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Archiv für die Kategorie ‘Pseudomedizin’

Multiple Sklerose, coimbriert

10. Januar 2020 3 Kommentare

„Ihre Augen leuchteten wie die Fenster brennender Irrenhäuser.“
(aus Arno Schmidt, Leviathan)

Die Multiple Sklerose ist eine der häufigsten neurologischen Krankheiten in den gemäßigten Klimazonen des Erdballs. Der Median des Erkrankungsalters liegt bei 30 Jahren, und wenn man sie hat, wird man sie nicht mehr los. Viele tausend Forscher beschäftigen sich mit ihr, Milliarden Dollar wurden und werden zu ihrer Erforschung und Bekämpfung aufgewendet. Seit Anfang der 90er Jahre stehen wirksame Immuntherapien zur Verfügung. Inzwischen gibt es eine Fülle an wissenschaftlich abgesicherten Therapieformen, von denen einige, so hofft man, in naher Zukunft in der Lage sein werden, die immer schwelende Krankheitsaktivität vollständig zu unterdrücken. Die Medizin ist hier in schneller Entwicklung; was vor zwei Jahren richtig gewesen ist, hat heute nur noch eingeschränkte Gültigkeit. Es gilt dabei aber: hohe Wirksamkeit bedeutet häufig auch hohes Risiko, und es bleibt eine Herausforderung, für den richtigen Patienten die richtige Therapie zu finden.

Dieses Problem ist gelöst, das Allheilmittel ist gefunden: „Das Coimbra-Protokoll ist sicher eine der sensationellsten medizinischen Entwicklungen in der Medizin überhaupt. Sensationell, weil kaum für möglich gehaltene Therapieerfolge bei MS berichtet werden“, sagt Dr. med. Volker Schmiedel [1]. Das elektrisiert. Vor allem elektrisiert es, weil in der Fachliteratur gar keine Berichte vorliegen. Der Erfinder des „Coimbra-Protokolls“ ist der brasilianische Neurologe Cicero Galli Coimbra, welcher erkannt hat, woran die bisherigen Versuche, die MS mit Vitamin D zu behandeln, gescheitert sind. Sie waren nicht mutig genug, die Patienten mit toxischen Dosen zu behandeln. Placebokontrollierte Studien dazu sind unethisch, sagt er, weil das bedeuten würde, Patienten von vornherein aus seiner über jeden Zweifel erhabenen [2] Therapie auszuschließen, weil sie dann mit einer (tatsächlich stets unwirksamen) Placebotherapie verglichen werden müsste. Er hat recht, aber die Begründung ist falsch: placebokontrollierte Studien sind (inzwischen) unethisch, weil es heute nachgewiesen wirksame Therapien gibt.

Wo sind denn also die Berichte zu finden, die den Herrn Schmiedel in einen solchen Begeisterungstaumel stürzen? In derselben Nummer der Zeitschrift „Erfahrungsheilkunde„, wie praktisch, kann man eine „Studie“ von Kai Reichert lesen: „Vitamin-D-Gabe in Hochdosis – Therapieoption bei Multipler Sklerose?“ [3]. Der Haug-Verlag, in dem das Journal erscheint, gehört zur Verlagsgruppe MVS. Dorthin lagert der seriöse Thieme-Verlag radioaktiv verstrahlte Inhalte aus, mit denen man natürlich trotzdem Geld verdienen möchte. Mangels anderer Publikationen werden wir uns dennoch anhand dieses Papiers mit der aufgehenden Coimbra-Sonne der MS-Therapie befassen.

Die Veröffentlichung

Reichert beginnt, ganz gewöhnlich, mit einer Einleitung. In ihr wird das Coimbra-Protokoll kurz vorgestellt. Das ist auch nötig, denn der Fachwelt ist es, wie erwähnt, bisher unbekannt. Wer jedoch ebenso gewöhnlich die übliche Struktur einer empirisch-wissenschaftlichen Arbeit erwartet (Einleitung – Material und Methode – Ergebnisse – Diskussion), kann das Ding getrost wieder beiseite legen. Statt dessen erwarten ihn

Eigene Erfahrungen des Autors
Nach drei Jahren und über 500 Patienten, die vom Autor begleitet wurden,

Moment. Die Behandlung nach Coimbra-Protokoll hat 2017 begonnen, und die Veröffentlichung stammt aus dem August 2019. Das sind höchstens zweieinhalb Jahre. Es ist schlicht nicht plausibel, dass diese „über 500 Patienten“ alle am Tag nach der Bestallung als Coimbra-Arzt gegen die Pforte eines Hausarztes gedonnert haben, um Einlass zu begehren und die Aufnahme in eine bis dato völlig unbekannte Therapie einzufordern. Die tatsächlichen Beobachtungszeiten einer viel geringeren Anzahl von Patienten müssen also deutlich kürzer sein. Genauer werden die Angaben zum Patientenkollektiv nicht. Es fehlen:

  • die Anzahl der Patienten: „über 500“ ist keine Zahl, sondern eine Schätzung, die unglaubwürdig hoch ausgefallen ist (wenn man sich an den veröffentlichten Text hält [4]),
  • jegliche Details zu demografischen Angaben der Stichprobe, nicht einmal die einfachsten werden mitgeteilt: Alter der Patienten, Geschlechtsverteilung,
  • jegliche Details zum „Protokoll“ und zur auch nur groben Charakterisierung der Erkrankung, wir nennen nur beispielhaft: Krankheitsdauer vor Beginn der Behandlung, Zahl der Schübe, Grad der Behinderung, Beobachtungszeiten, Art der Diagnosesicherung (hat der Hausarzt sie allein gestellt?), Ein- und Ausschlusskriterien, Kontraindikationen für die Behandlung, Zahl der leichten/schweren Nebenwirkungen, Zahl der Krankenhausaufnahmen, Zahl der Therapieabbrüche, Todesfälle, zusätzliche („add-on“)-Therapie bei immunmodulatorischer Basistherapie oder alleinige Therapie? (in letzterem Fall wäre ihre ethische Grundlage zweifelhaft),
  • und schließlich: eine Kontrollgruppe. Allein dieses Kriterium macht die Arbeit für jegliche patientenbezogene Schlussfolgerung unbrauchbar. Die Multiple Sklerose hat einen hochvariablen Verlauf, der auch nach Jahren noch spontan zu einem scheinbaren Stillstand kommen kann.

Wir greifen noch einige besonders leuchtende Eindrücke des Autors von seinen eigenen Leistungen heraus und versehen sie mit einem Zeilenkommentar. Der Satz mit den „über 500 Patienten“ geht nach dem Komma so weiter:

lässt sich eine klare Tendenz erkennen: Bei überschaubarem Nebenwirkungsprofil berichtet eine große Zahl von Patienten über Verbesserungen in Konzentrationsfähigkeit, Aufmerksamkeit, Schlaf und Stimmung

Bitte? Das sind allenfalls sekundäre, weiche Endpunkte, von denen noch dazu höchst zweifelhaft ist, ob sie mittels neuropsychologischer Tests oder wenigstens mittels validierter Fragebögen erfasst worden sind. Wie sieht es aus mit den gewöhnlichen klinischen Parametern „Zahl der Schübe“ und „Grad der Behinderung“, oder wenigstens, als ein Surrogatparameter, dem „lesion load“ im MRT? Das Wort „Tendenz“ wird üblicherweise verwendet, wenn ein Ergebnis die statistische Signifikanz verfehlt hat, aber dennoch geliebt wird. Wir können aber nicht unterstellen, dass es hier Versuche der statistischen Absicherung gegeben hat. Und warum sollte es sie gegeben haben: wenn es keine Kontrollgruppe gibt, dann gibt es auch nichts, wogegen man statistisch testen müsste. Und was heißt eigentlich „große Zahl“? Wenn es 40% wären, dann wäre das immer noch „groß“, und Reichert könnte dabei sogar subjektiv ehrlich sein (recall bias).

Wie bei allen chronischen Erkrankungen ist die Führung und psychotherapeutische Begleitung der Erkrankten ein wichtiger Baustein des Erfolgs. Prof. Coimbra legt wie auch der Autor großen Wert auf zumindest den Versuch, starke emotionale Belastungen zu vermeiden oder therapeutisch anzugehen.

Der erste Satz stimmt immer [5], weshalb er völlig unspezifisch ist. Die reviewenden Peers haben geschlafen. In diese Banalität wird der Hinweis auf Guru-Medizin verpackt.

Beurteilung der Effektivität Anhand eines einfachen Parameters, des Parathormons (PTH), lassen sich Wirkung und Effektivität der Vitamin-D-Therapie (analog des Blutzuckerspiegels beim Insulin) beurteilen

Ging es nicht um MS-Therapie? Für die ist der PTH-Wert ganz uninteressant. Er ist nicht einmal ein sog. Surrogatparameter, wie z. B. der Blutzuckerwert bei der Behandlung des Diabetes mellitus.

Fälle von verbesserter Gehfähigkeit sind ebenfalls aufgetreten.

Wie viele Fälle? Gehstrecke? T25FW-Testergebnisse vor und nach Behandlung? Oder war es einfach nur das Abklingen eines Schubes, bei dem sich die Gehfähigkeit verbessert hat?

Objektivierbare Daten zeigen sich auch im MRT: Nach einem Jahr Vitamin-D-Hochdosistherapie war bei über 90 % der Untersuchten im Kernspin keine Krankheitsaktivität (Kontrastmittelanreicherung) mehr nachweisbar. Es ergaben sich keine Hinweise auf Schrankenstörungen nach Kontrastmittelgabe, und bei über 85 % der Patienten waren keine neuen Herde mehr aufgetreten. Nach zwei Jahren Vitamin-D-Hochdosistherapie stieg der Prozentsatz weiter an (bei allerdings kleineren Patientenzahlen).

Beide Angaben sind vollkommen wertlos, weil wir a) nicht wissen, wieviele Patienten überhaupt im Verlauf MR-tomographisch untersucht worden sind, b) wie die Untersuchungsintervalle gewesen sind (man muss da eine völlige Regellosigkeit unterstellen; der Fachbegriff dafür wäre „nach klinischen Erfordernissen“), c) ob überhaupt bei den Kontrollen regelmäßig Kontrastmittel eingesetzt wurde und d) ob die Untersuchungen nach einem standardisierten Protokoll durchgeführt worden sind. In der klinischen Routine ist letzteres bisher nicht der Fall. Bei einem Untersuchungsintervall von wenigen Monaten bis maximal 2,5 Jahren wird man in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle selbst bei unbehandelten Patienten keine KM-Aufnahmen sehen, und auch bei der Mehrzahl keine steigende Anzahl der Herde. Ein entstehender Herd ist nur für wenige Wochen KM-aufnehmend (=“aktiv“); die meisten Plaques sind in der Zeit ihrer Enstehung subklinisch, d. h. keine merklichen Symptome verursachend und also auch nur zufällig und selten in dieser Phase zu entdecken – oder eben bei engmaschigen Kontrollen.

