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Erhöhte Autismus-Diagnosen, Impfkritik und ein paar Fakten

10. April 2012

Vor kurzem hat das amerikanische CDC (Center of Disease Control) einen Bericht zur Häufigkeit von autistischen Störungen veröffentlicht. Darin wurden Daten von 2008 ausgewertet und es zeigte sich, dass die Anzahl der Diagnosen im Vergleich zu 2006 um 23% auf 1:88 gestiegen war. Bei Jungen 1:54, bei Mädchen 1:252.

Selbstverständlich haben Impfgegner diesen Bericht sofort aufgegriffen, Details waren wie so oft nicht erwünscht, klarerweise müssen Impfungen schuld sein. Was auch sonst?

Ein wenig Hintergrund:
Unter Autismus versteht man eine Vielfalt von Störungen, die unter einem Begriff zusammengefasst wurden. Die englische Bezeichnung erscheint hier klarer, da sie von “Autism Spectrum Disorders” (ASD), also Störungen im autistischen Bereich, spricht. Das Spektrum reicht dabei von schwerer Behinderung bis hin zu leichten Beeinträchtigungen, absolut individuell. Es ist wichtig zu wissen, dass sich die diagnostischen Standards im Laufe der Jahre mehrfach geändert haben, angepasst an neue Erkenntnisse. Die letzte Änderung der Definition erfolgte 1994 und es ist geplant im Mai 2013 die 5. Version des diagnostischen Standardhandbuchs zu veröffentlichen. Diese wird die Definition wieder einschränken, was (vermutlich) zu einer Verringerung der Anzahl der Diagnosen führen wird.

Basierend auf den Definitionen von 1994 wurde 2007 ein Report für 2002 vom eigens gegründeten “Autism and Developmental Disabilities Monitoring Network” (ADDM) herausgegeben, der eine Prävalenz von 1:150 ermittelte. Mit dem nächsten Report für 2006 wurde die Prävalenz auf 1:110 korrigiert.

Als diese Zahlen herauskamen, sprachen die Medien sofort von einer “Autismus-Epidemie”. Die Anzahl der Fälle schien rasant gestiegen zu sein und immer noch zu steigen. Allerdings ist auch heute noch völlig unklar, welchen Anteil verbesserte Diagnostik und verstärktes Medienecho (vermehrtes Bewusstsein der Eltern/Ärzte -> mehr Untersuchungen) an der erhöhten Prävalenz haben. Dieses Problem bei der Interpretation der Ergebnisse ist lange bekannt. In ihrem aktuelle Report wird auch explizit von der CDC darauf hingewiesen und die Problematik im “Directors Blog” erklärt.

Das Kernproblem: Steigt die Anzahl der Autismus-Fälle oder verbessert sich nur die Diagnostik?

Spannend in diesem Zusammenhang auch eine Studie aus Großbritannien, die unter Erwachsenen durchgeführt wurde und etwa 1% (9,8:1000) als autistisch klassifizierte. Es gibt aber auch andere Studien, die eine echte Vermehrung der Fälle nahelegen. Nach heutigem Wissensstand muss man leider in den sauren Apfel beißen und sagen: “Wissen wir nicht!”

Impfgegner gehen nun erstens von einer tatsächlichen Vermehrung der Fälle aus und darüber hinaus gehen sie auch davon aus, dass Impfungen schuld sind. Das Problem dabei ist, dass es absolut keinen Hinweis auf einen Zusammenhang mit Impfungen gibt.

Beliebt ist die “Thiomersal verursacht Autismus”-Idee, die durch viele Studien und Daten als längst widerlegt gilt. Tatsächlich ist die gestiegene Anzahl der diagnostizierten Autismus-Fälle nicht hilfreich für die These, da 1999 begonnen wurde Thiomersal/Thimerosal aus dem Verkehr zu ziehen (Warum das geschah, siehe hier). Wäre die Anzahl der Fälle in Korrelation mit der Verwendung Thiomersal-freier Impfstoffe gesunken, hätte man in die Richtung argumentieren können, man hätte ja immerhin eine Korrelation gehabt. Aber nicht einmal die ist vorhanden.

Auch das Thema “MMR-Impfung verursacht Autismus” ist ein immer noch breit getretener Klassiker, der ebenfalls in vielen Studien untersucht wurde. Andrew Wakefield der das Thema aufgebracht hatte, musste sich den Vorwurf der bewussten Datenfälschung gefallen lassen und verlor seine Approbation in Großbritannien.

