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Artikel Tagged ‘TCM’

WHO: TCM ins ICD – Traditionelle Chinesische Heilkunde, die lichte Zukunft der Medizin?

27. Juni 2018 5 Kommentare

Die Weltgesundheitsorganisation hat einen neuen Entwurf der elften Version ihres Klassifikationssystems für medizinische Diagnosen (ICD) vorgestellt, die im nächsten Jahr verabschiedet werden soll. Vorgesehen ist eine neue Abteilung für „traditionelle medizinische Störungen“ (damit ist chinesische, japanische und koreanische „Naturheilkunde“ gemeint). Systematische Bestrebungen, Quacksalberei auf diese Weise hoffähig zu machen, gibt es schon seit längerem. Wir hatten die Geschichte dieser Bemühungen bereits angerissen und mit wenig Erfolg versucht, den Begriffswirrwar zu durchdringen (hier), dessen Zweck darin besteht, grundsätzliche Unterschiede zwischen „traditioneller“ und „westlicher“ Medizin zu verschleiern.

Die „Integration“ der Glaubensmedizin in die wissenschaftlich begründete Medizin erfordert eine gewisse gedankliche Flexibilität, ein Denken, das eingetretene Pfade verlässt. Ben Kavoussi von Science Based Medicine hatte das schon vor einiger Zeit mittels eines Foucault entlehnten Borges-Zitats illustriert [1]:

Dieser Text zitiert „eine gewisse chinesische Enzyklopädie“, in der es heißt, daß „die Tiere sich wie folgt gruppieren: a) Tiere, die dem Kaiser gehören, b) einbalsamierte Tiere, c) gezähmte, d) Milchschweine, e) Sirenen, f) Fabeltiere, g) herrenlose Hunde, h) in diese Gruppierung gehörige, i) die sich wie Tolle gebärden, k) die mit einem ganz feinen Pinsel aus Kamelhaar gezeichnet sind, 1) und so weiter, m) die den Wasserkrug zerbrochen haben, n) die von weitem wie Fliegen aussehen“.

Was bringt die WHO dazu, einen derartigen Bruch mit der Wissenschaft zu vollziehen? Die Generaldirektorin der WHO, Frau Dr. Margaret Chan, äußerte sich zu diesem Thema in einer Grundsatzrede anlässlich der „International Conference on the Modernization of Traditional Chinese Medicine“ am 23. Oktober 2016.

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Die WHO und die Paramed… äh, Traditionelle Medizin

8. Dezember 2014 21 Kommentare

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Seit langem bemüht sich die Weltgesundheitsorganisation um die „Integration“ der mit Ehrfurcht und Respekt behandelten anderen Medizin. Bereits in der Deklaration von Alma-Ata von 1978 habe die WHO „dazu aufgerufen, die traditionelle Medizin in die Grundversorgung einzubeziehen“ [vgl. hier], wenn auch zunächst nur in einem Halbsatz: auch traditionelle Heiler sollten wenn nötig im „health team“ mitarbeiten. Später aber verhinderte erst die hartnäckige Obstruktion durch engstirnige, konventionelle Mediziner, dass eine Würdigung der Homöopathie durch die WHO beschlossen werden konnte. Seine königliche Hoheit der Prince of Wales etc. etc. war 2006 eingeladen, seine Vorstellungen zur „integrativen Medizin“ der Weltgesundheitsversammlung zu unterbreiten, was von der arroganten Medizinerzeitschrift Lancet als Beispiel für eine irrationale Entscheidungsfindung der WHO bedauert worden war [1]. Die Deklaration von Beijing von 2008 stellte einen weiteren Meilenstein auf dem Weg zu einer „integrativen Medizin“ dar.
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Tradition, Tradition … heute: Traditionelle Chinesische Medizin (TCM)

11. November 2014 13 Kommentare

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Kürzlich hat uns unser Agent Mark Twain einen Eindruck von den sanften, ganzheitlichen Heilmethoden der Traditionellen Westlichen Medizin verschafft. Da ist es nun an der Zeit, auch die uralte Weisheit der TCM ein wenig zu beleuchten. Wir entsenden dazu einen Missionar namens Dugald Christie, der in der ehemaligen mandschurischen Hauptstadt Mukden (heute Shenyang) Ende des 19. Jhd. ein Hospital aufbaut. Er berichtet über die dort übliche Diagnostik:

… Krankheit wird über den Puls diagnostiziert, von dem es ebenso fünf Arten gibt. Der linke zeigt den Zustand von Herz, Leber und Nieren an, der rechte den von Lunge und Magen sowie den des „Tors des Lebens“. Wenn ein Patient zum ersten Mal das Sprechzimmer betritt, erwartet er nicht, befragt zu werden.

