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Ruqia (Exorzismus) für Anfänger

Ein Gastbeitrag von Sigrid Herrmann-Marschall

Magisch-mythisches Denken auch in Alltagsfragen findet sich als volkstümliche Nebenerscheinung von einigen Religionen. So werden Hostien Heilkräfte zugeschrieben, ebenso dem Wasser aus Lourdes. Manche Gruppierung setzt auf die heilende Kraft des Gebetes wie viele Pfingstgemeinden. Es wird sich bekreuzigt, es werden Schutzzauber mit Reliquien vollzogen und es werden Heiligenbildchen mitgeführt. Es gibt einen bunten Strauß an Möglichkeiten, wie der ängstliche Mitmensch sich durch Rituale zu beruhigen suchen kann. Wenn es für die Person funktioniert und keine andere Person betroffen ist, so liegt das in ihrer persönlichen Freiheit. Viel Glück, die Person wird es brauchen bei ernsthafter Erkrankung.

Auch der fundamentalistische Islam ist nicht frei davon. Auf diversen Internetseiten finden sich detaillierte Nachfragen, was hinsichtlich einer rituell korrekten Wohnungsreinigung zu beachten ist, wie man  mit Dschinns umzugehen hat  oder ob Haarbürsten aus Schweinehaar benutzt werden dürfen. Obwohl Konzepte wie Gegenzauber und Exorzismus etc. wohl nicht auf den Koran zurückgehen, sondern auf die Sunna und eingebundenen Volksglauben, werden von einigen Strömungen diese Ideen verwendet, ebenso wie das Konzept der Dschinns oder der Zauberei, die sich im Koran wiederfinden. Es hat den Anschein, dass Anhänger fundamentalistischer Richtungen mehr zu Beiritualen neigen. Man könnte es auf die einfache Formel bringen: Mehr Angst, mehr Regelungsbedarf, mehr Abwehrzauber.

Auf islamistischen Seiten wird nicht nur besonders genau nachgefragt, sondern auch besonders genau, mit „Beweisen“ in der Antwort vorgegangen. Oftmals wird eine Fatwa, ein religiöses Rechtsgutachten, zur Frage zugezogen. Auch magisches Denken will ja gründlich bearbeitet werden.

Konkrete Anleitungen zu rituellen und Heilzwecken finden sich z.B. auf der extrem fundamentalistischen Seite Tauhid Germany. Neben solch überraschenden Beiträgen wie „Abu Ibrahim* vernichtet Knotenzauber“ , „Die Anzeichen für Zauberei und böse Augen“ und der wichtig erscheinenden „Definition von Talismännern“ erläutert „Abu Ibrahim“ auch seine Vorstellungen zu einer gesunden Lebensführung und gibt aus seiner Sicht wohl wertvolle Hinweise zu allerlei Erkrankungen.

http://tauhid-germany.com/ruqia.html

Hoher Wert wird auf eine „richtige Diagnose“ bei der „spirituellen Krankheit“ gelegt, da alleine dadurch der „Dschinn im Körper schwach“ werde (was wohl etwas Gutes sein soll). Wichtig sei z.B., dass der Magen das „Haus der Krankheit“ sei. Dieser müsse durch „Erbrechen, Schwitzen, Stuhlgang, Urinieren und Aderlass“ entleert werden. Diese wenig spirituellen, dafür aber drastischen Maßnahmen seien die Grundlage der Heilung.

Nun dürfte „Magenschwitzen“  auch für hartgesottenste Esoteriker neu sein und praktisch eine Herausforderung darstellen. Dies zeigt aber auf, dass der Rückgriff auf exotische altertümliche Texte immer für neue Angebote der Eso-Szene lohnend sein kann.

„Abu Ibrahim“ empfiehlt Abführmittel und Erbrechen bei jeder Art von Krankheit, da jede Krankheit im Magen ihren Ursprung habe. Als besonders wertvoll bezeichnet er Brechdurchfall. Da hofft man nur, dass der Mann keine Kinder hat, die diese „besonders wertvollen“ Beschwerden als Weg zur Heilung fortgesetzt erleiden müssen. So ein Kind hat schnell mal zu wenig Flüssigkeit im Körper.

