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Über den Tellerrand geschaut: Afrikanische Alternativmedizin

14. April 2009 5 Kommentare

„Unwissenschaftlichkeit ist der Boden der Inhumanität“ Karl Jaspers

Die Annahme, dass der „Wilde“ an sich ein edler sei und der Mensch in Stammeskulturen von Haus aus friedlich, freundlich und naturverbunden, ist ein beliebtes und verbreitetes Klischee postkolonialer Reaktion. Ungeachtet dessen, dass die Sichtweisen von Menschen, die noch weitab der Bildungs- und Erkenntnismöglichkeiten der modernen Gesellschaft sind, oft kaum verstehbar sind, sind doch die Auswirkungen dieser Sichtweisen auf die jeweilige Gemeinschaft und das Individuum beobachtbar. Schon, dass es in einigen Gebieten der Erde auch heute noch Sklaverei gibt, ist eine grausige Realität.

Je dümmer, ungebildeter und abergläubischer ein Mensch, je enger sein Horizont, desto weniger kann er sich oft in den Mitmenschen einfühlen und desto enger ist sein Schema von Menschsein und der Gruppe, zu der er sich zugehörig fühlt. Xenophobie ist ein verbreitetes Phänomen in unterschiedlichen Erscheinungsformen. Nicht umsonst heißt die eigene Gruppe in vielen Sprachen einfach „Mensch“ und die anderen Gruppen – sind dies halt nicht. Aber auch in der eigenen Gruppe haben Menschen mit ungewöhnlichen Eigenschaften, Menschen, die aus der Masse aufgrund körperlicher, seelischer oder geistiger Merkmale herausstechen, oft zu leiden. Dass die Hautfarbe alleine schon genügen kann, um einen Mitmenschen als anders- und fremdartig und – als Vorurteil – als Träger schlechter Eigenschaften oder böser Mächte anzunehmen, ist allgemein bekannt.

In jüngster Zeit sind immer wieder Berichte aufgetaucht, wonach in v. a. Zentralafrika von „Hexendoktoren“ Jagd auf Albinos gemacht wird, um sie als Ganzes oder Teile von ihnen (man schreckt sogar vor grausamsten Verstümmelungen an Verwandten oder Kindern nicht zurück) zu Zaubertränken und -pulvern zu verarbeiten.


BBC: Tanzania’s albinos in fear

„Tödliche Jagd auf Albinos“, SZ vom 10.08.2008

„Aberglaube an die Kräfte der „weißen Schwarzen“, FAZ vom 08.04.2009

„Mörderbanden machen Jagd auf Albinos“, Spiegel vom 25.10.2008

Asyl wegen ritueller Verfolgung:
„Afrikanischer Albino sucht Asyl in Spanien“, Bild 11.04.2009

Das Erschreckende an diesen Vorfällen, die leider keine ganz vereinzelten Vorkommnisse sind, ist nicht nur die tief verstörende Brutalität der unmittelbaren Täter, die von einem „was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu“ noch Lichtjahre entfernt sind; das Erschreckende ist auch, dass es eine Nachfrage, einen Markt für diese „Produkte“ gibt. Menschen also, die billigend in Kauf nehmen, dass für ihre persönlichen Bedürfnisse andere Menschen abgeschlachtet und „zubereitet“ werden. Wobei die geforderten Preise für diese Zaubermittel vermuten lassen, dass diese „Mittel“ eher nicht in den Unterschichten nachgefragt werden. Arme Leute können sich diese „Mittel“ schlicht nicht leisten, die Täter hingegen haben mit der Bezahlung für die Auftragsmorde bzw. beschafften Teile oft ausgesorgt. Warum die Täter, die „Hersteller“ dieser „Produkte“ aber nicht einfach die Überreste vom letzten Schweineschlachten (die Käufer werden wohl kaum das Mittel analysieren lassen können) nehmen, um ein Zaubermittel zu brauen, bleibt auch unergründlich. Ein besonders bizarrer Fall von Verbrecherehrlichkeit, die darauf schließen lässt, dass sie selber auch fest an die Wirksamkeit glauben.

The albino trade: Undercover with a witch-doctor, BBC

Man könnte nun entgegnen, ja, die Europäer, die verwenden ja auch Teile von lebenden (Blut, Lebendspenden eines paarigen Organs) oder toten Menschen (Organspende, frühere Gewinnung u .a. von Wachstumshormon). Doch da verläuft eine klare Linie: nämlich die zwischen magischen Vorstellungen und echter, begründeter Hilfe sowie zwischen verbrecherischer Zwangs“entnahme“ bzw. Mord und freiwilliger Spende. Das ist ethisch völlig anders zu bewerten.

Nur um vorzubeugen, es handle sich bei diesen Sichten um eurozentrische Herablassung: Auch in unseren Breiten wurden früher „Produkte“ aus Menschen gemacht, die Zauberwirkungen haben sollten. Das berühmte „Mumia-Pulver“, das aus Mumien gewonnen wurde (oder angeblich hergestellt wurde, es gab reichlich Verfälschungen), ist nur ein Beispiel.

„Die Heilkraft des Todes“, Spiegel vom 26.01.2009

Wir hier sind über DIESEN Aberglauben glücklicherweise allermeistens hinweg (es sind noch genug andere da, wenn auch nicht so brutale), was aber auch ein jahrhundertelanger Prozeß war. Mit wissenschaftlichen Ansätzen der Medizin und Achtung der Menschenrechte ist so etwas nicht mehr vereinbar. Das ist auch gut so. Es ist für die afrikanischen Albinos zu hoffen, dass diesem Aberglauben eine kürzere Restlebensdauer beschieden ist. Breitenbildung an Herz und Hirn ist der Weg dahin. Bis das umgesetzt ist, werden leider möglicherweise nur drakonische Strafen helfen und verdeckte Ermittler. Leider ist in den betroffenen Staaten auch Korruption und Bestechlichkeit weit verbreitet, so dass da noch ein weiter Weg zu gehen ist.