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Evolution ist ja nur eine Theorie …

… wenn sie immer gültig wäre, wäre es ja ein Gesetz.

Bis zum heutigen Tage muss man sich diesen Satz anhören, wenn man mit Kreationisten zu tun hat. Und das ist kein so ungewöhnliches Ereignis, wie man vielleicht meint. Dem Autor dieser Zeilen ist es einmal beim Mittagessen passiert, dass ein neuer Kollege diesen Knochenbrecher vom Stapel gelassen hat.

Jedenfalls zeugt dieser Satz von einem tiefen Missverständnis, der Unkenntnis was in der Wissenschaft Theorien und Gesetze sind. Unserer Ansicht nach müsste man es nämlich eher umgekehrt formulieren: Es ist ja nur ein Gesetz, nichts so Großartiges wie eine Theorie (wenn man uns diesen Äpfel – Birnen Vergleich verzeiht).

Das erste fundamentale Missverständnis betrifft aber sicher das Wort Theorie selbst, es wird umgangssprachlich anders verwendet als in der Wissenschaft. Die „umgangssprachliche Theorie“ wäre eher eine Hypothese.

Auf diesen Unterschied muss man sicher hinweisen, er wurde auch schon vielfach im Internet beschrieben. Aber trotzdem: Warum heißt es nicht Evolutionsgesetz?

Weil ein Gesetz und eine Theorie in der Wissenschaft verschiedene Dinge bezeichnen. Ein Gesetz ist nicht besser oder schlechter als eine Theorie, es ist einfach etwas anderes.

Der Unterschied ist recht einfach: Theorien versuchen eine Erklärung der Beobachtungen zu liefern, Gesetze dagegen formulieren nur die direkten Ergebnisse von Messungen als Regeln/Formeln.

Newtons Gravitationsgesetz ist vielleicht ein gutes Beispiel:
Gravitationsgesetz

Dieses Gesetz, als Formel ausgedrückt, beschreibt die Stärke der Anziehungskraft die zwei Körper aufeinander ausüben. Aber es erklärt nicht, was da eigentlich passiert.

Man hat durch diese Formel nur eine Rechenregel zur Hand, nicht mehr, keinerlei Begründung oder Erklärung warum etwas passiert.

Dieses Newtonsche Gesetz ist noch aus einem zweiten Grund ein gutes Beispiel. Es gilt nämlich nur bei gewissen Voraussetzungen. Die Formel ist bei hohen Massen nicht genau genug, bei einigen astronomischen Effekten traten daher unerklärliche Abweichungen auf. Ein sehr bekanntes Problem war dabei lange die Periheldrehung des Merkur, die diesem Gesetz einfach nicht gehorchen wollte.

Warum der Merkur sich so unverschämt verhielt, konnte erst durch die allgemeine Relativitätstheorie erklärt werden. Einsteins Theorie erklärte die unpassenden Messergebnisse und lieferte ein Modell zur Beschreibung der Wirklichkeit mit ungekannter Genauigkeit.

Eine wissenschaftliche Theorie liefert also zur Beobachtung noch die Erklärung. Und mit der Erklärung liefert sie auch die Möglichkeit von Vorhersagen. Wenn man versteht, wie ein System funktioniert, kann man auch voraussagen, wie es sich zukünftig verhalten wird.

Es gehört damit auch zu den Ansprüchen an eine Theorie, Voraussagen treffen zu können.

Während die mendelschen Gesetze eine Beschreibung der Vorgänge lieferte, lieferte die Evolutionstheorie eine Erklärung der Vorgänge.

Seit 1866 hat sich einiges verändert, inzwischen hat sich herausgestellt, dass die mendelschen Gesetze diverse Ausnahmen haben. Sie werden daher heute nur mehr als Regeln bezeichnet.

