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Management und Esoterik

Eigentlich… ist eigentlich ein Unwort. Doch in diesem Zusammenhang macht dieses Unwort Sinn. Denn eigentlich sollte man meinen, dass die deutschen Wirtschaftsunternehmen rein rational getrieben sind. Klar, es gibt signifikante Unterschiede zwischen den kleinen Betrieben, dem klassischen deutschen Mittelstand und den großen Konzernen. Doch eines sollten sie gemein haben: Fakten als Fundament und klare betriebswirtschaftliche Spielregeln… Eigentlich.

Doch der Einfluss der Esoterik macht auch vor Vorstandsetagen – und besonders vor Personalvorständen – nicht Halt. Auf der ständigen Suche nach Optimierungspotentialen in der Personalentwicklung sind die Verantwortlichen die Getriebenen. Der immer unübersichtlicher werdende Markt der selbst ernannten Trainer- und Coach-Gurus treibt die wildesten Blüten.

Richtig ernst wurde es gegen Ende der 90er-Jahre. Jürgen Höller galt als Vorreiter des Motivations-Trainers. Zu seinem Repertoire gehörte u. a.: Barfuß über Glasscherben laufen, positives Denken [1] und NLP [2].

Dies zog zahlreiche Nachahmer nach sich, bis die medienwirksame Pleite, rechtskräftige Verurteilung wegen Meineid und Steuerhinterziehung und die daraus resultierende Haftstrafe des Jürgen Höller die Welt der Gurus in ein kritisches Licht rückte.[3]

Nun sollte man denken, die Verantwortlichen aus den Personalabteilungen hätten daraus gelernt – weit gefehlt! In der Gegenwart ist dieses Thema immer noch präsent – nur nicht ganz so marktschreierisch wie zu Höllers Zeiten. Das haben die Motivations-Gurus gelernt: Sie kommen mittlerweile auf leisen Sohlen daher. Natürlich finden sich Angebote zu NLP tagesaktuell im Netz. Selbst im als seriös geltenden Business-Netzwerk „Xing“ machen sich die Gurus breit. Gibt man bei „Xing“ den Suchbegriff „NLP“ ein, so werden „+10.000 Treffer“ angezeigt. Gruselig.

Schaut man sich die Web-Seiten dieser Anbieter an, ist auf den ersten Blick zu erkennen, dass diese ganz offen das Neurolinguistische Programmieren bewerben. NLP kann gefährlich sein, wird diese Methode meist zur Manipulation eingesetzt. Dass NLP wissenschaftlich nicht anerkannt ist, versteht sich daher fast von selbst. Dafür sind die Kurse umso kostspieliger, je mehr sie ihre Teilnehmer „qualifizieren“. Als „Einsteiger“ zahlt man bei einem Anbieter 95,00 EUR. Wer dann den Kurs zum „Practitioner“ machen möchte, muss bis zu 1.980,00 EUR hinblättern. Doch es geht noch mehr: Der „Master“ ist für schlappe 2.200,00 EUR zu haben. Das kann dann nur noch der Kurs zum „Coach“ toppen: Hier sind Sie für 3.490,00 EUR dabei. Nicht zu vergessen ist das Supervisionsmodul für 200,00 EUR. Da Sie aber ganz von vorne anfangen müssen und ein Kurs auf dem anderen aufbaut, werden Sie bis zum Coach inkl. Supervision 7.965,00 EUR benötigen.[4] Und das alles für eine fragwürdige Technik aus dem Reich der Pseudowissenschaften und nur ein Beispiel von vielen.

Hier ist eine Filterung durch kritische Personalreferenten und Manager recht einfach möglich. Schwieriger wird es bei Anbietern, welche die Kurse mit esoterischen Inhalten verdeckt anbieten. Es fällt auf, dass ein Name auch bei ansonsten seriösen Anbietern immer wieder auftaucht. Dieser Mann hat es sogar in das Wiki von Psiram geschafft: Gerald Hüther [5]. Beispiele für seriös auftretende Anbieter sind z.B. das „Forum für Führungskräfte“[6] und die mit guter Reputation versehene Organisation „Management Circle“. Diese bietet einen Tag mit Prof. Gerald Hüther unter dem Schlagwort „Neurowissenschaft und Führungskunst an.[7]

