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Archiv für die Kategorie ‘Pseudomedizin’

Befleckte Medizinsoziologie 2

23. September 2022 Keine Kommentare

Teil 2 unserer Serie zur Wissenschaftstheorie von Ludwik Fleck
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Historisches und Grundsätzliches

Ludwik Fleck (1896-1961) war ein polnischer Mikrobiologe und Immunologe. Sein Buch „Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache“ ist 1935 erschienen. Es hatte einige zeitgenössische Rezensionen in der Fachpresse, aber es wurden nur etwa 200 Exemplare verkauft.[1] Man könnte auch sagen, er sei seiner Zeit voraus gewesen, denn 1962 schrieb Thomas S. Kuhn im Vorwort seiner „Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“, dass Fleck viele seiner eigenen Gedanken vorweggenommen habe; er hatte den Literaturhinweis aus einer Fußnote bei Hans Reichenbach 1938 aufgelesen. Der Erfolg von Kuhn leitete eine Fleck-Renaissance ein, und 1979 erschien eine englische Übersetzung. Inzwischen gab es Symposien zu Fleck, und er gilt in der Wikipedia als „Vordenker der Historischen Epistemologie“.

Wie ist es dazu gekommen? Fleck schreibt (S. 40):

Nicht um bloße Trägheit handelt es sich oder Vorsicht vor Neuerungen, sondern um eine aktive Vorgehensweise, die in einige Grade zerfällt:

  1. Ein Widerspruch gegen das System erscheint undenkbar.
  2. Was in das System nicht hineinpaßt, bleibt ungesehen, oder
  3. es wird verschwiegen, auch wenn es bekannt ist, oder
  4. es wird mittels großer Kraftanstrengung dem Systeme nicht widersprechend erklärt.
  5. Man sieht, beschreibt und bildet sogar Sachverhalte ab, die den herrschenden Anschauungen entsprechen, d. h. die sozusagen ihre Realisierung sind – trotz aller Rechte widersprechender Anschauungen.

Das ist die vollständige Wissenschaftsphilosophie Kuhns mit Paradigmenwechsel usw. in ihrer Keimform, und Kuhn hätte das mehr wert gewesen sein müssen als eine ehrende aber beiläufige Erwähnung in seinem Vorwort. Kuhns eigener – nahezu beispielloser – Erfolg „stammt aus einer Vermengung des Deskriptiven mit dem Präskriptiven: aus der beständigen Weigerung, zwischen der Geschichte oder Soziologie der Wissenschaft und der Logik oder der Philosophie der Wissenschaft zu unterscheiden.“[2] Der Erfolg dieser Wissenschaftstheorie war nicht zwangsläufig, denn auch sie hatte mit der Verstocktheit der Ewiggestrigen zu kämpfen. Der Psychiater Eugen Bleuler (1857-1939) hatte den Widerstand gegen das Neue in der Wissenschaft zuvor ein wenig prosaischer und gewitzter geschildert:

Bei der Ablehnung neuer Ideen macht natürlich die Bequemlichkeit nicht wenig aus. Man muß wieder umdenken, alles in neue Zusammenhänge bringen, ev. neue Behandlungsmethoden erlernen, die man nicht gleich in ihrer ganzen Bedeutung erfassen kann. Das Neue hat eben immer einen gewissen unangenehmen Beiklang, wenn man wenigstens nicht mit dem Alten ganz unzufrieden gewesen ist. So kann es kommen, daß die Spitzen des Gesundheitswesens eines großen, erleuchteten Staates auf offizielle Anfrage hin einige Zeit nach Entdeckung der Röntgenstrahlen erklärten, diese haben keine besondere Bedeutung für die Militärsanität. Das ist der Misoneismus [Hass gegen das Neue] des Philisters.

Und weitere soziale Aspekte unterschlägt er nicht. Anlässlich von Semmelweis meint er:

Für den, der sich mit oder ohne Grund zu den Führenden zählt, ist es aber auch nicht angenehm zu konstatieren, daß ein anderer der Gescheitere war; ja darin, daß man sich mit den gegenwärtigen Zuständen zufrieden gegeben hatte, liegt ein Vorwurf gegen sich selber. [3]

