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Erste Pfuscherregel

Die wichtigste Regel für erfolgreiche Kurpfuscher lautet:
„Betrüge die Klienten mit etwas Harmlosem.“

In Berlin hat sich ein Arzt nicht an diese goldene Regel gehalten.

Arzt gesteht Einsatz von Drogenmix
Zwei Tote nach einer mysteriösen Gruppentherapiesitzung und ein Teilnehmer, der im Koma liegt: Der als Arzt zugelassene Mediziner Garri R. hat inzwischen gestanden, den Patienten unterschiedliche Drogenmixe verabreicht zu haben. Gegen ihn wurde Haftbefehl erlassen.

http://www.tagesspiegel.de/berlin/Polizei-Justiz-Hermsdorf-Therapiesitzung-Reinickendorf;art126,2904572

Interessant ist folgendes Interview mit dem Vorsitzenden der Berliner Ärztekammer Günther Jonitz, in dem er ein Versagen der Kammer zurückweist (Auszug):

Ist es zulässig, dass ein Arzt im Rahmen einer Therapie Drogen verabreicht?

Natürlich nicht. Zum einen sind bestimmte Drogen in Deutschland verboten. Zum anderen ist es Ärzten strikt untersagt, im Rahmen einer Gruppentherapie zentral wirksame Medikamente zu verabreichen. Abgesehen von Kaffee und Tee.

Warum ist das so?

Weil alle schulmedizinischen Verfahren, also auch alle Psychotherapien die in Deutschland offiziell zugelassen sind, ja gerade darauf abzielen, die Selbststeuerung des Patienten zu aktivieren. Und nicht sie auszuschalten.

Wie erklären Sie sich dann den Fall?

Wir beobachten seit längerem, dass sich allerlei alternative und esoterische Heilverfahren immer größerer Beliebtheit erfreuen. Wir können Menschen nicht davon abhalten, sich in die Hände von Scharlatanen zu begeben. Wenn sich allerdings ein Arzt zu solchen Methoden hergibt, müssen wir einschreiten.

http://www.tagesspiegel.de/berlin/Hermsdorf-Reinickendorf-Therapiesitzung-Guenther-Jonitz;art270,2904594

Die Kammer muss einschreiten? Die Kammer, die „hochwertige und unabhängige“ Fortbildungen in Akupunktur, Homöopathie, TCM und „Naturheilverfahren“ anbietet?

Nach kürzester Suche im Netz findet man solche Dinger:

Mittwoch 28. Oktober 2009
Vortrag Lebensenergie-Medizin
Dr. Heike Buhl

Akademie der Modernen Gesundheit
10711 Berlin
Kurfürstendamm 130
(Halensee) 19 Uhr

Verein für Geistiges Heilen
www.geistiges-heilen-ev.de

http://www.orgonmedizin.de/
Lebensenergiemedizin ist der Orgonquatsch von Wilhelm Reich. Geistiges Heilen ist esoterischer Blödsinn, den Schulkinder durchschauen können.
Die Kammer geht überhaupt nicht gegen Pfuscher in den eigenen Reihen vor. Die Klienten werden überhaupt nicht vor ärztlichen Scharlatanen geschützt. Herr Jonitz hat seine Hausaufgaben nicht gemacht, wenn er behauptet: „Wenn sich allerdings ein Arzt zu solchen Methoden hergibt, müssen wir einschreiten.“. Das ist ein riesiger Augiasstall und jetzt will es keiner gewusst haben. In zwei Wochen interessiert sich sowieso keiner mehr dafür und dann wird fleißig weiter „fortgebildet“, geIGELt und gepfuscht.
16 zertifizierte Berliner Fortbildungspunkte:

Internationaler Wilhelm-Reich-Kongress
Sexualität und Lebensenergie

Wege der Hingabe – Wege zu Lust

Anlässlich des 50. Todestages des Psychoanalytikers, Sexualtherapeuten, Sozialpsychologen und Naturforschers Wilhelm Reich veranstaltet die Wilhelm-Reich-Gesellschaft in Berlin eine mit Experten aus Deutschland und den USA besetzte Konferenz zur Aktualität der von Reich entwickelten theoretischen und therapeutischen Konzepte. Der Kongress richtet sich gleichermaßen an Fachleute aus Psychologie und Medizin wie an eine breite Öffentlichkeit.