Soviel zur ausführlichen Erhebung der Krankengeschichte in der Traditionellen Chinesischen Medizin.
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Pfarrer, TCM und Exorzisten

30. November 2011 5 Kommentare

In Österreich ist wirklich der Wurm drin (also, der mit den 666 Beinen). Da sind einmal ein paar (d.h. so 300) Pfarrer, die den Aufstand proben und so schwachsinnige Dinge wie die Zulassung von Frauen und Verheirateten zum Priesteramt fordern. Wo kommen wir denn da hin? Das ist das Militär! äh, die Kirche.

Gottseidank bleiben die österreichischen Kardinäle und Rom hart! Ungehorsam? Die sollten die einfach rauswerfen. Frauen im Priesteramt? Um Gottes Willen …
(In Deutschland sind die Katholiken da weiter, da werden so Gestalten wie z.B. schwule Priester rausgeworfen!)

Aber das ist ja nicht alles, dann gibt es sogar Laien, die gegen ihren Pfarrer rebellieren, wegen altestamentarischer Ansichten. Was wollen die denn? Nur weil er Kinder fragt: „Bist Du bereit, für Jesus zu sterben?“, sollen sich ein Beispiel an Abraham nehmen. Der war bereit, seinen Sohn zu schlachten. Oder an Lot, als seine Gäste bedroht werden:

„Siehe, ich habe zwei Töchter, die haben noch keinen Mann erkannt, die will ich herausgeben unter euch, und tut mit ihnen, was euch gefällt; allein diesen Männern tut nichts, denn darum sind sie unter den Schatten meines Daches eingegangen.”

(Mose 19,8)

Das waren noch Eltern. Im schönen alt-testamentarischen Sinne. Die sollen sich nicht aufregen, er fragt ja nur.

Und die Medien hetzen gegen die armen Barmherzigen Brüder im Innviertel. Die sollen Inder zu einem Hungerlohn über Jahre beschäftigt haben und außerdem Steuern und Sozialabgaben hinterzogen haben. Das kann gar nicht stimmen! Denn Jesus sagt:

„Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!“

(Markus 12:13)

Seht ihr, die haben ganz sicher keine Steuern hinterzogen. Das Bibelzitat beweist es! Vermutlich haben sie die Inder einfach als Sklaven gehalten, das ist schon ok:

„Wenn aber der Priester einen Sklaven für Geld kauft, so darf der davon (von den Opfergaben) essen.“

(3. Mose 22,11)

Allerdings gibt es auch beunruhigende Dinge (vermutlich alles Lügen), die da über die Barmherzigen Brüder berichtet werden. So heißt es etwa, dass sie TCM und Ayurveda geduldet haben! Eine Möchtegern-Medizinerin soll sich als Ärztin ausgegeben und dieses Teufelswerk angeboten haben. Dass sie schon 2004 angezeigt wurde, weil sie sich als Ärztin ausgegeben hat, ist ja völlig egal. Aber dieses östliche Zeug, das ist ja klar des Teufels! Der ExorzistDas weiß man als guter Christ vom Exorzisten persönlich! Der Mann weiß, wovon er redet; er erklärt auch, dass all die Missbrauchsfälle der letzten Jahre nur ein Angriff des Antichristen auf die Kirche sind. Muss ja nicht gleich der Chef sein, aber vielleicht sollten sie den aus Stift Lambach hinschicken?

Aber am schlimmsten sind die Ketzer! Da hetzt doch eine Meute Atheisten ganz ungeniert gegen die Kirche und will sie da treffen, wo es wirklich weh tut. Übles Gesocks. Die wagen es doch tatsächlich, der heiligen Mutter Kirche an die (an alle zart Besaiteten: schnell wegschauen!!) … Finanzen zu gehen. Die haben doch glatt ein Volksbegehren gestartet, damit die Kirche ihre Privilegien verlieren möge. Außerdem soll der Staat Missbrauchsfälle in der Kirche rechtlich verfolgen und das nicht Rom überlassen.

