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Schweinegrippe reloaded

Ein Gastbeitrag von Godesberg:

Anke Martiny von Transparency International kritisiert in einem DAPD-Interview die Ständige Impfkommission wegen einer zu starken Nähe zur Pharmaindustrie. Sie macht das am aktuellen Beispiel der Impfung gegen die Schweinegrippe fest, die aus ihrer Sicht „im Wesentlichen den Anbietern der Impfstoffe genützt hat“.

http://www.epochtimes.de/articles/2009/12/26/531294.html

Es ist die Aufgabe von Transparency International auf Korruption hinzuweisen und die Äußerungen von Frau Martiny in diesem Interview sind ansonsten auch vernünftig. Dennoch lässt sich an diesem Beispiel ganz gut zeigen, dass es leicht ist als Beobachter Kritik zu üben wenn man selbst nicht verpflichtet ist zu handeln.

Frau Martiny weiter: „Impfen ist ja grundsätzlich vernünftig. Aber man braucht das Vertrauen der Bevölkerung. Wenn man, wie im Fall der Schweinegrippe, eine Sache katastrophenmäßig aufbauscht, die sich hinterher als Papiertiger entpuppt, dann untergräbt man dieses Vertrauen.“

Das sind bemerkenswerte hellseherische Fähigkeiten. Die Hauptgrippezeit kommt erst noch, aber Frau Martiny weiß bereits jetzt, dass sich die Schweinegrippe als Papiertiger erweisen wird. Und von den Wissenschaftlern verlangt sie, dass sie das schon im Frühjahr hätten wissen müssen, als es grade mal ein paar Fälle gab.

Wenn man die Schweinegrippe mit der Spanischen Grippe 1918/19 vergleicht kann man sie als Papiertiger bezeichnen, aber dieser Vergleich ist unsinnig. Er wurde zwar zu Beginn durchaus herangezogen, aber höchstens von den Medien wurde mit einer ähnlich hohen Opferzahl von etlichen Millionen spekuliert. Das ist aber aufgrund der anderen medizinischen Voraussetzungen mehr als unwahrscheinlich.

Frau Martiny hat die Ständige Impfkommission kritisiert. Diese gibt auch die Empfehlungen für die saisonale Grippe heraus, die für gewöhnlich lauten, dass sich Risikogruppen impfen lassen sollten. Das sind in „normalen“ Jahren zum Beispiel ältere Personen. Es ist ein Charakteristikum der Neuen Grippe, dass sie auch, und vor allem, jüngere Menschen betrifft. Dementsprechend wurde auch die Empfehlung in diesem Jahr ausgesprochen. Der neue H1N1-Stamm hat die saisonalen Subtypen derzeit komplett verdrängt (http://www.cdc.gov/h1n1flu/updates/international/map.htm) – ein weiteres Argument dafür die Schweinegrippe nicht mit der Spanischen Grippe zu vergleichen, sondern mit der saisonalen.

Eine objektive Sicht auf den Verlauf der Krankheit ergibt sich aus den harten Daten die zur Verfügung stehen. Diese kommen zum Beispiel von der Arbeitsgemeinschaft Influenza (AGI) beim RKI, vom ECDC und dem amerikanischen Gegenstück, dem CDC.
Dabei sind vier Punkte entscheidend:

1.Erkrankungszahlen
2.Opferzahlen
3.Altersstruktur
4.Chronologie

1.Erkrankungen in Deutschland
Bis Weihnachten sind laut AGI 210.000 Menschen in Deutschland an der Schweinegrippe erkrankt. http://influenza.rki.de/Wochenberichte/2009-51.pdf
Ein Vergleich mit den Vorjahren ist leider nicht direkt möglich, da die Erkrankungszahlen im entsprechenden Wochenbericht nicht angegeben sind – was natürlich eher für geringe Zahlen spricht.
Wenn man aber zum Beispiel die Anzahl der Proben vergleicht die im Labor untersucht wurden ergibt sich ein erstes Bild: bis zur Woche 51 waren es in diesem Jahr 2900 und im letzten Jahr 414. Nun mag das noch an der höheren Aufmerksamkeit liegen, die der Influenza in diesem Jahr entgegengebracht wird. Ein besseres Kriterium ist der Praxisindex als Maß für die Aktivität der akuten Atemwegserkrankungen.

Man erkennt deutlich dass die Aktivität in den KW 41-50 deutlich über der in den Vorjahren lag. An der Schweinegrippe sind bislang viel mehr Leute erkrankt als an der saisonalen Grippe.

