenn man bedenkt, dass alles auch im Web stattfinden und man damit Geld verdienen muss. Immerhin – wir haben deinen Blog  überflogen und niemanden entdeckt, den wir auf Anhieb der Impfgegner-Geistheiler-Einsteingegner oder sonstwie Spinnerszene zuordnen dürfen. Daher setzen wir große Hoffnungen in dich! Wirst Du in Zukunft sachgerecht informieren, wenn das ZDF titelt, dass Genmais Krebs macht? Wirst Du klar Stellung beziehen, wenn wissenschaftliche Standards verletzt werden und die Publicity wichtiger ist als die Sache? Wir sind gespannt!

Enttäusch uns nicht!

Viel Glück!

 

Ein Blogportal für Skeptiker

12. Juli 2012 13 Kommentare

Manchmal sind es gerade die einfachen Dinge, auf die man nicht kommt, die aber doch irgendwie das Leben erleichtern.

Kurz bevor das alte Esowatch-Forum seinen Geist aufgab, stellte merdeister folgende Frage:

Brächte es das kritische Denken im deutschsprachigen Raum weiter, wenn es eine Plattform gäbe, auf der ein Großteil der Beiträge zum Thema zu finden ist?

Tja, täte es das? Auf jeden Fall wäre es praktisch, all die vielen Blogs, die sich mit wissenschaftlichen und skeptischen Themen beschäftigen, übersichtlich auf einer Seite zu haben. Mehr…

EteRNA – Spielen für die Menschheit

11. Dezember 2011 Keine Kommentare

Wir haben hier ja schon einmal über Foldit berichtet, bei dem Computerspieler Proteine falten und das schon eine wissenschaftliche Arbeit über ein Protein, das in der AIDS Forschung von großem Nutzen sein dürfte, veröffentlicht hat.

Ein quasi Nachfolge- oder Schwesternprojekt ist EteRNA, bei dem es darum geht, RNA und die Faltung von RNA zu verstehen. Einige der Mitarbeiter an EteRNA haben auch an Foldit mitgewirkt.

RNA ist ein wichtiger Baustein, der in vielen Anwendungen genutzt werden kann. RNA ist für die Umsetzung von genetischer Information in Proteine und als Informationsüberträger ein zentraler Bestandteil des Lebens. Und damit für Forschung und Medizin immens wichtig. (HIV ist z.B. ein RNA-Virus.) RNA ist (in der Regel) im Gegensatz zur DNA einsträngig und bildet dabei eine Kette von Nukleotiden (Adenin, Guanin, Cytosin, Uracil), die dann eine 3-dimensionale Form bilden. (Ähnlich einem Wollfaden, der zu einem Knäuel zerknüllt wird.)

Das Problem ist bei EteRNA ein grundsätzliches; man möchte die Regeln herausfinden, nach denen RNA eben die zugehörige dreidimensionale Struktur bildet. Der Übergang (Folding, Faltung) vom “Bauplan” zum “fertigen Objekt” ist mit dem derzeitigen Wissensstand nicht vorhersagbar. Es gibt zwar Software, aber die benötigt immense Rechenkraft, um zu Ergebnissen zu kommen.

Wenn jedoch die Regeln verfeinert werden können oder sogar exakt bekannt wären, könnte man sie in Software abbilden und wenn man ein “Bauteil” braucht, statt wie jetzt lange nach einer passenden Formel zu suchen, spuckt es die Software sofort aus.

Dazu versucht man, sich der Macht der Masse zu bedienen. Tausende Spieler bauen RNA-Modelle und stellen die zum Testen ein. Die besten Entwürfe werden jede Woche gewählt und im Labor gefaltet. Je besser das Endergebnis, desto mehr Punkte bekommt man. EteRNA hat das Motto: “Played by Humans, Scored by Nature“.

Die wichtigste Frage dabei ist, wie werden die besten Entwürfe ausgewählt? Spieler können abstimmen, die letzte Auswahl treffen aber dann Wissenschaftler. Man erhielt zu Beginn des Projekts eine überaus präzise Erklärung, nach welchen Kriterien man bewerten solle: “Honestly, we don’t know”.

Inzwischen hat sich eine gewisse Wissensbasis gebildet, man weiß z.B., dass sich öfter wiederholende Sequenzen instabil sind. Nach Angaben der Erfinder haben Spieler schon unglaubliches Wissen gesammelt und klare Strategien dokumentiert, die alles bisherige übertreffen.

