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Latte statt Leitlinie

Der Medien-Triumph des Banalen über das Wichtige
Wenn man die Printmedien der letzten Woche zu medizinischen Themen überblickt, so fällt auf, dass sehr viele Zeitungen auch in ihrem Online-Angebot eine Nachricht verbreiteten: ein aussichtsreiches pflanzliches Viagra sei gefunden und würde gegenwärtig an der Charité geprüft. Da wurde der Doktorand schon mal zum „Studienleiter“, der Alleingang des Studenten und vermutlich seines Doktorvaters schon mal unter das Renommee der Charité gestellt, was von diesen aber wohl beabsichtigt war. Eine Meldung wirkt glaubwürdiger, wenn die Institution einen guten Ruf genießt, was ja auch meistens gerechtfertigt ist. Bis in den „Krankenkassen-Ratgeber“ watschelte die Marketingente. Auch wenn Sex die „wichtigste Nebensache der Welt“ sein soll: da hat wohl die Begeisterung, dass die Wirkungen von Viagra jetzt auch ohne Nebenwirkungen, was ja mit dem Begriff „Bio-Viagra“ suggeriert werden soll, zu haben seien, den einen oder anderen Redakteur dazu verleitet, erst weiterzugeben und dann erst nachzufragen. Die unerfreuliche Wahrheit über diese Meldung kommt derzeit an Licht, die Charité erwägt rechtliche Schritte, die Zeitungen drucken Klarstellungen oder nehmen die Meldung ganz heraus. An der Geschichte war wenig jenseits der Phantasie eines Doktoranden und dem Marketinginteresse des Herstellers, der die Nahrungsergänzung nächstes Jahr auf den Markt bringen will.

Ganz leise neben diesem mächtigen Rauschen im Blätterwald wirkt dagegen die eigentliche Meldung der Woche, wenn nicht des Jahres hinsichtlich ihrer Tragweite. Der Skandal um den amerikanischen Anästhesiologen Scott Reuben, der über mindestens 12 Jahre hinweg mindestens 21 Studien gefälscht haben soll, findet bis auf eine kleine Notiz im Ärzteblatt vom 11.03.2009 bislang nicht den Weg in die großen deutschen Agenturen. Wahrscheinlich Millionen Patienten wurden mit Mitteln aufgrund von angeblich gesicherten Empfehlungen behandelt, deren Datenbasis schlicht gefälscht war. Diesen Mitteln wurden besondere Vorteile gegenüber den bisher verwandten zugeschrieben. Natürlich waren sie teurer. Und auffallend oft Neuentwicklungen aus dem Hause Pfizer. Die Mittel fanden Eingang in die Leitlinien, also Empfehlungen für sachgerechtes ärztliches Handeln, zuungunsten anderer Substanzen. Was diese, aus heutiger Sicht, grundlos veränderten Empfehlungen an zusätzlichen Kosten verursacht haben, wird man erst abschätzen müssen, auch, ob dadurch Menschen durch die Gier und Skrupellosigkeit eines Mannes zu Schaden kamen. Bextra und Vioxx, von Reuben empfohlene Mittel, wurden bereits vor einigen Jahren vom Markt genommen wegen schwerer Nebenwirkungen. Vielleicht werden jetzt weitere folgen. Der Anästhesiologe war letztes Jahr über einen hausinternen Formfehler gestolpert, wodurch nach und nach das ganze elaborierte Lügengebäude einstürzte. Immerhin waren seine Veröffentlichungen von namhaften Fachjournals abgedruckt worden, er hatte also die üblicherweise wirksamen Qualitätskontrollen zu unterlaufen gewusst. Auch scheint der Pharma-Konzern Pfizer, dessen Mittel von den Empfehlungen Reubens stark im Umsatz profitierten, möglicherweise über die Vergabe von Geldern in den Betrug verwickelt. Die Geschichte hat also nicht nur alles, was eine Meldung für Leser spannend machen sollte, sondern hätte für nicht wenige Leser – die Mittel sind auf dem Markt – auch direkte Konsequenzen: sie könnten bei ihrem Arzt einmal nachfragen, ob es nicht ggf. Alternativen zu ihrer gegenwärtigen Medikation gibt.

