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Séralini – Eine wertlose Studien-Neuveröffentlichung

Einige Medien berichteten kürzlich, dass der durchaus umtriebige Gilles-Éric Séralini bezüglich seiner Schrottstudie von 2012 „in die Offensive“ gegangen sei. So schreibt etwa der österreichische Standard unter weitgehender Übernahme eines Textes der österreichischen Presseagentur:

Im Streit um ihre Studie zu möglichen Krebsgefahren durch gentechnisch veränderten Mais ist das zuvor kritisierte Forscherteam in die Offensive gegangen: Die Untersuchung, die 2012 veröffentlicht und dann von einem Fachmagazin wieder zurückgezogen worden war, wurde nun in der Online-Fachzeitschrift „Environmental Sciences Europe“ der Springer-Gruppe erneut publiziert, so die Wissenschafter am Dienstag in Paris.

Interessant an dieser Stelle zu bemerken, dass man die APA-Original-Formulierung “ … heftig kritisierte Forscherteam …“ wie gezeigt kürzt. Das Wörtchen „heftig“ hat offenbar gestört.

Klar, es ist natürlich sinnvoll und sogar erwünscht, solche Kurzmeldungen nachzubearbeiten, aufzufetten und mit echtem Inhalt zu versehen. Aber offenbar fehlte dann die Zeit, mehr als nur den ersten Satz zu editieren und irgendetwas im Sinne von Recherche zu ergänzen. Im Prinzip muss man aber noch froh sein über diese Subtilität: andere Zeitungen haben die Artikel mit typischen Greenpeace-Photoshop-Bildern von „Horrormais“ garniert und genauso auf weitere Recherche verzichtet.

Wir wollen mal ein wenig dabei helfen. Es ist ja wohl offensichtlich so, dass Zeitungen keine Zeit mehr dafür haben, sondern (dubiose) Pressemeldungen einfach übernehmen.

Die Studie wurde tatsächlich nach ganz, ganz, ganz heftigem Peer Review im jungen Journal „Environmental Sciences Europe“ veröffentlicht. Mit anderen Worten:

ESEU conducted no scientific peer review, he adds, “because this had already been conducted by Food and Chemical Toxicology, and had concluded there had been no fraud nor misrepresentation.”„ESEU hat keinerlei wissenschaftliches Peer Review durchgeführt“, fügte er hinzu, „da dieses bereits von Food and Chemical Toxicology durchgeführt wurde, und kam zu dem Schluss, dass es keinen Betrug oder Falschdarstellungen gegeben habe.“

Das junge Journal ESEU hat einzig geprüft, ob der Text tatsächlich (im Wesentlichen) 1:1 übernommen wurde. Dass das ursprüngliche Journal die Arbeit inzwischen zurückgezogen hat, weil es sich um eine Schrottstudie handelt – macht nichts; die ESEU sieht offenbar keinen Grund, an der Qualität der Arbeit zu zweifeln.

Ok, an der „Qualität“ der Arbeit zweifelt wohl tatsächlich keiner.

Die Studie wurde breitflächig verrissen, zerrissen und als reiner Publicity-Stunt betrachtet.

Und auch diese „Wiederveröffentlichung“ ist nur ein erneuter Publicity-Stunt. Genau wie die Studie kann auch die Kritik praktisch 1:1 von vor 2 Jahren übernommen werden. Der Schüleraufsatz, der in der Hauptschule eine Fünf kassierte, wird zwar in der Volksschule genommen. Als Literatur wird er aber nie gelten.

Séralini behauptet, dass man sich mit der Neuveröffentlichung gegen Zensur wehre, um die Studie wieder zugänglich zu machen (nachdem sie unterdrückt wurde, logischerweise). Das Problem an dem Argument: Die Studie wurde nie gelöscht oder ähnliches, sondern nur mit dem hübschen Wort „Zurückgezogen“ markiert. Sie genügte den Standards nicht und war dem Journal wohl im Endeffekt auch peinlich.

Was macht man da? Einfach: Man sucht sich ein Journal, bei dem die Messlatte tiefer hängt.

Es gibt allerdings einen Aspekt, der neu ist. Es wird angegeben, dass die Rohdaten veröffentlicht worden seien. Man fragt sich an der Stelle, ob Herr Séralini weiß, was das ist. Vielleicht kann er es ja mal nachschlagen: Wikipedia Primärdaten

Das Problem: da wurden zwar Daten veröffentlicht, aber in der Datei finden sich nur aufaggregierte Summensätze. Unter Rohdaten würde man die Daten pro Ratte verstehen – aber gut, wir wollen hier mal keinen bösartigen Willen annehmen. Wie sagt man so schön: „Schreibe nichts der Böswilligkeit zu, was durch Unfähigkeit hinreichend erklärbar ist.“

Auch im lesenswerten Blog von David Tribe fragt man sich „Where’s the new data?“

In einem Artikel zum Thema beim Genetic Literacy Project finden sich eine Menge Reaktionen von Wissenschaftlern; die kürzeste Zusammenfassung lautet wohl: „Bah!“

Der Informationsgewinn durch die Neuveröffentlichung geht also gegen Null.