Abgeschlossen wird dieser Erfahrungsbericht mit zwei Fallgeschichten, die der Autor für „beispielhaft“ hält. Fall 1 schildert einen Patienten mit einer hochaktiven MS mit Diagnosestellung 2009 und bis 2017 immunmodulatorischer Therapie, die die Krankheitsaktivität nicht habe stoppen können. Das sei erst unter der Vitamin-D-Therapie gelungen. In wieweit diese dafür verantwortlich ist, kann nur spekuliert werden. Fall 2 schildert einen 15jährigen Patienten nach Diagnosestellung 10/2018. Der Jugendliche habe sich gleich für Vitamin D anstelle einer wissenschaftlich gesicherten Therapie entschieden. „1/2019 (1. Kontrolluntersuchung): Mir geht‘s sehr gut, die Hand ist wieder in Ordnung“. – Das ist der völlig gewöhnliche Verlauf, der auch ohne jede Therapie zu erwarten gewesen wäre. Der Schub war einfach abgeklungen.

Das war alles, was wir über die Prognose der Erkrankung bei Patienten in der Obhut des Dr. med. Kai Reichert, Absolvent des Studiengangs Komplementärmedizin am IntraG der Viadrina, Hausarzt und Anwender der Skenar-Therapie, erfahren haben. Die Sensationsrakete ist also beim Start verglüht.

Nebenwirkungen? No problem.

Die übrigen vier der fünf Seiten, die der Bericht lang ist, beschäftigen sich mit den möglichen Nebenwirkungen und Komplikationen der überdosierten Vitamin-D-Behandlung, die alle nicht so schlimm seien. Genannt werden die Niereninsuffizienz (nein, genannt wird sie nicht, sondern nur der Anstieg des entsprechenden Laborwertes), die Osteoporose und die Hyperkalziämie. Sie seien sämtlich einfach beherrschbar, mittels einer Dosisreduktion, kalziumarmer Diät und mehr als 2,5 l Flüssigkeitsaufnahme am Tag. Man ist aber doch gelinde erstaunt, wie es überhaupt zu Nebenwirkungen kommen konnte, wenn doch das Problem der Dosissteuerung durch Beachtung des PTH-Wertes gelöst ist. Zahlen zu Häufigkeiten, Schweregraden, Abbruchquoten oder vielleicht sogar zu bleibenden Schäden? Erfährt man in Brasilien, oder wenn man einen Kurs beim Dr. Reichert, zertifizierter Coimbra-Protokollarzt, belegt. Oder auch gar nicht. Es entsteht allerdings der dringende Verdacht, dass der Coimbra-Experte selber seine Empfehlungen zum Umgang damit nicht belegen können wird. Auch sollte man den Rat des zertifizierten Coimbristen mit dem Rat des zertifizierten Neurologen anreichern, der in der Lage ist, einen Schub von einer Unpässlichkeit zu unterscheiden. – Die Erörterung der Nebenwirkungen bleibt so lange für die Praxis irrelevant, wie eine therapeutische Wirkung der Vitamin-D-Gabe nicht als nachgewiesen gelten kann.

Wie geht es weiter

War es das jetzt mit dem Coimbra-Protokoll? Mitnichten. Dr Reichert hat all diese Kritik vorhergesehen und sagt:

Eine Pilotstudie zur Sicherheit der Vitamin-D-Hochdosistherapie wird demnächst veröffentlicht. Dafür wurden 1000 Patienten über einen längeren Zeitraum beobachtet, die Sicherheit der Therapie liegt in der Studie bei über 99 % [6].

Der Begriff „Pilotstudie“ ist ein Euphemismus für vorab eingestandene Unbrauchbarkeit der Ergebnisse für praktische Zwecke wegen methodischer Schwächen der Untersuchung. Pilotstudien sind bestenfalls ein Anreiz zu weiterer Forschung. Der vorliegende Erfahrungsbericht ist also noch nicht einmal das. „Therapiesicherheit über 99%“? Was soll das heißen? Die meisten Patienten haben überlebt? Bei der zweiten Vorstellung ist nur noch ein Drittel der Patienten erschienen, und von denen hängt niemand an der Dialyse? Wer weiß. Von einer Veröffentlichung von Daten zur Wirksamkeit ist keine Rede, da wird es wohl bei dem vorliegenden „Paper“ bleiben. Man weiß also nicht, was drinstehen wird, aber man kennt schon den Titel dieser Pilotstudie:

[6] Walach H. Safety and clinical effects of vitamin D high dose therapy (Coimbra Protocol) – a retrospective audit study: Protocol and rationale. (publishing in progress) Study Physicians Kai Reichert, MD Beatrix Schweiger, MD Johannes Demuth

Es wird also lediglich ein Studien-Plan für eine retrospektive Untersuchung veröffentlicht werden, was schon einigermaßen nach einem Widerspruch in sich klingt: für eine retrospektive Untersuchung muss man halt die Daten nehmen, die schon da sind, und wenn man erst plant, könnte man ja prospektiv untersuchen. Beatrix Schweiger? „Praxis für integrative Schmerztherapie, Psychotherapie und orthomolekulare Medizin. Zertifizierte Coimbraprotokollpraxis“. „Im Zentrum“ ihres Behandlungskonzepts steht die „Schmerztherapie nach Liebscher und Bracht“, die auf Esoterikmessen beworben wird. Johannes Demuth? „qualifizierte sich […] auf dem Gebiet der chinesischen Medizin. Außerdem arbeitete er sechs Jahre lang als Stations- und Ambulanzarzt in der TCM-Klinik am Steigerwald. Zusätzlich absolvierte er eine Ausbildung in Psychotonik (Körper und Atemtherapie).“

Über den Meister des Hellsehens (Nature), Herrn Professor Harald Walach, den Stern erster Größe am Methodenhimmel, müssen wir wohl keine weiteren Worte verlieren. Diese Speerspitze der Aufklärung war uns schon so manchen Blog-Beitrag wert. Er dürstet nach seiner ehrenvollen Verabschiedung wieder nach großen Taten.

