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Die wundersame Vermehrung der Bücher

15. Juli 2011 19 Kommentare

Heute möchte ich ein Phänomen vorstellen, dass so mysteriös ist, dass selbst die mutigsten Esoteriker sich anscheinend bis jetzt nicht an eine Erklärung wagen: Die wundersame Vermehrung von Büchern.

Jedes mal, wenn ich meine Bücherregale betrachte, scheinen sie voller geworden zu sein, und obwohl ich unlängst einige Kisten voll Bücher aussortiert und weitergegeben habe, sehe ich mich gezwungen, bald ein weiteres Regal anzuschaffen. Dieses wundersame Wachstum steht ganz offensichtlich in keinem Verhältnis zu der relativ geringen Anzahl der Bücher, die ich in letzter Zeit gekauft habe. Noch unerklärlicher ist aber, dass ich gelegentlich in den hinteren Ecken der Bücherregale Bücher finde, von denen ich nicht gewusst habe, dass ich sie überhaupt besitze. Dies lässt eigentlich nur einen Schluss zu: Die Bücher haben sich vermehrt!

Nun stellt sich natürlich die Frage, was die Ursache für diese Vermehrung ist. Fleißig wie ich bin, habe ich mir ein Beispiel an den gelegentlich sehr kreativen Esoterikern genommen und mir nicht nur eine, nein gleich drei Hypothesen dazu willkürlich zusammenphantasiert, äh, ich meine natürlich, sorgfältig ausgearbeitet.

Zunächst einmal erscheint es logisch, dass die Bücher sich ganz einfach von selbst vermehren. Viele Menschen sind der Ansicht, dass Bücher eine Art Seele besitzen und in gewisserweise ein eigenes Leben führen. Warum sollten sie sich dann nicht auch vermehren können?

Dafür spricht auch folgendes Erlebnis, dass ich vor einigen Wochen hatte: Ich holte auf der Suche nach einem vermissten Buch einige Kisten Bücher aus dem Schuppen, die ich vor einiger Zeit dort eingelagert hatte, um den sich immer weiter ausbreitenden Büchermassen Herr zu werden. (Bezeichnenderweise hinterließen sie dennoch keine merklichen Lücken im Regal.) Nachdem ich die Bücher ins Haus transportiert und sortiert hatte, stellte ich erstaunt fest, dass sich dazwischen 4 oder 5 schon etwas ältere Thriller eher unbekannter Autoren befinden, die ich, und da bin ich mir sehr sicher, in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen, geschweige denn in der Hand gehabt habe. Dies ließe sich wunderbar damit erklären, dass die Bücher sich im Schuppen ungestört vermehren konnten.

An  diesem Punkt bliebe nun noch die Frage übrig: Vermehren sich Bücher ungeschlechtlich oder geschlechtlich? Im zweiteren Fall: Kann man sie eventuell sogar gezielt züchten, indem man Literatur unterschiedlicher Genres miteinander kreuzt? All dies wäre bereits eine großangelegte buchbiologische Untersuchung wert, sobald die Buchbiologie, also die Lehre vom Leben der Bücher, als vollwertige Pseudowissenschaft anerkannt und ein entsprechender Lehrstuhl an der Viadrina eingerichtet wurde.

Allerdings muss berücksichtigt werden, dass es in den heutigen Zeiten sowohl aus ökonomischen als auch aus ökologischen Gründen unabdingbar ist, mit den vorhandenen Ressourcen sparsam umzugehen. Ich bin gerne bereit, mit gutem Beispiel vorranzugehen, indem ich eine Hypothese anwende, um gleich zwei bisher ungeklärte Phänomene abzudecken.

Es ist auffällig, dass Kugelschreiber, ganz im Gegensatz zu Büchern, dazu neigen, auf ebenso mysteriöse wie unauffällige Weise zu verschwinden. Egal, wie viele Kugelschreiber man kauft, als Werbegeschenk erhält oder sich ausleiht und vergisst, sie jemals wieder zurückzugeben: Nach einer Weile wird man unweigerlich feststellen, dass sich ihre Zahl merklich verringert hat. Und die meist verschwindend geringe Anzahl Kugelschreiber, die man als defekt oder leer entsorgt hat, reicht bei weitem nicht aus, um diesen Schwund zu erklären. Es scheint ganz so, als ob die meisten Kugelschreiber verschwinden, lange bevor sie unbrauchbar werden.

Was liegt also näher, als anzunehmen, dass Kugelschreiber dazu neigen, in einem unbeobachteten Augenblick eine materielle Transformation zu durchlaufen und die Gestalt eines Buches anzunehmen? Gewiss, einige zu rational denkende Zeitgenossen mögen sagen, dies sei vollkommen unmöglich. Ihnen sei gesagt: Ihr habt die Quantenmechanik vergessen, denn die macht alles möglich! Leider reicht der mir hier eingeräumte Platz bei weitem nicht aus, um die quantenmechanische Umwandlung vom Kugelschreiber zum Buch eingehend zu beleuchten, aber falls dahingehend noch Bedarf besteht, wendet euch bitte an einen Esoteriker eures Vertrauens. Der wird euch mit Freuden erklären, wie das alles funktioniert mit Quanten und so weiter.

Natürlich gibt es auch hier weiteren Forschungsbedarf. So wäre es sicherlich interessant zu wissen, ob Material und Aussehen eines Kugelschreibers Einfluss auf das daraus entstehende Buch haben, ob also aus einem billigen Werbekugelschreiber eher ein Groschenroman, aus einem teureren Modell aus Metall hingegen ein höherwertiger Hardcoverband wird. Ebenso müsste natürlich geklärt werden, wie es den Kugelschreibern gelingt, während der Verwandlung unbemerkt ins Bücherregal zu wandern.

Allerdings lässt sich der ökonomische Umgang mit Hypothesen noch wesentlich stärker optimieren. Bei genauerer Betrachtung wird nämlich deutlich, dass eine einzige Erklärung für praktisch alle unbeantworteten Fragen ausreicht: Es steckt eine große, böse Verschwörung dahinter!

Auch aus dieser Lösung ergeben sich allerdings weitere Fragen. Vor allem wäre natürlich wichtig zu erfahren, wer hinter dieser gigantischen Verschwörung steckt: Illuminaten, Sirianer, Bilderberger oder gar SIE höchstpersönlich?

Glücklicherweise gibt es aber in diesem Fall eine ebenso einfache wie geniale Möglichkeit, eine Antwort zu finden. Schon die alten Römer damals fragten: Cui bono? Auf Deutsch: Wer von einer Verschwörung profitiert, ist auch schuld daran.

Wer aber profitiert von einer heimlichen Büchervermehrung? Nun, bei näherer Betrachtung liegt das auf der Hand: Die Möbelindustrie! Die verdient schließlich nicht schlecht daran, wenn für immer mehr Bücher auch immer mehr Bücherregale erforderlich werden.

Nachdem ich nun also unumstößlich bewiesen habe, dass die Möbelindustrie einen quantenmechanischen Materietransformationsstrahler besitzt, mit dem sie heimlich Kugelschreiber in Bücher umwandelt, werde ich mich natürlich keineswegs auf den erreichten Lorbeeren ausruhen, sondern weiteren bisher ungeklärten mysteriösen Phänomenen nachgehen, zum Beispiel der Frage, warum Waschmaschinen dazu neigen, von einem jeden Sockenpaar genau eine Socke verschwinden zu lassen. Doch dazu vielleicht ein andermal mehr.

KategorienAllgemein, Satire Tags:
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