Zertifizierung des Kongresses: 16 Punkte
(Zertifizierungsbescheid der Ärztekammer Berlin vom 12.07.07)

http://www.wilhelm-reich-kongress.de/

  1. 21. September 2009, 15:18 | #1

    Auch interessant zu dem Arzt:

    "Der niedergelassene Kassenarzt R., der aus der ehemaligen Sowjetunion stammt, hat eine Zulassung für Tiefenpsychologie. Mit ihm zusammen arbeitet seine Lebensgefährtin, die Heilpraktikerin ist.

    Beide fungierten als Kontaktpersonen und Referenten einer so genannten „Therapeutisch-Tantrisch-Spirituellen Universität Nennigkofen-Lüsslingen“ in der Schweiz. In den sanften Hügeln des Mittellandes hat sich hier eine Gemeinschaft „Kirschbaumblüte“ zusammengefunden.

    Chef der Schweizer Kommune, der nach eigenen Angaben 80 Erwachsene und 55 Kinder angehören, ist der Psychiater und Psychotherapeut Samuel Widmer, der Spezialist ist für psycholytische Psychotherapie.

    ….

    Die tantrische Methode des Tabubruchs bezieht sich aber offenbar nicht nur auf den Gebrauch von Drogen. Widmer hat ein Buch geschrieben, in dem er das Inzesttabu in Frage stellt, weil es bei Kindern zu Traumata führen könne, wenn der Vater die Liebe der Tochter nicht erwidere."

    http://www.morgenpost.de/be

  2. 21. September 2009, 16:03 | #2
  3. chartinael
    21. September 2009, 16:20 | #3

    "Als Lehre könne man daraus nur ziehen, solche Methoden nie ungeprüft in Anspruch zu nehmen, sondern sich stets bei seriösen Einrichtungen wie Krankenkassen oder Berufsverbänden zu erkundigen – und Warnungen ernst zu nehmen."

    Tja, wir warnen ja, was das Zeug hält. Und dann kommen Leute von den Offiziellen und vergeben 16 Punkte für Unfug. Wenn Kassenärzte sich so ihre Zulassung erhalten können, ist das für mich nicht anderes als eine Unterstützung der Scharlatanerie.

    Was bekommt der nachfragende Patient, der was zur Lebensenergie in Erfahrung bringen möchte? Eine Warnung oder wie oder was?

  4. 21. September 2009, 16:24 | #4

    http://www.kvberlin.de/60ar

    Wenn ein Patient nachfragt oder bei der kassenärztlichen Vereinigung nachschlägt, bekommt er obiges zu sehen und denkt sich wohl, der Arzt hat die nötigen Qualifikationen. Ziemlich übel.

  5. Jolly
    21. September 2009, 18:06 | #5

    Dazu lese man bitte auch dies:

    http://www.kidmed.de/forum/…[threadid]=11844&post_start=lastpage

  6. jolly
    21. September 2009, 18:09 | #6

    Sorry: falscher Link.

    http://www.kidmed.de/forum/

  7. editor
    21. September 2009, 22:00 | #7

    Psycholytische Therapie- funktioniert doch echt. " Opfer sind derzeit lytisch- auch postmortale Autolyse genannt- ganz (heitlich) natürlich aber tot.

    Haben die Wessis halt nicht die usbekische Medizin verstanden.:)

  8. Whistleblower
    22. September 2009, 11:13 | #8

    Mich würde mal interessieren was die für den "Goldenen Schuss" bezahlt haben? Den darum geht es doch immer um Kohle und gesellschaftliche Stellung. Der Mensch und dessen Wohl ist hier nur zweitrangig. Solange das nicht verstanden wird, ist Aufklärung zwar nötig aber wenig sinnvoll. So ganz nebenbei: Medikamenten- und Substanzmissbrauch ist nicht nur in ESO-Kreisen weit verbreitet. Ich möchte hier mal an die Esoteriker in der Pharmaindustrie erinnern, die erst kürzlich wieder zu Millionenstrafen verdonnert wurden. Auch hier schlägt die Natur gerne mal zurück 🙂 Mein Körper gehört mir und nicht jemanden anders und ganz besonders keinem Kollektiv.