Außerdem sagt Reichert noch:

Nach zwei Jahren Vitamin-D-Hochdosistherapie stieg der Prozentsatz [der Patienten ohne neue Herde im MRT] weiter an (bei allerdings kleineren Patientenzahlen). Diese Studie steht ebenfalls vor der Veröffentlichung [7].

Wenn die Behandlung nach Coimbra-Protokoll 2017 begonnen hat und die Veröffentlichung aus August 2019 ist, dann ist das wohl nichts anderes als Prophetie. Auch von dieser geplanten „Studie“ kennen wir immerhin schon den Titel:

[7] Reichert K. Can supplementation with vitamin D reduce the progress of lesions (MRI-controlled)? (publishing in progress)

Diese Frage wird unbeantwortet bleiben, denn unkontrollierte Untersuchungen können dazu keine Aussagen machen.

So gestatten wir uns ebenfalls ein wenig Prophetie: der wissenschaftliche Gehalt dieser geplanten Publikationen wird nicht größer sein als derjenige des hier besprochenen Erfahrungsberichts, d. h. nicht signifikant von Null verschieden.


  1. : Schmiedel V: „Entgegen der landläufigen Meinung führt die multiple Sklerose nicht zwangsläufig zu schweren Behinderungen. Auch viele Jahre nach Beginn der Erkrankung bleibt die Mehrzahl der Patienten noch gehfähig.“ Erfahrungsheilkunde 2019; 68: 169–169
  2. über jeden Zweifel erhaben: „Insgesamt fällt zum sogenannten Coimbra-Protokoll das komplette Fehlen von wissenschaftlicher Evidenz auf. Der Initiator scheint sich von der wissenschaftlich begründeten Medizin abgewandt zu haben.“ (Freund W, NeuroTransmitter 2018; 29 (10):34-37). In einem Vortrag am 14.04.2018 (youtube, ab 20:09) behauptet Coimbra beispielsweise, dass Patienten mit einer konzentrischen Balo-Sklerose (einer seltenen Sonderform der MS) gewöhnlich, d. h. dann wohl ohne seine Therapie, eine Überlebenszeit von anderthalb Jahren hätten. Doch das ist schlicht falsch. Seitdem das MRT weithin verfügbar ist, wird diese MS-Variante oft bei Patienten identifiziert, die später eine komplette oder fast komplette Rückbildung der Symptome haben (Hardy TA, DH Miller, Lancet Neurol 2014;13: 740-746).
  3. : Reichert K: Vitamin-D-Gabe in Hochdosis – Therapieoption bei Multipler Sklerose? Erfahrungsheilkunde 2019; 68: 194–198
  4. : Es ist natürlich denkbar, dass Reichert Patienten in seine „Auswertung“ einbezieht, die er bereits vor seiner Bestallung als Coimbra-Arzt behandelt hat. Das wären dann aber eo ipso Protokollverletzer. Im Text heißt es wörtlich über den Autor: „Mit dem Coimbra-Protokoll kam er 2016 durch eine Patientin in Kontakt, seit 2017 ist er zertifizierter Protokollarzt ‚Coimbra-Protokoll‘. Er hat seither über 500 MS-Patienten betreut und behandelt.“
  5. : mitlesende professionelle Psychotherapeuten mögen uns verzeihen; wir wissen selbstverständlich, dass eine Psychotherapie lege artis etwas ist, dass sich nicht in Empathie, Händchenhalten und paternalistischen Ratschlägen erschöpft. Es ging uns allein um die Pointe.

Korrektur am 11.01.2020. In der Erstfassung war von „anderthalb“ Jahren maximaler Beobachtungsdauer die Rede. Wir bitten um Entschuldigung.

Homöopathie. BEI SEPSIS???

9. November 2019 13 Kommentare

Die stetig wachsende deutsche Skeptiker-Gemeinde, auch bekannt als „Skeptiker-Lobby“ oder „Skeptiker-Sekte“, guckt in diesen Tagen nach Bayern und reibt sich verblüfft die Augen. Auf Initiative der CSU und der Freien Wähler, mit Unterstützung der Grünen, wurde vorgestern im dortigen Landtag der Beschluss gefasst, eine wissenschaftliche Studie in Auftrag zu geben.

Zur Homöopathie. Als Mittel zur Reduktion der Antibiotika-Abgabe. Weil die Politik der Wissenschaft gefolgt ist und sich die Gefahr der Antibiotikaresistenz als politisch relevantes Thema zu eigen gemacht hat. Und jetzt wissen möchte, was man dagegen tun kann. Mit Alternativmedizin. Und speziell mit Homöopathie.

So als hätte es die Diskussion der letzten Jahre, die die nachgewiesene und immanente Wirkungslosigkeit der Homöopathie ins öffentliche Bewusstsein gebracht hat, nicht gegeben.

