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Die WHO und die Paramed… äh, Traditionelle Medizin

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Seit langem bemüht sich die Weltgesundheitsorganisation um die „Integration“ der mit Ehrfurcht und Respekt behandelten anderen Medizin. Bereits in der Deklaration von Alma-Ata von 1978 habe die WHO „dazu aufgerufen, die traditionelle Medizin in die Grundversorgung einzubeziehen“ [vgl. hier], wenn auch zunächst nur in einem Halbsatz: auch traditionelle Heiler sollten wenn nötig im „health team“ mitarbeiten. Später aber verhinderte erst die hartnäckige Obstruktion durch engstirnige, konventionelle Mediziner, dass eine Würdigung der Homöopathie durch die WHO beschlossen werden konnte. Seine königliche Hoheit der Prince of Wales etc. etc. war 2006 eingeladen, seine Vorstellungen zur „integrativen Medizin“ der Weltgesundheitsversammlung zu unterbreiten, was von der arroganten Medizinerzeitschrift Lancet als Beispiel für eine irrationale Entscheidungsfindung der WHO bedauert worden war [1]. Die Deklaration von Beijing von 2008 stellte einen weiteren Meilenstein auf dem Weg zu einer „integrativen Medizin“ dar.

Im Sommer 2014 beschloss die WHO ihre Richtlinie zur „Traditional Medicine Strategy (2014 – 2023)“ als eine „Anleitung für Regierungen, Planungsverantwortliche und Praktisch Tätige betreffend die Effektivität, Qualität, Verfügbarkeit, Bewahrung und Regulierung der traditionellen und komplementären Medizin“. Die ersten beiden Sätze des Vorworts von Margaret Chan, Generaldirektor der WHO, lauten:

Überall auf der Welt ist die traditionelle Medizin (TM) entweder die Hauptsäule des Gesundheitssystems oder fungiert als Ergänzung. In einigen Ländern wird die traditionelle oder nicht-konventionelle Medizin auch als Komplementärmedizin (complementary medicine, CM) bezeichnet.

Und sofort macht sich Verwirrung breit. Die traditionelle Medizin kann die Hauptsäule der Gesundheitsversorgung sein, aber wie kann etwas traditionell sein, das gleichzeitig unkonventionell ist? Warum kann etwas, das in dieser Weise unklar ist, gleichzeitig in anderen Ländern als ergänzend, als Gegenstück bezeichnet werden? Als Gegenstück zu was eigentlich? Die im Weiteren verwendete Abkürzung ist „TM and CM (T&CM)“, was ebenso dafür spricht, dass diese Begriffe vielleicht nicht synonym, aber doch nahe verwandt sind.

Hütchenspiel mit Definitionen

Gut, wenn sich Laien wie wir einem Fachtext nähern, dann sollten sie nicht verblüfft sein, dass sie nicht sofort alles verstehen. Möglicherweise hilft die Definition weiter, die in Kapitel 1 hervorgehoben zu finden ist.

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TM: Traditionelle Medizin hat eine lange Geschichte. Sie ist die Gesamtsumme des Wissens, der Fähigkeiten und der Praktiken, die auf den Theorien, Glaubensvorstellung und Erfahrungen basieren, die – ob erklärlich oder nicht – in verschiedenen Kulturen bodenständig sind, die zur Erhaltung der Gesundheit sowie zur Prävention, Diagnostik, Linderung oder Behandlung körperlicher und psychischer Krankheiten eingesetzt werden.

Traditionelle Medizin ist also schlicht alles. Selbstverständlich hat auch die wissenschaftliche Medizin eine lange Geschichte (empirische Anweisungen finden sich schon in den ältesten ägyptischen Papyri, und der erste kontrollierte Therapieversuch wurde um die Mitte des 18. Jhd. unternommen), und sie beruht ebenso selbstverständlich auf den Theorien und Erfahrungen von einheimischen oder „anderen“ Kulturen, sie ist „erklärlich oder nicht“ (eher natürlich ersteres), und sie wird zur Behandlung von Krankheiten eingesetzt (zu was sonst). Aus dieser Formulierung wird also zunächst nicht ersichtlich, wogegen die „Traditionelle Medizin (TM)“ abzugrenzen ist.

CM: Die Begriffe „komplementäre Medizin“ oder „alternative Medizin“ beziehen sich auf ein breites Spektrum von Praktiken der Gesundheitsfürsorge, die nicht Teil der Tradition oder der konventionellen Medizin des betreffenden Landes und nicht voll in das dominierende Gesundheitssystem integriert sind. In einigen Ländern werden sie synonym mit dem der traditionellen Medizin verwendet.

Die „komplementäre Medizin“ ist also diejenige traditionelle Medizin, die nicht Teil der Tradition des jeweiligen Landes ist – gut, dass das geklärt ist.
Sie ist „nicht voll integriert“ in das „dominierende Gesundheitssystem“ – wiederum eine Definition durch Abgrenzung von etwas, das rätselhaft bleibt. Die im Vorwort des Papiers ausgelöste Verwirrung wird durch die Inspektion der Definitionen nicht behoben, sondern verstärkt.

Was heißt „dominant“? Wenig später (S. 27) wird über Afrika berichtet, dass dort ein „traditioneller Heiler“ auf 500 Einwohner und ein Arzt auf 40.000 Einwohner komme und daher für Millionen Menschen in ländlichen Gebieten die medizinischen Versorgung von den einheimischen Heilern realisiert werde. In diesen Ländern wäre also die Traditionelle Medizin dominant, und die Medizin aus anderen (z. B. „westlichen“) Kulturen sollte in die magischen Praktiken integriert werden? Wie könnte man sich das konkret vorstellen? Es gibt erste Ansätze: die Homöopathen versuchen, sich in Afrika auszubreiten. Aber es bleibt doch unklar, was die eine indigene Methode der anderen voraus hat, und die Position der WHO in dieser Frage ist kontraproduktiv.

Worum geht es also?

Genug. Was in diesem Feuerwerk der Begrifflichkeit sorgfältig gemieden wird, das sind diejenigen Termini, die für Klarheit sorgen könnten. In Wirklichkeit geht es natürlich nicht um den Gegensatz zwischen „T&CM“ oder „CAM“ und „konventioneller Medizin“, sondern um den zwischen empirisch geprüften Maßnahmen und magischen Praktiken, zwischen evidenzbasierter Medizin und unkontrollierter aber lukrativer Spekulation, zwischen Wissenschaft und Glauben. Die wissenschaftliche Medizin ist aus dieser „traditionellen Medizin“ erwachsen, wie die Astronomie aus der Astrologie oder die Chemie aus der Alchemie. Es gibt lehrreiche Beispiele für die „Integration“ solcher Methoden. In einer Rede am 26. Juni 1965 in Peking erklärte der Große Vorsitzende Mao [zit. n. Frühauf, hier]:

Die medizinische Ausbildung muss reformiert werden – es ist völlig unnötig, so viel zu studieren. Wie viele Jahre formeller Ausbildung hatte Hua Tuo schließlich? Und wie viele Li Shizen? Es ist nicht erforderlich, die medizinische Ausbildung auf Menschen mit Hochschulreife zu begrenzen; Mittelschüler und Grundschüler mit drei Jahren Studium reichen aus. Das wirkliche Lernen wird in der Praxis stattfinden. […] Studieren ist für einen Arzt ein dummes Unterfangen.

Details mögen sich geändert haben, aber das Ziel wurde seither nicht mehr aus den Augen verloren. Passend fordert der Ethnopharmakologe, man möge doch nicht zu viel Wert auf die konventionellen [d. i.: wissenschaftlich geprüften] Arzneimittel legen [2].

Was tun? Brennende Fragen unserer Bewegung

Aber zurück zur aktuellen WHO-Agenda. Im Vorwort der Generaldirektorin heißt es weiter:

TM mit erwiesener Qualität, Sicherheit und Wirksamkeit trägt dazu bei, das Ziel einer Gesundheitsversorgung für alle Menschen zu erreichen.

Ist dies die Beschreibung des Ist-Zustandes oder ist dies ein Programm? Als Programm ist es die Quadratur des Kreises: wenn es im Einzelfall gelingt, die Qualität, Sicherheit und Wirksamkeit von Praktiken der „traditionellen Medizin“ zu belegen, dann geht dieses Verfahren in den Kanon der wissenschaftlichen Medizin über, so wie die Mehrzahl der einst aus Pflanzen gewonnenen Wirkstoffe.
Aber so schlimm wird es nicht werden. Diesem Aspekt der „T&CM“ widmet das siebzigseitige Papier der WHO lediglich einen einzigen Satz (S. 39), in dem es noch dazu heißt, dass kontrollierte Untersuchungen ja nun nicht das Alleinseligmachende wären:

Gewiss sind kontrollierte klinische Studien aussagefähig, aber andere Evaluationsmethoden sind ebenfalls wertvoll.