  9. Badrobot
    22. September 2009, 11:53 | #9

    Solange sie sich nur mit Globuli totschmeißen – jedem das Seine.

    Aber bei dieser Story und der Einstellung der Ärztekammer zu diesem Themenkreis — bekomme ich Brechreiz

  10. 25. September 2009, 09:02 | #10

    Also das medizinisch ausgebildete Ärzte mitunter die besten Kurpfuscher sind, steht meiner Meinung nach außer Frage. Doch dieses Ereignis finde ich besonders tragisch. Das ist nicht ein Versehen.
    Vieles kann mit diesem Arzt nicht mehr stimmen.

  11. Pianoman
    26. September 2009, 14:10 | #11

    Als ich am vergangenen Wochenende die Meldung zum Psychodrogendoc im Tagesspiegel las, hat sie mir zwar das Frühstück versaut, aber wirklich überrascht hat sie mich nicht.

    Ich habe in den letzten Jahren des öfteren darüber nachgedacht, was wohl passieren würde, wenn sedierende Psychopharmaka auf holotropes Atmen oder andere körperbezogenen Manipulationstechniken der psychedelischen Absurd-Psychologie trifft.

    Nun gut, die Frage scheint beantwortet: Offenbar geht´s richtig schief.
    So war es im Grunde wohl nur eine Frage der Zeit, bis irgend jemand durch Psycho-Quacksalber, die den abgehakten Müll des NewAge wiederbeleben, zu Schaden kommen würde.
    (Warum testen diese Schwachköpfe nicht mal ihre Therapien zur Abwechselung an sich selbst ?)

    Nun kann man ja nicht behaupten, dass die Gefahren solcher parawissenschaftlicher Therapien völlig unbekannt wären. Immerhin stehen solche Verfahren seit geraumer Zeit in der Diskussion.
    Das ist zwar gut und wichtig; bringt aber offenbar gar nichts.

    Deshalb hat man konsequenterweise damit aufgehört (nicht mit den schwachsinnigen Therapien, sondern mit der Diskussion), und wendet die Therapien einfach an. Ohne Diskussion.
    Das ist insgesamt schlecht, und manchmal auch tödlich.

    Es ist unübersehbar, dass der Diskurs des Psycho-Irrsinns der letzten drei Jahrzehnte keine Folgen hatte: Eine wirksame Kontrolle im Sinne des Verbraucher- und Patientenschutz ist ausgeblieben.
    Ganz im Gegenteil, Esoteriker und Okkultisten mit Approbation – oder die Pfuscher mit der skandalösen psychotherapeutischen HP-Prüfung – dürfen, relativ unbehelligt, weiter unter dem Deckmäntelchen der Therapiefreiheit herumwurschteln.

    Und selbst im Bereich der medizinischer Rehabilitation, also dort, wo man eigentlich davon ausgehen sollte, dass eine ständige Supervision der Einrichtungen durch die Sozialversicherungen stattfindet, selbst dort hat der Schwachsinn schon längst Einzug gehalten.

    Ich selbst habe in einer ambulanten Berliner Reha-Einrichtung (in der ich wegen meinen kardiologischen Problemen eine Kur absolvieren sollte) beim Einführungsgespräch mit der leitenden Ärztin erfahren dürfen, dass diese sowohl die Homöopathie als auch die Existenz der Meridiane als wissenschaftlich abgesichert ansah, und meine erstaunte Nachfrage mit der Gegenfrage konterte "Warum ich hier meine Bedenken so umfassend dozieren würde ? Ob ich denn Angst hätte, mir selbst zu begegnen ?".

