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Indago


Steuergelder, die für unsinnige Zwecke eingesetzt werden, Politiker die ihrer Verantwortung nicht gerecht werden, dreister Schwindel: Die Zutaten für einen schönen Skandal. Es geht um die Firma Indago. PD Dr. Keck hat die Eckdaten dieses Skandals auf seiner Website zusammengetragen und Thomas Xavier hat ein Interview mit ihm geführt:


Xavier: Dr. Keck, das ist ein handfester Skandal, was Sie da entdeckt haben. Wie sind Sie darauf gestoßen?

Keck: Ich habe im Fernsehen bei 3sat einen Beitrag des Wissenschaftsmagazins Nano gesehen. Angeblich sollten mit einer neuen, als Nanopartikelanalyse und neuerdings als Stoffwechselfunktionstest bezeichneten Methode Krankheiten schon vor dem Ausbrechen diagnostiziert werden können. Es war leicht erkennbar, dass es sich hier um Scharlatanerie handelte. Der Beitrag war eine verdeckte Werbesendung für das damalige BMIB, jetzt Indago GmbH. Ich habe mich bei der Redaktion und mehreren Instanzen des Senders beschwert, aber das hat nichts gefruchtet.

Xavier: Das ist leider eine häufige Erscheinung geworden, siehe den Fall Regividerm. Sie haben das dann öffentlich gemacht, was zu Gerichtsverfahren geführt hat. Was ist da passiert?

Keck: Auf meiner Webseite habe ich dargelegt, dass es aus prinzipiellen Gründen nicht möglich sei, diese Analyse durchzuführen. Die Ergebnisse seien frei erfunden. Gleichzeitig habe ich die Sparkasse und die KfW, die sich an der Indago mit öffentlichen Fördermitteln in Millionenhöhe beteiligt haben, meine Kritik an der Diagnose erläutert. Das hat dann zu einer Unterlassungsklage der Indago geführt. Das Gericht hat die Klage abgewiesen.

Xavier: Sie haben also vor Gericht obsiegt.

Keck: Richtig. Die Indago hat gegen dieses Urteil Berufung eingelegt. Diese wurde aber ebenfalls zurückgewiesen.

Xavier: Worauf gründet sich Ihre Kritik?

Keck: Ich erwähne hier nur einen Kritikpunkt: Die Indago behauptet auf ihrer Webseite, dass sie im ersten Schritt der Analyse, durch „thermisches Cracking“ die Blutprobe in die chemischen Elemente zerlege. Jeder, der über einen gesunden Menschenverstand und marginale Kenntnisse der Schulchemie verfügt, wird erkennen, dass auf diese Weise sämtliche Blutsubstanzen zerstört würden. Eine Analyse des Blutes ist auf diese Weise selbstverständlich nicht möglich.

Xavier: In diesen Skandal sind viele Leute verstrickt, unter anderem der Oberbürgermeister von Leipzig, Burkhardt Jung. Was gibt es dazu zu sagen:

Keck: Die Sparkasse und die KfW haben sich an der Indago beteiligt, ohne zu prüfen, ob diese Analyse überhaupt durchführbar ist. Das Geld des Steuerzahlers wurde einer Firma anvertraut, deren Ziel es ist, gutgläubige Patienten mit nutzlosen oder sogar gefährlichen Diagnosen abzuzocken. Der Oberbürgermeister der Stadt Leipzig ist Aufsichtsratsvorsitzender der Sparkasse. Deshalb habe ich ihn in einem offenen Brief gebeten, die Beteiligung der Sparkasse an der Firma zu beenden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Oberbürgermeister es tatsächlich für möglich hält, eine Blutanalyse durchzuführen, bei der im ersten Schritt alle Substanzen des Blutes zerstört werden. Im Zweifelsfall hätte er mit einem kurzen Telefongespräch mit einem Facharzt für klinische Chemie an der Universität Leipzig sich Klarheit verschaffen können. Ich gehe davon aus, dass der Oberbürgermeister sehr wohl weiß, dass die Indago-Analyse Schwindel ist.

Xavier: Lohnt sich der Schwindel wenigstens? Haben Sie Informationen darüber, wie die Ertragssituation der Indago aussieht?

Keck: Nach meiner laienhaften Beurteilung des im Internet zugänglichen Jahresabschlusses von 2007, konnte eine Insolvenz nur durch Erhöhung der Beteiligungen der Banken abgewendet werden.

Xavier: Wir können also davon ausgehen, dass die Gelder der KfW, die ja aus Steuergeldern finanziert wird, verloren sind?

Keck: Das vermute ich. Aber vielleicht kommt das große Geschäft ja noch. Die Indago hat sich eine Art Organisation mit ca. 100 Ärzten und Heilpraktikern geschaffen, die diese Blutanalysen ihren Patienten aufschwatzen.

Xavier: Das ist der Versuch, einen richtigen Pseudowissenschaftsbetrieb aufzuziehen, mit Seminaren und wissenschaftlichen Beratern und so weiter.