Das ist eine Aussage, die so recht nach dem Geschmack von Frau Professor Witt oder Frau Barbara Steffens sein dürfte; wer denkt da nicht sofort an die „Versorgungsforschung“ für Homöopathie oder an die zirkuläre Evaluation des Herrn Professor Walach. Deutlich mehr Aufmerksamkeit zollt die WHO dagegen dem Problem, wie das geistige Eigentum der indigenen Völker an ihrer jeweils besonderen Spielart des Schamanentums geschützt werden könne.

Kennzeichnend auch, welche Beispiele die WHO für gelungene „Integrationsleistungen“ anführt.

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In den unwegsamen Bergen und Wüsten der Mongolei haben es die nomadischen Hirten oft schwer, ein regionales Krankenhaus zu erreichen. 2004 wurde ein Projekt begonnen, das einen Satz ausgewählter traditioneller Hausmittel für 150.000 Einwohner bereitstellt. Eine Auswertung ergab, dass 74% der Antwortenden meinten, die Auswahl sei unkompliziert anzuwenden, und dass die Medizin wirke, wenn sie nach Anleitung angewendet wurde. Die verwendeten Inhaltsstoffe kosten etwa 8 US-Dollar pro Familie und Jahr.

Im „Mongolia workshop report“ wird das Projekt ausführlich vorgestellt [3], und man erfährt auch, welche Mittel genau ganze Familien für acht Dollar pro Jahr gesundheitlich über Wasser gehalten haben (nicht nur das: unerwarteter Weise konnte auch das liebe Vieh damit kuriert werden). Es waren Sorool-4-Extrakt oder der Norov-7-Absud oder das Shijed-6-Pulver [4]; Pflanzliches gegen Bauchschmerzen oder Fieber oder gynäkologische Erkrankungen.

Es bleibt abzuwarten, ob die Gesundheitsbehörden anderer Länder an einen Import der verwendeten Mittel denken. Solcherart Reserviertheiten werden von der WHO natürlich vorhergesehen, weshalb auch auf andere Beispiele für gelungene Integration verwiesen wird. Für Europa wird beispielsweise der „HTA Report“ zur Homöopathie von Bornhöft und Matthiessen angeführt, der sich bei näherer Betrachtung als ein Paradebeispiel für wissenschaftliches Fehlverhalten entpuppt. Aber Wissenschaft, in diesem Fall die kritische Sichtung der eigenen Quellen, ist ja schließlich nur eine kulturimperialistische Ideologie, die daran hindert, „die richtige Heilung vom richtigen Heiler zur rechten Zeit“ (Margaret Chan) zu gewährleisten, nicht wahr?

Was ist „T&CM“ nun wirklich?

Die propagierten Definitionen erweisen sich als vollkommen unangemessen und vernebelnd, aber – um das Gebiet des gesicherten Wissens ein wenig zu verlassen -: das macht sie nutzbar für die Agenda der WHO. Ein nach heutigen Maßstäben funktionierendes Gesundheitswesen hat sich in vielen Regionen als nicht finanzierbar herausgestellt. Damit das aber auf‘s Auge nicht so schlimm wirkt, wird das, was ohnehin schon da ist, als heilsam und förderungswürdig propagiert. Es mag ein paar klarblickende Zyniker in der WHO geben, aber einigen Vertretern in der Weltgesundheitsversammlung wird eine illusionäre Strategie recht sein, die einerseits dem jeweiligen Nationalstolz, andererseits den real begrenzten Möglichkeiten entgegenkommt. In Indien, wo 8% der Müttersterblichkeit durch Abtreibung verursacht sind, ist vorgesehen, staatlich anerkannte AyurvedaSiddhaUnani– und Homöopathie-Heiler mit Abtreibungen zu betrauen (s. hier). Gleichzeitig hat man 16 Mio $ übrig, die Genetik der ayurvedischen prakriti (Körpertypen) zu erforschen. Praktischerweise werden die Ergebnisse gleich in den Journalen veröffentlicht, bei denen die Forscher die Herausgeber sind, was den Peer-Review-Prozess sicherlich vereinfacht (hier).

Es ist nun an der Zeit, sich nach brauchbareren Definitionen für „T&CM“ oder „CAM“ umzusehen. Wie wir kürzlich festgestellt haben, kann es überraschend schwierig sein, das Wesen der Paramedizin im Vergleich zur wissenschaftlichen Medizin zu charakterisieren. Da ist zunächst der Aspekt der Abgrenzung:

Alternative medicine is basically an anti movement – anti-establishment, anti-science.
Alternative Medizin ist im Wesentlichen eine Gegenbewegung – gegen das etablierte System, gegen die Wissenschaft. [Edzard Ernst]

Und als solche ist sie nicht integrierbar. Zu beachten ist, dass der Begriff bei näherem Hinsehen historisch sein muss: ein unterscheidendes Merkmal der wissenschaftlichen Medizin ist, dass sie sich entwickelt, und entsprechend verändert sich, was als Paramedizin zu gelten hat. Die Berufung auf eine jahrhundertealte Volksweisheit™ ist deshalb schon von vornherein verdächtig, und die Bezeichnung „Traditionelle Medizin“ eigentlich desavouierend. Die Anwendung von Strophantin bei Herzschwäche beispielsweise entsprach lange Zeit dem Stand der Wissenschaft – heute ist das Quacksalberei. Es ist insofern auch unpassend, den Begriff „CAM“ auf die offenkundig absurden Verfahren (wie Homöopathie oder Reiki) zu beschränken. In den Kern einer Begriffsbestimmung gehört die Bewertung als Überschätzung im Lichte der verfügbaren wissenschaftlichen Evidenz, welche sich übrigens, wenn auch unreflektiert, wie ein roter Faden durch die WHO-Strategie zieht. Kimball Atwood formulierte das wie folgt:

„[Die Paramedizin ist] ein Spektrum von nicht plausiblen Glaubensannahmen und Ansprüchen betreffend Gesundheit und Krankheit. Dieses Spektrum reicht vom Nicht-Überprüfbaren und Absurden bis zum Möglichen aber nicht Faszinierenden. In allen Fällen übersteigt der Enthusiasmus ihrer Vertreter die wissenschaftlich begründbaren Aussichten um Größenordnungen.“


  1. WHO’s mixed priorities, The Lancet Oncology, 2006, Vol 7 July 2006, 525
  2. Hack-Seang Kim: Do not put too much value on conventional medicines. Journal of Ethnopharmacology 100 (2005) 37–39, Abstract hier
  3. WHO 2009, PDF hier, S. 9-12 und S. 43-61. Zu den Bedingungen für die Teilnahme an dem von einer japanischen Stiftung initiierten Programm gehörte, dass es sich um „große Familien mit Kindern, Eltern und Großeltern“ handeln sollte; mit den 8 $/Jahr konnten also jeweils fünf bis 10 Menschen versorgt werden, zuzüglich des Viehs. Sinnvoll ist natürlich die Bereitstellung von Pflastern und Verbandmaterial (im Wert von etwa 1 US-Dollar).
  4. Es scheint sich vor allem um Kräutermischungen zu handeln. „Sorool-4“ beispielsweise wird weithin in der mongolischen Volksmedizin verwendet. Es ist eine Mischung aus Sternmiere (Stellaria dichotoma L.), Süßholzwurzel (Glycyrrhiza uralensis), Schellack (Laccifer lacca – wäre zumindest physiologisch unbedenklich) und Knöllchen-Knöterich (Polygonum viviparum) (s. hier). Zu letzterem weiß der Volksmund: „Wenn die Kühe verhext waren und keine Milch mehr gaben, verfütterten die Sennen dieses Kraut und die versiegte Milch floss wieder (daher die Namen ‚Bring ma’s wieder‘, ‚Wiederkumm‘ und ‚Verloren-Kehrwieder‘).“ „Gurgum“ wird gelegentlich mit Safran übersetzt, aber der Preis spricht gegen eine Identität. „Sugmel“ scheint Kardamom zu sein, und „Sugmel-7“ lässt Mäuse länger schwimmen und mehr Urin produzieren (s. hier) (Gegen welche Krankheiten es hilft, haben wir nicht herausgefunden).
  1. Küstennebel
    10. Dezember 2014, 02:30 | #1

    Schöner Beitrag, vielen Dank. Realistischer Blickwinkel und eine düstere Aussicht gepaart mit politischer Kurzsichtigkeit. Regionale Eigenverantwortung durch Rückbesinnung auf historische Wurzeln.