    Ich habe damals sehr schnell von freundlichem Interesse auf heiligen Zorn umgeschaltet, was natürlich entsprechend psychotherapeutisch gedeutet wurde. Auch mein Hinweise darauf, dass ich wegen einer internistischen Problematik hier sei, und nicht zu einer Psychotherapie, erledigte die Dame ziemlich zügig: "Glauben Sie mir, es liegt alles an der Primärfamilie. Und wir haben bisher noch immer etwas gefunden…"

    Gut, meiner Empfehlung, sie möge mir doch den Buckel runter rutschen, ist sie zwar nicht nachgekommen, aber nach dieser Klärung der Fronten hat man mich für die Restzeit der Kur völlig zufrieden gelassen. Ob´s meinem Herzgekasper gut getan hat, kann ich nicht sagen, aber ich bin dort wenigsten wieder heraus gekommen, ohne mir zusätzlich ´ne Psychose einzuhandeln.

    – Fortsetzung –

  12. Pianoman
    26. September 2009, 14:13 | #12

    – Fortsetzung –

    Der Wahnsinn hat offenbar Methode.

    Es scheint, als wäre der sozialpsychologische Ansatz, wie ihn Horst Eberhard Richter oder Alexander Mitscherlich in den 1970er Jahren propagiert haben, und der den Menschen im Kontext seiner oftmals inadäquaten Lebensumstände sah, heute erledigt.
    Die Psychologie hat sich – zumindest in Teilen – wieder in den Elfenbeinturm der Realitätsverweigerung zurück gezogen, feiert nostalgische Urstände mit Freud, Reich, Jung oder Riemann, und hat, dem Zeitgeist geschuldet, die Therapeuten-Couch durch den west-östlichen Diwan ersetzt.

    Wie es ausschaut, ist die Psychotherapie mittlerweile zum Spielplatz für irrationale, psychomanipulative Therapiemodelle verkommen. Die Ursachen für diese Entwicklung sind vielfältig:

    Es mag daran liegen, dass die Versorgung mit neurologisch-psychiatrischen Fachärzten und seriösen Vertretern der Psychologie vor allem in der Fläche so schlecht ist, dass oft mit mehreren Monaten Wartezeit gerechnet werden muss.
    Dass solche Versorgungssituationen dazu führen, dass der suchende Patient, der aus seiner Sicht dringend der sofortigen Hilfe bedarf, wahrscheinlich auch bei Quacksalbern landet, weil er nicht in der Lage ist, seriöse von unseriösen Therapieansätzen zu unterscheiden, ist zwangsläufig.

    Es mag daran liegen, dass psychologische Therapieerfolge möglicherweise zu wenig spektakulär sind. Jemanden aus dem Jammertal einer depressiven Episode wieder herauszuholen und zur aktiven Teilnahme am Alltag zu befähigen, bedeutet letztlich nur, ihn zur Bewältigung der weiterhin bestehenden Frustration und Enttäuschungen zu befähigen.
    Der Weg führt also von "tief betrübt" zu "geht so", der Patient will aber "himmelhoch jauchzend". Gerade das letztere versprechen jedoch bevorzugt die "alternativen Heiler"…

    Es mag daran liegen, dass eine apolitische Psychologie, die nur in den seelischen Disposition des Klienten die Quelle allen Übels sieht, zwangsläufig scheitern muss, weil sie die bedrückende Lebensrealität als Ursache ausblendet, trotzdem aber ein Ergebnis produzieren muss, das dem Klienten suggeriert, er hätte eine positive Veränderung erfahren.
    Auch wenn diese beispielsweise nur darin besteht, das gequälte Menschlein in einen Kasten zu setzen, und ihm zu erzählen, es sei nun mit kosmischen Energien verbunden, die "Allet schön" machen würden.
    Wenn das Menschlein auch das nicht mehr glaubt, wird eben der störende Restverstand mit ein paar Drogen lysiert. Wer sich aus der Realität verabschiedet hat, den fechten auch deren Verwerfungen nicht mehr an.

