Home > Psirama > Psirama – Der Psiram-Wochenrückblick (KW22, 2017)

Psirama – Der Psiram-Wochenrückblick (KW22, 2017)

psirama_banner_007_auge_loewe_einhorn

Wer im Internet gegen Alternativmedizin, Verschwörungstheorien, pseudophysikalische Wundergeräte, Ernährungsmoden oder politische Strömungen argumentiert, bekommt früher oder später zu lesen: „Du bist doch von IHNEN bezahlt !!1!“. Wer genau SIE sind, konnte bisher nicht abschließend geklärt werden. Natalie Grams findet im Blog „Die Erde ist keine Scheibe“ eine Erklärung, warum dieser Vorwurf so beliebt ist: Er macht es „überflüssig, sich mit den Argumenten, die Kritiker vorbringen, auseinandersetzen zu müssen, dem kritischen Blick eine Chance zu geben und das bisher fest Geglaubte in Frage zu stellen.“ Eine Gegenrede zur deutschen Energiewende, wie sie diese Woche bei „Novo“ erschienen ist, wird sich vermutlich ebenfalls mit dieser Verdächtigung konfrontiert sehen. Wir wurden für keinen Artikel in unserer wöchentlichen Linksammlung bezahlt, hatten aber trotzdem wie immer viel Freude an der Zusammenstellung.

 


 

Medizin und Gesundheit

 

Heute (Österreich): 7-Jähriger tot, weil Eltern Antibiotika verweigerten

Der Tod eines 7-Jährigen bewegt Italien: Der Bub aus Cagli in der Region Marken litt an einer Mittelohrentzündung, die homöopathisch behandelt wurde und nicht mit Antibiotika.
Die Eltern weigerten sich seit dem dritten Lebensjahr des Kindes, diesem Medikamente zu geben und hatten bereits eine Mittelohrentzündung homöopathisch behandelt. Doch jetzt breitete sich die Infektion aus und führte zum Hirntod von Francesco, nachdem er am Mittwoch das Bewusstsein verloren hatte.
Ein Großelternteil sagte gegenüber der lokalen Presse, dass jetzt rechtliche Schritte gegen den Arzt eingeleitet werden. Die Justiz ermittelt.

 

Medizin-Transparent: Elektrosensibilität – ein Gesundheitsproblem?

Es ist kaum mehr vorstellbar, dass es vor ein paar Jahren noch ein Statussymbol sein konnte, mit Handy auf der Straße herumzulaufen. Heute verfügt nur noch ein verschwindend kleiner Teil der Bevölkerung nicht über ein eigenes Handy oder Smartphone. Die Zahl der Mobilfunkverträge hat die Zahl der Einwohnerinnen und Einwohner in Europa sogar längst überschritten [3].

Während die meisten Menschen ohne weiteres Nachdenken die vielfältigen Möglichkeiten des Mobilfunks und der Dauer-Internet-Anbindung genießen, gibt es aber auch einige, die sich dadurch beeinträchtigt fühlen

 

Science-Based Medicine: Medical marijuana as the new herbalism, part 5: Turning herbalism into science-based medicine

There’s a new clinical trial published in the New England Journal of Medicine showing a beneficial effect due to cannabidiol, a chemical isolated from marijuana, on drug-resistant seizures due to Dravet syndrome. Although there are a fair number of caveats, this is how you begin to turn the herbalism that characterizes medical marijuana advocacy into science-based medicine.

 

GWUP-Blog: Ungeimpfte Kinder sind gesünder? „Brisante Studie“ ist nur Impfgegner-Nonsens

Impfgegner wedeln mal wieder mit einer “brisanten”, ja geradezu “bahnbrechenden” Studie. Wo soll man bloß anfangen, diesen Nonsens auseinanderzunehmen? Egal wo man reingreift – man findet nur Grütze.

Beginnen wir mit dem Autor DrPh Anthony Mawson. Der Epidemiologe an der Jackson State University (Mississippi) ist ein Wakefield-Fanboy und hat die Petition “We Support Andrew Wakefield” unterschrieben. Außerdem hält er Autismus-Vorträge bei dem berüchtigten “anti-vaccine quackfest” Autism One.

 

Informationsnetzwerk Homöopathie: Totes Kind in Italien: DZVhÄ spricht von „bedauerlichem Einzelfall“

Trifft das bei dem furchtbaren Todesfall des siebenjährigen Jungen, der durch eine Behandlung mit Homöopathika und einer dadurch unterbliebenen medizinischen Behandlung eine vermeidbare tödliche Infektion erlitten hat, wirklich zu? Und ist der Zentralverein homöopathischer Ärzte insofern berechtigt, hier von einem „bedauerlichen Einzelfall“ zu sprechen?

Wir meinen: Nein, ganz sicher nicht. Und zwar aus folgenden Gründen:

Prinzipiell schüren Homöopathen, auch der DZVhÄ und allen voran Frau Bajic selbst (z. B. auf ihrer Homepage (1)), die Hoffnung, die Homöopathie könne genau in solchen und vielen anderen Fällen helfen. Wieso jetzt hier so zurückgerudert wird, ist uns – und sicherlich auch vielen Patienten – nicht ersichtlich. […]

 

Deutschlandfunk: Es ist eine unfaire Maßnahme, sein Kind nicht zu impfen

Viele Kinder würden nur deswegen nicht geimpft, weil die Eltern Termine vergessen oder verschoben hätten, sagte der Kinderarzt Hermann Josef Kahl im DLF. Eine Pflicht zur Impfberatung könne das verbessern. Sein Kind nicht impfen zulassen, sei eigentlich eine unethische und eine unsoziale Einstellung.

