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Homöopathie gegen Unfruchtbarkeit

Eigentlich wollten wir nicht mehr so viel über Homöopathie bloggen, ist ja im Wesentlichen wie ein totes Pferd treten. Mittlerweile weiß jeder, der sich ein wenig informiert, dass das Zeug wirkungslos ist.

Aber da gerade die „Woche der Homöopathie“ stattfindet, wollen wir mal nicht so sein. Auch wenn wir gerade zwei Beiträge gebracht haben – einen über eine Homöopathin, die einen Kritiker abmahnt und einen über eine homöopathische Klinik, die AIDS-Kranke behandelt – gibt es doch noch mehr Nachrichten aus Hogwarts.

Im englischsprachigen Raum findet man übrigens zur „World Homeopathy Awareness Week“ so einiges, aber die Beteiligung seitens deutscher Homöopathen scheint eher mau. Auf der Homepage des Verbandes der klassischen Homöopathen finden sich für Deutschland ganze 12 Veranstaltungen bzw. Vorträge dazu.

Nach homöopathischen Prinzipien macht das ja durchaus Sinn: Wenn man gar nicht drüber redet, wissen danach alle Bescheid. Nichts tun für maximale Wirksamkeit. Möglichst wenig Veranstaltungen, damit alle teilnehmen konnten. Für nächstes Jahr schlagen wir vor, das Prinzip in noch höherer Potenzierung anzuwenden.

Das Thema der aktuellen Weltwoche der Homöopathie ist, wie der Titel schon andeutet: Unfruchtbarkeit.

Die Homöopathen behaupten, dass sich damit der lang ersehnte Kinderwunsch erfüllen kann. Aber als Beweis, dass Homöopathie für den Kinderwunsch hilfreich ist, werden auf der Homepage ganze 2 Studien genannt. Na, immerhin nicht nichts.

Das RatioBlog hat sich der Frage „Macht Homöopathie Kinder“ dem Anlass entsprechend angenommen und eine der Studien im Detail besprochen. Kurzes Fazit: Die Studie ist eher peinlich.

Die zweite Studie, „Homöopathische Behandlung bei weiblicher Unfruchtbarkeit“ von I. Gerhard, C. Keller und B. Monga 1995, ist auch nicht viel besser. Sie wird übrigens auf entsprechenden Seiten sehr gerne zitiert.

Ein schneller Blick auf die Studie zeigt eine interessante Methodik. 182 gesunde Frauen (Kranke wurden „ausgemustert“) mit längerem Kinderwunsch wurden 6-12 Monate lang homöopathisch behandelt und nach 2 Jahren wieder angerufen und befragt. 168 haben geantwortet. 47 wurden in der Zeit, in der sie homöopathisch behandelt wurden, (oder kurz darauf) schwanger.

Oder mit anderen Worten: Von 168 gesunden Frauen mit Kinderwunsch wurden innerhalb eines Jahres 47 schwanger. Sowas aber auch.

Wir gratulieren den „Forschern“, die offenbar noch nie etwas von Kontrollgruppen gehört haben.

Vielleicht hilft ein Schnellkurs in wissenschaftlicher Arbeit:
Sinnvoll wäre es gewesen, die 182 Frauen in zwei Gruppen zu teilen. Gruppe 1 erhält Mittelchen X, Gruppe 2 ein Placebo. Die Ausgabe erfolgt verblindet (ja, das geht). Wenn dann tatsächlich in der Gruppe 1 signifikant mehr Frauen schwanger werden, hat man ein wissenschaftlich anerkanntes Ergebnis.

Aber so? So hat man gar nichts gezeigt.

Ein wichtiges Detail: Bei der Studie wurden die Frauen mit verschiedenen Tinkturen „behandelt“, da verschiedene Homöopathen tätig waren und jeder sein „Lieblingsmittel“ an die Frau brachte. Auch kein Qualitätskriterium für eine Studie.

Einige der Mittel enthielten Wirkstoffe in D2-D4 Verdünnung! Man muss hier sehr aufpassen: obwohl sich dieses Zeug Homöopathie nennt, könnte ein Stoff bei solch niedriger Verdünnung tatsächlich wirksam sein, da er noch vorhanden ist! Da die Studie insgesamt aber eher wertlos ist, weiß man leider gar nichts.

Die englische Webseite zur Themenwoche Homöopathie macht das viel schlauer. Die erwähnen so schlimme Worte wie Studien (*schauder*) erst gar nicht. Wieder das Grundthema der Homöopathie: Weniger ist mehr! Kein Beweis ist der beste Beweis!