Als Fazit bleibt zu sagen, dass es keinerlei Hinweis auf einen Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus gibt.

Autismus ist übrigens wohl ein dankbarer Bereich um mit Behauptungen um sich zu werfen. Eine Oxford-Professorin für Pharmakologie ist z.B. der Meinung, dass das Internet und Computerspiele schuld sind. Beweise? Daten? Publikationen? Leider nicht.

Eine Studie legt übrigens nahe, dass man Autismus schon bei Kindern ab 6 Monaten mit Hirnscans entdecken kann, was zumindest für die Internet-These ein gröberes Problem wäre. Und eventuell sehr frühe Behandlung erlauben könnte, die Daten sind allerdings noch sehr dünn.

Obwohl man noch immer vieles nicht so genau weiß, schreitet die Forschung nichtsdestotrotz voran. Man identifiziert jedes Jahr weitere Faktoren und präzisiert diese in Studien, auch Impfungen werden immer und immer wieder in diese Richtung untersucht. Der Punkt ist, man will ja Gründe/Ursachen finden. Wenn man die kennt, hat man einen Angriffspunkt.

Genetische Untersuchungen haben sich dem Problem angenähert (sehr spannend!), ein Kandidat zur Erklärung der Geschlechterdiskrepanz (1:54 zu 1:252) wurde gefunden, der Einfluss von Umwelteinflüssen wird analysiert und vieles mehr. Auch höheres Alter der Eltern scheint das Risiko für Autismus zu erhöhen.

  1. 10. April 2012, 18:02 | #1

    Endlich eine Entmystifizierung der Zahlen mal an prominenter Stelle…

    Danke für diesen Beitrag.

  2. 10. April 2012, 18:04 | #2

    Could autism be linked with mothers’ obesity during
    pregnancy? Study says it could be a factor.

    This could help explain why there has been a rise in the
    number of kids diagnosed with autism in the past few decades.

    http://www.washingtonpost.com/national/health-science/could-autism-be-linked-with-mothers-obesity-during-pregnancy-study-says-it-could-be-a-factor/2012/04/08/gIQAxevS4S_story.html?hpid=z2&tid=sm_twitter_washingtonpost

  3. 10. April 2012, 20:58 | #3

    “Daten von 2008…im Vergleich zu 2008…” Sind das tatsächlich die korrekten Jahreszahlen?

    Danke für die schicke Zusammenfassung der aktuellen Forschung im letzten Absatz.

  4. Mr. Bojangles
    11. April 2012, 00:30 | #4

    Korr. Da hatte sich der Fehlerteufel eingeschlichen ;)
    Wie ama schon kommentierte, gibt es noch weitere Forschungsergebnisse. Grundsätzlich deutet zur Zeit viel auf genetische bzw. mutationsbedingte Ursachen hin (Alter der Eltern, Fettleibigkeit der Eltern, Kontakt der Eltern mit Lösungsmitteln).

  5. observer
    11. April 2012, 14:18 | #5

    Interessant ist ja die Widersprüchlichkeit der Behauptungen Thiomersal macht Autismus und MMR macht Autismus. Nachdem in der MMR Impfung kein Thiomersal enthalten ist (und nie war und auch nicht enthalten sein kann, sonst wärs kein Lebendimpfstoff mehr) ist da ein inhärenter Widerspruch enthalten. Details die Impfgegner aber nicht interessieren. Nachdem nunmehr in Totimpfstoffen keine Thiomersal enthalten ist, wirds dann wohl das Adjuvans sein…

    Ist ja auch egal- es müssen die Impfstoffe sein- jedenfalls laut Impfgegnerlogik-unbedingt.

    Und Autismus und Internet- nein unmöglich- dessen bedienen sich ja auch Impfgegner und die wissen es sind die Impfungen. Alles klar?

  6. 13. April 2012, 20:55 | #6

    Davon abgesehen, dass für eine Beteiligung von Quecksilber an Autismus noch keine Nachweise erbracht wurden, könnte man den Thiomersal-Fanatikern ja etwas ganz anderes nahelegen: Die Erhöhung der Fälle von Autimus-Diagnosen in Relation zu den Verkaufszahlen von quecksilberhaltigen Energiesparlampen. (Die LED-Hersteller würde es freuen.)

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