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  1. : Jürgen Mittelstraß (hg.): Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie, Metzler, 2005, Bd. 2 S. 512f
  2. : „this irrationalism stems from the conflation […] of the descriptive with the prescriptive: from his steady refusal to distinguish the history or sociology of science from the logic or philosophy of science.“ (David Stove: Popper And After, Pergamon Press 1982, S. 4)
  3. : Eugen Bleuler: Das autistisch-undisziplinierte Denken in der Medizin und seine Überwindung, Berlin, 2. Aufl. 1921, S. 43

Befleckte Medizinsoziologie 5

23. September 2022 Keine Kommentare

Teil 5 unserer Serie zur Wissenschaftstheorie von Ludwik Fleck
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3. Kapitel: Über die Wassermann-Reaktion und ihre Entdeckung

Die Wassermann-Reaktion ist eine heute wegen ungenügender Spezifität verlassene Labormethode zur Diagnose der Syphilis aus dem Blutserum.

Die Reaktion hat ein fixes Schema, doch wird sie in so vielen Modifikationen ausgeführt als es ausführende Laboratorien gibt. Sie fußt auf genauen quantitativen Berechnungen, doch ist immer der klinische Blick, das »serologische Fühlen« viel wichtiger als Berechnung. (S. 73)

Die heutige Laboratoriumsdiagnostik mit ihrer automatisierten Probenverarbeitung, ihren standardisierten Reagenzien, ihren qualitätssichernden Ringversuchen usw. hat sich weit, weit davon entfernt, zumindest was die Routinediagnostik angeht. Die Wissenschaft war vergleichsweise erfolgreich darin, die Züge der Kunst, der Erfahrung abzulegen und die der Objektivität, der Unabhängigkeit vom Untersucher, anzustreben. Das „serologische Fühlen“ meint vermutlich so etwas wie zu beurteilen, ob eine schwache Färbung nun als positiver oder negativer Befund zu bewerten ist – so etwas schreit aber nicht nach Kunst, sondern nach Spektrometrie. Und was die i. e. S. klinische Erfahrung des Testers angeht: sie sollte prinzipiell nicht in die Ablesung des Ergebnisses, ob positiv oder negativ, eingehen – erst die Interpretation des Ergebnisses ist Sache des Klinikers. Ein besseres Beispiel wäre heute vielleicht das EEG, das von Berger 1928 entdeckt wurde und sich der völlig digitalen Auswertung weiterhin hartnäckig verweigert. Aber man kann bezweifeln, dass sie prinzipiell nicht automatisierbar ist.

Im folgenden gibt Fleck eine – noch heute lesenswerte – Einführungsvorlesung in die Immunologie von Julius Citron (1910) wieder, die er anschließend ausführlich kritisiert. Aber seine Kritik ist nur holistische Naturphilosophie statt empirisch fundierter Gegendarstellung. Gemessen am Ziel der Widerlegung von Citron und der „materialistische[n] Theorie“ vom Organismus als eine „in sich abgeschlossene, selbständige Einheit“ (S. 80), die dessen Darstellung zugrunde liege, ist sie ein Gish-Galopp. Fleck behauptet:

„1. Der Begriff der Infektionskrankheit“ sei nur ein Ausdruck „primitive(r) Kampfbilder“, die Vorstellung von einer „‚Ursache‘ der Krankheit“ müsse aufgegeben werden (S. 79).
„2. Folglich muß der Begriff der Immunität in jenem klassischen Sinne aufgegeben werden.“ (S. 83)
„3. […] Die Einteilung in humorale und zelluläre Faktoren (der französische Ritus schreibt den zweiten, der deutsche den ersten größeres Gewicht zu) ist nicht legitimierbar. Desgleichen der Begriff der Spezifität in diesem gebrauchten Sinne. Ein ausgesprochen mystischer Begriff!“ (S. 84).
„4. Auch eine methodische Einweihung enthält die Vorlesung von Citron […] Alle diese Vergleichungen kontrollieren den Schluß und heißen ‚Kontrollen‘. Gewiß, es ist nicht die erkenntnistheoretisch beste Methode, doch haben wir bis heute keine andere.“ (S. 84) [kursiv im Original]