 

Deutschlandfunk: Zwang hilft nicht

Die Pflicht zur Impfberatung für Eltern soll verschärft werden und Kindertagesstätten sollen dabei helfen. Das sieht eine Neuregelung aus dem Bundesgesundheitsministerium vor. Kritiker sehen darin allerdings ein Problem für das Vertrauensverhältnis zwischen Eltern und Kita.

 

Kinderdoc: Wer alle Impfungen verweigert, den schmeiße ich raus

Mütter äffen ihn nach, Väter kommen aufgelöst wegen einer Schürfwunde. Aber bei einem Thema wird der bloggende Kinderarzt richtig sauer: Impfen

 

Science-Based Medicine: Quackery for Kids

A brief and somewhat incoherent post today, written during breaks from preparing for my upcoming NECSS talk and patient care duties.

There are countless examples of the failures of so-called “complementary and integrative health” documented in the pages of Science-Based Medicine. Essentially, whenever judged by the same standards as commonly applied to conventional medicine, many popular pseudomedical entities such as acupuncture, homeopathy, and chiropractic are revealed to offer little more than theatrical placebo. At best, patients may experience a transient and minor improvement in subjective complaints.

 

Skeptical Raptor: Peter Doshi, vaccine denier, sees a conspiracy about VAERS

I am not a fan of Peter Doshi, one of the go-to “authorities” for the anti-vaccine crowd. He has no credentials that would indicate that he is an expert in vaccines, yet one of his opinion pieces (not real science lacking data and evidence) is used as “proof” that flu vaccines don’t work. And of course, like all zombie memes of the anti-vaccine universe, it comes around every year or so, requiring a new debunking.

 


 

Wissen und Forschung

 

NeuroLogica Blog: Confirmation Bias vs Desirability Bias

The human brain is plagued with cognitive biases – flaws in how we process information that cause our conclusions to deviate from the most accurate description of reality possible with available evidence. This should be obvious to anyone who interacts with other human beings, especially on hot topics such as politics or religion. You will see such biases at work if you peruse the comments to this blog, which is rather a tame corner of the social media world.
Of course most people assume that they are correct and everyone who disagrees with them is crazy, but that is just another bias.

 

Uhura Uraniae (SciLogs): Wahrheit oder Lüge

„Mein Meisterstück im Unfugmachen leistete ich mir im Haus der Verbindung. Eines Morgens wachte ich sehr früh auf, gegen fünf Uhr, und konnte nicht wieder einschlafen, so ging ich von den Schlafräumen die Treppe hinunter und entdeckte ein paar Schilder, die an Fäden hingen und auf denen etwas stand wie ‚Tür! Tür! Wer hat die Tür gestohlen?‘ Ich sah, dass irgendwer eine Tür ausgehängt hatte, und statt dessen hatte man ein Schild hingehängt, auf dem stand ‚bitte die Tür schließen!‘ – das Schild, das an der fehlenden Tür gewesen war.“
Ich kam die Treppe herunter, und sie fragten mich: ‚Feynman hast du dieTür weggenommen?‘ ‚Oh yeah!‘ sagte ich. ‚Ich hab‘ die Tür genommen. Ihr könnt hier die Kratzer an meinen Knöcheln sehen, die habe ich mir geholt, als ich sie runter in den Keller trug und mir dabei die Hände an der Wand abgeschürft habe.‘ Sie waren mit meiner Antwort nicht zufrieden; in der Tat, sie glaubten mir nicht.“
Feynman schlussfolgert daher sehr richtig, was für Menschen im Allgemeinen und nicht nur seine Kameraden gilt: Menschen erinnern sich meistens an ihre eigenen Gedanken und Gefühle, nicht aber an die exakten Worte der anderen und Abläufe.

 

Jakub Marian: The “432 Hz vs. 440 Hz” conspiracy theory

Would you believe that there is a conspiracy theory about the way we tune musical instruments? And that this theory even involves the Nazis, chakras, and whatnot? No? Then sit down and enjoy perhaps the most ridiculous conspiracy theory of all times.

 

Natur des Glaubens (SciLogs): Religion, Intelligenz und Demografie – Jetzt auch in der Evolutionspsychologie angekommen

Okay, ich gebe es zu! Als mich die Meldung über eine neue Religion-Intelligenz-Studie erreichte, war mein erster Gedanke: „Nicht schon wieder!“ Immerhin war das Thema hier auf dem Blog bereits vor neun Jahren erschöpfend behandelt und diskutiert worden… Und es war ja auch irgendwie klar, dass in Zeiten von Terroranschlägen und Ramadan-fastenden Schulkindern das Klischee der „dummen Gläubigen“ wieder nachgefragt werden würde.
Aber wenn mich Kollege Bernold Feuerstein wortlos auf etwas hinweist, hat es meist auch wissenschaftliche Substanz. Und tatsächlich las sich die „Rezension“ von Jan Osterkamp unter dem schmissigen Titel „Sind Religiöse dümmer?“ so interessant, dass ich mir das Originalpapier besorgte (thx!).

 

Nachgefragt Podcast: Skeptizismus in der Geschichtsforschung

In dieser Folge dreht sich alles um Pseudowissenschaften in der Geschichtsforschung. Zusammen mit dem Archäologen und Geschichts-Podcaster Mirko Der Buddler Gutjahr bespreche ich die Frage, wie Theoriebildung in der Archäologie funktioniert und an welchen Stellen Pseudotheorien und unwissenschaftliche Interpretationen andocken können. Wir beleuchten das Beispiel der angeblich ältesten Pyramiden der Welt: die Bosnischen Pyramiden und erarbeiten, wie man solche Pseudotheorien erkennt. Durch eine schlechte Internetverbindung gibt es in der Aufnehme ab und zu Tonprobleme. Ich bitte dies zu entschuldigen und hoffe, dass dies nicht allzu stört.

