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Lesereise 2: Konkretes und Abstraktes (Ontologie)

Teil 2 unserer Serie zur Philosophie Bunges

Wenn es eine Idee gibt, die Bunges Philosophie zugrunde liegt, dann ist es wahrscheinlich diese: Man muss streng unterscheiden zwischen einer faktischen Existenz und einer konzeptuellen Existenz. Diese Unterscheidung durchzieht die gesamte Ontologie Bunges (Lehre vom Sein) und seine gesamte Erkenntnistheorie. Ich kenne keinen Philosophen, der da auch nur annähernd so konsequent ist. An keiner Stelle lässt er offen, ob er „von der Welt da draußen“ spricht oder von der Vorstellung, die wir uns von ihr machen. Ein Objekt kann entweder materiell oder konzeptuell sein, aber nicht beides zugleich. Ein materielles Objekt, d. h. ein real existierendes, hat einen Zustandsraum, d. h. es kann sich verändern; ein Konstrukt, d. h. ein konzeptuelles Objekt hingegen hat keinen Zustandsraum – es kann sich also strenggenommen weder verändern noch nicht verändern: „der Zustandsraum eines abstrakten Objektes [ist] leer“ [9]. Ein Konstrukt ist eine von ihrer Entstehung (Ideation) und ihrer Kommunikation abstrahierte Idee/Theorie [10], es ist eine Äquivalenzklasse von Gedanken (d.h. Hirnprozessen eines bestimmten Typs) [11], mithin nicht die individuelle, je einzigartige, reale Tätigkeit des einzelnen Gehirns. Konstrukte haben kein Eigenleben, nur konkrete Hirntätigkeit kann sie ‚verändern‘. Wenn alle Gehirne aufgehört haben zu existieren, dann gibt es auch keine Gedanken mehr, und aus Büchern und CDs werden tote Gegenstände ohne Bedeutung – die Poppersche Welt 3 hat ihr Ende gefunden.

Our definition of „reality“ cannot be other than this:

DEFINITION 3.30 Let Θ be the set of all things and [Θ] its aggregation.
Then

Reality =df [Θ] = ▯ = the world. [12]

Bis hierher ist diese Ontologie eigentlich statisch, denn Zeit ist eine Eigenschaft der Dinge, nicht die 4. Dimension der Raumzeit. „Kein Raum ohne Dinge, keine Zeit ohne Veränderung. Aristoteles nickt“ [13]. Den eigentlichen Kick bekommt die Ontologie durch den Systemismus und Emergentismus Bunges.

Das Wort „Systemismus“ ist durchaus zunächst geeignet, einigen Widerwillen auszulösen, denn sofort weckt es den Verdacht, es werde sich um Banalitäten handeln, die in eine hochabstrakte Sprache verpackt sind. Und mit dieser Befürchtung könnte man Bunge/Mahner nicht einmal überraschen. Luhmanns „menschenlose Theorie sozialer Systeme ist völlig verfehlt“ [14], meinen sie [15]. Aber man begibt sich einer Bildungsmöglichkeit, wenn man diesen Punkt übergeht. Eine ausführliche Darstellung findet man im z. B. Treatise Vol. 4 oder später in Emergence and Convergence, eine auf den Kern reduzierte (und damit etwas weniger plastische) Darlegung in Natur der Dinge. Hier nur so viel:

Den Mittelweg zwischen Atomismus („Jedes Ding geht seinen eigenen Weg“) und Holismus („Jedes Ding hängt mit allen anderen Dingen zusammen“) nennen wir Systemismus: „Jedes Ding hängt mit einigen anderen Dingen zusammen.“ [16]

Nebenbei: Der Systemismus ist nicht nur der Ausgangspunkt für das Begreifen jeglicher gesellschaftlicher Erscheinungen, Institutionen etc., sondern beispielsweise auch für die Analyse der Pseudowissenschaften [17]. So wird verständlich, warum die Suche nach einer einfachen Formel, mit der sie sich erschlagen lassen, bisher vergeblich war.

Emergenz ist das Auftauchen neuer Eigenschaften eines Systems, die seine einzelnen Komponenten nicht haben. Schon die Eigenschaften, die das H₂O-Molekül hat, sind gegenüber denen des O₂-Moleküls und denen des H-Atoms emergent. Es gibt Emergenz auf allen Ebenen der Komplexität, und es wird keine übergreifende „Theorie der Emergenz“ geben können, die alle Fälle abdeckt. Sie hat nichts mit „Erklärbarkeit“ zu tun (denn dann wäre sie vom erklärenden Subjekt abhängig), sondern sie ist eine Eigenschaft der Dinge (hier: der Systeme). Sie ist ein ontologischer und nicht ein epistemologischer Begriff. Faktisch richtig aber logisch falsch (weil Kategoriefehler) wäre also: Der Emergenz kann, aber muss nichts, Rätselhaftes innewohnen (wenn man diesen Fehler mitdenkt, darf man das aber sagen).

