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Tradition, Tradition …

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Zu den häufigsten Bingo-Karten der Paramedizin (wie z. B. natürlich = sanft, und nicht chemisch; Stärkung der Selbstheilungskräfte / des Immunsystems; Ganzheitlichkeit; individuelle Behandlung) gehört die „jahrzehnte- bis hundertealte Erfahrung“, wenn irgend möglich dann auch als „jahrtausendealte Erfahrung“ (Ayurveda, Akupunktur) auftretend. Schon mein Großvater wusste, die Hausmittel …, nun, Sie wissen schon. Aber, nun mal im Ernst, was wusste unser Großvater eigentlich? Psiram hatte die Gelegenheit, ihn direkt zu befragen. Im Jahr 1890 ist ein Aufsatz eines gewissen Mark Twain mit dem Titel „A Majestic Fossil“ erschienen, der Auskunft geben kann, und aus welchem wir die ersten beiden Absätze zitieren wollen [1]:

Wenn ich mich kurzerhand und ohne Rückversicherung bei der Gelehrtenwelt festlegen müsste, welches der tiefere Grund für den erstaunlichen materiellen und intellektuellen Fortschritt in den letzten fünfzig Jahren ist, dann würde ich annehmen, dass es die in der Moderne aufgekommene und früher nicht existente Bereitschaft des Menschen ist zu glauben, eine neue Idee könne einen Wert haben. Angesichts der langen Reihe erhabener Namen aus der Geschichte, die uns präsent sind, steht es uns nicht zu daran zu zweifeln, dass jede glänzende Zivilisation der Welt in den letzten zwanzig oder dreißig Jahrhunderten Geistesgrößen hervorgebracht hat, die befähigt waren, diejenigen Dinge zu erfinden und zu erschaffen, die in unseren Tagen Aufsehen erregen; wir können daher wahrscheinlich mit Fug und Recht schlussfolgern: der Grund dafür, dass sie es nicht taten ist, dass ihnen stets die öffentliche Verehrung für alte Ideen und die Feindseligkeit gegenüber neuen im Weg stand und eine Mauer darstellte, die sie weder niederreißen noch übersteigen konnten. Der vorherrschende Tonfall alter Bücher neue Ideen betreffend ist der des Argwohns und manchmal des Unbehagens, zu anderen Zeiten der der Verachtung. Im Gegensatz dazu ist unsere Zeit alten Ideen gegenüber gleichgültig und sieht gar deren Wert durch ihr Alter in Frage gestellt, aber sie nimmt neue Ideen mit Begeisterung und hochgespannter Erwartung auf – eine Erwartung, die hochgespannt ist, weil sie es noch nicht gewohnt ist, enttäuscht zu werden. Ich will nicht Stellung nehmen, wie wir zu dieser Neigung kamen, aber zweifellos ist sie unsere, kein Jahrhundert vor uns hatte sie, sie ist unser besonderes Abzeichen und Emblem und fraglos der tiefere Grund, warum wir ein Geschlecht flügelbeschuhter Götterboten sind, und stolz darauf – statt wie unsere Vorfahren ein Geschlecht schwerfälliger Krebse und darauf stolz.

So neu ist dieser Übertritt aus drei- oder viertausendjährigem Dämmer in den funkelnden Glanz des hellen Tages, dass ich mich in beidem bewegt habe, und ich bin noch nicht alt. Nichts ist heute so wie es war, als ich ein Bengel war; aber als ich ein Bengel war, bestanden keine großartigen Unterschiede gegenüber dem, wie es in dieser Welt immer zu sein pflegte. Nehmen wir ein einzelnes Detail, zum Beispiel – Medizin. Galen hätte in mein Krankenzimmer zu jeder Zeit in meinen ersten sieben Jahren kommen können – ich meine, an jedem Tag, an dem kein Wetter zum Fischen war; und es außer Schule oder Krankheit keine Wahl gab – und er hätte sich hinsetzen und die Rolle meines Doktors übernehmen können, ohne eine Frage zu stellen. Er hätte in dem Durcheinander der Schalen und Flaschen und Phiolen auf dem Tisch und in den Regalen umhergeschnuppert und hätte nicht einen Gestank vermisst, der ihn vor zweitausend Jahren erfreute, oder einen entdeckt, der späteren Datums gewesen wäre. Er hätte mich untersucht und es wäre ihm nur eine einzige Enttäuschung begegnet – mein Speichelfluss war schon erzeugt; da hätte ich ihn gehabt; weil mein Speichelfluss immer schon erzeugt war [2], Kalomel war so billig. Er hätte seine Lanzette herausgeholt, aber da hätte ich ihn schon wieder gehabt; unser Familiendoktor ließ das Blut nicht im System akkumulieren. Aber er hätte Kelle und Schöpflöffel nehmen und mir die altbekannten Dosen einflößen können, die von Adam auf seine Zeit und auf die meine gekommen sind; und er hätte mit einer Schubkarre hinausgehen und Unkraut und Abfall einsammeln können, um weitere herzustellen, während sich jene ersteren anschickten, ihre Arbeit zu tun. Und wenn unser Ehrwürdiger Doktor gekommen und ihn hier vorgefunden hätte, dann wäre er vor Ehrfurcht verstummt, in die Knie gesunken und hätte ihn angebetet. Wenn aber Galen heute unter uns erschiene, könnte er niemandes Rolle übernehmen; er würde keine Ehrfurcht einflößen; man würde ihm sagen, er sei von gestern, und es würde ihn überraschen zu erfahren, dass dies gegen ihn anstatt zu seinen Gunsten spräche. Er würde unsere Medizin nicht kennen, er würde unsere Praktiken nicht kennen; und beim ersten Versuch, seine eigene einzuführen, würden wir ihn hängen.