Gottseidank fehlen ihnen noch 666 Unterschriften (Die Zahl auf ihrer Homepage ist sicher gelogen, die 666 sind leicht zu beweisen, es ist grade 23:32 (3×2 ist 6 und ich war heute Abend schon 6 mal auf dem Klo -> 6 6 6). Halleluja!

Man sollte wieder den Hexenhammer auspacken und die Inquisition rufen!

Armer schwarzer Kater

16. Dezember 2010 10 Kommentare

Professor Wallach von der Frankfurter Europa-Universität Viadrina ist traurig, weil es einen „Haut-die-Homöopathie-und-alle-Spinner-in-die-Pfanne“-Zug in Deutschland gibt. Da hatten sich doch wirklich ein paar überregionale Zeitungen erdreistet etwas Wahres, jenseits des Ganzheitsgeschwurbels, über die neoschamanistische Alternativheulermedizin zu schreiben. Es gibt eine Erwiderung (Link) zum „Magie im Hörsaal“-Artikel vom August aus der SZ. Die ist putzig, enthält herrliche Stilblüten, keine Wirksamkeitsnachweise, das übliche Big-Pharma-Bashing und den lustigen Vorwurf, dass Wissenschaftler und die Kritiker der Husch-Fuschi-Medizin fundamentalistische Dogmatiker sind.
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Herzhafte Überschrift bei Doc-Check-News

17. April 2010 1 Kommentar

Vorsicht, Fuck-up-unktur

Das ist doch mal ein Hinkucker. Mit guten Überschriften fängt man Leser und kurbelt schöne Kommentare an. In dem Artikel geht es um die Risiken der Nadelstecherei, die zwar einen ausgeprägten Plazeboeffekt, aber keine darüberhinausgehende Wirkung auf Erkrankungen hat. Wieso sollte sie auch? Chi ist vorwissenschaftlicher Bullshit, der Meridianverlauf variiert nach Belieben während Staphylokokkus aureus und HBV keine Märchen, sondern reale Krankheitserreger sind. Strikte Hygiene (gründliche Hautdesinfektion) und Einwegnadeln sind also beim chinesischen Voodoo Pflicht. Darum geht es auch in dem Artikel. Die Überschrift ist nur der Eye-catcher und stammt gar nicht von der Verfasserin. Hier ein Auszug und ein paar Links:

Die häufigsten Infektionen wurden mit pyogenen Bakterien beschrieben. In den 70er und 80er Jahren waren dies weltweit 50 Fälle. Die meisten Infektionen mit Eitererregern gingen von der Hautflora der akupunktierten Patienten aus. Offenbar war die Haut vor der Akupunktur nicht ausreichend desinfiziert worden. Bei lokalen Infektionen zeigten sich typische meridian- und Akupunktur-spezifische Läsionen. Nach der Akupunktur entwickelten sich Abszesse und septische Arthritiden, seltener schwere Folgeerkrankungen wie infektiöse Endokarditis, Meningitis, Endophtalmitis u. a. Der Übeltäter in über der Hälfte der Fälle: Staphylokokkus aureus.
[…]
Die genannten Infektionen könnten allerdings nur die Spitze des Eisbergs sein, vermutet Woo und fordert eine bessere Infektionskontrolle. Ein erster Bericht der Übertragung des Methicillin-resistenten Staphylokokkus aureus (MRSA) erschien 2009. Dabei kam es nach Akupunktur zu einer septischen Arthritis mit Zerstörung des Gelenkknorpels und einer Osteomyelitis.
Qualitätsstandards ohne Kontrolle

Das Risiko schwerer Nebenwirkungen nach Akupunktur schätzt der Experte Mike Cummings der British Association of Medical Acupuncturists auf 1:200.000. Insgesamt sei die Akupunktur also sehr sicher.

