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Der Jahrgang 2016: deutsche Biowinzer und japanische Walfänger in einem Boot

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Spitzenlage 2016: Kupferberg Hochgewächs

 

Der Jahrgang 2016 hängt noch an den Rebstöcken, und ehe der letzte Tropfen Most nicht über die Keltern geflossen ist, sollte man mit Prognosen vorsichtig sein. Eines ist schon jetzt klar: er wird die deutschen Winzer reichlich Nerven gekostet haben. Dauerregen und die enormen Niederschlagsmengen seit Mai haben zwar die Rebblüte einigermaßen verschont, allerdings ächzen die Pflanzen unter Folgeerscheinungen der andauernden Nässe, hauptsächlich unter Plasmopara viticola, dem Falschen Mehltau, der die Weinlaubblätter befällt, vergilben und abfallen lässt, so dass die Pflanze mit ihren Fruchtständen verkümmert.

rosenFalscher Mehltau ist eine alte Plage des Weinbaus in feuchten Jahren, und Winzer achten peinlich darauf, ihn sich möglichst vom Halse zu halten, sonst drohen böse Ertragsausfälle. Rosenstöcke, die man manchmal noch an den Enden von Rebzeilen gepflanzt sieht, haben in diesem Zusammenhang keineswegs nur idyllische Funktion: Rosen sind gegen Falschen Mehltau noch anfälliger als die Varianten von Vitis Vinifera; zeigt ein Rosenstock Anzeichen von Befall, kann frühzeitig interveniert werden.

Früher, vor der Einführung moderner Pflanzenschutzmittel, gab es gegen den Falschen Mehltau die traditionelle „Bordeauxbrühe“: eine Suspension von gebranntem Kalk (CaO) in einer wässrigen Kupfersulfatlösung. Kupfersulfat ist nun nicht eine Substanz, mit der man bedenkenlos hantieren könnte: es gehört in die Wassergefährdungsklasse 2, nach der EU-Verordnung (EG) 1272/2008 (CLP) muss sie als gesundheitsschädlich und umweltgefährlich gekennzeichnet sein, und da ist etwas Wahres dran: für den Menschen gilt Kupfersulfat als leicht giftig und brechreizauslösend; hochtoxisch wirkt es hingegen auf Mikroorganismen. Dazu reichert es sich in den Böden an, da es sich  nicht in Richtung Grundwasser verlagert.bordeaux
Eine moderne Konkurrenz für die archaische Bordeauxbrühe besteht in Mitgliedern der Stoffgruppe der Phosphonate, Salzen und organischen Verbindungen der Phosphonsäure. Sie wirken als Komplexbildner, sie haben den Vorzug, allenfalls schwach humantoxisch zu wirken und einige von ihnen sind durch bestimmte Bakterienvarianten biologisch abbaubar, daneben besteht ein photochemischer Abbauvorgang. Eigentlich eine saubere Lösung, verglichen mit der Bordeauxbrühe.

Der konventionell wirtschaftende Winzer greift seit der Zulassung der Substanz in Jahren wie 2016 selbstverständlich zum Kaliumphosphonat, wenn die Reben vor dem Niedergang geschützt werden müssen. Die Anwendung ist unproblematisch, und im fertigen Produkt gibt es vom Ethanol bis zur schwefeligen Säure Substanzen, die ganz andere gesundheitliche Fragen aufwerfen.

Für den Bio-Winzer liegen die Dinge nicht so einfach. In Krisenjahren wie 2016 können sie in ziemlich verrückte Konsequenzen geraten. Gut, es gibt die gute alte Bordeauxbrühe, ausgerechnet die darf der Biowinzer verwenden. Aus den genannten Gründen sollte man damit aber sparsam umgehen. Gewöhnlich sind in Deutschland „nur“ 3 kg reines Kupfer pro Hektar und Jahr zugelassen. In anderen Ländern der EU ist es das Doppelte, aber davon sehen wir hier einmal ab, 3 kg Schwermetall pur sind schon eine ganze Menge. Ist die Witterung so katastrophal nass wie 2016, legt der deutsche Bioweinbau großmütig noch ein Kilo pro Hektar drauf, das wären dann vier. Der Nässe des Sommers Jahres 2016 scheint man aber auch damit nicht gewachsen zu sein. Was tun?