Séralini hätte die vergangenen 2 Jahre Zeit gehabt, sein Experiment sauber neu aufzusetzen, mit mehr Tieren, ordentlicher Randomisierung und ordentlicher Verblindung. Er hätte versuchen können, den Nachweis zu führen, dass sein Experiment, korrekt durchgeführt, zu ähnlichen Ergebnissen kommt.

Wenn er denn vorgehabt hätte, wissenschaftliche Arbeit zu leisten. Aber darum geht es offenbar nicht. Es geht darum, Schlagzeilen zu machen.

  1. Headnicker
    29. Juni 2014, 21:53 | #1

    Hat der Seralini sich nicht an den Katechismus gehalten. Pfui!

  2. pelacani
    29. Juni 2014, 22:07 | #2

    Wie man schon zum Start das Ansehen des eigenen Journals in dieser Weise zu schädigen bereit sein kann, ist mir schleierhaft. Der ganze Vorgang wirft auch ein schlechtes Licht auf „Open Access“ (nicht zu verwechseln mit „Open Data“, hierzu vgl AllTrials.net)

  3. Groucho
    30. Juni 2014, 00:27 | #3

    Headnicker :

    Hat der Seralini sich nicht an den Katechismus gehalten. Pfui!

    Ja, schlimmer Katechismus, der da sagt, dass der gleiche Quatsch durch Neuveröffentlichung nicht besser wird.

  4. Vicky
    30. Juni 2014, 14:26 | #4

    Die Begründung dafür, dass kein erneutes Review erfolgte, ist interessant. Ist es bei medizinischen Fachzeitschriften üblich, dass nur dahingehend geschaut wird, ob Betrug oder (absichtliche) Falschdarstellung vorliegen?

  5. Anon Coward
    30. Juni 2014, 15:03 | #5

    Der Figaro schreibt, Seralini geehört zu IVI:

    http://www.lefigaro.fr/sciences/2013/01/09/01008-20130109ARTFIG00671-ogm-les-liaisons-dangereuses-du-pr-seralini.php

    Auch der Frz. Wiki-Eintrag über IVI ist interessant:
    http://fr.wikipedia.org/wiki/Invitation_%C3%A0_la_vie

    Er ist ein gefährlicher Sektierer, und er gehört zum „homöopathisch-industriellen Komplex“.

  6. Gisander
    1. Juli 2014, 13:44 | #6

    Goethe hat’s ja schon früher gewusst: Getretner Quark wird breit, nicht stark.

  7. Volvox
    3. Juli 2014, 20:32 | #7

    Was ich mich bei dem Thema auch heute noch frage, ist: Wo bleibt eigentlich der Aufschrei seitens der Tierschützer? Schließlich wurde hier offenbar ein Versuch ohne echten wissenschaftlichen Wert durchgeführt, bei dem anscheinend darauf gewartet wurde, dass die Versuchstiere lächerlich große Tumore entwickelten, um dann ein paar schöne Fotos zu machen. In den Laboren, die ich kenne, hätte man die Tiere viel früher von ihrem Leid erlöst.

    (Auch frage ich mich, ob er zu der erneuten Veröffentlichung seines Papers mit Roundup angestoßen hat. Die Mortalitätsraten der männlichen Ratten scheinen ja auf positive Effekte für die Gesundheit hinzuweisen.)

  8. doublemoth
    4. Juli 2014, 13:38 | #8

    @ Volvox
    Bei Ideologien ist es doch vollkommen in Ordnung, wenn für den höheren Zweck „gestorben“ wird. Die Mäuse sind Märtyrer und kommen jetzt in den Biohimmel. Solange dadurch der Teufel GMO und die Untermenschen von Monsanto besiegt werden können, ist doch alles recht!!!!1111einelf

  9. Un Bekannt
    8. Juli 2014, 13:37 | #9

    @ doublemoth
    Das Tierleid im Sinne der guten Sache ist eben halb „unvermeidbar“. Jedenfalls im Neusprech von Nontesano-Gegnern und – wie hießen noch nochmal diese niedlichen kleinen Racker ? – Ach,ja… Veganer.

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