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WDR: „Servicezeit Gesundheit“

In der letzten WDR-Sendung „Servicezeit Gesundheit“ vom 01.09.2008 wurde das Thema Evidence Based Medicine (EBM) aufgegriffen.
In der EBM wird versucht Therapieverfahren und Medikamente nach wissenschaftlichen Kriterien einer Wirksamkeitsüberprüfung zu unterziehen. Ein sehr sinnvoller Ansatz, denn nur dadurch ist es möglich, dass wirkungslose oder gar schädliche Therapieverfahren und Wirkstoffe auf dem Müllhaufen der Medizingeschichte landen. EBM ist Angewandte Wissenschaft zum Wohl des Patienten.

So schreibt der WDR auf seiner Website:

Was ist die richtige Therapie? Der Arzt mit seinem Wissen und seiner Erfahrung wird es wissen, glauben Patienten vertrauensvoll. Doch dieses Vertrauen sei nicht gerechtfertigt, behaupten immer mehr kritische Mediziner. Ihr Verdacht: Die ärztliche Entscheidung für oder gegen eine bestimmte Therapie beruhe zu wenig auf wissenschaftlichen Ergebnissen oder „Evidenz“. Vielmehr stützten sich viele Ärzte auf ihre Intuition und auf „Eminenz“ – Fachgesellschaften, Pharmavertreter und honorige Professoren diktieren, was angeblich wirksam und gut ist. Nicht selten zum Schaden der Patienten.

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Wie gesagt, die EBM bringt die Wahrheit ans Licht und trennt die Spreu vom Weizen.

Doch der WDR wäre nicht der WDR, wenn er nicht gleich ein Hintertürchen für die in der Bevölkerung ja ach so beliebten und von ihm hofierten „besonderen Therapierichtungen“ (Phytotherapie, Homöopathie und Anthroposophische Medizin) offen lassen würde.

Auswirkungen auf die Naturheilkunde

Die Überschätzung der Evidenzbasierten Medizin führt vor allem zu einer Schwächung der sogenannten „besonderen Therapierichtungen“. Dazu gehören die Phytotherapie, die Homöopathie und die anthroposophische Medizin. Als besonders erfahrungsorientiert stützen sich diese Therapien nicht nur auf statistische Prüfverfahren. In der Bevölkerung genießen sie dennoch eine hohe Wertschätzung, denn sie sind preiswert, wirksam und nebenwirkungsarm. Laut einer Allensbach-Umfrage verwenden 73 Prozent der Bevölkerung gerne und oft Naturheilmittel. Ein Drittel der Bevölkerung rechnet die Entscheidungsfreiheit des Arztes zu den wichtigen politischen Anliegen. Durch die Evidenzbasierte Medizin besteht die Gefahr, dass Therapien und Medikamente der „besonderen Therapierichtungen“ den behandelnden Ärzte nach und nach entzogen werden.

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Hierbei ist zunächst einmal anzumerken, dass die unter der Überschrift „Naturheilkunde“ zusammmengefassten „besonderen Therapierichtungen“ bis auf die Phytotherapie – welche sehr wohl EBM-Verfahren zugängig ist – nicht der Naturheilkunde zuzurechnen sind. Sowohl die Homöopathie als auch die Anthroposophische Medizin haben mit Naturheilkunde allenfalls kleine Berührungspunkte, bewegen sich aber Größtenteils im Bereich der Glaubensmedizin. Auch wenn der Glaube manchmal Berge zu versetzen mag, gab es z.B. für die Homöopathie bis heute, trotz jahrhundertelanger Bemühungen seitens der Homöopathen, keinen wissenschaftlichen Wirksamkeitsbeleg, welcher über einer reinen Placebotherapie lag. Das von James Randi offerierte Preisgeld von 1Mio Dollar für einen wissenschaftlichen Wirksamkeitsnachweis der Homöopathie wurde bis heute nicht ausgezahlt.

Der WDR versucht nun mit der angeblich besonders hohen Zufriedenheit der Bevölkerung mit diesen Verfahren zu argumentieren. Die Mehrzahl von Anekdoten ist aber wie wir wissen kein Beweis für die Wirksamkeit einer Therapiemethode, oder „Der Plural von Anekdote ist nicht Daten“.

