Update: Simon Singh

Simon Singh schrieb gemeinsam mit

Edzard Ernst das Buch „Trick or treatment“ (deutsch „gesund ohne Pillen- Was kann die Alternativmedizin“). Darin wurden seriös und streng an Fakten orientiert alternativmedizinische Behandlungsmethoden einer Bewertung unterzogen. Etwas, was von Gläubigen und Anhängern ja immer wieder gefordert wird. Wenn es dann nicht so läuft, wie es die Quacksalber gern hätten, kommen sie üblicherweise nicht mit neuen belastbaren Fakten, sondern lassen die juristischen Muskeln spielen. Simon Singh hatte in einem Artikel im „Guardian“ die chiropraktische Behandlung von Patienten als „bogus“ bezeichnet. Die britische Chiropraktiker-Vereinigung (BCA) klagte daraufhin und die Zeitung nahm den Artikel aus dem Netz. Eine Verleumdungsklage kann in Großbritannien richtig teuer werden. Bisher musste man sich ziemlich mühsam auf englischen Seiten (und auf einigen deutschen Blogs) mit Informationen versorgen, um sich einen Überblick zu verschaffen. Jetzt berichtet endlich auch „Die Zeit“ darüber:

Eine Frage des Rückgrats
Christoph Drösser, 10 Juni 2009, DIE ZEIT

Sich mit der Lobby der Alternativmedizin anzulegen kann teuer werden – zumindest in
England

Hat Simon Singh die Chiropaktiker verleumdet?

Das Wort bogus ist eine hübsche englische Vokabel, für die es keine rechte deutsche
Entsprechung gibt. Im wissenschaftlichen Kontext wird das Adjektiv benutzt, um
zweifelhafte, unbewiesene, quacksalberische Praktiken zu beschreiben; aber auch dann, wenn
es um betrügerische Forscher geht. Was bedeutet es, wenn man die Therapien eines
Alternativmediziners als bogus bezeichnet? Unterstellt man ihm (a), dass er wider besseres
Wissen seine Patienten hinters Licht führt, oder (b) stellt man ihn nur als naiven Gläubigen
hin? …

Link zum Artikel
Der Artikel erschien auch in der gedruckten Ausgabe.

Die großartige Unterstützung für den coolen Typ wird über diese Seite „sense about science“ koordiniert. Dort kann man sich auch ein Unterstützungsbanner für den eigenen Blog runterladen. Wir bekommen das hier im Esoblog sicher auch noch irgendwie gebacken.

Deutsche Blogs, die darüber geschrieben haben, finden sich hier:
„Der Fall Simon Singh“ auf Diax´s rake
und
„Bogus Chiropractic Association: E-mail von Simon Singh“ auf Kritisch gedacht

Es darf nicht sein, dass diese Debatte (wissenschaftlich wäre jetzt ein bisschen unangebracht) durch Maulkörbe der Anwälte von Priestern der glaubensbasierten Medizin unterdrückt wird. Die Patienten werden durch diesen Blödsinn schon lange genug gefährdet und geschädigt, auch in Deutschland:
„Gefangen im eigenen Körper“

Gefangen im eigenen Körper, SZ
Von Ekkehard Müller-Jentsch

Der Hausarzt verschrieb ihr Tabletten und Zäpfchen. Als diese nicht halfen, ging die Frau zu einem Heilpraktiker, der mit einem „chiropraktischen Griff nach Nelson“ und ruckartigen Bewegungen der Halswirbelsäule die vermeintliche Verrenkung zu beheben versuchte.

Doch schon wenige Stunden später verfiel die Frau in das Locked-in-Syndrom. Seither wird sie in Spezialeinrichtungen gepflegt. Sie kann mit minimalen Kinn- und Lippenbewegungen einen Laserstrahl steuern, der über eine Buchstabentafel an der Wand fährt – ihre einzige Möglichkeit zu kommunizieren.

Nachtrag:
Den Zeitartikel gibt es jetzt doch online:
Link

6 Gedanken zu „Update: Simon Singh“

  1. Sehr geehrte Damen und Herren,

    oh Mann, die Kommentare auf Zeit.de dazu sind ja zum Teil hammerhart (o.k., sie kommen nur von einer Person, die in ihrer schillernden Belesenheit und in ihrem festen Willen zur Meinung fast schon Presonic-Qualitäten hat).

    Üble Geschichte, das.

    Untertänigst

    Antworten
  2. Dafür gefällt mir dieser Kommentar sehr gut:
    ____________________________________________________
    "Alternativmedizin kann helfen, wenn….
    Die Bedingungen unter denen alternative Mittel oder Methoden eine (Selbst-) Heilung von Krankheiten bewirken, sind seit langem bekannt. Damit etwas nützt, muß das Medikament bzw. die Methode
    1. bitter schmecken
    2 weh tun
    3. und vor allem teuer sein.

    Voraussetzungen seitens des zu behandelnden Kranken:
    1. er darf nicht zu intelligent (kritisch) sein und sollte nach Möglichkeit den Placeboeffekt nicht kennen
    2. er darf finanziell nicht zu reich sein (sonst ist es für ihn nicht teuer)
    3. er sollte die kindliche Fähigkeit behalten haben, noch an Wunder zu glauben
    4. vorausgehende Behandlung mit den Mitteln der "Schulmedizin" waren bei ihm erfolglos

    Voraussetzungen seitens des behandelnden Alternativmediziners:
    1. er darf nicht gleichzeitig Schulmediziner sein (gut aber, wenn als solcher auf der Uni gescheitert – kann dadurch die Schulmedizin gut runterreden),
    2. sollte ein 1-2 Jahre in Asien verbracht haben (Japan, China, Indien – Bilder davon ins Wartezimmer hängen) und
    3. nach Aussehen (am besten lange Haare, weiß) und Kleidung (leichte, zerknittertes Leinen, Sandalen, keine Strümpfe, ) etwas Guru-mäßiges vermitteln

    Sind alle Bedingungen weitestgehend erfüllt, ist eine Heilung unausweichlich!

    Nachtrag:
    zu (2) Afrikanische Medizinmänner (Voodoo-Praktizierer, die Hühnerblut verspritzen u.ä), erzielen zwar auch tolle Heilerfolge, werden aber hinsichtlich ihrer Methoden mangels jeglicher theortischen Fundierung – es fehlt ihnen so etwas wie das Ying-Yang-Prinzip – als bloße Hokus-Pokus-Beschwörer in unseren geographischen Breiten nicht weiter ernstgenommen."
    ____________________________________________________

    Der ist sehr treffend!

    Antworten
  3. Pingback: Verleumderische Wissenschaften? « PARAPHÄNOMENALIA

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