Da fühlen sich natürlich die Platonisten mächtig auf den Schlipth getreten, für welche die Welt die Verkörperung (Materialisierung) abstrakter Ideen ist: Die Behauptung, dass Konstrukte bloße Fiktionen seien, sei nichts als ein „unsubstantiated bluff“, und nirgends gäbe es auch nur die Andeutung eines Grundes dafür, dem Begriff ‚Existenz‘ mehrere Bedeutungen zuzuschreiben [18].

Probleme mit Bunge haben jedoch auch Wissenschaftler, sofern sie einem lediglich schwachen Naturalismus [19] anhängen. Anatol Rapoport, amerikanischer Mathematiker und Biologe, „zentraler Vordenker der Systemwissenschaften“ (WP), schreibt in seiner im Übrigen anerkennenden Rezension:

Zuweilen wird Bunge von seinen streng logischen [tightly reasoned] Argumenten zu Ansichten geführt, die bezweifelt werden können. So schreibt er beispielsweise, „Mentale Funktionen (Prozesse) können nicht direkt (d. h. ohne physische Kanäle) von einem Gehirn zum anderen übertragen werden. Folglich kommt extrasensorische Perzeption nicht infrage.“ […] Aber zu sagen, dass extrasensorische Perzeption „nicht infrage“ komme, weil „keine physischen Kanäle“ existierten, bedeutet, die Sache vom heutigen Wissensstand aus zu beurteilen. Einstmals hätte man die Radioübertragung aus ähnlichen Gründen für unmöglich halten können. Noch früher wurde Newtons Gravitationstheorie von Philosophen abgelehnt, weil eine „Kraft über den leeren Raum hinweg“ undenkbar gewesen ist. Doch zu beschreiben, welche Art von Evidenz [to state the sort of evidence] sich unter welcher Art von streng kontrollierten Bedingungen manifestieren muss, um die Kommunikation von Geist zu Geist (oder von Gehirn zu Gehirn, wenn man will) ohne physische Kanäle zu belegen, ist absolut möglich [entirely possible]. Sollten jemals positive Ergebnisse erzielt werden, dann wäre die Suche nach „Kanälen“ wohl gerechtfertigt. [20]

Wenn man dem Gedanken eine Weile folgt, kann er sich vielleicht noch in ein richtiges, ausgewachsenes Galileo-Gambit verwandeln. Nicht allein die gesamte Evidenz der Naturwissenschaften, sondern auch die gewöhnliche Erfahrung des Menschen (seit er denken kann) widerspricht dem, sofern sie nur einigermaßen reflektiert ist. Wenn es eine natürliche extrasensorische Perzeption gäbe, dann wäre sie so verankert im Erleben und Bewusstsein der Menschen, dass ihr nichts Außergewöhnliches, Wunderbares anhaften würde. Um praktisch zu bleiben: Man blicke sich nur einmal um, in welchen Zusammenhängen und von wem (z. B. vom Herrn Walach) nach ihr gesucht wird. Die Wissenschaft und die Philosophie müssen dem nicht noch Schützenhilfe leisten: Es gibt auch so genug Irrationalität auf der Welt. Die „positiven Resultate“ würden nicht die Suche nach „Kanälen“, sondern den Ruf nach professionellen Magiern (wie James Randi) rechtfertigen. Und schließlich: Selbst wenn der a priori unwahrscheinliche Fall einer Entdeckung „neuer Kanäle“ eintreten sollte: sie wären immer noch physisch, wenn die Welt per definitionem die Gesamtheit der Dinge ist (s. o.).

Es folgt Teil 3 unserer Serie zur Philosophie Bunges


  1. : Bunge M, M Mahner: Über die Natur der Dinge, Stuttgart 2004, Kap. 2.5.1
  2. : Treatise on Basic Philosophy (1974 – 1989) Vol. 1. Ch. 1, Sec 1.2.
  3. : Natur der Dinge, Kap. 3.3.
  4. : Treatise Vol. 3. Ch. 3 Sec. 4.5.
  5. : Matter and Mind, Kap. 4.1.
  6. : Natur der Dinge, Anmerkung 4-12
  7. : Dazu gibt es auch einen denkwürdigen kurzen Abschnitt in unseren Forumsfäden, der hier beginnt. Man sollte es unbedingt noch bis zu diesem Post durchhalten.
  8. : Natur der Dinge, Kap. 2.6.1.
  9. : Bunge M: Philosophy in Crisis: The Need for Reconstruction, New York 2001, Kap. 8.
  10. : McFetridge I: Review [zu Treatise Vol. 1 und Vol. 2]. Mind, New Series, Vol. 87, No. 345 (Jan., 1978), pp. 144-146
  11. : „Der schwache Naturalismus lässt zu, dass unsere Welt in eine supranaturalistische Welt eingebettet bzw. von einer solchen umgeben sein könnte.“ Natur der Dinge, Kap. 1.4.
  12. : Rapoport A, Book Review [zu Treatise Vol. 3 und Vol. 4]. Behavioral Science Volume 25 issue 2 1980
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