2.Opferzahlen in Deutschland
Da die Schweinegrippe seltener Ältere betrifft (s.u.) ist die Sterblichkeit etwas geringer als bei der saisonalen Grippe. Dennoch ergibt eine deutlich höhere Opferzahl bis zu diesem Zeitpunkt des Jahres, da sehr viel Menschen erkrankt sind. Die AGI gibt die Anzahl der an der Schweinegrippe gestorbenen mit 132 bis zum Stichtag 22.12. an. Auch hier sind wieder keine direkten Vergleichszahlen in den Wochenberichten vermerkt. Die „Welt“ berichtet aber erst Mitte Januar 2009 von der ersten Grippetoten der letzten Saison.
(http://www.welt.de/wissenschaft/medizin/article3037172/Erste-Grippe-Tote-in-dieser-Winter-Saison.html)
Falls das eine realistische Meldung ist, stünde es jetzt 132 zu 0 für die Neue Grippe. In jedem Fall sind bis zu diesem Zeitpunkt mehr Menschen an der Schweinegrippe gestorben als in normalen Jahren.

3.Alterstruktur der Erkrankten
Ungewöhnlich an der Schweinegrippe ist, dass junge Menschen besonders stark betroffen sind.
Eine Zahl aus den USA soll das verdeutlichen: bislang sind dort 285 Kinder an der Schweinegrippe verstorben. In anderen Jahren sind es in der gesamten Saison 70 bis 80. (http://www.cdc.gov/h1n1flu/update.htm)
Auch die Zahlen aus Deutschland zeigen diese besondere Verteilung:

4.Ablauf der Epidemie
Die Influenzawelle ist so früh aufgetreten wie nie zuvor. Besonders deutlich wird das wenn man den Praxisindex der letzten Jahre in der KW 47 vergleicht:

In Jahren mit saisonaler Grippe gibt es für gewöhnlich eine erste, schwache Welle zum Ende des Jahres (s. blaue Kurve in Abb.1), der eine stärkere zweite Welle im Februar folgt. Die letzte Saison (grüne Kurve) stellt eine Ausnahme dar, da sich in diesem Jahr beide Wellen überlagert haben.
Ungewiss ist, ob in diesem Jahr ebenfalls eine weitere Welle folgt und ob diese ebenfalls schwerer ausfällt als die erste.

Fazit: Es gibt deutlich mehr Erkrankungen, mehr Todesopfer, einen deutlich früheren Ablauf als bei der saisonalen Grippe und zudem sind die Erkrankten im Schnitt sehr viel jünger als gewöhnlich.

Im Vergleich zur saisonalen Grippe kann man sicher nicht davon reden, dass es sich um einen „Papiertiger“ handelt und insofern ist dann auch die Schlussfolgerung richtig die Impfung zu empfehlen.

In keinem Fall ist es angebracht die Schweinegrippe in der Form zu verharmlosen, wie es Frau Martiny getan hat. Es ist definitiv zu früh eine abschließende Bewertung vorzunehmen. Die erste Welle war zumindest schlimmer als das was wir kennen.

  1. 27. Dezember 2009, 18:51 | #1

    Danke für den Artikel, ich hatte mir auch überlegt was zu Transparency International zu schreiben. Die Kritik ist berechtigt! Vergangenes Jahr waren die Zahle vor Weihnachten definitiv geringer, die erste Grippewelle (der saisonalen Grippe) kam erst im Januar (hier auf Seite 2 unten: http://influenza.rki.de/Woc…). Wie du schon schreibst: Es ist komplett unklar, wie es weitergeht. Vielleicht gibt es eine zweite Welle der Schweinegrippe, vielleicht eine der saisonalen Grippe, vielleicht keine zweite Grippewelle, man weiss es nicht.

  2. Hlodyn
    27. Dezember 2009, 19:21 | #2

    Guter Artikel!
    Wollte noch hinzufügen, dass ich mittlerweile mit einigen Hausärzten gesprochen habe, die wirklich viel impfen. Keiner konnte bis jetzt irgendwelche Nebenwirkungen, bis auf die harmlosen (schmerzen an der Einstichstelle, Rötung etc.) feststellen.
    Dafür aber schon ein paar schwerere Verläufe der Schweinegrippe (Durch Labortests nachgewiesen).
    Ach ja ich hoffe heute kommt hier noch ein lustiger Impfgegnertroll vorbei. Mir ist nämlich langweilig 😛

  3. Godesberg
    27. Dezember 2009, 19:54 | #3

    Bei mir die erste Grafik (Praxisindex) nicht angezeigt. Liegt das an meinem Rechner oder hat sonst jemand das Problem?
    "Ach ja ich hoffe heute kommt hier noch ein lustiger Impfgegnertroll vorbei. Mir ist nämlich langweilig"

    Soll ich mal welche holen? 😉

  4. Hlodyn
    27. Dezember 2009, 20:12 | #4

    Oh ja bitte! Zum Aufwärmen eine "besorgte Mutter" und dann jemand komplett durchgeknalltes wie presonic (deine Diskussionen mit ihr im Standard sind einfach göttlich)…
    Bei mir fehlt der Praxisindex auch, liegt wohl nicht an dir Godesberg

  5. 27. Dezember 2009, 21:07 | #5

    Seht Ihr das Bild jetzt?