Da wären noch die bequem anwendbaren Phosphonate der konventionellen Konkurrenz, namentlich Kaliumphosphonat. Ja, natürlich. Aber da sind wir an dem Punkt, an dem die biologisch wirtschaftenden Winzer und ihre Verbände in eine selbstgestellte Falle gelaufen sind. Und die Rettung naht in einem Boot, in dem man sich nicht mit Spätlese, sondern mit Sake zuprostet.

Kaliumphosphonat war ursprünglich in mehreren Ländern der EU für den Bioanbau zugelassen. Die wichtigsten deutschen Bio-Verbände hatten allerdings schon Jahre zuvor, weil sie auch hier sauberer bleiben wollten, als die anderen, vereinbart, ihren Mitgliedern die Substanz nicht zu erlauben. Da 2016 aber nicht das erste Jahr war, in dem man mit der Kupferlösung am Anschlag war, verfiel man auf einen rabulistischen Trick – genau genommen sogar zwei.

Manche Phosphonate kommen – in winzigen Mengen – auch in der Natur vor, vor allem in Membranen von Prokaryoten, Bakterien, Pilzen, Mollusken und Insekten. Demnach sollte gelten: Phosphonate sind „natürlich“. Nun kommt gerade Kaliumphosphonat – im Gegensatz zu organischen Phosphonaten – in der Natur genau nirgends vor, aber was soll der kleinliche Einwand, es hat auch als lupenreines Industrieprodukt zumindest „naturstofflichen Charakter“ und darf deshalb als „Pflanzenstärkungsmittel“ angewandt werden. Doppelherz für den Riesling, sozusagen. Das war zwar frivol, aber es half.

Zum 1. Oktober 2013 passierte, was nicht hätte passieren dürfen: die Kommission ließ Kaliumphosphonat EU-weit offiziell als Pflanzenschutzmittel zu. Damit war der Mummenschanz mit dem „Stärkungsmittel“ zu Ende, der deutsche Bio-Winzer darf es nach den strengen Verbandsrichtlinien nicht mehr nutzen.

Falls jemand bis hierher nicht recht folgen konnte, nochmals die Kurzfassung: da hatte man etwas, was man benutzen durfte, aber eigentlich nicht benutzen wollte, dann doch benutzt, weil man es nicht Pflanzenschutzmittel, sondern Pflanzenstärkungsmittel zu nennen beliebte. Dann ließ es die EU als das zu, was es ist, nämlich als Pflanzenschutzmittel, und jetzt darf man das nicht mehr, was man eigentlich nie wollte, und alles ist ganz schrecklich, weil es regnet. Alles klar?

Aber es geht noch etwas toller, und damit nähern wir uns endlich dem Walfang.

Südlicher Zwergwal

Südlicher Zwergwal

Landesregierungen von Bundesländern, in denen Haupterwerbsweinbau getrieben wird, sorgen sich natürlich auch um ihre bio(un)logisch wirtschaftenden Betriebe, die mitten im selbstverursachten Unrat sitzen; nicht zuletzt um die natürlichen Verbündeten dieser Klientel, die bündnisgrünen Koalitionäre gewogen zu halten. Wo ein Wille ist, ist für eine gestandene Ministerialbürokratie allemal ein Weg. Deshalb wird Kaliumphosphonat ausnahmsweise eben doch für den Biowein des Jahrgangs 2016 freigegeben. Und damit die saubere biologische Fassade stehenbleibt, nicht etwa als einfache ministerielle Ausnahmeerlaubnis – denn dann wäre für die Anwender das begehrte (und bares Geld werte!) Bio-Siegel gleich für mehrere folgende Jahre perdü. Nein, man gibt den Bio-Schwindel aus als: Großversuch! So jedenfalls hört man das aus Bayern, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und ganz allgemein.