 

Nucular (ScienceBlogs): Echtes Medikament gegen Strahlung, am Beispiel Diindolylmethane (DIM)

Was als wirkliches Medikament gegen Radioaktivität NICHT funktioniert, habe ich ja schon mal bei diversen Gelegenheiten hier aufgegriffen. Aber da stellt sich dann natürlich die Gegenfrage: Gibt es denn irgendwelche Medikamente, die gegen Radioaktivität helfen? Die Antwort darauf ist wieder einmal ein wenig zufriedenstellendes “Jein” und anhand eines Papers[2] werde ich einmal demonstrieren, warum das so ist.

 

Beobachtungen der Wissenschaft (SciLogs): Die Nähe von Einfachheit und Chaos – Zum Wesen linearer und nicht-linearer Dynamiken

Für Teichbesitzer ist es ein Albtraum: Das Wasser wird von einer Woche auf die andere trübe und undurchsichtig, an der Oberfläche bildet sich ein grüner Algenteppich, es stinkt furchtbar und die Fische schwimmen bauchaufwärts. Und dabei war doch vor kurzem noch alles okay mit dem Gewässer. Was ist passiert? Der Teich ist umgekippt. Unter ‚Umkippen‘ versteht man einen schlagartig auftretenden Sauerstoffmangel in einem Gewässer. Als Konsequenz stirbt alles vom Sauerstoff abhängige Leben darin. Dieser Sauerstoffmangel kann entstehen, wenn der Abbau abgestorbener Algen- und Wasserpflanzen mehr Sauerstoff verbraucht, als die lebenden produzieren können. Überspitzt gesagt: Eine letzte abgestorbene Alge lässt die Sauerstoffkonzentration unter einen kritischen Wert sinken (was auch durch äussere Einflüsse wie Wetterbedingungen – Stürme, starker Regen – ausgelöst werden kann), und Fische und weitere Lebewesen, die auf Sauerstoff angewiesen sind, sterben. Weil deren Körper nun auch unter Sauerstoffverbrauch zersetzt werden, sinkt der Sauerstoffgehalt nur noch weiter. Ein unumkehrbarer Sterbeprozess setzt ein.

 

Novo: Warum eine Energiewende mit Windkraft nicht gelingen kann

Die deutsche Energiewende ist ein milliardenschwerer Großversuch, der systematisch gegen physikalische Gesetzmäßigkeiten verstößt.

Dass diese Energiewende nicht gelingen konnte, stand von Anfang an fest. Sie wurde von einer unseligen Allianz aus Lobbyisten und universitären Profiteuren vorangetrieben, die sich gegenseitig dabei übertroffen haben, die für jeden Naturwissenschaftler und Ingenieur offensichtlichen Probleme kleinzureden oder zu leugnen. Rund um die Energiewende ist, wie Frank Drieschner im Dezember 2014 in der Zeit sehr treffend formuliert hat, ein öko-industrieller Komplex entstanden, dessen Interesse darin besteht, die Probleme lösbar erscheinen zu lassen, damit Subventionen weiter fließen. Das Energiewende-Debakel ist damit auch Ausdruck des Versagens unserer naturwissenschaftlichen und technischen Eliten.

 


 

Gesellschaft, Politik, Religion

 

Richard Dawkins Foundation: Zur Leitkulturdebatte

Vor bald zwanzig Jahren versuchte Bassam Tibi mit dem von ihm erfundenen und geprägten Begriff einer europäischen Leitkultur eine gesellschaftliche Debatte auszulösen.Es ging ihm dabei um einen Wertekonsens, der sich an der demokratischen, laizistischen und zivilisatorischen Identität Europas orientierte. Er schrieb: „Die Werte für die erwünschte Leitkultur müssen der kulturellen Moderne entspringen und sie heissen: Demokratie, Laizismus, Aufklärung, Menschenrechte und Zivilgesellschaft.“ Damit versuchte er insbesondere eine Diskussion über die Rahmenbedingungen von Migration und Integration herbeizuführen. Über seine Thesen, aber vor allem auch über den Begriff der Leitkultur wurde seither viel debattiert und teilweise auch gestritten. Obwohl ich persönlich hinter den Werten stehe, die Bassam Tibi nennt und das Ausmass meiner eigenen Assimilation in meine Einwanderungsgesellschaft, namentlich in die schweizerische, diejenige von ihm in die deutsche wohl bei weitem übertrifft, habe ich Vorbehalte gegenüber seinen Ansichten und auch gegenüber diesem Begriff, worauf ich nachfolgend eingehen möchte.

 

Laborjournal: Vom Feminismus geächtet, vom Rechtspopulismus umarmt

Beim Thema Geschlecht/Gender herrscht eine ungesunde politische Polarisierung. Sollte sich die Biologie gegen die Unterstellungen einer biophoben linken Ideologie wehren? Ja! Aber bitte ohne sich blind von rechts der Mitte vereinnahmen zu lassen
Zurzeit bewirbt sich das rechtsliberal-konservative bis rechtspopulistische Lager um die Stelle des Retters der Biowissenschaften vor den antiwissenschaftlichen Feministinnenhorden. Gut beobachten lässt sich das an der Kontroverse um ein geplantes Zusatzschild für die Linnéstraße in Freiburg. Dass so etwas kommunal für Gesprächsstoff sorgt, ist normal. Diesmal jedoch verursacht es über die Region hinaus Wellen der Empörung, ist Thema in konservativen Kolumnen und rechtspopulistischen Blogs. Weil viele es als Symbol für einen Wandel sehen – und für eine Gefahr.
Und vor allem: nicht nur solche in Zusammenhang mit Rassenideologie, sondern auch mit Sexismus. Und hier kommt Linné ins Spiel.

