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Archiv für die Kategorie ‘Geschichte’

Homöopathie grotesk

25. Mai 2019 5 Kommentare

Zur Homöopathie ist alles gesagt, sollte man meinen. Es hat nie eine Zeit gegeben, in der sie nicht für ihre Unwissenschaftlichkeit und die Absurdität ihrer Grundannahmen kritisiert worden ist. Heinrich Heine hat dem Homöopathen Didier Roth den “millionsten Theil einer Lyoner Salami” geschickt. Wenn die Homöopathie überhaupt je einen positiven Einfluss auf die Medizin hatte, dann beschränkt er sich darauf, dass sie weniger eingreifend als die zeitgenössische Medizin gewesen ist. Nichtstun war im Allgemeinen humaner als Zugpflaster, Einläufe und Aderlässe (s. hier). Schon den Einfluss auf die Entwicklung der medizinischen Forschung kann man nur als „Erfolg“ der Homöopathie verbuchen, wenn man eine dialektische Volte zu Hilfe nimmt. Das messianische Geschrei der Homöopathen war den Zweiflern so auf die Nerven gegangen, dass sie auf Mittel zur empirischen Überprüfung gesonnen hatten: der vermutlich erste plazebokontrollierte Doppelblindversuch in der Medizin war das Resultat dieser Überlegungen. Das Ergebnis konnte niemanden überraschen:

Wirft man nun einen Blick auf die gewonnenen Resultate, so sieht man zuvörderst, dass die bey weitem überwiegende Mehrzahl der Versuchspersonen eben so wenig auf das potenzirte Kochsalz wie auf reines Wasser irgend eine Befindensveränderung wahrgenommen hat, woraus mit Recht die Identität der Wirkungskraft dieser beyden Flüssigkeiten gefolgert werden kann, während doch Hahnemann und die Homöopathen der ersteren eine Kraft zuschreiben, vermöge welcher sie 897, sage: achthundert sieben und neunzig Zufälle in Gesunden erregen, und denen gemäss sie Kranke heilen soll […] [Die homöopathischen Kochsalzversuche zu Nürnberg]

Genauso wenig überraschend ist es gewesen, dass die Adepten sich davon nicht irritiert fühlten, sondern herablassend – und über jeden Versuch einer methodischen Kritik erhaben – erwiderten:

das Ganze läuft auf nichts, als auf eine, eines wissenschaftlichen Arztes unwürdige, jämmerliche Fratze hinaus; nur bornirte Köpfe sind deren fähig; am Unwesentlichen bleiben sie hängen: um zum Wesentlichen zu gelangen, haben sie freilich keinen Verstand — nur so viel gerade, um, statt die Nichtigkeit der von ihnen angegriffenen Sache, ihre eigene Nichtigkeit in pessima forma darzulegen. [1]

Spätestens seit dem Donner-Bericht über die Versuche, die Homöopathiewirksamkeit in den späten 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts zu belegen (verfasst ca. 1966, die Publikation bis in die 80er Jahre von den Homöopathen erfolgreich unterdrückt), muss jedem klar sein: es gibt keine geheime Kraft, die dieser „Medizin“ Wirkung verschafft. Alle späteren Versuche, die Wirksamkeit wissenschaftlich zu beweisen, erfinden das Fahrrad neu und sind Marketinginstrumente. Weil aber jede Generation dazu verurteilt ist, die Fehler der früheren zu wiederholen, gibt es in gewissen Abständen neue Reviews, Metaanalysen oder Stellungnahmen wissenschaftlicher Gremien hierzu. Sie stellen keine neuen Erkenntnisse fest, sondern verteidigen lediglich die bisherigen gegen neue Nachrichten über vollbrachte Wunder. Diese Messen sind alle gesungen. Wenn also der Gesundheitswissenschaftler Prof. Gerd Glaeske kürzlich meinte:

bei homöopathischen Mitteln fehlt bisher grundsätzlich bei allen Mitteln, die homöopathisch daherkommen, ein Wirksamkeitsnachweis

dann ist das eine Aussage, die niemanden aufregen kann. Doch was ist das?

Für diese Aussage hat der mittelständische Hersteller Hevert-Arzneimittel Glaeske über einen Anwalt abmahnen lassen.

Wer hier „mittelalterlich“ liest, dem kann verziehen werden.

Geschäftsführer Mathias Hevert von Hevert-Arzneimittel zum Vorgehen gegen Prof. Glaeske. Er sagte mit deutlichen Worten […]: „Hevert-Arzneimittel wird zukünftig noch entschlossener gegen Homöopathie-Kritiker vorgehen und Personen juristisch angehen, wenn sie falsche Aussagen über die Homöopathie verbreiten und damit Rufschädigung betreiben, was geschäftsschädigende Auswirkungen für uns haben kann.“

Und auch hier ist ein wenig inhaltliche Hilfestellung erforderlich: statt „noch entschlossener“ muss es heißen „noch unverschämter“. Man muss schon weit laufen, um heutzutage Beispiele für ähnliche Grotesken zu finden. Natalie Grams beharrt trotz anwaltlicher Ermahnung darauf, dass 2 + 2 = 4 ist:


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Mehr Details zum aktuellen Anlass z. B. hier:


  1. Ludwig Griesselich: Hygea: Centralorgan für die homöopathische oder specifische Heilkunst. C. T. Groos, 1835, S. 324 – 330 [online hier]

Heisenberg, der selbsternannte Wissenschaftsidiot

14. Januar 2019 Keine Kommentare


In unserem Forum diskutieren wir gerade mit einem hoffnungsvollen Erfinder eines Perpetuum mobile. Er zitiert als eine seiner Antriebsfedern Heisenberg:

„Ich denke, dass es möglich ist, den Magnetismus als Energiequelle zu nutzen. Aber wir Wissenschaftsidioten schaffen es nicht. Das muss von Außenseitern kommen“

Dieses „Zitat“ ist so völlig daneben, dass es reizt, den Ursprung zu suchen. Man wird schnell fündig:

In seinem 1981 herausgekommenen Buch “Energie im Überfluss” schrieb Gottfried Hilscher über Heinrich Kunel, den Erfinder eines Magnetmotors. Dieser Maschinentyp wurde 1977 zum ersten Mal offengelegt und 1980 als Prototyp gebaut. Er soll einen Wirkungsgrad von 130% aufgewiesen haben. Die Anmeldung zum Patent DE3024814 wurde von Prof. Pollermann (KfA Jülich) wegen “Perpetuum-Verdacht” abgewiesen. Gottfried Hilscher schrieb dazu:
“Heinrich Kunel denkt seit frühester Kindheit über den Magnetismus nach. Den Anstoss dazu gab sein Grossvater, der ihn bedeutungsvoll darauf aufmerksam machte, dass mit Magneten Grosses anzufangen sei. Später bestätigte ihn Werner Heisenberg, der nach Kunels Erinnerung zu ihm gesagt hatte: ‘Ich halte es für möglich, den Magnetismus als Energiequelle zu nutzen. Aber wir Fachidioten können das nicht, das muss von aussen kommen.’”
Es war also eine Aussage, die Werner Heisenberg, mit dem Heinrich Kunel persönlich bekannt war, ihm gegenüber getan hatte. Da es sich um eine Originalaussage von Werner Heisenberg dem Erfinder gegenüber gehandelt hat und dieser wiederum Gottfried Hilscher informierte, kann davon ausgegangen werden, dass dieser die Aussage zum ersten Mal in seinem Buch zitiert hat.
http://www.borderlands.de/net_pdf/NET0515S31-35.pdf

Gottfried Hilscher ist ein Mann, der „Druckkraft“ in kg misst und der das gänzlich unmystische hydrostatische Paradoxon für eine Anomalie der Naturgesetze hält (hier). Es ist zweifelhaft, ob Kunel jemals mit Heisenberg gesprochen hat. Die ganze Geschichte beruht auf Hören-Hörensagen; es gibt keinen Anlass, sie für eine reale Begebenheit zu halten. Außer wenn man sich gerade sehr wünscht, dass dieses Gespräch so stattgefunden habe. Die Magnetmotorerfinder waren wenigstens mit dieser Erfindung „erfolgreich“ – bei ihren Gläubigen.

Setzen wir mal den zugegeben kaum wahrscheinlichen Fall, Hilscher wäre ein zuverlässiger Berichterstatter und Kunel ein Heisenberg-Gesprächspartner. Wenn Heisenberg je so etwas in der Richtung gesagt haben sollte, dann weil er das arme verkannte Genie Kunel ein bisschen trösten wollte. Wer erleuchtet ist, der hört bewundernde Zustimmung in jeder Höflichkeitsformel, die vorsichtiger formuliert ist als „Du bist ein Spinner!“.

Es gibt eine Parallele in der Wissenschaftsgeschichte der Frühen Neuzeit. Der Visionär, Prophet und verworrene religiöse Schwärmer Quirinus Kuhlmann (1651-1689) schrieb einst an den jesuitischen Universalgelehrten Athanasius Kircher (1601-1680), der zu seinen Lebzeiten als großer Wissenschaftler galt. Kuhlmann übermittelte eines seiner Werke mit seinen Studien und Entdeckungen an Kircher. Er gab zu verstehen, dass er Kircher weit übertroffen habe.

Kircher machte sich nicht die Mühe, seine eigenen Schriften zu verteidigen. Er erklärte demütig, dem sublimen und inspirierten Wissen Kuhlmanns unterlegen zu sein. Aber er riet Kuhlmann, seine neu erworbene Wissenschaft lieber für sich zu behalten, auf dass er nicht verspottet werde,

insbesondere in diesen sarkastischen Zeiten, in denen Möchtegern-Kritiker, Prahler und Heuchler so zahlreich sind, die es zu ihrem Geschäft machen, die glorreichen Mühen anderer zu verhöhnen und sie dem Spott und Gelächter auszusetzen.

(Nach: Pierre Bayle, Historisches und Kritisches Wörterbuch, Artikel KUHLMANN, Anm. E, F).

