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Biosemiotic Entropy: Disorder, Disease, and Mortality: Oder wie ein Journal vom Wahnsinn gepackt wird

Vor wenigen Wochen erschien eine Spezialausgabe „Biosemiotic Entropy: Disorder, Disease, and Mortality“des online Physik-Journals „Entropy“, die man getrost als „merkwürdig“ bezeichnen kann. In dieser Spezialausgabe des Physik Journals sind nämlich mehrere fragwürdige pseudomedizinische Arbeiten erschienen. Man würde wirklich ziemlich gerne wissen, was da geschah. Wir möchten ein wenig spekulieren, wie es zu dieser Ausgabe kam und dann auch ein paar Worte zu den Arbeiten verlieren.

Ein Kommentator in den englischen Scienceblogs vermutet, dass es sich um ein „vanity model“ handelt, bei dem Autoren einfach für die Publikation bezahlen (in diesem Fall 1200 CHF). Der Job des Editors ist es, die Autoren zu „rekrutieren“.

Ob diese These stimmt oder nicht, können wir nicht sagen, aber bevor wir uns einigen Arbeiten zuwenden, wollen wir uns mal den verantwortlichen „Guest Editor“ genauer ansehen.

Prof. Dr. John W. Oller Jr. hat einen Titel in Linguistik und mit Physik offenbar recht wenig am Hut. Aber gut, Kenntnisse der Sprachwissenschaften mögen einem Editor nicht schaden, er muss ja die Artikel nicht zwingend fachlich beurteilen. Erfahrung mit Literatur hat er, er ließ es sich nicht nehmen, vor ein paar Jahren ein Buch mit dem Titel „Autism: The Diagnosis, Treatment, & Etiology of the Undeniable Epidemic“ zu äh (v)erbrechen.

Stammleser werden beim Buchtitel wohl schon ein leises Ziehen in der Magengrube verspüren. Spätestens beim Blick ins Vorwort wird einem alles klar. Das hat nämlich Andrew Wakefield geschrieben. Und nicht etwa vor 10 Jahren, bevor Wakefields Machenschaften aufgeflogen waren, sondern erst 2009. Was man so über das Buch findet, legt nahe, dass Oller sich durch Fakten nicht behindern ließ. Im Endeffekt werden die alten, längst widerlegten Geschichten zu Thiomersal und Autismus aufgewärmt.

John Oller ist auch ein gottesfürchtiger Mann, wie er in der Bibel steht. Oh, ja! Und Amen. So hat er seine Universität schon wegen Diskriminierung verklagt. Offenbar waren Uni sowie einige Mitprofessoren voll gemein zu ihm. Und das nur, weil er Kreationist ist und an Intelligent Design glaubt. Ach ja, und weil er gefährlichen Blödsinn über Autismus verzapft.

Man fragt sich: Ein KreationistenImpfgegner, der für ein Physik-Journal medizinische Artikel herausgibt? Was kann da schief gehen?

Versetzen wir uns in ihn hinein: So, da ist man nun Editor und muss ein Journal mit Artikeln füllen. Und die Wissenschaftler und Professoren der eigenen Uni mögen einen nicht. Eine schwierige Aufgabe? Neeee. Man kennt ja Pseudowissenschaftler, die sich freuen, wenn sie irgendwo abgedruckt werden.

Allen voran Stephanie Seneff, die sich mit ganzen 7 Arbeiten (eine weitere in Planung) in dem Journal verewigt. Eine ganz schöne Leistung (und Stange Geld), da das Journal überhaupt nur 10 Arbeiten enthält. Wir wollen uns im Weiteren auf Frau Seneff konzentrieren, einfach aus Mengengründen.

Eine weitere Arbeit „The Completed Self: …“ von einem Veterinär (der laut Homepage einen Nicht-Traditionellen Ansatz verfolgt …) entzieht sich uns in seiner Bedeutung vollständig. Falls sich jemand den Text durchlesen möchte: ein Review ist auf jeden Fall willkommen, wir wären aber schon mit einer kurzen Erklärung, was er der Welt mit der Arbeit überhaupt sagen will, zufrieden. Es scheint einfach nur Blafasel zu sein.

Frau Seneff jedenfalls ist von Beruf Informatikerin beim MIT und hat mit Autismus, Impfstoffen, Gentechnik und so einigem mehr eigentlich nichts zu tun. Die Mitautoren scheinen im Normalfall ebenfalls fachlich eher unbeleckt zu sein.

Orac von den Scienceblogs hat sich schon eine der Arbeiten vorgenommen und man merkt, wie schwer es ihm fiel, sich durch den Text zu beißen. Ein Problem, das man nachvollziehen kann, wenn man selbst in die Arbeiten reingelesen hat.

Es handelt sich bei allen Arbeiten um Review Papers, d.h. es wird keine eigene Forschung durchgeführt, sondern nur andere Arbeiten betrachtet und eine Kombination/Zusammenfassung geliefert. Ziel ist es dabei eher, eine kurze und prägnante Synthese mehrerer Arbeiten herzustellen. Die Forschung und die Hintergründe werden ja durch die zitierten Arbeiten geliefert, es ist nicht nötig auszuufern.