Doc-Check-News:Vorsicht, Fuck-up-unktur

BMJ-Editorial vom 18. März 2010: Acupuncture transmitted infections
open-acces-Paper bei BMC: An outbreak of post-acupuncture cutaneous infection due to Mycobacterium abscessus

Das ist alles nicht sehr aufregend und könnte sachlich diskutiert werden, wenn nicht die Heultaktiker, „Tierheilpraktiker“ und IGEL-Ärzte (Muhaha) [Reiseimpfberatung als IGEL ist kein Beschiss]wären, die der Autorin Unsachlichkeit, Ahnungslosigkeit und Panikmache vorwerfen. Was ist an der Realität unsachlich? Die Haut ist eine Barriere, sie ist mit Keimen besiedelt und das rituelle Pieksen schafft Eintrittspforten. Mehr…

Von der Kunst nichts zu erklären

9. April 2010 7 Kommentare

Im neuesten Teil ihrer kleinen PR-Serie auf www.derStandard.at zeigt Frau Wolkenstein wie man aus einer Pollenallergie maximalen Gewinn schlägt und einem kleinen Jungen entgegen aller Beteuerungen nicht ursächlich behandelt, sondern die durchaus erfolgversprechende Hyposensibilisierung durch einen Blumenstrauß an verschiedenen lukrativen und hübsch alternativen Therapien ersetzt.

Frau Wolkenstein schildert einen typischen Fall einer Pollenallergie bei einem achtjährigen Jungen. Nach ein paar einführenden Worten, in denen sie die Symptome beschreibt und kurz auf die Hygiene-Hypothese eingeht,  kommt sie auf den Punkt:

Die Möglichkeit einer Hyposensibilisierung (Impfung gegen Allergie) gegen die Birkenpollenallergie wurde nach vorausgehender Testung vom zuständigen Facharzt vorgeschlagen. In Absprach (sic!) mit seiner Mutter hatte sich der Junge dazu entschieden, es mit Akupunktur zu versuchen.

Als Ärztin sollte Frau Wolkenstein wissen, dass die vom Facharzt vorgeschlagene Therapie sinnvoll gewesen wäre (http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/19000581). Für die erfolgreiche Anwendung von Akupunktur bei diesem Krankheitsbild (wie auch praktisch jedem anderen), gibt die Studienlage nicht sehr viel her.

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Wozu ein Wärmflasche wenn man auch eine Therapeutin bezahlen kann?

9. März 2010 11 Kommentare

Im dritten Teil der Werbeserie für das Institut Wolkenstein beim Standard geht es um Menstruationsbeschwerden. Natürlich ein typisches Frauenthema und wieder schafft es Frau Wolkenstein der Patientin einen Großteil ihres Repertoires anzudrehen.

Die 35-jährige Patientin klagt über die typischen Symptome von Menstruationsbeschwerden, Spannungsgefühl in den Brüsten, krampfartige Schmerzen im Unterbauch etc. Die Ursache für diese Beschwerden sind bekannt: zum einen sinkt vor der Menstruation der Hormonspiegel, zum anderen zieht sich die Gebärmuttermuskulatur zusammen. Entsprechend kann mit Hormonen therapiert werden. Viele Frauen berichten zum Beispiel von einer Linderung der Beschwerden durch die Einnahme der Pille.

Frau Wolkenstein wäre aber nicht Frau Wolkenstein wenn Sie das nicht als minderwertig abtun und ein Sammelsurium anderer Therapien anbieten würde:

Schulmediziner raten zur Einnahme von Hormonen – Die Alternativmedizin behandelt das Yin-Phänomen Kälte

Die Begründung ist etwas abenteuerlich:

In der Chinesischen Medizin lautet das Ziel jeder Therapie: „behandle die Wurzel des Problems“.

Die „Wurzel des Problems“ ist eindeutig der Hormonspiegel und das Zusammenziehen der Gebärmuttermuskulatur. In der TCM kann das aber nicht die Wurzel sein, denn Hormone kannten die alten Chinesen nicht und über die Gebärmutter wussten sie auch nicht sehr viel.
Alternativ muss natürlich ein anderes Behandlungskonzept her und da bemüht Frau Wolkenstein mal wieder die „Kälte“:

Aus traditionell chinesischer Sicht ist die „Kälte“ als ursächliches Problem hier klar definiert.

Das ist wunderbar universell und man kann ganze viele Therapien unterordnen, die sofort einleuchten und schließlich hatte die Patientin ja auch direkt richtig gehandelt und die Beschwerden mittels Wärmflasche gelindert.