 

Die Erde ist keine Scheibe: Von wegen bezahlt! Oder: Das Gold der Pharmaindustrie

wir sind von der Pharmaindustrie und möchten Ihnen gerne Geld überweisen (viel Geld!). Wir haben mitbekommen, dass Sie sich gegen Homöopathie und andere Pseudomethoden aussprechen und das kommt uns zu Gute, weil wir gerne an kranken Menschen Geld verdienen möchten – durch Homöopathie werden die aber reihenweise gesund und das passt uns nun so gar nicht. Mit Ihrer Kritik an der Homöopathie helfen Sie uns also, weil…na, Sie wissen schon.
Möchten Sie uns einfach Ihre Kontoverbindung mitteilen?
Benutzen Sie einfach den beiliegenden Freiumschlag!
So oder ganz ähnlich stellen sich Homöopathie-Anhänger Schreiben vor, die ich nach deren Fantasie wohl täglich erhalten muss.

 

Humanistischer Pressedienst: Preisgekrönte HBO-Dokumentation zu Scientology

„Haben Sie ein Geheimnis und fürchten Sie, dass ich es herausfinde?“ Das ist eine der Fragen, mit denen L. Ron Hubbard – meist nur als LRH bezeichnet – seine ersten Opfer in seinen Bann gezogen hat. Denn natürlich hatten alle Angst, er könnte ihr Geheimnis herausfinden. Genau darin liegt ja der Sinn der von Hubbard erfundenen dianetischen Analysen, die bis heute bei Scientology-Einsteigern angewandt werden. Die von Aussteigern als Gehirnwäsche beschriebenen Befragungen inklusive Auswertung vermeintlicher elektromagnetischer Schwingungen sind der Grundstein des fatalen Abhängigkeitsverhältnisses, in das die Adepten der Organisation jene, die sie ködern sollen, hineinziehen.

 

Die Presse: Identitäre sammeln Geld für „Anti-NGO“-Flotte im Mittelmeer

Die italienischen und österreichischen Aktivisten wollen eine kleine Schiffsflotte finanzieren. Damit wollen sie NGO-Schiffe daran hindern, Flüchtlinge im Mittelmeer zu retten.
Aktivisten der Identitären Bewegung in Österreich und in Italien starten eine europaweite Spendensammelaktion mit dem Ziel, eine kleine Schiffsflotte zu finanzieren. Damit soll mit Störaktionen in italienischen Häfen die Abfahrt von NGO-Schiffen gestoppt werden, die Flüchtlinge im Mittelmeer retten.
„Wir sammeln Geld für Schiffe, eine professionelle Crew und Rechtsanwälte, die notwendig sind, um den rechtlichen Folgen der Aktionen gegen die NGOs entgegenzuwirken. Wir wollen den Flüchtlingen keine Probleme verursachen, wenn sie in den italienischen Häfen ankommen, sondern die Abfahrt von NGO-Schiffen beim Start bremsen, stören und verhindern“, berichtete Lorenzo Fiato, Sprecher der Identitären Bewegung in Italien nach Angaben italienischer Medien.

 

NZZ: Nach nahezu allen Massstäben ist die Welt heute besser als je zuvor.

Wenn Sie auf einer Cocktailparty sind und nach einem Gesprächseinstieg suchen, würde ich die Anfangszeile einer Mitteilung von Bill und Melinda Gates empfehlen: «Nach nahezu allen Massstäben ist die Welt heute besser als je zuvor.» Obwohl die meisten mit Ungläubigkeit auf den schieren Gedanken reagieren dürften, dass die Dinge besser werden könnten, werden sie die Gelegenheit begrüssen, Ihnen den Kopf zurechtzurücken.

 

Spiegel Online: Podcast „Stimmenfang“ – „Meine gute Freundin und die Querfront“

Was tun, wenn der Vater den Reichsbürgern anhängt? Die Freundin mit Ken Jebsen sympathisiert? Der Schwager AfD wählt? Hörer erzählen, wie Politik ihre Familien und Freundschaften spaltet – in der neuen Folge unseres „Stimmenfang“-Podcasts.

 

tagesschau.de: „Reichsbürger“ sollen entwaffnet werden

Die Innenminister von Bund und Ländern wollen „Reichsbürgern“ ihre Waffen abnehmen. Das geht aus einer Beschlussvorlage zur Innenministerkonferenz hervor. In den vergangenen Monaten hatte es mehrere Vorfälle mit bewaffneten „Reichsbürgern“ gegeben.

 

Richard Dawkins Foundation: Beleidigen leicht gemacht

Beleidigungen liegen voll im Trend. Nicht erst, seitdem die Satire prüft, wo die Grenze zwischen einer kritischen Darstellung, einer sarkastisch, humorvollen, aber besonders auch provozierenden Spiegelung einerseits und der Denunziation, der bewussten Herabwürdigung und des Antastens der Würde anderseits liegen, befassen wir uns auch gesellschaftlich mit der Frage, wie wir miteinander umgehen dürfen. Zweifelsohne: In Zeiten von „Fake News“, gerade aber auch der „sozialen Medien“, müssen wir mehr ertragen. Gradmesser haben sich verschoben, es scheint, als müssten wir uns auch Beleidigungen gefallen lassen – wenn sie nur richtig verpackt sind.

 

Das Magazin: Was tun, wenn im Bekanntenkreis Verschwörungstheorien populär werden?

Es ist ein Jahr her, dass ein Freund anfing, mir von seinen Zweifeln zu erzählen, dass das World Trade Center wegen des Crashs der zwei Flugzeuge eingestürzt sei. Er habe viel gelesen und halte das nicht mehr für plausibel. Es war Freitagabend, wir standen dicht gedrängt in einer dunklen Wohnung, tranken Bier, das Privatkonzert war zu Ende, und ich wunderte mich, was er da redete. Tausende Architekten und Ingenieure hätten die Trümmer analysiert, das Videomaterial ausgewertet, chemische Reaktionen berechnet. Für den vollständigen Einsturz der Zwillingstürme hätten die Experten nur eine logische Erklärung: kontrollierte Sprengung.
«Und wer soll das gewesen sein?», fragte ich.
«Das weiss man nicht. Das beste Motiv hatte die US-Regierung», antwortete er.