Blickt man in ein hochrangiges Journal, stellt man fest, dass ein typisches Review (inklusive Referenzen) bei etwa 7 Seiten liegt. In der Kürze liegt die Würze, könnte man sagen.

Diese Dokumente scheinen im Gegenteil darunter zu verstehen, möglichst lange und komplizierte, im Konjunktiv geschriebene Texte zu produzieren, was das Lesen äußerst schwierig macht. Die Arbeiten haben dabei eine Länge von 24 bis 47 Seiten. Möglichst viele Buzzwörter und Referenzen, egal ob sie sinnvoll sind oder nicht, werden zu einem Brei vermengt. Man fragt sich, wer die Artikel Peer Reviewed hat. Linguisten?

Da es unmöglich ist, diese Masse in einem Blog zu behandeln, werden wir uns auf grundsätzliches einschränken müssen. Einen Artikel werden wir in einem folgenden Blogartikel gesondert betrachten, da er in den Medien relativ viel Aufmerksamkeit erregt hat.

Erst einmal ist zu anzumerken, dass ein Teil der zitierten Arbeiten längst als Pseudowissenschaft diskreditiert sind. So wird zum Beispiel ohne Scham auf Wakefields Studie verlinkt, die wegen der Datenfälschung längst zurückgezogen und diskreditiert ist. Orac nennt in seiner mühevollen Analyse zu der einen Arbeit, die er betrachtet hat, weitere Beispiele, wie z.B. die Arbeiten von Wirtschaftsprofessorin deLong (hier zerlegt) und Mark Geier (ein professioneller Zeuge, der seine Zulassung verlor, weil er mit falschen Tests Autismus diagnostizierte und teure, wirkungslose Therapien verkaufte), die einer kritischen Prüfung nicht standhält.

Wenn man seine eigenen Thesen auf falschen Daten/Arbeiten aufbaut, dann hat man schon prinzipiell auf Sand gebaut.

Zweitens muss sehr oft die VAERS Datenbank (Vaccine Adverse Event Reporting System als „Beweis“ herhalten. In dieser Datenbank kann jeder einen möglichen Impfschaden melden. Diese Meldungen werden im Wesentlichen nicht geprüft; so wurde z.B. auch ein Eintrag, dass sich ein Kind nach der Impfung in Wonder Woman verwandelt hat, problemlos akzeptiert. Der Wert des Systems liegt darin, dass Verdachtsfälle dokumentiert werden, es ist allerdings nicht als Beweisgrundlage geeignet. Ein weiteres Problem ist, dass das System durch Klagsfälle korrumpiert wurde. Als Anwälte wegen angeblicher Impfschäden zu klagen begannen, wurde das System mit Meldungen geflutet.

Irgendwelche Meldungen in dieser Datenbank kann man daher nicht als Beweis verwenden, sondern höchstens als Hinweis, in diese Richtung Untersuchungen zu starten.

Besonders witzig ist in dieser Hinsicht eine Studie, die sich mit dem schönen Titel Empirical Data Confirm Autism Symptoms Related to Aluminum schmückt und folgende Beweisführung verwendet:

This paper investigates word frequency patterns in the U.S. CDC Vaccine Adverse Events Reporting System (VAERS) database. Our results provide strong evidence supporting a link between autism and the aluminum in vaccines.

Jetzt mal abgesehen von der „sehr speziellen“ Vorgehensweise, bei der überhaupt nichts bewiesen wird, fällt dann im Text noch folgendes auf:

Since MMR contains neither aluminum nor mercury, it is puzzling that children with the autism diagnosis seem to be highly sensitive to it.

Dieser Satz ist glänzend in seiner Absurdität. Wakefield, der diesen Zusammenhang behauptet hat, wird einerseits zitiert, aber wenn es gerade nicht zu dem, was man gerade beweisen will passt, ist es verwirrend.

Hier wurde von Frau Seneff wohl etwas anderes „entdeckt“: Dass Studienfälscher wie Wakefield und Starlets wie Jenny McCarthy erfolgreich Angst gesät haben.

Drittens wird der aktuelle wissenschaftliche Konsens falsch dargestellt. So wird z.B. behauptet, dass ein Zusammenhang Impfungen < -> Autismus „heftig debattiert“ werde. Das entspricht nicht den Fakten. Große Studien wurden durchgeführt und kein Zusammenhang festgestellt. Diese Theorien lassen sich nur dadurch aufrecht erhalten, dass man wie oben schon erwähnt diskreditierte und faktisch falsche Studien zum Thema als korrekt darstellt und gleichzeitig allgemein akzeptierte und saubere Studien abwertet.