Antikörper, humorale und zelluläre Faktoren und Spezifität sind die Grundbegriffe der Immunologie geblieben, so wie Kraft noch immer Masse mal Beschleunigung ist, trotz Relativitätstheorie. Kein Wunder, dass das ganze Buch nach seinem Erscheinen völlig in der Versenkung verschwunden und erst 30 Jahre später von dem Nichtmediziner Kuhn wiederentdeckt worden ist. Es hätte Kuhn Abbruch getan, wenn es sogleich in englisch verfügbar gewesen wäre (als die Übersetzung erschien, war die wissenschaftshistorische Öffentlichkeit schon im Kuhnschen Sinne paradigmatisch transformiert, so dass es ihm nicht mehr geschadet hat). Die herabsetzende Wortwahl („Ritus“, „mystisch“) deutet an: Fleck sieht keinen wesentlichen Unterschied zwischen Wissenschaft und Religion. Im Gegenteil: er sucht die Gemeinsamkeit, eine prinzipielle Identität des „Denkstils“. Auch darauf werden wir kurz zurückkommen. Kontrollen sind für Fleck ein leider notwendiges Übel, erkenntnistheoretisch anrüchig. Doch wenn es keine andere Methode gibt, dann ist die vorhandene zwangsläufig die beste – das ist eine Tautologie. Die Kontrollen (Leerversuche) sind nicht das lästige aber unvermeidliche Beiwerk, sondern der Inbegriff der Wissenschaftlichkeit, der Königsweg zur Absicherung gegen Fehlschlüsse aus zufälligen Beobachtungen. Fleck hat nicht nur nachlässig formuliert, sondern eine großartige Gelegenheit verpasst, über Methodologie in der biologischen Forschung zu sprechen. Ihm muss dunkel bewusst gewesen sein, dass seine Vorstellung von Fortschritt via „Denkstil“ gewisse Mängel aufweist.

Was hat Citron wirklich gesagt? Beispielsweise dies:

Die chemische Natur der Antikörper ist unbekannt. Wir wissen nicht einmal, ob das, was wir Antikörper nennen, überhaupt selbständige chemische Gebilde darstellen. Wir kennen nur Serumwirkungen. Die in Gedanken vollzogene Materialisierung dieser Serumwirkungen stellen die Antikörper dar.

Eine funktionelle Definition des Antikörpers, die völlig kompatibel ist mit der Strukturaufklärung heute. Oder dies:

Ich selbst habe es mir zur Regel gemacht, und ich empfehle Ihnen das gleiche, bei der Lektüre neuer wissenschaftlicher Mitteilungen aus dem Gebiet der Serodiagnostik zuerst auf die angeführten Kontrollen zu sehen. Sind diese ungenügend, dann ist der Wert der Arbeit, mag darin was immer enthalten sein, zunächst ein sehr geringer, denn alle Angaben können zwar, müssen aber nicht richtig sein.

Eine Regel, die hundert Jahre später noch immer uneingeschränkt empfohlen werden kann. Wie vielversprechend auch der Titel einer wissenschaftlichen Arbeit sein mag: Man lese zuerst Material & Methode, und wenn interessant sein könnte, was man auf diese Weise herauszufinden kann, dann ist es eine genaue Lektüre wert.

Im Folgenden stellt Fleck ausführlich die Geschichte der Unterstützung Wassermanns durch die preußischen Behörden dar, sowie als deren soziales Motiv, als eigentliche Triebkraft der Entwicklung, die nationale Konkurrenz zwischen Frankreich und Deutschland (S. 90). Sicher. Wenn die Forscher nicht das Geld für die Reagenzien gehabt hätten, wäre es nichts mit der Entdeckung der Wassermann-Reaktion geworden. Und sie mussten vom Ministerium die Idee empfangen, so wie dem Denkkollektiv der TCM-Protagonisten die Richtung vom Großen Führer Mao gewiesen worden ist. Aber abgesehen davon, dass Röntgen mit der behördlichen Rückendeckung offenbar weniger glücklich gewesen ist (s. v.): so ganz hinreichend kann die staatlich gelenkte Erleuchtung nicht sein, denn sonst würden wir alle heute Lyssenko als größten Biologen des 20. Jhd. verehren. Man muss da gar nicht auf die mittelalterlichen bis frühneuzeitlichen Alchimisten verweisen, die alle Ressourcen zur Verfügung gestellt bekommen haben, um Stroh zu Gold zu spinnen.

Die einzig mögliche Folgerung aus dieser Geschichte der Wassermann-Reaktion ist: Extrinsische Motivation kann helfen, aber sie ersetzt keine wissenschaftliche Neugier, und sie ist nicht einmal eine zusätzliche Bedingung, ohne die nichts geht. Möglich, dass es nie eine Wassermann-Reaktion gegeben hätte (sie ist wegen ihrer nicht ausreichenden Spezifität wieder aufgegeben worden), doch wäre es auch ohne Ermutigung durch die preußische Bürokratie zur Entwicklung der modernen Immunologie gekommen, wenn auch vielleicht später oder anders. Die Proteinstruktur des Antikörpers, die Funktion der Lymphozyten entzieht sich ihrem Einfluss. „Die Winkelsumme im Dreieck kann nicht nach den Bedürfnissen der Kurie abgeändert werden“ (Brecht).

