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Werner Rügemer und die „jüdischen Aufsteiger“

Werner Rügemer (ca. ein Jahr vor dem Besuch der Synagoge)

Als Werner Rügemer die Grenzen des Erlaubten testete, verschlug es selbst ­dem wortgewaltigen Herausgeber des KONKRET-Magazins, Hermann L. Gremliza, die Sprache. Entsprechend kurz fiel sein Urteil über den Artikel „Ein Besuch in der Kölner Synagoge – Wenn Kipa-Brüder die Woche der Brüderlichkeit feiern“ aus: „Dieser Dreck läßt sich nicht mehr kommentieren.“

Wir wollen es dennoch versuchen. Zitat:

 „Man bekam ein schwarzes Mützchen, Kipa genannt: Nur mit einer solchen dürfe man den eigentlichen Synagogenraum betreten, schärfte mir eine der Schwestern bedeutsam ein. Das schien sehr, sehr wichtig zu sein. Andere Besucher nahmen andächtig ein Mützchen und setzten es sich auf. Ich tat es ihnen nach.“

Rügemer verhöhnt den Brauch jüdischer Männer, eine Kopfbedeckung zu tragen. Er mimt den Ahnungslosen, der nie zuvor davon gehört hat („Man bekam ein schwarzes Mützchen“). Indem er vorgibt, die korrekte Bezeichnung (im Deutschen: Kippa) auch jetzt noch, nach dem Besuch der Synagoge, nicht zu kennen, weist er mit besonderem Nachdruck darauf hin, wie vollkommen gleichgültig ihm das ist. Seine Wortwahl („Kipa-Brüder“, „Mützchen“) drückt Geringschätzung, wenn nicht Verachtung aus.

Bei einem gewissen Teil seiner Leserschaft wird das sicher Freude und Genugtuung auslösen. Kommt es ihm darauf an, sich in diesen Kreisen einen Namen zu machen?

Sich despektierlich über jüdische Rituale zu äußern, hat vor allem bei deutschen Autoren einen sehr unangenehmen Beigeschmack. Aber ist das für sich allein schon antisemitisch? Schließlich besteht keinerlei moralische Verpflichtung, Sympathie für eine bestimmte Religion und ihre Gebräuche zu empfinden, auch nicht für die jüdische. Möglicherweise sieht Rügemer darin nicht mehr als eine gesellschaftlich akzeptierte Form von Aberglauben, die keinen besonderen Respekt verdient. Und es könnte ja auch sein, dass er allen Religionen gleichermaßen distanziert gegenübersteht.

Dass die „Kipa“ den Männern vorbehalten ist, scheint er für eine besondere Diskriminierung der Frauen zu halten:

„Wie ich allerdings feststellen mußte, war das „man“ hier wörtlich im alten Sinne zu verstehen: Menschen weiblichen Geschlechts bekamen kein solches Mützchen. Sie sind hier offensichtlich eine andere Art Menschenwesen, vielleicht nicht so wichtig. Das schien aber keine der Schwestern zu stören. Außerdem ging es ja um die Woche der Brüderlichkeit.“

Der Leser fragt sich, worauf Rügemer eigentlich hinaus will. Können andere Religionen dem Judentum im Hinblick auf die Gleichberechtigung der Geschlechter denn als Vorbild dienen?

Das Brüder-/Schwestern-Motiv greift er bis zum Schluss immer wieder aufs Neue auf. Dabei verfällt er in einen zunehmend unangenehmen, süffisanten Ton:

„Die Kipa-freie Schwester las ziemlich bewegungslos aus einem Manuskript…“

„… der Bruder Aufpasser prüfte meinen Personalausweis mißtrauisch …“

„Dann brachen die Besucher artig auf und drängten aus dem Synagogenraum. Das war wohl der “Aufbruch“, der im Motto der Woche der Brüderlichkeit angekündigt war, sonst konnte ich keinen erkennen. Hatten sie ihren Blick verändert?“

„… die Außentür öffnete sich, Brüder & Schwestern gingen einzeln hinaus…. Bruder Aufpasser stand immer noch oder wieder wichtig da. Obwohl er nichts Erkennbares zu tun hatte. Das mag aber an meinem unveränderten Blick gelegen haben.“

„Die Polizisten … hielten immer noch oder wieder Pappbecher in der Hand, plauderten locker miteinander und beachteten die Brüder und Andersgeschlechtlichen nicht, scheinbar, die sich nun ohne Kipas ohne Aufsehen in die Stadt verstreuten.“

Eine zusammenhängende Botschaft ist nicht erkennbar. Rügemer springt von Detail zu Detail; er scheint nach Anlässen zu suchen, seinen Widerwillen auszudrücken. Den Leser lässt er deutlich spüren, dass er für alles, was er in der Synagoge sehen und erleben muss, tiefe Abneigung empfindet.

Vertrauen in Rügemers Intentionen kann so zwar nicht entstehen; dennoch muss auch dies noch kein Ausdruck von Antisemitismus sein. Wer weiß, was er über eine Predigt in einer katholischen Kirche schreiben würde?

