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Eleganter Unsinn


(für das Bild danke an www.wordle.net)

Nicht nur Scharlatane und Quacksalber bedienen sich mit Vorliebe einer Sprache, die beeindruckend klingt, aber inhaltlich völlig nichtssagend oder völliger Unsinn ist.

Legendär dazu ist Alan Sokals Artikel
“Die Grenzen überschreiten: Auf dem Weg zu einer transformativen Hermeneutik der Quantengravitation”

Sokal ist ein New Yorker Physiker, der sich darüber geärgert hat, wie immer mehr eigentlich recht klar definierte Begriffe aus den Naturwissenschaften von anderen zur beliebigen Metaphernbildung missbraucht wurden. Legendär ist der Artikel, weil es deswegen sogar eine Sondernummer der Zeitschrift “Social Text” gegeben hat. Keiner der Redakteure hat bemerkt, was er für einen furchtbaren Unsinn geschrieben hat.

Ein Schlusssatz aus dem Artikel:
“Die Lehre von Wissenschaft und Mathematik ist von ihrem autoritären und elitären Charakter zu befreien; und der Inhalt dieser Fächer muss durch das Einbeziehen der Erkenntnisse der feministischen, schwulen, multikulturellen und ökologischen Kritik bereichert werden.”

Dieser Satz nur um zu zeigen, dass es auch einem Fachfremden, normal intelligenten Menschen möglich gewesen wäre, den Unsinn zu erkennen. Schwule oder feministische Mathematik? Wie bitte?

Umso peinlicher für die Zeitschrift, als Sokal den Hoax aufdeckte.

Obwohl das Beispiel aus dem englischen Sprachraum kommt, scheinen gerade im deutschen Sprachraum sehr viele anfällig für nichtssagendes Geschwurbel zu sein. Möglich, das dieser Eindruck einer falschen Wahrnehmung entspringt, aber es gibt Indizien, das dem nicht so ist: Gerade im englischsprachigen Raum war die Unterscheidung zwischen wissenschaftlichen und populärwissenschaftlichen Texten nie ausgeprägt, ganz im Gegenteil galt es als Zeichen höchster Fähigkeit, Komplexes verständlich auszudrücken. Schon Darwins Texte sind wunderbar und klar zu lesen. Es gibt viele solcher Autoren, spontan fallen mir Oliver Sacks, Richard Dawkins, Carl Sagan, Steven J. Gould nur so als Beispiel ein.

Bei deutschsprachigen Autoren hat man des öfteren das Gefühl, dass sie ihr Werk als gescheitert sehen, sollte es ein Fachfremder je verstehen können. Die Kritik daran ist nicht neu, und für unsere zartbesaiteten Esos, die uns Polemik vorwerfen, mal ein kurzes Beispiel, was Schopenhauer über Hegel gesagt hat; die Bandagen waren schon damals hart:

“Hegel, von oben herunter zum großen Philosophen gestempelt, ein platter, geistloser, ekelhaft-widerlicher, unwissender Scharlatan, der, mit beispielloser Frechheit, Aberwitz und Unsinn zusammenschmierte, welche von seinen feilen Anhängern als unsterbliche Weisheit ausposaunt und von Dummköpfen richtig dafür genommen wurden, wodurch ein so völliger Chorus der Bewunderung entstand, wie man ihn nie zuvor vernommen hatte. Die einem solchen Menschen gewaltsam verschaffte, ausgebreitete geistige Wirksamkeit hat den intellektuellen Verderb einer ganzen gelehrten Generation zur Folge gehabt.”

Schopenhauer war zwar ein alter Griesgram, aber so Unrecht hatte er nicht. Hegel hat furchtbar geschwurbelt. Das hat nicht aufgehört, man tue sich nur mal dieses Interview mit Peter Sloterdijk an.

Da wird er dümmlich gefragt, warum er Peter als Vorname habe. Eine normale Antwort wäre: “Weil mich meine Eltern so genannt haben”. Bei ihm wird daraus: “Das drückt zunächst die Vollmacht des Namensgebers aus.” Einem Schüler würde so eine Sprache in einem Aufsatz um die Ohren gehauen. Sagt es ein Philosoph, gilt sie als angemessen. Es ist allerdings ein Meisterstück, aus der schlichten Frage, wer ihm seinen Namen gab, ein breites Spekulationsfeld über “Namensgeber”, Vollmachten” und vorläufige (“zunächst”) Ausdrücke zu eröffnen. Es schaudert einem förmlich, stellt man sich diese Sprachmethode auf ernsthafte Themen angewendet vor.

Die Furcht, den Satz vom Kaiser zu sagen, dass er doch nackt ist, scheint sehr ausgeprägt.

Die Eigenschaft vieler Menschen, Unverständliches so zu interpretieren, dass sie einfach nur unfähig sind, es zu verstehen, ist eigentlich eine positive Eigenschaft die zeigt, dass man eigene Grenzen erkannt hat. Das Fiese daran ist, dass damit nicht nur harmlose Kulturphilosophen wie Sloterdijk, sondern auch Scharlatane aller Art spielen. Es ist ihre eigentliche Kunst, dem Anderen einzureden, er wäre blöd und unwissend.

Beispiele finden sich bei Esowatch zuhauf. Aktuell sei auf Dieter Broers verwiesen,der so erstaunliche Sätze wie “Steuerung mittels quantentheoretischer Wahrscheinlichkeitsamplituden, die aus dem Hyperraum projiziert werden” von sich geben kann ohne rot zu werden.