Die Evolutionstheorie hat sich in 150 Jahren als beste Erklärung der Entwicklung der Arten erwiesen. Oh, in den Details wurde sie adaptiert und verfeinert, aber das grundsätzliche Prinzip hat standgehalten. Und daher gilt die Evolutionstheorie heute als erwiesen und als einzige wissenschaftliche Theorie in diesem Bereich. Alternativen existieren nicht, auch wenn das gerne behauptet wird

  1. Claus
    22. August 2014, 08:25 | #1

    So einfach, und doch für viele so schwer zu verstehen. Andererseits … manchmal scheint es mir, dass manche Kreationisten sehr wohl wissen, wie es wirklich ist und gerade deshalb die Fakten verdrehen. In den USA sagt man „Lying for Jesus“

  2. 22. August 2014, 09:53 | #2

    Auch wenn für mich nicht sehr viel neues dabei war: Ich finde diesen Artikel sehr gut und nützlich, denn er erklärt eine wichtige Grundlage wissenschaftlichen Arbeitens so, dass man in entsprechenden Diskussionen darauf verweisen/verlinken kann und das Rad nicht ständig selbst neu erfinden muss. Weiter so!

  3. sttn
    22. August 2014, 11:56 | #3

    Ich glaube hier wird zu viel polarisiert und dogmatisiert. Kreationismus ist zum Beispiel nicht zwingend das Gegenteil von Evolution – anders ausgedrückt: Man kann der Meinung sein die Evolutionstheorien sind OK, und trotzdem an einem Schöpfer glauben und damit dem Kreationismus nahe stehen. Beides wiederspricht sich nicht – es wird nur so immer von fanatischen Atheisten und fanatischen Gottgläubigen immer so verkauft.
    Dagegen haben sich alle größeren christlichen Kirchen und wohl auch sekulär eingestellte Muslime sich schon lange für diesen Mittelweg entschieden.

  4. Elvenpath
    23. August 2014, 13:19 | #4

    Die Wissenschaft hat ein Darstellungsproblem. Die Menschen können echte Wissenschaft nicht von Scharlatanerie unterscheiden.
    Die Religiösen nutzen das gnadenlos aus, indem sie pseudowissenschaftlichen Schwachsinn verbreiten. Religiöse „Institute“, die dann den Menschen vorgaukeln, sie würden wissenschaftliche Arbeit liefern, sprießen überall aus dem Boden. Sie übernehmen Haptik und Duktus von echten wissenschaftlichen Einrichtungen, ohne echte wissenschaftliche Arbeit, um Lügen zu verbreiten.
    Da muss etwas gegen getan werden. Zum Beispiel mit einem Gütesiegel für anerkannte Forschungseinrichtungen.

  5. Alexia
    27. August 2014, 17:19 | #5

    Ich finde es etwas kritisch, wenn in Diskussionen um wissenschaftliche und umgangssprachliche Theorie neben dem Prinziüp der Erklärung auch das der Vorhersagbarkeit herangezogen wird.
    In der Astronomie können mit der Relativitätstheorie recht genaue Vorhersagen getroffen werden. Das ist auch notwendig, wenn wir einen Stecknadelkopf von einem mehrere hundert Meter entfernten anderen Stecknadelkopf aus treffen wollen. Messfehler bieten hier Raum für eine gewisse Unschärfe. Aber unsere Sonden können dennoch mehrmals die Sonne und einige Planeten umrunden und mit relativ geringen Kurskorrekturen und Treibstoffaufwand einen Kometen erreichen, anstatt megameterweit daran vorbeizuschießen.
    In der Medizin wird es schon schwerer. Bei der Impfstoffentwicklung wird die Evolutionstheorie herangezogen, um mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit die Struktur der Viren aus der nächsten Grippewelle vorherzusagen. Wenn ich die Berichte aus dem Gebiet richtig verstanden habe, geht das zu einem großen Teil. Aber mehrere Möglichkeiten gibt es jedes Mal trotzdem.
    Makroevolution ist dagegen garnicht vorhersagbar, allein schon deswegen, weil so viele Faktoren , angefangen beim Klima, weitergehend beim unerwarteten Auftreten von Neozoen, bis hin kontinuierlich verändernden Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Spezies eines Ökosystems und Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Ökosystemen zumindest derzeit, vielleicht auch niemals, voll erfassbar sind.

