Home > Allgemein > Zum Welt-Skeptiker-Kongress in Berlin

Zum Welt-Skeptiker-Kongress in Berlin

Gestern begann der Welt-Skeptiker-Kongress in Berlin, für den wir auch Werbung gemacht haben. Der bekannteste Teilnehmer dürfte James Randi aus den USA sein, der als Zauberkünstler sozusagen vom Fach ist, was Illusionen angeht.

Aber was ist eigentlich ein Skeptiker? Es ist zunächst eine Bezeichnung für jemanden, der nicht unmittelbar alles glaubt, was ihm als glaubwürdig dargestellt wird. Er zweifelt. Ist das nun gut oder schlecht? Wie wird man dazu?

Bei so flauschigen Begriffen wie „Skeptiker“, deren Verwendbarkeit von der Beschimpfung bis zum Lob reichen, ist es schwierig, den Weg zu finden, wie man dazu wird, vielleicht aber durch die Iteration. In der Mathematik gerne dann verwendet, wenn man keine Ahnung von der Lösung hat, aber sich in kleinen Schritten der Lösung nähern kann. Bei jedem Schritt erfährt man: Bin ich näher als vorher?

Ein wenig wie das Spiel Heiß Kalt, bei dem man bei jedem Schritt erfährt, ob man sich der Lösung nähert oder nicht. Die externe, absolute Informationsquelle, die bewertet, fehlt uns zwar im täglichen Leben, für die Einschätzung Heiß oder Kalt müssen wir selber sorgen.

Wenden wir diesen Ansatz auf das Skeptiker werden, das Skeptiker sein, an.

Der eine Eckpunkt, den man annehmen kann ist der brutalstmögliche Zweifler: Er zweifelt an allem. Er traut dem Bäcker nicht, weil der ihn vielleicht vergiften will. Schwerkraft? Könnte jederzeit versagen.

Am anderen Ende ist derjenige, dem man sagen kann: „Schau mal, eine tote Taube“ und der gewissenhaft dem Blick in die Luft folgt.

Beide Modelle funktionieren nicht. Das eine macht handlungs-, das andere lebensunfähig, was letztlich das Gleiche ist. Also liegt die Lösung irgendwo in der Mitte.

Man muss entscheiden, was man bezweifelt oder glaubt. Niemand kann alles bezweifeln, niemand kann alles glauben.

Hier kommt die Iteration ins Spiel. Schrittweise Verbesserung der Entscheidungsfähigkeit.

Am Anfang weiß man nichts. Ein Kleinkind tappt auf die heiße Herdplatte und lernt, dass das schlecht ist. Es hat die Erkenntnis gewonnen, dass das weh tut. Ein Schritt nach vorne.

Es kann nun an diesem Punkt stecken bleiben und aus diesem einzelnen Ereignis schließen, dass Herdplatten immer heiß sind und es immer schlecht ist, sie zu berühren. Es interessiert sich nicht weiter und bewertet diese gewonnene „Wahrheit“ nie wieder. Es glaubt an die Wahrheit der heißen Herdplatte. Es bleibt an diesem Punkt, im festen Glauben gefangen.

Oder es testet die Hypothese später wieder, nur vorsichtiger und erkennt, dass die Herdplatte nicht immer heiß ist. In weiteren Experimenten erkennt es den Zusammenhang zwischen Feuer im Herd (oder dem eingeschalteten Knopf) und kann besser abschätzen, wann der Herd heiß ist.

Der einfache Prozess des Lernens. Iterativ sich der besseren Erkenntnis nähern.

Man zweifelt und glaubt und bewertet nachher, ob die Entscheidung richtig war. Außerdem versucht man zu verstehen, wie Dinge funktionieren. Die Frage nach dem „Warum?“.

Wenn man nun älter wird, hat man einen Wissensrahmen. Aufgrund des vorhandenen Wissens, der Lebenserfahrung, weist man Aussagen Wahrscheinlichkeiten zu.

Aussagen wie: „In Bayern gibt es 6.000 Grad heiße Quellen“ wird man mit etwas Minimal-Wissen recht leicht als Unsinn einstufen.
Aussagen wie: „Im Meer gibt es über 400 Grad heiße Quellen“ werden in der Beurteilung schon schwer.
„Die Herdplatte ist heiß“ wird man recht exakt beurteilen können.

Man entscheidet aufgrund der bisherigen Lebenserfahrung, dem bisherig Erlebten, ob man etwas glaubt oder daran zweifelt. Die Entscheidung fällt auf Basis der Plausibilität.

Was Menschen zu Skeptikern werden lässt, ist aber nicht nur schlichte Lebenserfahrung.

Unser Hirn hat sich durch Evolution nicht zur Wahrheitsfindung entwickelt, sondern zur Problemlösung. Für die Problemlösung ist es wichtig, dass man Zusammenhänge erkennt, Ursachen und Folgen entdeckt.