Nicht dass Missverständnisse aufkommen: Kaliumphosphonat ist in der Anwendung unbedenklich. Um dieses Mittels willen ist ein Glas Bio-Wein nicht mehr und nicht weniger bedenklich oder unbedenklich wie die gleiche Menge eines konventionellen Weins. Es ist nur so:

Der so bezeichnete „Großversuch“ ist als solcher ein Witz, denn es gibt nichts, was da ernsthaft untersucht werden könnte. Soll nun wirklich getestet werden, ob Bio-Weinbau auch dann funktioniert, wenn der Erzeuger gar nicht Bio wirtschaftet? Das könnte man auch ohne „Großversuch“ beantworten. Und sollen am Ende des Jahres 2016 ernsthaft Studien, worüber auch immer, irgendwelche Ergebnisse dokumentieren? Was für ein Unsinn! In der Sache geht es nur um eines: zu verhindern, dass es in den nächsten fünf Jahren praktisch keinen Bio-Wein aus deutschen Landen mehr gibt. Selbstverständlich könnten die betroffenen Betriebe, wenn sie zum Kaliumphosphonat greifen, in dieser Zeit weiter Wein erzeugen und verkaufen, nur eben ohne das Alleinstellungsmerkmal „Bio“. Wenn man aber nicht bereit ist, für ein Leben „im Einklang mit der Natur“ mit dieser Natur auch nur in diesem Sinne einmal schmerzhaft zu teilen, dann sollte man dem Publikum ehrlicherweise auch nicht nicht suggerieren, man tue es.

Und so kommen wir mit einem Großversuchswitz schließlich auf die Wechselbeziehung von Wein- und Reisweintrinkern zurück. Das Argument, man betreibe eigentlich nur wissenschaftliche Experimente, um mit dieser faulen Ausrede eine ansonsten notleidende Branche über Wasser zu halten, ist aus anderem Zusammenhang durchaus geläufig. In Japan begründet man damit den Fang von Zwergwalen. Mirai ni Kanpai!

kanpei

Ach ja, eines noch, auch wenn es in der Menge der Peinlichkeiten nicht mehr wirklich von Bedeutung ist: das prominenteste Mitglied der Stoffgruppe der Phosphonate ist zur Zeit in aller Munde. Es heißt Glyphosat.

  1. Guildenstern
    30. Juli 2016, 11:10 | #1

    Ich hörte einmal, dass Schweine besonders empfindlich auf Kupferionen reagieren und man sie deshalb nicht auf einem Gelände halten kann, das zuvor mit Wein bebaut war. Eine Quelle konnte ich aber nicht finden. Wisst jemand mehr?

  2. Kokoschinski
    30. Juli 2016, 13:12 | #2

    Vielen Dank Euch für den tollen Artikel! Psiram ist meine Startseite! Hab’s meinen Bio Brüdern gleich mal weitergeleitet. Bin schon gespannt, wie sie sich rauswinden.

  3. Olti
    31. Juli 2016, 13:38 | #3

    Von Schafen weiß ich es auf jeden Fall, dass man auf die Kupferaufnahme achten muss, weil hier sehr viel eher eine Giftigkeit eintritt als z.B. bei Rindern.

  4. Hans-Peter D.
    31. Juli 2016, 15:00 | #4

    Es gibt übrigens auch die endemic Tyrolean copper toxicosis (ETIC), die zur Leberzirrose bei Kindern führt, wenn man ihnen Essen in kupfernen Töpfen zubereitet und eine bestimmte genetische Disposition vorliegt. Das wurde zuerst in Österreich beobachtet (daher der Name, abgeleitet von Tirol). Später auch in Indien – Indian childhood cirrhosis.

    138 infants and young children died from an endemic infantile liver cirrhosis in a circumscribed rural area of western Austria between 1900 and 1974. Frequency of the disease peaked between 1930 and 1960. It has disappeared from this area since 1974.

    The disease, which was clinically and pathologically indistinguishable from Indian childhood cirrhosis and hepatic copper toxicosis, was transmitted by autosomal recessive inheritance. Cow’s milk, contaminated with copper from untinned copper or brass vessels, may have contributed to the development of copper toxicosis. Replacement of untinned copper cooking utensils by modern industrial vessels has eradicated the disease.

