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gutte, guttest, guttet

Als Blog, der sich mit Esoterik beschäftigt, hält man sich zurück, wenn es um die Causa Guttenberg geht – ist ja nichts Esoterisches. Meint man erstmal. Aber der tief evolutionäre Alltag des Tarnens und Täuschens ist ja gerade die Spezialität des Menschen und insofern doch ein Thema für Esowatch. Denn: Offensichtliches Bescheißen und sich dabei guten Mutes im Recht zu fühlen, ist geradezu ein Kernthema bei uns. Was kann einen Menschen – vermutlich von normaler Intelligenz, guter Förderung, gutem Aussehen, mit Ausdrucksvermögen – vokal, als auch körpersprachlich ausgestattet – veranlassen, sich zum Affen zu machen?

Erklärungen gibt es einige. Z.B. die, dass da jemand in eine Einbahnstraße gefahren ist, dann plötzlich das Schild “Sackgasse” gesehen und versucht hat, da raus zu kommen. Das sind aber keine Entschuldigungen, die ernst zu nehmen wären, so denn diese Person Minister ist und über tatsächlich wichtige Dinge zu entscheiden hat und sie damit entlasten sollte. Jeder, der ernsthaft versucht hat, sich gegen seine eigene Irrationalität durchzusetzen, Realität als das wahr zu nehmen, was sie ist, nämlich gegeben, und sich darauf einen Reim zu machen – wenn auch nur auf einem kleinen Teilgebiet – der weiß, was für eine scheißschwere Aufgabe das ist, sich selbst von außen zu sehen, seine eigene Argumentation in Frage zu stellen. Also alles das, was saturierte Wohlstandsdaseiende als unbequem empfinden, sich lieber in Doofie-Erklärungsmodelle à la Homöopathie ergeben. Von einem Minister sollte man diese Erkenntnistiefe erwarten können.

Weder Narzissmus, Dummheit noch Egoismus sind strafbar, zu recht nicht, oft sogar lustig und anregend. Es wird nur dann problematisch, wenn man diese Eigenheiten benutzt, um Regeln der Demokratie zu umgehen. Zu meinen, Gesetze gelten nur für Andere.
Aber genau dafür sind ja die Bremsen in der Demokratie da, wie Karl Popper das schon sehr gut auf den Punkt brachte. Bei Herrn zu Guttenberg scheint es an der Zeit, die Bremse reinzuhauen.

Um etwas polemisch nachzulegen: Wie wäre es mit einem neuen Verb? Gutten. Ich gutte, du guttest, er guttet. Würde der deutschen Sprache nicht schaden, schreibt und spricht sich leichter als “kopieren”. Der feine Beigeschmack von: “Ja natürlich kopiere ich! Wo ist das Problem?” ist der falsche Balsamico aus Berlin.

Diese Sache richtet einen immensen Schaden an. Die Causa Guttenberg ist an sich harmlos. Beschissen wurde schon immer. Nicht harmlos ist, wie hier offenbar machtversessene Politiker – erstaunlicherweise gerade konservative – bereit sind, all ihre Grundsätze zu opfern. Wissen, Können, Handschlag und Vertrauen – gegen was? Die reine spermizide Herkunft des dadurch Rechthabenden? Kann wohl nicht sein, oder doch? Wofür auch immer, jedenfalls nicht für Aufklärung und Demokratie.

Und Du, Karl Theo, geh nach Hause. Hock Dich in eine Kneipe bei euch, da gibts wunderbares Bier und meistens nette Stammgäste. Und fang dann mal an, erwachsen zu werden.

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  1. Nemo tenetur
    26. Februar 2011, 08:20 | #1

    Mich würde, hier dürfte sich ja einschlägiger Sachverstand tummeln, interessieren, was von einem Erklärungsmodell zu halten ist, das in der Online-Debatte zum Fall KTG im Angebot war.
    Demnach sei das Verhalten des ertappten Kurzzeit-Doktors unter das *Krankheitsbild der *Soziopathie zu subsumieren. Bei folgenden Punkten könnte man ja fast ein Kreuzchen für „zutreffend“ machen (ICD-10, nach Wikipedia):

    1. Mangelnde Empathie und Gefühlskälte gegenüber anderen (x, der arme Doktorvater)
    2. Missachtung sozialer Normen (x)
    3. Beziehungsschwäche und Bindungsstörung (halbes „x“ – welcher verantwortungsvolle Kleinkind-Familenvater wird MdB und Minister?)
    4. Geringe Frustrationstoleranz und impulsiv-aggressives Verhalten
    5. Mangelndes Schulderleben und Unfähigkeit zu sozialem Lernen (doppeltes „x)
    6. Vordergründige Erklärung für das eigene Verhalten und unberechtigte Beschuldigung anderer (x)
    7. Anhaltende Reizbarkeit

    Das möchte ich hier einmal in den Raum stellen:
    A) Was taugt dieses *Krankheitsbild?
    B) Ergibt es einen Sinn, es „ferndiagnostisch“ in einem solchen Fall anzuwenden?

    Die Asterixe ** stehen bei terminologischen Zweifeln meinerseits.