  1. 16. April 2012, 00:55 | #1

    Ich habe heute meinen PC angemacht und dann hatte ich hunger. Also: auf einen Bildschirm zu schauen macht hunger. Ist doch logisch!

    Errinnert mich ein wenig an die Statistik der Church of the Flying Spaghetti Monster, die besagt, dass der Klimawandel von der Anzahl der Weltweit existierenden Piraten abhängt (http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:PiratesVsTemp-de.svg&filetimestamp=20100816115036)

  2. Tupper
    16. April 2012, 01:08 | #2

    „Aber so? So hat man gar nichts gezeigt.“

    Kicher, kicher … aber doch: man hat gezeigt, dass Frauen mit Kinderwunsch auch schwanger werden (können)!
    Erstaunlich 🙂

  3. 16. April 2012, 02:02 | #3

    Na, also ich muss doch sehr bitten, den Namen meiner Schule nicht so sehr in den Schmutz zu ziehen… Tss, als ob bei uns solch eine Quacksalberei im Curriculum stünde… 😉

    Ähm, ja.

    Bei http://wahrsagercheck.wordpress.com/ findet man übrigens auch ein paar schöne Artikel zur Woche der verschüttelten Hirne… 😉

  4. Dolph
    16. April 2012, 02:39 | #4

    Ich weiß gar nicht was ihr wollt. Das Design der Studie entspricht doch genau dem geistigen Horizont der Jünger. Es ist exakt diese „Aber es wirkt doch!“-Kacke mit der man in den einschlägigen Diskussionen immer wieder konfrontiert wird, bis man nur noch das Gesicht in den Händen vergraben möchte. Der Sinn von Kontrolle erschließt sich denen nicht.
    IMO ist das also Marketing at its finest, da ich eigentlich doch davon ausgehe, dass die betreffenden „Wissenschaftler“ genau wissen, was sie da für einen Käse machen. Ist doch toll, man hat quasi eine „Erfolgsgarantie“ und geht keinerlei persönliches Risiko ein.

  5. 16. April 2012, 06:48 | #5

    @Dolph

    Stimmt, bei der Tante des Vaters der Nachbarin einer alten Schulfreundin meiner Mutter hat das auch funktioniert. Damit ist das ja wohl bewiesen. Und außerdem, wer heilt, hat recht.
    (Himmel, ich diskutier wohl zuviel mit den Anhängern der „sanften, natürlichen Alternativmedizin“…)

  6. eeeeee
    16. April 2012, 16:02 | #6

    In Deutschland steht halt Homöopathe in jeder Apotheke, und die Krankenkassen zahlen das sogar teilweise. Wenn sie drüber reden, würden die Leute drüber nachdenken und recherchieren und eher von der Homöopathie weggehen. Deshalb ist in Deutschland das beste, es einfach so zu lassen, wie es ist. Bloß keine öffentliche Debatte auslösen.

    Im angloamerikanischen Raum gibt es diesen ganzen Heilpraktikermurks gar nicht in so einer staatlich gestützten Form. Wenn man sich das Heilpraktikergesetz ansieht, sieht man auch sofort, warum es den ganzen Quatsch überhaupt gibt: Nazi-Propaganda gegen die böse jüdische Wissenschaft.

  7. 16. April 2012, 16:06 | #7

    Die haben dafür Chiropraktiker.

  8. eeeeee
    16. April 2012, 16:15 | #8

    @Cohen

    Da hast du Recht. Aber Chiropraktiker ist Betrug auf einem ganz anderen Level. Es ist beides gefährliche Pseudomedizin.

    Chiropraktik widerspricht die Wirkung aber nicht dem physikalischen Weltbild. Bei Chiropraktik ist die Wirkung die Gefahr: Die Wirbelsäule ist empfindlich und Schäden an der Wirbelsäule haben starke körperliche Behinderung zur Folge.

  9. Statistiker
    16. April 2012, 20:43 | #9

    @ Lukas: Das Evangelium des FSM ist so ehrlich, dass es ausdrücklich darauf hinweist, dass gar keine Beweise notwendig sind.

