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„Fehlalarm“ – oder Falsches Zeugnis? Reiss/Bhakdi und die Wissenschaft

Die Biochemikerin Prof. Karina Reiss und ihr Gatte, der Mikrobiologe im Ruhestand Prof. Sucharit Bhakdi, machen mit ihrem Buch „Corona Fehlalarm“ Furore. Alles halb so wild, die Krankheit ist gar keine richtige Krankheit, der Lockdown ist völlig überzogen, und man weiß nicht, wer von ihm profitiert, sagen sie. In einer Forumsdiskussion bei uns kommt die folgende Passage vor:

Bhakdi und Reiss haben eine Grundthese. Sie folgen nicht der Evidenz, sondern sie arrangieren die Evidenz so, dass diese These gestützt wird. Die Grundthese ist, dass alles nur ein böser Traum ist, erfunden von [ __ ] (man setze ein, wen man will). Diese These ist absurd, genauso absurd wie die Simile-Regel der Homöopathen.

Darauf antwortet ein erleuchteter Durchblicker:

Wie erklärt sich das? Zwei zuvor angesehene und hoch dekorierte Professoren bekommen plötzlich „Hirnerweichung“? Das ergibt keinen Sinn usw. usf.

Noch abgesehen davon, dass solche Entwicklungen weder plötzlich noch gänzlich ungewöhnlich sind (s. Nobel-Krankheit), hat unser Bhakdi-Anhänger den Punkt verfehlt. Was ist der Punkt? Der Punkt ist natürlich: Reiss/Bhakdi lassen sich nicht von der Evidenz führen, sondern sie „führen“ die Evidenz. Was damit gemeint ist, wollen wir an einem Beispiel aus der jüngeren Medizingeschichte erläutern.

In den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts war lange bekannt, dass Einengungen der Halsschlagader zu Hirninfarkten (Gewebsuntergängen durch Blutmangel) führen. Das war einfach zu verstehen: in einem Großteil der Fälle kommt weniger Blut im Gehirn an, und in den abhängigen Hirnarealen geht dann Gewebe unter. Deshalb hatte man eine Operation entwickelt: die Verbindung (Anastomose) einer äußeren Schädelarterie mit der mittleren Hirnarterie, so dass die Hirndurchblutung in der betreffenden Hirnhälfte wieder besser wurde. Das funktioniert: eine Vielzahl von Studien konnte zeigen, dass dieser Bypass offen bleibt und dass tatsächlich danach mehr Blut im Gehirn ankommt.

Die Operation war technisch beherrscht und in den frühen 80er Jahren zu einer Brot-und-Butter-Operation der Neurochirurgen geworden [1]. Nun gab es ein paar Korinthenkacker, die meinten: naja, die Durchblutung ist besser, aber verhütet man damit auch Schlaganfälle? Und sie forderten, dass man das beweisen sollte. Nichts leichter als das, sagten sich H. J. M. Barnett und seine Mitarbeiter von der University of Western Ontario. Sie stellten ein großes multizentrisches Team zusammen, das diese ewigen Zweifler widerlegen sollte. Die Arbeitsgruppe wies alle geeigneten Patienten nach einer Zufallsauswahl der Behandlungs- oder der Beobachtungsgruppe zu und verglich über fünf Jahre die Zahl der Schlaganfälle.

Das war eigentlich kein Aufreger. Jedermann, die Studienleiter eingeschlossen, erwartete eine klare Bestätigung des Behandlungskonzepts. Als die Ergebnisse eintrafen, klappte Sidney J Peerless, dem Leiter der Neurochirurgen in der Studie, die Kinnlade herunter [2]: die Schlaganfallraten in der operierten Gruppe waren insgesamt höher als in der nichtoperierten [3]. Statt zu nutzen, hatte die Operation geschadet. Natürlich war das keine willkommene Nachricht, und die Studie sah sich scharfen Angriffen ausgesetzt. Dennoch wurde sie letztlich anerkannt. Ihre Methodik war beispielgebend, ein Meilenstein in der Geschichte der klinischen Forschung. Nur nebenbei sei erwähnt, dass die Untersucher damit ihr bisheriges Geschäftsmodell untergraben hatten.

So geht Wissenschaft. Die liebgewordenen eigenen Überzeugungen müssen aufgegeben werden, wenn ihr Gegenteil sicher bewiesen ist. Reiss und Bhakdi aber wären gar nicht erst in die Verlegenheit gekommen, ihre eigenen Gewissheiten widerlegt zu sehen. Sie haben keine eigenen Daten. Sie fleddern nur die Daten anderer und machen daraus ein Geschäftsmodell. Ihre Quellenangaben sind selektiv, verschleiernd und wahllos. Und was sind schon Daten: wenn es passt, reichen ihnen auch von vornherein absurde Zeitungsmeldungen wie über den Ziegentest des tansanischen Staatschefs, um kolportiert zu werden [4].


