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TCM im Standard: Reizdarm (Colon irritabile)

12. Januar 2010 6 Kommentare

Bei der Lektüre des Artikels „Reizdarm (Colon irritabile)“ fragt man sich: Wo ist da die TCM?
Die Autorin beschreibt ausführlich eine Möglichkeit, wie es zu einem Reizdarm kommt (wenn auch keine die ernsthaft diskutiert würde) und wie die Diagnose erstellt wird – alles auf einer „schulmedizinischen“ Basis. Sie kommt zu dem Schluss, dass ein Ungleichgewicht in der Darmflora der Auslöser ist, genauer ein zu geringer Bakteriengehalt. Sie geht dieses Problem in der Therapie kausal an, indem Sie der Patientin probiotische Präparate gibt, die beim Aufbau der Darmflora unterstützen. Der Patientien geht es daraufhin wieder gut.

Mit TCM hat das rein gar nichts zu tun. Die positive Wirkung von Probiotika ist wissenschaftlich untersucht worden:
„Probiotikum mit E. coli stabilisiert Darmfunktion“

Originalartikel:
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/19197823
Siehe auch:
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/19091823

Nochmal die Frage: Wo bleibt die TCM?

Frau Wolkenstein pfropft die ziemlich zusammenhanglos auf, indem Sie herumschwurbelt:

„Aus Sicht der Chinesischen Medizin ist der Dünndarm eng mit dem Herzen verbunden (Yang/Yin Organe). Diese seltsam anmutende Sichtweise ist aus der Beobachtung entstanden, dass Emotionen eine erhöhte Pulsfrequenz, Bauchgrimmen und Durchfall verursachen können und einen Einfluss auf die Harnblase besitzen. Im Zusammenhang mit Prüfungssituationen ist den meisten Menschen dieses Gefühl vertraut.“

Sie versucht das auf eine wissenschaftliche Basis zu stellen:

„Aus der Embryologie wiederum wissen wir, dass sich ab der dritten Lebenswoche die Muskulatur des Magen-Darm-Trakts, der Blutgefäße und des Herzens aus dem gleichen Keimblatt (Mesoderm) entwickeln. Es gibt also eine Verbindung, eine Wechselwirkung…“

Aus dem Mesoderm entstehen auch Knochen, Nieren, Milz, das Lymphsystem, die Skelettmuskulatur, das Bindegewebe und die glatte Muskulatur. Eine solche „Verbindung“ ist also nichts ungewöhnliches.
Frau Wolkensteins Argumentation folgend könnte man frei nach Mozart auch sagen: „Wenn`s Arscherl brummt, sind Knochen, Nieren usw. gesund“.

Endlich, im letzten Abschnitt dann eine Methode aus der TCM:

„Die Domäne der Akupunktur ist es, im konkreten Fall einen Ausgleich von Herz und Dünndarm zu bewirken und damit das Problem kausal zu beheben.“

Keinerlei nähere Erläuterung wie das funktioniert, was gemacht wird, wo genadelt wird. Stattdessen wird behauptet, dass durch die Akupunktur das Problem kausal angegangen wird, obwohl zuvor lang und breit erklärt wurde, dass es sich um ein Ungleichgewicht in der Darmflora handelte, die ja auch über die Gabe von probiotischen Präparaten behandelt wurde.
Die Akupunktur beim Reizdarmsyndrom wurde auch schon in einem Cochrane-Review behandelt:

„Most of the trials included in this review were of poor quality and were heterogeneous in terms of interventions, controls, and outcomes measured. With the exception of one outcome in common between two trials, data were not combined. Therefore, it is still inconclusive whether acupuncture is more effective than sham acupuncture or other interventions for treating IBS.“

http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/17054239

Fazit:
Es gibt keinen wissenschaftlichen Beleg für die Wirksamkeit von Akupunktur beim Reizdarm. Dagegen gibt es einen wissenschaftlichen Beleg für die („schulmedizinische“) Behandlung mit Probiotika. Frau Wolkenstein benutzt also einen bekannten Effekt, um ein wenig TCM-Hokuspokus mitzuverkaufen und behauptet dann, nur die Kombination aus beidem hätte gewirkt.
Das ist aus Sicht des Marketings sehr geschickt. Sie verteufelt die wissenschaftliche Medizin nicht komplett, wie andere Anbieter aus diesem Bereich, sondern nutzt sie, um echte Ergebnisse zu erreichen. Dazu spricht sie über die „Kombination“ diejenigen an, die für sich beanspruchen, das „Beste aus beiden Methoden“ zu wollen.)