Das Ergebnis ist eine ungläubige und fassungslose Schockstarre unter den Skeptikern, die sich in den letzten Jahren am Diskurs beteiligt haben, freiwillig und unentgeltlich. Gerade weil wir immer wieder betonen, dass Big Pharma und Big Woo sich im Hinblick auf die Geschäftspraktiken nichts schenken und dass die Förderung der Gesundheitskompetenz der Patienten beide Probleme gleichermaßen angeht: Verringerung des Schadens durch nachgewiesen unwirksame Therapien, wie z.B. Homöopathie, und Sensibilisierung für die ebenfalls schädliche Überversorgung mit Antibiotika. Antibiotikaresistenz als Folge von unverantwortlichem Verordnungsverhalten, welches durch die Marketingstrategien der pharmazeutischen Hersteller befeuert wird, ist unbestritten ein Problem. Bereits seit Jahren warnen Wissenschaftler davor, dass wir etablierte Behandlungsoptionen wie Penicillin und Amoxicillin, die in der Vergangenheit Menschenleben gerettet haben und immer noch retten, mittelfristig verlieren könnten.

Was kann jetzt noch getan werden, wie sollten Skeptiker mit der Situation umgehen? Sollten sie auf die Ergebnisse der Studie warten, um dann im Rahmen des wissenschaftlichen Diskurses methodische Kritik zu üben? Hier ein Wort der Warnung: Auftragsforschung wird in der Regel nur als so genannte „graue Literatur“ veröffentlicht. Das heißt, der Auftraggeber erhält einen Bericht, den er dann z.B. ins Internet stellen kann. Vielleicht gibt es eine offizielle Ergebnispräsentation, z.B. im Gesundheitsausschuss des Landtages. Was es aber sicher nicht geben wird, ist eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Vorgehen, denn wenn die Studienautoren keine wissenschaftliche Veröffentlichung anstreben, wird es auch kein peer review geben, genauso wenig wie eine Ergebnispräsentation im Rahmen einer wissenschaftlichen Konferenz, bei der methodisch versierte Kollegen den notwendigen Input zu den Limitationen geben können.

Sollten skeptische Wissenschafler (mit anderen Worten: Wissenschaftler) die Studie deshalb boykottieren?

Ganz im Gegenteil!
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Denn wenn es einen Anlass zum Scherzen gibt …

18. Oktober 2019 1 Kommentar
    Heverts Rezept für gesunde Geschäfte

 

Skeptikern wirft man ja gerne vor, sie seien humorlos. Und da wir unter Atheismus-Generalverdacht stehen, unterstellt man uns auch, dass wir so gar kein Verständnis für Rituale, Zeremonien und Feiertage, den Kitt zwischen den Ziegeln des menschlichen Zusammenlebens, hätten.

Das empfinden wir als sehr ungerecht. Mehr…

Bruno Gröning zu Gast beim Deutschen Roten Kreuz

2. Juni 2019 6 Kommentare

Liebe Leser!

Der „Bruno Gröning-Freundeskreis“ (BGF), der auch als „Kreis für geistige Lebenshilfe e.V“ auftritt, ist euch möglicherweise nicht unbekannt, denn er ist seit langem – verdientermaßen – Bewohner unseres Wikis.
Bruno Gröning war kurz gesagt ein Heiler, dessen Kompetenz unter anderem daran sichtbar wurde, dass er an Krebs gestorben ist. Das bewahrte ihn auch vor weiterer juristischer Verfolgung. Auch für den riesigen Kropf Bruno Grönings haben seine Jünger die naheliegendste Erklärung: in ihm konzentrieren sich seine Heilkräfte.

Er ist uns in letzter Zeit verstärkt unangenehm aufgefallen, und zu unserer Verblüffung zieht er seine Show anscheinend gerne in den Räumen des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) ab. Das DRK hat ein stark föderale Struktur, wodurch die Landes- und Kreisverbände eine hohe Eigenständigkeit haben. Wenn also irgendwo eine solche Veranstaltung in Räumen stattfindet, die von einem großen Roten Kreuz geschmückt werden, hat das wohl eher was mit den lokalen Gegebenheiten zu tun und nicht mit dem DRK an sich.
Trotzdem ist es natürlich hässlich, dass mit dem Ansehen des DRK Leute zu solchen Spinnern gelockt werden. Unsere Bitte deshalb: Wenn ihr bei euch lokal im Blättchen eine entsprechende Ankündigung findet, dann tragt die doch mit Datum und Ort in den Kommentaren ein. Wir wüssten gerne, wie groß das Problem ist.

Herzlichen Dank!

PS: Zum Weiterlesen, vom Wiki abgesehen:
https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/bruno-groening-freundeskreis-eine-unterschaetzte-sekte-15843241.html
https://www.bistum-trier.de/weltanschauungsfragen-sekten/gruppen-weltanschauungen/bruno-groening-freundeskreis/
https://www.ezw-berlin.de/html/15_6969.php