  1. : Onesti ST, RA Solomon, DO Quest: Cerebral Revascularization A Review. Neurosurgery 25(1989)618-629
  2. : „‚My jaw dropped. I couldn’t believe what I found‘, he said“. Merz B: Neurosurgeons Address EC/IC Study: Question Controlled Surgical Trials. JAMA 256(1986)165-167
  3. : The EC/IC Bypass Study Group: Failure of Extracranial-Intracranial Arterial Bypass to Reduce the Risk of Ischemic Stroke – Results of an International Randomized Trial. N Engl J Med 1985; 313:1191-1200
    DOI: 10.1056/NEJM198511073131904
  4. : https://www.mta-dialog.de/artikel/corona-fehlalarm-daten-fakten-hintergruende.html, https://www.zdf.de/nachrichten/panorama/coronavirus-papaya-ziege-tansania-test-100.html
  1. pimp
    2. Oktober 2020, 21:57 | #1

    Prof. Karina Reiss und ihr Gatte, der Mikrobiologe im Ruhestand Prof. Sucharit Bhakdi was für widerliche Menschen, die es nur darauf abgesehen haben, Geld mit dem Buch zu verdienen. Menschen zu betrügen, zu belügen …….wie können solche Menschen noch anderen ins Gesicht schauen oden nachts noch schlafen?

    Geld und Macht, einfach widerlich!

    Meine Meinung zu solchen I…….. wie Prof. Karina Reiss und ihr Gatte, der Mikrobiologe im Ruhestand Prof. Sucharit Bhakdi

  2. 3. Oktober 2020, 09:32 | #2

    übrigens:

    „dass Einengungen der Halsschlagader zu Hirninfarkten (Gewebsuntergängen durch Blutmangel) führen.“

    Diese Einengungen kennen wir auch aus einem anderen Zusammenhang bei Psiram, nämlich der Multiplen Sklerose (MS), dem Liberation Treatment von Zamboni: https://www.psiram.com/de/index.php/Liberation_Treatment_der_CCSVI

  3. pelacani
    3. Oktober 2020, 11:15 | #3

    @Abrax
    Nein, das hat nur eine sehr entfernte Ähnlichkeit. Hochgradige Einengungen der inneren Halsschlagader (A. carotis interna) sind ein zweifelsfrei etablierter Risikofaktor für Schlaganfälle, nur die Pathogenese ist anders als früher gedacht. An der engen Stelle (der Stenose) der Arterie bricht die Innenhaut (das Endothel) auf. Es bilden sich kleine Blutgerinnsel, die mit dem Blutstrom in die Peripherie verschleppt werden und die kleineren Arterien plötzlich verschließen (Embolien). Das lässt sich mit der genannten Operation, dem extra-intrakraniellen Bypass, nicht verhindern. Einengungen der ableitenden Venen bei MS dagegen haben von vornherein keine gesicherte Bedeutung in der Genese der Erkrankung, umso weniger eine darauf zielende Therapie. Eine Abflussbehinderung der Venen würde zu einem Blutstau führen, einer sog. venösen Infarzierung. Die MS ist aber eine Autoimmunkrankheit, die mit der Durchblutung primär nichts zu tun hat.

  4. 5. Oktober 2020, 10:36 | #4

    @pimp

    Man sollte sich hüten, anderen eine böse, betrügerische Absicht zu unterstellen. Bei vielen Patienten der erwähnten „Nobelkrankheit“ waren die Absichten sicher gut. Bei etlichen Patientenakten im Psiramwiki legen in juristischem Sinne kriminelle Handlungen + zugehörige Urteile böse Absichten nahe.

    Wo die in diesem Blogbeitrag diskutierten Autoren einzusortieren sind bleibt abzuwarten.

  5. tambaldi
    5. Oktober 2020, 13:52 | #5

    jaja die Austragsirgendwasse… schon Karl May kannte die

    https://www.karl-may-wiki.de/index.php/Matth%C3%A4us_Aurelius_Hampel

  6. Gasthier
    9. Oktober 2020, 07:15 | #6

    Prof. Sucharit Bhakdi ist für den „Goldenen Aluhut“ nominiert. Wie peinlich für die Uni Mainz, die sich nie wirklich von einem solchen Schwachsinn, den Prof. Sucharit Bhakdi verbreitet distanziert hat.
    Ein Prof. der für den Goldenen Aluhut nominiert ist, echt lustig und super peinlich für einen Wissenschaftler.

  7. pelacani
    9. Oktober 2020, 09:07 | #7

    @Gasthier
    Das ist sexistisch. In irgendeinem Interview sagt Bhakdi, das Buch sei zu 80 oder 90% von seiner Frau geschrieben worden.

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