Und daraus folgt, dass die Schlüsse, die in dem Review gezogen werden, dann einfach wertlos sind. Genau genommen wurden wohl die Schlüsse zuerst gezogen und auf dieses Ziel hin die Arbeiten geschrieben. Es sind Konstruktionen, die auf einer Glaubensbasis aufbauen. Es werden mit aller Gewalt Zusammenhänge hergestellt, weil man will, dass sie existieren. Dabei werden Fakten ignoriert, wenn sie dem eigenen Glaubenssystem im Weg stehen.

Im zweiten Teil dieses Artikels werden wir einen Blick auf den Artikel „Glyphosate’s Suppression of Cytochrome P450 Enzymes and Amino Acid Biosynthesis by the Gut Microbiome: Pathways to Modern Diseases“ werfen, der behauptet, dass Glyphosat schlicht an praktisch allem Schuld ist, von Herzkrankheiten über Krebs bis hin zu Autismus.

  1. Michael
    22. Juni 2013, 12:28 | #1

    Die Länge eines Reviewartikels sagt nicht grundsätzlich etwas über seine Qualität aus – ich kenne durchaus auch (peer-reviewed) Reviewartikel die 20 und mehr Seiten haben. Die hier genannten Beispiele sind aber wir nur Bull shit.

  2. Entropy
    22. Juni 2013, 13:33 | #2

    Wiklich erschreckend, was für ein Schwachsinn dann als publiziert gilt. Echt zum Haare raufen, das raubt dem Wissenschaftsbetrieb durchaus einen Teil seiner Glaubwürdigkeit.

  3. ZockBockRockt
    23. Juni 2013, 18:22 | #3

    Entropy :Wiklich erschreckend, was für ein Schwachsinn dann als publiziert gilt. Echt zum Haare raufen, das raubt dem Wissenschaftsbetrieb durchaus einen Teil seiner Glaubwürdigkeit.

    Nein, so ist das nicht ganz. Die Publikation stellt im Grunde ein Medium dar, indem Daten/Hypothesen/Theorien in einer nachvollziehbaren Form dargestellt werden. In einem peer-review Prozess wird grundlegend nur davon ausgegangen, dass Basiskriterien (z. B. Sinnhaftigkeit des Experimentes, Darstellung und Umfang der Inhalte) des wissenschaftlichen Arbeitens erfüllt werden. Neben der Publikation gibt es noch weitere Formen, wie Redebeiträge auf Tagungen. Der eigentliche wissenschaftliche Review-Prozess beginnt quasi danach durch die wissenschaftliche Gemeinschaft. Das ist auch konsequenter, da ein peer-review Verfahren in der Regel nur von 2 bis 4 Gutachtern durchgeführt wird. Diese können nie die gleiche Expertise aufweisen, wie die Gesamtheit aller Wissenschaftler. Der Wissenschaftsbetrieb verliert nur dann seine Glaubwürdigkeit, wenn er nicht in der Lage ist die verfügbaren Mittel (z. B. Letter to the Editor, kritische Kommentare, Alternative Hypothesen und Theorien) auszunutzen, um Aussagen in Publikationen als falsch zu kennzeichnen. Was wird langfristig mit solchen Arbeiten passieren? Im Grunde das was immer damit passiert. Kein seriöser Wissenschaftler wird diese Arbeiten „im Sinn der Autoren“ zitieren oder auf deren Grundlagen aufbauen können, sprich sie wird als falsch (falsifiziert) gekennzeichnet und langfristig irrelevant. Insofern keine Panik, Wissenschaft funktioniert und ist glaubwürdig. Die Gesellschaft nutzt die wissenschaftlichen Erkenntnisse. Erst wenn solch Unsinn in großem Umfang in (Schul-)Lehrbüchern und Allgemeinwissen sich einnistet kann man sagen, dass der Wissenschaftsbetrieb unglaubwürdig ist und ein Versagen vorliegt.

  4. Un Bekannt
    24. Juni 2013, 13:19 | #4

    Der „Wissenschaftsbetrieb“ (ich hasse dieses Wort) weiß sehr wohl mit so einem Müll umzugehen und wird den Quatsch zerreissen oder schlicht ignorieren.
    Dummerweise werden Leute außerhalb des „Wissenschaftbetriebs“, die nur über Halbwissen verfügen und solche „Ergebnisse“ nur nebenbei hören, diesen Breischreibern Kredit zuwürdigen und verunsichert. Wer nicht Wissenschaft betreibt oder auch nur einen Teil Sachkenntnis hat, ist dem schutzlos ausgeliefert. Solange man dann nicht mißtrauisch wird und der Sache nachgeht, bleiben falsche Vorstellungen haften.

    Außerdem ist ja jemand, der gegen den eingefleischten „Wissenschaftsbetrieb“ angeht ja irgendwie so was von einem Rebell, da muss dann ja was dran sein, auch wenn’s nur ein Spinner ist.

    Um so mehr kann ich diese Esoterik-/Pseudowissenschafts-/Aluhutfraktion nicht ausstehen.

  1. 24. Juni 2013, 11:00 | #1

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