 

„Reicher Ranitzki“

 

Doch dann geht er zu weit:

„Das Quartett spielte wieder etwas deutsch-Klassisches, bevor die etwas dickliche Professorin, die ihren Mantel anbehielt und keine Kipa trug, ohne jegliche Begrüßung ihr Honorar abarbeitete und ohne Umschweife auf den „Migranten als Leitfigur der Moderne“ zu sprechen kam. Die Referentin soll eine sehr bekannte Person sein. Ich blickte fragend meinen Nachbarn zur Linken an. Er raunte mir zu: „Literarisches Quartett!““

Rügemer hat u.a. Literaturwissenschaft studiert. Dass er vorgibt, das damals viel diskutierte „Literarische Quartett“ nicht zu kennen, erscheint zunächst rätselhaft.
Einen Augenblick später stellt sich heraus, dass seine gespielte Ahnungslosigkeit der Überleitung zu einem unfassbar flachen Witzchen dient:

„Als ich immer noch ratlos blickte, raunte er mir heftiger etwas zu, das wie „Reicher Ranitzki“ klang. Das schien er für eine definitive Erklärung zu halten.“

Dass Rügemer auch den Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki nicht kennt, nimmt ihm niemand ab. Er konnte einfach der Versuchung dieses Tabubruchs nicht widerstehen. Die Kölner Schriftstellerin Adriana Stern schrieb dazu:

„Da wird dann aus Reich Ranicki ein „Reicher Ranitzki“, was nicht mehr fern ist vom Begriff „Reicher Itzig“, einem Schimpfwort, das bereits im Mittelalter gegen Juden verwendet wurde und gleich zwei antisemitische Einstellungen bedient.“

(Rügemer ließ seinen Text inzwischen vom Netz nehmen.)

 

Israel: „Kettenhund und Vasall“

 

Dann nimmt er sich den jüdischen Staat vor:

„Auf einem Wandteppich hinter dem Altar ist ein Buch-Symbol angebracht, das soll sicher das religiöse Hauptbuch der Juden darstellen, die Thora. Die beiden aufgeschlagenen Seiten werden von zwei aufrecht stehenden Löwen gestützt, darüber thront eine Königskrone. Das hat wohl mit dem Alten Testament zu tun: König David gründet das Königreich Israel damals vor vielleicht 3.000 Jahren, geht einen Bund mit Gott ein, alle Andersgläubigen sollen vernichtet werden, so etwa lautet bekanntlich die Legende.“

Die Kölnische Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit hatte Rügemer zur „Woche der Brüderlichkeit“ in eine Synagoge eingeladen. Warum zitiert er, auf den Altar blickend, ausgerechnet diese martialische Stelle des Alten Testaments?
In den fünf Büchern Mose der Tora z.B. hätte er durchaus einige friedlichere Aussagen finden können:

Lev 19,33: Wenn bei dir ein Fremder in eurem Land lebt, sollt ihr ihn nicht unterdrücken.

Lev 19,34: Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen.

Rügemer handelt wie ein Islamist, der im Koran Textstellen heraussucht, die den Dschihad legitimieren sollen – oder wie ein Anti-Islamist, der daraus die Gewalttätigkeit des Islam ableiten will. Er suggeriert dem Leser, die Ursache des Nahostkonflikts sei im religiösen Fanatismus der Juden zu suchen, und erfüllt damit ein Kriterium der Arbeitsdefinition „Antisemitismus“ der European Parliament Working Group on Antisemitism:

Die Anwendung klassisch-antisemitischer Symbole und Bilder (z.B. der Vorwurf, dass Juden Jesus töteten, oder die Behauptung von Blutopfern) für die Charakterisierung Israels oder der Israelis.

Für diesen Befund fehlt allerdings noch ein Schritt. Rügemer muss das blutrünstige Bibelzitat tatsächlich mit dem heutigen Palästinakonflikt verknüpfen:

„Ich wollte schon dazwischenrufen, dass der Nationalismus eine besonders verstärkte Ausprägung nach jenem geheimnisvollen elften September gerade in den USA gefunden habe und von Anfang an in Israel sogar Staatsdoktrin sei. Und mit der neuen Regierung Netanjahu/Liberman einen besonders aggressiven Ausdruck finde. Ich verkniff mir das aber, wobei ich nicht weiß, ob ich wieder mal zu furchtsam war. Warum sollte man eine solche banale und weltbekannte Tatsache nicht sagen dürfen?“

„Wieder mal zu furchtsam …“ – Rügemer hat das angeblich Verbotene ostentativ doch gesagt und gefällt sich in der Rolle des Mutigen. Daher sei darauf hingewiesen, dass die so weit verbreitete wie falsche Behauptung, Kritik an Israel sei politisch inkorrekt, von der Bundeszentrale für politische Bildung ebenfalls in einen antisemitischen Kontext eingeordnet wird:

Die antisemitische Anklageschrift ist lang: „Die“ Juden seien schuld an Armut und Krisen; sie kontrollierten die Medien und die Börse – und wegen der historischen Verbrechen an ihnen dürfe man sie, vor allem als Deutscher, nicht einmal kritisieren.

Damit keinem Leser entgeht, was er mit dem Bibelzitat hatte sagen wollen, folgt unmittelbar auf die Kritik an Israel noch der Rückverweis auf König David. Zitat:

„Lag es an König David und den Kipas?“

 

Klare Worte zu Israel

Rügemers Haltung zum jüdischen Staat ist eindeutig:

„So bedeutet die Anerkennung des Existenzrechts Israels die Anerkennung eines zusätzlich gefährlichen Vasallenstaates, der als Kettenhund der westlichen Mächte noch eigene und unkontrollierbare Strategien verfolgt.“

Über die israelischen Sperranlagen behauptet er:

„Mit der Mauer soll die völkerrechtswidrige, seit 50 Jahren andauernde Besetzung der Westbank verewigt werden.“

Seine Wortwahl regt zu Assoziationen mit Vernichtungslagern des Dritten Reichs an:

„Auch hier dürfen Scharfschützen ungestraft Menschen abknallen.“

Den wahren Zweck der Grenzabriegelung erwähnt er nicht:

Die Barrieren im Westjordanland halfen den palästinensischen Terror zu besiegen: Sprengten sich früher fast täglich Selbstmordattentäter im Kernland in die Luft, ist die Zahl der Attentate nach der Errichtung von Sperranlagen auf fast null gesunken.

