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Von langen Nadeln und einem goldenen Brett.

Anlässlich der verdienten Preisverleihung des Goldenen Brettes 2012 an Harald Walach möchten wir in einem kleinen Artikel die hohe fachliche Kompetenz des Gewinners würdigen!

Im September 2012 erschien in der amerikanischen Fachzeitschrift Archives of Internal Medicine eine sog. Meta-Analyse, in der der Akupunktur eine Wirksamkeit in der Schmerztherapie bescheinigt wird.

Der Vertreter der Glaubensmedizin fragte nach dieser „größten jemals publizierten Meta-Analyse“ (so wörtlich) nun erregt bis höhnisch: „Hören wir freudige Kommentare aus den heiligen Hallen der Hochschulmedizin? Hören wir Lob aus den Wissenschaftsredaktionen?“

Bei dieser Gelegenheit wird zusätzlich darauf verwiesen, dass Berichte über schwerwiegende Komplikationen der Akupunktur falsch bewertet würden. Die Wahrheit sei:

„[Claudia Witt und Kollegen] haben an einer genau definierten Zahl von beinahe 230.000 Patienten gefunden, dass Pneumotorax [sic], also das Durchstechen des Bauchfells [sic], das zu einem Kollaps eines Lungenflügels führt, genau 2 mal vorkam. Vor kurzem hat übrigens ein Assistenzarzt einer ehemaligen Kollegin von mir beim Legen eines Venenkatheders [sic] einen Pneumotorax [sic] gestochen. Kommt öfter vor, sagte man ihr. Steht nur nicht in der Zeitung.“

(Zitat: Harald Walach)

Mediziner, Medizinstudenten und Menschen mit gewissen Anatomiekenntnissen werden bei diesem Satz vermutlich zusammenzucken. Wer versucht, beim Durchstechen des Bauchfells einen Lungenflügel zu treffen, benötigt eine sehr, sehr lange Nadel (Vielleicht einen Speer?) und einen durchaus ungewöhnlichen Stechwinkel.

Der erschütterte Leser kommt nicht umhin, dem Fazit dieses quasi führenden „Wissenschaftlers“, Leiter eines Instituts der Viadrina, das Masterarbeiten für Mediziner abnimmt, dessen Tätigkeit schon in Science unter dem Titel „Mastering Clairvoyance“ (Meisterung des Hellsehens) kommentiert wurde, zu folgen:

„Nebenwirkungen von Akupunktur kommen vor, wie könnte es auch anders sein. Aber sie sind meistens harmlos und vergleichsweise selten. Was immer mehr vorkommt ist einseitige Berichterstattung. Woher das wohl kommt? Wie man sich das erklären muss?“

Klar, dass die beschämten Schulmediziner unter der Wucht dieser Argumente die Köpfe einziehen und sich alle darauf einstellen, zukünftig mit Nadeln auf ihre Patienten loszugehen. Oder doch nicht?

Meta-Analysen sind eine statistische Wiederaufbereitung von bereits publizierten Daten. Sie werden insbesondere dann angestrengt, wenn die bisherige Studienlage uneinheitlich war, denn sonst wären sie nicht erforderlich. Man versucht dabei, die qualitativ besten Studien einzubeziehen. Aber es gilt auch in diesem Fall: Müll rein, Müll raus.

Da in die Meta-Analyse von Vickers und Mitarbeitern keine Doppel-Blind-Studien einbezogen worden sind (solche gibt es für die Akupunktur nicht oder fast nicht), spiegelt ihr Ergebnis lediglich die verbleibende, nicht beherrschbare Ergebnisverzerrung wider. Diese resultiert aus der Tatsache, dass dem Behandler die Wahl der Behandlungsmethode bekannt ist.

Nichts spricht gegen die Annahme einer reinen Placebo-Wirkung der Akupunktur (die Autoren der Arbeit, unter ihnen Frau Prof. Witt, sehen das selbstverständlich anders). Ganz nebenbei: natürlich ist dies bei weitem nicht die „größte jemals publizierte Meta-Analyse“. Die Meta-Analysen z.B. zur Wirksamkeit der Acetylsalizylsäure umfassten mehrere hunderttausend Patienten.

Selbst wenn man in den „heiligen Hallen der Hochschulmedizin“ hätte applaudieren wollen: es wäre noch gar keine Zeit dazu gewesen; eine wissenschaftliche Diskussion der Ergebnisse dieser nachträglichen Datenanalyse hat noch gar nicht stattfinden können. Nehmen wir einmal den unwahrscheinlichen Fall an, der hellsehende Wissenschaftler hätte recht mit seinem Diktum „Damit ist die Frage beantwortet, ob Akupunktur wirksam ist. Ja, sie ist es.“

Was würde daraus folgen? Die Realität der Meridiane? Yin, Yang, die Fünf Elemente, der Fluss des Qi? Dass man die Anatomie, die Physiologie oder Biochemie, die Pathologie, die Genetik oder die Pathogenese von Erkrankungen nicht kennen muss, um erfolgreich behandeln zu können? Dass es genügt, auf Versatzstücke antiker, vorwissenschaftlicher Spekulationen zurückzugreifen?

Scheinbar ja, denn an anderer Stelle wird darauf hingewiesen, dass sich der Mediziner extensiv von seiner „professionellen Deformierung“ befreien müsse. Da ist es ja ein regelrecht glücklicher Umstand, dass unser Gewährsmann an dieser Deformierung gar nicht erst leidet, wie an seinem Zitat mit dem „Pneumotorax“ (Pneumothorax), „Venenkatheder“ (Venenkatheter), „Bauchfell“ (gemeint: Brustfell) zu erkennen ist.

