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TCM im Standard: Reizdarm (Colon irritabile)

Bei der Lektüre des Artikels „Reizdarm (Colon irritabile)“ fragt man sich: Wo ist da die TCM?
Die Autorin beschreibt ausführlich eine Möglichkeit, wie es zu einem Reizdarm kommt (wenn auch keine die ernsthaft diskutiert würde) und wie die Diagnose erstellt wird – alles auf einer „schulmedizinischen“ Basis. Sie kommt zu dem Schluss, dass ein Ungleichgewicht in der Darmflora der Auslöser ist, genauer ein zu geringer Bakteriengehalt. Sie geht dieses Problem in der Therapie kausal an, indem Sie der Patientin probiotische Präparate gibt, die beim Aufbau der Darmflora unterstützen. Der Patientien geht es daraufhin wieder gut.

Mit TCM hat das rein gar nichts zu tun. Die positive Wirkung von Probiotika ist wissenschaftlich untersucht worden:
„Probiotikum mit E. coli stabilisiert Darmfunktion“

Originalartikel:
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/19197823
Siehe auch:
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/19091823

Nochmal die Frage: Wo bleibt die TCM?

Frau Wolkenstein pfropft die ziemlich zusammenhanglos auf, indem Sie herumschwurbelt:

„Aus Sicht der Chinesischen Medizin ist der Dünndarm eng mit dem Herzen verbunden (Yang/Yin Organe). Diese seltsam anmutende Sichtweise ist aus der Beobachtung entstanden, dass Emotionen eine erhöhte Pulsfrequenz, Bauchgrimmen und Durchfall verursachen können und einen Einfluss auf die Harnblase besitzen. Im Zusammenhang mit Prüfungssituationen ist den meisten Menschen dieses Gefühl vertraut.“

Sie versucht das auf eine wissenschaftliche Basis zu stellen:

„Aus der Embryologie wiederum wissen wir, dass sich ab der dritten Lebenswoche die Muskulatur des Magen-Darm-Trakts, der Blutgefäße und des Herzens aus dem gleichen Keimblatt (Mesoderm) entwickeln. Es gibt also eine Verbindung, eine Wechselwirkung…“

Aus dem Mesoderm entstehen auch Knochen, Nieren, Milz, das Lymphsystem, die Skelettmuskulatur, das Bindegewebe und die glatte Muskulatur. Eine solche „Verbindung“ ist also nichts ungewöhnliches.
Frau Wolkensteins Argumentation folgend könnte man frei nach Mozart auch sagen: „Wenn`s Arscherl brummt, sind Knochen, Nieren usw. gesund“.

Endlich, im letzten Abschnitt dann eine Methode aus der TCM:

„Die Domäne der Akupunktur ist es, im konkreten Fall einen Ausgleich von Herz und Dünndarm zu bewirken und damit das Problem kausal zu beheben.“

Keinerlei nähere Erläuterung wie das funktioniert, was gemacht wird, wo genadelt wird. Stattdessen wird behauptet, dass durch die Akupunktur das Problem kausal angegangen wird, obwohl zuvor lang und breit erklärt wurde, dass es sich um ein Ungleichgewicht in der Darmflora handelte, die ja auch über die Gabe von probiotischen Präparaten behandelt wurde.
Die Akupunktur beim Reizdarmsyndrom wurde auch schon in einem Cochrane-Review behandelt:

„Most of the trials included in this review were of poor quality and were heterogeneous in terms of interventions, controls, and outcomes measured. With the exception of one outcome in common between two trials, data were not combined. Therefore, it is still inconclusive whether acupuncture is more effective than sham acupuncture or other interventions for treating IBS.“

http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/17054239

Fazit:
Es gibt keinen wissenschaftlichen Beleg für die Wirksamkeit von Akupunktur beim Reizdarm. Dagegen gibt es einen wissenschaftlichen Beleg für die („schulmedizinische“) Behandlung mit Probiotika. Frau Wolkenstein benutzt also einen bekannten Effekt, um ein wenig TCM-Hokuspokus mitzuverkaufen und behauptet dann, nur die Kombination aus beidem hätte gewirkt.
Das ist aus Sicht des Marketings sehr geschickt. Sie verteufelt die wissenschaftliche Medizin nicht komplett, wie andere Anbieter aus diesem Bereich, sondern nutzt sie, um echte Ergebnisse zu erreichen. Dazu spricht sie über die „Kombination“ diejenigen an, die für sich beanspruchen, das „Beste aus beiden Methoden“ zu wollen.)

  1. Rheinlaender
    12. Januar 2010, 19:23 | #1

    Mal andersherum gefragt:

    Die Frau hatte offensichtlich Beschwerden, es kann eine behandelbare Ursache festgestellt werden und die Aerzte haben dort nicht reagiert.

    Mal als Laie gefragt: Sollte dort nicht der erste Stein in Richtung der Aerzte geworfen werden, die hier – zumindest dem ersten Augenschein nach – schlicht pennten?

  2. Hlodyn
    12. Januar 2010, 20:04 | #2

    Ich vermute eher, dass es so war, dass die Ärzte gesagt haben: Tja da braucht man jetzt nicht sofort medikamentös vorgehen, ich geb ihnen erst mal nen Diätplan…
    Naja und genau das passt vielen Patienten nicht, wenn sie ohne Rezept aus der Praxis gehen. (in so einem Fall hätte der Arzt allerdings Flohsamen etc. auf ein grünes Rp schreiben können) Wenn man zum HP geht bekommt man natürlich immer irgendein Mittelchen/Behandlung,

  3. Godesberg
    12. Januar 2010, 21:51 | #3

    @Rheinländer

    Der Artikel ist nicht objektiv. Die Wolkenstein hat das so hingebaut wie es für ihre Message am besten passte: alle anderen Ärzte sind doof und ich habs gefunden.