Leute, lasst euch nicht verarschen. Klar, es gibt sehr komplexe Dinge, die wirklich nur schwer oder erst mal auch gar nicht zu begreifen sind und intensive Beschäftigung damit notwendig machen. Nur wird dies ein seriöser Autor auch zugeben. Es ist immer ein erkennbarer Unterschied, ob jemand versucht, Banales durch Schwurbelsprache zu tarnen, oder ob sich jemand bemüht, Komplexes möglichst verständlich zu beschreiben.

  1. 23. Februar 2009, 02:56 | #1

    >"Es ist immer ein erkennbarer Unterschied, ob jemand versucht, Banales durch Schwurbelsprache zu tarnen, oder ob sich jemand bemüht, Komplexes möglichst verständlich zu beschreiben."

    Ob das IMMER erkennbar ist wage ich zu bezweifeln. Es kommt immer drauf an, ob man im jeweiligen Gebiet wirklich fit ist.

  2. treberT ottO
    23. Februar 2009, 07:11 | #2

    Ich würde sagen, es ist nicht immer LEICHT zu erkennen, aber auf einem (wissenschaftlichen) Fachgebiet fit sein muss man dafür nicht. Was soll denn das z.B. bei dem Broers auch für ein Gebiet sein? Die Masche von Typen wie dem ist ja gerade, dass sie sich als Universalgelehrte mit überragenden interdisziplinären Durchblick geben, den außer ihnen niemand hat und deshalb auch niemand bitteschön etwas kritisieren kann. Dass das Beispiel da oben aus einer Phrasendreschmaschine stammt, kann man auch als Nichtphysiker erkennen. genauso, wie man kein Astronom sein muss, um bei seinen wilden Behauptungen, was die Nasa angeblich kürzlich herausgefunden hat, die Stirn zu runzeln. Fachwissen hilft natürlich, wenn man solche Leute auf den Pott setzen will und ihre "Argumente" auseinandernehmen.

    Und so ähnlich war es auch mit dem was Sokal gemacht hat. Der hat doch – siehe oben – sogar absichtlich Sätze eingebaut, wo eigentlich jeder nach einem Moment Nachdenken sagen könnte "he, Moment mal". Nur die Adressaten seines Hoax waren dazu einfach zu blasiert.

  3. 23. Februar 2009, 11:56 | #3

    Es geht ja bei dem Beitrag hier auch hauptsächlich darum, nie die Grundsatzfrage zu vergessen an wem das nun liegt, wenn man auf Unverständliches stößt. An einem selber oder ev. doch am Anderen? Im Zweifelsfall muss man halt als Fachfremder Indizien sammeln. Nicht immer einfach, aber es ist meistens möglich, so einem das Thema interessiert und wichtig ist.

  4. Chilli
    23. Februar 2009, 12:22 | #4

    Und man darf sich nicht genieren, Fragen zu stellen, wenn man etwas nicht versteht. Denn da kann man den Schwurbeler ganz schnell auf den Teppich zurückholen.

  5. 23. Februar 2009, 22:07 | #5

    "harmlose Kulturphilosophen wie Sloterdijk" Tja, kommt ganz drauf an. Es gibt auch sowas wie seriöse Sozialwissenschaft, die bis heute darunter leidet, dass Schwurbler wie diese Nervensäge den Ton in diesen Disziplinen angeben.

  6. books
    25. Februar 2009, 00:10 | #6

    Ich empfehle, Sloterdijk zu lesen, er schreibt nämlich sehr gut und verständlich.

  7. 25. Februar 2009, 00:20 | #7

    tja, books, unter "verständlich" verstehe ich was anderes. Und die Annahme, Sloterdijk nicht gelesen zu haben, ist fast etwas unverschämt. Man sollte schon wissen, wovon man spricht.

    Sein unbestrittenes Talent ist sicherlich, Sätze so zu formulieren, dass permanent neue Ebenen und Möglichkeiten geschaffen werden.

    Wenn ich sowas brauche, leg ich mich in die Wanne und phantasiere selber.

    Und ja, wie ja im Artikel angesprochen, die Möglichkeit selber blöd zu sein, es nicht zu verstehen besteht. Theoretisch.

    Sloti ist ein Clown. Die haben ja auch ihre Berechtigung.

  8. Godwi
    26. Februar 2009, 00:19 | #8

    Manchmal kann die Schwurbelei ganz hilfreich sein. Wenigstens werden Autoren dadurch so unverwechselbar, dass ihre Texte nicht mit denen eines x-beliebigen anderen vertauscht werden können. Ein schweres Schicksal, das selbst einem Kurt Tucholsky nicht erspart blieb, über den zur Zeit ein Hoax durchs Web geistert:

    http://tonwertkorrekturen.w

  9. chrisli
    15. September 2009, 17:44 | #9

    Ja Broers versucht in was reinzuspinnen durch so eine fabelhafte Sparche. Leider lassen sich viele Leute mitreissen.

  10. Jo
    9. Juli 2018, 01:12 | #10

    Bei der Frage nach dem Namen scheint dir die Kreativität und Weitsicht zu fehlen, aus einer dummen Frage doch noch etwas Interessantes herauszuholen, d.h. hinter die festen Bahnen des Alltagsverstands zu schauen, wie Sloterdijk das da macht.
    Unsinn mag es geben, aber die, die das am lautesten Brüllen, sind in den meisten Fällen die Dunning-Kruger Betroffenen.

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