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Wie robust sind die Zitate der Pharma-„Kritiker“?

28. August 2022 1 Kommentar

Dr Johnson liest die erschütternde Neuigkeit (adaptiert von Wikipedia)

Wenn man wünscht, sein allgemeines Unbehagen über Medikamente, die Machenschaften der Pharma- und Impfmafia usw. mit anschaulichen Beispielen auszustaffieren, ist man bei Professor Harald Walach an der richtigen Adresse. Sein ganzes Berufsleben lang war dies einer seiner Schwerpunkte, was uns schon manche Glosse wert gewesen ist.

Vor nicht langer Zeit hat er uns erneut einen kurzen Text zu diesem Thema ins Stammbuch geschrieben. Nachdem er die initial überschätzte Wirksamkeit des Grippemittels Tamiflu anreißt, fährt er fort mit Exempeln aus einem Buch von Peter C. Gøtzsche. Gøtzsche war Mitbegründer des Nordic Cochrane Center, einem renommierten Forschungsnetzwerk zur evidenzbasierten Bewertung klinischer Studien. 2018 wurde er wegen möglicher Rufschädigung ausgeschlossen (hier, hier). In unserem Blog (hier) wie auch in unserem Forum (hier, hier) war gelegentlich von ihm die Rede. Walach referiert:

Peter C. Gøtzsche beschreibt in seinem neuen Buch „Mental Health Survival Kit and Withdrawal From Psychiatric Drugs“, das ich an dieser Stelle gerne weiterempfehle (siehe Link oben) einige weitere drastische Beispiele:

Lamotrigine

Für das Antiepileptikum Lamotrigine gibt es nur 2 publizierte positive Studien in der Literatur; 7 große negative Studien wurden nicht publiziert. Gøtzsche schreibt dazu: „Two positive trials are all it takes for FDA approval […]“ [7] (Dieses Literaturzitat hat mir Peter C. Gøtzsche am 25.6.2020 per E-Mail geschickt, er verwendet es auch in seinem Buch.)

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Polywasser reloaded – Wie hexagonales Wasser der Homöopathie erneut feuchte Augen macht

11. April 2022 3 Kommentare

Die Esoterik sucht ständig nach wissenschaftlichen Belegen für ihre abwegigen Konstrukte. Insbesondere die Homöopathie will – obwohl man sich gerne als etwas nicht Erfassbares, Wundersames verkauft – auch eine wissenschaftliche Begründbarkeit vortäuschen. Auch andere alternativweltliche Produktzweige, wie etwa der Wasserschwurbel (dessen prominentester Vertreter das Grander-Wasser sein dürfte) wollen das. Es geht darum, auch nicht ganz so Leicht- bzw. Esoterikgläubige von einer objektiv feststellbaren Wirksamkeit zu überzeugen. Man freut sich gerade in diesen Kreisen besonders, wenn es Neuigkeiten aus der Wissenschaft zu geben scheint, man hätte vollkommen unbekannte Eigenschaften entdeckt, die die Wirksamkeit ihrer Produkte endlich belegen könnte. Wasser spielt dabei eine ganz besondere Rolle, da sowohl Homöopathen als auch Wasserschwurbler ein Wassergedächtnis als ein zentrales Element ihrer Lehre annehmen. So etwas könne es nur geben, wenn das Wasser (im flüssigen Zustand) eine feste Struktur annimmt, die dann – wie auch immer – (heilsame) Informationen speichert.

