Edzard Ernst über „Little H“

„Big Pharma“, das sind die Bösen und „Little Alt Med“, die Alternativmedizin, sind sanft und gütig, nicht wahr?
Nachdem ich ungefähr zwei Jahrzehnte die Alternativmedizin erforscht habe, kann ich mit reichlich Beispielen belegen, dass die oben genannte Annahme fehlerhaft ist. Schauen wir uns beispielhaft die Homöopathie an, oder „Little H“, wie wir sie in diesem Beitrag nennen wollen.

Der Name „Little H“ ist nicht so weit hergeholt, denn der Umsatz mit homöopathischen Substanzen ist selbstverständlich wesentlich geringer als jener im pharmazeutischen Bereich. Trotzdem liegt der weltweite Umsatz mit homöopathischen Produkten nach meiner Schätzung jährlich im Bereich zwischen 2,5 und 3,5 Milliarden Euro. Das ist nicht schlecht, wenn man bedenkt, dass praktisch keine Ausgaben für Forschung, Entwicklung und Wirksubstanzen anfallen. Wir erinnern uns: Homöopathische Präparate sind so stark verdünnt, dass sie normalerweise exakt nichts von der Wirksubstanz enthalten. Für „Little H“ ist das leicht verdientes Geld bei hohen Gewinnen.

So ist es auch nicht verwunderlich, dass „Little H“ diese Goldgrube mit allen Mitteln verteidigen will.

Die Strategie, mit der der Handel mit Homöopathika gefördert werden soll, scheint geschickt:
Der immer wieder zitierten Tatsache, dass homöopathische Produkte biologisch nicht erklärbar seien und jenseits des Placeboeffekts auch nicht wirken, wird derzeit die Behauptung entgegen gestellt, dass die Regierung der Schweiz gerade einen Bericht veröffentlicht habe, welcher die Wirksamkeit der Homöopathie nachweise. Die Beweislage sei in der Tat so eindeutig, heißt es, dass die Schweizer Regierung die Erstattungsfähigkeit homöopathischer Behandlungen durchgesetzt habe. Im Netz findet sich diese Behauptung zur Zeit so häufig – etwa in einem Artikel von Dana Ullman in der Huffington Post – dass man sie schließlich sogar glaubt.

Die Wahrheit sieht jedoch völlig anders aus: Die Entscheidung der Schweizer Regierung, die Homöopathie für einen kurzen Testzeitraum als Kassenleistung anzubieten, basiert nicht etwa auf wissenschaftlichen Erkenntnissen, sondern wurde durch ein Referendum, einen Volksentscheid, durchgedrückt. Zudem wurde die fragliche Studie soeben im Magazin SWISS MEDICAL WEEKLY als ein Fall von wissenschaftlicher Verfehlung“ aufgedeckt.

Aber das hat doch alles nichts mit „Little H“ zu tun, denken Sie vielleicht. Mag sein, aber was würden Sie sagen, wenn mehrere deutsche Hersteller homöopathischer Mittel mit jährlich insgesamt 43.000 Euro einen Journalisten finanzieren, damit er alle Personen diskreditiert, welche öffentlich darauf hinweisen, dass Homöopathie nicht mehr als eine aufwändige, ausgeklügelte Placebo-Therapie ist?

Da ich ein wesentliches Ziel dieser systematischen Rufmordkampagne bin – http://www.cam-media-watch.de, mein Name erscheint mehrfach in fast allen Blogs der besagten Webseite – ist mir diese Angelegenheit schon eine ganze Weile bekannt.

Zuerst war ich der Meinung, dass man dieser Sache am besten mit Nichtbeachtung begegnet. Wenn ich gegen jede Person vorginge, die Unwahrheiten oder Beleidigendes über mich verbreitet, käme ich kaum mehr zu anderem. Außerdem, wen kümmert es schon, wenn ein Spinner im Web mit Schmutz um sich wirft? So lautete zumindest der Rat fast aller Freunde. Ihrer Ansicht nach sei es das Schlechteste, solch merkwürdigen Leuten auch noch öffentliche Aufmerksamkeit zu verschaffen, indem man ihre Existenz zur Kenntnis nimmt.