  5. editor
    31. Juli 2016, 17:24 | #5

    Na wenns dann keinen Biowein mehr gibt, sollen die Winzer aufpassen; wenn sie auf Schafzucht umstellen, fallen die Tiere bald tot um, sie sind sehr Kupfer empfindlich – also Bioschafe gibts dann bald auch nicht mehr 🙁

  6. 2. August 2016, 10:02 | #6

    @ editor: Das wäre dann eine neue Variante des legendären Goldenen Kalbs, oder?

  7. Ingo G.
    2. August 2016, 10:15 | #7

    Siehe:

  8. Ingo G.
    2. August 2016, 10:16 | #8

  9. Groucho
    2. August 2016, 13:36 | #9

    @Ingo G.: Link einfach reinkopieren, nicht formatieren, blankes www. etc dann klappt das.

  10. Ingo G.
  11. Guildenstern
    3. August 2016, 11:30 | #11

    Das mit der besonderen Empfindlichkeit von Schweinen auf Kupfer scheint so einfach nicht zu sein:

    „Kupfer (Cu) ist für Schweine und Kaninchen notwendig, um der mikrozytären hypochromen Anämie, Dermatosis sowie Knochenmarksproblemen vorzubeugen und die Funktionstüchtigkeit des Herz-Kreislauf-Systems zu gewährleisten. Ausserdem erfüllt Cu weitere metabolische Funktionen als Bestandteil verschiedener Enzymsysteme im Körper. Bei ausgewogener Futterration tritt Cu-Mangel bei Schweinen und Kaninchen selten auf, unter bestimmten Fütterungsbedingungen kann jedoch eine ungenügende Cu-Aufnahme vorkommen. Während bei einigen Haustierarten eine Cu-Überversorgung gefährlich werden kann, tolerieren Schweine und Kaninchen diese und reagieren häufig auf Cu-Gaben von bis zu 250 ppm in ihrer Ration (etwa fünfzig Mal höher als ihr Bedarf). Diese Reaktion äussert sich durch verbessertes Wachstum und verbesserte Futterverwertung. Gaben bis 500 ppm in der Schweineration resultieren in verringertem Wachstum, Toxizität und einigen Fällen zum Tod. Kaninchen haben dagegen eine höhere Toleranz gegenüber Cu und zeigen keine Vergiftungserscheinungen bei solch hohen Gaben.“ Livestock Production Science, Volume 7, Issue 3, May 1980, Pages 253-268

    Vielleicht ist es ja, dass Schweine, da sie besonders viele Bodenorgaismen fressen, auf ehemaligen Weinbergen doch eine zu hohe Dosis abbekommen. Aber finden konnte ich bisher keinen Literaturhinweis. Nicht, dass unfundierte Gerüchte verbreietet werden.

  12. Stöber
    4. August 2016, 17:42 | #12

    Danke für den Artikel!

    Bezüglich der Kupfersensibilität kann man sich auch mal die Futtermittelzusatzstoff-Zulassung angucken. (Anhang der Richtlinie 70/524/EWG)

    „Folgende Erklärungen sind auf der Etikettierung und den Begleitpapieren von Mischfuttermitteln anzubringen:
    — Bei Schafen:
    Sofern der Gehalt an Kupfer in Futtermitteln 10 mg/kg übersteigt:
    „Der Kupfergehalt dieses Futtermittels kann bei bestimmten Schafrassen zu Vergiftungen führen.“

    — Bei Rindern nach Beginn des Wiederkäueralters: Sofern der Gehalt an Kupfer in Futtermitteln weniger als 20 mg/kg beträgt: „Der Kupfergehalt dieses Futtermittels kann bei Rindern, die auf Weiden mit hohem Molybdän oder Schwefelgehalt gehalten werden, zu Kupfermangel führen.“

    Die einen Viecher könnens also gut gebrauchen, die anderen nehmen die Hufe hoch.

  13. Langsamdenker
    28. August 2016, 17:25 | #13

    Danke für die Infos – sehr interessant. Das wäre doch für den konventionellen Winzer eine Steilvorlage. Neues Etikett drucken mit dem Hinweis „Kupfersulfat-frei“ oder „ohne Schwermetalle erzeugt“. Aber vielleicht ist das auch nicht griffig genug wie „genfrei“. 🙂 Werden mir das merken, bis der Jahrgang 2016 im Regal steht.