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Blinde Frauen in der Brustkrebsdiagnostik

Die österreichische Zeitung Der Standard hat gestern ein sehr spannendes Interview mit dem Gynäkologen Dr. Frank Hoffmann online gestellt, der in der Brustkrebsdiagnostik tätig ist und eine verblüffend einfache und hochinteressante Idee hatte:

Warum nicht die Abtastung der Brust zur Erkennung von Knoten durch blinde Frauen durchführen lassen? Blinde haben einen ausgeprägteren Tastsinn (teilweise zumindest, siehe z.B. Tactile acuity is enhanced in blindness. ) und sollten daher nach Ausbildung besser darin sein als Ärzte. Soweit die Idee.

Laut Artikel und Webseite hat sich die Methodik in den letzten Jahren in einem Pilotprojekt und darüber hinaus bewährt, und der in diesem Sinne neu geschaffene Berufsstand der Medizinischen Tastuntersucherin (MTU) ist bereits erfolgreich im Einsatz. 14 blinde Frauen sind in Deutschland angestellt oder freischaffend unterwegs.

Um die Untersuchung nachvollziehbar und beschreibbar zu machen, wurde ein Verfahren entwickelt, das jeden Punkt der Brust bezeichnet. Dadurch kann die Untersucherin die Position des Knotens exakt nennen und Missverständnisse werden vermieden. Es ist wohl wichtig zu betonen, dass diese Untersuchung andere Formen der Diagnostik wie Ultraschall und die Mammographie nicht ersetzen soll, nur die Abtastungsuntersuchung wird damit verbessert. Verantwortlich bleibt der Arzt. Ärzte, die meist nur wenige Minuten Zeit für die Untersuchung haben, erklärt Dr. Hoffmann, entdecken Knoten ab einer Größe von ca. 1,5 cm. Die blinden Untersucherinnen aber schon ab sechs bis acht mm.

Sehr spannend.

Wir sind da allerdings immer etwas skeptisch. Die Idee an sich klingt durchaus plausibel, uns fehlen aber die überprüfbaren Zahlen. Wir würden uns eine unabhängige Studie zum Thema wünschen, z.B.: Ärzte, Sehende, Frauen, die sich selbst untersucht haben und Blinde Untersucherinnen zum Vergleich. Interessant wäre zu ermitteln, welchen Einfluss die Blindheit auf die taktilen Fähigkeiten in dem Bereich hat. Wieviel Einfluss hat die Spezialisierung auf die Untersuchung bzw. welchen Anteil hat die Ausbildung der MTUs an ihrer Quote. Auch die Dauer der Untersuchung ist interessant. Welchen Einfluss hat die „Extrazeit“, die sich die MTUs für die Patientin nehmen können?

Mehr erfährt man zu diesem Projekt auf der Webseite discovering hands und im erwähnten Interview.

Hier ein Video, in dem der Arzt seine Methodik beschreibt:

  1. Cicero
    6. Februar 2012, 13:19 | #1

    Klingt interessant, ich freue mich dann schon mal auf blinde Männer fürs Abtasten der Prostata bei der digitalen rektalen Untersuchung zur früherkennung des Prostatakarzinoms..

  2. anon
    9. Februar 2012, 16:11 | #2

    Warum nur (blinde) Frauen. Die Verbesserung des Tastsinns stellt sich ja auch bei blinden Männern ein. In diesem Job daher nur Frauen zuzulassen, ist also eine unzulässige Diskriminierung.

    Und für mich als (sehenden) Mann wäre das ein Traumjob. 🙂

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