Mit der Soziologie der Managementesoterik hat sich ein gewisser Dr. Viktor Lau beschäftigt. Er macht auf der Seite „Sektenwatch.de“ seinem Frust über den esoterischen Einfluss bei Management-Seminaren ordentlich Luft. Diese Luft hat sogar ausgereicht, um ein ganzes Schwarzbuch mit dem Untertitel „Spinner in Nadelstreifen“ (nicht zu verwechseln mit dem Buch „Nieten in Nadelstreifen“) darüber zu schreiben.[8]

Wann sollte der geschätzte Manager also skeptisch werden? Immer dann, wenn z.B. folgende Schlagworte in den Seminarzielen auftauchen:

NLP, Tiere als Co-Trainer, Transaktions-Analyse, Typologische Psychologie, Zen-Leadership …

Es ist geboten, sich eine Übersicht zu verschaffen und seriöse von unseriösen Angeboten zu unterscheiden.

Nun mag man denken, dass diese Seminare der durchschnittlich begabten mitteleuropäischen Führungskraft nicht schaden. Das sieht Dr. Lau ein wenig differenzierter. Die Gründe für den Zuspruch der Seminare mit esoterischem Hintergrund beschreibt Dr. Lau u. a. so:

Andauernde Erosion der Staatskirchen, Wegfall des Ost-/Westkonfliktes , Multi-Optionsgesellschaften und Bastelreligionen, Verunsicherung durch (gefühlte) Erosion der gut ausgebildeten, gut verdienenden oberen Mittelschicht, der Kult ums eigene Ich, alternative Medizin als integraler Bestandteil der Lebensführung.

Die aus diesen Seminaren resultierenden Gefahren beschreibt Dr. Lau wie folgt:

Pathologisierung und Verunsicherung von Führungskräften und Mitarbeitern, Verschwendung betrieblicher Mittel und Ressourcen, Entprofessionalisierung der Personalentwicklung; Verlust des (rationalen) Unterscheidungsvermögens, Rechtsverstöße, Einführung destruktiver Konzepte von Hierarchie, Elite und Leistung; Ideologisierung der Unternehmens- und Mitarbeiterführung, Entsolidarisierung; Verlust der gemeinschaftlichen Orientierung.

Zusammenfassend gesagt ist der esoterische Einschlag bei den beruflichen Seminaren gefährlich, bis hin zur Gefährdung des Unternehmens und der Arbeitsplätze selbst.[9] Gefährlich aber auch, weil er versteckt daher kommt.

Die Gefahr ist gegeben, dass unbedarfte Manager ihre Führungskräfte und sich selbst in bester Absicht zu solchen Seminaren schicken. Man kann daher nur an die Seminarverantwortlichen der Unternehmen appellieren: Schauen Sie sich die Inhalte genau an. Prüfen Sie die Inhalte auf oben genannte Schlagworte und googeln Sie die Namen der Referenten. Es gibt genügend seriöse Seminare, die Sie an das gewünschte Ziel bringen.

Mehr zum Thema:

http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/management-esoterik-warum-hobby-therapeuten-nicht-in-firmen-gehoeren-a-929891.html

http://scienceblogs.de/astrodicticum-simplex/2009/04/07/neuer-job-mit-esoterik/

https://ratgebernewsblog2.wordpress.com/2013/11/26/vorsicht-coaching-psycho-physiognomik-und-weiterer-esoterischer-unsinn/

https://ratgebernewsblog2.wordpress.com/2014/09/17/kritik-an-gangigen-bewerbungsverfahren-aussagekraftig-wie-horoskope/

http://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=47565


 

  1. www.psiram.com/de/index.php/Positiv_Denken
  2. www.psiram.com/de/index.php/NLP
  3. de.wikipedia.org/wiki/J%C3%BCrgen_H%C3%B6ller
  4. communicati.de/communicati/termine-und-preise/
  5. www.psiram.com/de/index.php/Gerald_H%C3%BCther
  6. www.fff-online.com/themenuebersicht/top-speaker-specials/seminar/hirnforscher-prof-gerald-huether-entfalten-sie-ihre-potenziale.html
  7. www.managementcircle.de/seminar/hirnforschung-innovationsgeist-fuehrungskunst-ein-tag-mit-gerald-huether.html
  8. www.sektenwatch.de/drupal/sites/default/files/files/ZEB_140501_Spinner%20in%20Nadelstreifen_Vortrag_VL_V02-1.pdf
  9. www.handelsblatt.com/unternehmen/management/esoterik-im-allgaeu-aktionaere-meutern-gegen-merckle-erben/3179248-all.html

