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Leitfaden für Skeptiker – Teil 3: Der Carpenter-Effekt

Definition: Als Carpenter-Effekt (oder ideomotorischer Effekt) wird das Phänomen bezeichnet, dass das Sehen einer bestimmten Bewegung sowie – in schwächerem Maße – das Denken an eine bestimmte Bewegung die Tendenz zur Ausführung ebendieser Bewegung auslöst.

Es gibt zahlreiche Möglichkeiten der Selbsttäuschung. Gelegentlich hilft sogar unser eigener Körper dabei. Bei der Verwendung von Wünschelruten zeigt sich dieser Effekt besonders deutlich. Ein solches Gerät kann aus zwei rechtwinklig gebogenen Metallstäben bestehen, die in beiden Händen vom Körper weg zeigend gehalten werden. Eine winzige Bewegung der Hand genügt, um dafür zu sorgen, dass die Stäbe sich durch Schwerpunktverlagerung zur Seite bewegen. Für den Wünschelrutengänger ist das ein klares Zeichen, die gesuchte Wasserader, eine stromführende Leitung oder ein Objekt gefunden zu haben.

Verantwortlich für die Bewegung der Stäbe ist natürlich nicht das Wasser, sondern die Erwartung des Wünschelrutengängers, an genau dieser Stelle etwas zu finden. Der Körper liefert die passende Bewegung dazu, ohne dass diese bewusst ausgeführt wird. Auch mit anderen Gegenständen wie einem Pendel oder einem sogenannten Ouija-Board lässt sich der Carpenter-Effekt nutzen.

Erstmals ausführlich beschrieben wurde das Phänomen im Jahre 1852 von William Benjamin Carpenter, einem englischen Physiologen und Naturwissenschaftler. Doch obwohl diese psychomotorische Funktion schon lange bekannt ist, halten sich Täuschungen und Selbsttäuschungen mit Wünschelruten und ähnlichen Apparaten bis heute hartnäckig.

Dabei geht es nicht immer nur um harmlose Spielereien: Der britische Geschäftsmann James McCormick machte ein Vermögen mit dem Verkauf funktionsloser Sprengstoff-Detektoren, die nichts anderes als technisch anmutende Wünschelruten waren. Diese Geräte wurden tatsächlich zur Sprengstoffsuche eingesetzt, versagten erwartungsgemäß und forderten so zahlreiche Todesopfer.

Selbst Wissenschaftler und Ärzte fallen gelegentlich auf den Carpenter-Effekt herein. Ein bekanntes Beispiel ist der belgische Neurologe Steven Laureys, der in seiner Arbeit mit (Wach-) Koma-Patienten eine Methode namens „Gestützte Kommunikation“ (facilitated communication) einsetzte. Hierbei berührt ein Helfer die Hand eines Komapatienten, um ein Schreibgerät, z.B. eine Tastatur, zu bedienen. Der Helfer mag hier den Eindruck haben, vom Patienten geführt zu werden, während tatsächlich der Helfer die Bewegungen ausführt, ohne es selbst zu bemerken. Auf diese Weise gewonnene Erkenntnisse, etwa über den Zustand des Patienten, sind bestenfalls wertlos. Auch der Biotensor, ein esoterisches Diagnosegerät, beruht auf dem Carpenter-Effekt und ist nicht dazu geeignet, valide Krankheitsdiagnosen zu erzielen, was schlimmstenfalls zu Fehlbehandlungen oder unterlassener ärztlicher Intervention führt.

Selbsttäuschungen sind schwer zu erkennen, wenn man nicht darauf vorbereitet ist und die Zusammenhänge zwischen Wahrnehmung, Signalverarbeitung im Gehirn und Ausführung von Bewegungen falsch einschätzt. Dann werden kurzerhand neue Naturgesetze erfunden und paranormale Phänomene für real erklärt, anstatt zu verstehen, dass unser Gehirn Fehler macht und uns gelegentlich genau das erzählt, was wir hören wollen.

 

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