Keck: Nach meiner Kenntnis, wurde die Organisation im Rahmen einer Fortbildungsveranstaltung der Indago gegründet, die von Dr. Friederichs, einem Privatdozenten der Uni Heidelberg, geleitet wurde. Die Ärztekammer hat für die Teilnahme sogar Fortbildungspunkte an die Ärzte vergeben.

Xavier: Mir ist noch aufgefallen, dass es sich ja um eine besonders plumpe Irreführung von Patienten handelt. Warum haben die Verantwortlichen der Sparkasse, der KfW, der Oberbürgermeister etc. den Schwindel nicht erkannt?

Keck: In der Tat sollte eigentlich jeder in der Lage sein, zu erkennen, dass es sich hier um Scharlatanerie handelt. Die Indago benutzt aber einen einfachen Trick, mit der es ihr offenbar gelingt, alle für die Vergabe der Fördermittel verantwortlichen zu täuschen. Sie legt Dokumente vor – auch von Universitätsprofessoren – die den Wert der Methode beweisen sollen. Sie fordert von den Adressaten, diese Dokumente geheim zu halten. Auf diese Weise wird sichergestellt, dass die Dokumente nur von Personen eingesehen werden, die den Inhalt nicht beurteilen können. Die Stellungnahme von Prof. De Bruijn, die ich auf meiner Webseite beschreiben habe, ist ein gutes Beispiel. Diese Stellungnahmen sind offensichtlich falsch, aber wirkungsvoll. Die Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen eingestellt mit der Begründung, die Methode werde in der Wissenschaft unterschiedlich beurteilt. Ich halte das für einen Justizskandal!

Xavier: Haben sich schon Journalisten mit der Sache befasst?

Keck: Ich habe mehrfach Journalisten kontaktiert. Das Team von Kontraste hat in der Sache recherchiert, aber leider ist daraus noch nichts geworden.

Xavier: Mal schauen, vielleicht findet sich ja jetzt jemand. Dr. Keck, ich danke Ihnen für das Gespräch.

  1. GeMa
    14. November 2009, 15:48 | #1

    Ist das sowas wie der Flowtex Schwindel?
    Na da kann man ja dem OB von Leipzig und den restlichen Durchblickern ganz herzlich gratulieren. Hut ab vor der Dampflok, meine Herren! Nix dazugelernt.

  2. 14. November 2009, 17:35 | #2

    Naja, die Flowtex Geräte haben wenigstens funktioniert. Außerdem wurde da glaube ich noch deutlich mehr Geld vernichtet. Aber ansosnten hast Du Recht…

  3. Populus
    14. November 2009, 19:04 | #3

    Immer die gleichen Methoden: Das Wohlergehen der Kinder.

    Dabei geht es in erster Linie ums Wohlergehen des eigenen Geldbeutels. Wie halten Eltern dem eigentlich Stand? Es muss schrecklich sein von allen Seiten "umsorgt" zu werden…

  4. Sonde
    15. November 2009, 12:10 | #4

    Immer diese Ober- und UnterbürgermeisterInnen von der SPD: Felsberg, Hofheim, Hockenheim, Saarbrücken, Bad Eilsen … und jetzt Leipzig. Wikipedia über OB Jung:

    "…bis er im November 2003 von diesem Posten aufgrund einer Provisionszahlung an die Marketingagentur SCI zurücktrat und als Beigeordneter von seinen Dienstgeschäften entbunden wurde. Die Affäre skandalisierte der Redakteur Jens Weinreich der Berliner Zeitung. Nach einem Monat Beurlaubung und Einstellung der staatsanwaltlichen Vorermittlungen trat Jung im Dezember 2003 seinen Dienst als Beigeordneter wieder an. Ab Januar 2006 war Jung darüber hinaus WM-Beauftragter der Stadt Leipzig."

    Und jetzt ist er Oberbürgermeister und protegiert Scharlatane. Nun weiß ich endlich, wofür ich den Soli abgezogen bekomme.

  5. 17. November 2009, 11:12 | #5

    "Naja, die Flowtex Geräte haben wenigstens funktioniert" Es gab, meine ich, nicht sooooo viele Geräte. Also zumindest 10 mal mehr Typenschilder.
    Na egal, die INDAGO-Story demonstriert jedefalls mustergültig, wie sich im Gesundheits-Business Gekd generieren lässt. Man sollte sich auch mal was einfallen lassen …

  6. 17. November 2009, 13:20 | #6

    Wir haben beide Recht: Es wurden zu 90% nichtexistente Geräte verkauft, die existierenden aber haben funktioniert. http://de.wikipedia.org/wik

  7. 24. November 2009, 15:37 | #7

    Ehrlich gesagt lese ich zum ersten Mal darüber. Die Seite bietet echt interessante Information an. Werde häufiger hier vorbei schauen. LG

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