Als wir dann allerdings in einem der Blogs unserer homöopathie-gesponsorten Dreckschleuder nicht weniger als 31 beleidigende Unwahrheiten sowie grob irreführende Behauptungen über meine Person und meine Forschungsarbeit fanden, änderte ich meine Meinung. Da ich über einen Kontakt zur „Deutschen Homöopathischen Union“ (DHU) verfüge, dem größten deutschen Hersteller homöopathischer Produkte und führenden Finanzier der erwähnten Verleumdungsfundgrube, wies ich meine Kontaktperson in einer höflich formulierten E-Mail auf diesen bizarren Umstand hin und machte auch deutlich, dass derartige Veröffentlichungen möglicherweise nicht unbedingt förderlich für ihr öffentliches Image sein könnten.

Die Antwort bestätigte, dass die DHU den Rufmörder für das Blog bezahlt, machte aber auch deutlich, dass dieser völlig frei in der redaktionellen Gestaltung seiner Beiträge sei. Deshalb habe man keine Möglichkeit einzugreifen, so die DHU. Man zeigte sich allerdings besorgt ob der verleumderischen Aussagen und es wurde ein Treffen mit mir vereinbart, um eine Lösung zu finden. Mir erschien es also nur fair, bis zu einem persönlichen Gespräch von einer eigenen Veröffentlichung abzusehen.

In der Zwischenzeit bekam ein deutscher Investigativjournalist Wind von der Sache – nein, ich habe ihm keinen Hinweis gegeben – und veröffentlichte die ganze, schäbige Geschichte mit all ihren unappetitlichen Details in einer deutschen Tageszeitung. Das führte dazu, dass die Firma WELEDA, ebenfalls im Homöopathie-Geschäft tätig, ihr Sponsoring für dieses Verleumdungsportal einstellte(http://www.cam-media-watch.de/?p=9154). Faszinierenderweise wurde kurz darauf mein Treffen mit der DHU abgesagt. Das habe aber nichts mit der aktuellen Entwicklung zu tun, versicherte man mir.

Sie möchten wissen, welche Unwahrheiten unser homoöpathiefinanzierter Rufmordspezialist über mich verbreitet?

Da wird im Wesentlichen ad nauseam wiederholt, ich sei ein äußerst schlechter Wissenschaftler, meinen Ergebnissen könne auf keinen Fall vertraut werden, ich soll unwahre Angaben über meine Vergangenheit und meine Qualifikationen gemacht und „Leser und Öffentlichkeit vorsätzlich sowie unehrenhaft getäuscht“ haben, mein „Fanclub“ bestehe aus „atheistischen Fundamentalisten“, ich genieße „einen sehr schlechten Ruf in der wissenschaftlichen Gemeinschaft“, dass ich auf Kritik mit persönlichen Angriffen reagierte, nicht zum konstruktiven Dialog fähig und all das außerdem politisch motiviert sei.

Wenn sich morgen herausstellt, dass „Big Pharma“ zu derartigen Praktiken greift, um Wissenschaftler zu diskreditieren, welche einem bestimmten Medikament gegenüber kritisch eingestellt sind, gäbe es mit Sicherheit sofort einen riesigen Aufschrei in sämtlichen Medien, die sich sofort den Schuldigen vornehmen würden. Und völlig zu Recht, wie ich meine. Aber hier geht es eben nicht um „Big Pharma“, sondern nur um „Little H“ – und das sind ja die Sanften.

Oder etwa nicht?

Englischer Originaltext von Edzard Ernst: http://www.thetwentyfirstfloor.com/?p=4424

17 Gedanken zu „Edzard Ernst über „Little H““

  1. Pingback: Prof. Edzard Ernst über die “Homöopathie-gesponserte Dreckschleuder” @ gwup | die skeptiker
  2. Die können von mir aus weiter „uranium metallicum“ (Uran!) gegen Gestörte Mann- Frau- Beziehungen und „plutonium nitricum“ (ja, richtig gehört) gegen Haarausfall verschreiben….

