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Rechts oder links – wo steht die Wissenschaft?

Wo ist der Platz der Wissenschaft im gesellschaftlichen Spannungsfeld? Wir wollen das an einem Beispiel erläutern. Die ZEIT Nr. 25 (14. Juni 2017) verkündet auf ihrer Titelseite in großen Lettern:

Etwa 2 Millionen Deutsche wollen sich nicht festlegen lassen, ob sie Mann oder Frau sind

und verweist auf einen Beitrag im Zeitmagazin. Dort sind es gleich noch ein paar mehr, nämlich „knapp 2,5 Millionen“, das habe die „ZEIT-Vermächtnis-Studie von 2016“ ergeben. Genauer werden die Angaben nicht. Wenn man mit diesen spärlichen Schlüsselwörtern sucht, wird man nicht fündig. Die „Veröffentlichung“ – oder sagen wir besser, die Vermarktung – dieser Studie ist auf viele Links hinter der Bezahlschranke aufgeteilt, aber aus den frei zugänglichen Angaben haben wir nicht ablesen können, hinter welchem sich mehr Details verbergen mögen. In der Printausgabe dieser ZEIT Nr. 25 wird einem Absolventen der Gender Studies eine ganze Seite eingeräumt. Die Kernaussage hier:

Damals im Seminar lernte ich streiten. Das war eine neue Erfahrung. In anderen Studienfächern wurde nicht gestritten. Da leierten Professoren Daten herunter, die ihnen egal zu sein schienen. Da malten Studenten schweigend in ihren Ringbüchern, ließen sich von Langeweile und Vergeblichkeit betäuben, um erst nach 15 bis 20 Semestern zu erwachen.

Als exotischer Vogel im Gender-Studies-Seminar, zwischen Frauen, die sich häufig darüber zankten, ob die Homo-Ehe spießig oder überfällig sei, das Binnen-I peinlich oder die Superwaffe im Kampf gegen das patriarchale Sprachdiktat, hatte ich zum ersten Mal an der Uni das Gefühl: Hier werden große Fragen gestellt.

Die Komik dieses Bekenntnisses war sicherlich unfreiwillig. Daten sind langweilig. Streiten ohne Daten ist viel schöner [1]. Nebenbei: die astronomische Zahl von „2 Millionen Deutschen“, die sich weder als Mann noch als Frau identifizieren, ist schlicht nicht plausibel. Die Zahl der biologisch determinierten Störungen der sexuellen Differenzierung ist viel viel geringer [2]. Wir wissen nicht, wie die Autoren der Vermächtnis-Studie gefragt haben. Es ist uns bisher auch anderweitig nicht gelungen, belastbare, über ethnologische Anekdoten hinausgehende Angaben zur Häufigkeit von Intersexen zu finden, die weder männlich noch weiblich sein wollen.

Wenden wir uns der Kritik an den Gender-Studien zu. Ein prominenter (oder sagen wir vielleicht besser: bekannter) Biologe sagt [3]:

Darwinsche Fitness ist die Zahl der Nachkommen. Die Darwinsche Fitness ist also bei hochqualifizierten Frauen erschreckend niedrig und eben bei Männern, die aus dem System rausfallen, auch. Akademisch gebildete Männer, die nicht Fuß fassen können und entsprechende Positionen halten, die sterben auch kinderlos weg. Also das sind Probleme, über die sich die Politiker mal Gedanken machen müssten, aber das ist ja zu viel Biologie.

– Allerdings. „Seine Ausbildung als Biologe mag ihn in die Lage versetzen, herabhängende Geschlechtsteile zu erkennen, wenn er sie sieht, aber sie hat ihn nicht gelehrt, gesellschaftliche Phänomene richtig zu deuten.“ (frei nach Myers [4]). Vielleicht ist er auch der bezahlte Troll der Gender-Leute, der die Kritik ins Absurde steigern und auf diese Weise kompromittieren soll. Es zeugt schon von einer bemerkenswerten Unkenntnis der Intelligenzforschung, aus derartigen sarrazinesken Überlegungen Schlussfolgerungen für den Genpool abzuleiten [5]. Um es abzukürzen: Kinder aus armen, ungebildeten Familien können ihr intellektuelles Potential nicht ausschöpfen, aber dennoch weitergeben (ausführlicher und in leicht fasslicher Form z. B., wer hätte das gedacht?, in der ZEIT [6]).

Genug dieses Spektakels. Wo stehen wir in diesem heiligen Krieg? Wir sind weder Protestanten noch Katholiken; wir sind Atheisten (jedenfalls viele von uns). Dennoch beten wir voller Ehrfurcht Götzen an: die Fakten, und wir fürchten ihre Rache, wenn wir sie nicht beachten. Unsere Liebe ist so grenzenlos, dass wir uns sogar bemühen, neue Fakten zu akzeptieren, wenn sie uns überzeugend gezeigt werden (jedenfalls manchmal).
Wir stehen abseits, bei den verachteten Daten. Nein, genauer: wir konnten uns beim Höhenflug des Konstruktivismus nicht festhalten und sind heruntergefallen; in die Ebenen der platten Empirie, in die Schluchten des naiven Realismus, auf den nackten Boden der Tatsachen. Wir stehen nicht, wir sitzen. Auf der Erde. Die Wissenschaft ist nicht rechts und nicht links, nicht vorn [7] und nicht hinten, sondern unten. Wenn sie eine Aufgabe, eine Agenda hat, dann die, „die Mühseligkeit der menschlichen Existenz zu erleichtern“. Gelegentlich erlaubt sie sich einen Blick über die Baumwipfel, in die Himmel der Metaphysik. Der ostdeutsche Dichter Peter Hacks, dieser Wanderer zwischen den Welten, dieses „hochmütige Arschloch“ (Biermann), sagte es so:

ZWISCHEN DEN STÜHLEN

Allerdings: zwischen vielen Stühlen sitz ich
Fest auf der Erde. Es haben sich
Auf wackligen Stühlen schon welche
Zu Tode gesetzt. Ganze Kasten starben
Bei Stuhlbeben.