Es steht also einmal unwichtig und unwahr gegen wahr und wichtig.

Warum verbreitete sich also die eine Meldung wie ein Lauffeuer und die andere schwelt nach wie vor unter der Decke? Eine Schreckstarre vor dem Giganten Pfizer wird es nicht gewesen sein. Die Antwort könnte vielleicht ganz einfach sein: Journalisten sind (wie alle Menschen) bequem und sie stehen unter Zeitdruck. Die eine Meldung konnte rasch mit ein paar bunten verbalen Anregungen versehen gedruckt werden, da sie – sie kam ja von der Charité – als seriös galt. Die andere Meldung war weniger erfreulich, hätte Recherchen in US-Medien und an den beteiligten Institutionen erfordert zuzüglich vielleicht noch Nachforschungen, wie verbreitet die Mittel hierzulande sind. Wenn man also nur „Dienst nach Vorschrift“ machen wollte, irgendwie nur das Blatt füllen wollte, war man vom zeitlichen und Arbeitsaufwand her mit der ersten Meldung besser bedient. Die Alternative, dass nämlich in den Nachrichtenagenturen und Redaktionen nur noch Menschen sitzen, die einen großen Skandal nicht mal erkennen, wenn man ihn ihnen auf den Bauch bindet, mag man sich nicht vorstellen. Auch nicht, dass man dort der Meinung ist, eine gute Nachricht über Sex verkaufe sich besser als eine schlechte Nachricht über Krankheit.

Die Fragen bleiben also: warum nehmen die deutschen Medien den Fall Reuben/Pfizer so wenig zur Kenntnis? Warum erscheint den Redakteuren Lifestyle wichtiger als Lebensrettung? Trügt dieser Eindruck?

Hoffentlich kommen die Herren und Damen Wissenschaftsredakteure bald mal in die Puschen. Während sie von „Bio-Viagra“ träumen, werden draußen im Lande die Menschen auf Grundlage dieser Fälschungen behandelt.

bisherige deutschsprachige Links zum Thema:
Wissenschaftsbetrug schockt USA
Von Christa Karas in der „Wiener Zeitung“

US-Schmerzforscher als Studienfälscher entlarvt im Blog „Stationäre Aufnahme“

Medizinischer Fälschungsskandal: Der bedenkliche Fall des Scott S. Reuben im Blog „Echolot“

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21.03.2009
wieder die Wiener Zeitung:
Wer benötigte neue Schmerzmittel?
Von Christa Karas

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23.03.2009
Das schockierende Lügengebilde des Scott Reuben und dessen Fundamente
im Blog „Weitergen“

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Schmerzfreier Fälscher
23.03.2009, 20:49
Von Hanno Charisius
(Süddeutsche Zeitung)

  1. 20. März 2009, 21:26 | #1

    Wenigsten in Österreich gibt es ein Medienecho:
    http://www.wienerzeitung.at

    Und zwei deutsche Blogs haben etwas gebracht:
    http://www.scienceblogs.de/
    http://gesundheit.blogger.d

  2. 21. März 2009, 09:49 | #2

    http://scienceblogs.com/ins

    "What most angers me about this case is the massive betrayal of trust. The public expects that its scientists, at the very least, will be honest about their results. Too much depends on it, especially in medical science, where it is people’s health that is at stake. Even worse, much of Dr. Reuben’s work was underwritten by the pharmaceutical companies that manufacture the the very nonsteroidal anti-inflammatory drugs combinations of which he studied. What that means for those of us who defend science- and evidence-based medicine is that every crank alt-med site and blog on the Internet is going to be harping on this incident as The Proof That Conventional Medicine Is Hopelessly Corrupt and their favorite woo is being kept down by The Big Bad Pharma Man. Look for Age of Autism and NaturalNews.com to go crazy about this story as proof that they were right all along and The Big Bad Pharma Man has suppressed The Real Proof that vaccines cause autism. Not only has he put a stain on scientific medicine that will be very hard to erase, if it’s even possible at all, but that bastard Reuben has made my work here harder, as well as that of every advocate of of science- and evidence-based medicine, as Whale.to, NaturalNews.com, and Age of Autism, not to mention every crank blog and website spread the story far and wide as some form of "vindication.""