Beständige Strukturen des Wasser, in denen die Wassermoleküle dauerhaft eine bestimmte Anordnung einnehmen, sind für flüssiges Wasser unbekannt und unwahrscheinlich. Man weiß, dass sich solche Verbindungen (Wassercluster) sehr schnell bilden und genauso schnell wieder zerfallen, im Pikosekundenbereich (10 hoch -12 Sekunden). Es gab und gibt allerdings gelegentlich Berichte aus der Welt der Forschung, dass es auch anders zu sein scheint. Wasser, das sich unter bestimmten Bedingungen in stabiler wabenförmiger (hexagonaler) Anordnung bilden soll, wurde scheinbar zuletzt 1961 entdeckt und ca. 10 Jahre später auf die Müllhalde menschlicher Fehlleistung verfrachtet. Die Idee wurde allerdings in den 2000er Jahren wieder belebt, als man es erneut entdeckt haben wollte. Zwischen den beiden „Entdeckungen“ gibt es erstaunliche Parallelen. Mehr…

Multiple Sklerose, coimbriert

10. Januar 2020 8 Kommentare

„Ihre Augen leuchteten wie die Fenster brennender Irrenhäuser.“
(aus Arno Schmidt, Leviathan)

Die Multiple Sklerose ist eine der häufigsten neurologischen Krankheiten in den gemäßigten Klimazonen des Erdballs. Der Median des Erkrankungsalters liegt bei 30 Jahren, und wenn man sie hat, wird man sie nicht mehr los. Viele tausend Forscher beschäftigen sich mit ihr, Milliarden Dollar wurden und werden zu ihrer Erforschung und Bekämpfung aufgewendet. Seit Anfang der 90er Jahre stehen wirksame Immuntherapien zur Verfügung. Inzwischen gibt es eine Fülle an wissenschaftlich abgesicherten Therapieformen, von denen einige, so hofft man, in naher Zukunft in der Lage sein werden, die immer schwelende Krankheitsaktivität vollständig zu unterdrücken. Die Medizin ist hier in schneller Entwicklung; was vor zwei Jahren richtig gewesen ist, hat heute nur noch eingeschränkte Gültigkeit. Es gilt dabei aber: hohe Wirksamkeit bedeutet häufig auch hohes Risiko, und es bleibt eine Herausforderung, für den richtigen Patienten die richtige Therapie zu finden.

Dieses Problem ist gelöst, das Allheilmittel ist gefunden: „Das Coimbra-Protokoll ist sicher eine der sensationellsten medizinischen Entwicklungen in der Medizin überhaupt. Sensationell, weil kaum für möglich gehaltene Therapieerfolge bei MS berichtet werden“, sagt Dr. med. Volker Schmiedel [1]. Das elektrisiert. Vor allem elektrisiert es, weil in der Fachliteratur gar keine Berichte vorliegen. Der Erfinder des „Coimbra-Protokolls“ ist der brasilianische Neurologe Cicero Galli Coimbra, welcher erkannt hat, woran die bisherigen Versuche, die MS mit Vitamin D zu behandeln, gescheitert sind. Sie waren nicht mutig genug, die Patienten mit toxischen Dosen zu behandeln. Placebokontrollierte Studien dazu sind unethisch, sagt er, weil das bedeuten würde, Patienten von vornherein aus seiner über jeden Zweifel erhabenen [2] Therapie auszuschließen, weil sie dann mit einer (tatsächlich stets unwirksamen) Placebotherapie verglichen werden müsste. Er hat recht, aber die Begründung ist falsch: placebokontrollierte Studien sind (inzwischen) unethisch, weil es heute nachgewiesen wirksame Therapien gibt. Mehr…

Homöopathie. BEI SEPSIS???

9. November 2019 13 Kommentare

Die stetig wachsende deutsche Skeptiker-Gemeinde, auch bekannt als „Skeptiker-Lobby“ oder „Skeptiker-Sekte“, guckt in diesen Tagen nach Bayern und reibt sich verblüfft die Augen. Auf Initiative der CSU und der Freien Wähler, mit Unterstützung der Grünen, wurde vorgestern im dortigen Landtag der Beschluss gefasst, eine wissenschaftliche Studie in Auftrag zu geben.

Zur Homöopathie. Als Mittel zur Reduktion der Antibiotika-Abgabe. Weil die Politik der Wissenschaft gefolgt ist und sich die Gefahr der Antibiotikaresistenz als politisch relevantes Thema zu eigen gemacht hat. Und jetzt wissen möchte, was man dagegen tun kann. Mit Alternativmedizin. Und speziell mit Homöopathie.

So als hätte es die Diskussion der letzten Jahre, die die nachgewiesene und immanente Wirkungslosigkeit der Homöopathie ins öffentliche Bewusstsein gebracht hat, nicht gegeben.

