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Über Entstehung von Theorien und ihre möglichen Weiterentwicklungen zu Glaubenssystemen.

Immer diese Quanten. Hier hat jemand einen brillanten, ganz neuen Plan:

Dieser Post soll als Aufruf an Wissenschaftler aller Fachrichtungen verstanden werden, gemeinsam eine quantenmechanische Systemtheorie der sozialen Welt zu entwerfen. Die Grundprämissen sind mehr als simpel: Alles was wir aus der Physik wissen, können wir auch auf die soziale Welt übertragen.

Dass ein solches Unterfangen nur in launiger Esoterik enden kann, hält anscheinend niemanden davon ab, es immer wieder und wieder neu zu versuchen. Die Frage ist, warum? Folgender Text von Dr. Peter Zeller (für die Blogfassung leicht gekürzt) gibt einen erstaunlich passenden Kommentar dazu:

Theorien beginnen als Hypothesen und entstehen unter anderem aus Beobachtungen an und Experimenten mit der Natur. Die Theorie soll die Ergebnisse berechenbar machen, sie vielleicht sogar erklären. Zu Beginn ist die Hypothese über ein Phänomen meist einfach und entsprechend fehlerhaft; durch weitere Versuche wird sie verfeinert und konkretisiert. Wir sehen eine fortschreitende Differenzierung der Theorie ({A} ⇒ {A1..An}), eine Entwicklung, aus der Popper einen kumulativen Wissens- und Erkenntnisfortschritt gefolgert hat. (Dass dies später von Kuhn, Lakatos, Feyerabend energisch bestritten wurde, braucht uns hier nicht zu bekümmern: Die revolutionären Theorienfortschritte stehen dem nicht entgegen, solange sie die vorherigen Theorien als Grenzfall enthalten.)

Es gibt jedoch eine zweite, entartete Möglichkeit der Weiterentwicklung von Theorien: Die Umwandlung in ein nicht mehr rational kritisierbares Glaubenssystem, welches die Merkmale von Poppers „Closed Societies“ trägt; eine Entwicklung, die man als die Philologisierung von Theorien bezeichnen kann.

Als Beispiel einer solchen Entwicklung möge hier die Theorie der Reizbarkeit dienen. Zur Geschichte siehe z.B. Madaus (Madausa.a.O. Bd. 1 S. 12). Nach der Entdeckung der Elektrizität zeigten Experimente, dass Körperzellen nach Reizung mit elektrischem Strom eine Reaktion zeigen. Der äußere chemische oder physikalische Reiz, führt zu einer Reizantwort der biologischen Systeme. Darauf gründeten V. Haller und Brown ihre Theorie der Reizbarkeit. Rudolf Virchow präzisierte die Theorie und stellte fest, dass die Reizbarkeit ein Kriterium des Lebendigen sei (worüber man aber streiten könnte). In 200 Jahren weiterer Forschung entstand daraus die Theorie der Erregbarkeit biologischer Membranen.

Parallel zu diesem ersten wissenschaftlichen Weg wurde ein weiterer von Arndt und Schulz 1885 beschritten und in den ersten Dezennien des 20. Jahrhunderts vom pensionierten Chirurgen August Bier in vielen Artikeln in führenden Fachzeitschriften nachhaltig propagiert. Arndt übertrug das Pflügersche Zuckungsgesetz als allgemeingültig auf das ganze Nerven- und Seelenleben, eine unzulässige und unbegründete Verallgemeinerung. Madaus: „Hugo Schulz verallgemeinerte das Gesetz auf alle Zellen des tierischen Lebens und auf alle Krankheiten“. So entstand die Schulz-Arndtsche Regel. Sie besagt: „Schwache Reize fachen die Lebenstätigkeit an, mittelstarke fördern sie, starke hemmen sie und stärkste heben sie auf.“

Hugo Schulz geht in der Einleitung zu seinem Buche „Vorlesungen über Wirkung und Anwendung unorganischer Arzneistoffe“ (Leipzig 1920) ausführlich auf dieses Gesetz ein und auf die Fragen „wie lernt man die Reizwirkung der Arzneistoffe kennen und wie äußert sich der Arzneireiz?“ Auf die erste Frage gibt er an, dass man die Reizwirkung am besten nach dem Beispiel von Hahnemann, dem Begründer der Homöopathie, durch Prüfung der Arzneimittel am gesunden Menschen studieren kann. Auf die Frage, wie sich der Arzneireiz äußert, sagt er, dass sich zunächst der Zustand vermehrter Blutfülle bildet, der in Entzündung übergehen kann.“