 

  1. Michael Dingler
    16. Juli 2015, 15:39 | #1

    NLP kann eigentlich auch „Natural Language Processing“ heissen, ein nicht zu unterschätzendes Teilgebiet der Informatik. Vielleicht gehen ja einige der Xing hits da drauf zurück, wobei auch ich da eher pessimistisch wäre…

  2. Abe
    16. Juli 2015, 15:51 | #2

    Andauernde Erosion der Staatskirchen, Wegfall des Ost-/Westkonfliktes , Multi-Optionsgesellschaften und Bastelreligionen, Verunsicherung durch (gefühlte) Erosion der gut ausgebildeten, gut verdienenden oberen Mittelschicht, der Kult ums eigene Ich, alternative Medizin als integraler Bestandteil der Lebensführung.

    Genau, das hat natürlich mit der Praxis des Managements, Personalauswahl, Assessment-Center und Führungstheorien so gar nichts zu tun; und schon gar nicht mit ökonomischen Prozessen. Die einfache, hier angebotene makro-soziologische Erklärung: Management ist irgendwie esoterischer geworden, weil die Gesellschaft irgendwie esotrischer geworden ist.

    Man könnte ja auch mal untersuchen, wie z.B. die Theoriegeschichte der „Führung“ immer irrationaler wurde (z.B. von der charismatischen zur systemischen Führung) und stets glaubte, man könne den Laden wuppen, wenn man nur richtig führen würde. D.h. die Theorien erledigten sich selbst immer mehr ihrer ökonomischen Rationalität, es wurde immer weniger versucht, ‚Führung‘ aus den gesetzen des Wirtschaftssystems, in dem man operiert, verstanden zu werden. ‚Wenn jetzt Führer und Mitarbeiter als eine sich gegenseitig respektierende Dyade funktionieren, dann sind alle zufrieden, arbeiten härter und effizienter und es wird allen besser gehen – egal, was makroökonomisch so passiert“ sagen z.B. dyadische/transformationale Führungstheorien. Das war ich alles noch gezwungen, zu lernen als teil meiner psychologischen Ausbildung. So wird Ökonomie psychologisiert. Das würde ich den Anbeginn der Esoterik in der BWL nennen, nicht dieses lächerliche NLP-Gedöns. Das spitzt ja nur Versprechen zu, die die A&O-Psychologie der Wirtschaft schon immer gab – nur noch viel schneller, effizienter etc.
    Woher stammt diese Behauptung aus dem Blogartikel, dass unternehmerische Entscheidungen rational getrieben sein müssten? Das liest sich wie falsch verstandener und vor allem völlig überholter Weberianismus…

  3. MrSpock
    16. Juli 2015, 16:38 | #3

    Woher stammt diese Behauptung aus dem Blogartikel, dass unternehmerische Entscheidungen rational getrieben sein müssten? Das liest sich wie falsch verstandener und vor allem völlig überholter Weberianismus…

    Vielleicht war hier der Wunsch Vater des Gedanken…

  4. Mike1978
    24. Juli 2015, 13:45 | #5

    Was ist eigentlich mit diesem „andante-communications“? Scheint momentan irgendwie modern zu sein, vor allem wenn man die Referenzen auf deren Internetseite anschaut. Keine Ahnung ob sich das schon für einen Eintrag bei Psiram qualifiziert… aber wenn der Quark

    „[…] die soziale Kompetenzen deutlich erkennbar macht und Teil Ihrer Personalentscheidung wird“

    finde ich das unschön. Personal sollte nicht anhand esoterischen Unfugs beurteilt werden. Dafür gibt es doch individuell erstellte Horoskope! 😛