    Und es mag letztlich auch daran liegen, dass der zunehmende Einfluss fernöstlicher Heilsvorstellungen, deren eigentlicher Sinn und Zweck es wohl war, Menschen, die in strikten Hierarchien und starren gesellschaftlichen Systemen lebten, Wege zu vermitteln, durch konsequente Realitätsflucht den Zumutungen menschenunwürdigen Lebenswirklichkeiten, wie sie beispielweise das indische Kasten-System darstellt, entkommen zu können, sich durchaus kompatibel mit den politischen Interessen des postmodernen Kapitalismus westlicher Prägung erweist.
    Wer die Bedrängnisse des Alltags als notwendigen Weg zur karmischen Erlösung auffasst, entwickelt nur wenig revolutionäre Ambitionen.

    So zynisch es klingen mag, eine solche "Psychologie", die den alltäglichen Zumutungen nur die Idee entgegen setzt, einen Patienten so zu konfigurieren, dass diesem der ganze Dreck ziemlich egal wird, ist gesellschaftskonform und wertschöpfend: Sie erspart nicht nur die Diskussion über die ökonomischen, sozialen und politischen Bedingungen der Menschen, sie verschafft auch ein paar Schreinern Arbeit; entweder beim Orgon-Kastenbau oder bei der Herstellung von Särgen.

    -Fortsetzung –

  13. Pianoman
    26. September 2009, 14:15 | #13

    – Fortsetzung –

    Aber in der Zwischenzeit ist der Klient ein lohnenswertes Objekt. Wahlweise als Prüfmuster für die abgedrehten Weltanschauungen des Psychotherapeuten, oder als eben als Goldesel, der solange therapiert wird, wie die Krankenkasse und das Klientenkonto es zulässt.

    Wenn Reiki nicht funktioniert, nehmen wir eben Shiatzu. Wenn Reinkarnation patzt, probieren wir es mit Familienstellen. Dann geht’s ans Geburtstrauma, dannach wird dem Craniosakral-Rythmus nachgespürt und der Beckenschiefstand beseitigt.
    Dem chronischen Schmerzpatienten werden die Flausen mit Klangschale, Hustensaft und Elektroakupunktur ausgetrieben.
    Klappt das auch nicht, versuchen wir es mit NLP, Urschrei, astrologische Psychologie, oder theomedizinischem Handauflegen.
    Ein möglicherweise sinnvolles Antidepressivum ersetzen wir mal durch Natrium Chloratum C200, Ritalin durch Ex. can. LM 1000, oder durch die "Heiße Sieben".
    Scheißegal, was man benutzt, irgend ein Placebo-Effekt wird schon die Unfähigkeit des Therapeuten und der Therapie kaschieren.
    Und weil der Placebo-Effekt doch verhältnismäßig zuverlässig auftritt, ist es auch kaum verwunderlich, dass im Bereich der "Psychotherapie" eine effektive Qualitätssicherung kaum durchzusetzten ist; obwohl die Forderung dazu schon seit Jahren von Kritikern der Psychsozene, wie z.B. Colin Goldner, ständig wiederholt wird.

    Zitat Goldner: Ich verlange nicht nur eine Wirksamkeitskontrolle der eingesetzten Verfahren, sondern auch einen Befähigungsnachweis der „Lebenshelfer“ und „Therapeuten“.
    Das Heilpraktikergesetz von 1939 reicht hier nicht aus. Selbsternannte Heiler ohne die geringste therapeutische Kompetenz dürfen nach wie vor mit völlig unbrauchbaren Methoden an teils schwersten Problemen und Störungen herumpfuschen.
    Jeder Automechaniker muß eine dreijährige Lehre absolvieren, um ein
    Auto reparieren zu dürfen, im Bereiche des Gesundheitswesens aber reicht ein Wochenendlehrgang oder ein Fernkursus aus, sie zum „Therapeuten“ zu qualifizieren.

