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Befleckte Medizinsoziologie 3

Teil 3 unserer Serie zur Wissenschaftstheorie von Ludwik Fleck
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Einige Details

Flecks Buch ist nicht umfangreich. Es umfasst 190 Seiten und ist in vier Kapitel gegliedert, aus denen wir eine Blütenlese charakteristischer Behauptungen untersuchen wollen. Wir benutzen die 9. Auflage 2012 (erste Auflage 1980) der bei Suhrkamp in Frankfurt/M. erschienenen Ausgabe, die zur Erstausgabe 1935 textidentisch ist. Die ersten Worte sind:

Was ist eine Tatsache?
Man stellt sie als Feststehendes, Bleibendes, vom subjektiven Meinen des Forschers Unabhängiges den vergänglichen Theorien gegenüber.

Schon dieser Satz, so global und unschuldig wie er klingt, ist zweifelhaft. Tatsachen müssen nicht feststehend oder bleibend sein; wenn es zutrifft, dann für Naturgesetzlichkeiten – schon für ihre Repräsentation, ihre wissenschaftliche Formulierung, gilt das nicht mehr, aber warum sollten selbst letztere nicht objektiv sein können. Es ist ein Fakt, dass ein Glas auf dem Tisch steht – solange, bis ich es in die Küche bringe. Vergänglichkeit ist nicht dasselbe wie „subjektives Meinen“. Tatsachen wie diejenige, dass der Mensch zwei Augen hat, nennt Fleck „passiv“, man wisse nicht mehr, wie man zu dieser Ansicht gekommen sei, und solche Tatsachen würden einen Zwang ausüben (S. 1). – In der Psychiatrie bedeutet „Zwanghaftigkeit“ ein Festhalten an Gedanken/Handlungen wider besseres Wissen; weiß der Mensch, dass er nicht zwei Augen hat? Solche terminologischen Unbestimmtheiten ziehen sich durch den gesamten Text.

1. Kapitel: Wie der heutige Syphilisbegriff entstand

Fleck schildert die historische Entwicklung, die allmähliche Differenzierung der vorwissenschaftlichen Ansichten von der Lustseuche. Ihre „sozialpsychische und geschichtliche Begründung war so stark, daß es vierhundert Jahre brauchte,“ bis die moderne wissenschaftliche Auffassung von dieser erregerbedingten Krankheitseinheit entstand (dies ist nicht die Ausdrucksweise Flecks, wir kürzen hier nur ab). „Diese Beharrungstendenz beweist, daß keine sogenannten empirischen Beobachtungen den Aufbau und die Fixierung der Idee durchführten, sondern daß spezielle, tief aus dem Psychischen und der Tradition kommende Faktoren mitspielten.“ (S. 6, kursiv vom Verf.) – Die Rolle empirischer Faktoren bei der Erarbeitung eines wissenschaftlichen Konzepts wird systematisch teils ignoriert, teils abgewertet, und auch diese Tendenz zieht sich durch den Text.

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