Im weiteren schildert er drastisch seine Eindrücke aus der Lektüre eines alten medizinischen Lehrbuchs (Robert JamesMedicinal Dictionary, 1745). Er zitiert aus diesem Buch:

Ein gewisser Kaufmann, um die vierzig Jahre alt, von melancholischem Wesen und tief verwickelt in die Angelegenheiten der Welt, wurde während der Hundstage von einem heftigen Schmerz im Kopf befallen, der ihn nach einiger Zeit zwang, das Bett zu hüten.

Hinzugerufen, ordinierte ich eine Venesektion an den Armen, das Ansetzen von Blutegeln auf die Gefäße der Nase, der Stirn, der Schläfen und auch der hinter den Ohren; auch verschrieb ich die Anwendung von Schröpfgläsern nach Skarifikation [3] am Rücken; doch ohngeachtet dieser Vorkehrungen verschied er. Wäre ein Chirurg, der die Arteriotomie beherrschte, zugegen gewesen, hätte ich noch diese Operation anempfohlen.

Und er kommentiert:

Ich habe in selbigem Wörterbuch die „Arteriotomie“ nachgeschlagen und diese Definition gefunden: „Die Öffnung einer Arterie, in der Absicht, Blut zu entnehmen“. Hier war ein Mensch, der an den Armen, der Stirn, der Nase, den Schläfen, am Rücken und hinter den Ohren zur Ader gelassen wurde, und dennoch war der berühmte Bonetus nicht zufriedengestellt, sondern wollte noch eine Arterie öffnen, „in der Absicht“, eine Pumpe einzusetzen, wahrscheinlich. „Ohngeachtet dieser Vorkehrungen“ – er verschied. Keine Redekunst hätte die arglose Überraschtheit dieses Schlächters wunderlicher mitteilen können. Da wir jetzt wissen, was der berühmte Bonetus tat, wenn er einen Kopfschmerz lindern wollte, ist es keine Schwierigkeit zu schlussfolgern, wie er einem Mann mit Magenschmerzen wohlgetan hätte – er hätte ihn ausgeweidet.

Mit einem gewissen Neid schaut man in Europa auf den Erfolg der „Traditionellen Chinesischen Medizin“ und hat sich vorgenommen, die „Traditionell Europäische/Westliche Medizin“ wiederzubeleben [4].

Wie wär’s?


  1. : Der Originaltext ist verfügbar unter http://en.wikisource.org/wiki/Index:In_defense_of_Harriet_Shelley,_and_other_essays.djvu
  2. : Speichelcur, Heilung durch Bewirkung von Speichelfluß, vorzüglich durch Quecksilber erzeugt. [Pierer’s Universal-Lexikon, 1857-1865]
  3. : Schröpfen (Scarificatio), örtliche Blutentziehung durch seichte Einschnitte in die Haut und Anwendung des Schröpfkopfes. [Meyers Großes Konversations-Lexikon, 1905)]
  4. : Richtig glücklich und entspannt nach dem Aderlass, DIE WELT 14.07.11; Uehleke B: Schweiz Z Ganzheitsmed 2013;25:201-202. http://www.karger.de/Article/Pdf/354091
  1. pelacani
    15. Januar 2014, 08:41 | #1

    Noch ein schöne Illustration. Worthington Hooker (1806-1867) schreibt in seinen „Lessons from the History of Medical Delusions“ (1850) von einer „undue fondness for new things“, worunter er neben der Homöopathie auch die neu aufgekommene Irrlehre zählt, man könne statistische Aussagen über den Behandlungserfolg in der Medizin machen:

    But the qualitative, quantitative and relative values of facts, especially in Therapeutics, are much more numerous and important than those values which numerals are competent to represent. The numerical method, then, must be capable of only a very limited application to this branch of our science. …
    the fact that numerical observations prove bleeding to be generally beneficial in pneumonia, can be of no practical use to the physician in deciding in regard to any individual case, whether bleeding is applicable to it.
    https://archive.org/details/lessonsfromhisto00hook

    Die Ansichten z. B. eines Professor Walach sind wie eine Reinkarnation dieser Thesen. Das ist der Widerstand gegen den „Verheißungskatalog der engstirnigen Naturwissenschaft“, die „alles nach dem cm-Grad-Sekunden-System messen“ wolle. Hamlet, ick hör‘ dir trapsen.

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