    Zu den Verfahren selbst: Es gibt heute hervorragende Methoden zur Effizienzüberprüfung bzw. zur Abwägung von Risiko und Nutzen einzelner Therapien; die Mehrzahl der auf dem Psychomarkt angebotenen Verfahren hat sich solch wissenschaftlicher Überprüfung nie unterzogen; einschließlich der klassischen Psychoanalyse, für deren behauptete Wirksamkeit bis heute nur eine einzige Studie vorliegt…
    (aus Goldner, Esoterik-Szene“ / Textarchiv TA-1999-1)

    Zu dem schon oben angesprochen gesellschaftlichen Interesse an einer Psychologie, die nicht korrigierende in antisoziale Gestaltungsprozesse eingreift (oder diese zumindest deutlich aufzeigt), sondern nur deren Opfer therapiert, gesellen sich noch die Auswirkungen der New-Age-Denke, deren Anhänger, nach dem Marsch durch die Institutionen, heute auch auf höchster politischer Ebene ihren Kulturkampf weiter kämpfen.

    Wenn "Die Grünen" im Jahre 2009 durch ihre gesundheitspolitische Sprecherin Birgit "Biggi" Bender verkünden lassen, dass sich die Partei weiterhin dafür einsetzen werde, "(…) dass komplementärmedizinische Verfahren ihren Platz ausbauen können.", und dass es dringend notwendig sei, sich von den "Kulturkämpfen zwischen Schul- und Komplementärmedizin zu verabschieden…", dann ist das nicht weniger als die Ankündigung, dass bei politischen Entscheidungen der "Grünen" künftig naturwissenschaftliches Wissen

    – ein Antibiotikum bekämpft die bakteriellen Erreger einer Infektionskrankheit –

    in etwa die gleiche Bedeutung hat, wie das tobende Narrativum im Hirne eines Rudolf Steiner:

    "Als Heilmittel gegen die angstverbreitenden ahrimanischen Mächte wirken die Eisenkräfte im Blut, die sich makrokosmisch in den Meteoritenschwärmen zeigen, die Ende August herunterregnen. Das Eisenphantom des Blutes bewirkt eine Entängstigung. Die Imagination Michaels leuchtet auf, der mit der Kraft, die von seinem Herzen strömt, die Meteoritenschwärme zu eisernen Schwert zusammenschmilzt und damit den ahrimanischen Sulfur-Drachen besiegt."

    – Fortsetzung –

  14. Pianoman
    26. September 2009, 14:15 | #14

    -Fortsetzung –

    Liest man parallel dazu das zutiefst dogmatische Werk einer Marylin Ferguson, entlarvt sich angebliche weltanschauliche Pluralität des "alternativen Denkens" als direkte Umsetzung einer ideologischen Position, die, wegen des ihr innnewohnenden Irrationalismus, kein Interesse an einer Validierung ihrer Verfahren und Prozesse haben kann.

    "Das neue Paradigma, das jetzt in verschiedenen Bereichen auftaucht, ist von einer ganzheitlichen und ökologischen Sicht geprägt. Es umfasst neue Konzepte von Raum, Zeit und Materie aus der subatomaren Physik; die Systembegriffe des Lebens, des Geistes, des Bewusstseins und der Evolution; den entsprechenden ganzheitlichen Zugang zu Gesundheit und Heilen; die Integration westlicher und östlicher Methoden der Psychologie und Psychotherapie; ein neues Konzept für Wirtschaft und Technologie; und eine ökologische und feministische Betrachtungsweise, die letztlich zutiefst spirituell ist."
    [ Zitat aus M. Ferguson, Die sanfte Verschwörung, S.13]

    Es ist eben das nicht zu übersehen, was uns Eramus von Rotterdam mit seiner Adagia erläuterte: „Piscis primum a capite foetet.“
    Und irgendwann kommt der Gammel auch in Hermsdorf an.

    Pianoman

  15. 26. September 2009, 16:31 | #15

    Das wäre ein Gastbeitrag im Blog gewesen, Pianoman 🙂

  16. 26. September 2009, 16:34 | #16

    @Pianoman: Dein Kommentar ist so gut, dass wir ihn gerne als eigenständigen Blogeintrag bringen möchten. Ok?

  17. Pianoman
    26. September 2009, 16:50 | #17

    Ich fühle mich geehrt.

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