Homöopathie grotesk

25. Mai 2019 6 Kommentare

Zur Homöopathie ist alles gesagt, sollte man meinen. Es hat nie eine Zeit gegeben, in der sie nicht für ihre Unwissenschaftlichkeit und die Absurdität ihrer Grundannahmen kritisiert worden ist. Heinrich Heine hat dem Homöopathen Didier Roth den “millionsten Theil einer Lyoner Salami” geschickt. Wenn die Homöopathie überhaupt je einen positiven Einfluss auf die Medizin hatte, dann beschränkt er sich darauf, dass sie weniger eingreifend als die zeitgenössische Medizin gewesen ist. Nichtstun war im Allgemeinen humaner als Zugpflaster, Einläufe und Aderlässe (s. hier). Schon den Einfluss auf die Entwicklung der medizinischen Forschung kann man nur als „Erfolg“ der Homöopathie verbuchen, wenn man eine dialektische Volte zu Hilfe nimmt. Das messianische Geschrei der Homöopathen war den Zweiflern so auf die Nerven gegangen, dass sie auf Mittel zur empirischen Überprüfung gesonnen hatten: der vermutlich erste plazebokontrollierte Doppelblindversuch in der Medizin war das Resultat dieser Überlegungen. Das Ergebnis konnte niemanden überraschen:

Wirft man nun einen Blick auf die gewonnenen Resultate, so sieht man zuvörderst, dass die bey weitem überwiegende Mehrzahl der Versuchspersonen eben so wenig auf das potenzirte Kochsalz wie auf reines Wasser irgend eine Befindensveränderung wahrgenommen hat, woraus mit Recht die Identität der Wirkungskraft dieser beyden Flüssigkeiten gefolgert werden kann, während doch Hahnemann und die Homöopathen der ersteren eine Kraft zuschreiben, vermöge welcher sie 897, sage: achthundert sieben und neunzig Zufälle in Gesunden erregen, und denen gemäss sie Kranke heilen soll […] [Die homöopathischen Kochsalzversuche zu Nürnberg]

Genauso wenig überraschend ist es gewesen, dass die Adepten sich davon nicht irritiert fühlten, sondern herablassend – und über jeden Versuch einer methodischen Kritik erhaben – erwiderten:

das Ganze läuft auf nichts, als auf eine, eines wissenschaftlichen Arztes unwürdige, jämmerliche Fratze hinaus; nur bornirte Köpfe sind deren fähig; am Unwesentlichen bleiben sie hängen: um zum Wesentlichen zu gelangen, haben sie freilich keinen Verstand — nur so viel gerade, um, statt die Nichtigkeit der von ihnen angegriffenen Sache, ihre eigene Nichtigkeit in pessima forma darzulegen. [1]

Spätestens seit dem Donner-Bericht über die Versuche, die Homöopathiewirksamkeit in den späten 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts zu belegen (verfasst ca. 1966, die Publikation bis in die 80er Jahre von den Homöopathen erfolgreich unterdrückt), muss jedem klar sein: es gibt keine geheime Kraft, die dieser „Medizin“ Wirkung verschafft. Alle späteren Versuche, die Wirksamkeit wissenschaftlich zu beweisen, erfinden das Fahrrad neu und sind Marketinginstrumente. Weil aber jede Generation dazu verurteilt ist, die Fehler der früheren zu wiederholen, gibt es in gewissen Abständen neue Reviews, Metaanalysen oder Stellungnahmen wissenschaftlicher Gremien hierzu. Sie stellen keine neuen Erkenntnisse fest, sondern verteidigen lediglich die bisherigen gegen neue Nachrichten über vollbrachte Wunder. Diese Messen sind alle gesungen. Wenn also der Gesundheitswissenschaftler Prof. Gerd Glaeske kürzlich meinte:

bei homöopathischen Mitteln fehlt bisher grundsätzlich bei allen Mitteln, die homöopathisch daherkommen, ein Wirksamkeitsnachweis

dann ist das eine Aussage, die niemanden aufregen kann. Doch was ist das?

Für diese Aussage hat der mittelständische Hersteller Hevert-Arzneimittel Glaeske über einen Anwalt abmahnen lassen.

Wer hier „mittelalterlich“ liest, dem kann verziehen werden.

Geschäftsführer Mathias Hevert von Hevert-Arzneimittel zum Vorgehen gegen Prof. Glaeske. Er sagte mit deutlichen Worten […]: „Hevert-Arzneimittel wird zukünftig noch entschlossener gegen Homöopathie-Kritiker vorgehen und Personen juristisch angehen, wenn sie falsche Aussagen über die Homöopathie verbreiten und damit Rufschädigung betreiben, was geschäftsschädigende Auswirkungen für uns haben kann.“

Und auch hier ist ein wenig inhaltliche Hilfestellung erforderlich: statt „noch entschlossener“ muss es heißen „noch unverschämter“. Man muss schon weit laufen, um heutzutage Beispiele für ähnliche Grotesken zu finden. Natalie Grams beharrt trotz anwaltlicher Ermahnung darauf, dass 2 + 2 = 4 ist:


Twitter

Mehr Details zum aktuellen Anlass z. B. hier:


  1. Ludwig Griesselich: Hygea: Centralorgan für die homöopathische oder specifische Heilkunst. C. T. Groos, 1835, S. 324 – 330 [online hier]

Zur Neutralisierung fundierter Kritik durch falsche journalistische Ausgewogenheit – Beispiel: Homöopathie

1. Dezember 2018 44 Kommentare

Homöopathie-Aufklärung ist eine tolle Sache. Allen, die geduldig immer wieder erläutern, warum wirkstofflose Zuckerkugeln keine Medizin sind, gebührt höchster Respekt. Hier sind an erster Stelle das Informationsnetzwerk Homöopathie und die GWUP sowie der Konsumentenbund bzw. deren unermüdliche und überwiegend ehrenamtliche AktivistInnen zu nennen. Auch wir bei Psiram versuchen, unseren Teil dazu beizutragen. Und tatsächlich sind seit etwa einem Jahr erste Erfolge zu verzeichnen. Der Tenor in den Medien hat sich verändert, über Homöopathie wird kritischer berichtet, (echte) Experten dürfen sich zu Wort melden, es gibt sogar politische Aktivitäten zur Eindämmung der verdünnten Zuckerflut. Die verhinderten Tortenverzierer haben es zunehmend schwer, ihre wissenschaftsfernen Märchen unwidersprochen zu verbreiten.