  6. Godesberg
    27. Dezember 2009, 21:52 | #6

    nein.

  7. Hlodyn
    27. Dezember 2009, 22:54 | #7

    auch nicht

  8. 27. Dezember 2009, 23:44 | #8

    Solange die Grafik unter Punkt 1 des Beitrags nicht sichtbar ist, er ist auf Seite 2 des Wochenberichts zu finden: http://influenza.rki.de/Woc… .

  9. Skrzypczajk
    28. Dezember 2009, 09:34 | #9

    @Cohen: Ja. bisschen in der Breite gestaucht, macht aber nix.

  10. Godesberg
    28. Dezember 2009, 10:01 | #10

    jetzt gehts!

  11. Oma Wetterwachs
    29. Dezember 2009, 02:31 | #11

    So, hier kommt der Impfgegnertroll …

    Ups, sorry, wenn ich euch jetzt enttäuschen muß: Bin ich natürlich nicht, sondern sogar froh darüber, gegen diverse Seuchen geimpft zu sein und auch sonst von den Segnungen der modernen Medizin profitieren zu können.
    Man muß aber auch nicht den Impfverschwörerungsirren aufgesessen sein, um anzumerken, daß die Schweinegrippe sich bisher vor allem als Konjunkturprogramm für die Pharmaindustrie entpuppt hat.
    Was die Zahlen betrifft (bei denen man sich fragen kann, wie diese zustande kamen; erhöhte Aufmerksamkeit erhöht die gezählten Fälle, das ist aus Kriminalitätsstatistiken bekannt): Auch wenn die derzeitige saisonale Grippe – und als etwas anders würde ich H1N1 nicht bezeichnen – ansteckender sein mag als die "herkömmliche"; ist eine Grippewelle mit vielen Erkrankten, aber wenigen ernsten oder gar tödlichen Verläufen nicht wünschenswerter als eine, an der zwar weniger Leute erkranken, aber mehr sterben?
    Eure Arbeit gegen den herrschenden Irrsinn und für die Aufklärung in Ehren, und wirklich NIX gegen Impfen – aber macht bitte nicht den umgekehrten Fehler, statt dessen die Schweinegrippehysterie zu befördern. Die hat sich in den letzten Monaten nämlich als NOCH ansteckender erwiesen als H1N1.

  12. 29. Dezember 2009, 08:33 | #12

    Hier hat es eine 36jährige Frau innerhalb von Stunden hingerafft:
    http://www.derwesten.de/sta

    Das wäre mit einer Impfung vermeidbar gewesen, so einfach.
    H1N1 ist kein Medienhoax. Das Biest gibt es wirklich.

    Die Formel lautet übrigens "lieber einen Impfstoff ohne Pandemie, als eine Pandemie ohne Impfstoff".

  13. 29. Dezember 2009, 08:41 | #13

    Zitat:
    "Ärzte Zeitung:
    Die aktuelle Impfaktion ist ja die erste Impfaktion nach Inkrafttreten des Pandemieplans. Wie beurteilen Sie den bisherigen Verlauf?

    Löwer:
    Ich denke schon, dass alle Beteiligten, also Behörden, Verbände, Länder und Bund, nach Ende der Pandemie eine Manöverkritik machen sollten. Dass bisher alles optimal gelaufen wäre, wird niemand ernsthaft behaupten wollen. Verbesserungsbedarf sehe ich zum Beispiel bei der Kommunikation: Es kann nicht sein, dass Experten oder selbst ernannte Experten im Wochenrhythmus sich widersprechende Botschaften verbreiten. Es hat sich zum Beispiel kaum ein sogenannter Experte vor einer öffentlichen Stellungnahme beim Paul-Ehrlich-Institut mit Informationen versorgt. Und viele der Stellungnahmen, die abgegeben wurden, zeigen auch, dass es die Betreffenden nicht für nötig gehalten haben, die Bewertungsberichte der EMEA zu lesen, bevor sie sich geäußert haben. Das ist sicher nicht optimal. Auch bei der Impfstoffverteilung gibt es Verbesserungsmöglichkeiten."
    http://bit.ly/4CZkwB