Ob die an den Sperranlagen eingesetzten IDF-Soldaten wissen, welche Gräuelpropaganda in Deutschland über sie verbreitet wird?

 

„Globalisierung des Zionismus“

 

Rügemer schreckt auch vor den ältesten, antisemitischen Verschwörungstheorien nicht zurück:

„Im Jahr 2006 hatte der Kölner Verlag M.DuMont Schauberg 25 Prozent der israelischen Tageszeitung Haaretz erworben. Dies steht nicht nur im Zusammenhang einer internationalen Expansion beider Verlage, sondern auch, wie sich jetzt zeigt, einer weiteren neoliberalen Umgestaltung und der Globalisierung des Zionismus.“

Die politische Einflussnahme des neuen Teilhabers einer israelischen Tageszeitung gerät bei ihm zur „Globalisierung des neoliberalen Zionismus“. Was mag ihn bloß zu solchen Phantasien angeregt haben? Zitat Rügemer:

„Mit der International Herald Tribune, der internationalen Ausgabe von New York Times und Washington Post, besteht seit einiger Zeit das Arrangement, dass deren Ausgabe in Israel die Haaretz-Ausgabe in englischer Sprache beigelegt wird, gegenwärtig in einer Auflage von 15.000. Neben dem bereits bestehenden Internetportal Walla wird eine internationale englische Internetausgabe aufgebaut, bei der DuMont mithilft; die Redaktion, täglich 24 Stunden im Einsatz, ist unabhängig von der hebräischen und auch der englischen Haaretz-Ausgabe.“

Hinter Rügemers Worten verbirgt sich ein sehr alter Verdacht:

Der Ausdruck Weltjudentum ist meist Kernbegriff einer antisemitischen Verschwörungstheorie, die von der Voraussetzung ausgeht, dass ein fiktives Kollektiv, „die Juden“ bzw. das Judentum,  die Weltherrschaft anstrebe oder besitze. Verwandt sind Ausdrücke wie jüdische Weltverschwörung oder jüdische Weltbeherschung,  jüdische Internationale, Alljuda, internationales (Finanz)Judentum und der internationale Jude.

Bei Rügemer liest sich das so:

„Zionism goes neoliberal and global and the Kölner Stadt-Anzeiger is marching in front.“

 

 

Rügemer über Paul Silverberg

 

Seine Anmerkungen über den Industriellen Silverberg sind nur noch abscheulich (Rechtschreibung wie im Original):

„Die Nazis nahmen ihm zwar wesentliche Teile seines Eigentums weg, aber er konnte trotzdem unter komfortablen Umständen nach Lugano (Schweiz) ins Exil gehen. Dort blieb er bis zu seinem Tode 1959, und er blieb unbelehrbar. Er kehrte nach dem Ende des NS trotz vieler Bitten etwa seiner engen Freunde Robert Pferdmenges von der Bank Oppenheim und von Bundeskanzler Konrad Adenauer nicht nach Deutschland bzw. in die Bundesrepublik zurück.
Seine Begründung lautete: Das unternehmerische Eigentum sei in der neuen Bundesrepublik nicht gesichert, erstens weil die US-Militärbehörden die in der NS-Zeit entstandenen Industriesyndikate dekartelliert (entflochten) hätten und zweitens weil sogar Adenauers CDU sozialdemokratisch-sozialistischen Einflüssen unterliege – er meinte damit insbesondere das „Ahlener Programm“ der CDU und die Bedeutung, die damals den Christlisch-Demokratischen Arbeitnehmerausschüssen (CDA) in der CDU zukamen. “

Vor allem sein Fazit ist unglaublich:

„Die geschichtliche Bilanz lautete für den Unbelehrbaren: Der Nationalsozialismus hätte Erfolg haben und die Welt erobern können, wenn er nur die Juden nicht verfolgt hätte.“ 

Will er tatsächlich sagen, der von Nazis zum Juden erklärte und verfolgte Silverberg sei nach der Erfahrung des Dritten Reichs Anhänger des Nationalsozialismus gewesen?

Antisemitismus reicht ihm nicht – Rügemer ist auch Zyniker.

 

Stern versus Rügemer

 

Eine der frühesten Kritiken an Rügemer stammt von Adriana Stern: „Mehr als Klüngel und Korruption: Die verschroben antisemitische Weltsicht von Werner Rügemer

Anhand von Kriterien der Bundeszentrale für politische Bildung wies sie ihm Neuen Antisemitismus nach. Dagegen fuhr Rügemer im Januar 2015 schweres Geschütz auf: „Bis vor kurzem hatte ich gedacht, dass der Artikel so strohdumm und lügenhaft ist, dass kein verantwortlicher Mensch ihn ernstnimmt.“  Er erwirkte eine Unterlassungserklärung und triumphierte: „Berichten Sie uns, Frau Stern: Sind Sie erleichtert, dass sie nicht mehr lügen müssen?“ 

Der mit Rügemer freundschaftlich verbundene Albrecht Müller sekundierte: „Rügemer wehrt sich gegen die Diffamierung, Antisemit zu sein und gewinnt in allen Punkten.“
Unkritische Leser der NachDenkSeiten können daraus den Eindruck gewinnen, ein Gericht habe die Stichhaltigkeit von Adriana Sterns Kritik überprüft. Doch das ist nicht der Fall: Stern hatte ihre Kritik aus Furcht vor dem wirtschaftlichen Risiko eines Rechtsstreits zurückgezogen.