    So siehts aus in der Welt.

    Trotzdem:

    “[Die Paramedizin ist] ein Spektrum von nicht plausiblen Glaubensannahmen und Ansprüchen betreffend Gesundheit und Krankheit. Dieses Spektrum reicht vom Nicht-Überprüfbaren und Absurden bis zum Möglichen aber nicht Faszinierenden. In allen Fällen übersteigt der Enthusiasmus ihrer Vertreter die wissenschaftlich begründbaren Aussichten um Größenordnungen.”

    Lege ich diesen Anspruch an das an, was so in der etablierten Medizin Usus ist, dürften die meisten medizinischen Ratschläge genauso als Paramedizin gelten, manches sogar als Scharlatanerie bezeichnet werden.
    Vom zwanghaften Blutdrucksenken um jeden Preis, Salzreduktionsorder, Prädiabetesgequatsche und eingebildete Diabetesepidemie, eingebildete BMI definierte Übergewichtspandemie, Cholesterinsenkung als präventiver Breitensport, Allgemein die pauschale Normwertemedizin ohne Hinguggen, zumindest für alle jene, die biologisch nicht Normgerecht geeicht sind, nicht sonderlich appetitlich.
    Mediziner, die die hauptkrebsursache Ernährung propagieren, Überweisungen zur „Ernährungsberatung“. Da werden DGE Zertifizierte „Hobbysalatologinnen“ dann auf die Patienten mit Psychischen Problemen, Traumata, schweren Ernährungsstörungen oder Streßinduzierten Hypercortisolismus mit Salatblättern totgeschlagen.

    Vielleicht muss man sehen, das hier eine Vermischung stattfindet und Vertreter wissenschaftlicher Medizin das eine oder andere des oben genannten überhaupt nicht gerne sehen als Praxis in den Praxen.

  2. pelacani
    10. Dezember 2014, 08:44 | #2

    Küstennebel :

    Lege ich diesen Anspruch an das an, was so in der etablierten Medizin Usus ist, dürften die meisten medizinischen Ratschläge genauso als Paramedizin gelten, manches sogar als Scharlatanerie bezeichnet werden.

    Da ist viel Wahres dran. Ein Beispiel: die Ratschläge zur Schlafhygiene, die sich in jedem Übersichtsartikel und in jedem Lehrbuch finden, gehen dreizehn auf ein Dutzend. Ich habe mal einen Experten gefragt, was davon empirisch gesichert ist, und die Antwort war: „Gar nichts. Aber machense mal, das ist gut für den Patienten!“. Solche ungedeckten Schecks für eine missionarische Grundhaltung sieht man öfter mal. Andererseits ist es ebenso unrealistisch, von allen sinnvollen Maßnahmen zunächst die Absicherung durch mindestens zwei doppelblinde kontrollierte multizentrische Studien von unabhängigen Teams zu verlangen. Auf diese Weise könnte man die Medizin auch zum Erliegen bringen. Kant soll gesagt haben: „Die Notwendigkeit zu entscheiden reicht weiter als die Möglichkeit zu erkennen“.
    Aber ich denke schon, dass die Atwood-Definition den Kern trifft. In eine umfassende Charakterisierung der Paramedizin gehört neben dem Absurden auch das Obsolete, und plausibel ist nicht das, was der Kleine Moritz dafür hält, sondern das, was nach dem Stand der Wissenschaft zumindest nicht unmöglich ist. Und auch der von Ernst angedeutete Aspekt der Feindseligkeit, bis hin zur Verlogenheit, sollte nicht untergehen.

    Meine eigene, bescheidene, pragmatische Lösung ist: ich mache alles mit, was nicht gefährlich ist.

  3. Gisander
    10. Dezember 2014, 10:32 | #3

    Einen Unterschied sehe ich schon noch: die Malaise beim Blutdrucksenken, Cholesterinsenken, Salzkonsumsenken und anderen Senkereien hat ja wenigstens noch einen nachvollziehbaren und irgendwie auch empirisch noch greifbaren Kern. Man verwechselt nur, bewusst oder aus Schlamperei, Surrogat-Endpunkte (Substanz X bewirkt in der Petrischale Y) mit realen Endpunkten (mehr oder weniger von Substanz X bewirkt mehr oder weniger Lebenserwartung, Lebensqualität etc.). Da kann man wenigstens noch rational ansetzen. Aber man versuche das einmal auf der Ebene des Streuens und Weihens!

  4. Küstennebel
    10. Dezember 2014, 12:15 | #4

    @ pelacani

    Schlafhygiene ist ein gutes Stichwort! Da fällt mir der bescheuerte pauschale Rat für Schlafapnoeiker ein, die durch Stressinduktion oft zwischen abmagerung (seltner) und massivem Übergewicht tendieren (meistens, afaik um 60-70%). Ein blinder mit Krückstock erkennt das es sich hier um einen Zusammenhang der Schlafdefizite, hormonellem Chaos, Streßinduktion handeln muss und daraus resultierendem chaotischem Stoffwechsel und oft kompensatorischem Ernährungsverhalten. Das ist einfach das was man beobachten kann.

    Trotzdem der völlig bescheuerte erste Ratschlag: Gewichtsreduktion.

    Das das erstmal nicht möglich ist, wird überhaupt nicht zur Kenntniss genommen. Das das Essverhalten kompensatorisch erfolgt, selfish-brain läßt grüßen, wird nicht ausreichend beachtet.
    Oft wird sogar erzählt, das das Gewicht die Ursache sei, was Unsinn ist, es ist eine Korrelation. Die Ursache ist eine anatomische in nahezu allen Fällen.

    Diese reduzierte Tunnelblick der koryphäenorganisierten Caesarearen Daumen nach unten, Daumen nach oben Meinungsinfiltration der Behandlungsleitlinien in der Medizin deuten auf eine Artverwandtschaft der Medizin und der Scharlatanerie hin.

    Mit Speck fängt man Mäuse, mit Subventionen und Drittmitteln fängt man Rattenfänger.

    Allerdings muss man konstatieren das sich hier wohl eher die menschliche Unfähigkeit Bahn bricht und sozialrassistische Gesellschaftsthesen in den gehobenen Kreisen der etablierten Koryphäen so einige fragwürdige Überzeugungen befördern.

    Gibts eigentlich eine Möglichkeit Ärzte, die mit Angstapellen und Nocebo Effekt auf ihre Patienten einwirken zur Rechenschaft zu ziehen? Das Gesundheitsministerium hält diese Art der manipulation am Bürger ja offensichtlich für sinnvoll genug sie zumindest in Erwägung zu ziehen. http://www.bzga.de/botmed_60604000.html

    Grüße

  5. Küstennebel
    10. Dezember 2014, 12:26 | #5

    @ Gisander

    Ja die Rationalität vermisse ich ja gerade. Es ist so irrational was in der gängigen Medizin stattfindet, oft so sehr von Gewohnheiten und etablierten monetären Interessenvertretern gesteuert. Nehmen wir zum Beispiel die Bluttransfusionssache. Mitlerweile beginnt ein Umdenken in zaghaften Anfängen. Obwohl seit Jahrzehnten die meisten Probleme bekannt sind, werden immer noch massiv mit dieser „Blut-Transplantations & Aderlass-Technologie“ Menschenleben gefährdet. Erkenntnisse werden ignoriert und bekämpft, um den Status Quo nicht zu gefährden.
    http://www.daserste.de/information/reportage-dokumentation/dokus/sendung/swr/24112014-boeses-blut-blutspenden-die-unerkannte-gefahr-100.html

    Es stellt sich wirklich die Frage, ob der Mensch in seiner Grundstruktur nicht per se ein Scharlatan ist 😉

    MFG

  6. pelacani
    10. Dezember 2014, 12:59 | #6

    Küstennebel :

    @ pelacani

    … die durch Stressinduktion oft zwischen abmagerung (seltner) und massivem Übergewicht tendieren (meistens, afaik um 60-70%). Ein blinder mit Krückstock erkennt das es sich hier um einen Zusammenhang der Schlafdefizite, hormonellem Chaos, Streßinduktion handeln muss und daraus resultierendem chaotischem Stoffwechsel und oft kompensatorischem Ernährungsverhalten. … Das das Essverhalten kompensatorisch erfolgt, selfish-brain läßt grüßen, wird nicht ausreichend beachtet. … Die Ursache ist eine anatomische in nahezu allen Fällen.