  5. xe
    24. Juli 2015, 21:27 | #6

    Keine Pseudopsychologie – auch nicht am Arbeitsplatz, bitte. 😉

  6. 24. Juli 2015, 21:42 | #7

    @ Abe: Es wird ja gar nicht behauptet, dass unternehmerische Entscheidungen rational getrieben sein müssten? Es wird nur gesagt, dass man als unbedarfter Zuschauer erwarten würde, dass unternehmerische Entscheidungen rational getrieben sind. Warum das so ist? Ganz einfach: Allüberall haben die Controller das Sagen. Alles wird optimiert, mehr Leistung für weniger Geld, Preise werden gedrückt, Termine knapper gesetzt, jedes bisschen Leerlauf und Spielraum gnadenlos aus den Prozessen herausgepresst. Es zählen nur noch die Zahlen. Die relevanten KPIs, das Quartalsergebnis, die Jahresbilanz. Es läuft letztlich alles darauf hinaus, wieviel Geld am Ende übrigbleibt. Ethik, Moral, Loyalität den Mitarbeitern gegenüber werden an den Rand gedrängt und kein Jota über den gesetzlichen Mindestvorgaben gefahren.

    Da sollte man doch denken, dass dann nicht nur die Stellenbeschreibungen, die Anforderungen an Mitarbeiter, die Prozesse genau darauf abgeklopft werden, ob sie funktionieren, wie kosteneffizient sie sind und ob sie am Ende zu guten Zahlen führen, sondern eben auch die Methoden, die Manager anwenden. Der aus der Homöopathie bekannte Grundsatz Wer heilt hat recht drängt sich da auf – was Geld bringt/spart ist recht. Und da hat dann esoterischer Mumpitz eigentlich wenig Platz, sogar wenn NLP immer wieder (über weiß der Himmel was für motivationspsychologische Prozesse bei geeigneten Persönlichkeitstypen) anekdotisch Erfolge bringt.

    Dass gerade Managerschulungen oft nicht dem Geldmachen dienen, sondern der Motivation der Leute, dem Team-Building, dem Aufbau elitärer Zirkel und Seilschaften, deren Mitglieder dann umso bereitwilliger alles geben, weil sie eben Teil so einer illustren Gruppe sind, wird nicht jeder wissen. Und dass da dann aller möglicher Unsinn gern genommen wird, ist einfach so. Idiotisch, aber wenn’s den gewünschten Effekt bringt, hofft man unternehmerischereits wohl, dass der sich dann am Ende wenigstens indirekt in besserer Leistung und damit besseren Zahlen niederschlägt.

    Deswegen kann man sich als Nichtunternehmer trotzdem wundern, dass da so irrationaler Unsinn getrieben wird.

  7. Anonym
    25. Juli 2015, 10:11 | #8

    Angesichts von dem, was einem so unter dem Stichwort „Motivationskurs“ oder ähnlichse vermittelt wird, stellen sich einen häufig die Haare zu Berge, ist schon richtig. Aber einfach nur darauf zu achten, ob da NLP oder eine Sekte dahintersteckt, ist doch etwas wenig.

    Zunächst sollte man sich auch fragen, ob nicht die Wissenschaft eine gewisse Verantwortung hat. Jemanden zu motivieren, obwohl ihn daraus kein materieller Geinn resultiert mehr zu leisten, ist nicht zwangsläufig als gut zu bewerten.

    Btw, dass Leute, die unter großen Druckt stehen, auch nach jedem Strohhalm greifen, ist klar. Nur sollten Personaler eher nicht zu diesen Leuten zählen.

  8. Anonym
    25. Juli 2015, 10:16 | #9

    @Abe
    Grade in diesem Bereich, Wirtschaft, habe ich häufig den Eindruck, dass versucht wird etwas zu verwissenschaftlichen, was eigentlich nicht zu verwissenschaftlichen ist.
    Es hat schon jahrhundertelang gute Kaufleute und Führungskräfte gegeben, bevor jemand auf den Gedanken kam, aus Personalführung eine Wissenschaft zu machen. Im Grunde ist das zum Großen Teil keine Wissenschaft, sondern eine Art „Handwerk“, das man erlernen kann.