Welche Vorwürfe erhebt Rügemer gegen seine Kritikerin? Zitat:

„So hat sie behauptet, ich hätte die gegenwärtige Bank Sal. Oppenheim als „jüdische Bank“ und den 2005 verstorbenen Bankchef Alfred von Oppenheim als „jüdischen Bankier“ dargestellt, ebenso hätte ich von „Elite-Juden“ gesprochen: All dies ist falsch. Sie bezog sich dabei auf mein Buch „Der Bankier. Ungebetener Nachruf auf Alfred von Oppenheim“ (Nomen-Verlag 2006, erscheint immer noch in teilweise geschwärzter Auflage), in dem alle diese Begriffe nicht vorkommen.“ 

Es fragt sich, warum Rügemer ausgerechnet diese drei Punkte anführt, denn seine Behauptungen darüber sind durchweg falsch:

  • Adriana Sterns Kritik bezog sich keineswegs nur auf dieses Buch über Oppenheim (und kann daher nicht mit dem Hinweis entkräftet werden, dass ein von ihr kritisierter Begriff darin fehle).
  • Dass Rügemer die gegenwärtige Bank Sal. Oppenheim als „jüdische Bank“ bezeichnet habe, hat Stern nicht behauptet.
    (Häufige Verweise auf das Judentum scheinen ihm allerdings wirklich viel zu bedeuten. So heißt es im Klappentext zum Buch über Oppenheim: „Rügemer gibt erstmals einen Einblick in die bisher tabuisierte Praxis der Bank jüdischer Tradition während des Nationalsozialismus …“ Adriana Stern dazu: „Die Söhne der Familie Oppenheim, spätere Besitzer der Bank Oppenheim, konvertierten beide bereits 1858 zum Christentum.“)
  • Sie hat auch nicht behauptet, dass Rügemer Oppenheim in seinem Buch als jüdischen Bankier darstellt. Dies habe er auf Veranstaltungen gesagt: „Vor allem interessierte mich, warum er zu betonen nicht nachlässt, dass dieser ja eigentlich jüdisch sei, was auch seine zentrale Aussage auf der ersten Veranstaltung Anfang 2008 war, die ich besuchte. Dort, wie an vielen anderen Orten und Gelegenheiten, legte er dem daraufhin empörten Publikum nahe, der jüdische Oppenheim habe sich aktiv an der Wegnahme jüdischen Eigentums beteiligt.“
    Was Rügemer auf solchen Veranstaltungen sagte, ist nicht dokumentiert, kann also nicht bewiesen werden. Weitere Äußerungen von Rügemer wie z.B. über Paul Silverberg lassen Sterns Aussage indes glaubwürdig erscheinen: „Silverbergs Eltern waren bekennende und praktizierende Juden, ließen ihren Sohn aber evangelisch taufen.“  Dass Silverberg evangelisch getauft war, hindert Rügemer nicht, ihn schon in der Überschrift als Juden einzustufen: „Jüdischer Unternehmer für Hitler: Paul Silverberg“. Und er wiederholt dies im Text: „… der Konvertit bemühte sich wie andere jüdische Aufsteiger in Wirtschafts- und Finanzkreisen um Integration in die „bürgerliche Gesellschaft“ … Heute … erscheint … es unglaublich und undenkbar, dass ein jüdischer Unternehmer für Hitler eingetreten sein soll. … Silverberg war zudem kein Einzelfall.“

 

„Jüdischer“ Unternehmer Silverberg?

 

Silverberg war nie Jude gewesen; er war noch nicht einmal Konvertit. Aber selbst ein konvertierter Jude ist in unserem Verständnis kein Jude mehr. Einen Menschen gegen seinen Willen als Juden einzustufen ist eine Besonderheit nationalsozialistischer Ideologie.

Warum bemüht sich Rügemer dennoch so sehr, vom „jüdischen Aufsteiger“ zu sprechen? Silverberg gehörte zum Kapital und hatte sich wie dieses Hitlers Programm unterworfen, daran ist – leider – nichts besonderes. Meint Rügemer in Silverbergs Verhalten etwas spezifisch Jüdisches zu erkennen?

 

Adriana Sterns Kritik ist in allen wesentlichen Punkten berechtigt. Sie hat sich jedoch zumindest zwei Ungenauigkeiten erlaubt:

  • Sie unterstellt Rügemer, von „Elite-Juden“ gesprochen zu haben. Tatsächlich ist in seinen Schriften von „jüdischen Aufsteigern“ die Rede.
    (Die beiden Begriffe sind allerdings weitgehend synonym. Ganz gleich ob man darunter die Zugehörigkeit zur Elite innerhalb der Judenschaft oder der Weimarer Republik verstehen möchte: Inwieweit das eine inhaltliche Verfälschung darstellen soll, ist nicht erkennbar.)
  • Dass Rügemer, wie von Stern behauptet, die Kölner Sparkasse und Karstadt als jüdische Unternehmen bezeichnet hat oder darstellen möchte, lässt sich nicht bestätigen. Sollte er dergleichen auf einer Veranstaltung gesagt haben, so wäre ein entsprechender Hinweis angebracht gewesen.

  

Zur Relevanz von Rügemers Antisemitismus

 

Werner Rügemer hat sich um die Aufklärung über Korruption und die Durchsetzung privater Interessen gegen das Gemeinwohl verdient gemacht. Das verleiht ihm nicht nur im linken Teil des politischen Spektrums einige Autorität. Leider setzt er seinen guten Ruf auch dazu ein, sich an der Delegitimierung Israels zu beteiligen.