    Wenn ihr mich fragt, die Homöopathen haben echt einen an der Waffel.

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  3. Bevor man nicht in die Köpfe der ganzen Gesellschaft bekommt, das Homöopathie nur Humbug ist, oder zumindest jedem klar macht WAS Homöopathie eigentlich ist, wirds dieser Konflikt vor sich hinschwelen. Wissenschaftliche Datenlage hin oder her. Kann man eigentlich chemisch untersuchen, ob in den Homöopathika drin ist was draufsteht? Eigentlich müsste ja bei Nachweis eines einzigen Atoms der „Nicht-Wirksubstanz“ oder jeder beliebigen Substanz ausser Wasser und Zucker) sofort ein Sachmangel geltend zu machen sein.

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  4. @knorke: Ein etwas ausführlicherer Artikel zu dem Thema findet sich hier:

    http://transgallaxys.com/~kanzlerzwo/index.php?topic=1300.0

    Auszug:

    2. Verdünnungen von Lösungen:
    HAHNEMANN schrieb vor, daß für jede Verdünnung eine neue Flasche
    (Mehrglasmethode) verwendet werden muß. Wegen der Adhäsion der
    Wirkstoffmolekeln an der Innenfläche der Flaschenwand wird beim
    Flaschenwechsel ein Teil der Wirkstoffmolekeln entfernt und damit dem
    Verdünnungsprozeß entzogen. Die Konzentration sinkt also schneller, als
    es der rechnerischen Verdünnungsstufe (D6-D7..Dxx) entspricht. Die
    Messungen von KUHN ergaben, daß bei etwa D12 die letzten Molekeln
    adhäriert werden (KUHN A: Kolloidchemie, Homöopathie und Medizin. Chem
    Ztg Bd 59, S. 85, 1935; MADAUS G, a.a.O. Bd 2, S. 302 oben). Es muß
    nicht erwähnt werden, daß der Grenzwert D12 von Substanz zu Substanz
    verschieden ist, abhängig von den physikalisch-chemischen
    Molekelmeßgrößen.
    Damit ist gesichert, daß etwa ab D12 Deklaration und Inhalt nicht mehr
    übereinstimmen – ein ernsthaftes pharmazeutisches Problem.
    Wird die Hahnemannsche Vorschrift mißachtet, indem alle Verdünnungen in
    einer Flasche ausgeführt werden (Einglasmethode), entsprechen die
    Resultate am ehesten dem rechnerischen Ergebnis, wenn in allen
    Verdünnungsstufen 60%iger Alkohol verwendet wird.
    Gerade hier taucht aber eine neue Fehlerquelle auf: Aus Sparsamkeit
    wurde die erste Stufe mit Alkohol verdünnt, alle weiteren mit Wasser und
    erst die letzte wieder mit Alkohol (wir reden jetzt von der
    Einglasmethode). Während der Wasservedünnung baut sich an der Innenwand
    des einen Glases eine Wirkstoffschicht auf, die dann bei der
    abschließenden Alkoholverdünnung als ganzes in Lösung geht. Im Versuch
    von A. Kuhn zeigte sich, daß eine rechnerische D100, also
    einhundertmaliges Verdünnen 1:10, de facto einer D6 entsprach!
    Damit wird die Sache gemeingefährlich, denn es werden nicht nur
    harmlose Substanzen, sondern auch starke Gifte verdünnt. Enthält die
    Urtinktur ein Mol des Giftes oder des giftigen Schwermetalls, dann
    enthält die vermeintliche D100 als tatsächliche D6 immerhin 6,023 . 1017
    Molekeln des Giftes oder Schwermetalls – im Zweifelsfalle genug, um ein
    Kind umzubringen.