Wir sind daher gut darin, existierende Zusammenhänge zu entdecken, weil es für das Problemlösen wichtig ist; aber wir sind auch gut darin Zusammenhänge zu erfinden, die „sein könnten“. Aberglauben ist eine Folge davon.

Ein „funktionierender“ Skeptiker ist jemand, der sich nicht nur auf seine Lebenserfahrung verlässt, sondern dem auch bewusst ist, dass er falsch liegen kann. Das Offensichtliche eben oft genau das nicht ist. Dass die eigene Wahrnehmung getäuscht werden kann, dass man Zusammenhänge sieht, wo keine sind. Ein Skeptiker hat letztlich die stets gegenwärtige Einsicht der eigenen Fehlbarkeit. Womit wir dann schon bei Sokrates angekommen wären, aber das führt jetzt zu weit.

Ein Skeptiker führt genau wie jeder andere aufgrund seines bisherigen Wissens eine Bewertung einer Aussage oder eines Zusammenhanges durch. Bei der ersten sich bietenden Gelegenheit versucht er dann aber, seine Einschätzung möglichst objektiv zu prüfen. Jedes Mal, wenn er richtig oder falsch liegt, hat er seine Bewertungsfähigkeit geschärft.

Aus dieser Einsicht, dieser Strategie, hat sich eine Methode entwickelt, die man heute Wissenschaft nennt, ein recht praktisches Werkzeug gegen Selbstbetrug.

Was Skeptikern oft vorgeworfen wird ist, dass sie vieles wie z.B. Homöopathie einfach abtun. Der Grund dafür ist einfach. Wenn sich etwas tausend Mal als falsch erweist, muss jemand der es zum 1.001. Mal behauptet, schon sehr gute Argumente bringen, dass man die Richtigkeit in Betracht zieht.

Also, liebe Skeptiker, habt noch einen schönen Kongress!

 

  1. Aufgehört
    19. Mai 2012, 20:11 | #1

    Ich hab aufgehört zu lesen, als ihr die Wahrheit „übernommen“ habt. Ist also auch nichts anderes als eine Religion.

  2. Groucho
    19. Mai 2012, 20:19 | #2

    Aufgehört :

    Ich hab aufgehört zu lesen, als ihr die Wahrheit “übernommen” habt. Ist also auch nichts anderes als eine Religion.

    Ist die Realität eine Religion?

  3. Flo
    20. Mai 2012, 10:00 | #3

    Ich muss gestehen, ich kapiere nicht einmal, was #1 sagen will, denn „Wahrheit“ wird in dem ganzen Beitrag nicht einmal dafür verwendet, zu behaupten, dass irgend etwas absolut richtig wäre – im Gegenteil.

  4. kumi
    20. Mai 2012, 16:43 | #4

    @ Aufgehört: Und du hast schon zu Beginn aufgehört, den Artikel im Ansatz zu verstehen, siehe auch #3 Flo 🙂

  5. 20. Mai 2012, 18:34 | #5

    Ist die Realität eine Religion?

    wenn man sich die Interviews mit Roth, Singer und den andern einschlägigen Vertretern der radikalkonstruktivistischen Neurobiologie so anschaut, wird man sagen müssen: aus deren Perspektive klares »Ja«.

  6. Groucho
    20. Mai 2012, 19:08 | #6

    Aha. Gut zu wissen. Dann kann ich also fliegen, wenn ich nicht mehr an die Schwerkraft glaube.

  7. Dolph
    21. Mai 2012, 11:18 | #7
  8. Groucho
    21. Mai 2012, 11:34 | #8

    @Dolph: Bist Du mir arg böse, wenn mich das jetzt nicht völlig überzeugt?

  9. Dolph
    21. Mai 2012, 11:43 | #9

    @Groucho
    Nein, das musst du mit dir selbst abmachen. 😉

  10. Dealey Lama
    22. Mai 2012, 22:12 | #10

    gibts bei skeptikerconventions eigentlich auch Cosplayer?
    Oder ist Randi als Darwin-lookalike da allein?

  11. 26. Mai 2012, 00:45 | #11

    Ich bin sehr skeptisch, dass dieser Artikel n i c h t von einem Skeptiker verfasst wurde. 😉

    Lassen wir doch James Randi auch zu Wort kommen.

    Übersinnliches entzaubert
    http://www.youtube.com/watch?v=OfKcgpOx4hM

    mfg

  12. MaDalton
  13. Kuba
    31. Mai 2012, 13:31 | #13

    @Groucho

    Ich sage es mal mit den Worten von Heinz von Förster:

    Realität?! Wo haben Sie die??

  14. Dietmar
    19. Juni 2012, 12:00 | #14

    Ha. Tag der Skeptiker. Wenn ich mir diese Zahlen hier http://www.finanzen.de/news/13076/zahlen-der-woche-unser-wochenrueckblick so anschaue, dann werde ich auch skeptisch 😉

  1. 19. Mai 2012, 22:04 | #1
  2. 21. Mai 2012, 22:36 | #2

Spamschutz: Setzen Sie einen Haken im zweiten und vierten Kästchen

Spam protection: Check the second and forth box