Exkurs: Wenn ich mir die Mühe mache und eine Wärmflasche herrichte, geht es mir bei Anwendung derselben in jedem Fall besser.

Warum wird die Gebärmutter denn nun „kalt“? Auch hier weiß Frau Wolkenstein zu überzeugen:

Sitzen auf kalten Gegenständen, nasse und häufig kalte Füße, Baden in kalten Gewässern und generell Erkältungen kommen als Ursachen in Frage.

Uns ist nicht bekannt ob es sich bei der Patientin um ein Reptil gehandelt hat, aber wenn sie Menstruationsbeschwerden hat, ist sie mutmaßlich doch eher ein Mensch. Menschen sind gleichwarm. Das bedeutet, dass die Temperatur konstant bei ca. 37°C gehalten wird, zumindest im Innern des Körpers. Es gibt kaum ein Organ das mehr im Innern liegt als die Gebärmutter, um diese abzukühlen muss schon einiges mehr passieren als auf kalten Gegenständen zu sitzen. Wie schrecklich wäre es, wenn kalte Füße zum Absinken der Kerntemperatur führen würden? Außerdem sollten dann die Beschwerden im warmen Sommer deutlich weniger schlimm ausfallen als im Winter. Das scheint aber nicht der Fall zu sein.

So richtig abenteuerlich wird es bei den Erkältungen. Die zugrundeliegende Virusinfektion macht sicher einiges mit dem Körper, aber abkühlen sicher nicht. Auch wenn man vielleicht fröstelt, bleibt die Körpertemperatur bei 37°C, oder man bekommt sogar Fieber. Da her kann die „Kälte“ kaum kommen. Das ist wieder ein Beispiel dafür wie naiv ein körperliches Empfinden (frösteln) auf den Gesamtkörper übertragen wird obwohl keine reale Grundlage besteht und wie kindlich ein Wort als Diagnose herangezogen wird: „Erkältung“ = „kalt“.

Natürlich wird auch das Steckenpferd von Frau Wolkenstein, die Ernährung, verwurstet:

Die Ernährung spielt ebenfalls eine große Rolle. Obst, Salate und rohes Gemüse verbrauchen beim Verdauungsvorgang viel Energie und geben ihrerseits dem Körper kaum Energie zurück. Das Ergebnis ist ein Wärmedefizit im Organismus, der sich durch ständiges Frieren und Abneigung gegen Kälte, sowie Verlangen nach Wärme bemerkbar macht.

Die Dame ist ausgebildete Medizinerin und sollte daher ein Mindestmaß an Kenntnis über Stoffwechselphysiologie besitzen. Die Körpertemperatur wird gleichbehalten, egal was man isst. Es kann bei unzureichender Ernährung maximal zum Kaloriendefizit kommen, das ggf. durch Aktivierung der Kohlenhydrat- oder Fettreserven ausgeglichen wird. Wenn die Patienten keine Reserven mehr hätte, könnte es tatsächlich zum Absinken der Körpertemperatur kommen, aber dann hätte sie vermutlich auch keine Menstruation mehr. Der indirekte Rat auf Obst, Salat und Gemüse zu verzichten ist mindestens grenzwertig.

Kommen wir nun zur Therapie. Es geht mal wieder darum Wärme in den Körper zu leiten:

In der Kombination mit Moxibustion eignet sich die Akupunktur in der Therapie von „Kälteerkrankungen“ besonders gut. Ein speziell fermentiertes Beifuss-Kraut wird dabei angezündet und die Wärme über die Akupunkturnadel in die Tiefe der Muskulatur geleitet.

Wir erinnern uns: die Gebärmutter friert. Wird denn jetzt wenigstens diese „angestochen“? Zum Glück nicht:

In die sicher (sic!) Auswahl kommen Punkte am Nieren- und Blasenmeridian, sowie ein Punkt an der Lendenwirbelsäule, der dem zweiten Chakra nach der indischen Philosophie entspricht.

Abgesehen von der seltsamen Vermischung mit indischen Chakren, bleibt die Frage wie diese Therapie nutzen kann. Die Menstruationsbeschwerden ziehen sich über mehrere Tage hin und sollen nun über eine 30minütige Wärmebehandlung kuriert werden?