Das Ergebnis ist eine ungläubige und fassungslose Schockstarre unter den Skeptikern, die sich in den letzten Jahren am Diskurs beteiligt haben, freiwillig und unentgeltlich. Gerade weil wir immer wieder betonen, dass Big Pharma und Big Woo sich im Hinblick auf die Geschäftspraktiken nichts schenken und dass die Förderung der Gesundheitskompetenz der Patienten beide Probleme gleichermaßen angeht: Verringerung des Schadens durch nachgewiesen unwirksame Therapien, wie z.B. Homöopathie, und Sensibilisierung für die ebenfalls schädliche Überversorgung mit Antibiotika. Antibiotikaresistenz als Folge von unverantwortlichem Verordnungsverhalten, welches durch die Marketingstrategien der pharmazeutischen Hersteller befeuert wird, ist unbestritten ein Problem. Bereits seit Jahren warnen Wissenschaftler davor, dass wir etablierte Behandlungsoptionen wie Penicillin und Amoxicillin, die in der Vergangenheit Menschenleben gerettet haben und immer noch retten, mittelfristig verlieren könnten.

Was kann jetzt noch getan werden, wie sollten Skeptiker mit der Situation umgehen? Sollten sie auf die Ergebnisse der Studie warten, um dann im Rahmen des wissenschaftlichen Diskurses methodische Kritik zu üben? Hier ein Wort der Warnung: Auftragsforschung wird in der Regel nur als so genannte „graue Literatur“ veröffentlicht. Das heißt, der Auftraggeber erhält einen Bericht, den er dann z.B. ins Internet stellen kann. Vielleicht gibt es eine offizielle Ergebnispräsentation, z.B. im Gesundheitsausschuss des Landtages. Was es aber sicher nicht geben wird, ist eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Vorgehen, denn wenn die Studienautoren keine wissenschaftliche Veröffentlichung anstreben, wird es auch kein peer review geben, genauso wenig wie eine Ergebnispräsentation im Rahmen einer wissenschaftlichen Konferenz, bei der methodisch versierte Kollegen den notwendigen Input zu den Limitationen geben können.

Sollten skeptische Wissenschafler (mit anderen Worten: Wissenschaftler) die Studie deshalb boykottieren?

Ganz im Gegenteil!
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Denn wenn es einen Anlass zum Scherzen gibt …

18. Oktober 2019 1 Kommentar
    Heverts Rezept für gesunde Geschäfte

 

Skeptikern wirft man ja gerne vor, sie seien humorlos. Und da wir unter Atheismus-Generalverdacht stehen, unterstellt man uns auch, dass wir so gar kein Verständnis für Rituale, Zeremonien und Feiertage, den Kitt zwischen den Ziegeln des menschlichen Zusammenlebens, hätten.

Das empfinden wir als sehr ungerecht. Mehr…

Bruno Gröning zu Gast beim Deutschen Roten Kreuz

2. Juni 2019 6 Kommentare

Liebe Leser!

Der „Bruno Gröning-Freundeskreis“ (BGF), der auch als „Kreis für geistige Lebenshilfe e.V“ auftritt, ist euch möglicherweise nicht unbekannt, denn er ist seit langem – verdientermaßen – Bewohner unseres Wikis.
Bruno Gröning war kurz gesagt ein Heiler, dessen Kompetenz unter anderem daran sichtbar wurde, dass er an Krebs gestorben ist. Das bewahrte ihn auch vor weiterer juristischer Verfolgung. Auch für den riesigen Kropf Bruno Grönings haben seine Jünger die naheliegendste Erklärung: in ihm konzentrieren sich seine Heilkräfte.

Er ist uns in letzter Zeit verstärkt unangenehm aufgefallen, und zu unserer Verblüffung zieht er seine Show anscheinend gerne in den Räumen des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) ab. Das DRK hat ein stark föderale Struktur, wodurch die Landes- und Kreisverbände eine hohe Eigenständigkeit haben. Wenn also irgendwo eine solche Veranstaltung in Räumen stattfindet, die von einem großen Roten Kreuz geschmückt werden, hat das wohl eher was mit den lokalen Gegebenheiten zu tun und nicht mit dem DRK an sich.
Trotzdem ist es natürlich hässlich, dass mit dem Ansehen des DRK Leute zu solchen Spinnern gelockt werden. Unsere Bitte deshalb: Wenn ihr bei euch lokal im Blättchen eine entsprechende Ankündigung findet, dann tragt die doch mit Datum und Ort in den Kommentaren ein. Wir wüssten gerne, wie groß das Problem ist.

Herzlichen Dank!