 

Diesseits: SkepKon 2017: 30 Jahre kritisches Denken

Angekommen im Zeitalter von Fake News und alternativen Fakten, scheinen die Themen der GWUP den Weg in die Mitte der Gesellschaft gefunden zu haben. Spätestens seit der amerikanische Präsident oder Parteien wie die AfD es mit den Fakten häufig nicht so genau nehmen, ist eine wissenschaftlich-kritische Auseinandersetzung mit Behauptungen jeglicher Art in der Öffentlichkeit besonders bedeutsam geworden. Seit 30 Jahren setzt sich die GWUP für kritisches Denken, das Aufdecken von Parawissenschaften und die Verbreitung von Vernunft ein. Die GWUP wurde 1987 von einigen wenigen Skeptikern auf Initiative von Amardeo Sarma in Deutschland gegründet. Mittlerweile zählt der gemeinnützige Verein 1500 Mitglieder, die in zahlreichen Regionalgruppen im deutschsprachigen Raum organisiert sind. Sarma ist heute der Vorsitzende der GWUP und eröffnete die SkepKon 2017 im Jubiläumsjahr des Vereins mit einem Rückblick auf die vergangenen 30 Jahre.

 

Humanistischer Pressedienst: Dänemark schafft Blasphemie-Gesetz ab

Durch einen parlamentarischen Beschluss wird die seit 1866 bestehende Strafverfolgung wegen Blasphemie in Dänemark abgeschafft. Anlass war ein Video auf Facebook, in dem ein Koran verbrannt wird.
Laut Paragraph 140 des dänischen Strafgesetzbuchs wird „derjenige, der öffentlich die Glaubenslehre oder Gottesverehrung irgendeiner legal in diesem Land bestehenden Religionsgemeinschaft verspottet oder verhöhnt, zu einer Geldstrafe oder Haftstrafe bis zu vier Monaten verurteilt.“ Das seit 151 Jahren bestehende Blasphemiegesetz kam in der Vergangenheit jedoch nur selten zur Anwendung. So wurden 1971 zwei Radiomoderatoren angeklagt, nachdem sie ein Lied gesendet hatten, das sich über das Christentum lustig machte.

 

Heureka (ScienceBlogs): Kann Trump das Klima kippen?

Donald Trump hat angekündigt, den Weltklimavertrag von Paris zu kündigen, und er hat sogar eine kleine Show daraus gemacht, indem er in den letzten Wochen mehrfach betonte, sich ganz bald endgültig zu entscheiden. Die Kündigung ist im Artikel 28 des sogenannten Paris Agreement geregelt (Trump und einige andere sprechen vom „Paris Accord“). In diesem Artikel werden die Fristen genannt: Erst nachdem der Vertrag ein Jahr gültig ist, darf er gekündigt werden – also ab dem 4. November 2017. Die Kündigungsfrist liegt bei drei Jahren, so dass die USA am 4. November 2020 aus ihren Verpflichtungen entlassen wären. (Das ist ein Tag nach den nächsten geplanten US-Präsidentschaftswahlen.) Bis dahin bleiben die USA Vertragspartner und damit stimmberechtigt.

 

Perspective Daily: Wie geht’s wirklich unter Reichsbürgern zu?

Ich muss diese Zeilen 2-mal auf Facebook lesen, um sicherzugehen, dass Markus sie wirklich geschrieben hat. Anlass ist das neue Lied der Söhne Mannheims – Marionetten. Darin singt die Band von »Volksverrätern« und wütenden »Bauern mit Forken.« Reime und seltsame Anspielungen – da gibt es schlimmere Texte in den Charts. Manche Rezensionen sehen das anders. Der Frontmann Xavier Naidoo distanziert sich. Und manche aufgeregten Fans schreiben eben wütend gegen diese Rezensionen an. So auch Markus.
Ich kenne Markus von früher, aus der Schule. Damals hörte er noch die Böhsen Onkelz, schrieb seine Hausaufgaben ab und feierte mit mir Nächte durch. 8 Jahre lang war ich kein Bier mehr mit ihm trinken – weiß kaum, was in seinem Leben passiert, und will der ganzen Sache auch nicht weiter Bedeutung beimessen.

 


 

Psiram

 

Blog-Archiv (03/2016): Big-Pharma investiert noch mehr in Online-Trolle!

BRENTFORD, LONDON, GB – Wie das britische Pharmaunternehmen GlaxoSmithKline heute ankündigte, sollen zukünftig wesentliche Teile des Budgets aus dem Forschungs- und Entwicklungsbereich für Statine abgezogen und statt dessen stärker in den Ausbau von Onlinetroll-Aktivitäten investiert werden.

„Wir haben den Eindruck, dass es heutzutage wichtig für unser Unternehmen ist, sämtliche sozialen Netzwerke sowie verschiedene Nachrichtenmedien mit bezahlten Trollen und Sockenpuppen zu durchsetzen.“, so Firmenchef Andrew Witty. „Wir planen, unsere Budgets intern so umzuschichten, dass allein in diesem Jahr eine Summe von etwa 345 Millionen US-Dollar für Troll-Aktivitäten zur Verfügung steht.“

 

Neu im Psiram-Wiki:

Lifeplus
Melanie Missing

 


 

Video der Woche

 

Ehring am Klavier: Impfgegner | extra 3 | NDR

Ein Hoch auf die Impfgegner! Dank ihnen feiern längst vergessene Krankheiten ihr Comeback. Christian Ehring hat ihnen ein Lied gewidmet.