Kritik an Israel ist selbstverständlich legitim, soweit sie auf Wahrheit beruht. Anlässe dafür gibt es genug: So stehen z.B. der rechtlichen Gleichstellung der arabischen Bürger de facto Benachteiligungen auf vielen Gebieten gegenüber; der Einfluss radikal-religiöser Kräfte trägt zur Militarisierung der Gesellschaft bei; und leider bleibt auch die israelische Armee bei ihren Einsätzen nicht frei von Schuld – bis hin zu offiziell noch immer geleugneten Kriegsverbrechen (wie z.B. dem Artillerieangriff auf Kana im Jahre 1996).

Zugleich ist es aber nur diesem Staat und seiner Armee zu verdanken, dass nicht bereits der nächste Holocaust stattgefunden hat. Keines der Nachbarländer hat sich je mit der Existenz des jüdischen Staats abgefunden. Viele Kritiker Israels ignorieren, dass mit der so genannten „Befreiung Palästinas“ stets die Erwartung verbunden ist, das israelische Staatsgebiet judenfrei zu machen.

Die jüdische Geschichte war bis zur Gründung Israels eine Geschichte von Pogromen gewesen. Wer antiisraelische Hetze und Antisemitismen verbreitet und die Existenz des Staates in Frage stellt, der als Antwort auf die zivilisatorische Katastrophe der „Endlösung“ entstand, macht gemeinsame Sache mit der extremen Rechten.

 

 

Zum Weiterlesen:

PSIRAM-Wiki-Eintrag zu Werner Rügemer

  1. borstel
    8. August 2017, 23:41 | #1

    Ich bin verstört (und dazu braucht es einiges): Wie konnte die Neue Rheinische Zeitung diesen Beitrag abdrucken? Von Sprachverhunzungen, wie „monumentös“ mal ganz zu schweigen, was soll denn diese Behauptung: „Damit meinte er offensichtlich den ungeklärten Anschlag auf die
    Gebäude des World Trade Center in New York“? Dass Antisemitismus die wohl älteste Verschwörungstheorie ist und gerne mit anderen Verschwörungstheorien Hand in Hand geht, ist ja nichts neues, aber dies hier ist einfach so peinlich..
    Aber es geht ja schön weiter: Juden werden mit Israelis gleichgesetzt (das erinnert mich an Ignaz Bubis, der öfters erwähnte, wie er auf Empfängen mit der Aussage konfrontiert wurde: „Ihr Botschafter hat folgendes gesagt…“, und damit war natürlich kein deutscher, sondern der israelische Gesandte gemeint), umgekehrt Israelis mit Juden (was schlicht nicht korrekt ist).
    Das Karikierende seines Textes erinnert mich fatal an Zeichnungen im Stürmer oder auch an die Judensau, die an der Außenmauer der Wittenberger Stadtkirche hängt – ja, der Schoß ist noch ziemlich fruchtbar, aus dem das kroch.
    Aber in einem ist dieses Machwerk gelungen: Dank seiner vorgespiegelten (?) Ignoranz entlarvt sich Rügemer selbst – und beweist damit, daß intelligente Menschen nicht klug sein müssen, wie es Sebastian Haffner einmal so treffend festgestellt hat. Das hat Rügemer übrigens mit Dr. J. Goebbels gemein.

  2. Ben
    9. August 2017, 11:37 | #2

    Interessanter Artikel, aber ich hätte mir in der Einleitung eine kurze Erklärung gewünscht, wer zum Henker dieser „gute“ Mann denn ist, bzw. warum er eine genauere Betrachtung verdient.

    Zudem scheint mir diese These etwas steil: „Zugleich ist es aber nur diesem Staat und seiner Armee zu verdanken, dass nicht bereits der nächste Holocaust stattgefunden hat.“

    Die eine Hälfte kann ich nachvollziehen – ohne die IDF hätte Israel nicht lange existiert, und es wäre bestimmt zu grauenhaften Geschehnissen gekommen. Aber, und da bewegt man sich schon recht weit in alternativer/fiktiver Geschichte, was, wenn es gar nicht erst zur Staatsgründung gekommen wäre? Wenn wenige Juden ins Mandatsgebiets Palästina eingewandert wären… Oder vielleicht ein jüdisch-palästinensischer Staat gegründet worden wäre? (Was natürlich wieder ganz andere Probleme mit sich gebracht hätte.) Ich bin leider kein Experte auf dem Gebiet, aber die These, dass die Existenz des Staats Israels als solche einen weiteren Genozid verhindert hat, verstehe ich nicht ganz.

  3. lanzelot
    9. August 2017, 11:52 | #3

    Ist eine These, ja. Aber so steil ist das nicht.
    Die meisten der Nachbarstaaten Israels hatten sich über Jahrzehnte nicht weniger auf die Fahne geschrieben, als die vollständige Vernichtung des Staates Israel.
    Das in diesem Milieu sich Mentalitäten und Vorgehensweise etablieren, die wir hier gar nicht nachvollziehen können und kritisieren ist normal.
    Und das Israel moralischen Vorteile und Rücksichtnahmen, aufgrund dessen was mit ihnen in der Geschichte schon so alles passiert ist, weitgehend verspielt haben, dürfte auch zweifelsfrei sein.
    Nichts von all dem rechtfertigt den Dreck, den Rügemer von sich gibt.