    Ist das empirisch gesichert? 😉

    Küstennebel :

    werden immer noch massiv mit dieser “Blut-Transplantations & Aderlass-Technologie” Menschenleben gefährdet. Erkenntnisse werden ignoriert und bekämpft

    Ich habe nicht die Zeit, einem 44minütigem Videobeweis zu folgen. Die Informationsdichte ist zu gering. Erbitte einen Hinweis auf die Studien, auf die sich der Beitrag bezieht. 😉

  7. Küstennebel
    10. Dezember 2014, 15:26 | #7

    @ pelacani

    zum ersten:
    , wenn jemand mal die richtigen Fragen gestellt hat. Ich selbst bin Betroffener kenne passende Foren und Informationen etc. leider kann ich Ihnen keine konkreten Studien anzeigen, auch nicht viel suchen, darüber habe ich keine Datensammlung betrieben.
    Tatsache ist jedoch das der nächtliche Erstickungsvorfall, den die Schlafapnoe ja darstellt, in seiner Natur ein Mini-Überlebenskampf ist und aus der Summe fehlender Erhohlung durch den gestörten Schlaf und des zusätzlich extremen Streßprofils dieser Störung mit allen Erscheinungen die dafür Belegbar sind, Cortisolspiegel, Insulinresistenzbildung ( bei Apnoeikern erhöht), Hypertonie (oft nicht auf die Schlafstörung zurückgeführt), unvermögen zur Konzentration und im späteren Verlauf kaum noch Aktivierungspotential. Burnout-Symptome etc. kann ich so alles jedenfalls auf den Tisch legen.

    Am Ende wird eben Schlafapnoe oft nicht als Ursache für Probleme erkannt, weil nicht hingeschaut wird, wie ich oben sagte. Die Normwertemedizin übt das ja nicht und die Kombination mit Vorurteilen bringt dann bei einer Krankheit, die Übergewicht als Folge mit sich bringt, oft die völlig falschen Strategien hervor und verursacht dabei noch mehr Streß und zwingt Betroffene in unlösbare Dilemma!

    Das Gewichtsreduktion ganz oben steht und Lebensstiländerungen in die obere Kommunikationsebene gehievt werden, können Sie schon der Tatsache entnehmen, das die Leitlinien und die Broschüren dazu gleich zu Beginn damit anfangen.

    http://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/017-069.html
    http://www.charite.de/dgsm/dgsm/downloads/dgsm/arbeitsgruppen/ratgeber/neu-Nov2011/Apnoe_A4.pdf

    Der Witz ist einfach, das man nach ein paar Jahren unbehandelter Schlafapnoe nicht mal mehr in der Lage ist wirklich wach zu werden. Man ist irgendwann nur noch ein Zombie, der zwischen 14-20 Stunden im Bett verbringt, scheinbar schläft, aber am Ende nach dem Aufwachen zuerst an eine Stunde Schlaf denkt.

    In dieser Verfassung sitzt man beim Arzt und kriegt erstmal um die Ohren gehauen, das Rauchen zu unterlassen, Alkohol wegzulassen, Diät zu halten, Ernährung umzustellen, und Sport zu treiben.
    Das ist an Zynismus nicht mehr zu überbieten. Ehrlich. Hier muss einfach ein Umdenken stattfinden, aber das das noch passiert bei der elitären Ärzteschaft in Deutschland? Ich glaube eher nicht.

    Aus meiner gesammten Erfahrung kann ich Ihnen diesen Ansatz als belegbar bezeichnen, aber als betroffener Amateur bin ich jetzt aus dem Stehgreif nicht fähig die Studien dazu direkt in Verbindung mit meinen Aussagen zu benennen.
    Manches stand in der VDK Zeitschrift „Schlafapnoe Aktuell“, besonders bezüglich der spezifischen Herzprobleme und des Blutdrucks aber auch zum Übergewicht. Leider ist diese Zeitschrift nicht mehr verfügbar online, oder ich zu blöd sie zu finden. Obige Hinweise sind kein Ersatz.

    In der Sendung werden unüblich viele Studien angesprochen. Dazu ist mir jetzt auch keine Liste in die Finger gerutscht, ich suchte vergeblich. Also frag ich derweil bei der Produktionsfirma eine Liste an, ich werde falls ich derer habhaft werde, diese Ihnen mitteilen.
    Ansonsten anschauen lohnt sich wenn Sie irgendwann die Zeit finden. Gute Berichterstattung ist selten, diese ist gut und vom Themengeflecht her alleine schon ultraspannend und gut gemacht wie ich persönlich finde, bei allem sogar noch relativ fair und bleibt ausgewogen in der Berichterstattung, trotz der heiklen Datenlage zum Thema.

    *Mensch hab ich heute Probleme einen kommentar abzugeben …

  8. Küstennebel
    10. Dezember 2014, 15:31 | #8

    Uups da ist ja doppeltposting! Sorry, ich bitte den zweiten zu löschen, ich dachte einfach mein Posting sei nicht angekommen, das Netz mag meine lange Leitung heute nicht.
    Den ersten Beitrag behalten, die beiden anderen löschen bitte :o) Danke!

  9. Dr. E. Berndt
    10. Dezember 2014, 20:19 | #9

    Mit diesem Thema beschäftige ich mich schon eine Weile
    Altes Wissen

    Wenn es um alternative, komplementäre und ganzheitliche Heilmethoden oder gar um Kräuter geht, wird immer mit „altem Wissen“ argumentiert. Nur was ist das? Aus einem Konglomerat von Aufzeichnungen, Überlieferungen, alten Bräuchen und ähnlichen mehr sucht sich jeder selbsternannte Kräuterexperte oder jede heilsichtige Kräuterhexe etwas irgendwie Passendes heraus, erklärt das Mittel oder die Prozedur für wirksam nach heutigen Kriterien, weil es sich um „altes Wissen“ handelt. So wird täglich Reklame für meist veraltete Therapien und Mittel gemacht, deren Wirksamkeit in den Sternen zu suchen ist. Veraltetes lässt sich nur mit „altem Wissen“ und dem zugrunde liegenden veralteten magischen Vorstellungen schlüssig erklären. Mit neuem Wissen sehen Erklärungen aber anders aus und von Wirksamkeit nach heutigen Maßstäben ist allermeist nichts mehr nachzuweisen.

    Bei jeder Diskussion über die Wirksamkeit alternativer, komplementärer und ganzheitlicher „Medizin“ fällt über kurz oder lang das Argument, dass es sich hier um „altes Wissen“ handelt. Besonders, wenn es um Kräuter geht und man überlieferte Anwendungen in Frage stellt, kann man drauf wetten, dass dieses Argument gebracht wird.

    Es wird eben völlig übersehen, was alles unter „altes Wissen“ fällt. Das Spektrum des „alten Wissens“ reicht von abergläubischen und magischen Vorstellungen und Praktiken einerseits bis hin zu einem „Wissen“, dass bestimmte pflanzliche Zubereitungen giftig bis unbekömmlich sind. Eine Unterscheidung zwischen Wirkungen, die auf magischen Vorstellungen beruhen und, um es modern auszudrücken, pharmakologischen Wirkungen im heutigen Sinn gab es nicht. Magie und Naturwissenschaft waren nicht getrennt. Praktisch erfahrbare Wirkungen wurden mit magischen Vorstellungen erklärt.

    Zum zahlreich überlieferten medizinischem „alten Wissen“ ist zu sagen, dass nur in wenigen Fällen gesichert bekannt ist, was damals wirklich im Einzelnen geschah. Abgesehen von den Schwierigkeiten der wechselnden Bezeichnungen für z.B. Pflanzen und Krankheiten zu verschiedenen Zeiten, die oft keine exakten Zuordnungen mehr ermöglichen, wird völlig übersehen, dass der Placeboeffekt im weitesten Sinn immer schon wirksam war und keine Erfindung der modernen Medizin ist. Nur in wenigen Fällen lässt sich heute exakt sagen, welche Krankheit mit welchem Mittel konkret behandelt wurde. Fakt ist aber auch, dass magische Vorstellungen und Handlungen zum unerlässlichen Repertoire jeder Heilbehandlung gehörten. Eine blutende Wunde, ein gebrochenes Bein, Kopfschmerzen, Fieber, Geburtsbeschwerden, zahlreiche Infektionen usw. wurden immer mehr oder weniger auch zeremoniell beschworen. Und die Menschen waren überzeugt, dass das Beschwören zur Heilung unerlässlich und wirksam ist. Auch das gehört auch zum „alten Wissen“ und kann davon nicht getrennt werden.