Direktlink: https://www.youtube.com/watch?v=oHn9UOklFa8

KategorienPsirama Tags: ,
  1. Ben
    6. Juni 2017, 15:33 | #1

    Der Laborjournal-Artikel scheint das Biologie/Genderwissenschaften-Thema ja mal erfreulich ausgewogen zu betrachten. Nicht so aufgeregt wie sonst.

  2. pelacani
    6. Juni 2017, 17:39 | #2

    Ben :

    Der Laborjournal-Artikel scheint das Biologie/Genderwissenschaften-Thema ja mal erfreulich ausgewogen zu betrachten. Nicht so aufgeregt wie sonst.

    Was ich nicht begriffen habe: ist die Autorin nun dafür oder dagegen, Linné auf einem Straßenschild die Sexualisierung des Pflanzenreichs vorzuwerfen? :-). Es ist doch betrüblich, dass die Gender studies für den reaktionären Biologismus ihrer Kritiker eine so schöne Kontrastfläche und scheinbare Legitimierung bieten.

  3. Marvin
    7. Juni 2017, 02:12 | #3

    pelacani :Was ich nicht begriffen habe: ist die Autorin nun dafür oder dagegen, Linné auf einem Straßenschild die Sexualisierung des Pflanzenreichs vorzuwerfen? :-). Es ist doch betrüblich, dass die Gender studies für den reaktionären Biologismus ihrer Kritiker eine so schöne Kontrastfläche und scheinbare Legitimierung bieten.

    Einerseits ja. Andererseits ist reaktionärer Biologismus (und Geschlechtsdiskriminierung) älter als Gender Studies – es ist also auch eine Frage, inwieweit das eine überzogene Gegenreaktion ist.
    Zu bedenken wäre außerdem, dass Gender Studies nicht nur aus Biologieleugnern besteht. Der zugehörige Trick seitens der „Feminismus ist unser aller Untergang“-Fraktion ist dann natürlich, sich die extremeren Ströme rauszusuchen und sie als die fach- und gesellschaftsdominierende Norm darzustellen, vernachlässigend, dass sie selbst genausosehr eine politische Agenda haben und genausowenig gesprächsbereit sind.
    Dritter Punkt wäre der Sozialkonstruktivismus und das, was so dranhängt. Die Soziologie der Wissenschaft stammt ursprünglich, soweit ich sie kennengelernt habe, größerenteils von Leuten, die sowohl soziologisch als auch naturwissenschaftlich ausgebildet waren und die ihre Arbeiten natürlich auch in diesem Kontext sahen – sprich, die die Kritik explizierten, aber nicht mit den für sie offensichtlichen Leistungen und Notwendigkeiten der Naturwissenschaften annotierten. Das treibt seltsame Blüten, wenn Leute drankommen, denen der entsprechende naturwissenschaftliche Hintergrund fehlt. (siehe dazu auch Philosophen und Künstliche Intelligenz)
    Das alles aber unter Vorbehalt – ich bin bestenfalls Teilzeitsoziologe. 😉

  4. pelacani
    7. Juni 2017, 07:43 | #4

    Marvin : Geschlechtsdiskriminierung) älter als Gender Studies

    Ja. Ein paar hundert Millionen Jahre.

    Marvin : dass Gender Studies nicht nur aus Biologieleugnern besteht.

    Und die Kritik an Gender Studies nicht nur aus reaktionärem Biologismus.

    Marvin :Sozialkonstruktivismus

    Um den Faden noch ein wenig weiter zu spinnen, und in äußerster Zuspitzung: Er entwickelt sich zu einem Grundübel unserer Zeit. Er ist die heutige Gestalt des Verrats der Intellektuellen, scheint mir.
    Der Konstruktivismus ist in den Händen der Linken im Wesentlichen Geschrei, aber in den Händen der Rechten wird er zu einer ernsthaften Gefahr.
    https://www.vox.com/policy-and-politics/2017/3/22/14762030/donald-trump-tribal-epistemology

  5. Marvin
    7. Juni 2017, 13:29 | #5

    pelacani : Und die Kritik an Gender Studies nicht nur aus reaktionärem Biologismus.

    Da werd ich dir nicht widersprechen. Ich bezog mich dabei auf deine oben zitierte Aussage , daher die von mir getroffene Einschränkung. Dass auch legitime Kritikpunkte existieren (bestes Beispiel der Aufhänger des entsprechenden Artikels), steht glaube ich für jeden außer Frage, der tatsächlich am Diskurs interessiert ist.

    pelacani : Der Konstruktivismus ist in den Händen der Linken im Wesentlichen Geschrei, aber in den Händen der Rechten wird er zu einer ernsthaften Gefahr.

    Ich glaube nicht, dass die Rechten dafür konstruktivistische Ansätze brauchen. Zum einen, weil ich bezweifle, dass sich mehr als eine Handvoll dieser Riege ernsthaft mit Sozialforschung auseinandergesetzt haben. Zum anderen, weil das Zusammenschustern einer eigenen Realität gegen alle Evidenz ein klassisches Merkmal autoritärer Regimes ist, und die moderne Rechte sich da fleißig bedient (ich lege da gerne die Lektüre von Klemperers „LTI“ zum Sprachgebrauch der Nazis ans Herz. Spitzenbuch.)
    Sozialkonstruktivismus mittlerweile tatsächlich für eine wertvolle Ergänzung. Solang man im Hinterkopf behält, dass es eine empirische Realität gibt, der es scheißegal ist, was wir sozialkonstruieren. ;-))

  6. Marvin
    7. Juni 2017, 15:09 | #6

    Nachtrag – Danke für den Artikel! 🙂
    Kommentar dazu noch: Wer ideologisch festgefahrener ist, wird faktenfeindlicher, und einfacher zu belügen.Und damit einfache Beute für Fanatiker und amoralische Profiteure (sieht man ja auch schön bei Verschwörungstheoretikern). Und denen sind die Mittel egal, mit denen sie ihre Ziele erreichen, ebenso wie die Kollateralschäden.
    (Wilde persönliche Spekulation: Dass die USA als ganzes ohnehin konstante Mentalakrobatik betreiben müssen, um ihr Selbstbild aufrecht zu erhalten, hilft da vermutlich nicht; ebensowenig wie eine ökonomische Kultur, die Unternehmen einen Blankoscheck ausstellt, ihre eigene Realität und ihre eigenen Fakten zu schaffen. Gebe aber zu, das ist doch ein wenig arg pauschalisierend-antiamerikanistisch.)