  4. LaDeesse
    9. August 2017, 12:22 | #4

    Zionisten galten den assimilierten Juden lange als lästige Störenfriede. Der Holocaust machte praktisch allen klar, dass es ohne einen eigenen Staat nicht geht. Schließlich kann man ja sogar zu seiner eigenen Überraschung zum Juden erklärt werden (jüdische Vorfahren vorausgesetzt). So machte es das Dritte Reich, und so machen manche es heute noch.

  5. Ben
    9. August 2017, 13:10 | #5

    @ lanzelot

    Darauf spielte ich an (auf rein logischer, keineswegs moralischer Ebene – soll nicht als „victim blaming“ missverstanden werden). Ohne Gründung des Staates Israel hätte dieser auch nicht vernichtet werden können?

  6. Ben
    9. August 2017, 13:10 | #6

    @ LaDeesse

    Okay, das kann ich gut nachvollziehen. Danke.

  7. S@sh
    9. August 2017, 16:57 | #7

    Mal kuez Nachdenken… ^^
    Durch was genau wurde die Gründung Israel legitimiert, die englische Krone oder den Papst?

    Henry Ford hätte das Buch sicher gefallen…

  8. Hans Wurst
    10. August 2017, 09:17 | #8

    Unsinn. Ich habe den Originaltext gelesen, da ist nirgends auch nur entfernt Antisemitisches. Der Autor will das mit aller Gewalt anders sehen, die Ironie, die den ganzen Text durchzieht, ignoriert und unterschlägt er gewissentlich.

    Wie man auf Wikipedia und auch im Psiram- Wiki lesen kann, ist Rügemer offensichtlich ein mutiger investigativer Journalist, siehe Kölner Klüngel oder PPP, Public-Private- Partnerschaft; es ist schon mutig, sich mit einem amtierenden Kölner Oberbürgermeister anzulegen, der ja bis anno dunnemals klagen kann, weil ja die Kölner Bürger die Kosten der Klagen berappen.

    Und wenn der Linke Gremliza etwas als „Dreck“ bezeichnet, dann ist das für mich eher eine Leseempfehlung.

  9. LaDeesse
    10. August 2017, 10:26 | #9

    Hans Wurst: … die Ironie, die den ganzen Text durchzieht, ignoriert und unterschlägt er gewissentlich.

    Ironie? Kann er gar nicht. Das muss man hineinlesen wollen, um seinesgleichen zu entlasten.

  10. lanzelot
    10. August 2017, 10:34 | #10

    Falsch, der süffisante Ton, welcher Ausdruck, der Geringschätzung und Verhöhnung ist, wird von Beginn an thematisiert.
    Und was genau davon rechtfertigt die unsäglichen Aussagen an anderer Stelle, das sind Logical Fallacies. Sich daraus eine Legitimation oder Relativierung abzuleiten…
    Und den Text gelesen zu haben ist brav, dafür gibt es ein Smiley.
    Am Leseverständnis müssen wir noch arbeiten.

  11. 10. August 2017, 10:56 | #11

    @ Hans Wurst

    Wie man auf Wikipedia und auch im Psiram- Wiki lesen kann, ist Rügemer offensichtlich ein mutiger investigativer Journalist

    Ja und? Was hat das mit Anitsemitismus zu tun? Man kann mutig, engagiert und investigativ tätig sein und zugleich antisemitischen Dreck von sich geben, oder?

    Oben werden ja einzelne Passagen von Rügemers Text zitiert und kommentiert. Die mögen wenigstens teilweise für sich gesehen noch gerade so durchgehen, aber insgesamt kommt sein Text, gerade mit dem erwähnten süffisant-geringschätzigen Tonfall, ziemlich deutlich antisemitisch rüber. Und dass einem Profi, der sein Geld mit Schreiben verdient und der auch in diesem Text erhebliches sprachliches Geschick beweist, so etwas versehentlich passiert, lasse ich mir nicht so ohne weiteres erzählen. Eine einzelne missverständliche Äußerung – jederzeit. Aber einen so langen, sorgfältig durchkomponierten Text – kaum jemals.

  12. LaDeesse
    10. August 2017, 11:20 | #12

    borstel: Wie konnte die Neue Rheinische Zeitung diesen Beitrag abdrucken? Von Sprachverhunzungen, wie „monumentös“ mal ganz zu schweigen, was soll denn diese Behauptung: „Damit meinte er offensichtlich den ungeklärten Anschlag auf die Gebäude des World Trade Center in New York“?

    Die NRhZ ist für engagierten Qualitätsjournalismus bekannt. Hier drei Zitate aus Artikeln über den (mit Israel bekannterweise freundschaftlich verbundenen) Iran:

    „Drogen jeglicher Art sind als Verwirrung des Geistes verboten. Dazu zählt auch Alkohol. … Selbst in internationalen Hotels ist Alkohol nicht erhältlich. Dafür wohlschmeckende Frucht-Mojitos.

    Im Iran sind in Lehre und Forschung eigenständige Denker und Wissenschaftlerinnen tätig. „Hervorragende Mediziner“ in einem weitgehend eigenständigen Entwicklungskosmos, Techniker und Ingenieure … Eine andere Wissenschaft, eine eigenständige Wissenschaft, eine andere Wirtschaft – keine marxistische und keine kapitalistische im Sinne von ungebremst fiktivem Finanzkapital.“

    https://anonym.to/?http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=17768

