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Der Traum meines Großvaters

Als mein Großvater Ding Shuiyang aus der Stadt zurückkam, lag die Abenddämmerung schon über der Ebene. Die Straße nach Dingzhuang war vor zehn Jahren betoniert worden – damals, als die Dorfbewohner Blut verkauft hatten. Das Dunkel der Gedanken, die er unterwegs nicht hatte entwirren können, begann sich zu lichten.

Ihm war klar: wo Wolken sind, da gibt es Regen.
Ihm war klar: wenn der Herbst zu Ende geht, wird es kalt.
Ihm war klar: die Dorfbewohner, die vor zehn Jahren Blut verkauft hatten, würden das Fieber kriegen. Und wer das Fieber hatte, würde sterben, so wie der Herbstwind die welken Blätter von den Bäumen fegt.

Das Fieber war im Blut verborgen; mein Großvater war in seinen Träumen verborgen. Die Krankheit liebte das Blut, Großvater liebte das Träumen.

Seit er in der Kreisstadt war, wusste er:

Das Fieber hatte in Wirklichkeit einen anderen, einen wissenschaftlichen Namen – nämlich AIDS. Wer seinerzeit Blut verkauft hatte, war heute ausnahmslos an AIDS erkrankt. Die Kraft verließ sie, ihr Körper war von Pusteln und Flecken übersät, die Zunge war eiterig und allmählich trockneten die Kranken aus. Sie quälten sich drei Monate oder ein halbes Jahr, hielten vielleicht sogar acht Monate durch, aber nur selten ein ganzes Jahr. Dann – ja, dann starben sie.

Starben wie vom Wind losgerissene Blätter.
Erloschen wie eine Lampe; waren nicht mehr von dieser Welt.

Überall auf den Feldern sah man die Gräber, dicht gedrängt wie Garben reifen Korns.

Dies alles war aber erst der Anfang, im nächsten oder übernächsten Jahr würde die Krankheit mit ganzer Heftigkeit ausbrechen. Dann wäre ein Sterbender nicht mehr als ein toter Sperling oder ein toter Nachtfalter oder eine tote Ameise, während man ihm heute noch die gleiche Aufmerksamkeit widmete wie etwa einem Hund.

Ich, den man hinter meines Großvaters Haus in einem kleinen weißen Holzsarg begraben hatte, war zum Zeitpunkt meines Todes gerade zwölf Jahre alt und hatte soeben die fünfte Klasse beendet. Ich starb, nachdem ich eine Tomate gegessen hatte.


Der Roman Ding zhuang meng ist in China verboten, da er „der Ehre des Landes abträglich“ sei. Als Rahmenhandlung dient die Geschichte eines Dorfes, das durch den Bluthandel, der zur Beschaffung von Blut für Transfusionen diente, wohlhabend wurde. Und nun stirbt.

Dieser Auszug ist aus kurzen Passagen/einzelnen Zeilen der ersten vier Seiten konstruiert und verrät die Handlung nicht. Aber ohne viel zu verraten: Särge spielen in der folgenden Geschichte über Gier, Korruption und Tod eine wichtige Rolle.

Durch den Bluthandel infizierten sich in China Zehntausende mit HIV, erkrankten und starben an AIDS. Die chinesische Regierung hat über die damaligen Vorgänge den Mantel der Zensur gebreitet.

Anlässlich des Todes von Barbara Seebald vielleicht etwas zum Nachdenken. Menschen, die an eine AIDS-Verschwörung glauben, an Vertuschung und ähnliches, finden vielleicht hier eine Geschichte, die in diese Gedankenwelt einzudringen vermag.

imageLianke Yan: Der Traum meines Großvaters. Originaltitel: Ding zhuang meng


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