So weit, so gut.

An diesem Punkt stellt sich die Frage, wie Homöopathie-Aufklärung idealerweise aussehen soll. Muss es die harte Konfrontation sein? Die „Wissenschaftskeule“? Soll man die Leute „da abholen, wo sie stehen“? Sind eventuell Kompromissvorschläge sinnvoll (ein bisschen Hokuspokus, ein bisschen Wissenschaft)? Ist es wichtig, auf die Globulisten zuzugehen, sie nicht zu verärgern, um ihnen dann mit dem kleinen Löffel und viel Sirup die bittere Realität näherzubringen, nämlich dass sie sich von einer kriminellen Bande, dem Bodensatz der Pharmaindustrie – zu faul zum Forschen, zu gierig und verblendet, um echte Medikamente herzustellen – ,  jahrelang haben veralbern lassen? Sind Gesetze und Verbote erforderlich, um diesen mehr als 200 Jahre währenden Betrug am Patienten zu beenden?

Welche Strategien auf Dauer am wirksamsten sind, muss sich erst noch herausstellen. Unsere Methode ist und bleibt der Realismus. Der kommt nicht immer freundlich daher, weshalb er oft auf Widerstand stößt. Das ist unsere Nische, und wir möchten diese Vorgehensweise nicht verallgemeinern oder gar als die einzig richtige darstellen.

Aus dieser Position heraus betrachten wir allzu nachgiebige Herangehensweisen natürlich mit Vorbehalten. Zwei Beispiele in Form von Homöopathie-Aufklärungsvideos sollen zeigen, welche Gefahren es mit sich bringt, wenn statt klarer Worte eine falsche journalistische Ausgewogenheit die Grenzen zwischen Phantasie und Wirklichkeit zu verwischen droht – und wie Homöopathie-Aufklärung nicht aussehen sollte. Daraus ergibt sich ein Appell, speziell an Journalisten: Traut Euch, Fakten klar zu präsentieren und Unsinn als solchen zu bezeichnen. Redet nicht aus falsch verstandener Toleranz um den heißen Brei herum.  Mehr…

Homöopathie – „nur“ ein Irrtum?

1. November 2018 45 Kommentare

Im letzten Wochenrückblick haben wir eine Diskussion darüber angeregt, welchen Aufwand man betreiben sollte, um unwissenschaftliche und irrationale Behauptungen, speziell die Homöopathie, zu kritisieren. Udo Endruscheit hat diese Herausforderung angenommen und uns dazu einen umfangreichen Beitrag geschickt, für den wir uns sehr herzlich bedanken und den wir hier veröffentlichen dürfen:

Der Teaser zum Psiram-Wochenrückblick 43/2018 konstatiert völlig zu Recht ein grundlegendes Problem der Kritik an Pseudomedizin, speziell der Homöopathie: Wieder und wieder müssten Berge falscher Behauptungen widerlegt werden, obwohl die Causa faktisch längst geklärt ist. Psiram warf die Frage auf, ob sich das lohnt. Könnte man nicht ebenso gut Bullshit mit Gegenbullshit kontern?
Anbei eine persönliche Stellungnahme dazu.

220 Jahre Homöopathie – es nervt…

Die Homöopathiedebatte nervt beide Seiten – die Kritiker der Methode wie auch die Homöopathielobbyisten. Sie ist aber dennoch wichtig bis unverzichtbar, weil diese „Methode“ als „Medizin“ öffentliche Reputation genießt, obwohl sie seit ihrem Bestehen – seit 1796 ! – keinen belastbaren Wirkungsnachweis erbringen konnte. Die Liste der failed trials ist sehr lang – sie zieht sich von ersten dokumentierten Versuchen in den 1810er Jahren bis zu den neun systematischen Reviews der Studienlage zwischen 1991 und 2018, von denen kein einziges eine belastbare Evidenz für eine spezifische Wirkung der Homöopathie ergeben hat.

Nicht bloß eine Methodendebatte

Ein großes Problem besteht in der Desinformation. Die Privilegierung durch das Arzneimittelgesetz verschafft der Homöopathie (noch?) einen Vertrauensbonus. Sie braucht keinen Wirkungsnachweis zu erbringen, ihre gesetzliche Arzneimitteleigenschaft und den Marktzugang erhalten die Mittelchen ausschließlich durch einen innerhomöopathischen Meinungskonsens.

Ein anderes Problem findet noch viel zu wenig Beachtung: Die weit verbreitete unkritische Überzeugung von der Wirksamkeit der Homöopathie rüttelt an den Grundfesten rationalen Denkens und ignoriert die Notwendigkeit intersubjektiver Maßstäbe.

Homöopathie ist keine Meinungssache. Sie ist auch kein Streitgegenstand unter Wissenschaftlern. Homöopathie ist schlicht irrational. Warum?

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WHO: TCM ins ICD – Traditionelle Chinesische Heilkunde, die lichte Zukunft der Medizin?