    Arzneimittel und Therapien mit einer gesicherten und damit einigermaßen vorhersehbaren Wirksamkeit im heutigen Sinn gibt es seit nicht viel mehr als 150 Jahren. Man konnte auch immer schon einfach so – mit und ohne Placeboeffekt – gesund werden. Voltaire konnte daher zu Recht scharfzüngig bemerken, dass die ärztliche Kunst darin bestehe, den Patienten so lange bei guter Laune zu halten, bis die Natur ihn geheilt hat. Und Voltaire kritisierte die Ärzte und ihre Medizin seinerzeit nur zu Recht, denn auch die hochgelahrten Medici hatten keine besseren Erfolge zu verzeichnen als das einfache Volk mit seiner gebräuchlichen Volksmedizin. Das überlieferte „alte Wissen“ war genauso erfolgreich bzw. erfolglos. Und selbstverständlich waren die Gaukler und Scharlatane auf den Marktplätzen nicht nur sehr sondern höchst erfolgreich und sie sind es heute noch.

    Die Beschreibung der Vergiftung von Sokrates mit Schierling stimmt vollkommen mit unseren gesicherten Erkenntnissen über die Wirkung von Conium maculatum überein, aber derartige Highlights gibt es nicht viele. Dank unseres modernen Wissens in Pharmakologie und Pharmakognosie können wir die Vergiftung bestätigen. Warum aber Conium maculatum bzw. Coniin giftig ist, erklärt das „alte Wissen“ nicht.

    Bei den Hexensalben ist diese Gewissheit nicht mehr gegeben. Die grausame Tortur bzw. die Androhung derselben dürfte vielen Frauen zusätzlich zur Wirkung der z.B. vaginal applizierten Salben entsprechende Halluzinationen verursacht haben. Die Faktoren, die wir heute kennen bzw. erkannt haben, die einer Objektivierung im Wege stehen bzw. diese verhindern, sind ja nicht neu sondern waren immer schon gegeben.

    Eine ganze Gesundheitsindustrie geht heute mit höchst selektiv ausgewählten „altem Wissen“ hausieren. Nostalgische und romantische Gefühle werden geschickt geschürt und bedient. Früher war ja alles natürlich und biologisch. Die natürlich lebenden Menschen kannten keine nennenswerten Erkrankungen, waren glücklich und zufrieden und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie heute noch. Wir müssen nur noch natürlich leben und uns natürlich behandeln, dann wird es so sein, oder nicht? Grundlagen für diesen Glauben an die gute alte Zeit gibt es in der Medizin keine und noch sonst nirgendwo.

    Jedes Wissen kann und muss zu jeder Zeit überprüfbar sein. Nur so kann es zu einer Weiterentwicklung kommen. Das sogenannte Wissen aus der Erfahrung ist jedoch in höchstem Maße beschränkt, ist es doch abhängig davon, in welchen Wissenstand und mit welcher Skepsis insgesamt, diese Erfahrungen gewonnen wurden.

    Selbstverständlich gibt es auch altes Wissen. Z.B. in der Geometrie den Satz von Thales, dass alle Winkel im Halbkreis rechte Winkel sind oder den pythagoreischen Lehrsatz, dass die Summe der Flächen der Quadrate über den beiden Katheten gleich der Quadratfläche der Hypotenuse ist. Nur in der Medizin ist derartiges Wissen rar, das bis heute gehalten hat.

    Volksmedizin – Wird aus medizinischem Aberglauben modernes Wissen?

    Laut Wikipedia umfasst Volksmedizin das in der Bevölkerung von einer Generation zur nächsten überlieferte Wissen über Krankheiten, Heilmethoden und Heilmittel. So klar und einfach diese Definition ist, so irreführend ist diese, weil in dieser Definition die Begriffe Wissen, Krankheit, Heilmethode und Heilmittel stecken. Dieses Wissen in der Volksmedizin wird gerne als „altes Wissen“ bezeichnet, aber es entspricht jedoch nicht unserem modernen Wissen einer aufgeklärten Gesellschaft, das auf naturwissenschaftlichen Erkenntnissen beruht, sondern es handelt sich nur allzu oft um ein überholtes und widerlegtes Wissen. Dieses „alte Wissen“ ist von unrichtigen Annahmen und magischem Vorstellungen durchsetzt In Summe ist diese „altes Wissen“ nichts weiter als überlieferte Verhaltensweisen.

    Diesen überlieferten Verhaltensweisen und Mitteln wird unter Hinweis auf „altes Wissen“ eine Wirksamkeit gleich modernen Therapien und Medikamenten bescheinigt. Das ist Informationsbetrug. Fakt ist, dass nach Einbeziehung heutigen Wissens von einer echten Wirkung nicht mehr viel außer Placebowirkung übrigbleibt. Und Placebowirkung haben alle magischen Handlungen immer schon gehabt und waren immer schon ein gutes Geschäft.

    Die Geschichte der Volksmedizin ist sehr gut dokumentiert. Sie reicht bis in die Antike zurück. Es gab und gibt unzählig viele und umfangreich dokumentierte Methoden, Mittel und Vorstellungen, nach denen die Menschen Heilung und Linderung von Krankheiten suchten. Desgleichen gab es unzählige Erklärungen für das Auftreten von Krankheiten. Je weiter wir in der Geschichte zurückgehen, umso magischer waren die Vorstellungen. Unschwer lässt sich erkennen, dass es seinerzeit keine Trennung zwischen Aberglauben und Naturwissenschaft im heutigen Sinn gab. Auch die „gelehrte“ Medizin erklärte Krankheiten mit magischen Vorstellungen und behandelte dem entsprechend mit Magie. Der offiziellen weißen Magie, die in die herrschende Religion integriert war, stand die inoffizielle schwarze verbotene Magie gegenüber.

    So lassen sich alte heidnische Zaubersprüche in der Volkmedizin nachweisen, die dann christianisiert wurden. Die alten Heilsprüche wurden eben mit einem z.B. „Ave Maria“ abgeschlossen.

    Die zahlreichen Anwendungen, Mittel und Vorstellungen der Volksmedizin waren z. T. geographisch weit verbreitet und verfügen über eine entsprechend durchgehende Historie. Einzelne Traditionen lassen sich über viele Jahrhunderte wenn nicht Jahrtausende zurückverfolgen. All das wurde nicht einfach geglaubt im strengen Sinn des Wortes. Die Wirksamkeit war seinerzeit für die Menschen erwiesen, auch wenn es aus heutiger Sicht nur offensichtlich unwirksamer Zauber war.

    Die Homöopathie des Herrn Hahnemann ist kein geschichtlicher Einzelfall einer abstrusen obskuren Heilslehre sondern passt nahtlos in alle überlieferten magischen Vorstellungen hinein. Hahnemann war von der Existenz einer geistartigen Heilkraft und einer geistartigen Lebenskraft überzeugt. Zu seiner Zeit waren solche Vorstellungen durchaus noch üblich, aber schon umstritten und wurden zunehmend als unwissenschaftlich angesehen. Hahnemann hat seine Lehre auf die zu seiner Zeit noch gültigen letzten Reste magischer Vorstellungen aufgebaut. Die Vorstellungen geistartiger Heil- u. Lebenskräfte sind nicht verschwunden sondern haben sich hinter modern klingenden Begriffen wie Energieströme, Energieblockaden, Bioinformation etc. versteckt.

    Schon seit jeher konnte unterschieden werden zwischen gelehrter Medizin und Volksmedizin. Vieles, was von der Gelehrtenmedizin, der Puechmedizin von Puechärzten (Buchärzte bzw. Buchmediziner), heute würde man von Schulmedizinern sprechen, angewandt aber verworfen wurde, erfreute es sich wider besseres Wissen noch lange Zeit großer Beliebtheit in der Volksmedizin.

    Hier mag als typisches Beispiel die Verwendung von Mumie als Heilmittel dienen. Ursprünglich bedeutete das persische Wort „mumia“ Erdpech“. Im alten Ägypten wurde Erdpech auch aus den Grabkammern gewonnen und so ging der Begriff „Mumia“ auf die damit konservierten Leichen über. Primär wurde das Erdpech (Bitumen) als Heilmittel verwendet. In Folge übertrug sich die „Heilwirkung“ vom Erdpech, das auch aus den Grabkammern gewonnen werden konnte, auf die konservierten Leichen und Mumie wurde zum anerkannten Heilmittel.

    Mumie war mehr oder weniger zwei Jahrtausende als Heilmittel in Verwendung. Prof. Elfriede Grabner aus Graz hat in ihrem Buch „Grundzüge einer ostalpinen Volksmedizin“ (1985) unter Kapitel V „Schutz- u. Heilmittel“, Ziffer 4 „menschliche Körperprodukte“ die Seiten 194 bis 208 praktisch vollständig dieser Geschichte gewidmet.