    „Gibt es ein Land, in dem auch die Tätigkeit der Frau in der Familie als vollwertige Arbeit honoriert wird? Gibt es ein Land, in dem das Prinzip der Vergebung einen hohen Rang hat, in dem betroffene Angehörige eine Tat – selbst Mord – vergeben können, um damit die Haft- oder Todesstrafe in eine Geldstrafe umzuwandeln? Gibt es ein Land, in dem die höchstgestellten Politiker Atomwaffen verurteilen? Das Land heißt Islamische Republik Iran. …
    Gemäß Verfassung der immerhin nur 32 Jahre jungen Islamischen Republik kommt die Hauptaufgabe der Familienbetreuung den Frauen zu. Der Mann ist dazu verpflichtet, für den Unterhalt zu sorgen. Darüber hinaus bildet die Familie – wie in südlichen europäischen Länder noch weit verbreitet – ein natürliches soziales Sicherungssystem.“

    https://anonym.to/?http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=17745

    „In der gesamten Welt gibt es keine vergleichbare Eliteeinheit und auch keine Waffe, die in der Lage wäre, diese reine Defensivwaffe zu überwinden. Waffenexperten aller Welt, die das Video bereits analysiert haben, mussten eingestehen, dass sie über keine vergleichbare Waffe verfügen und auch nicht in der Lage sind, die Waffe nachzubauen.
    Dem Vernehmen nach soll die Waffe auch einen bisher nicht veröffentlichten oder von offizieller Seite bestätigten Namen haben: „Liebe“!“

    https://anonym.to/?http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=23735

    Einer der Mitbegründer dieses Leuchtturms der Aufklärung heißt – Werner Rügemer.

  13. borstel
    10. August 2017, 19:06 | #13

    Danke für den Hinweis, klärt einiges – das sind ja entzückende Zeitgenossen.

  14. Peterchen
    11. August 2017, 17:57 | #14

    Ach herrjeh, lasst doch bitte mal die Antisemitismuskeule stecken! Ich dachte eigentlich bisher, Psiram hätte sich der Ratio verschrieben, und nicht obskurem religiösen Bullshit!

    Man kann, darf und SOLLTE die Absurditäten jüdischer Glaubensvorschriften exakt so behandeln, wie man christliche, muslimische und sonstige übernatürlichen Schwachsinnsstories von „im Himmel“ wohnenden Gespenstern als das bezeichnen darf was sie nun mal sind. Wer hier (vermeintlich) aus historischen Gründen in hektische Hyperventilation verfällt und wie ein Huhn so einen Artikel hier rausschnattert belegt allenfalls seine eigene intellektuelle Präpotenz. Ein ziemliches Armutszeugnis.

  15. LaDeesse
    11. August 2017, 18:17 | #15

    Peterchen: Man kann, darf und SOLLTE die Absurditäten jüdischer Glaubensvorschriften exakt so behandeln, wie man christliche, muslimische und sonstige übernatürlichen Schwachsinnsstories von „im Himmel“ wohnenden Gespenstern als das bezeichnen darf was sie nun mal sind.

    Du bellst den falschen Mond an.

  16. 16. August 2017, 10:42 | #16

    @ Peterchen
    Hast Du den Artikel überhaupt gelesen? Glaubensvorschriften sind hier überhaupt nur erwähnt insoweit sie Teil der jüdischen Kultur sind (das passiert nun mal, wenn eine Religion für mehrere Jahrhunderte dominiert) und der Vorwurf des Antisemitismus ist nun wirklich durch ausreichend andere Beispiele untermauert worden!

  17. borstel
    17. August 2017, 19:50 | #17

    @ Peterchen:
    Im Blogbeitrag wird gut herausgearbeitet, daß es Rügemer eben nicht um Religionskritik ging. Zumal die von ihm besuchte Veranstaltung zwar in einer Synagoge stattgefunden hat, aber kein G’ttesdienst war. Ich weiß nicht, ob Rügemer überhaupt schon einmal an einer Schabat- oder Kavalat-Schabat-Feier teilgenommen hat (meine zweimal liegen ziemlich lange zurück), aber normalerweise wird dort, so denke ich, weder der weltliche Staat Israel hochleben gelassen, noch Haß gegen Palästinenser geschürt (jedenfalls kann ich mich an so etwas nicht erinnern). Sicherlich würde es auch Menschen, die die jüdische Religion kritisieren wollen, gut tun, auch einmal eine solche Veranstaltung zu besuchen, einfach um zu wissen, worum es überhaupt geht. Aber wie gesagt, das war ja gar nicht Rügemers Intention. In seiner deutlich herausgestellten Arroganz würde sich Rügemer zu solch einem Schritt aber wohl auch nicht herablassen (Besuch einer jüdischen Gemeinde zu einem „ganz normalen“ Anlaß -pfui bäh!)…