Die vermehrte Blutfülle ist mit der Blutstase identisch, wie sie als Beginn des Entzündungsmechanismus heute noch in der allgemeinen Pathologie beschrieben wird. Dass aber gelten solle, dass Arzneistoffe ihre Heilwirkung generell durch Auslösung einer Entzündung erzielen, ist nicht nur eine völlig unzulässige Generalisierung, sondern auch in der Sache schlicht falsch. Die Auffassung entspringt einer Zeit, in der Entzündung noch ein nebelhafter Begriff ohne jeden präzisierbaren Inhalt war.

„Zu dem Zustandekommen der Arndt-Schulzschen Regel ist zu bemerken, dass Arndt (Die Neurasthenie, Wien und Leipzig 1885, S. 28 ff) zunächst das Pflügersche Zuckungsgesetz auf das ganze Nerven- und Seelenleben verallgemeinerte. Hugo Schulz verallgemeinerte das Gesetz auf alle Zellen des tierischen Lebens und auf alle Krankheiten. Bei der Bedeutung der Arndt-Schulzschen Regel ist es wichtig zu wissen, daß der Vesuch, der Hugo Schulz veranlasste, die Verallgemeinerung für alle Zellen des tierischen Lebens auszusprechen, nicht reproduzierbar ist.

Arndt war es, der den Irrweg als erster mit seiner unzulässigen Generalisierung eingeschlagen hatte. Schulz trieb die Generalisierung weiter und stützte sie mit einem Versuch, der sich als nicht reproduzierbar herausstellte, was Schulz zeitlebens nicht zur Kenntnis nahm. Bier war der Propagandist, der die neue Lehre in die Köpfe der einfachen Landärzte pflanzte. Alle drei waren sie Opfer der neuen Denkbrille Reiztheorie geworden, des neuen Paradigmas. Die Grenzen der neuen Lehre wollten sie nicht wahrhaben, sie sahen endlich ein allumfassendes Gesetz, wie es Altschul in der Arzneifindungslehre der Homöopathie sehen wollte.

Was geschah hier? Die Forschung betrat Neuland mit Experimenten, deren theoretische Beschreibung anfangs nur tentativ geschehen kann; Hypothesen sind Anlass weiterer Experimente zur Prüfung an der Natur. Und bereits hier scheiden sich die Geister, trennen sich die Wege. Von einigen wenigen wird der gefundene Satz als höhere Wahrheit erkannt, mit der (unberechtigten) Generalisierung zur umfassenderen Wahrheit überhöht.

Die Theorie gilt plötzlich nicht mehr allein für die elektrische Erregbarkeit des Nerven, sie soll als allgemeine Wahrheit für alle Lebensprozesse gelten. Aus dem Gebiet nicht nur der Physiologie, sondern der ganzen Medizin werden jetzt Beispiele zusammengesucht, die unter dem Aspekt der neuen Denkbrille gesehen werden können, und aus den Beispielen wird gefolgert, unausgesprochen, dass das ganze Leben diesem neuen Paradigma gehorche.

Die unvollkommene Beschreibung des Beginns, hier liegt der Bruch, wird von wenigen verallgemeinert, weil sie glauben, mit dem Fragment der wissenschaftlichen Wahrheit den Zipfel einer höheren philosophischen Wahrheit in Händen zu haben, mit der Verallgemeinerung schaffen sie erst dieses höhere Prinzip, sie tun es aus einem inneren Drang heraus, weil die einfache Beschreibung eines Phänomens ihnen nicht genug ist, sie sehnen sich nach dem allumfassenden, allgültigen Prinzip.

Ist das Prinzip erst einmal formuliert, dann wird es nicht, wie das sein sollte, an der Natur geprüft, stattdessen wird es gegen die zwangsläufig entstehenden Angriffe verteidigt. Als Antwort auf die Angriffe werden neue Verteidigungslinien wie Korsettstangen in das Prinzip eingezogen, neue Regeln hinzuerfunden, Schritt für Schritt wird das Prinzip gegen Widerlegungen immunisiert: Wir sind beim Glaubenssystem angekommen.

Die Korsettstangen entstehen dabei nicht aus der Natur des Prinzips heraus, sie sind keine Weiterentwicklungen oder Ableitungen des Prinzips, sondern sie entstehen aus der Natur des Angriffs heraus, sind bloße Riposte. Sie besitzen keine Funktion innerhalb des Prinzips selbst, sie sollen nur abwehren.