    Korrigiert mich bitte, wenn ich falsch liege.

    Aber wenn das, was ich sage, zumindest weitestgehend richtig ist, dann müsste der Evolutionstheorie vielleicht ein Sonderstatus eingeräumt werden, ähnlich der Meteorologie. Also, Voraussagen lassen sich prinzipiell treffen, sind aber stark fehlerbehaftet.

  6. mlc
    27. August 2014, 20:59 | #6

    @Alexia

    Eine Prognose der Evolutionstheorie wäre zum Beispiel,
    dass wenn man zwei Populationen der selben Spezies über genügend Generationen
    trennt, diese nicht mehr genetisch kompatibel sind (sprich: keine fruchtbaren Nachkommen zeugen können).

    Dass man in einem chaotischem System selbst mit guten Theorien nur begrenzt nützliche Aussagen über die Zukunft treffen kann, sollte den meisten klar sein.

    Das Doppelpendel z.B. (http://de.wikipedia.org/wiki/Doppelpendel), rechtfertigt keinen Sonderstatus der allgemeinen Relativitätstheorie, nur weil man nicht alle Daten darüber hat, was es möglicherweise in der Zukunft beeinflussen könnte.

  7. YorkTown
    30. August 2014, 22:45 | #7

    Die Evolutionstheorie hat diverse Vorhersagen ermöglicht bzw. geliefert:

    Durch die Theorie, durch Darwin wurden diverse Fossilien-Funde vorausgesagt, die dann auch tatsächlich entdeckt wurden und die Theorie bestätigt haben. Der Punkt hier ist nicht, dass diese Vorhersagen die Theorie bestätigt haben, sondern dass es Vorhersagen waren. Mehr dazu hier:
    http://answersinscience.org/evo_science.html

  8. Alexia
    31. August 2014, 08:39 | #8

    @ YorkTown
    Danke! 🙂
    Ich dachte mehr an Vorhersagen bezüglich zukünftiger Entwicklungen. Aber klar, Rückschlüsse auf noch nicht gefundene Fossilien gehen auch.

  9. YorkTown
    31. August 2014, 11:42 | #9

    Ein etwas aktuelleres Beispiel bieten vielleicht das Resistenz-Management in der Landwirtschaft.

    Aus der Evolutionstheorie folgt im Wesentlichen, dass sich bei Pestizid/Herbizideinsatz in der Landwirtschaft Resistenzen bilden. Aber man kann auch Methoden für Resistenz-Management folgern, z.B. das Refugienkonzept bei GVO-Pflanzen.

    http://evolution.berkeley.edu/evolibrary/article/agriculture_04

    http://www.biosicherheit.de/lexikon/784.refugien-konzept.html

    Es mag jetzt als triviale Erkenntnis erscheinen, dass eine Verringerung des evolutionären Drucks zu geringerer Resistenzbildung führt. Aber wenn man die Mechanismen der Evolution gar nicht kennt, ist es plötzlich gar nicht mehr trivial. (Oder anders gesagt: Nachher ist immer alles ganz klar und leicht 😉 )

    Man kann heute im Nachhinein auch gut beurteilen, dass die Idee der Refugien funktioniert. Wo Refugien konsequent eingesetzt wurden, sind Resistenzen gut unter Kontrolle, wo Refugien vernachlässigt wurden, haben sich schnell Resistenzen gebildet.
    http://www.nature.com/nbt/journal/v31/n6/full/nbt.2597.html

    Die praktischen Ergebnisse decken sich gut mit theoretischen Vorhersagen.

  10. Alexia
    31. August 2014, 20:54 | #10

    Was soll ich sagen…
    ich dachte, ich hätte die Prinzipien verstanden. Aber offensichtlich die Reichweite der Anwendbarkeit massig unterschätzt. °o°

  1. 18. März 2018, 20:03 | #1

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