  18. 3. September 2017, 09:28 | #18

    Sehr geehrte Damen und Herren,
    vor einigen Tagen wurde ich auf den oben genannten Artikel aufmerksam. Dort haben Sie unter „Stern versus Rügemer“ einen Link auf eine Seite eingefügt, auf der Abhandlung von mir wiedergegeben ist, die sich mit Dr. Rügemer befasst. Ich weiß nicht, auf welchem Wege Ihnen die Abhandlung zugänglich gemacht wurde, von mir haben Sie sie nicht.
    Mir ist jedoch wichtig, Sie darüber aufzuklären, wie es sich mit diesem Artikel und der Gefahr, ihn zu veröffentlichen, verhält. Ich wurde seinerzeit von Dr. Rügemers Rechtsbeistand aufgefordert, eine strafbewehrte Unterlassungserklärung in Bezug auf insgesamt 14 Äußerungen abzugeben, da diese Dr. Rügemer vermeintlich in seinen Rechten verletzen würden. Da Dr. Rügemer seinen Artikel „Wenn Kipa-Brüder die Woche der Brüderlichkeit feiern – Ein Besuch in der Kölner Synagoge“ zu diesem Zeitpunkt bereits aus dem Netz genommen hatte, wollte ich weitergehende Streitereien vermeiden. Ich gab daher die geforderte Unterlassungserklärung ab, allerdings mit dem ausdrücklichen, schriftlichen Hinweis, dass dies „ohne Anerkennung einer Rechtspflicht, ohne Präjudiz für die Sach- und Rechtslage, gleichwohl rechtsverbindlich“ erfolge. Im Artikel der NrhZ vom 28.01.2015 („Adriana Stern nimmt Vorwurf des Antisemitismus gegen Werner Rügemer zurück – Antisemitismus-Vorwurf als Lügengespinst entlarvt“) „vergaß“ Dr. Rügemer dies zu erwähnen, weil er sonst wohl nicht hätte schließen dürfen, ich hätte eingesehen, gelogen zu haben. Dass ich die Unterlassungserklärung abgegeben habe, bedauere ich heute, halte mich aber nach wie vor aus rechtlichen Gründen ernstlich an sie gebunden.
    Bitte nehmen Sie zur Kenntnis, dass das Landgericht Köln mit Berufungsurteil vom 28.09.2016 befunden hat, dass 3 von meinen 14 Äußerungen Dr. Rügemer in seinen Rechten verletzten und zu unterlassen waren. Insoweit musste ich mich anteilig an den Kosten des Rechtsbeistandes von Dr. Rügemer für die Aufforderung zur Abgabe der Unterlassungserklärung beteiligen. Die übrigen 11 Äußerungen waren vom Grundrecht der Meinungsfreiheit gedeckt. In allen wesentlichen von Ihnen in Ihrem Artikel aufgezeigten Punkten von mir bestätigte das Landgericht, dass diese von der Meinungsfreiheit gedeckt sind.

    Es lässt sich nicht ausschließen, dass Dr. Rügemer auch gegen Sie vorzugehen versuchen wird, weil Sie auf meinen Artikel mit den 3 rechtswidrigen Äußerungen verlinken. Daher also meine Warnung. Um welche Äußerungen es sich hierbei handelt, können Sie dem teilanonymisierten Urteil des LG Köln entnehmen, welches ich beifüge. Mit der Übergabe des Urteils berühme ich mich ausdrücklich nicht des Rechts, die Äußerungen zu deren Unterlassung ich mich verpflichtet habe, erneut aufzustellen und/oder zu verbreiten Den Namen von Dr. Rügemer habe ich nicht geschwärzt weil er das Urteil selbst kommentiert und seine Parteistellung in dem Verfahren somit preisgibt (http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24071) . Zu diesem neuerlichen Artikel äußere ich mich im Moment nicht, meine aber, dass Dr. Rügemer sich damit selbst keinen Gefallen getan hat. Ich überlege derzeit mit meinem Anwalt, ob wir gegenüber der NRhZ einen Berichtigungs-/Ergänzungsanspruch in Bezug auf den Artikel vom 28.01.2015 gerichtlich geltend machen. Denn der Artikel ist in wesentlichen Teilen unvollständig/unzutreffend und falsch…., insbesondere hinsichtlich der Feststellung des LG Köln, dass 11 von 14 meiner Äußerungen nicht rechtsverletzend waren.

    Mit freundlichen Grüßen
    Adriana Stern

  19. Jürgen Beck
    14. September 2017, 14:45 | #19

    Ich bin erstaunt was hier an Geschützen gegen Herrn Dr Rügemer aufgefahren werden. Die abenteuerlichen Interpretationen über einen von ihm veröffentlichten Artikel der angeblich antisemitische Inhalte hat sind mit Verlaub an den Haaren herbei gezogen. Man versucht weit weg von jedweder religiösen Ethik seine Person zu diskreditieren und in ein Licht zu stellen, in dass er weiß Gott nicht gehört. Herr Dr Rügemer ist mir persönlich durch viele seiner kritischen Auseinandersetzungen und fein recherchierten investigativen, journalistischen Veröffentlichungen positiv aufgefallen. Ich schätze diesen freien kritischen Geist der unabhängig von religiöser Heimat jede Absurdität und unmenschliche Auslegung fundamentalistischer Doktrin und Regelwerke zu Recht gnadenlos aufdeckt. Ich bin Christ und auch darüber hat er „einen Besuch im Dom“ mit der ihm eigenen Stilistik „beschrieben“. Weder in diesem Artikel noch „im Dom“ ist aber auch nur ein Hauch von Beleidigung einer Person oder der Religion etwas zu lesen. Im Gegensatz zu dem Pamphlet zu dem sich offensichtlich Frau Stern schon hinreißen lies. Das die gleiche Suppe hier noch mal aufgewärmt wird finde ich ehrlich gesagt erbärmlich und zeugt nicht gerade von großem Weitblick. Wenn Fundamentalismus in seiner hässlichsten Form zum „Rachefeldzug wegen gekränkter Eitelkeit“ übergeht, dann kann man wohl weder Weitblick noch religiöse Barmherzigkeit erwarten. Im Gegenteil. Hier soll ein Mensch nicht nur verleumdet werden, hier soll auch ein kritischer Geist , dessen Meinung nicht gewünscht wird mit einer pervertierten Auslegung von political Correctness und pseudo Ethik mundtot gemacht werden. Weder als christlich erzogener Mensch noch als Demokrat kann ich solche Fake Pranger tolerieren.

  20. pelacani
    14. September 2017, 22:15 | #20

    @ Jürgen Beck
    Ich bin erstaunt, wieviele starke Worte Sie finden, ohne auch nur mit einer Silbe auf den Blog-Text einzugehen.