    In Wellnesszeitungen und auf Gesundheitsseiten aller Zeitungen ist viel über die Verwendung von Kräutern zu lesen. Auch wird Theophrastus Bombastus von Hohenheim, bekannt als Paracelsus, und sein berühmter Satz „Dosis sola facit venenum“ gerne zitiert, dass er aber ein überzeugter Fan für die Anwendung von Mumie war, ist nicht in den Medien nachzulesen und wird wahrscheinlich in keinem Paracelsus-Institut vorrangig kundgetan.

    Paracelsus propagierte seinerzeit die „Lufft-Mumie“ „ Das ist der Leib, der an dem Lufft oder im Lufft zu einem Mumia ist worden: Der Mensch der erhenckt, gespisst oder geradbrecht ist worden: Denn er stirbt am Lufft und im Lufft ist sein Grab und Verwesung“

    Und detaillierte Herstellungsvorschriften für Mumie sind erhalten. Eine dieser Vorschriften bzw. Vorschläge wurden von Oswald Croll (1560 – 1609) genauer ausgeführt und von Prof. Johann Hartmann (1568 – 1631), fürstlich hessischer Leibarzt mit Anmerkungen versehen.

    Croll rät: „ Man soll den todten Cörper eines rothen, gantzen, frischen und unmangelhafften vier und zwantzig Jährigen Menschen, so entweder am Galgen erstickt, oder mit dem Rad justifiziert, oder durch die Spiess gejagt worden, bey hellem Wetter, es sey bey Tag oder Nacht dazu erwählen. Dessen Mumiam von den beyden großen Lichtern (Sonne und Mond) einmal bescheinet und constelirt oder bestirnt, in Stücke zerschneiden, mit pulverisierter Mumia und ein wenig Aloe – dann sonsten es zu bitter – bestrewen, nachmals etliche Tage in einem gebrannten Wein einweichen, aufhencken, wiederumb ein wenig einbeitzen, endlich die Stück in der Lufft auffgehenckt lassen trocken werden, bis es Gestalt eines geräucherten Fleisches bekompt und allen Gestank verliehrt, und zeucht letztlichen die ganz rothe Tinctur durch einen gebranten Wein, oder Wacholder Geist nach Art der Kunst herauss.“

    Mumie ist ein typisches Beispiel für ein Wissen bzw. für Ein Heilmittel, das einst in hohem Ansehen stand, von führenden Persönlichkeiten propagiert wurde und das dann, nachdem es nicht mehr befürwortet wurde, nicht vom Heilmittelmarkt verschwand, sondern nur langsam in Vergessenheit geriet. Dieser Ablauf scheint für die Volksmedizin typisch zu sein.

    Die drei schwebenden Blutstropfen

    So ein bemerkenswertes altes Wissen, das sich als Volksweisheit, sehr lange, bis fast in unsere Zeit hinein gehalten hat, ist die Vorstellung von den drei schwebenden Blutstropfen. Peter Rosegger lässt in einer seiner Geschichten einen alten Holzknecht erzählen:

    „An iada Mensch hot in sein Kopf drei Bluatstroupfn, de henkn in Hirn, as wia die Thautroupfn af an Grosholm. Wan da rechti Bluatstroupfn owifollt, selm straft in Menschn s Schlagl af da rechtn Seitn; wan da linggi Troupfn owifollt, selm strafts n af da linggn Seitn, und wan da mitteri Bluatstroupfn owifollt, selm trifftn s Schlagl ban Herzn und da Mensch is hin.“

    Peter Roseggers Holzknecht bzw. die ländliche Bevölkerung mag uns heute als ungebildet und einfältig erscheinen. Aber wir tun dem Holzknecht damit unrecht. Er ist gewissermaßen das letzte Glied einer langen alten „wissenschaftlichen“ Tradition. Die drei Blutstropfen haben eine lange Geschichte, die weit zurückreicht. Und ein wesentlicher Punkt ist, dass ihre Existenz einmal wissenschaftlich anerkannt war.

    Dieses „alte Wissen“ war natürlich schon lange, bevor Peter Rosegger seine Geschichte niederschrieb, überholt. Wir dürfen aber annehmen, dass Roseggers Holzknecht dieser mittlerweile zur Erzählung gewordenen Weisheit Glauben schenkte, obwohl ihm eigentlich klar war, dass dies so nicht sein konnte.

    So ein Holzknecht wuchs auf dem Lande auf. Wir dürfen annehmen, dass er allein schon durch das Schlachten der Haustiere wusste, wie in etwa ein Gehirn aussieht und dass dort keine drei Blutstropfen schicksalshaft hängen können und beim Herunterfallen Schlaganfall und Tod bringen.

    Dem entsprechend wurde der Schlaganfall in ländlichen Kreisen auch „Gutt“ oder „Tropf“ genannt. Und diese Bezeichnungen deuten immer noch auf die mehr als 2000 Jahre alte Humoralpathologie hin. Die drei schwebenden Blutstropfen haben sich aus der Humoralpathologie entwickelt.

    Nach dieser Lehre hängt die Gesundheit von der richtigen Mischung der 4 Körpersäfte ab, die da sind: gelbe und schwarze Galle sowie Blut und Schleim. Aus dieser „4-Zahl“ der Säfte wurde eine Reihe weiterer auf der Zahl 4 beruhenden Lehren und Erklärungen entwickelt.

    Und obwohl heute dieses alte Wissen längst obsolet ist, sind immer noch z.B. die 4 Temperamente, die auf diese 4-Säftelehre zurückgehen, präsent.

    Aber, so wie der Holzknecht an seiner Überzeugung festhalten konnte und mit ihr wider besseres Wissen leben konnte, können das die Menschen heute auch noch immer mit vielen unsinnigen bis abergläubischen Vorstellungen. Wir benützen Computer und Internet, werden am grauen Star operiert, bekommen ein neues Kniegelenk, erhalten eine Spenderniere und glauben trotzdem ans Horoskop, an Erdstrahlen und dergl. mehr.

    Der Aderlass altbewährt und doch sehr schädlich

    Ein weiteres aber immer noch geläufiges Beispiel für „altes Wissen“ ist der Aderlass. Die Geschichte des Aderlasses zeigt besonders eindrucksvoll, wie sehr die Wahrnehmung durch Zeitgeist, irrige Ansichten, mythologische Vorstellungen und dergl. mehr verzerrt sein kann. Objektiv gesehen, ist dieses Verfahren, was heute unbestritten ist, nicht nur nutzlos sondern sogar sehr schädlich.

    Die Patienten wurden durch den hohen und vor allem wiederholten Blutverlust regelrecht ausgeblutet. Derart zu Tode therapiert starben Tausende am Aderlass. Trotzdem wurde der Aderlass, für uns heute nicht erklärlich, durch gut zwei Jahrtausende hindurch positiv gesehen.

    Die seinerzeit auch schon beobachtete Schwächung der Patienten durch den Aderlass wurde als schwerer aber nichts desto weniger heilungsnotwendiger Kampf mit der Erkrankung gewertet. Wurden die Patienten doch noch gesund, so glaubte man, dass sie durch den notwendigerweise schweren Gesundheitskampf genasen. Überlebten die Patienten die Tortur nicht, wurde angenommen, dass nicht einmal der bewährte Aderlass mehr helfen konnte.

    Der letzte Prominente, der mit Aderlass zu Tode therapiert wurde, war George Washington. Sein Tod war Anlass zu einer Kritik durch Journalisten, die nicht mehr verstummte und letztlich dem Aderlass sein Ansehen als wirksames Arzneimittel kostete.

    Durch den Aderlass vermeinte man, Gifte oder was auch immer auszuleiten bzw. die 4 Körpersäfte nach Ansicht der Humoralpathologie wieder ins Gleichgewicht bringen zu können und dadurch in die Lage zu sein, die Krankheit zu überwinden.

    Die Homöopathen lehnten den Aderlass ab und hatten damit großen Erfolg. In ihren Krankenhäusern starben daher viel weniger Choleraerkrankte. Allerdings wollen die Homöopathen diese einleuchtende Erklärung bis heute nicht wahrhaben. Sie schreiben immer noch ihren Erfolg der damals neuen Homöopathie zu und nicht dem Weglassen des Aderlasses.

    Mit neuen Indikationen wie Stärkung der Immunabwehr etc. wird Aderlass in Kurhäusern, Wellnesszentren usw. dennoch auch heute noch angeboten. Der Aderlass ist zur Volksmedizin geworden.

    Gestern Massenhysterien – heute Modeerkrankungen u. Modetherapien

    Ein Stichwort möchte ich nennen: „Massenhysterie“. Dieser Ausdruck ist aus der Mode gekommen. Heute sprechen wir von einem Boom oder einem Hype. Das klingt auch schon viel besser. Hysterie ist viel zu negativ konnotiert. Moden in der Medizin hat es schon immer gegeben. Bestimmte Diagnosen, Erkrankungen, Mittel und Therapien hatten über längere und kürzere Zeiträume hinweg immer schon großen Erfolg und machten ihre „Erfinder“ reich.