Langfristiges Ziel ist auch, dass Wissenschaftler ein RNA-Bauteil “einreichen” können und tausende Menschen versuchen, dafür die perfekte Formel zu finden. Um dann vielleicht Speicher für biologische Computer zu entwerfen, Nanomotoren zum Laufen zu bringen und Krebszellen zum leuchten.

Und hier geht’s zum Spiel: Registrierung EteRNA

Das Scifund Experiment – Crowdfunding Wissenschaft

20. November 2011 6 Kommentare

Open Science ist spannend und wir haben auch schon darüber geschrieben, dass sich Wissenschaft verändern wird/muss.

Vor 3 Wochen ist das SciFund Projekt als Experiment angelaufen. Es geht darum herauszufinden, ob man über Spenden Wissenschaft finanzieren kann und man testet das einfach mal in der Praxis aus. Für den Anfang wurden 49 kleinere Forschungsprojekte aus diversen Bereichen ausgewählt, die zusammen Gelder in Höhe von 250.000$ benötigen. Die Einzelsummen schwanken von unter Tausend bis über 10.000 Dollar. Diese Vorgehensweise zu Geldbeschaffung nennt man Crowdfunding, Finanzierung durch die Masse der Internetnutzer.

Man findet das ganze bei Rockethub, einer Crowdfunding Plattform unter der Rubrik SciFund. Im Prinzip kann jeder bei RocketHub Projekte einreichen und hoffen, dass jemand interessiert genug ist sie zu finanzieren. Viele Künstler machen das schon lange. SciFund hat dabei aber seine eigene Kategorie, die die Projekte gruppiert.

Wichtig ist vielleicht zu erwähnen, dass es nicht darum geht konventionelle Finanzierung von Wissenschaft abzulösen, sondern sie zu ergänzen. Manche Projekte sprengen einfach die Möglichkeiten und Größenordnungen, die für Crowdfunding realistisch scheinen. Welche Rahmenbedingungen realistisch sind, muss man natürlich noch herausfinden. Aber gerade für kleinere Projekte könnte sich das als interessante neue Möglichkeit erweisen.

Hier eine stündlich aktualisierte Fortschrittsgrafik der Spenden:
Die Summe der bisher eingelangten Beiträge, stündlich aktualisiert

Über 50.000$ wurden also innerhalb von weniger als 3 Wochen gesammelt, einige wenige Projekte wurden dabei ordentlich überfinanziert, andere kämpfen mit extrem geringer Beteiligung

Als Spender erhält man je nach Spende kleine Goodies, Postkarten, namentliche Erwähnungen, Gedichte, und viele Dinge mehr. Die Wissenschaftler haben sich kreativ gezeigt und jeder bietet diverse kleine Belohnungen an.

Es sind viele spannende Forschungsprojekte dabei, zu Krebs, Impfung, wissenschaftlicher Publizistik, Landwirtschaft, Energiegewinnung,Artenschutz und viele, viele mehr.

Es ist sogar ein Nobelpreis verdächtiger Beitrag dabei, bei dem es um Erektionen bei Enten geht. Es bleibt zu hoffen, dass dieser Beitrag Finanzierung findet und damit 2012 vielleicht im Bereich Biologie nominiert wird. 😉

Über das zugehörige Blog findet man auch die Gedanken der Schöpfer zu SciFund, ihrer Erwartungshaltung und den Gründen diese Initiative zu starten.

Auf RocketHub findet man übrigens auch diverse andere Projekte, besonders mutig vielleicht der Versuch 1,2 Millionen Dollar für die Basisfinanzierung für den Bau einer Mondbasis aufzutreiben….

Wir würden es schön finden, wenn die Idee weiterverbreitet würde, wenn mehr Menschen davon erfahren und möglichst viele Projekte so finanziert werden könnten. Warum sollte Wissenschaft in der Hand von Firmen und Staaten liegen, warum sollten wir nicht selbst Anteil haben an der Generierung von weiterem Wissen?

