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Ohr-Akupunktur verflüssigt

Elefant

Wie mag wohl sein Homunculus aussehen? Ob ihm beim Rennen die inneren Organe durcheinander geraten? [nach einer Idee von Bernhard Widder]


Die Deutsche Akademie für Akupunktur fragt: „Warum interessieren Sie sich für Akupunktur?“, und sie hat auch gleich die Antwort parat: „Weil Sie von Erfolgen gehört haben“ [1] – ja, das trifft es. Genauer: wir haben davon gelesen.

Die Zeitschrift für Allgemein-Mediziner MMW-Fortschritte der Medizin erreicht eine wöchentliche Auflage von 58.000 Exemplaren und hat sich um die ärztliche Fortbildung in Deutschland verdient gemacht [2]. In dieser Zeitschrift hieß es jüngst [3]:

Mit Liquidakupunktur gegen chronische Schmerzen – Durch Ohrakupunktur lassen sich vielfältige Erkrankungen erfolgreich behandeln. In den 1950er-Jahren erkannte Dr. Paul Nogier, dass die gesamte Ohroberfläche eine Reflexzone darstellt, die alle Organe des Körpers abbildet und im Krankheitsfall das betroffene Areal anzeigt. M. Romoli und D. Alimi haben dies 2013/2014 eindrucksvoll mittels fMRT nachweisen können.
Ganz neu wurde nun die Liquidakupunktur entwickelt …

… bei der ein kleiner Tropfen eines Schmerzmittels in die Haut des Ohrs gespritzt wird. Das könne überraschend schnell helfen. Gezeichnet ist die Meldung mit „Red.“, und als Herkunft ist angegeben: „Nach Informationen der Deutschen Akademie für Akupunktur“. Soll „Red.“ wirklich „Redaktion“ heißen? Als mildernder Umstand kann allenfalls angeführt werden, dass sich die Meldung in der Rubrik „Pharmaforum“ findet, die der verantwortungsbewusste Arzt ohnehin überblättert, weil sie von den Pharma-Firmen direkt beschickt wird.

Unterstellen wir für einen Moment einmal, dass der einleitende kurze Absatz die Sachlage korrekt dargestellt hätte: die gesamte Ohr-Oberfläche sei eine Reflexzone. Warum in aller Welt aber sollte sich daraus ergeben, dass das Traktieren des Ohres womit auch immer einen Einfluss auf die inneren Organe hat? Es könnte doch genauso gut sein, dass das eine Einbahnstraße ist: vom Organ zum Ohr, aber nicht zurück. Wenn die Malträtierung des Ohres einen Einfluss auf die inneren Organe hätte, warum sollte dies eine heilende und nicht etwa eine schädigende Auswirkung sein? Wenn das äußere Ohr verletzt wird oder erkrankt ist, erkranken dann auch die inneren Organe? Fragen über Fragen.

Völlig naiv, wie wir sind, fällt uns nun auf, dass in der Verheißung nicht auf eine Wirksamkeitsprüfung, sondern auf Untersuchungen von Romoli und Alimi verwiesen wird, die mit Krankheiten und deren Behandlung offenbar nicht viel zu tun haben. Gut, dann wollen wir wenigstens versuchen, uns den Beweis steinalten Wissens mittels hypermoderner Technik näher anzuschauen; auch wenn das von der fehlenden bibliografischen Exaktheit behindert wird. „Alimi“ und „Romoli“ haben zusammen null Treffer in der wichtigsten Datenbank für medizische Texte Pubmed. Verwunderlich ist das nicht, denn D[avid] Alimi hat insgesamt nur drei zum Autor gelistete Arbeiten, die jüngste von 2003.