    Der Aderlass ist ein gutes Beispiel für eine höchst erfolgreiche aber sehr schädliche Therapie, wie wir heute wissen. 2000 Jahre lang hat er gewirkt. Die ausführliche Geschichte des Aderlasses ist das Einleitungskapitel in „Heilen ohne Pillen“ (Simon Sing u. Edzard Ernst, engl. Originaltitel „Trick or Treatment“). Mit diesem Beispiel sollte gezeigt werden, dass ein Erfolg keineswegs nur mit harmlosen sondern auch mit höchst belastenden und schädigenden Therapien über lange Zeiträume hinweg möglich ist. Hahnemann hat den Aderlass abgelehnt und so, wie wir heute wissen, einen Grundstein für den Erfolg der Homöopathie gelegt.

    Zu Zeiten Franz Anton Mesmer (1734-1815) fielen Damen reihenweise bei seiner Behandlung in Ohnmacht. Er propagierte den animalischen Magnetismus. Der Mesmerismus boomte wie auch andere nach heutigem Verständnis magische Methoden. Mesmer war aber keine Einzelerscheinung.

    Die Geschichte der „Metallic Tractors“, auch als „Magnetic Tractors“ bezeichnet, wird von Simon Sing/Edzard Ernst in “Heilen ohne Pillen“ erwähnt sowie von Grete de Francesco in „Die Macht des Scharlatan“ (Basel 1937) ausführlich beschrieben.

    Gegen Ende des 18. Jahrhunderts propagierte Elisha Perkins (1741 – 1799), ein erfolgreicher Arzt und gelegentlicher Maultierhändler aus Connecticut die Anwendung von „Metallic Tractors” zur Behandlung verschiedener Krankheiten von Menschen und Pferden. Diese patentierten „Tractors” (kleine schmale Keulen aus Metalllegierung) wurden bis zu 20 Minuten über die erkrankten Areale geführt, um das schädliche „elektrische Fluidum“ herauszuziehen, das als Ursache von Erkrankungen angesehen wurde. Viele Patienten und Beobachter wurden von spontanen Heilerfolgen überzeugt und veröffentlichten Anekdoten. Perkins wurde sehr reich. „Elektrizitätszaubereien“ waren um die Jahrhundertwende in der Medizin generell große Mode.

    Die Manie schwappte auch nach England hinüber. Die Royal Medical Society ging in Knie, gab dem Publikumsdruck nach und erlaubte die Verwendung im vereinigten Königreich. Die Hysterie wurde durch den bescheidenen prakt. Arzt Dr. John Maygarth aus Bath und seinem Freund Dr. Falconer beendet. Sie fälschten die „Metallic Tractors“ aus Holz und verkauften diese Imitationen an etliche bekannte Ärzte. Diese Fälschungen wurden nicht erkannt und waren genauso “wirksam” wie die Originale. Als aber der bewusste Betrug zum Beweis der Wirkungslosigkeit aufdeckt wurde, war es mit dem Boom vorbei.

    Grete de Francesco erwähnte auch das Institut Zeileis in Gallspach als Beispiel moderner Scharlatanerie. Valentin Zeileis (1873-1938), eigentlich Kunsthandwerker, begann 1906 Elektrizität bei Patienten anzuwenden und erstand 1912 das Wasserschloss Gallspach vom verschuldeten Vorbesitzer. Hochspannung und Funkenentladungen waren große Mode und das „Institut Zeileis“ arbeitet bis heute, jetzt in der vierten Generation, erfolgreich. Welche Beschwerden mit dem berühmten Zauberstab noch behandelt werden, kann ich nicht sagen, aber auf der Homepage des Institut Zeileis wird diese Behandlung nach wie vor ausgelobt.

  10. pelacani
    10. Dezember 2014, 20:33 | #10

    Küstennebel :

    Obwohl seit Jahrzehnten die meisten Probleme bekannt sind, werden immer noch massiv mit dieser “Blut-Transplantations & Aderlass-Technologie” Menschenleben gefährdet. Erkenntnisse werden ignoriert und bekämpft, um den Status Quo nicht zu gefährden.

    Jetzt habe ich mir wirklich diesen Fernsehbeitrag angesehen.

    Es ist der Lauf der Welt, dass sich medizinische Therapien ändern sollten, wenn bisher unerkannte Risiken mit methodisch sauberer Forschung belegt werden; und dass dieser Beleg nicht in einer einzelnen Studie bestehen kann. Es gibt einen Meinungsbildungsprozess in der Medizin. Das ist doch wohl selbstverständlich. Der Fernseh-Beitrag faselt davon, dass diese Ergebnisse verheimlicht würden. „Milliardengeschäft“ verhindert die Aufklärung – häh? Da hätte ich mindestens den internen Schriftverkehr erwartet, in dem die Industrie versucht, die Veröffentlichungen zu unterdrücken. Es werden viele Studien genannt, die in hochrangigen Journalen veröffentlicht worden sind (ich hatte bisher nicht die Zeit, denen nachzurecherchieren, aber ich unterstelle einfach mal, dass wenigstens hier nicht „akzentuiert“ wurde). Diese Journale werden auch von ernstzunehmenden Wissenschaftsjournalisten zur Kenntnis genommen. Die alarmistische Verschwörungstheorie „warum wissen wir nichts davon“ ist lachhaft. Wenn es einen Skandal gäbe, dann bestünde er darin, dass verantwortliche Journalisten keine medizinischen Zeitungen lesen können. Einer der Protagonisten wird so eingeführt: „Aryeh Shander wurde von Times Magazine zum Hero of Medicine erklärt“ – sieht so Unterdrückung aus?

    Küstennebel :

    Gute Berichterstattung ist selten, diese ist gut und vom Themengeflecht her alleine schon ultraspannend und gut gemacht

    Ganz üble Kiste. Nicht die Blutgeschichte, sondern dieser Beitrag. Fang bitte jetzt nicht an zu fragen, ob Psiram von der Transfusionsindustrie gekauft ist.

  11. Küstennebel
    10. Dezember 2014, 23:08 | #11

    @ Dr. E. Berndt. Schönen Dank für die Ausführungen. Altes Wissen entsteht ja durch die Beobachtung und diese Unterliegt der subjektiven Wahrnehmung und Deutung bzw. Interpretation. Subjektive Wahrnehmung hat auch mit dem eigenen Erleben der Welt und der eigenen Konstruktion der Welt zu tun.

    Insofern ist auch die moderne Medizin nicht vor denselben Fehlern gefeit.

    Fang bitte jetzt nicht an zu fragen, ob Psiram von der Transfusionsindustrie gekauft ist.

    Jedes mal wenn ich euch hier kommentierend besuche, gibts irgendwie für manche nur die total kaputten Esos und euch Schlichtgestalten der Verständigung mit dem Heilwissen der Wissenschaft bei der Hand.

    Hallo? Es gibt einen Haufen Leute, die zwar Wissens und Bildungslücken haben, nicht immer mit dem Blick eines Fachmanns Themen betrachten KÖNNEN, aber dennoch mit einem hohen Grad an Aufmerksamkeit und Sensibilität dem Thema zugeneigt sind um sich fachlich versierte Antworten zu suchen. Weg mit der Laienfeindlichkeit! Nich immer gleich schwarzweißmalen 😀

    Für Journalismus ist das nicht schlecht in der Dokumentation. Meine Güte, bedenken Sie mal was zu politischen Themen von Journalisten kommt 🙂

    Ein Journalist macht nicht fachmedizinische Aufklärung sondern erstmal Journalismus über ein Thema. Das kann gut oder schlecht sein.
    Genausowenig liest sich ein Roman wie ein Fachbuch, selbst dann nicht, wenn Fachinformationen dort korrekt ausgeführt werden und man ihn einen Fachroman oder einen wissenschaftlichen Roman nennen würde.

    Davon abgesehen ist die Ernennung zum Hero of Medicine einer berühmten Zeitung nicht das Indiz, das im medizinischen Betrieb an unterschiedlichsten Schaltstellen nicht doch Druck auf diese Person ausgeübt wird. Vielleicht wurde er ja gerade deshalb damit ausgezeichnet? Weil er TROTZDEM seine Haltung nicht aufgibt?
    Ist mir schon aufgefallen das da eine David vs. Goliath Nummer dargestellt wurde. In wie weit das so ist, kann ich nicht prüfen. Ich lasse es stehen.
    Mir sind ja nicht die Studien bekannt, ich lasse es einfach stehen.
    Da ich am Ende nicht alle Studien lesen kann und sowieso wenn nur ein recht begrenztes Verständniss davon habe. Darum sind wir Laien auf Journalisten angewiesen, die zumindest das Thema ins Gespräch bringen. Und bei allem was ich über Transfusionen weiß, ist es höchste Zeit das sich etwas ändert in diesem Bereich.
    Wer wird sich Transfundieren lassen? Ich sicher nicht. Aber das war mir schon bewußt vor diesem Beitrag.