    Dieser Teil hat ja auch rein gar nichts mit TCM zu tun, sie geht mit wissenschaftlichen/"schulmedizinischen" Methoden an die Diagnose und Therapie (auch wenn die AB-Theorie eher abwegig scheint). Ob das wirklich alles so glatt gelaufen ist wie geschildert weiß man nicht, ein Reizdarmsyndrom kann auch einfach so verschwinden, z.B. nach drei Behandlungen durch Frau Wolkenstein oder vier Waldspaziergängen oder zweimal baden. Man müsste wissen ob nach der Behandlung die Darmflora wieder normal war.

    Es sollte eigentlich um die schleichende Verbreitung unwirksamer esoterischer Methoden in den Medien gehen. Allerdings ist der Artikel von Frau Wolkenstein so unglaublich schlecht, dass man nicht mehr von schleichend sprechen kann.

    Die TCM-Geschichte ist dermaßen billig eingebaut und aufgesetzt, dass wirklich jeder merkt was für ein Schwachsinn das ist.

    Sie erzählt ausführlich etwas über Bakterien und die Darmflora und wie man die wieder in Ordnung bringt und dann kommt kurz vor Schluß plötzliche die TCM wie Kai aus der Kiste. Als hätte die Wolkenstein plötzlich gemerkt, dass sie eigentlich was darüber schreiben wollte.

  4. 12. Januar 2010, 23:04 | #4

    "… und dann kommt kurz vor Schluß plötzliche die TCM wie Kai aus der Kiste."
    Ja, stimmt. Tut mir leid, ich hätte das besser einbinden sollen.

  5. Angela
    13. Januar 2010, 00:40 | #5

    Ich oute mich mal hier als jemand der das Reizdarmsyndrom (das mit der tastbaren Walze) leider sehr gut aus eigener Erfahrung und aus langer Zeit kennt. Bei den ganzen schweren Anfällen half nur was ab Metamizol aufwärts. Anfallsartige Schmerzen die ich nicht beschreiben kann, und die einen schier wahnsinnig machen können. Zweimal war ich vor Schmerzen unfähig auch nur kleinste Bewegungen zu machen, und in einem Falle lag ich eine halbe Stunde am Boden (im Alter von 35) bis ich nachts um 3 den RTW anrief. Und die Ursache ? Bei mir war es einmal eine traumatische Trennungsgeschichte, einmal eine beruflich schwierige Entscheidung die in dieser Zeit meine Gedanken beherrschten. Auch spätere Untersuchungen (Coloskopie) zeigten zwar einen Nebenbefund, aber sonst nix. Die Ursache war bei mir schlicht Psycho, so gerne man auch was "Handfestes" lieber gehabt hätte.

    Die einen Psychosomatiker unter den Reizkolon-Leuten wie ich, die "über den Darm" reagieren, haben ihre heftigen Durchfälle bei Aufregung und die anderen eine Obstipation oder so eine "tastbare Walze" wie ich sie dann habe: der Dickdarm lässt sich dann wie ein Nudelholz tasten.

    Die Behandlung ist bei mir (als Profi für die Obstipationsform sozusagen) immer eine Diät gekoppelt an strenge Ruhe und die Einnahme von mittelstarken Schmerzmitteln wie Novamin (Metamizol) die einem erst ermöglichen sich zum Doc zu schleppen oder beim Job sich krank zu melden usw. Nach 2 Tagen geht es besser. Die Ängste vor dem nächsten Anfall bleiben aber, auch wenn die Abstände gross sind (Jahre).

    Warum ich das schreibe ? Diese Zustände wie ich sie beschreibe sind zwar durch Schmerzmittel erstmal gut in den Griff zu kriegen, aber ansonsten durch alle möglichen Arten von Placebo-Interventionen zu bessern. Ausserdem gehen die Anfälle nach einer bestimmten Zeit spwieso spontan zurück. Mein längster Anfall dauerte allerdings (von den Schmerzen her) einmal 2 Wochen, das war aber eine extreme Ausnahme.

    Egal ob Homöopathie, TCM oder ein weisser Kittel: alleine die Beachtung/Beschäftigung hilft weiter.

    Wenn jemand beweisen oder plausibel machen will, dass die TCM hier bei diesen Zuständen wirkt, muss dies im Vergleich unter kontrollierten Bedingungen reproduzierbar zeigen. Ein einzelner Casus sagt nichts aus.

    Angela

  6. Cordula
    18. Januar 2010, 12:25 | #6

    Ein Freund von TCM und HP bin ich aus den hier bereits aufgeführten Gründen auch nicht. EInziges, mir bekanntes Mittel, das im Falle einer gestörten Darmflora Linderung verspricht, sind Probiotika wie Lactobacillus acidophilus und Bifidobakterium. Wenn Verstopfung im Spiel ist, dann wäre ein ballaststoffreiches Probiotikum (z.b. http://www.xxxxxxxx.php ) vermutlich sinnvoll, da man damit gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlägt. Und noch ein Tipp: Ein heißes Bad bringt Erleichterung in den schweren Zeiten.
    Gesunde Grüße an alle Gleichgesinnten!

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  1. 10. Februar 2010, 12:53 | #1