Betrachten wir die Anthroposophische Medizin, welche auf den wirren Gedankengängen und der angeblichen Hellsichtigkeit Rudolf Steiners beruht: Ein grundlegendes Elemente der Anthroposophischen Medizin ist der Glaube (Wobei Anthroposophen nicht glauben, sondern „wissen“) an Reinkarnation und Karma. Krankheit in der Anthroposophischen Medizin ist durch karmische Ursachen bedingt. Wer krank ist, hat dies in der Regel durch eigene Missetaten aus früheren Leben selbst zu verantworten. Stirbt man an einer Krankheit, dann bedeutet dies für einen Anthroposophen dennoch einen persönlichen Entwicklungsschritt begangen zu haben, der sich in einer späteren Inkarnation auszahlen wird.
Dass man in der anthroposophischen „Medizin“ mit EBM-Methoden nicht weiter kommt dürfte klar sein. Zum einen ist es wohl kaum möglich EBM-Studien über mehrere Inkarnationen eines Individuums anzufertigen, zum anderen kann es für das einzelne Individuum durchaus sinnvoller sein, an einer Krankheit zu versterben, als dass man ihm mit wirksamen, EBM erprobten Medikamenten hilft. Seinem Karma kann man schliesslich nicht entgehen.
Anstatt mit der angeblichen Zufriedenheit, der in der Regel unwissenden Bevölkerung wäre es doch einmal schön, wenn sich der WDR mit den Basics der Anthroposophischen Medizin beschäftigen würde. Dann könnten z.B. die Eltern der an der tödlich verlaufenden Masenfolge SSPE erkrankten Kinder diese trösten, dass es zwar in diesem Leben nichts mehr werden wird, sie sich aber durch ihren frühen Tod auf einen „Überschuss an Kraft und Lebensmotivation im nächsten Leben“ freuen dürfen.
Die Redaktion der Sendung scheint was die Methoden der EBM angeht mit zweierlei Mass zu messen. Wenn die Redaktion in der Evidence Based Medicine eine Gefahr für die besonderen Therapieformen sieht, sollte sie deren ideologischen Hintergründe einmal näher beleuchten, damit sich der Zuschauer wirklich eine Meinung bilden kann. Die Daseinsberechtigung dieser besonderen Therapierichtungen einzig aus der Zufriedenheit der Bevölkerung heraus zu rechtfertigen, und damit in die üblichen Marketingstartegie der Vertreter dieser Therapieformen zu verfallen ist zu billig.

Die Evidence Based Medicine ist nicht nur eine Gefahr für den Umsatz so mancher Pharmafirma, sie hat auch das Potential den Aberglauben aus der Medizin zu verbannen. Scheinbar ist dem WDR nur an Ersterem gelegen.

  1. thomas
    3. September 2008, 15:14 | #1

    Ach ja, die wahre Esoterik.. Was ist denn die wahre Esoterik? Ich glaube, die Esoteriker sind sich da untereinander gar nicht einig.

  2. thomas
    3. September 2008, 15:18 | #2

    Im übrigen- wenn du von "negativen Auswüchsen" (gibts auch positive?) sprichst, erkennst Du implizit schon an, dass wir hier über Fakten reden. Das ist schon mal ein großer Schritt vorwärts 🙂

  3. Robert
    3. September 2008, 14:41 | #3

    Wer so weit weg ist von Natur und so blindgläubig der technologischen und chemischen und damit unnatürlichen "Medizin" vertraut, sollte nicht darüber schreiben. Und wer von wahrer Esoterik keine Ahnung hat und sich nur die negativen Auswüchse zu Gemüte führt, ebenfalls nicht. Sechs, setzen.

  4. Roadrunner
    3. September 2008, 15:26 | #4

    Ja das mit den "negativen Auswüchsen" ist mir auch gleich aufgefallen. Der Reinkarnations- und Karmagedanke ist ein zentraler Baustein der anthroposophischen Medizin. Das oben Gesagte folgt als logische Konsequenz. Wenn diese Konsequenzen nun schon von Esoterikern als "negative Auswüchse" bezeichnet werden, dann haben wir vielleicht mal Glück, und den Esoterikern geht vielleicht doch mal ein Lichtlein auf, an was für einen Bullshit sie glauben.

  5. 3. September 2008, 15:44 | #5

    Ich kenne die "Ware Esoterik".

    Und die hat mit der Natur nicht das Geringste zu tun.

  6. 3. September 2008, 15:57 | #6

    @Robert:
    Sowas kann man nur schreiben, wenn man selber an einem naturromantischen, bambifizierten Weltbild leidet. Zur Therapie empfehle ich einen einjährigen Aufenthalt in einem technologiefreien Gebiet dieser Erde. Bei manchen hilft das aber auch schon nach einer Woche.

  7. 3. September 2008, 16:04 | #7

    Ja, denn die Natur besteht nur aus Delfinen, Robbenbabys und Blumen.

    Parasiten, Erdbeben und Seuchen haben sich die westlichen Wissenschaftler (alles Männer!) ausgedacht.

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