  14. Oma Wetterwachs
    29. Dezember 2009, 19:57 | #14

    @cohen: Ich habe NICHT behauptet, es handele sich um einen Hoax. Im Sinne der allgemeinen Gesundheitsvorsorge wäre es einfach sinnvoller gewesen, wie jedes Jahr nüchtern zu melden: "Neuer Grippetypus im Umlauf. Laßt euch impfen", anstatt diesen Buhei mit von "Bild" prophezeihten Leichenbergen etc. zu veranstalten. Das hat nämlich die Verschwörungsirren erst so richtig in Fahrt gebracht.

  15. 30. Dezember 2009, 10:47 | #15

    Die Behörden haben ihren Tonfall im Vergleich zum Vorjahr ja nicht geändert.
    Es waren die Medien, die das aufgebauscht hatten. Und hinterher beschwerten sich die Medien über eine Panikmache.

  16. Johannes Döh
    25. Januar 2010, 14:39 | #16

    Noch ein (H1N1)Impfgegentroll 🙂
    Ich habe mich nicht impfen lassen, weil ich mich all die Jahre ebenfalls nicht gegen die saisonale Grippe impfen ließ, da ich nicht zu der Risikogruppe gehöre, die in hohem Maß gefährdet ist. Die Tatsache, dass mehrere verschiedene Impfstoffe auf den Markt geworfen wurden und diese auch noch von staatlicher Stelle aufgeteilt wurden (nicht aus medizinischer Sicht) hatte nicht gerade ein Vertrauen in die Systemtatik aufgebaut. Das hat jetzt nichts mit meiner Haltung zu Impfungen generell zu tun, die ich grundsätzlich für sinnvoll halte, sondern lediglich mit der Art und Weise wie die Schweinegrippe in der Öffentlichkeit vermarktet wurde. Nichts anderes war es zuletzt und ist es immer noch. Es wurden schlechte Vereinbarungen mit den Herstellern getroffen und der Staat bleibt auf den Kosten sitzen. In meinem Umfeld haben sich nur wenige Leute impfen lassen, aber diejenigen, die es taten, berichteten fast allesamt von Nebenwirkungen, die nicht hätten schlimmer sein können als hätte ein gesunder Mensch die Grippe durchlebt. Ich betone nochmals, ich rede nicht von Risikogruppen…
    Da mein Umfeld auch zum Teil aus Personen besteht, die in Arztpraxen tätig sind, weiß ich z.B. auch, dass die Informationen über die gesammelten Nebenwirkungen keineswegs repräsentativ sind. Viele Leuten, selbst Ärzte berichteten von Nebenwirkungen auf die Impfung, aber diese Informationen wurden wegen Geringfügigkeit nicht an die entsprechenden Stellen kommuniziert. Auch das genaue Gegenteil zu dieser Sache konnte festgestellt werden. Das sarländische Gesundheitsministerium meldete zu einem bestimmten Zeitpunkt von 2 neuen registrierten Fällen von heftigen Nebenwirkungen auf die Impfung, was sich im Verhältnis sehr gering anhörte. Daraufhin hörte ich aus der Arztpraxis meines Vertrauens wörtlich: "Oh, dann waren das unsere beiden Fälle, die sich über heftige Nebenwirkungen beschwert haben". Die Fehlerquote in der Erfassung von Nebenwirkungen ist so hoch, weil viele Leute nicht nochmals eine Rückmeldung an den Arzt geben und dieser auch nicht unbedingt diese weiter kommuniziert. Statistiken hierüber sind so fehlerhaft, dass man sich die Arbeit auch sparen könnte. Bis hierhin wurde noch nicht die sehr umstrittene Definitionsänderung einer Pandemie bei der WHO in den Sachverhaltung eingebracht, noch dass Angehörige der Pharmaindustrie maßgeblich an der Definitionsänderung beteiligt waren. Rechnet man den bisweilen unerträglichen Medienhype um die Schweinegrippe hinzu, trägt dies alles nicht einem Vertrauensgewinn in die Gesamtsituation bei. Jetzt ist noch abschließend die Anhörung im Europarat von Dr. Wolfgang Wodarg abzuwarten. Die Antworten werden hoffentlich die politischen Fehlleistungen offen legen, medizinisch ist deutlich weniger zu beanstanden.

  17. 26. Januar 2010, 08:26 | #17

    Diese "Definitionsänderung" durch die WHO ist ein Märchen.

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