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Walachsche Methodenlehre für Anfänger (Teil 3)

Prof. Walach, die Speerspitze der Aufklärung, unternimmt einen neuerlichen Versuch, den Rest der im Dämmer des Halbwissens satt, aber tumb dahinvegetierenden Menschheit darüber zu unterrichten, was die Élite des Geistes an Einsichten zu vermitteln hat (exklusive Berichte über die bisherigen Bemühungen z.B. hier, hier). Er klärt die staunende Mitwelt über die irreführende Magie der Statistik, über den Unterschied zwischen Signifikanz und Relevanz auf. Es geht um dieses unreflektierte Vorurteil:

Normalerweise ist der Durchschnittsbürger und Durchschnittswissenschaftler zufrieden, wenn er hört, ein Forschungsergebnis sei „statistisch signifikant“ gewesen … Deswegen glaubt z.B. der Durchschnittsarzt, -journalist und -bürger die Bioresonanz sei als unwirksam belegt und Homöopathie ist Placebo

Eingedenk der Tatsache, dass derartige Ansichten in der Allgemeinheit weit verbreitet sind, erwies es sich für Prof. Walach in der Langfassung seiner „Power-Analyse“ (hier) zunächst als erforderlich, seitenlang über Null-Hypothese, Alpha-Fehler und Beta-Fehler grundstürzende Erkenntnisse zu verkünden, die man seit 50 Jahren in jedem Anfänger-Lehrbuch für medizinische Statistik nachlesen kann. Insbesondere geht es um den sog. Beta-Fehler, kurz gesagt: um die Möglichkeit, dass eine Studie keinen Zusammenhang nachweist, obwohl einer besteht.

Wahrscheinlich wollte die Spitzenkraft den Durchschnittswissenschaftler nicht überfordern. Das tut sie aber mit dieser Feststellung:

Wenn wir kein Elektronenmikroskop oder kein immunologisches Assay haben können wir die winzigen Viren nicht sehen und behaupten, es gäbe keinen Grund für eine Erkrankung. Wir machen dann einen Beta-Fehler, wenn in Wirklichkeit Viren Krankheitsauslöser sind, die wir aber aufgrund fehlender Instrumente nicht entdecken können.

Denn für den Rest der Menschheit war bisher klar: wir könnten in einem solchen Fall nur sagen, wir hätten die Ursache nicht gefunden, aber nicht, es gäbe keine Ursache.

Und es wäre auch ein Fehler zu sagen, Viren gibt es nicht, nur weil sie mit Lichtmikroskopen nicht zu sehen sind.

In der Tat, das wäre ein Fehler – sogar wir können das einsehen.

All das sind Beispiele für Beta-Fehler. Sie alle demonstrieren: je kleiner der Effekt, umso größer der Aufwand, den wir treiben müssen.

Aber hier klemmt es. Virale Erkrankungen haben durchaus klinisch sehr bedeutsame Effekte. Die Nicht-Identifizierbarkeit von Viren mit dem Lichtmikroskop hat absolut nichts mit einem Beta-Fehler zu tun. Andererseits aber:

Wenn wir also sagen würden, Bioresonanz-Therapie ist eine Placebo-Therapie, obwohl diese Behauptung in Wirklichkeit falsch ist, dann würden wir einen Fehler der zweiten Art oder einen Beta-Fehler machen.

Der naheliegende Schluss aus dieser neuen Einsicht – nicht vorsagen, wir kommen von selbst drauf – wäre also: Viren sind im Lichtmikroskop nicht sichtbar – aha, ein Beta-Fehler; Bioresonanz und Homöopathie sind nicht wirksam, – aha, noch ein möglicher Beta-Fehler; Viren gibt es aber, also sind Bioresonanz und Homöopathie vermutlich wirksam. Man kann kaum widersprechen:

Jeder Effekt, egal wie groß er ist, kann, wenn er tatsächlich und systematisch vorhanden ist, mit einer Stichprobe, die groß genug ist, sichtbar gemacht werden.

Danke, Speerspitze! Nun fühlen wir uns gleich über den dumpfen Durchschnitt der Wissenschaftler hinausgehoben.

Es bleiben nur zwei kleine Schönheitsfehler. Selbst die allergrößte Stichprobe lichtmikroskopischer Untersuchungen könnte die winzigen pathogenen Viren nicht nachweisen. Und auch wenn wir alle Überlegungen zu Plausibilität, Wirkmechanismus usw. von Bioresonanz und Homöopathie beiseite ließen: wenn man riesige Stichproben bräuchte, den Effekt einer Therapiemethode sichtbar zu machen, dann muss die Effektgröße zwangsläufig klinisch unbedeutend sein – es lohnt also nicht, diese Studien aufzulegen. Die ausführliche Darstellung der Effektgrößen bei ASS und bei den Lipidsenkern ist irreführend, weil sie die Primärprävention, d.h. die Behandlung von Gesunden, gedanklich mit Therapie-Methoden, d.h. der Behandlung von Kranken, gleichsetzt. Hier gelten sehr unterschiedliche Anforderungen.

Im Ernst: Die „Power-Analyse“ des Professors Harald Walach ist der Taschenspielertrick eines Zauberei-Anfängers. Da muss er noch ein bisschen üben.