    Aus dem Evangelium des FSM: „Es mag wohl stimmen, dass wir keine empirischen Beweise für diese Theorie haben. Bedenken Sie jedoch den Präzedenzfall, den die Anhänger des Intelligent Design geschaffen haben. Nachprüfbare Beweise sind demnach nicht erforderlich, wenn man eine neue Theorie in den Lehrplan aufnehmen möchte. … Aber zumindest steht sie [die Theorie] auf einem soliden wissenschaftlichen Fundament und ist so glaubhaft, dass sie gemeinsam mit anderen unbewiesenen Theorien in den Lehrplan aufgenommen werden könnte.“

    Da krieg ich doch schon wieder auf Spaghetti mit Hackbällchen und Tomatensauce, was die Existenz der nudeligen Heiligkeit ja mal wieder beweist.

    Seit ich das Evangelium des FSM unter meinen Arbeitskollegen verbreite (fast alles Ingenieure, die der Wissenschaft ja nicht abhold sind), findet das FSM immer mehr Anhänger. Die Argumentation ist zwar absurd, aber logisch und entlarvt diese Bastarde vom ID, der Homöopathie etc. absolut treffend. Und das FSM zwingt zum Nachdenken…..

    Was soll ich sagen: Ich liebe das FSM…..

  10. ElkeO
    17. April 2012, 00:29 | #10

    Immer wieder erheiternd wie wenig Ahnung Homöopathen von Homöopathie haben:

    http://www.worldhomeopathy.org/whyhomeopathy.html

    „….Homeopathic remedies cannot cause side effects when properly taken and you cannot become addicted to them. They also do not interfere with conventional medications….“

    Und was schreibt Meister Hahnemann im Organon § 52 ?

    „….Es giebt nur zwei Haupt-Curarten: diejenige welche all ihr Thun nur auf genaue Beobachtung der Natur, auf sorgfältige Versuche und reine Erfahrung gründet, die (vor mir nie geflissentlich angewendete) homöopathische und eine zweite, welche dieses nicht thut, die (heteropathische, oder) allöopathische. Jede steht der andern gerade entgegen und nur wer beide nicht kennt, kann sich dem Wahne hingeben, daß sie sich je einander nähern könnten oder wohl gar sich vereinigen ließen, kann sich gar so lächerlich machen, nach Gefallen der Kranken, bald homöopathisch, bald allöopathisch in seinen Curen zu verfahren; dieß ist verbrecherischer Verrath an der göttlichen Homöopathie zu nennen!…“

  11. Minerva
    18. April 2012, 12:10 | #11

    eeeeee :@Cohen
    Chiropraktik widerspricht die Wirkung aber nicht dem physikalischen Weltbild. Bei Chiropraktik ist die Wirkung die Gefahr: Die Wirbelsäule ist empfindlich und Schäden an der Wirbelsäule haben starke körperliche Behinderung zur Folge.

    Ach würde sich die Chiropraktik doch auf die Wirbelsäule beschränken – aber tatsächlich gibt es Chiropraktiker, die auch Allergien heilen und alles andere, was durch „Blockaden“ blockiert sein kann.

  12. Torsten
    20. April 2012, 12:54 | #12

    Also ich behandle meinen Sohn bei Stürzen oder Prellungen immer homöopathisch.
    Dafür hab ich extra ein Arnica C30 Kügelchen in eine Tüte Gummibärchen getan und mit die Tüte 50 mal auf den Kopf (Haut = Leder) geschlagen.
    Immer wenn mein Sohn nun hinfällt und eines der mit Arnica Informationen gesättigen Gumibärchen isst hört er sofort auf zu weinen. Wenn da kein Beweiß ist…

  13. 22. April 2012, 18:27 | #13

    Beim Geburtsvorbereitungskurs hat uns die Tante erzählt, dass vor der Geburt zur „Lockerung“ ein Schlückchen Sekt oder bei Geburtsschmerzen auch Homöopathisch geholfen werden kann.

    Das erste mal, dass ich gleich zweimal einen großen Facepalm machen musste in einer Unterrichtseinheit.

  14. 29. April 2012, 16:57 | #14

    Die Wirksamkeit von Heilwässern und Heilbädern ist historisch verbürgt, auch über den Wirkmechanismus wurde schon früh spekuliert ( 🙂 ):
    http://www.kaiserstadt.info/geschichte-der-stadt-bad-ischl/
    „… immerhin halfen die Ischler „Badekuren“ den Eltern des späteren Kaisers Franz Joseph, ihre Unfruchtbarkeit zu besiegen. So kamen die vier Söhne zum Spitznamen „Salzprinzen“ und Ischl zum Ruf als reizvolles Gebirgsstädtchen mit wirksamen Kuranwendungen.“
    Die „Traditionen“ der Homöopathie sind dagegen blass und verkopft.

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