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Viel Spaß mit den Spinnern, Frau Apothekerin!

Taufrisch aus der neuen „Pharmazeutischen Zeitung“:
In Berlin eröffnet endlich die erste „Saint Charles Apotheke“. Der Pharmakuchen ist fett und den LOHAS sitzt das sauer verdiente Geld locker in der Tasche. Es kann ja nicht angehen, dass die die ganze Kohle nur ins Reformhaus und zu Globetrotter schleppen. Der Markt für die ganzheitliche Verarsche bietet auch riesige Chancen für denkfaule und abergläubige Pharmazeuten. Das österreichische Franchisekonzept mit den „moderaten Lizenzgebühren“ ist auch etwas für deutsche Kunden:

Die Franchisenehmer können ihre Apotheke komplett umstellen oder als „Saint Charles Apotheke“ neu gründen (Lizenzgebühr monatlich 1.600 Euro), eine Shop-in-Shop-Lösung implementieren (750 Euro) oder einen Naturkosmetikladen „Saint Charles Cosmothecary“ (1.200 Euro) eröffnen.

Eine Menge Geld, dass erstmal erwirtschaftet werden muss. Dafür bietet „Saint Charles“ natürlich auch etwas:

Was ihnen [den Apothekern] fehlt, suggeriert Tiedtke, haben Ehrmann und Rohla: Ein Sortiment, das sie von anderen unterscheidet.
Eines, für das die Kunden Preise zu zahlen bereit sind, die „erotische Margen“ bescheren. In Wien, so Rohla, hat die Saint Charles Apotheke diesen Weg erfolgreich mit Kosmetik, Nahrungsergänzungsmitteln und Produkten, die der Kunde in einer herkömmlichen Apotheke nicht erwartet, beschritten. So gibt es unter dem Saint Charles-Label auch Wein und andere „Specials, die Spaß machen“. Fast alles an der Apotheke sei außergewöhnlich, sagt Rohla, das Umsatzwachstum, die Gewinnmargen, die Kundenakzeptanz.

Fragt sich nur, was da so außergewöhnlich ist. Natürlich sind die Gewinnmargen bei Quacksalberei toll. Schließlich muss man sich nur um die Verpackung und den Verkauf, nicht um den Inhalt kümmern. Beim Inhalt ist nur wichtig, dass er keinen Schaden anrichtet. Den Rest erledigt das Zuwarten. Homöopathische Zuckerkugeln kosten sieben Euro pro zehn Gramm und die Süßigkeit Liebesperlen zwei Euro die 75g-Packung. Das Färben der Liebesperlen macht diese eigentlich teurer, aber der Mythos Naturheilmittel treibt den Preis der Glaubuli in die Höhe.
Ein Kilogramm normaler Kristallzucker ist unter einem Euro zu haben. Die „erotischen Margen“ sind also Realität, die Wirkung nicht.
Doch schauen wir einfach mal, was die Berliner „Pharmazeutin“ so vor hat:

Traditionelle Europäische Medizin
Das glaubt sie mit Saint Charles gefunden zu haben. »Das ist richtige Pharmazie, altes Handwerk«, sagt sie mit Blick auf die Eigenprodukte, die in Österreich aus heimischen Heilkräutern gefertigt werden. Altes Wissen der Traditionellen Europäischen Medizin (TEM) soll hier zum Zuge kommen. Sie will klassische Pharmazie und Naturheilkunde verbinden und die Prävention in den Vordergrund stellen.
Zeeck hat in der Apotheke einen eigenen Raum für Beratung eingerichtet. Sie plant Veranstaltungen mit einer Heilpraktikerin über klassische Homöopathie, Ausflüge zu einem ökologisch betriebenen Pilzhof im Brandenburger Land, Events mit gesundem Buffet, Vortrag und Fragerunde, bei denen sich die Teilnehmer austauschen können. Den ganzheitlichen Ansatz will sie konsequent leben, mit Mülltrennung und Ökostrom. Stromfressende Leuchten hat sie ausgebaut und durch energiesparende ersetzt.

Ganzheitlich bedeutet ganz einfach, so wie man es eigentlich gewohnt ist, dass Selbst- und Patientenbetrugsmethoden ganz einfach unkritisch übernommen werden und, mit dem Etikett „echte Pharmazie“, dem livestylemagazingebildeten LOHASen angedreht werden.

Echte Pharmazie beschäftigt sich mit Bioverfügbarkeit, Compliance, Herstellung, Pharmakologie und Wirksamkeit von echten Medikamenten.

Ganzheitliche Pharmazie bläst wirkungslosen und überholten Blödsinn zu Phantasiegeschichten auf, nennt es hochtrabend Prävention oder Therapie und vertickert das dann an sich selbst überschätzende und pseudokritische Lohas. Diese sind jung, gesund und ökoromantisch. Das böse Erwachen kommt, wenn die Realität zuschlägt, wenn die Kinder wirklich krank sind oder sich der erblich bedingte Typ-II-Diabetes manifestiert. Spätestens dann sollten sich diese Leute nach echter Hilfe umsehen.
Mit einem tollen Wein, ein paar Tropfen Bachblüten oder Glaubuli ist es dann nicht mehr getan.