  1. Guildenstern
    20. Mai 2014, 14:05 | #1

    „Wenn wir kein Elektronenmikroskop oder kein immunologisches Assay haben können wir die winzigen Viren nicht sehen und behaupten, es gäbe keinen Grund für eine Erkrankung.“

    Ich stelle mir gerade vor, wie Iwanowsky, Löffler, Frosch oder Elford Gewebesäfte durch bakteriendichte Filter saugen, im Filtrat keine bekannten Krankheitserreger sehen und daraus schließen, dass es keinen Grund für Tabakmosaikkrankeit oder Maul-und-Klauensäuche gibt.

  2. Guildenstern
    20. Mai 2014, 14:06 | #2

    Guildenstern :Ich stelle mir gerade vor, wie Iwanowsky, Löffler, Frosch oder Elford Gewebesäfte durch bakteriendichte Filter saugen, im Filtrat keine bekannten Krankheitserreger sehen und daraus schließen, dass es keinen Grund für Tabakmosaikkrankeit oder Maul-und-Klauensäuche gibt.

    Seuche. (Und das mir.)

  3. Abe
    20. Mai 2014, 14:23 | #3

    Jeder Effekt, egal wie groß er ist, kann, wenn er tatsächlich und systematisch vorhanden ist, mit einer Stichprobe, die groß genug ist, sichtbar gemacht werden

    In meiner Statistikausbildung musste der Satz immer als Beispiel dafür herhalten, dass Statistik eben ein Instrument ist und man es auch falsch anwenden kann.

  4. Christoph
    21. Mai 2014, 08:18 | #4

    Was ich an den ganzen Spinnern (Wallach, oder im Augenblick die Montags-Truthern) so faszinierend finde ist, wie die sich immer und immer „tiefer in die Scheisse reiten“. Dass da nicht einer mal irgendwann aufwacht und einfach sagt: Sorry, ich hab mich da verrant.

  5. 21. Mai 2014, 09:24 | #5

    @ Christoph
    Das ist nur menschlich. Je länger man an seinem Weltbild „gefeilt“ hat, desto stärker müssen Argumente sein, um einen davon abzubringen. Und: Verschwörungstheorien schaffen ein Weltbild, das in sich vollkommen schlüssig ist, wenn man erstmal die Grundannahmen der VT „geschluckt“ hat. Es besteht dann also für „Gläubige“ wenig Grund überhaupt noch zu zweifeln.

  6. Abe
    21. Mai 2014, 11:37 | #6

    Christoph,, hier finden sich einige psychologische Mechanismen zur Erklärung dieses ‚Verrennens‘, die aber nicht sonderlich auf die Spezifik von Esoterik und Verschwörungstheorien eingehen, dennoch ist es die Lektüre wert:

    https://medium.com/mother-jones/adfa0d026a7e

  7. 22. Mai 2014, 13:26 | #7

    Naja wenn dann noch dafür bezahlt wird, dass man diese Nebenkerzen wirft, wie soll man dann auf die Idee kommen, das man sich irrt?
    Außerdem irrt sich ein Walach immerhin ist er ja Prof UND Walach und bei DER Kombination KANN es doch gar nicht sein, das er sich irrt.
    Geld und Geltungsbewußtsein sind eben eine schlechte Kombination, aber nützlich für alle, die jemanden brauchen der laufend Ausreden für das eigene Versagen liefert, was ja für Homöopathe, … der Fall ist.

  8. 22. Mai 2014, 16:15 | #8

    Immerhin qualifizieren diese Ergebnisse dazu, in der „Kommission D“ mitzuarbeiten, und zwar explizit zum Thema Statistik:

    http://www.bfarm.de/DE/Arzneimittel/zul/zulassungsarten/besTherap/amAnthropo/mitglieder-kommission-d.html?nn=3583952

    Diese Leute entscheiden über die Zulassung von Homöopathika in D.

    Die Mitgliedschaft des Herrn W. wird in seinem Wikipedia-Artikel deutlich hervorgehoben. Dass er nur Stellvertreter ist, ist weniger deutlich…

    Wenn man den Website bfarm.de nach Walach durchsucht, kommt man auf 3 (drei) Protokolle der Kommission D, bei denen der Herr Professor anwesend war.
    Eine so intensive Mitarbeit ist natürlich ebenso wichtig wie die Mitarbeit in der Expertengruppe eines Lobbyisten-Blogs.

  9. Hepper
    23. Mai 2014, 12:37 | #9

    Das passt in die These von Dr. Klaus Köhnlein und seine entsprechenden Publikationen, die in der Gastroenterologen- und Hepatologen-Szene große Empörung ausgelöst hatte. Ich erinnere mich, dass das Hapatitis-C-Virus durch eine sogenannta Polymerase Chain Reaction (PCR) quantitativ nachweisbar ist. Das Verfahren wird hier beschrieben:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Polymerase-Kettenreaktion

    Bei einer Prävalenz von 800.000 bis 1 Mio Hep-C-Patienten in Deutschland, entsprechend vielen, virusinduzierten Leberzirrhosen und hepatozellulären Karzinomen eine zynische Behauptung.

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