  7. Catweazle
    7. Juni 2017, 16:23 | #7

    Diese Genderwissenschaften hat Loriot als Scherz in die Welt gesetzt. Opa Hoppenstedt im Spielzeugladen wars doch der für Dickie kein herkömmliches Geschlecht nennen konnte.

  8. pelacani
    8. Juni 2017, 09:19 | #8

    Marvin :

    pelacani : Der Konstruktivismus ist in den Händen der Linken im Wesentlichen Geschrei, aber in den Händen der Rechten wird er zu einer ernsthaften Gefahr.

    Ich glaube nicht, dass die Rechten dafür konstruktivistische Ansätze brauchen. Zum einen, weil ich bezweifle, dass sich mehr als eine Handvoll dieser Riege ernsthaft mit Sozialforschung auseinandergesetzt haben.

    Wer „braucht“ schon Konstruktivismus, aber was sind alternative facts anderes? Dekonstruktionismus:

    Conway often invokes a rarefied, deconstructionist philosophy that puts truth in the eyes of the beholder.
    http://www.politico.com/magazine/story/2017/03/the-trump-surrogates-8-favorite-rhetorical-tricks-214879

    Und wer will das auseinanderhalten.
    Der Verweis auf LTI ist eher nicht erhellend; Nazi-Sprech war ganz anders (ich habe noch mal drin geblättert). Das hängt höchstens irgendwie mit dem Thema zusammen, so wie alles letztlich miteinander zusammenhängt.

  9. pelacani
    8. Juni 2017, 20:08 | #9

    Ach, und den hier hab‘ ich auch noch. Paul Boghossian („Angst vor der Wahrheit“) sagt:

    Im Moment steht die Wahrheit wieder hoch im Kurs. Wir stehen unter Schock wegen etwas, das viele »postfaktisches Zeitalter« nennen. Haben Sie das kommen sehen?
    Ich war erstaunt, aber nicht überrascht. Der radikale Konstruktivismus wird seit über 30 Jahren an den Universitäten gelehrt. Und ich habe mich schon gefragt, was passiert, wenn diese Studenten einmal Anwälte, Journalisten und Lehrer sind und diese lustige Erkenntnistheorie im Kopf haben, dass die objektive Wahrheit eine äußerst suspekte Idee ist.
    […]
    Der Kolonialismus hat die Unterdrückung damit gerechtfertigt, man bringe ein überlegenes westliches Wissen. Deshalb sieht man einen Schutz von Minderheiten darin zu sagen, es gibt nicht das eine richtige Wissen, jeder hat seins. Etwas abgeschwächt gilt das auch für den zweiten Weg, den ich eben beschrieben habe. Auch hier kann ich mich vor dem, was mir andere als Wahrheit erklären, schützen, wenn ich sage: Oh, das glaubst du nur aufgrund deines Wertesystems, welches ich nicht teile. Das ist politisch attraktiv. So begann die Politisierung des Wissens auf der Seite der Linken und ist dann von den Rechten übernommen worden. Aus einem Werkzeug der Befreiung wurde ein Werkzeug der »Alt Right«.
    Aber die Leser von Fake News sagen ja nicht, es gibt keine Wahrheit, sondern pochen im Gegenteil sehr auf ihre Wahrheit.
    Ja, das ist nicht die Frage, ob etwas wahr ist, sondern woher man weiß, dass es wahr ist. Der Satiriker Stephen Colbert hat dafür schon vor zehn Jahren den Begriff der »truthiness« erfunden. Er meint damit ein Bauchgefühl, dass etwas wahr ist, und die Überzeugung, dass das auch ein besserer Ratgeber sei als Fakten. Aber auch dieses Phänomen hat damit zu tun, dass der Respekt vor der Wahrheit aufgeweicht wurde und ein Gefühl zurückblieb, man könnte damit herumspielen.
    [Maja Beckers, Wo ist die Wahrheit hin, Herr Boghossian? Hohe Luft 4/17, S. 63ff]

  10. Marvin
    9. Juni 2017, 03:25 | #10

    pelacani :Wer „braucht“ schon Konstruktivismus, aber was sind alternative facts anderes?

    Ich wehre mich (jedenfalls noch) gegen die Verbindungslinie, die da vom Konstruktivismus zu Trump und der neuen Rechten gezogen wird – ja, dazu hat die Postmoderne beigetragen, und Teil derselben ist der Konstruktivismus. Aus einem massiven Gewust an Entwicklungen, Verwicklungen und gesellschaftlichen Strömungen dann aber dieses Konzept rauszuziehen und zu sagen „das da wars, das nutzen die Rechten jetzt“, weil man konvergente Strukturen erkennen kann, finde ich eher hinderlich. Nicht zu vergessen: Die Alt-Right speist sich zu erheblichen Teilen aus Leuten, die Geisteswissenschaften und ihre Erkenntnisse irgendwo zwischen überflüssig und nonexistent betrachten, und die amerikanischen Konservativen stehen den Unis als „liberal hotbeds“ ohnehin extrem kritisch gegenüber. Klassische Nähe ist ja wenn dann eher zu den Wirtschaftswissenschaften – und da wiederum bin ich skeptisch, dass Konstruktivismus eine Rolle spielt (auch wenn die sich seit Jahrzehnten fleißig ihre alternative facts bauen). Kurz: Mir fehlt der Verbindungsfaden.