  9. Andreas K.
  10. Bernd Schneider
    26. Juli 2015, 12:56 | #11

    @ Andreas K. Die Studie besagt eigentlich dass Fleischesser deutlich selbstkritischer sind als Veganer 🙂

  11. arminius
    3. August 2015, 09:35 | #12

    Zu @gnaddrig
    Sehr richtig; Und Dinge wie NLP sollen helfen, Mitarbeiter zu manipulieren. Also es geht nicht um die Sache, sondern nur darum, dass die MA genau das tun, was „von oben“ befohlen wird. Controller entscheiden bei Millionenprojekten nach Beträgen von 100 Euro, womit dann neue Lieferanten eingeführt werden müssen, womit dann das technische Personal wochenlang in Asien hockt. Das sind Controller.
    Übrigens hopsen sie – ohne Kenntnis der Prozesse – mittlerweile auch in Unis run. Nach deren Auftauchen bricht dann alles zusammen.

    Die Personalbesetzung ist in den seltensten Fällen nach fachlicher Kompetenz, sondern nach Systemkonformität gewählt.
    Und die oberen Führungsriegen haben technisch nun einmal NULL Wissen- zumindest die meisten. Sie entscheiden nach Gefühl und insbesondere eigenem Geldbeutel. Sie werden von unten grundsätzlich mit „Kein Problem, Herr Klatten, alles kein Problem“ (so als Beispiel) versorgt.
    Ich weiss; das klingt jetzt alles unglaublich platt. Wieso hat Daimler Chrysler übernommen? Ganz einfach; sie wollten amerikanisch notiert werden. Da sind die Managerhälter höher. Fiat hat das jetzt „geschafft“ – kann jeder nachlesen.

    Die „Motivationskurse“: Es wird beliebig viel getan, um das Personal zu demotivieren – und dann gibt’s Motivationskurse. Jemand, der so unlogisch ist – der glaubt an alles.
    Denn das Gegenteil von Wissen ist eben nicht Nichtwissen, sondern Glauben (nicht von mir!). Womit wir bei der Esoterik wären.
    Mit irgendetwas muss man die Leute ja beschäftigen.

    Übrigens ist bei Xing die „Querdenkergruppe“ meines Wissens am größten. Ein Schuft, der Böses dabei denkt.

  12. gerdos
    25. August 2015, 08:08 | #13

    Ein Hinweis auf einen Zufallsfund, der evtl. einen eignen Thread wert ist:

    Bei der Googlemaps-Suche nach dem Standort der Reha-Klinik, bei der mein Bruder für Oktober 2015 gebucht hat (Burn-Out plus Rücken), bin ich auf die in wenigen Metern Entfernung liegende Abula-Klinik, Oberstdorf, gestoßen. Beim Lesen der Bewertungen ehemaliger Patienten ist mir das Grauen den Rücke hochgekrochen. Nach den Skandalen in Erziehungsheimen und Kurkliniken in den 50-70er Jahren, dachte ich, so etwas ist nicht mehr möglich. Doch dort in der Abula werden ganz subtil Menschen ihres Selbstbewußtseins, ihrer Autorität und ihrer Identität beraubt und gedemütigt.

    Erst am Montagabend sah ich noch eine Reportage über den Skandal bei den Regensburger Domspatzen. Erschütternd, was sadistische Erzieher und Betreuer mit Kindern anrichteten.

    Ich verwende das Wort nicht inflationär, aber der Umgang dort (Abula) mit schwer traumatisierten und zum Teil psychisch sehr instabilen Patienten ist sektenartig bis teilweise faschistoide. Ich kann als Fazit – wie einige Patienten auch – nur fordern, dass die Klinik geschlossen werden müßte. Diesbezügliche Initiative wäre aber Sache der Betroffenen. Die Berichte erinnerten mich sehr an systematische Gehirnwäsche.

    Zur Klinik meine bisherigen Recherchen:

    Angebote des „Systems“ Abula: 12-Schritte-Programm als Basis aller Gruppentherapien, dazu Bonding nach Casriel, Holotropes Atmen und Familienaufstellung nach Hellinger. Essen nach Dr. Bruker. in den ersten Tagen totale Kontaksperre zur Familie und zu Freunden (das nennen sie soziales Fasten) . Kein Handy, kein Radio, kein TV, keine Tageszeitung, Rauchverbot, Alkoholverbot, Verbot von Speisen auf dem Zimmer (nur eine Flasche Wasser ist erlaubt), Verbot zu Joggen.. Neuzugängen bekommen einen anderen Patienten als Paten und ein Stofftier zugeteilt. Alle Patienten und das Personal duzen sich vom ersten Tag an. Das soll Nähe schaffen.