Frau Wolkenstein entlarvt glücklicherweise selbst was dahintersteckt:

Die Wärme wird als sehr angenehm empfunden und besitzt im Prinzip denselben Effekt, wie die Wärmflasche der jungen Patientin.

Die Patientin hat das noch dreimal mitgemacht, im Abstand von drei Wochen (warum nicht vier?) und danach vermutlich selbst gemerkt, dass sie das Geld statt in Frau Wolkenstein besser in eine zweite Wärmflasche und einen schönen Urlaub investieren sollte.

Fazit: Die Beschwerden der Patientin wurden nicht ursächlich angegangen. Auf die Schwankungen im Hormonspiegel geben die Therapien keine Antwort. Die Patientin bekommt für viel Geld das, was sie auch schon vorher gemacht hat: eine Wärmflaschen-Therapie. Drumherum viel Geschwurbel, das im krassen Gegensatz zu physiologischen Erkenntnissen steht, weil es auf primitiven Vorstellungen beruht.

Evemaries wunderbare Welt der abrechenbaren Nonsense-Methoden

9. Februar 2010 14 Kommentare

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Der zweite Teil aus der Serie „TCM in zwölf Fällen“, die in offenbar unregelmäßigen Abständen in der online-Ausgabe des österreichischen Standards erscheint, ist da!

Wer gedacht hat, dass schon der erste Teil kaum zu toppen sein würde, wird eines Besseren belehrt. Nachdem Frau Wolkenstein beim letzten Mal erklärt hat, wie man geschickt abwartet, bis sich ein Reizdarmsyndrom abschwächt und sich dabei die Zeit mit Akupunktur vertreibt, geht es diesmal darum, wie man auf ein falsch angewendetes Medikament verzichtet und gleichzeitig Zuckerkügelchen, Moxibustionen und eine Ernährungsumstellung verkauft.

Eine 34jährige Frau kommt in die Praxis und sagt: „Seit meiner Kindheit leide ich ständig an grippalen Infekten, sobald es im Herbst kühler wird. Im Sommer geht es mir gut, außer ich bin dem kalten Luftzug einer Klimaanlage ausgesetzt.“

Der konkrete Anlass für die Patienten, zu Frau Wolkenstein zu gehen, war eine erneute Infektion nach einem Langstreckenflug.
Nun ja, es gibt Menschen die besonders anfällig sind für Atemwegsinfekte. Sinnvoll wäre hier eine Angabe gewesen, wie oft es bei dieser Patientin tatsächlich dazu kommt.

Nach der Aufzählung einiger weiterer Symptome erschließt sich so langsam, worauf Frau Wolkenstein diesmal hinaus will: das Immunsystem ist schwach und muss gestärkt werden, und das geht nur, wenn man es warm macht.  Frau Wolkenstein nennt das aber anders, eingeleitet durch das alternativmedizinische Motto „Anders als die Schulmedizin…“ spricht sie davon, den Körper mittels „Regulationstherapie“ ins Gleichgewicht zu bringen und öffnet damit das Schächtelchen der vielen lustigen Therapiemöglichkeiten.

Dass man sich „erkältet“ liegt aber nicht daran, dass einem kalt ist, sondern daran, dass sich bei Kälte die Viren, die die Erkältung auslösen, besser halten. Mit der Körpertemperatur hat das wenig zu tun. Die Kerntemperatur bleibt gleich bei 37°C. Das nennt man Thermoregulation. Die Infekte nach dem Langstreckenflug und durch die Klimaanlage sind vermutlich auch nicht auf eine mangelnde Immunantwort durch die Kälte zurückzuführen, sondern auf die trockene Luft, die die mechanische Barriere der Schleimhäute schwächt.

An dieser Stelle soll aber nicht auf die oft falschen Erklärungen zur Physiologie eingegangen werden, sondern auf die Methoden die Frau Wolkenstein anwendet.