  1. Aus Barmherzigkeit wollen wir dem Beispiel der ZEIT folgen und uns bedeckt halten, d. h. den Namen dieses Autors verschweigen. Übrigens haben wir genussvoll verfälschend zitiert. Die nachfolgenden Sätze sind: „In welcher Welt leben wir? Wichtiger: In welcher wollen wir leben? Und am wichtigsten: Was hat das mit Geschlecht zu tun?“. Fragen, wie sie Kant nicht hätte tiefgründiger stellen können.
  2. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/12476264; https://www.karger.com/Article/FullText/442975
  3. https://winniewacker.de/kutschera.htm
  4. The Courtier’s Reply, aber inhaltlich ins Gegenteil verkehrt.
  5. Der Amerikaner Charles Murray („The Bell Curve“) ist übrigens eine Art Sarrazin im Großen; er vertritt ähnliche Thesen. Hier eine aktuelle Kritik. „[T]here is, in fact, good reason to believe that improving children’s environments will improve their cognitive skills.” Wie hat sich die Menschheit eigentlich aus dem tiefen Mittelalter errettet, als nicht einmal Kaiser richtig lesen und schreiben konnten?
  6. http://www.zeit.de/2015/23/intelligenz-vererbung-iq/komplettansicht.
  7. Wir wollen gern zugeben, dass man über diese Formulierung streiten kann. Der von amerikanischen Wissenschaftlern initiierte „March for Science“ im April dieses Jahres ist hierzulande auf missgelaunte Kritik von verschiedenen Seiten gestoßen – die aber unserer Ansicht nach den Ernst der Lage in den USA nicht hinreichend reflektiert haben. Die Teilnahme einiger Trittbrettfahrer kann ihn nicht diskreditieren. Alt USDA_ARS, einer der alternativen, „Resist“-Twitter-Accounts von US-Behörden, hat als Wahlspruch ausgegegeben:

    G’night, owls! Hold down the fort, keep science & truth in the forefront!

  1. Martin Däniken
    20. Juni 2017, 23:23 | #1

    Macht es eigentlich ausser auf der Umgangs- oder Argumentationsebene Sinn ob man es mit jezkomptz Heiligen-Ich-verzichte-auf-Zahlen-Krieger oder wurstige-eigentlich-uninteressierten-Zeitungs-äh-Medienschnösel handelt…
    Wenn sie öffentliches Echo bekommen, werden sie relevant
    -Auftritt bei Markus Lanz 7-)
    Muss man sich mit jedem Kastenteufel mit medialem Adhs beschäftigen?!
    Schitte,mir machts Spass,manchmal ähh meistens.
    Totzdem stelle ich mich diesbezüglich immerwieder in Frage
    -ob ich nicht als Ork in einem Larp besser dran wäre?!

  2. libertador
    23. Juni 2017, 10:19 | #2

    „Nebenbei: die astronomische Zahl von „2 Millionen Deutschen“, die sich weder als Mann noch als Frau identifizieren, ist schlicht nicht plausibel. Die Zahl der biologisch determinierten Störungen der sexuellen Differenzierung ist viel viel geringer“
    Hier werden aber doch zwei völlig verschiedene Zahlen verglichen. Menschen können sich nicht zuordnen wollen, auch wenn sie biologisch eindeutig ein Geschlecht haben und ich denke darum wird es im Zeit-Artikel gehen.
    Die Anmerkung hier im Artikel ist reine Spekulation und auch völlig ohne relevante Daten. Ist das ironisch gemeint, um den Leser zu testen?
    Im Gegensatz zu den Fragen in dem angegebenen Zitat, wie die Spießigkeit der Homo-Ehe ist dies ja nichtmal eine normative Frage, wo man ohne Daten eine Menge sagen kann.

  3. 23. Juni 2017, 23:11 | #3

    Also, ich hab mal „wie viele Transgender gibt es“ bei google eingegeben. (und google bot mir an die Frage mit „bei GNTM“ zu erweitern.)

    Raus kam eine wachsweiche Antwort: Etwa 50000 in Deutschland. +/- 30000. Wer weiß das schon so genau? (Hier der dazugehörige Link http://www.dw.com/de/transgender-in-deutschland/a-17630664)
    Wie genau die das rausgefunden haben?

    Darüber schweigt sich der Gentleman aus.

  4. pelacani
    24. Juni 2017, 15:35 | #4

    libertador : Hier werden aber doch zwei völlig verschiedene Zahlen verglichen.

    Das ist möglicherweise richtig, aber bessere Vergleiche habe ich nicht finden können.

    libertador : Menschen können sich nicht zuordnen wollen, auch wenn sie biologisch eindeutig ein Geschlecht haben und ich denke darum wird es im Zeit-Artikel gehen.

    Das ist sie, die große Frage. 🙂 Wie häufig ist das nun wirklich? Aber die Gender-Studies-Literatur baut auf Befunden auf, die im Regelfall Krankheitswert haben (s. exemplarisch die in [2] genannten Quellen), die sie aber als physiologische Undeterminiertheit interpretiert (das sind jetzt meine Worte). Wenn Du daran zweifelst, dann suche ich repräsentative Beispiele zusammen.

    libertador :wo man ohne Daten eine Menge sagen kann

    Kann gut sein; das gilt ja schließlich auch für Kochrezepte, Romane, Opern usw.