    Neben eines tabellarischen Lebenslauf verlangt die Klinik mit den Aufnahmeunterlagen einen ausgefüllten Fragebogen, in dem der Bewerber sehr intime Fragen beantworten soll, seine Seele förmloich ausbreitet bis hin zur Selbstiagnose.
    http://www.dr-reisach-kliniken.de/tl_files/reisach/downloads/hochgrat-klinik/fragebogen_hkw.pdf

    Zu den Bedingungen der Aufnahme (schriftlich/untzerzeichnen):
    http://www.dr-reisach-kliniken.de/therapeutische-vereinbarungen.html[http://www.dr-reisach-kliniken.de/therapeutische-vereinbarungen.html]

    Zu Hellingers gefährlicher Therapie der Familienaufstellung eine Kritk in der sz:
    http://www.sueddeutsche.de/wissen/teil-familienaufstellung-nach-hellinger-wenn-ahnen-krank-machen-1.863677[http://www.sueddeutsche.de/wissen/teil-familienaufstellung-nach-hellinger-wenn-ahnen-krank-machen-1.863677]

    Zu Otto Bruker: https://de.wikipedia.org/wiki/Max_Otto_Bruker#Kritik[https://de.wikipedia.org/wiki/Max_Otto_Bruker#Kritik]

    Das 12-Schritte-Programm baut im Kern (laut Wikipedia) auf die Hilfe von Gott auf.

    Patienten-Bewertungen (eine willkürliche Auswahl)

    2013 Anonym
    “ Eine Behandlungsmethode ist das Bonding (verbinden). Dazu nimmt man sich einen Partner. Der Eine legt sich auf den Rücken, der andere auf Ihn drauf. Dann wird das Licht gedimmt, Musik eingespielt und der untere Teil lässt seinen Gefühlen freien Lauf und schreit zum Teil alles raus. Bei manchen kommt nichts, andere brechen in Tränen aus. “

    2012 gitte
    “ Die plumpe Vertraulichkeit durch das Duzen aller Beteiligten untergräbt jeglichen Respekt und vermittelt eine nicht vorhandene Verbundenheit. Leider missbrauchen einige Mitarbeiter der Klinik ihre „Macht“, die aus der vorgetäuschten Verbindlichkeit entsteht. Denunziation wird gefördert unter dem Vorwand, man würde somit Mitpatienten helfen. Wie kann es denn angehen, dass der selbe Therapeut, der eine Rauchfahne, von der gerade noch gierig hineingezogenen Zigarette,mit hinter sich herzieht, einen Patienten, der das Rauchverbot mißachtete, vor der gesamten Mannschaft bloßstellt?“

    2012 jokki
    „Hallo, ja leider war ich hier auch falsch. Aufgefallen war mir der Sektentouch. Erstmal ankommen und Du wirst sehen wie gut es hier ist. Trotzdem meine Neugier über soviel Hirnwäsche ließen mich drei Wochen aushalten. Übungen wie im Schulsport am Morgen, Joggen durfte ich ja nicht.“

    2012 Estrella-Smile
    „Es geht morgens um 6.25 mit Frühsport los, danach Meditation und dann Frühstück. Alles gemeinsam. Nach dem Frühstück ist das Komitee – und anschließend die einzelnen Kerngruppen mit jeweils ca 10 Patienten und einem Therapeuten.
    Was ich NICHT gut finde ist, dass man mit so vielen Patienten bzw. deren Problemen auch noch konfrontiert wird – wenn man wie ich sowieso Probleme hat, sich abzugrenzen und es schwer hat nicht mitzuleiden. Ebenso finde ich es nicht gut, dass man zwischen den Mahlzeiten nichts zu essen bekommt und auch nichts auf den Zimmern haben darf.“

    2012 Fabiola
    .“ Mir ging es nach der Klinik psychisch schlechter als VOR der Klinik, da ich wieder in mein altes Umfeld kam. Jetzt ist es (nach 6 Wochen zu Hause) immer noch sehr schwankend. “