Mittelalter-Flacherde reloaded

16. September 2017 10 Kommentare

A Newtonian might put it this way:
for every myth there is an equal and opposite myth.
– Noah J. Efron

Kürzlich haben wir im Blog versucht, über die Entlarvung des Mythos, das Mittelalter habe an die Erde als eine Scheibe geglaubt, zu berichten (hier). Wir hatten einen einzigen Kommentar:

Hä?

Da sind wir ein wenig in uns gegangen und zu dem Schluss gekommen, dass wir wohl etwas zu komprimiert und sprunghaft in unserem Text gewesen sind. Diejenigen, die mit der Materie bisher nicht so befasst waren (sicher 99,9% unserer Leser; so wichtig ist die Angelegenheit schließlich nicht), lässt unser Blogbeitrag ratlos zurück. Wir wollen deshalb noch ein wenig Kontext liefern, einen etwas größeren Rahmen aufspannen und bei dieser Gelegenheit einige weitere, charakteristische Details beitragen.

Man weiß, dass Galilei von der katholischen Kirche verurteilt wurde, weil er die Erde aus dem Mittelpunkt des Universums geworfen hatte [1]. Man weiß: Kolumbus hat mit seiner Entdeckung Amerikas bewiesen, dass die Erde rund ist. So steht es in den Schulbüchern; auch jetzt noch [2]. Letztere Behauptung ist jedoch so unzulässig verkürzt, dass sie geradezu falsch ist, was eigentlich seit längerem [3] klargestellt sein sollte. Im 15. Jahrhundert war die Erde längst rund; theologische Bedenken über die Gestalt der Erde spielten bei der Reise des Kolumbus nur eine untergeordnete Rolle, wenn es auch plausibel ist, dass sie eine Rolle spielten [4].

Auftritt Jeffrey Burton Russell

Mehr…

Der fröhliche Bischof Virgil reitet auf der Erdkugel in die Neuzeit

26. August 2017 2 Kommentare

Von mancherlay gestaltnus der menschen schreiben Plinius: Augustinus vnd ysidorus die hernachgemelten ding. Doch ist als Augustinus schreibt nit zuglawben das ettliche menschen an dem ort der erden gegen vns da die sunn auff geet. so sie wider nider geet die versen gegent vnsern fueßen keren. [Weltchronik des Hartmann Schedel, 1493 f. 12 recto]

Kürzlich erwähnten wir die merkwürdige aber vielfältig verwendbare Ansicht von der Erde als einer Scheibe: die Eintagsfliege Scaramucci hatte versucht, mit ihr die Wissenschaft lächerlich zu machen (hier). Die kryptosatirische Flat Earth Society vertritt sie, aber das Mem begegnet uns auch in anderen Zusammenhängen, die man sorgfältig von dieser Skurrilität unterscheiden sollte. So heißt es vielfach, insbesondere die amerikanischen Autoren des 19. Jhd. Irving, Draper und White hätten in ihren antichristlichen Polemiken die Idee propagiert, Kolumbus habe gegen die mittelalterliche Vorstellung von einer flachen Erde ankämpfen müssen. Sie wollten die Religion anschwärzen. Dazu wäre einiges zu sagen, aber wir wollen uns hier auf ein Detail beschränken.

In Deutschland sollte das ja nun schon länger kein Thema mehr sein (Gerhard Prause, Niemand hat Kolumbus ausgelacht, 1966). Ist es aber, wir kommen darauf zu sprechen. Der international erfolgreiche Debunker dieses Mythos, d. h. der These, das Mittelalter habe an eine flache Erde geglaubt, ist Jeffrey Burton Russell [1] (es besteht keine Gefahr, ihn mit Bertrand Russell zu verwechseln). Für Russell dient die völlige Überzeichnung der Flacherde-Geschichte dazu, sie als erlogenen Keim und Kern der Auffassung von der Inkompatibilität von Religion und Wissenschaft hinzustellen, und so bemüht er sich, die Aufklärung gleich mit im Klo runterzuspülen. Voltaire war ein „großer Satiriker“, Hobbes hat „geprahlt“; Condorcet, Diderot, Benjamin Franklin, Edward Gibbon, Hume „waren unermüdlich in ihrer Verachtung für das Christentum und besonders für das Mittelalter“, und Thomas Paine war „zügellos“ [unbridled] (S. 61). Verweilen wir ein wenig bei letztgenanntem.

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Tradition, Tradition …

9. Januar 2014 1 Kommentar

[Wikipedia]

[Bildquelle: Wikipedia]

Zu den häufigsten Bingo-Karten der Paramedizin (wie z. B. natürlich = sanft, und nicht chemisch; Stärkung der Selbstheilungskräfte / des Immunsystems; Ganzheitlichkeit; individuelle Behandlung) gehört die „jahrzehnte- bis hundertealte Erfahrung“, wenn irgend möglich dann auch als „jahrtausendealte Erfahrung“ (Ayurveda, Akupunktur) auftretend. Schon mein Großvater wusste, die Hausmittel …, nun, Sie wissen schon. Aber, nun mal im Ernst, was wusste unser Großvater eigentlich? Psiram hatte die Gelegenheit, ihn direkt zu befragen. Mehr…