    Antworten
  5. Man muss Herrn Ernst zwar sehr dankbar für seine Arbeit gegen diesen pseudomedizinischen Unsinn sein, aber rhetorische Unsauberkeiten sollte er sich dann nicht erlauben (und das liegt nicht an der Übersetzung). Wenn er in der Einleitung „eine Annahme“ widerlegen will, soll er auch bitte nur eine Annahme widerlegen und nicht zwei, wie er es tut ((1)Big Pharma böse (2) Alternativmedizin sanft und gut). Sonst vermittelt das den Eindruck, als wäre Big Pharma gut, und Alternativmedizin böse, und das ist ja nun wohl mindestens genauso falsch. Das muss man zwar nicht so sehen, in jedem Fall ist die Formulierung mindestens unglücklich.

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  6. Die sind so böse, dass sie uns Schmerzmittel, Krebsmedikamente, Impfstoffe, Antibiotika, Insuline, AIDS-Medikamente, Narkosemittel usw. verkaufen.

    Echt schlimm, diese Bande. :-/

    Du hast die bestimmt Dein komplettes Leben boykottiert und hast auch vor, das bis ins hohe Alter weiterhin zu tun.

    Gute Nachrichten:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Sildenafil#Generika

    2013 läuft das Pfizer-Patent in Deutschland aus. Ratiopharm kündigte für diesen Zeitpunkt bereits ein billiges Sildenafil-Generikum an

    Lalibertine hat übrigens aktuell einen erfrischenden Text über die gängigen Beißreflexe bei Medikamentenneuentwicklungen geschrieben:
    http://fdogblog.wordpress.com/2012/07/23/gib-dem-fortschritt-keine-chance/

    Antworten
  7. spotnik :
    …Wenn er in der Einleitung “eine Annahme” widerlegen will, soll er auch bitte nur eine Annahme widerlegen und nicht zwei, wie er es tut ((1)Big Pharma böse (2) Alternativmedizin sanft und gut). Sonst vermittelt das den Eindruck, als wäre Big Pharma gut, und Alternativmedizin böse,…

    Die Einleitung trifft nur eine Annahme. Diese besteht zwar aus zwei Teilen, aber es ist eine Annahme. Es geht nicht um „Big Pharma“ oder „Little H“ an und für sich, sodern um das Spannungsfeld zwischen beiden, also den Umstand dass in der Wahrnehmung vieler Zeitgenossen „Little H“ das Image eines „weißen Ritters“ hat der selbstlos gegen die üblen Methoden von „Big Bad Pharma“ kämpft, während die Beteiligten AltMed-Unternehmen sich in Wirklichkeit der selben oder noch üblerer Methoden bedienen.

    Ich bestreite nicht, dass im Pharma-Sektor vieles im Argen liegt, aber die Annahme „Little H“ sei per se besser als „Big Pharma“ widerlegt Herr Ernst hier eindrucksvoll und der Eindruck er wolle „Big Pharma“ verteidigen ist bei mir nicht entstanden.

    Antworten
  8. Mephisto :
    Ich bestreite nicht, dass im Pharma-Sektor vieles im Argen liegt, aber die Annahme „Little H“ sei per se besser als „Big Pharma“ widerlegt Herr Ernst hier eindrucksvoll und der Eindruck er wolle „Big Pharma“ verteidigen ist bei mir nicht entstanden.

    Das sehe ich genauso. Ich wollte nur darauf hinweisen, dass die Formulierung unsauber ist und mir ist bewusst, dass man das nicht so lesen MUSS. Edzard Ernst Absicht zu unterstellen wäre Unsinn.
    Es geht mir nur darum, dass wenn man ideologische Verbrämung anprangert, dann auch selbst sich daran halten sollte und fair argumentieren sollte. Ich bin Sprachwissenschaftler und sehe die Stelle eben kritisch.
    Und ja, ich bin Gegner von Pseudomedizin. Und nein, ich finde „Big Pharma“ nicht scheiße (@Nr 7).

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  9. @spotnik
    Wenn man sagt, dass eine Aussage nicht wahr ist, heißt das doch nicht zwingend, dass man meint, das genaue Gegenteil ist wahr.
    Uff…

    Antworten
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