Ein wenig Sachkenntnis kann auch bei der Beurteilung der Komplikationen nicht schaden. Die Liste bedrohlicher Komplikationen der Akupunktur ist noch deutlich länger:

• Abszess des Herzbeutels und septischer Schock
• epiduraler Abszess im Bereich des Hals-Wirbelkanals (mehrere Fälle)
• Chylothorax (Abfluss der Lymphe in die Brusthöhle)
• Nekrotisierende Fasziitis
• Bakterielle Herzinnenhautentzündung
• Herzbeuteltamponade (mehrere Fälle)
• bakterielle Gelenkentzündung (Listeria monozytogenes)
• Pneumothorax

Insgesamt sind sie zwar extrem selten – sie bewegen sich vielleicht in der Größenordnung von Impfschäden -, aber sie sind nicht mit der Zahl der Behandlungen ins Verhältnis zu setzen, sondern mit dem zu erwartenden Nutzen. Der erwartete (und mit Gründen bezweifelte) Nutzen bei der Akupunktur ist eine geringe Schmerzlinderung; der erwartete Nutzen der Impfung ist die Verhütung von Epidemien schwerwiegender oder lebensgefährlicher Erkrankungen.

Völlig fehl geht der Vergleich mit dem zentralvenösen Zugang. Letzterer ist bei der Behandlung akuter schwerer Erkrankungen erforderlich, bei der die Zufuhr hoher Infusionsmengen oder zentral wirksamer Medikamente in kurzer Zeit oder die intensive Kreislaufüberwachung gewährleistet werden müssen. Man hat hier zumeist keine Wahl, sofern man gewillt ist, den Patienten zu retten, während das Setzen der Akupunkturnadel immer nach Belieben erfolgen (oder besser unterbleiben) kann.

So kann die evidenzbasierte Medizin zwanglos erläutern, „Woher das wohl kommt“ und „Wie man sich das erklären muß“. Ganz ohne Rückgriff auf Verschwörungstheorien. Unser „Wissenschaftler“ ist nicht die von der wissenschaftlichen Inquisition verfolgte „Speerspitze der Aufklärung“, sondern ein Geisterfahrer.

  1. Otto R.
    20. Oktober 2012, 01:08 | #1

    Gratulation! Aber nicht an den Preisträger des Goldenen Bretts, sondern an den Blog-Autor.

    Den Walach nach St(r)ich [sic!] und Faden auseinandergenommen. Genial!

  2. Kamidio
    20. Oktober 2012, 09:56 | #2

    Ich glaub ich hab die richtige „Nadel“ für Herrn Walach gefunden
    hxxp://img263.imageshack.us/img263/6981/ahlspiess1vz0.jpg

  3. Stöber
    20. Oktober 2012, 11:35 | #3

    Hm, goldenes Brett… gestern lief ja ‚Ritter der Kokosnuss‘.
    Die Mönchsprozession mit kleinen Holzbrettchen (statt Geisseln), die zu löblichem Gesang an den Schädel gedonnert wurden – genau daran muss ich denken.
    http://www.youtube.com/watch?v=IoMp9gWNDzQ
    Könnte man ja mal einbetten. 🙂

  4. Wicky
    20. Oktober 2012, 16:22 | #4

    spiegelt ihr Ergebnis lediglich die verbleibende, nicht beherrschbare Ergebnisverzerrung wider

    Wer findet den Fehler? Spiegelt gegen?

  5. Kumi
    20. Oktober 2012, 17:02 | #5

    @ Wicky:

    Ja. »Gegen«, aber auch »zurückwerfen«, wie in »Widerhall«. »Spiegelt wider« ist also richtig.

  6. Max
    21. Oktober 2012, 00:15 | #6

    flowplayer funzt (bei mir) nicht. keine ahnung ob noch mehr das selbe problem haben – könnte jemand das video der verleihung bei youtube hochladen?

  7. Mr. Bojangles
    21. Oktober 2012, 00:20 | #7

    Hier ein 15 Minuten Zusammenschnitt:
    http://www.youtube.com/watch?v=-BY_XEESwFY

  8. elduderino
    21. Oktober 2012, 20:08 | #8

    Ich kann nur größtenteils nicken, aber als Mediziner muss ich kurz einhaken: “ Letzterer ist bei der Behandlung akuter schwerer Erkrankungen erforderlich, bei der die Zufuhr hoher Infusionsmengen oder zentral wirksamer Medikamente in kurzer Zeit oder die intensive Kreislaufüberwachung gewährleistet werden müssen.“

    Fast. Zentralvenöse Katheter (ZVKs) werden in aller Regel benutzt, um kreislaufwirksame Medikamente herznah einzubringen oder venentoxische Substanzen (Kalium, Nährlösungen, selten Chemotherapeutika, …) in ein möglichst großes Gefäß zwecks höchstmöglicher Verdünnung zu infundieren. Große Flüssigkeitsmengen substituiert man am besten über großlumige periphere Zugänge. Als Ausnahme ist der Shaldon-Katheter zu betrachten, die „maximalinvasive“ Variante des ZVKs zur passageren Dialyse.
    Das schwächt das daraus gefolgerte Argument der medizinischen Notwendigkeit und de facto stattfindenden Lebensrettung nicht ab, sondern verstärkt es sogar deutlich.

  1. 20. Oktober 2012, 12:08 | #1
  2. 22. Oktober 2012, 07:44 | #2
  3. 31. Mai 2013, 12:53 | #3