M[arco] Romoli und Mitarbeiter (aber ohne Alimi) hingegen haben eine Pilot-Studie veröffentlicht, die mittels funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT) die Spezifität von Aurikularpunkten untersucht. Erschienen ist sie im Supplement der Zeitschrift „Neurological Science“, d.h. nicht peer-reviewed (nicht von Fachkollegen auf Konsistenz geprüft). Sie fanden bei sechs gesunden Freiwilligen, dass sich bei Reizung („Akupunktur“) an zwei unterschiedlichen Punkten des Ohres differente Aktivierungsmuster des Gehirns ergaben. Bei der Reizung des einen Punktes wurde der linke Daumen für eine Minute schmerzhaft eingeklemmt. Was genau mit dem anderen Punkt geschah, hat sich uns nicht erschlossen. Es ist nicht sicher, ob das Vorgehen bei diesem zweiten Punkt das gleiche wie beim Ersten war.

Völlig naiv, wie wir immer noch sind, fällt uns nun auf, dass im Ergebnisteil der Studie zwar bunte Bilder von leuchtenden Gehirnen, aber keine Tabellen mit numerischen Daten, keine Diagramme, keine Statistiken auftauchen. Auch ist nicht davon die Rede, dass diejenigen, die die MRT-Bilder beurteilt haben, in irgendeiner Weise verblindet gewesen sind; von den Probanden und den Akupunkteuren reden wir noch gar nicht. Leuchtende Gehirne lassen sich mittels fMRT übrigens auch bei toten Lachsen erzeugen.

Aber lassen wir alle diese defätistischen Bemerkungen beiseite und halten wir uns an das Fazit der Autoren:

Our results provide preliminary evidence on the specificity of two auricular acupointsUnsere Ergebnisse liefern vorläufige Belege für die Spezifität von zwei Ohr-Akupunkturpunkten.

Von Reflexzonen, inneren Organen (und gar „allen Organen“) oder Krankheiten ist mit keinem Sterbenswörtchen die Rede. Und was macht MMW draus?

… dass die gesamte Ohroberfläche eine Reflexzone darstellt, die alle Organe des Körpers abbildet und im Krankheitsfall das betroffene Areal anzeigt. M. Romoli und D. Alimi haben dies 2013/2014 eindrucksvoll mittels fMRT nachweisen können

Werte MMW-Redaktion. Warum geben Sie Ihren guten Namen für Propaganda der Akupunkteure her? Welche außermedizinischen Gründe haben Sie veranlasst, eine solche Meldung der staunenden Fachwelt zu übermitteln?


  1. : Patientenbroschüre hier. In diesem Heft widmet man sich über mehrere Seiten der „Liquid Akupunktur“, die genial die Innovation mit der zweitausendjährigen Weisheit verbindet: „Schon im alten Ägypten ließen sich Frauen, die nicht mehr schwanger werden wollten, die Ohren stechen“ – aber offenbar ist diese Methode der Kontrazeption inzwischen aufgegeben worden. Überflüssig zu erwähnen, dass man den Leser nicht mit den Details einer Wirksamkeitsprüfung langweilt: Es genügt der Hinweis auf „kürzlich durchgeführte Fallstudien“, deren Ergebnisse „in der Fachwelt mit Erstaunen zur Kenntnis genommen“ worden seien. Immerhin kann dem harmlosen aber gelehrt klingenden Wort „Fallstudien“ entnommen werden, dass kontrollierte Untersuchungen nur unnützer Ballast sind, allenfalls geeignet, die Methode in Misskredit zu bringen. Man verspricht „rasche Befreiung vom Symptom oft innerhalb von Stunden“. Wie ordinär und langweilig – schließlich kennt die Neuraltherapie schon seit vielen Jahrzehnten das „Sekundenphänomen“.
  2. : http://de.wikipedia.org/wiki/MMW-Fortschritte_der_Medizin
  3. : MMW-Fortschr. Med. 2015; 157 (3), S. 70
  1. 21. Februar 2015, 23:35 | #1

    Eine spannende Behauptung, die die Liquidakupunktur dort aufstellt – bloß… wie kann es denn dann sein, dass sich Menschen viele, viele Löcher in selbige Region stechen lassen können, ohne dass es organische Auswirkungen hat? Ach, ich weiß schon: Zu logisch gedacht für die Verfechter dieser Theorie. Absurd.