Reinventing Discovery – Der Weg der Wissenschaft in die Zukunft

15. November 2011 2 Kommentare

Vor einer Weile habe ich mir “Reinventing Discoveries – The new Era of Networked Science” gekauft. Das Buch stammt von Michael Nielsen, einem der führenden Wissenschaftler im Bereich der Quantencomputer. Er schrieb auch das Buch “Quantum Computing an Quantum Information”, das wohl mit Fug und Recht, obwohl 10 Jahre alt, als eines der besten Bücher in dem Bereich betrachtet werden kann. Kleine Einschränkung: Wenn man mit Grundbegriffen der Linearen Algebra wie Vektor, Matrix, Kern einer Abbildung, Kreuzprodukt, Pauli-Matrix nichts anfangen kann, ist das Buch ein ziemlicher Brocken. Etwas Wissen über Informatik, die Geschichte mit den Nullen und Einsen, ist ebenfalls hilfreich. 😉

Michael Nielsen hat übrigens eine kleine Serie von 5-10 Minuten Online-Videos zum Thema Quantum Computing in seinem Blog, die wirklich sehenswert sind (Auch hier wird Lineare Algebra als Basiswissen vorausgesetzt). Es lohnt sich reinzuschnuppern. Quantengeschwurbel ist ja im Esoterikbereich weit verbreitet, es scheint manchmal fast, als gebe es einen Preis für die unsinnigst mögliche, aber wohlklingende Satzkonstruktion die das Wort “Quantenphysik” enthält.

Jedenfalls ist das neue Buch “Reinventing Discoveries” sehr gut und ich hatte mir vorgenommen, eine Rezension darüber zu schreiben. Das kann ich mir aber im Wesentlichen sparen, da der Autor Michael Nielsen einen TED Talk hält, der vor allem den Geist und die Aussage wundervoll präsentiert. Mehr…

Gentechnik: Blut & Reis

14. November 2011 Keine Kommentare

Man kann zwar kein Blut aus Steinen, aber es scheint, dass man wohl Blut aus Reis pressen kann. Nun, zumindest ein wichtiges Blutprotein, genannt Albumin oder HSA1. Albumin ist ein wertvolles Protein, das bei Blutverlust, schweren Verbrennungen, Operationen und vielem mehr eingesetzt wird und es werden jährlich mehrere hundert Tonnen davon in Krankenhäusern benötigt. Weltweit wird an diversen Gewinnungsmöglichkeiten für das Problem geforscht, oft mit Hilfe der Gentechnik. Dass Albumin knapp wird, ist keine Seltenheit!

Die Methode zur Gewinnung aus Reis wurde von Wissenschaftlern an der Wuhan Universität in China und Kollegen vom National Research Council in Canada und dem Zentrum für Functional Genomics der University Albany, New York entwickelt. Es gelang ihnen gentechnisch modifiziertem Reis zu schaffen, der HSA1 produziert. Danach entwickelten sie eine Methode, das Protein vom Reis zu trennen und dabei 2,75g pro Kilo zu gewinnen – was zur Zeit die beste Quote ist, die man geschafft hat. Und kostengünstig genug für die Massenproduktion.

Das Protein muss natürlich noch ausgiebig getestet werden, bevor es “auf den Markt kommt”. Erste Tierversuche waren vielversprechend und ein Unterschied zu vom Menschen stammenden Protein konnte nicht festgestellt werden.

Bedeutsam ist, diese Reissorte verwischt die Grenzen zwischen medizinischer Anwendung und landwirtschaftlicher Anwendung besonders stark. Reis ist eines der wichtigsten Nahrungsmittel der Welt und eine neue Sorte davon ist nun auch medizinisch interessant. Können wir uns zurücklehnen, die landwirtschaftliche Anwendung von Gentechnik verteufeln und die medizinische Umarmen? Ich denke nicht. Die Grenzen sind fließend.

Wir müssen ein Umfeld schaffen, in dem Forschung möglich ist, ein Umfeld, in dem gentechnisch modifizierte Produkte kein Teufelswerk, sondern ein Produkt wie jedes andere sind. Ein Produkt, das rational auf Sicherheit und Verträglichkeit getestet wird, ein Produkt, dass bei Erfolg genutzt wird. Gentechnik ist ein wundervolles Werkzeug, dass unser Leben verbessern kann. Vorsicht hat ihren Sinn und Platz. Irrationale Angst nicht.

Zum dem Thema Gentechnik und Landwirtschaft sei noch dieser schöne Artikel in der Zeit empfohlen:

Landwirtschaft – Verwirrspiel auf dem Acker

Und natürlich unsere beiden Interviews mit Professor Wolfgang Nellen:

Der Zug für Grüne Gentechnik ist in Deutschland abgefahren

Horizontaler Gentransfer: Erklären wir die Friedhöfe zum Sperrgebiet!