    Nachtrag: Dass offensichtliche Lügen beharrlich weiterverwendet werden, ist ebenfalls nicht neu. Neu ist nur, dass das salonfähig ist. Und das halte ich zu erheblichen Teilen für ein Problem der Medienkultur, sowie einer Gesamtkultur, die Intellektualität sehr misstrauisch gegenübersteht.

    pelacani :
    Der Verweis auf LTI ist eher nicht erhellend; Nazi-Sprech war ganz anders (ich habe noch mal drin geblättert). Das hängt höchstens irgendwie mit dem Thema zusammen, so wie alles letztlich miteinander zusammenhängt.

    Nicht unrichtig – aber die Festlegung von Fakten via Autorität findet sich auch dort sehr schön wieder, so ich nicht irre (ich gebe zu, es ist eine Weile her, dass ichs in der Hand hatte).

  11. pelacani
    9. Juni 2017, 07:41 | #11

    Marvin : Ich wehre mich (jedenfalls noch) gegen die Verbindungslinie, die da vom Konstruktivismus zu Trump und der neuen Rechten gezogen wird

    Vgl. aber z. B. mein Boghossian-Zitat in #9. Er ist da noch ein wenig ausführlicher. Leider ist das nicht online zu haben, und ich kann nun nicht den kompletten Text hier einstellen. Nur, um nicht aus den Augen zu verlieren, worum es geht:

    Constructivism […] is considered by its proponents to be an alternative to classical Rationalism and Empiricism. The constructivist point of view is both pragmatic and relativistic in nature. It opposes Positivism and Scientism in that it maintains that scientific knowledge is constructed by scientists, and not discovered from the world through strict scientific method, and it holds that there is no single valid methodology, and that other methodologies may be more appropriate for social science.
    http://www.philosophybasics.com/branch_constructivism.html

    Anything goes. Das lässt sich geradezu als eine Rechtfertigung der „Philosophie“ lesen, die Infowars, Breitbart usw. zugrunde liegt.

    Marvin : dann aber dieses Konzept rauszuziehen und zu sagen „das da wars, das nutzen die Rechten jetzt“

    Wenn wir uns nun schon gegenseitig die unwiderlegbaren Thesen um die Ohren hauen, dann sollten wir wenigstens beim Text bleiben. Ich hatte „in äußerster Zuspitzung“ gesagt (#4), dass sich der Konstruktivismus zu einem Grundübel unserer Zeit entwickelt, aber nicht, dass er das Grundübel ist und ohne ihn alles in Ordnung wäre.

    Marvin :aber die Festlegung von Fakten via Autorität findet sich auch dort sehr schön wieder

    Sicherlich. Ich wäre zuversichtlich, auch noch ein paar passende Shakespeare-Verse zu finden (das soll jetzt keine Kritik, sondern eine Wertschätzung für Klemperer und für Shakespeare sein).

  12. Marvin
    9. Juni 2017, 09:28 | #12

    pelacani :Anything goes. Das lässt sich geradezu als eine Rechtfertigung der „Philosophie“ lesen, die Infowars, Breitbart usw. zugrunde liegt.

    Mh, das ist nicht unrichtig – evtl. betrachte ich das zu sehr durch die Soziologenbrille. Sozialkonstruktivistische Ansätze, so wie ich sie da kennengelernt habe, gibts durchaus auch vernünftige, die von einer Konstruktion der Wahrnehmung ausgehen, aber nicht die Existenz einer epistemiologischen Realität an sich leugnen. Dass Konstruktivismus in der von dir zitierten Definition fürn Eimer ist, werd ich auch keinesfalls bestreiten – ich bin nur wiegesagt skeptisch, was den Einfluss dieses Konzepts betrifft (siehe oben).
    Denn letztenendes ist den Rechten ja egal, ob sie einen philosophischen Unterbau dafür haben, sich eine Realitätsblase zu schaffen, die machens einfach, bis sie damit nicht mehr durchkommen. Was ich mir eher vorstellen könnte, ist, dass konstruktivistische Ansätze die Medienkultur beeinflusst haben, die das mit zugelassen hat (der von dir verlinkte vox-Artikel legte das ja schön dar) – aber dafür halte ich den journalistischen Betrieb, wie ich zugeben muss, für zu pragmatisch.

    pelacani :Wenn wir uns nun schon gegenseitig die unwiderlegbaren Thesen um die Ohren hauen, dann sollten wir wenigstens beim Text bleiben. Ich hatte „in äußerster Zuspitzung“ gesagt (#4), dass sich der Konstruktivismus zu einem Grundübel unserer Zeit entwickelt, aber nicht, dass er das Grundübel ist und ohne ihn alles in Ordnung wäre.

    Das stimmt – bitte entschuldige. Da habe ich dir mindestens mal einen Strohhut aufgesetzt. 😉

    pelacani :
    Sicherlich. Ich wäre zuversichtlich, auch noch ein paar passende Shakespeare-Verse zu finden (das soll jetzt keine Kritik, sondern eine Wertschätzung für Klemperer und für Shakespeare sein).

    Point taken 🙂 Worauf ich damit allerdings rauswollte: Autoritäre Regimes, insbesondere welche mit Personenkult, hatten schon immer ein Faible dafür, dass Fakten einfach festgelegt werden – von der unbesiegbaren Wehrmacht über Lysenkos blühende Landschaften bis zur Stahlverhüttung im Hinterhof. So gesehen holen die Apologeten des fehlkolorierten Führerchens damit nur wieder die alten Tricks aus dem Schrank.

    (NB: Danke, dass du dir meine Textwände antust. Auch nicht selbstverständlich. ;-))