27. Juni 2018 12 Kommentare

Die Weltgesundheitsorganisation hat einen neuen Entwurf der elften Version ihres Klassifikationssystems für medizinische Diagnosen (ICD) vorgestellt, die im nächsten Jahr verabschiedet werden soll. Vorgesehen ist eine neue Abteilung für „traditionelle medizinische Störungen“ (damit ist chinesische, japanische und koreanische „Naturheilkunde“ gemeint). Systematische Bestrebungen, Quacksalberei auf diese Weise hoffähig zu machen, gibt es schon seit längerem. Wir hatten die Geschichte dieser Bemühungen bereits angerissen und mit wenig Erfolg versucht, den Begriffswirrwar zu durchdringen (hier), dessen Zweck darin besteht, grundsätzliche Unterschiede zwischen „traditioneller“ und „westlicher“ Medizin zu verschleiern.

Die „Integration“ der Glaubensmedizin in die wissenschaftlich begründete Medizin erfordert eine gewisse gedankliche Flexibilität, ein Denken, das eingetretene Pfade verlässt. Ben Kavoussi von Science Based Medicine hatte das schon vor einiger Zeit mittels eines Foucault entlehnten Borges-Zitats illustriert [1]:

Dieser Text zitiert „eine gewisse chinesische Enzyklopädie“, in der es heißt, daß „die Tiere sich wie folgt gruppieren: a) Tiere, die dem Kaiser gehören, b) einbalsamierte Tiere, c) gezähmte, d) Milchschweine, e) Sirenen, f) Fabeltiere, g) herrenlose Hunde, h) in diese Gruppierung gehörige, i) die sich wie Tolle gebärden, k) die mit einem ganz feinen Pinsel aus Kamelhaar gezeichnet sind, 1) und so weiter, m) die den Wasserkrug zerbrochen haben, n) die von weitem wie Fliegen aussehen“.

Was bringt die WHO dazu, einen derartigen Bruch mit der Wissenschaft zu vollziehen? Die Generaldirektorin der WHO, Frau Dr. Margaret Chan, äußerte sich zu diesem Thema in einer Grundsatzrede anlässlich der „International Conference on the Modernization of Traditional Chinese Medicine“ am 23. Oktober 2016.

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Die GWUP-Challenge zur Homöopathie: Warum die Homöopathen sie nicht ignorieren sollten

31. Mai 2018 26 Kommentare

Ein Gastbeitrag von Udo Endruscheit


Die GWUP und ihr homöopathiekritischer Zweig, das INH, haben bei der Skepkon in Köln die Auslobung eines Preises in Höhe von 50.000 Euro für hömöopathische Forscher bekannt gegeben. Wer als erster in zwei Durchgängen drei von ihm selbst vorher gewählte homöopathische Hochpotenz-Mittel (C30) unterscheiden und identifizieren kann und dies mit einer reproduzierbaren Verfahrensbeschreibung belegt, erhält diesen Preis.

Finde den Unterschied!

Es gibt dazu genaue Spielregeln, die auf der Webseite der GWUP einsehbar sind. Nur in einem Punkt gibt es keine „Spielregel“: Die Methode, mit der dies geschieht, ist völlig frei wählbar. Von der klassischen homöopathischen Arzneimittelprüfung über physikalische oder chemische Analysemethoden bis hin zu wissenschaftlich nicht anerkannten Ansätzen ist ausdrücklich alles erlaubt – die GWUP will damit belegen, dass sie keinen den Skeptikern oft vorgeworfenen „Wissenschaftsdogmatismus“ betreibt, sondern allen Ansätzen gegenüber offen ist. Mehr…

Der Scharlatan ist ein Meister aus Deutschland

3. April 2018 42 Kommentare

Ein Kommentar von Udo Endruscheit im GWUP-Blog unter dem Artikel Weltberühmt: „Cancer quackery from Germany“  hat uns dazu angeregt, ihn um einen Gastbeitrag für unser Blog zu bitten. Daraus ist ein beeindruckender gesundheitspolitischer Rant entstanden, für den wir uns herzlich bedanken.

 

Mit Volldampf in die Regierungsarbeit – auch in der Gesundheitspolitik! Markige Sprüche, umfangreiche Forderungen von allen Seiten, es gibt offenbar eine Menge zu tun. Der Skeptiker hätte da auch noch ein spezielles, nach seiner Ansicht vordringliches Anliegen: Erst einmal in die Rumpelkammer schauen und ordentlich aufräumen! Dann ist auch wieder Raum für Neues.

Und in der gesundheitspolitischen Rumpelkammer gibt es einiges aufzuräumen. Denn in so mancher Beziehung ist Deutschlands Gesundheitswesen so ziemlich einmalig – leider im negativen Sinne.

Deutschland – das ist das Land der „Heilkundeausübenden“ mit Hauptschulabschluss, Multiple-Choice-Prüfung und beinahe völliger Therapiefreiheit, wie sie praktisch kein approbierter Arzt hat. Was Wunder, dass sich diese „Heilkundeausübenden“ auf breiter Front der verachteten „Schulmedizin“ überlegen fühlen. Was sie mit der stillschweigenden Duldung, wenn nicht Unterstützung der Gesundheitspolitik tun – denn wie sonst sollte man die neuen „Leitlinien für die Heilpraktikerprüfung“ deuten, die nicht im Mindesten das Problem einer medizinischen Parallelwelt lösen können, sondern sie eher noch verfestigen? Das alles, ohne die Übergangsregelungen der Bundesrepublik Deutschland für ein Gesetz aus dem Jahre 1939 anzutasten, wodurch dessen Ziel, das Ende jeglicher Laienheilung, ins Gegenteil verkehrt wurde. Mehr…

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