PS: Zum Weiterlesen, vom Wiki abgesehen:
https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/bruno-groening-freundeskreis-eine-unterschaetzte-sekte-15843241.html
https://www.bistum-trier.de/weltanschauungsfragen-sekten/gruppen-weltanschauungen/bruno-groening-freundeskreis/
https://www.ezw-berlin.de/html/15_6969.php

Homöopathie grotesk

25. Mai 2019 6 Kommentare

Zur Homöopathie ist alles gesagt, sollte man meinen. Es hat nie eine Zeit gegeben, in der sie nicht für ihre Unwissenschaftlichkeit und die Absurdität ihrer Grundannahmen kritisiert worden ist. Heinrich Heine hat dem Homöopathen Didier Roth den “millionsten Theil einer Lyoner Salami” geschickt. Wenn die Homöopathie überhaupt je einen positiven Einfluss auf die Medizin hatte, dann beschränkt er sich darauf, dass sie weniger eingreifend als die zeitgenössische Medizin gewesen ist. Nichtstun war im Allgemeinen humaner als Zugpflaster, Einläufe und Aderlässe (s. hier). Schon den Einfluss auf die Entwicklung der medizinischen Forschung kann man nur als „Erfolg“ der Homöopathie verbuchen, wenn man eine dialektische Volte zu Hilfe nimmt. Das messianische Geschrei der Homöopathen war den Zweiflern so auf die Nerven gegangen, dass sie auf Mittel zur empirischen Überprüfung gesonnen hatten: der vermutlich erste plazebokontrollierte Doppelblindversuch in der Medizin war das Resultat dieser Überlegungen. Das Ergebnis konnte niemanden überraschen:

Wirft man nun einen Blick auf die gewonnenen Resultate, so sieht man zuvörderst, dass die bey weitem überwiegende Mehrzahl der Versuchspersonen eben so wenig auf das potenzirte Kochsalz wie auf reines Wasser irgend eine Befindensveränderung wahrgenommen hat, woraus mit Recht die Identität der Wirkungskraft dieser beyden Flüssigkeiten gefolgert werden kann, während doch Hahnemann und die Homöopathen der ersteren eine Kraft zuschreiben, vermöge welcher sie 897, sage: achthundert sieben und neunzig Zufälle in Gesunden erregen, und denen gemäss sie Kranke heilen soll […] [Die homöopathischen Kochsalzversuche zu Nürnberg]

Genauso wenig überraschend ist es gewesen, dass die Adepten sich davon nicht irritiert fühlten, sondern herablassend – und über jeden Versuch einer methodischen Kritik erhaben – erwiderten:

das Ganze läuft auf nichts, als auf eine, eines wissenschaftlichen Arztes unwürdige, jämmerliche Fratze hinaus; nur bornirte Köpfe sind deren fähig; am Unwesentlichen bleiben sie hängen: um zum Wesentlichen zu gelangen, haben sie freilich keinen Verstand — nur so viel gerade, um, statt die Nichtigkeit der von ihnen angegriffenen Sache, ihre eigene Nichtigkeit in pessima forma darzulegen. [1]

Spätestens seit dem Donner-Bericht über die Versuche, die Homöopathiewirksamkeit in den späten 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts zu belegen (verfasst ca. 1966, die Publikation bis in die 80er Jahre von den Homöopathen erfolgreich unterdrückt), muss jedem klar sein: es gibt keine geheime Kraft, die dieser „Medizin“ Wirkung verschafft. Alle späteren Versuche, die Wirksamkeit wissenschaftlich zu beweisen, erfinden das Fahrrad neu und sind Marketinginstrumente. Weil aber jede Generation dazu verurteilt ist, die Fehler der früheren zu wiederholen, gibt es in gewissen Abständen neue Reviews, Metaanalysen oder Stellungnahmen wissenschaftlicher Gremien hierzu. Sie stellen keine neuen Erkenntnisse fest, sondern verteidigen lediglich die bisherigen gegen neue Nachrichten über vollbrachte Wunder. Diese Messen sind alle gesungen. Wenn also der Gesundheitswissenschaftler Prof. Gerd Glaeske kürzlich meinte:

bei homöopathischen Mitteln fehlt bisher grundsätzlich bei allen Mitteln, die homöopathisch daherkommen, ein Wirksamkeitsnachweis

dann ist das eine Aussage, die niemanden aufregen kann. Doch was ist das?

Für diese Aussage hat der mittelständische Hersteller Hevert-Arzneimittel Glaeske über einen Anwalt abmahnen lassen.