  2. inci
    26. Februar 2011, 09:09 | #2

    ich denke schon, daß es ein thema für esowatch ist.

    immerhin wird seit fast 20 (oder sind es schon 30?) jahren den leuten hier in deutschland eingebleut, daß wissenschaft, technik und daraus resultierender fortschritt und wohlstand keine segnungen sind, sondern machtmittel einer industriellen mafia, die nur darauf aus ist, die menschen „süchtig“ nach deren produkten zu machen. (angefangen mit der tabakindustrie über die autoindustrie bis hin zur nahrungsmittelindustrie) alle legen es nur darauf an, den hilflosen verbraucher dazu zu bringen seine produkte zu konsumieren, obwohl man doch ohne diese produkte viel natürlicher leben könne.

    dazu nutzt man dann auch gerne zweifelhafte studien, die derart lausig sind, daß sich kein ernsthafter student im frühen stadium seines studiums mit so etwas an die öffentlichkeit wagen würde.

    so verwundert es auch nicht, daß sich eine große mehrheit hinter „gutti“ stellt, da sie noch nicht einmal den unterschied zwischen schummeln und abschreiben bei hausarbeiten und plagiaten kennt. oder nicht mehr kennt.

    die geistig moralische wende erntet ihre früchte……………

  3. 26. Februar 2011, 11:58 | #3

    @Nemo tenetur: Verhaltensweisen von Menschen nach ICD-10 einzuordnen kann ein „lustiges“ Spiel sein – mehr aber auch nicht, wenn man es aus der Ferne betreibt. Hier über zu Guttenbergs Geisteszustand zu spekulieren, ob das nun bereits psychopathologisch ist oder nicht, wäre ziemlich unseriös. Gerade im psychiatrischen Bereich sind die Grenzen sehr fließend und oft sogar noch in einen kulturellen Kontext eingebunden, der diese Grenze auch beeinflusst. Bis auf ein paar wirklich offensichtliche Fälle sollte man sich da zurückhalten, jemanden in so eine Ecke zu stellen.
    Ein Problem ist natürlich zudem, dass, würde man G. so einordnen, man das mit einem Großteil von Politikern und Managern genauso tun müsste …

  4. Shade
    26. Februar 2011, 13:14 | #4

    Thema für Esowatch? Ja!: Instrumentalisierng von vorgeschützter Wissenschaftlichkeit zwecks sozialer Profilierung kommt mir ebenso bekannt vor wie das Leugnen der Realität bis zum bitteren Ende. Nicht zuletzt zeigen ja die Reaktionen gewisser Bevölkerungsschichten (Blödleser) das von Unverständins dominierte und oft abschätzige Verhältnis zur Wissenschaft.

    @Nemo: Jeder Karrierist ist demnach ein Soziopath? Ich sehe in diesem Fall einen gehörigen Geltungsdrang, kombiniert mit einem gehörigen Mangel an Ethik und Gewitztheit. Das ist leider eher normal als wirklich pathologisch.
    Mit psychologischen Diagnosen ist das so eine Sache, insbesondere wenn sie auf dem durch die Medien doppelt gefilterten öffentlichen Auftreten einer Person basieren.
    Zudem sind das alles eher Erklärungsmodelle als harte Diagnose mit beliebig fließenden Übergängen ineinander (das menschliche Gehirn ist einfach bei weitem nicht so gut verstanden wie – z.B – Viren oder Tumorzellen).

  5. Sarah-Li
    27. Februar 2011, 13:58 | #5

    B) Ergibt es einen Sinn, es “ferndiagnostisch” in einem solchen Fall anzuwenden?

    Nein.

    Ferndiagnosen per se sind schon ziemlich unbrauchbar, sich ohne tiefere Sachkenntnis an Wikipedia oder auch dem ICD-10 selbst entlangzuhangeln und Kreuzchen zu machen ist es noch viel mehr. In den Grundzügen treten die meisten Eigenschaften, die in Kombination und starker Ausprägung zur Diagnose einer psychischen Störung führen, bei den meisten Menschen auf. Das kann auch mal ausgeprägter sein, dann ist es eventuell geboten von einer „so und so akzentuierten Persönlichkeit“ zu sprechen. Eine Störung liegt dann aber noch lange nicht vor, dazu muss weit mehr passieren.

    Insgesamt ist sowas nochmal ne andere Hausnummer als das, was von Guttenberg so durch die Medien herüberkommt, so unsympathisch und heuchlerisch man ihn eventuell finden mag.

  6. 2. März 2011, 12:00 | #6

    Warum sich Herr G. nicht schon früher an verschiedene Airlines gewandt hat, um sich aus dem Staub zu machen erschliesst sich mir gerade nicht.

  7. Tina N.
    16. Januar 2012, 17:29 | #7

    Auch beim Thema Wulff ist mal wieder ganz deutlich zu sehen, das viele Politiker einen Mangel an Schamgefühl aufweisen. Wer mit den Medien in den Aufzug steigt, der sollte sich nicht wundern wenn es auch mal wieder herab geht.

  1. 27. Februar 2011, 15:54 | #1

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