  3. GeMa
    21. März 2009, 12:00 | #3

    What that means for those of us who defend science- and evidence-based medicine is that every crank alt-med site and blog on the Internet is going to be harping on this incident as The Proof That Conventional Medicine Is Hopelessly Corrupt and their favorite woo is being kept down by The Big Bad Pharma Man.

    Das geht mir auch die ganze Zeit im Kopf herum. Es ist wirklich unbefriedigend, dass keine der "kritischen Medien" recherchiert. Wenn ich nur mal quer ins Arthroskopie-/Kreuzbandkapitel reingucke und Reuben 2002 springt mir als Quelle schon im Fließtext entgegen, wird mir ganz anders.
    Die "Wissenschafts"redaktionen kann man wohl eigentlich in der Pfeife rauchen. An den großen "Bio-Latte" Meldungen sieht man es doch. Charité oder nicht – freiverkäufliche Medikamente unter Zulassung als Lebensmittel gibt es in Deutschland nicht. Soviel Hirn und Recherchewille muß in einer Wissenschaftsredaktion einfach vorhanden sein. Statt dessen werden bunte Werbezettel von Stundenten abgedruckt. Möchte nicht wissen, wieviele Verbraucherschützer bei der Meldung den Kopf auf die Schreibtischplatte geknallt haben über soviel Schwachsinn.

  4. 21. März 2009, 18:41 | #4

    Tatsächlich, man fragt sich: Was ist faul am Wissenschaftsjournalismus? Das muss man doch mitbekommen? Dass der eine einen "Bio-Viagra" Hoax lanciert, und der andere zutiefst kriminell gehandelt hat, mit einem Schaden, der gar nicht absehbar ist. Zum einen für die Betroffenen, die ev. Medis schlucken, die möglicherweise sinnlos oder gar gefährlich sind zum anderen für die Glaubwürdigkeit medizinischer Forschung. So jemand gehört in den Knast, und zwar lange.

  5. GeMa
    23. März 2009, 17:11 | #5

    Also das hier auch erst mal ohne Kommentar –
    " Aufgabe des 1993 gegründeten Office of Research Integrity, einer dem US-Gesundheitsministerium zugehörigen Behörde, ist die Untersuchung und Prävention von Fehlverhalten im biomedizinischen Wissenschaftsbetrieb. (…)
    Nach einer sehr konservativen Schätzung auf Grundlage dieser Daten folgern die Autoren, dass dem Office of Research Integrity innerhalb des Dreijahreszeitraums 1.350 Fälle hätten gemeldet werden müssen – tatsächlich waren es 24 Fälle pro Jahr."
    http://www.forum-gesundheit

  6. 24. März 2009, 09:00 | #6

    Gestern stand endlich etwas in der SZ.
    Am Ende des Artikels befinden sich die Links.

  7. Godesberg
    24. März 2009, 10:25 | #7

    Momentan ist das bei SZ sogar die erste Meldung.

    http://www.sueddeutsche.de/

    (ich muss übrigens grade unten GNM als Zeichen eingeben, ich möchte dass das zukünftig verhindert wird!)

  8. 24. März 2009, 10:59 | #8

    Wende Dich vertrauensvoll an den Sysop, dann bekommst Du ein Blog-Login und musst keine Zeichenketten mehr eingeben.
    Das war übrigens Zufall. 😉

    Der Mensch sieht gern Muster in zufälligen Ereignissen.
    :-)))))

  9. GeMa
    25. März 2009, 09:26 | #9
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