Wer hier „mittelalterlich“ liest, dem kann verziehen werden.

Geschäftsführer Mathias Hevert von Hevert-Arzneimittel zum Vorgehen gegen Prof. Glaeske. Er sagte mit deutlichen Worten […]: „Hevert-Arzneimittel wird zukünftig noch entschlossener gegen Homöopathie-Kritiker vorgehen und Personen juristisch angehen, wenn sie falsche Aussagen über die Homöopathie verbreiten und damit Rufschädigung betreiben, was geschäftsschädigende Auswirkungen für uns haben kann.“

Und auch hier ist ein wenig inhaltliche Hilfestellung erforderlich: statt „noch entschlossener“ muss es heißen „noch unverschämter“. Man muss schon weit laufen, um heutzutage Beispiele für ähnliche Grotesken zu finden. Natalie Grams beharrt trotz anwaltlicher Ermahnung darauf, dass 2 + 2 = 4 ist:


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Mehr Details zum aktuellen Anlass z. B. hier:


  1. Ludwig Griesselich: Hygea: Centralorgan für die homöopathische oder specifische Heilkunst. C. T. Groos, 1835, S. 324 – 330 [online hier]

Zur Neutralisierung fundierter Kritik durch falsche journalistische Ausgewogenheit – Beispiel: Homöopathie

1. Dezember 2018 44 Kommentare

Homöopathie-Aufklärung ist eine tolle Sache. Allen, die geduldig immer wieder erläutern, warum wirkstofflose Zuckerkugeln keine Medizin sind, gebührt höchster Respekt. Hier sind an erster Stelle das Informationsnetzwerk Homöopathie und die GWUP sowie der Konsumentenbund bzw. deren unermüdliche und überwiegend ehrenamtliche AktivistInnen zu nennen. Auch wir bei Psiram versuchen, unseren Teil dazu beizutragen. Und tatsächlich sind seit etwa einem Jahr erste Erfolge zu verzeichnen. Der Tenor in den Medien hat sich verändert, über Homöopathie wird kritischer berichtet, (echte) Experten dürfen sich zu Wort melden, es gibt sogar politische Aktivitäten zur Eindämmung der verdünnten Zuckerflut. Die verhinderten Tortenverzierer haben es zunehmend schwer, ihre wissenschaftsfernen Märchen unwidersprochen zu verbreiten.

So weit, so gut.

An diesem Punkt stellt sich die Frage, wie Homöopathie-Aufklärung idealerweise aussehen soll. Muss es die harte Konfrontation sein? Die „Wissenschaftskeule“? Soll man die Leute „da abholen, wo sie stehen“? Sind eventuell Kompromissvorschläge sinnvoll (ein bisschen Hokuspokus, ein bisschen Wissenschaft)? Ist es wichtig, auf die Globulisten zuzugehen, sie nicht zu verärgern, um ihnen dann mit dem kleinen Löffel und viel Sirup die bittere Realität näherzubringen, nämlich dass sie sich von einer kriminellen Bande, dem Bodensatz der Pharmaindustrie – zu faul zum Forschen, zu gierig und verblendet, um echte Medikamente herzustellen – ,  jahrelang haben veralbern lassen? Sind Gesetze und Verbote erforderlich, um diesen mehr als 200 Jahre währenden Betrug am Patienten zu beenden?

Welche Strategien auf Dauer am wirksamsten sind, muss sich erst noch herausstellen. Unsere Methode ist und bleibt der Realismus. Der kommt nicht immer freundlich daher, weshalb er oft auf Widerstand stößt. Das ist unsere Nische, und wir möchten diese Vorgehensweise nicht verallgemeinern oder gar als die einzig richtige darstellen.

Aus dieser Position heraus betrachten wir allzu nachgiebige Herangehensweisen natürlich mit Vorbehalten. Zwei Beispiele in Form von Homöopathie-Aufklärungsvideos sollen zeigen, welche Gefahren es mit sich bringt, wenn statt klarer Worte eine falsche journalistische Ausgewogenheit die Grenzen zwischen Phantasie und Wirklichkeit zu verwischen droht – und wie Homöopathie-Aufklärung nicht aussehen sollte. Daraus ergibt sich ein Appell, speziell an Journalisten: Traut Euch, Fakten klar zu präsentieren und Unsinn als solchen zu bezeichnen. Redet nicht aus falsch verstandener Toleranz um den heißen Brei herum.  Mehr…

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