    2012 Ina
    „Es ist mir gelungen einen Regenbogen einzufangen, und als einen Schatz in meinem Herzen zu legen. Das Geschenk der Adula mir für den Rest meines Lebens als Erdenbürger bleibt! “

    2011 Achim

    Zimmer muss man selbst reinigen, auch den Müll entsorgen und die Bettwäsche und Handtücher wechseln. Man soll auch andere „Dienste“ übernehmen, wie z.B. Leitung des Frühsports, Schneeräumen, Streuen, Stuhldienst oder Komiteeleitung.

    Diese fast täglich stattfindenden Komitees sind der Schwerpunkt der Therapie. Für mich war dies eine sehr emotionale und aufregende Veranstaltung, denn es ist nicht jedermanns Sache, vor 50-60 Leuten über seine Gefühle und Sorgen zu sprechen.

    Die Therapiegruppen sind allgmein recht groß und man hat Schwierigkeiten dran zu kommen. Ich fühlte mich aufgewühlt, aber im Stich gelassen. Einzelgespräche gab es nicht.

    Zeitweise habe ich mich wie in einem Kindergarten oder einer Sekte gefühlt. Es gibt sehr strenge, teilweise widersprüchliche Fastenregeln, viel esoterischen Firlefanz und einen gehörigen Gruppenzwang. Als Individualist ist man dort absolut fehl am Platz.“

    2010 Miro
    „Nach vier Jahren Auseinandersetzung mit diesem selbstherrlichen +autoritären therap. System, therapiebedingten Biographiebrüchen, stelle ich fest, dass ich dort wohl in einer verkappten Besserungsanstalt landete! Für mich war es eine Art Schockbehandlung! Man muss schon sehr blind sein, um sich dort wirklich wohl zu fühlen.
    Ich kann die Klinik also nicht empfehlen, weil sie autoritär, übergriffig, unpersönlich arbeitet. Man erwartet von Patienten Einlassung, selber aber spielt man nur den Aufseher, was zu sehr an Gefängnisse erinnert, mit Bestrafung in Wort und Tat.Trotz guter Angebote und viel Nähe, sind Zwang und Unterdrückung an der Tagesordnung.
    Skandalös, diese therapeutische Inkompetenz, meine ich.“

    2010 Luis
    Wenn ich in ADULA so gesund und stark gewesen wäre wie heute, hätte ich mir mit Sicherheit nicht alles bieten lassen, was schlecht war, da wären die Fetzen geflogen und ich hätte unter Absingen von schmutzigen Liedern hohnlachend und kopfschüttelnd die Klinik verlassen! Das hätte mir sehr gut getan! “

    2010 Heike

    ….eine frau, die in der klinik war, weil sie vergewaltigt wurde, musste, weill sie nie was sagte, das „murmeltier“ machen und vor versammelter mannschaft im komitee nach aufforderung ihres kerngruppentherapeuten „alles“ erzählen.“

    2010 Yogi-Bär
    „Reine Abzocke hat nicht mit Spiritualität zu tun.“

    2009 h2m1
    Ich persönlich habe über ein Jahr gebraucht um mich von den psychischen Misshandlungen zu erholen (mit der Hilfe von guten Therapeuten).
    Ich werde mich nun auch mit einem ausführlichen Erfahrungsbericht an die Kassenärztlichezulassungsstelle wenden. Die Klinik ist nicht nur schlecht, sondern ihre Mitarbeiter sind in meinen Augen grob fahrlässig. Meiner Meinung nach müsste der Laden geschlossen werden.

    2009 olivero
    .dieses ganze liebesgelabere dort und die kuschelei fand ich total unangenehm…und der chef vom ganzen kam mir wie ein scheinheiliger vor…..mein therapeut hat auch sehr seine machtposition ausgenutzt und viele hatten angst vor ihm….ich bin als kind sexuellmissbraucht worden usw….diese alten verletzungen wurden unfachmännisch mit gewalt versucht zu öffnen…..ich habe bis heute zu leiden…..und kann diese klinik nicht weiterempfehlen.

    ich möchte mit diesen ganzen therapiesüchtigem volk nichts zu tun haben..