Beispiel Homöopathie

1. Die Feinstofflichkeit ist ursprünglich kein notwendiger Bestandteil der Homöopathie. Sie musste nach Entdeckung der Loschmidtschen Zahl hinzuerfunden werden.

2. Nachdem die wissenschaftlichen Kriterien zum Nachweis von Therapieerfolgen immer konkreter wurden und die Homöopathen keine homöopathischen Heilungen nach wissenschaftlichen Standards präsentieren konnten, musste der Satz hinzuerfunden werden, homöopathische Wirkungen seien prinzipiell nicht nachweisbar. Hahnemann selbst war noch der Meinung, seine Heilerfoge beweisen zu können. Die prinzipielle Nichtnachweisbarkeit kann auch aus der ursprünglichen Lehre der Homöopathie nicht abgeleitet werden.

3. Hahnemann hielt seine Theorie für wahrhaft wissenschaftlich. Altschul und einige seiner Zeitgenossen waren überzeugt, dass die Homöopathie überhaupt die erste wissenschaftliche Medizin in der Geschichte sei. Heute behaupten die führenden Homöopathen, die Homöopathie sei gerade keine Wissenschaft – notgedrungen, nur so glauben sie, der Widerlegung noch entgehen zu können.

Man kann die Geschichte auch anders erzählen, wenn man nur die Details durch genügend verallgemeinernde Sprachwendungen ersetzt, vom Konkreten ins Allgemeine wechselt: Da wird in dem einen Fachgebiete ein Phänomen entdeckt (elektrische Erregbarkeit). Ein Forscher erkennt nun, dass dieses Phänomen befruchtend wirkt in einem ganz anderen, weit entfernten Forschungsgebiet (Seelenleben). Der Blick über die Disziplinen hinweg, nur den ganz großen Forscherpersönlichkeiten vorbehalten, lässt diese dann das große Prinzip erkennen, nach dem die Menschheit doch ständig sucht. So wird die Homöopathie wieder zum göttlichen Gesetz (Hahnemann).

  1. Herbert
    28. Juli 2011, 10:10 | #1
  2. Johannes
    28. Juli 2011, 17:45 | #2

    „Die „Weltformel“ läge also nicht in der Vereinheitlichung von Relativitätstheorie und Quantenmechanik – wie allgemein angenommen – sondern in der Vereinheitlichung von Quantenmechanik und Chaostheorie, mit Rückgriff auf die Theorie des kommunikativen Handelns nach Habermas.“
    Autsch. Das zu lesen ist schon schmerzhaft. Aber das ernst zu meinen muss doch tödlich sein. Bei diesen Sätzen ist mir nicht mal mehr zum Lachen zu Mute, da kann ich nur den Kopf schütteln.

  3. nihil jie
    31. Juli 2011, 14:41 | #3

    tja… der unerfüllbare Wunsch in pragmatischen, einfachen und simplen Dingen mehr zu sehen als sie hergeben ist wohl so alt wie die Menschheit selbst…

    „Ohhh.. das ist keine gewöhnliche Klobürste… das ist ein Zauberstab“ 🙂

    Menschen lieben so ein scheiß… weil die Realität ihnen keine Wunschvorstellungen und Träume erfüllt. Der Irrationalismus zwar auch nicht, aber es reicht schon das Gefühl er würde diese Funktion erfüllen.

  4. HEX
    31. Juli 2011, 17:51 | #4

    Vielen Dank für diesen schönen Artikel, der in vielleicht nicht gerade ganz leichter Sprache, aber dafür durchaus nachvollziehbar die Entstehung geschlossener Weltbilder erklärt.

    Dass es solche geschlossenen Weltbilder gibt, aus denen kein gedanklicher Weg raus führt, da jeder Fakt im lichte dieses geschlossenen Weltbildes interpretiert wieder zu einem Punkt innerhalb des Weltbildes führt („jedes Argument gegen die Verschwörung ist ein Argument für die Verschwörung“), ist mir schon länger aufgefallen. Wie sie sich bilden, darüber hatte ich aber bisher noch nicht nachgedacht. Umso interessanter finde ich daher diesen Artikel.

  5. Arne
    31. Juli 2011, 22:06 | #5

    ich muss sagen ich finde die Disksussion unter dem Quellartikel der Theorie/Hypothese ziemlich interessant…

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