  1. schrauber2
    17. Mai 2009, 02:01 | #1

    "…Weg erfolgreich mit Kosmetik, Nahrungsergänzungsmitteln und Produkten, die der Kunde…"

    Diesen Satz hatte ich mit

    …nicht braucht" gedanklich schon vorher beendet 😉

  2. oneofmany
    17. Mai 2009, 20:04 | #2

    Traditionelle Europäische Medizin? Bietet die gute Frau dann auch Aderlaß an oder wie? Ach nee Blutegel passen nicht zum Ästhetikanspruch der LOHAS.

    Auch schön aus der Werbebroschüre "erotische Gewinnmargen". Da halt wohl jemand obszön in den thesaurus von Word getippt, weil obszön ja naja halt so obszön klingt.

    Ist LOHAS jetzt tatsächlich eine neue, idealistische, umweltbewußte Lifestyle-Bewegung wie uns Videos wie dieses vormachen wollen:
    http://www.youtube.com/watc
    oder doch nur Marketingsprech für "Idioten, die alles kaufen, hauptsache teuer und es steht Bio- oder Öko drauf"?
    Klingt für mich irgendwie nach zu vielen einfachen Antworten.

  3. walter pumptow
    17. Mai 2009, 21:25 | #3

    Die esoterische Masche blüht und hat und treibt dementsprechend ihre Blüten. Ultimativer Kick bei dem ganze esoterischen Angebot ist es dass keine Selbsverantwortung übernommen werden muß, was ja wohl das einzig Wirksame im psychologischen Bereich wäre, und das man zum anderen mit gefährlichem Halbwissen glänzen kann.
    Hab jetzt viel über Heilpraktiker, Pseudomedizin und anderen Alternativmethoden gelesen und auch einige praktische Erfahrungen dazu gemacht. Einer Realitätsüberprüfung hält nichts von dem allem stand. Ich bin zwar selbst Heilpraktiker jedoch sehr schulmedizinisch orientiert und die Kritik Heilpraktikern ist wohl sehr berechtigt, doch dann wäre es doch im Interesse der Allgemeinheit das Heilpraktikergesetz ganz abzuschaffen oder aus dem Heilpraktiker einen Ausbildungsberuf zu machen mit staatlich reglementierten Vorgaben. Mein Interesse an Medizin und Psychologie bestand schon seit meinem 8.Lebensjahr und da ich nie die Möglichkeit bekam Abitur zu machen war dies der einzige Zugang zur Medizin für mich. Und jetzt bin ich wohl amtsärztlich geprüfter medizinischer Laie. Es ist schon hart dies zu hören, doch auch die Realität. Und was fang ich jetzt mit meinem Heilpraktiker an wenn ich nicht auf den esoterisch-energetischen Zug aufspringe? Hier ist guter Rat sicher teuer! So wie alles was sich in diesem obskuren Bereich bewegt. Und welcher Heilpraktiker lässt sich von einem Heilpraktiker behandeln? Diese Frage würde ich gerne mal überzeugend beantwortet bekommen. Als Heilpraktiker ist man blöd dran und das sagt einem keine der Schulen die ja letztendlich nur auf die Prüfung vorbereiten. Darum mach ich wohl selber eine Heilpraktikerschule auf in der man die ganze Wahrheit erfährt und auch kompetentes Handwerk mitbekommt, angelehnt an die ärztliche Ausbildung. Einer muß ja mal damit anfangen. Und wenn Mediziner davon überzeugt sind das die Heilpraktiker ja doch was können dann erlebe ich es vielleicht noch das der Heilpraktiker zum Ausbildungsberuf wird.

  4. 17. Mai 2009, 22:52 | #4

    Versuch:
    Hallo Walter ! Ehrliche Worte. Ich kann aber hier anscheinand nicht schreiben.

  5. Andreas
    17. Mai 2009, 22:54 | #5

    Ich glaube nicht jeder Heilpraktiker blöd dran war oder ist. Erinnern wir uns an den Juristen Manfred Köhnlechner, der auch mal im Hubschrauber zur eigenen exklusiven HP-Praxis geflogen kam (oder war das nur ein PR-Gag ?) und im damaligen wenigkanaligen Fernsehen als Wunderheiler auftrat. Und die Wikipedia jubel-äh behauptet unbelegt zu ihm: .. Es gilt als sein Verdienst, die Alternativmedizin in Deutschland aus einer Nischenexistenz herausgeholt und mit Hilfe der Medien populär gemacht zu haben…. Es scheint also auch am richtigen PR zu liegen um wirtschaftlich Erfolg als HP zu haben. Köhnlechner wohnte anscheinend auch am richtigen Promi-Ort.