    Wie auch immer, wenn ich eine Liste der erwähnten Studien bekomme, geb ich Sie hier weiter.

    Beste Grüße und danke für den Austausch

  12. pelacani
    10. Dezember 2014, 23:35 | #12

    Küstennebel :

    Davon abgesehen ist die Ernennung zum Hero of Medicine einer berühmten Zeitung nicht das Indiz, das im medizinischen Betrieb an unterschiedlichsten Schaltstellen nicht doch Druck auf diese Person ausgeübt wird. Vielleicht wurde er ja gerade deshalb damit ausgezeichnet? Weil er TROTZDEM seine Haltung nicht aufgibt?

    Das ist die blanke Spekulation. Mindestens genauso gut ist die Spekulation, dass er ein Genie in der Selbstvermarktung ist; und das allein würde noch gar nichts über seine fachliche Qualifikation sagen. Da gibt es interessante Beispiele, wie z. B. den „TCM-Experten“ Henry Johannes Greten, der von „Tina“ (Nr. 39/2009) „im Ranking der 100 besten Ärzte auf Platz Eins der Naturheilkunde in Deutschland“ geführt wird.

    Und bei allem was ich über Transfusionen weiß, ist es höchste Zeit das sich etwas ändert in diesem Bereich.

    Wenn Du in der frei zugänglichen Datenbank für medizinische Zeitschriftenartikel Pubmed nach „blood transfusion“ und „risks“ suchst, dann hast Du 20.000 Treffer. Das sieht nicht so aus, als wäre das Thema unterbelichtet.

    Wer wird sich Transfundieren lassen? Ich sicher nicht. Aber das war mir schon bewußt vor diesem Beitrag.

    Das ist, wie so gut wie alles in der Medizin, eine Frage nach dem Verhältnis von Nutzen zu Risiko. Wenn es ernst wird, dann kannst Du Dich nicht mehr äußern, und wenn Du es vorher festgelegt hast und Deine Ärzte so blöd sind, sich daran zu halten, dann stirbst Du ganz einfach. Dann hast Du keine Gelegenheit mehr, Dein leicht erhöhtes Krebsrisiko (wenn es stimmt) noch realisiert zu sehen.

  13. Küstennebel
    11. Dezember 2014, 18:41 | #13

    @ pelacani

    und Deine Ärzte so blöd sind, sich daran zu halten, dann stirbst Du ganz einfach.

    Sie haben also kein Problem damit, das ein Arzt meine Patientenrechte, meine Menschenrechte, meine Entscheidungsfreiheit mit Füßen tritt? Mich von oben herablassend behandelt und mich mich einem in meinen Augen nicht kalkulierbarem Risiko aussetzt?

    Nötigung, Vergewaltigung, körperliche Mißhandlung und seelische Folter. Das ist für Sie also die bessere Wahl?

    Ich glaube Sie sind nicht besser als die schlimmsten Scharlatane, vor denen Sie aufklären wollen. Vielleicht sind das deshalb ihre Feindbilder? Oder einfach nicht überlegt vor dem Posten? Passiert mir auch oft, schwamm drüber.

    Ich behaupte:

    Ärzte sollten froh sein über jeden Patienten, der sich ernstlich die Mühe macht selbst seine Entscheidungen zu treffen und damit den Arzt rechtlich und moralisch entlastet. Dafür müsste der Arzt aber Respekt vor Patientenrechten und Entscheidungen haben. Für manchen arroganten elitären Weißkittel sicher nicht einfach.

    Beste Grüße

  14. pelacani
    11. Dezember 2014, 19:12 | #14

    Küstennebel :

    @ pelacani

    und Deine Ärzte so blöd sind, sich daran zu halten, dann stirbst Du ganz einfach.

    Sie haben also kein Problem damit, das ein Arzt meine Patientenrechte, meine Menschenrechte, meine Entscheidungsfreiheit mit Füßen tritt?

    Vielleicht habe ich mich da etwas zu abgekürzt ausgedrückt. Es geht um eine Pflichtenkollision zwischen der ärztlichen Sorgfaltspflicht und dem natürlichen Willen des Patienten. Wie soll der Arzt einem nahen Angehörigen in die Augen sehen, wenn er weiß, dass er den Schwerstkranken mit einer relativ einfachen und vergleichsweise ungefährlichen Maßnahme hätte retten können?

    Mich von oben herablassend behandelt

    Ich habe nicht von Herablassung, sondern von Blödheit (wahlweise: Zynismus, Gleichgültigkeit) gesprochen.

    und mich mich einem in meinen Augen nicht kalkulierbarem Risiko aussetzt?

    Der Fehler liegt an Deinen Augen. Das Risiko ist kalkulierbar.

    Ich glaube Sie sind nicht besser als die schlimmsten Scharlatane,

    Nun haben wir’s ja nicht mehr weit bis zum Godwin.

    Ärzte sollten froh sein über jeden Patienten, der sich ernstlich die Mühe macht selbst seine Entscheidungen zu treffen und damit den Arzt rechtlich und moralisch entlastet.

    Was Dir vorschwebt, ist eine Rohform, ein (praktisch unbrauchbarer) Prototyp des sog. Shared-Decision-Making. Das ist keine Entlastung.

  15. sumo
    11. Dezember 2014, 19:54 | #15

    @küstennebel, das ist aber starker Tobak!

    Ein Mediziner, ob arrogant oder nicht, hat ersteinmal rund zehn Jahre studiert, und das erlaubt ihm, eine fundierte Meinung zum Thema Transfusionen zu haben, und zwar, den Umständen geschuldet, eine Meinung, die auch OHNE Patientenmitwirkung fundiert ist und ohne Patientenmitwirkung eine Entscheidung verlangt.

    Über die anderen Punkte, die Sie erwähnten, lohnt sich aber tatsächlich zu diskutieren.
    Ich rege an, im Forum mal das Thema Schlafhygiene (und speziell Schlafapnoe) aufzugreifen, da ich da Betroffener bin und mich gerne dazu austauschen würde. Da interessieren mich selbstverständlich nicht nur Aussagen Betroffener , sondern auch allgemeinmedizinische und allgemeine Aussagen.
    Danke

  16. Küstennebel
    11. Dezember 2014, 22:46 | #16

    Belassen wir es dabei, das meine kritische und provokante Position der Medizin gegenüber auf Grund vieler negativer Erfahrungen gewachsen sind. Müßig das weiter zu erörtern, führt zu nix.

    Zur Schlafapnoe habe ich noch dies und das gefunden, ein paar Textausschnitte oder eine oder zwei der Zeitschriften.
    Schon einen Beitrag im Forum eröffnet?

  17. Olopax
  18. Olopax
    12. Dezember 2014, 09:31 | #18

    Hmmh hatte dies eigentlich als erstes gepostet. Zensur ?
    Olopax vor 9 Stunden Pending

    Diese Organisation. Unglaublich. Ich möchte gerne in dieser Sache auf www.gwup.org hinweisen. Dieser Artikel zeigt auch den Versuch Ebola mit Kügelchen zu heilen.
    Bzgl. Hebammen, ein Artikel in der Süddeutschen wird über die Globulisierung des Kreisssaals berichtet. Lesenswert!
    http://www.sueddeutsche.de/ges

  19. pelacani
    12. Dezember 2014, 10:41 | #19

    Olopax :

    Zensur ?

    Nein, wir sind alle Sklaven der Technik. Herr Kommissar, Sie müssen uns glauben!

    Die Hebammen kommen bei uns öfter mal vor und haben sogar die Ehre eines eigenen Threads:
    https://forum.psiram.com/index.php?topic=12569.0

  20. Olopax
    12. Dezember 2014, 13:34 | #20

    @ pelacani
    ich weiss doch, werter Pelacani.
    Danke für die Ergänzung 🙂
    Neulich hier: Angebot zum Kurs nach der Geburt. Eine Familienaufstellung nach …
    Vielen, vielen Dank liebes Psiram und Mitstreiter!

  21. pelacani
    12. Dezember 2014, 17:42 | #21

    @ Olopax
    Leider geht Dein Link ins Leere. Wenn man allerdings bei der SZ nach „Hebammen“ sucht, machen einen auch die übrigen Ergebnisse frösteln.