Schwarzkümmelöl, Salz, Selemeki (was immer das sein mag) oder allgemein Öl seien wertvolle Substanzen, meint „Abu Ibrahim“. Sehr, sehr wichtig sei auch der „Astralkörper“. Die Sunna sei zu befolgen, weil diese den Magen reinige und den Astralkörper auch. Wenn da mal keine Anleihe im Tantra-Studio nebenan genommen wurde. Ergänzend, sozusagen komplementär, soll der Koran gelesen werden. Im Übrigen solle man dahin gehen, wo Wissen dazu herrsche.

Nun ist damit natürlich nicht der Gang zum Internisten gemeint, sondern der zum Ruqia-Erfahrenen.

Wer das alles wirr findet, hat natürlich völlig Recht. Der „wissende  Abu Ibrahim“, der in den Beiträgen seine „Geschwister“ aufklären will, rät, ohne selber irgendeine Ahnung schon nach Binnenkonsens und eigenem Anspruch zu haben. Er liest hörbar nur einen Text vor, den er schlecht übersetzt. In der realen Welt sind seine Einlassungen natürlich kompletter Unsinn und es ist schwer vorstellbar, dass Menschen ihre Kinder tatsächlich nach diesen Ratschlägen „behandeln“. Auszuschließen ist es leider nicht, denn es gab auch schon Fälle, in denen Kinder nach Konz in letztendlich fataler Weise mangelernährt wurden.

Bei dieser Vorstellung bekomme allerdings ich einen bösen Blick.

* „Abu Ibrahim“ ist übrigens im realen Leben ein polizei- und internetbekannter Salafist, Gerüchten zufolge ein Imbissbudenbetreiber. Das erscheint wenig Expertise, anderen Gesundheitsratschläge zu geben, erklärt aber vielleicht die Magenfixierung. Leider ist das kein freundlicher und erst recht kein friedlicher Mann. Das sollte man bei aller verständlicher Erheiterung über den armseligen Unfug, den er auf der genannten Seite zum Besten gibt, bedenken. Der Mann setzt seinen Glauben über alles. Man beachte auch das Schwert im Logo Tauhid. Das ist ernst gemeint, denn man unterstützt Syrienreisen.

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  1. Abe
    12. März 2014, 10:33 | #1

    Ein erheiternder Artikel, nur diese üblich äquidistante Einleitung macht ihn mir ein wenig madig; Totatlitarismustheorie der Religionen…

  2. Sigrid Herrmann-Marschall
    12. März 2014, 20:10 | #2

    Ja, die Einleitung…

    Berechtigter Einwand. Wie aber kommt man vom Allgemeinen zum Speziellen und vom Bekannten zum Neuen in diesem Fall? Ich hätte natürlich das auch ganz weglassen können. „Der Islamist und Gerüchten zufolge Imbissbudenbetreiber „Abu Ibrahim“ fühlt sich neuerdings berufen, Heil- und Abwehrzauber zu erklären.“

    Ich räume ein, auf die Einleitung nicht das letzte Gramm Gehirnschmalz verwendet zu haben und schrieb flott herunter. Ein wenig geschmeidig sollte es sich ja doch lesen…

    Und ja, ich mache Unterschiede. Aber nicht jeden, den man macht, muss man immer einfließen lassen in jeden Text. Einiges ergibt sich auch aus der Fußnote.

    Insofern: Danke für die Kritik, das bringt mich weiter. 😉

  3. 13. März 2014, 16:27 | #3

    Das gibt Mekka! Ihr habt die Kaaba umgestoßen!

  4. Andreas
    21. März 2014, 12:21 | #4

    http://tauhid-germany.com/ruqia.html

    Gibt der gute Mann angesichts des Erscheinungsbildes der Webseite eigentlich auch Tips zur Vermeidung von Augenkrebs?

  5. inci
    22. März 2014, 14:44 | #5

    Ibn Sina würde sich im Grabe umdrehen……….

  6. Sigrid Herrmann-Marschall
    23. März 2014, 08:27 | #6

    „Tips zur Vermeidung von Augenkrebs“

    Ist doch guter Eso-Standard. Rufe die Krankheit, die du „heilen“ willst, hervor und „heile“ sie dann.

    „Gestörter Energiefluss“ => Abrakadabra => alles fließt wieder (v.a. in die Kasse).
    Augenkrätze => Ruqia gegen böse Augen => Alles in Butter, ähm, Sesamöl. 😉

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