  6. Andreas
    17. Mai 2009, 22:55 | #6

    Die jetzige Lösung mit der Prüfung beim Amtsarzt hat ja nur die Aufgabe Allerschlimmstes zu verhindern, lässt den Absolventen dann ohne praktische Erfahrungen auf Kranke und Gesunde los. Die teuren HP-Schulen würde ich alle vergessen. Ich glaube daß heute jeder irgendwie eine Hochschulreife erlangen kann – notfalls abends wenn man in einer Stadt wohnt, eine grosse Motivation macht das alles möglich. Es sollte die Möglichkeit geben das Medizinstudium durch andere Lerntechniken und Unterrichtsmethoden zu kürzen und zu verbilligen, sodaß mehr studieren können. Ich hätte alles über Onlinekurse und Gedrucktes lernen können, gerade die praktischen Handgriffe und Tricks. Und man sollte überlegen einen kleinen und großen Doktor machen zu können, mit Aufstieg vom kleinen zum grossen – mit anderen Kompetenzen. Ich habe Stunden und Stunden verloren durch Wartezeiten und Bummeleien bei drögen langweiligen Seminaren, die oft Km weit auseinder lagen und wo (oft) gelangweilte Ätzte gleich zu Beginn den Zettel unterschrieben haben – damit beiden Seiten (grinsende Studenten und übermüdete Ärzte) ihre Ruhe hatten. Gelernt haben wir da sowieso wenig, die verlorene Zeit fehlte mir zum büffeln. Gelernt haben wir in den Praktika und Famulaturen, also beim praktischen Arbeiten. Und das mussten wir selbst zahlen (Essen/Kittelreinigung/Anfahrten) und man konnte da auch kaum nebenher jobben und verschuldete sich. Am Ende hatte ich 40.000 Mark Schulden und war verzweifelt. Denkbar wäre auch ein Einstieg über Abi + Krankenpflegerausbildung bei gleichzeitiger (niedriger) Entlohnung der Arbeit – analog zu den Lehrlingen. Auch sollten die Unis die Möglichkeit bieten das Studium 50% theoretisch anzubieten und 50% als bezahlte (Hilfs-)Pfleger/innen, die ja gesucht sind.

  7. Udo
    18. Mai 2009, 11:38 | #7

    […] "Was ihnen [den Apothekern]fehlt, suggeriert Tiedtke, haben Ehrmann und Rohla: Ein Sortiment, das sie von anderen unterscheidet. Eines, für das die Kunden Preise zu zahlen bereit sind, die "erotische Margen" bescheren." […]

    Jaaaaaa, so wird es bestimmt auch kommen! Im "Sortiment" fehlen dann doch nur noch "erotische Artikel" zum anpreisen und verhökern…dann werden sich die "erotischen Margen" sicher noch weiter steigern lassen…

    […] "Den ganzheitlichen Ansatz will sie konsequent leben, mit Mülltrennung und Ökostrom. Stromfressende Leuchten hat sie ausgebaut und durch energiesparende ersetzt." […]

    Toll! Bleibt die Frage offen, in welcher "Tonne" denn der ganze "homoöpatische Müll" entsorgt wird? Aha, und Energiesparen will man dort auch noch…., am sinnvollsten wäre es vielleicht, man würde erst gar kein Licht im "Laden" anschalten, oder?

  8. 2. November 2010, 14:40 | #8

    Wenn es darum geht, Kurpfuscher anzuklagen, bin ich dabei.

    Darüber hinaus sollte man aber nicht die andere Seite, den Patienten, vergessen. Woher kommt das erstarkende Bedürfnis nach einer ganzheitlichen Behandlung? Vielleicht fühlen sich die Menschen von der Schulmedizin als „ganzheitlicher Mensch“ nicht genug ernst genommen.

    Natürlich werden die meisten bei einer ernsthaften Erkrankung, bei der zunächst eine Bekämpfung der Symptome notwendig ist, die Schulmedizin zu rate ziehen. Aber ist der Mensch zwangsläufig gesund wenn er keine organischen Krankheitssymptome mehr aufweist? Zur Gesundheit zählt per Definition auch das „Funktionieren“ der Psyche und des gesammten Organismus. Und hier versagt (auch) die Schulmedizin oder besser gesagt, hierfür fühlt sie sich überhaupt nicht verantwortlich.

    Und das ist auch verständlich. Das Problem besteht einfach darin, dass Gesundheit komplex und nicht linerar von wenigen Ursachen abhängt. Dadurch lassen sich Ursche-Wirkungszusammenhänge nur in begrenzten Teilbereichen untersuchen. Hier ist die wissenschaftlich basierte Schulmedizin der beste und einzig vertretbare Ansatz. Was jedoch darüber hinaus geht, lässt sich nur mit der subjektiven Wahrnehmung beurteilen.

    Aber im Gegensatz zu Schulmedizin nimmt sich der ganzheitliche Ansatz wenigstens dieser Problematik an.

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