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TCM im Standard: Reizdarm (Colon irritabile)

12. Januar 2010 6 Kommentare

Bei der Lektüre des Artikels „Reizdarm (Colon irritabile)“ fragt man sich: Wo ist da die TCM?
Die Autorin beschreibt ausführlich eine Möglichkeit, wie es zu einem Reizdarm kommt (wenn auch keine die ernsthaft diskutiert würde) und wie die Diagnose erstellt wird – alles auf einer „schulmedizinischen“ Basis. Sie kommt zu dem Schluss, dass ein Ungleichgewicht in der Darmflora der Auslöser ist, genauer ein zu geringer Bakteriengehalt. Sie geht dieses Problem in der Therapie kausal an, indem Sie der Patientin probiotische Präparate gibt, die beim Aufbau der Darmflora unterstützen. Der Patientien geht es daraufhin wieder gut.

Mit TCM hat das rein gar nichts zu tun. Die positive Wirkung von Probiotika ist wissenschaftlich untersucht worden:
„Probiotikum mit E. coli stabilisiert Darmfunktion“

Originalartikel:
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/19197823
Siehe auch:
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/19091823

Nochmal die Frage: Wo bleibt die TCM?

Frau Wolkenstein pfropft die ziemlich zusammenhanglos auf, indem Sie herumschwurbelt:

„Aus Sicht der Chinesischen Medizin ist der Dünndarm eng mit dem Herzen verbunden (Yang/Yin Organe). Diese seltsam anmutende Sichtweise ist aus der Beobachtung entstanden, dass Emotionen eine erhöhte Pulsfrequenz, Bauchgrimmen und Durchfall verursachen können und einen Einfluss auf die Harnblase besitzen. Im Zusammenhang mit Prüfungssituationen ist den meisten Menschen dieses Gefühl vertraut.“

Sie versucht das auf eine wissenschaftliche Basis zu stellen:

„Aus der Embryologie wiederum wissen wir, dass sich ab der dritten Lebenswoche die Muskulatur des Magen-Darm-Trakts, der Blutgefäße und des Herzens aus dem gleichen Keimblatt (Mesoderm) entwickeln. Es gibt also eine Verbindung, eine Wechselwirkung…“

Aus dem Mesoderm entstehen auch Knochen, Nieren, Milz, das Lymphsystem, die Skelettmuskulatur, das Bindegewebe und die glatte Muskulatur. Eine solche „Verbindung“ ist also nichts ungewöhnliches.
Frau Wolkensteins Argumentation folgend könnte man frei nach Mozart auch sagen: „Wenn`s Arscherl brummt, sind Knochen, Nieren usw. gesund“.

Endlich, im letzten Abschnitt dann eine Methode aus der TCM:

„Die Domäne der Akupunktur ist es, im konkreten Fall einen Ausgleich von Herz und Dünndarm zu bewirken und damit das Problem kausal zu beheben.“

Keinerlei nähere Erläuterung wie das funktioniert, was gemacht wird, wo genadelt wird. Stattdessen wird behauptet, dass durch die Akupunktur das Problem kausal angegangen wird, obwohl zuvor lang und breit erklärt wurde, dass es sich um ein Ungleichgewicht in der Darmflora handelte, die ja auch über die Gabe von probiotischen Präparaten behandelt wurde.
Die Akupunktur beim Reizdarmsyndrom wurde auch schon in einem Cochrane-Review behandelt:

„Most of the trials included in this review were of poor quality and were heterogeneous in terms of interventions, controls, and outcomes measured. With the exception of one outcome in common between two trials, data were not combined. Therefore, it is still inconclusive whether acupuncture is more effective than sham acupuncture or other interventions for treating IBS.“

http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/17054239

Fazit:
Es gibt keinen wissenschaftlichen Beleg für die Wirksamkeit von Akupunktur beim Reizdarm. Dagegen gibt es einen wissenschaftlichen Beleg für die („schulmedizinische“) Behandlung mit Probiotika. Frau Wolkenstein benutzt also einen bekannten Effekt, um ein wenig TCM-Hokuspokus mitzuverkaufen und behauptet dann, nur die Kombination aus beidem hätte gewirkt.
Das ist aus Sicht des Marketings sehr geschickt. Sie verteufelt die wissenschaftliche Medizin nicht komplett, wie andere Anbieter aus diesem Bereich, sondern nutzt sie, um echte Ergebnisse zu erreichen. Dazu spricht sie über die „Kombination“ diejenigen an, die für sich beanspruchen, das „Beste aus beiden Methoden“ zu wollen.)